The Yes Men

This guy’s just a garbage man. There ought to be limits to freedom. Of course I don’t appreciate it — and you wouldn’t either.
(George Walker Bush)

Not amused war der Herr Präsident, als er die Bekanntschaft mit „The Yes Men“ machte. Wobei, Bekanntschaft, wäre zu viel gesagt: Bush kannte die Kerle ja nicht, die für seine gefakte Website (http://www.gwbush.com) verantwortlich waren, auf der er während seines ersten Wahlkampfes im Jahre 2000 allerlei Bosheiten über sich selbst zu lesen bekam.

Schade, dass es diese Seite nicht mehr gibt; aber auch die jüngste Intervention von „The Yes Men“ kann sich sehen lassen: Letzten Mittwoch ließen sie eine täuschend ähnliche Sonderausgabe der New York Times in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplare in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington von tausenden Helfern kostenlos verteilen. Die Ausgabe, datiert mit 4. Juli 2009, „Iraq War ends“ als Headline, nahm Barack Obamas Wahlkampfankündigungen ernst und imaginierte eine Welt ohne Guantánamo und mit Krankenversicherung für alle Amerikaner. Die mediale Intervention, die auch als Website existiert, ging rund um den Globus.

The Yes Men“ sind gewissermaßen digitale Situationisten, die den Herren der digitalen Ökonomie so manchen Streich spielen. Bekannt geworden sind sie im Jahre 1999, als sie die Website der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation – WTO) nachbauten und darauf u.a. die Wiedeinführung der Sklaverei anregten – als wirksamste Strategie zur Bekämpfung der Armut in Afrika. Einige Jahre später im Jahre 2004, am 20. Jahrestag der Giftkatastrophe im indischen Bhopal, gab ein Mitglied des Kollektivs ein Interview für BBC World. Als Sprecher von Dow-Chemical kündigte er an, dass sein Unternehmen die Familien der Opfer der Chemiekatastrophe mit mehr als 12 Milliarden Dollar entschädigen werde. Die Aktionäre von Dow-Chemical schmissen die Nerven weg, der Kurs sackte kurzfristig dramatisch ab.

Im Web und auf Youtube sind weiter Aktionen der „Yes“-Männer dokumentiert.

Ohne mich!

Erfreuliches in finsteren Zeiten: Marcel Reich-Ranicki hat den „Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk“ abgelehnt, eine Auszeichnung, die ihm in einer dieser grottenschlechten Samstagabend-TV-Shows des öffentlich-rechtlichen ZDF hätte verliehen werden sollen. Hier ein Interview mit Reich-Ranicki und hier der Kommentar der darob beglückten Heike Heidenreich („Wunderbar. Danke auf ewig!„).

Rechte kids

Das Wahlergebnis stellt die alte 1968-er Losung „traue Keinem über 30“ auf den Kopf: Die Jungen haben zu rund 28% für die FPÖ und zu etwa 14% für das BZÖ votiert. SPÖ und Grüne hingeben sind Mega-Out: zusammen schaffen sie läppische 30%. Das SORA-Institut ortet im Thema Integration/Zuwanderung das zentrale Motiv für das Wahlverhalten der Youngsters.

Klar, die Lage ist zum Kotzen. Die Vorstellung, dass im Parlament die rechten Dumpfbacken de facto die einzig wahrnehmbare Opposition bilden werden, ist schlicht und einfach unerträglich. Dennoch muss man bei allem Allarmismus mitdenken, dass HC Strache bei den Kids vorwiegend als popkulturelles Phänomen (man beachte die hohen Zugriffszahlen von Strache-Videos auf Youtube) mit Revoluzzer-Chique (StraCHE und Viva HC) reüssieren konnte. Und die FPÖ-Parolen („Asylbetrug heißt Heimatflug“) greifen auch deshalb, weil ihnen der Boden durch die „Partei der Mitte„, wie sich die ÖVP gerne selbst bezeichnet, aufbereitet wurde: Durch die jahrelange Koalition mit den Rechtsextremen und durch einen Wahlkampf, der mit widerlichen Anti-Ausländerparolen bestritten wurde. Jede Frage nach Migration oder Integration wurde von den Spitzenrepräsentanten der Volkspartei mit dem Verweis auf strengere Strafen gegen „Asylmissbrauch“ oder den „Rückgang bei der Zuerkennung von Aysl“ quittiert, und generell das „Integrationsthema“ dem „legitimen Sicherheitsbedürfnis„-Geschwafel unterworfen. Wie hat Robert Menasse so richtig festgestellt:

Objektiv feststellbar und 100-prozentig sicher ist, dass der Schüssel-Kurs für Österreich eine Katastrophe war und in der Fortsetzung eine noch größere Katastrophe geworden wäre. Es wäre jetzt furchtbar gewesen, mit einer durch die Wahlen bestätigten ÖVP in die kommenden Wirtschaftskrisen hineinzugehen. (…) Den Rechtsruck sehe ich weniger dramatisch, weil ich einfach nicht glauben kann und will, dass alle diese Wähler Rechtsextreme sind. Das heißt, man kann diese Wähler mit einer vernünftigen Politik dort auch wieder abholen. Und auf die wird es jetzt in den nächsten Jahren ankommen.

That’s it. Und eine vernünftige Politik wäre eine Politik, die sich um mehr Gerechtigkeit, um mehr sozialen Ausgleich in dieser Gesellschaft bemüht. Wenn jetzt ein neuer „Stil„, eine „bessere Kommunikation“ und das Vermeiden von „Streitereien“ eingemahnt werden, dann ist das zwar koalitionsklimatisch wichtig, aber ein politisches Konzept ist das freilich nicht. Die Wiener Philosophin Elisabeth Nemeth hat das in einem weisen Kommentar im Standard unterstrichen:

Es wäre eine verheerende Fehleinschätzung, wenn man glauben würde, nur der „Stil“ und „die Streitereien“ hätten die Wählerinnen und Wähler genervt. (…) Es geht um viel mehr als um einen anderen „Stil“. Es geht darum, eine andere Politik zu machen als die, die dazu geführt hat, dass das Einkommen eines großen Teils der österreichischen Haushalte seit 1999 stagniert hat. Ist es ein Wunder, dass die Menschen, die merken, dass es für sie immer enger wird, dem Euro die Schuld zuschieben? Und es als Zynismus erleben, wenn ihnen gesagt wird, Österreich sei das Land, das am meisten von der EU-Erweiterung profitiert hat? (…) Die Menschen glauben nicht mehr, dass es an der Logik des Marktes liegt, wenn politische Bedingungen geschaffen werden, unter denen einer kleinen Minderheit immer unvorstellbarere Mengen an Geld zugeschaufelt werden. Und sie werden wütend, wenn im achtreichsten Land der Welt – oder ist Österreich inzwischen noch weiter vorgerückt? – der Staat angeblich kein Geld mehr hat für Bildung, Gesundheit, Umwelt und das Sozialsystem.

Aber genau darin bestand die Politik von Schüssel-Bartenstein-Molterer, eine Politik, die 2006 abgewählt und unter einem SPÖ-Bundeskanzler – mit Abstrichen – weiter geführt wurde, ja, werden musste, weil überall dort, wo die SPÖ versucht hat, Gerechtigkeitsmarkierungen zu setzen, ihr von der ÖVP ein ignorantes „Geht’s Scheißen“ zugerufen wurde.

Das gesamte Beschäftigungswachstum in den letzten 10 Jahren ist auf den Anstieg der Teilzeitbeschäftigung und prekärer Beschäftigungsformen zurückzuführen. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten unter den unselbstständig Beschäftigten hat sich von 1996 bis 2006 von 420.000 auf über 750.000 deutlich erhöht, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist von 14% auf 23% angestiegen (von 28% auf 43% bei den Frauen).“ (Studie des Sozialministeriums, Die Verteilung der Lebenschancen in Österreich)

Viele Menschen, die in „Hire and Fire„-Jobs gefangen sind, fühlen sich durch die Zuwanderung bedroht – und etliche sind es auch. In manchen Lehrberufen und Schulklassen sind „Österreicher“ in der Minderheit. Das kränkt und macht wütend! Was passiert in den Schulen? Symptombehandlungen. Schulen werden mit Unterrichtsbeginn versperrt. Wer verschlafen hat, steht vor verschlossenen Pforten. Nur wenn sich der Schulwart herablässt, darf der Zuspätkommende in den Pausen die Schule betreten. Warum das so ist? Damit keine „schulfremden Elemente“ (gemeint sind damit Schulabbrecher mit Migrationshintergrund, die keine Lehrstelle finden und in den nahegelegenen Parks abhängen) in die Schule kommen. Sie könnten ja etwas klauen oder irgendwas kaputtschlagen. Dass man mit solchen absurden Disziplinarmaßnahmen lediglich die Vorurteile der „inländischen Kids“ bestärkt, die auf negativen Erfahrungen im Umgang mit einzelnen Migranten fußen, ist den Schulbehörden wohl nicht einmal bewusst. Aber, wenn dann die einfachen Parolen der Hetzer verfangen, stöhnen sie alle entsetzt auf. Wenn diese Nicht-Politik weiter betrieben wird und die Kids lediglich als „dumm und rassistisch“ punziert werden, dann kann Strache für die Wiener Wahlen den Champagner schon kühlen.

Das Wahlverhalten ist vor allem Ausdruck einer völlig verfehlten Bildungspolitik (Gehrer!) und einer mutlosen Integrations- und Migrationspolitik. Während die Sozialdemokratie, das Wenige, das sie in diesem Bereich tut, am Liebsten verheimlichen würde, hängen die grünen Gutmenschen einem umgekehrten Rassismus an, indem sie in jedem Migranten völlig undifferenziert eine „Bereicherung“ für die Gesamtgesellschaft sehen wollen, und propagieren mit Multikulti-Festen gegen Rassismus in den Studentenbezirken der Innenstadt selbstgefällig Offenheit und Toleranz, während die Rechten in den Migrantenbezirken der Vorstädte und in den Gemeindebauten ihrer Hetze unwidersprochen nachgehen. Die mutlosen Schweiger und die lächerlichen Toleranz-Clowns treiben den Rechten erst recht die WählerInnen zu.

Mutig hingegen wäre eine Politik, die die Probleme des tagtäglichen Zusammenlebens nicht mit Toleranzgewäsch unter den Tisch kehrt, sondern ernst nimmt. Das heißt aber auch: Mehr Geld in die Hand nehmen, und zwar viel mehr Geld, vor allem für die öffentlichen Bildungseinrichtungen! Geld für die Ausbildung und Anstellung von mehr Pädagogen, von Betreuungs- und Integrationslehrern mit Migrationshintergrund. Geld auch für mehr Polizisten, die braucht es nämlich auch. Auch hier: Möglichst viele mit Migrationshintergrund, weil die Kids der zweiten und dritten Zuwanderergeneration Role-Models brauchen, die ihnen signalisieren: Schaut her, ihr könnt es schaffen! Role-Models zugleich aber auch für die verunsicherten Alten, die sich nicht mehr in die Parks trauen, weil die Migranten-Cops ihnen auch ein reales Bild vom anderen „Ausländer„, vom „Beschützer„-Ausländer, in ihre Angstwelt bringen. (Die Wiener Polizei hat das endlich erkannt, und bildet jetzt Polizisten mit Migrationshintergrund aus! Wann wird endlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner gesellschaftspolitischen Verpflichtung nachkommen, und – so wie in Deutschland ARD und ZDF – ModeratorInnen mit Migrationshintergrund anstellen?) Mutig wäre überdies eine Politik, die gemeinsam mit den diversen Ausländervereinen Strategien entwickelt, wie man das Zusammenleben konfliktfreier gestalten könnte, wie man speziell Frauen in Deutschkurse bringen kann, damit sie wenigstens zeitweilig aus der anatolischen Enge in den Zuwandererbezirken ausbrechen und zugleich die Sprache des Aufnahmelandes erlernen können. …

Wirklich greifen können alle diese Maßnahmen nur dann, wenn zugleich eine Steuerreform durchgeführt wird, die die ärgsten Ungleichheiten im jetztigen System behebt und, man kann ja davon träumen, mit europaweit einmaligen Absurditäten, wie etwa dem 13. und 14. Gehalt, dessen Steuerschonung zu einer extremen Bevorzugung höherer Einkommen beiträgt, aufräumt. Jedenfalls haben angesichts der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise die „Weniger Staat, mehr Privat„-Proponenten, zumindest bis auf weiteres, einmal Pause. Dieses „Window of opportunity“ sollte man nutzen. Nicht nur in Österreich sondern in ganz Europa!

To be fair or not to be fair

Im CLUB 2 zum Thema „Wahlkampf –Image ist alles“ (hier zum Nachsehen) hat der Kommunikationsexperte Dietmar Ecker, Ex-Berater von Franz Vranitzky und ehemaliger Pressesprecher von Finanzminister Ferdinand Lacina, eine äußert interessante Geschichte aus dem Wahlkampf im Jahre 1995 erzählt. Die Volkspartei unter Wolfgang Schüssel hat nach wenigen Monaten die Koalition mit der SPÖ platzen lassen, und konnte sich auf Grund der Wahlprognosen, die von Woche zu Woche für die Vranitzky-SP trostloser wurden, berechtigte Hoffnungen machen, nach Jahrzehnten wieder stimmenstärkste Partei zu werden (Stichwort: Schüssel-Ditz-Kurs). Die SPÖ konnte nur noch auf Vranitzkys TV-Performance vertrauen, die dieser in den Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach unter Beweis gestellt hatte. In der großen Fernsehkonfrontation sollte er durch einen Kraftakt den Einzug Schüssels ins Kanzleramt quasi im letzten Moment noch verhindern.
Doch dann erkrankt Vranitzky an Grippe. Vollgepumpt mit Medikamenten schleppt er sich ins Fernsehstudio. In der einstündigen Diskussion, in der Schüssel unaufhörlich bissige Breitseiten gegen den Kanzler abfeuert, muss sich der fiebernde Vranitzky mehrfach den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn wischen – Szenen vermeintlicher Schwäche, die der ORF-Kameramann den Zusehern live in die Wohnzimmer liefert.
Noch während der Diskussion ist für Ecker klar, dass die Wahlen für die SPÖ verloren sind. Doch dann passiert etwas, mit dem niemand rechnen konnte: Die Telefone im ORF-Kundendienst und in der SP-Parteizentrale laufen heiß, hunderte Anrufer, zumeist Pensionisten, zeigen sich zutiefst empört über die gallige Art, mit der Schüssel den sichtbar kranken Kanzler traktierte.
Daraufhin konzipierte Ecker den berühmt gewordenen „Pensionistenbrief„, der eine Woche vor dem Wahltag an alle Haushalte verschickt wurde. Am 17. Dezember 1995 feiert die SPÖ einen eindeutigen Wahlsieg, kann um 4% zulegen und den Abstand zur Volkspartei auf über 10% vergrößern.

Ein feines Beispiel dafür, dass Wahlen mitunter aus ganz anderen Motiven gewonnen oder verloren werden, als wir gemeinhin annehmen.

Wahlhilfe

Soll zur Armutsbekämpfung in Österreich Vermögen höher besteuert werden?
Sollen straffällige Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft unabhängig von ihrer bisherigen Aufenthaltsdauer abgeschoben werden?
Soll in Österreich die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen (Gesamtschule) eingeführt werden?
Soll Kunst, die gesellschaftlich polarisiert, mit staatlichen Mitteln gefördert werden?

Vier von insgesamt 26 Fragen, die sich auf der Wahlkabine.at finden und die mit Ja/Nein/Keine Angabe beantworten werden können. Zugleich kann man auch angeben, welchen Stellenwert man dem jeweiligen Thema beimisst. In Form eines automatisierten Verfahrens werden sodann die gegebenen Antworten mit den Standpunkten der Parteien (SPÖ, ÖVP, Grüne, FPÖ, BZÖ, LIF, KPÖ) verglichen, wobei auch die Bedeutung des Themas für diese Parteien berücksichtigt wird. Das Ergebnis zeigt somit nicht nur den Grad der Übereinstimmung mit einer Parteilinie, sondern auch die Distanz zu den jeweils anderen.

Ein interessantes Spiel, dessen Detailergebnisse für Überraschung sorgen können. Wer dann noch nicht genug vom politischen Fragespiel hat, kann sich auch den 25 Fragen der Politikkabine.at stellen.

Bildstörung

Zu Sylvester 1986 hat die ARD kurz nach der Tagesschau die Neujahrsansprache des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl ausgestrahlt – allerdings die falsche. Ein Studiotechniker hat nicht das Band mit der zwei Tage zuvor aufgenommenen Aufzeichnung, sondern jenes mit der Rede des Vorjahres über den Äther geschickt. Als Kohl den lieben Mitbürgern ein „friedvolles 1986“ wünschte, brach ein Sturm der Entrüstung los, auch Kohl zeigte sich „empört“ und andere CDU-ler witterten Sabotage sozialdemokratisch gesinnter Fernsehmacher.

Hans Magnus Enzensberger hat diese köstliche Fernsehpanne in einem kurz danach geführten Spiegel-Interview wie folgt kommentiert:

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein kleines Denkmal für den unbekannten Techniker errichten, der die Kassette mit der Neujahrsansprache des Herrn Bundeskanzlers vertauscht oder verwechselt hat. Ich glaube nicht an die diversen Verschwörungstheorien. Die wahre Erklärung ist viel interessanter.
Stellen Sie sich einen Metteur bei der Londoner „Times“ im Zeitalter der Queen Victoria vor. Ausgeschlossen, dass dieser Mann eine Rede der Königin vertauscht hätte. Er wäre von der Wichtigkeit der Sache völlig durchdrungen gewesen und hätte den Bleisatz ehrfürchtig gehütet.
Unserm Techniker dagegen flüsterte sein Unbewusstes etwas ganz anderes ein: Was auf dieser blöden Kassette drauf ist, das ist doch gehüpft wie gesprungen. Mit dieser Einsicht steht er nicht allein da. Er hat in diesem Augenblick als Vertreter einer Gesellschaft gehandelt, die genauso denkt wie er.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich gelesen habe, dass sich in der offiziellen Pressemappe der US-Delegation für den G8-Gipfel in Japan, die für ausländische Journalisten produziert wurde, eine ungeschminkte Biografie von Silvio Berlusconi befand, in der der italienische Regierungschef unter anderem als „einer der umstrittensten politischen Führer eines für Korruption und Lasterhaftigkeit bekannten Landes“ und als Geschäftsmann „der von vielen als politischer Dilettant betrachtet wurde und der sein wichtiges Amt nur dank seines beträchtlichen Einflusses auf die Medien erlangt hat„, charakterisiert wurde. Die US-Regierung hat sich mittlerweile für den „unglücklichen Fehler“ entschuldigt. Ein Mitarbeiter des Press Office des Weißen Hauses habe die Passagen der Encyclopedia of World Biography entnommen, heißt es.

Stop making sense

Endlich ein Kommentar zu den Verbrechen der letzten Wochen, die sich in Österreich zugetragen haben, der sich gänzlich der Suche nach Erklärungen verweigert. Er stammt vom deutschen Krimikritiker Thomas Wörtche und er endet mit folgenden klugen Sätzen:

Darüber hinaus kann es keinen Sinn und keine sinnvolle Exegese kontingenter Extremereignisse geben. Österreich oder die Schweiz, Deutschland oder die USA – Gewalt und Verbrechen sind nun einmal ubiquitär, treten überall auf, ihre Manifestationen und ihre Mittel sind die, die gerade zur Hand sind. Schusswaffen in den USA, Keller in netten Kleinstädten, Tiefkühltruhen in Haushalten. Und mehr lässt sich nicht sagen, denn ansonsten stört schon wieder der nächste Axtmörder.

Das Verbrechen von Amstetten eignet sich für nichts: Weder zur Beschwörung nationalistischer Schulterschlussaktionen („Wir werden das Ansehen unseres Landes verteidigen! … Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können!“ O-Ton Kanzler Gusenbauer bei der 1. Mai-Feier der SPÖ am Wiener Rathaus) noch für verkürzte Erklärungen, wonach sich darin das Nachleben des Nationalsozialismus zeige.

Man kann nur, ganz pragmatisch, dafür eintreten, dass den Opfern ein halbwegs erträgliches Dasein danach ermöglicht wird: In einem anderen Land mit anderer Identität – und ohne Medien.

Privatisierung des Krieges

Die Website Blackwater Watch dokumentiert die Privatisierung des Krieges anhand des wohl größten Profiteurs der Auslagerung des staatlichen Gewaltmonopols, anhand des weltweit agierenden privaten Sicherheitsunternehmens Blackwater. Gegründet im Jahre 1996 von Eric Prince, Erbmillionär, christlich-religiöser Fundamentalist (Mitglied im Direktorium der Christian Freedom International) mit bester Connection zur Bush-Administration (Praktikum im Weißen Haus beim Vater Bush), begann der rapide Aufstieg des Unternehmens nach 9/11 und vor allem nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad. Ohne diese „dedicated family of exceptional employees„, wie die Truppe ehemaliger Elitesoldaten aus aller Welt auf der Firmen-Website euphemistisch genannt wird, könnte der Irak-Krieg längst nicht mehr bestritten werden.

Nun gibt es Söldner, seit es Kriege gibt – also schon immer. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht allerdings darin, dass demokratische Staaten ohne Söldnertrupps de facto keine Kriege mehr führen könnten – der Druck der Öffentlichkeit steigt mit jedem toten Soldaten, der aus den Kriegsgebieten heimgeholt und mit militärischen Ehren beerdigt werden muss (siehe Vietnam-Krieg). Private Sicherheitsdienste, die außerhalb des Völkerrechts agieren, anzuheuern, ist somit eine elegante und effiziente Strategie, um einer demokratischen Kontrolle zu entgehen.
Jeremy Scahill, Journalist beim US-Magazin The Nation und Autor des BuchesBlackwater – Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt, das soeben auf Deutsch erschienen ist, fasst diesen Sachverhalt in einem Interview in der TAZ wie folgt zusammen:

Mit Blackwater verfügt die Bush-Regierung über eine Schattenarmee mit 25.000 jederzeit einsetzbaren Söldnern, den Gerätschaften einer regulären Brigade und einer eigenen Luftflotte. Tote oder verletzte Söldner tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf. Das mindert die Proteste gegen den Irakkrieg. Der Einsatz von Blackwater und anderen Söldnern verschleiert, wie viele US-Amerikaner wirklich im Irak sind.

Wie verfahren die Lage längst ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1996: Zwei Jahre nach dem Genozid an den Tutsi in Ruanda wusste die UNO von einer weiteren Vertreibung. Da sich die große Mehrheit der UNO-Staaten weigerte, eigene Soldaten in die Region zu entsenden, ließen die Vereinten Nationen prüfen, inwieweit private Unternehmen mit der Sicherung der Flüchtlinge beauftragt werden könnten.

Die südafrikanische Firma Executive Outcomes, die sich aus Spezialkämpfern der alten Apartheidarmee rekrutierte und bereits in Angola und Sierra Leone von Kriegsparteien mit Kampfaufträgen betraut worden war, bot an, in Ruanda sichere Inseln für Flüchtlinge zu schaffen. Innerhalb von 14 Tagen, so das Firmenangebot, könnte sie Soldaten in Ruanda stationieren und binnen sechs Wochen ein Kontingent von 1.500 Soldaten einsetzen. Kostenpunkt: 600.000 US-Dollar pro Tag und damit deutlich billiger als die meisten UNO-Blauhelmmissionen.“ (hier der ganze Artikel)

Kofi Annan, der zu dieser Zeit für UN-Friedenseinsätze verantwortlich zeichnete, bekam keine Zustimmung für diese Pläne – die Privatisierung des Frieden war nicht durchzusetzen.

NachRichten

Für das diesjährige Gedenkjahr (1918 / 1938) haben sich Historiker und ein britischer Herausgeber ein spannendes Projekt ausgedacht: Den Nachdruck von Zeitungen und Originaldokumenten aus der Zeit von 1938 bis 1945, Nazi-Blätter, Auslandspresse und Exilzeitungen, samt Hintergrundinformationen von renommierten Zeithistorikern. Insgesamt sollen 52 Ausgaben erscheinen, jede Woche eine, und die erste Nummer ist am 15. Jänner im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt worden. Erwerben kann man die NachRichten in Trafiken oder im Abonnement über die Website.

Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe steht der „Anschluss„, also die Ereignisse vom 11. bis zum 15. März 1938, als die deutsche Wehrmacht die österreichischen Grenzen überschritt, die Regierung Schuschnigg zurücktrat, Pogrome gegen Juden stattfanden und die politischen und medialen Institutionen des Landes von Nationalsozialisten übernommen wurden. Ein Reprint der Ausgabe der „Prager Presse“ und des in Wien erschienenen „Das kleine Blatt“ vom 13. März sind dieser ersten Ausgabe der NachRichten ebenso beigelegt wie ein Faksimile des Plakates mit dem Aufruf der Schuschnigg-Regierung für die für den 13. März angekündigte und durch den Einmarsch der deutschen Truppen verhinderte „Volksbefragung„.

Auf der letzten Seite der 1. Ausgabe der NachRichten heben Karl Blecha, Barbara Prammer, Erwin Steinhauer, Ariel Muzicant u. a. die Bedeutung des „Wissens um die Vergangenheit“ hervor, einzig Thaddäus Teddy Podgorsky, der ehemalige ORF Generalintendant, der auch dem ORF-Fernsehwerbespot für das Projekt seine Stimme leiht, verzichtet auf Bedeutungsprosa, indem er die NachRichten wie folgt kommentiert:
Dieses Projekt wird uns eindringlich vor Augen führen, dass die Medien grundsätzlich auf der Seite des „Stärkeren“ stehen. Dazu bedarf es nicht des Terrors einer Diktatur; heute sorgen das internationale Kapital und das Fernsehen für denselben Effekt. Die Drangsalierten haben keine Stimme.

Man fragt sich, was das krude Verschwörungsgefasel vom „internationalen Kapital“ und in dieser Allgemeinheit vorgetragene und somit völlig belanglose Hiebe auf das „Fernsehen“ in diesem Kontext verloren haben? Podgorski müsste wissen, dass sämtliche Zeitungsredaktionen und auch die RAWAG unmittelbar noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März von Nationalsozialisten besetzt wurden. Dass in Folge alle Journalisten, die dem nationalsozialistischem Regime aus „rassischen“ oder politischen Gründen nicht in den Kram gepasst haben, verhaftet, gefoltert, umgebracht oder vertrieben wurden. Und falls er es nicht wissen sollte, dann kann er es in der 1. Ausgabe der NachRichten im von Fritz Hausjell verfassten Artikel nachlesen.

Podgorskis‘ Polemik erinnert stark an Noam Chomsky und dessen Thesen, die er etwa in Manipulierter Konsens. Die politische Ökonomie der Massenmedien (1988) erläutert hat. Darin, aber auch in vielen anderen Äußerungen, Interviews und Kommentaren, setzt sich Chomsky insbesondere mit den US-amerikanischen „Elitemedien“, wie etwa der New York Times oder CNN, auseinander. Diese „Elitemedien“, die im Eigentum von Großkonzernen stehen und über Werbung einen Großteil ihrer Einkünfte über (andere) Großkonzerne erhalten, würden unliebsame Nachrichten und Berichte durch gelenkte Kampagnen zu unterdrücken versuchen. Vor allem aber hätten diese Großmedien die Themenführerschaft, das Agenda setting, für alle anderen Medien, was sich insbesondere in Krisenzeiten – Irakkrieg, „Krieg gegen den Terror“ – nachweisen lasse.

Chomskys‘ Thesen über die „Elitemedien“ sind trotz aller Überzeichnung, und unabhängig davon, dass etliche seiner politischen Kommentare, etwa zum Nahost-Konflikt, höchst problematisch sind, vor allem deshalb diskussionswürdig, weil sie vom Wissen getragen sind, dass jedwede öffentliche Kommunikation, also auch jene, die den Macht- und Herrschaftsapparaten etwas entgegensetzen will, nur über mediale Plattformen möglich ist. Und es gibt eben nicht – wie das Podgorski unterstellt – „die Medien“ und „das Fernsehen“, sondern viele mediale Plattformen, deren ökonomische und politische Interessen sich nicht einfach über einen Kamm scheren lassen.

Außerdem, auch das sollte nicht vergessen werden, gilt es höchst heterogene Rezeptionshaltungen bei den „Drangsalierten“ zu bedenken: Man kann das Fernsehgerät nämlich auch als „buddhistische Nirwanamaschine“ (Hans Magnus Enzensberger) verwenden. Mit anderen Worten: Man sollte das Podgorski-Statement lesen – und gleich wieder vergessen.