Über die Verringerung der Grausamkeit

Albert Camus fotografiert von Henri Cartier-Bresson

Anfang 1940, mitten im Krieg, beginnt Albert Camus mit der Arbeit an seinem 1947 veröffentlichten Weltroman Die Pest. In der algerischen Stadt Oran krepieren zunächst massenhaft Ratten, und schon bald weisen die ersten Menschen Symptome auf, die auf den Pestbazillus hindeuten, übertragen von den Flöhen der Ratten. Der Arzt Bernard Rieux fordert die Behörden auf, rasch Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Seuche zu ergreifen; die Bürokraten werden aber viel zu spät aktiv – das Sterben hat längst begonnen. Die Stadt wird abgeriegelt, keiner kann rein, keiner kann raus – Ausnahmezustand. Der Priester Paneloux nimmt die Krankheit als Strafe seines Gottes an, aber im Angesicht des Todeskampfes eines kleinen Jungen – der erschütterndsten Passage des Romans – geht er in die Knie und ruft »Mein Gott, rette dieses Kind!«. Seine Klage bleibt ungehört, und der Priester rettet seinen Glauben, im Vertrauen auf die Gnade, die es ihm erlaubt, »zu lieben, was wir nicht verstehen können.« Diese Idee der Unterwerfung unter einen grausamen Willen kann und will der Arzt nicht gelten lassen: »Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden. (…) Da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es für Gott vielleicht besser, dass man nicht an ihn glaubt und mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu diesem Himmel zu erheben, in dem er schweigt.« Auch wenn Rieux in der Pest »eine Niederlage ohne Ende« sieht, muss er weiter machen, aus Mitgefühl.

»Leben heißt Handeln.« Diesen Satz schrieb Camus in einem seiner philosophischen Essays. Ein Satz, der gewissermaßen als Motto über seinem gesamten Werk stehen könnte. Man kann Die Pest als Allegorie auf die »braune Pest« lesen, also auf die Nazis, und, ganz generell, auf alle Formen totalitärer Regime. Als atheistischer »Existenzialist«, der später von dieser Zuschreibung gar nicht mehr so viel wissen wollte, blieb Camus, der den Begriff »des Absurden« geprägt hat, gegen jedwede Form politischer Heilslehren zeitlebens immun – ganz im Unterschied zu Jean-Paul Sartre –, weil er wusste, dass diese in der Barbarei enden. Gerade weil wir ungefragt in eine Welt kommen, deren einzige Gewissheit darin besteht, dass wir sterben müssen, folgerte Camus, dürften wir keine Zeit verlieren, nicht sinnlos in einer absurden Welt nach Sinn suchen oder uns in Hoffnungen flüchten, sondern wir müssten im Hier und Jetzt leben, in der radikalen Gegenwart, und die Verantwortung eines solchen Lebensentwurfes könne einzig im ganz konkreten Tun für andere liegen. Liebe und Solidarität sind die Zauberwörter, und es kann nur um die Vermeidung bzw. Linderung von Leid und Schmerz gehen – und es wird keine ewigen Siege für uns geben.

Kürzlich bin ich auf ein Interview in der NZZ gestoßen, in dem die Philosophin Mary Rorty den Kern des Denkens ihres Mannes, des Philosophen Richard Rorty, mit folgenden Sätzen umreißt, Sätze, die, wie ich meine, auch auf Albert Camus zutreffen:

»Für meinen Mann war die Reduktion der Grausamkeit das höchste Ziel seines philosophischen Engagements. Es ging ihm nicht um irgendwelche subjektiven oder objektiven Wahrheiten als solche, denn die Frage war für ihn immer, was in einer bestimmten Situation geboten ist. Richard war kein Metaphysiker, sondern ein praktischer Philosoph. In dieser Sicht ist das, was die Grausamkeit verringert, stets besser als das, was die Grausamkeit aufrechterhält oder gar erhöht – das ist ein verlässliches Kriterium.«

Gelassen bleiben

Beim Stöbern in alten Unterlagen fand ich einen Zettel, auf den ich u.a. folgenden Satz notiert hatte: »Turrini sagt, bei Im Gespräch bei Huemer, ihm sei die Welt abhandengekommen (Februar 1993)«.

Da ich null Erinnerung an dieses Gespräch hatte, recherchierte ich im Netz und bin auf der Website der Österreichischen Mediathek fündig geworden. Es fand im Rahmen der Ö1-Sendereihe Im Gespräch statt, kurz nach der Uraufführung von Peter Turrinis Stück Alpenglühen am Burgtheater in der Inszenierung von Claus Peymann. Der Autor schildert sehr eindringlich, dass er sich angesichts der »Widergabe der Realität in den Medien« zunehmend außerstande sehe, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. In diesem Sinne, aber auch, wie er eingestand, angesichts des Verlustes an politischen Konzepten infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus, sei ihm »die Welt abhandengekommen«. Er erzählt vom Aufwachsen in einer »bildlosen Welt«. Um begreifen zu können, was um ihn herum vorging, musste er sich selbst Bilder ausdenken, weil es – außer den Nazibildern – keine Bilder gab, weder politische, noch aufklärerische, noch soziologische Bilder. »Um mich herum war nur Schweigen.« Als er in einem Wirtshaus die Erstausstrahlung des Der Herr Karl von Qualtinger/Merz sehen konnte, habe das zu seiner Politisierung beigetragen. Auch an Bilder aus dem Vietnamkrieg könne er sich noch ganz genau erinnern. Jetzt sei das völlig anders: Er könne Bilder aus dem Jugoslawienkrieg nicht mehr sehen, weil er weder als politischer Mensch, noch als Konsument darauf adäquat reagieren könne, löse sich in dieser Bilderflut doch alles auf und verkomme jedwede kritische Äußerung auf einen Impuls. »Welche Wirkung hat es noch, wenn die kritische Aussage zwischen Fischstäbchen, jugoslawischen Leichen und Tschibo-Kaffee eingebettet wird«.

Peter Huemer erinnert Turrinis Kritik an der Fernsehbilderüberflutung an Günther Anders‚ These von der Welt als Phantom und Matrize, die dieser in seinem Werk Die Antiquiertheit des Menschen (1961) explizit am Fernsehen zu erläutern versuchte. Das Fernsehen, so Anders, produziere eine Welt, die weder die Realität widerspiegle noch das Abbild davon (Phantom). Vielmehr schaffe es ein Pseudo-Abbild, das zu einer neuen Wirklichkeit (Matrize) werde, die zwischen Sein und Schein liege, wodurch die Menschen nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden könnten. Huemer versucht Anders/Turrini zu entkräften mit dem Verweis auf den Club 2 der späten 1970-er Jahre bzw. auf dessen Gestalter, die zu jener Zeit vom kritisch-aufklärerischen Potential dieser Sendung völlig überzeugt waren. Später mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass sie sich getäuscht haben. Der Trugschluss rührte daher, dass das Publikum in seiner Mehrheit darin immer nur den Unterhaltungsaspekt gesehen habe, wäre es nicht so, gäbe es auch nicht so viele Talkshow-Formate bei den Privatsendern.

Das Gespräch fand, wie erwähnt, vor über 25 Jahren statt, zu einer Zeit, in der in Österreich noch der ORF als Monopolist agierte, in nur sehr wenigen Kabel- oder Satelliten-Haushalten einige deutsche Privatfernsehkanäle zu empfangen waren und das Internet lediglich eine Sache für Nerds war, um einen Begriff zu verwenden, den es damals noch gar nicht gab.

25 Jahre danach sieht Bernhard Pörksen in der digitalen Medienwelt Die große Gereiztheit. Der deutsche Medienforscher beschreibt darin anhand konkreter Beispiele, dass große Bevölkerungsteile von Dauererregung, Hysterie oder Paranoia erfasst werden, die zu Orientierungslosigkeit führe, weil viele Menschen im Lichte der ungeheuren Flut an sinnentleerten Informationen, Nachrichten und der Gleichrangigkeit von Meinungen und Wahrnehmungen, nicht mehr wüssten, wem und was sie noch glauben können. Sein Lösungsmodell für den Umgang mit der medialen Kakophonie ist die »redaktionelle Gesellschaft«, in der der Einzelne gleichsam zum investigativen Journalisten, Medienerziehung als eigenes Unterrichtsfach etabliert und die Social Media Plattformen transparenter werden sollten.

Nun ja, ich gestehe, ich verweigere mich der Welt der Social Media, soweit das eben geht – ich kann darin nur die »Tyrannei der Intimität« erkennen, um den amerikanischen Soziologen Richard Sennett zu zitieren, der mit diesen Worten den Einbruch des Privaten in die öffentliche Sphäre bereits in den 1970-er Jahren beschrieben hat –, bleibe medialen Hervorbringungen gegenüber skeptisch und orientiere mich ansonsten eher an der großen Gelassenheit, wie sie etwa der deutsche Publizist und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem brillanten Essay, Das digitale Evangelium, auf Spiegel Online am 10. Jänner 2000 veröffentlicht, zum Ausdruck bringt. Er nimmt darin die diversen Digitalisierungsprophezeiungen jener Zeit – Freunde des Kaffeesudlesens konnten sich an einem reichlichen Buffet aus Weltuntergangsszenarien und Erlösungsphantasien bedienen – und auch eigene medientheoretische Überlegungen der letzten Jahrzehnte selbstironisch aufs Korn. Der Essay läuft auf den letztlich beruhigenden Schlussakkord hinaus, der auch als Antwort auf alle Mediendystopien zu verstehen ist:

»Die Fähigkeit, eine Pfeife vom Bild einer Pfeife zu unterscheiden, ist weit verbreitet. Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.«

P.S. Noch eine hübsche Geschichte aus dem hörenswerten Gespräch zwischen Turrini und Huemer: Turrini spricht über sein Frauenbild, das er als »zutiefst katholisch ruiniert« bezeichnet. Er erzählt, dass die ersten Frauenerfahrungen für Buben am Land sehr häufig im Rahmen der Messe stattfanden, wo auch Klosterschülerinnen waren. Während von oben, von der Kanzel herab, der Priester von Gott sprach, schlichen unten die Ministranten, er war einer von ihnen, zwischen den Bänken umher, um »das Weibliche« zu riechen. Seither, so Turrini, »ist der Fudgeruch und der Weihrauchgeruch für mich auf das Herrlichste miteinander verbunden.«


Maschinentheater oder der Holzhammer im Theater

»Ich, Sohn des Zeus, Dionysos, einst von Semele empfangen,
Kadmos‘ Tochter, deren Schoß der Strahl des Blitzes löste,
komme her ins Theberland …«

Der griechische Gott Dionysos (bei den Römern hieß er Bacchus) kehrt in Menschengestalt in seinen Geburtsort Theben zurück, um sich an seiner Verwandtschaft zu rächen, weil diese Zweifel an seiner Göttlichkeit gesät hatten. Er und seine Anhänger, die Bakchen, zerstören zunächst den Königspalast und morden alsdann den jungen König.

Soweit, in aller Kürze, der Plot von Euripides‘ Die Bakchen, etwa 400 v.Chr. geschrieben.

Dionysos gilt in der griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Dionysos steht für das Rauschhafte, für die Triebe, für all das, was wir Menschen immer schon faszinierend und bedrohlich zugleich empfinden, er ist folglich Erlöser und Monster zugleich.

Die Nazis haben in ihrem »Willen zur Macht« das »Dionysische« in Stellung gebracht gegen alles, was sie verabscheut haben und aus der Welt schaffen wollten – unter Plünderung des oft widersprüchlichen Schrifttums Friedrich Nietzsches, der etwa in seinem frühen Werk, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, dem rauschhaft-vitalen »Dionysischen« gegenüber dem ästhetisch-meditativen »Apollinischen« den Vorzug gegeben hat.

Eine gewaltige Hydraulikmaschine, die sich in den folgenden zwei Stunden bis zur Pause der Stück-Inszenierung von Ulrich Rasche langsam drehen und rauf und runtergehen wird, füllt die Bühne des Burgtheaters beinahe zur Gänze aus. Auf dieser Maschine, genauer, auf mehreren Laufbändern, schreiten die mit Headsets ausgestatteten Protagonisten gegen die Laufrichtung der Bänder an. Unablässig schreiten sie im immer gleichen Rhythmus, dabei Wörter abgehackt skandierend, Parolen brüllend (»Wir holen uns unser Land zurück«), und da dieses Brüllen gegen permanente Paukenschläge und Geigen Gefiedel anzukämpfen hat, ist mein Versuch, den Text zu verstehen, ein sinnloses Unterfangen. Aber das ist bei dieser Inszenierung ohnehin völlig egal. Denn nach wenigen Minuten, also nach dem Eingangsmonolog des Dionysos, dargebracht von Franz Pätzold, dem aus München mitgereisten Kušej-Starschauspieler, dessen Stimme sich in meinem Hirn sofort festgesetzt hat, den Auftritten seines Widerparts, des Königs von Theben, und der Bakchen, einer kriegerischen 19-köpfigen Chortruppe, ist völlig klar, was der Regisseur dem Publikum sagen will: Seht her, so sind die Rechtsextremen, alles niederbrüllend, gewalttätig und monströs-gefährlich, so sind sie, die Bewegungsführer von Pegida, AfD, FPÖ, Identitären etc. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis!

Rasche mache »Maschinentheater«, wie es heißt, er synchronisiere Sprache, Bewegung und Musik und unterwerfe alles einem Rhythmus. Rasche macht Theater mit dem Holzhammer. Wir haben nach der Pause die Flucht ergriffen.

Die Wahrheit einer falschen Welt

»Was ist der Preis der Lüge? Das wir die Lüge für die Wahrheit halten könnten? Die eigentliche Gefahr ist doch die: Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr! (…) Die da oben glauben, eine gerechte Welt sei eine heile Welt.«

Noch wissen wir nicht, wer der Mann ist, der auf einem Stuhl in einer Küche sitzt, eine Zigarette raucht und diese Sätze in ein Tonbandgerät spricht, sodann die Bänder in Zeitungspapier hüllt und anschließend im Innenhof der Wohnhausanlage hinter einem kleinen Fenster versteckt. Wieder in der Wohnung zurück zündet er sich abermals eine Zigarette an, unser Blick fällt auf ein Taschentuch mit Blutsputum und auf eine Katze. Dann ein kurzer Ruck. Der Mann hat sich erhängt.

Mit dieser Szene beginnt die amerikanisch-britische HBO-Miniserie Chernobyl – fünf Teile, jeweils rund eine Stunde lang –, die im Mai/Juni 2019 von Sky Atlantic im deutschsprachigen Raum erstmals ausgestrahlt wurde, und die ich nun, dank C., der mir die Files zukommen ließ, sehen konnte.

Bald erfahren wir, dass es sich bei dem Mann um den Chemiker Waleri Legassow handelt, der sich am 26. April 1988 das Leben nahm, also auf den Tag genau zwei Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 der Kernkraftanlage in Tschernobyl. Am Unfalltag wurde er zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR, Boris Schtscherbina, von Generalsekretär Michail Gorbatschow von Moskau nach Tschernoyl beordert, um die Sicherungsmaßnahmen vor Ort zu koordinieren. Später fungierte er als Leiter eines Komitees, das die Ursachen der Katastrophe untersuchen sollte.

Ein Test, der beweisen sollte, dass auch bei vollständigem Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors noch genügend Energie intern produziert werden könnte, um die Kühlsysteme weiterhin am Laufen zu halten, geriet zum Desaster. Die durch die Explosion in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl, und in vielen angrenzenden Ländern kam es zu einer erheblichen Strahlenbelastung. Nach der Katastrophe begannen sogenannte »Liquidatoren« mit der Dekontamination vor Ort, und um den offenen Reaktorkern, aus dem kontinuierlich Radioaktivität austrat, wurde bis November 1986 ein aus Stahlbeton bestehender provisorischer Schutzmantel gezogen, ein »Sarkophag«.

Legassows Untersuchungskomitee sollte später feststellen, dass zum einen Angestellte des Kraftwerks gravierend gegen Sicherheitsauflagen verstoßen haben – in einem Prozess wurde der für den Test verantwortliche Schichtleiter, Anatoly Dyatlov, wegen »kriminellen Missmanagements« zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, nach fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassen (1995 erlag er den Folgen eines Herzinfarktes); und zum anderen, dass der in Tschernobyl verwendete Kernreaktortyp für diese Simulation ungeeignet war. So wusste der Geheimdienst seit rund 10 Jahren, dass das Auslösen der Stopptaste zwangsläufig zur Explosion führen musste, ein Wissen, das aber unter Verschluss gehalten wurde. Gemäß KGB-Vorgaben durfte Legassow in seinem Bericht vor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien darüber kein Wort verlieren. Einzig Dyatlov und die ihm unterstellten Mitarbeiter, die kurz nach der Explosion infolge der Verstrahlung verstorben sind, wurden der offiziellen Sprachregelung zur Folge als für den Unfall Verantwortliche ausgegeben. Dyatlov hat 1991, nach dem Ende der Sowjetunion, in einem Artikel die technischen Implikationen, die zur Katastrophe führten, offengelegt.

Erinnerungen können bekanntlich trügerisch sein: Ich dachte, der damalige SPÖ-Gesundheitsminister Franz Kreutzer hätte den 1. Mai-Aufmarsch in Wien behördlich verboten. Jetzt habe ich nachgelesen, dass er vor »Panik« gewarnt hat und wenig später für die Nichtabsage kritisiert wurde. Die radioaktive Wolke, die zunächst über Skandinavien – die Schweden waren die ersten, die Alarm schlugen – und dann südwärts zog, erreichte Österreich rund 80 Stunden nach der Explosion. Ich weiß, dass wir in den Tagen danach, als eine erhöhte Belastung von Cäsium-137 und Jod gemessen wurde, den amtlichen Empfehlungen, längere Aufenthalte im Freien zu meiden und die Fenster geschlossen zu halten, nachgekommen sind. Nach wie vor, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, werden auch hierzulande erhöhte Werte an Cäsium-137 und Jod vor allem in Eierschwammerl und Wild nachgewiesen.

Ich kann mich auch an TV-Bilder von der Evakuierung der in der Nähe von Tschernobyl gelegenen Stadt Prypjat erinnern, wenngleich ich diese erst viel später gesehen habe. Die eigens für die Arbeiter des Kernkraftwerks und deren Familien errichtete Stadt wurde 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert. Mit etwa 1 200 Bussen sind die rund 80 000 Bewohner innerhalb von zweieinhalb Stunden weggebracht worden. Günstige Windverhältnisse verhinderten das Schlimmste: die stärkste Kontaminierung der Stadt durch radioaktive Niederschläge fand glücklicherweise erst in den Tagen nach der Evakuierung statt. Die Region rund um Prypjat ist bis heute eine vom Militär gesicherte Sperrzone, die seit 2011 für »Touristen« geöffnet ist. Wikipedia entnehme ich, dass auf Grund der HBO-Serie die Besuche in der Region um 30-40% zugenommen haben. Wir leben in einer Welt, in der alles verwertet wird.

Michail Gorbatschow hat angeblich einmal gesagt, im Grunde hätte Tschernobyl das Ende der Sowjetunion besiegelt. Der Film zeigt ein paranoides Machtsystem, basierend auf Kontrolle und Repression, eine Angstglocke, unter der die Beschönigung, Vertuschung und Lüge zum Normalzustand jedweder Existenz gehört. Wer in einem solchen System überleben will, kann in der Regel nicht Klartext reden, denn würde er dies tun, wäre er nicht mehr da.

Einige unvergessliche Szenen der Serie, die in der Bildsprache, an die großen Meisterwerke Andrei Tarkowskis erinnern:

Feuerwehrmänner, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe ohne Schutzkleidung völlig sinnlose Löschversuche mit Wasser vornehmen, krepieren wenige Tage danach unter entsetzlichen Schmerzen, ihre Körper sind von der radioaktiven Strahlung völlig entstellt. Die Toten werden in Metallsärge gesteckt und in Massengräbern beigesetzt. Unmittelbar nach der Beisetzungszeremonie wird aus den bereits wartenden Betonmischern Fließbeton auf die Särge gegossen, um diese mit einem Betonmantel zu versiegeln.

Krankenschwestern tragen die verstrahlte Kleidung der Feuerwehrmänner in den Keller des Krankenhauses, wo sie auf einen Haufen geworfen werden, der angeblich noch heute vorhanden ist. Die kurze Berührung der kontaminierten Kleidung verbrennt ihre Hände.

Das Zentralkomitee in Prypjat meldet in einer ersten Reaktion nach Moskau, es sei »alles völlig unter Kontrolle«. In der anschließenden Sitzung der Ortsfunktionäre der kommunistischen Partei im atomsicheren Bunker berichtet ein Funktionär von den Brandwunden der Feuerwehrmänner und fordert die Evakuierung der Stadt. Ein langjähriger Parteifunktionär erhebt sich, weist auf den offiziellen Namen des Kernkraftwerks hin, »Wladimir Iljitsch Lenin«, und sagt: »Und wenn der Staat uns sagt, die Situation sei nicht gefährlich, dann hören wir auf ihn. Wir riegeln die Stadt ab und kappen die Telefonleitungen. Das ist unsere Möglichkeit zu glänzen.« Das vermeintliche Lob des Moskauer Parteiapparats lässt die örtlichen Funktionäre begeistert applaudieren.

Erste Löschversuche mit einem Gemisch aus Sand und Bor, das von Hubschraubern auf den offenliegenden Reaktorkern abgeworfen wird – der erste Hubschrauber fliegt zu nahe zur Rauchwolke, die Strahlung zerstört die Systeme, die Maschine stürzt ab –, zeitigen erste Erfolge. Eine aufmerksame Atomwissenschaftlerin, die im Film stellvertretend für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Experten steht, die zu Sicherungsmaßnahmen beigezogen wurden, erkennt, dass die Wassertanks – entgegen ersten Annahmen – vollgefüllt sind. Sollte Sand-Lava (durch die Hitze im Kern wird das Sand-Bor-Gemisch zu einem Lava-ähnlich Stoff) eintreten, käme es zur Erhitzung des Wassers und zu einer gewaltigen Folgeexplosion, die alle Reaktoren in Tschernobyl in die Luft fliegen ließe, mit unvorstellbaren Folgen: Die gesamte Ukraine und Weißrussland bliebe für immer unbewohnbar. 60 Millionen Menschen müssten evakuiert werden, weite Teile Osteuropas wären kontaminiert. Um das zu verhindern, müssen drei Kraftwerksmitarbeiter gefunden werden, die sich durch das kontaminierte Wasser bis zu den Schleusen vorarbeiten und diese öffnen, um das Wasser abpumpen zu können. Gorbatschow gibt den Befehl – im Film mit den Worten: »Jeder Sieg hat noch immer seinen Preis verlangt!« –, der den sicheren Tod der Arbeiter bedeutet.

Bergarbeiter werden geholt, um einen 150 Meter langen, 12 Meter unter dem Reaktorkern gelegenen Tunnel zu graben, zur Anbringung eines Wärmetauschers. Die Hitze beträgt 50 Grad. Wegen der Strahlung können keine Ventilatoren verwendet werden. Die Bergarbeiter arbeiten nackt. Im Abspann werden wir erfahren, dass von den rund 400 Bergarbeitern schätzungsweise 100 vor ihrem 40. Lebensjahr gestorben sind.

Die sowjetischen Behörden ersuchen deutsche Unternehmen, einen Roboter für die Räumung des radioaktiv verseuchten Schutts und der Graphitblöcke bereitzustellen. Da sie einen deutlich geringeren Strahlungswert weitergeben, ist der gelieferte Roboter der tatsächlichen Strahlenbelastung nicht gewappnet – die enorme Radioaktivität zerstört die Maschine. Jetzt müssen »Bioroboter« ran, also Menschen, die das strahlende Material mit Schaufeln vom Dach des Kontrollgebäudes in den Reaktorkern befördern, was für die »Liquidatoren« den sicheren Tod bedeutet.

Eine alte Bäuerin melkt ihre Kuh. Ein Soldat, der das verstrahlte Tier erschießen muss, fordert sie auf, wegzugehen. Die Bäuerin entgegnet ihm, dass sie seit ihrer Geburt auf dem Hof sei, die Revolution, die bolschewistische Kollektivierung, den Holodomor unter Stalin und den 2. Weltkrieg überlebt habe. Jetzt, als alte Frau, werde sie sicher nicht vor etwas, das sie nicht einmal sehen könne, weggehen. Der Soldat zieht sie weg und erschießt die Kuh.

Ein junger Soldat muss gemeinsam mit zwei Afghanistan-Veteranen alle Tiere, die sich in der Sperrzone befinden und kontaminiert sind, erschießen. Sie durchkämmen die verlassene Stadt und knallen auf jeden Hund und jede Katze, die ihnen vor die Flinte kommen. In einer Wohnung sieht er eine Hündin mit drei Welpen. Er kann nicht schießen und geht hinaus.

In einer der letzten Szenen des Films konfrontiert der Vizedirektor des Geheimdienstes Legassow mit seiner eigenen Biografie. Er erinnert ihn daran, dass er sich im Atominstitut nach dem Krieg gegen die Beförderung jüdischer Wissenschaftler ausgesprochen habe, um sich »uns anzubiedern«, und offenbart ihm, dass seine Aussage im Prozess – Legassow erwähnte auch die technischen Mängel, die zur Explosion geführt haben – nicht zugelassen werde, »es hat sie nicht gegeben!«. Erst nach Legassows Selbstmord sind die anderen Reaktoren vergleichbaren Typs in der Sowjetunion nachgerüstet worden.

Den wenigen Wissenschaftlern und Parteifunktionären, die trotz allem an Fakten sich orientierten und gegen alle Widerstände standhaft geblieben sind (Folge von Gorbatschows ein Jahr zuvor ausgerufener »Glasnost«?), und den Feuerwehrmännern und Bergarbeitern, die sich aufgeopfert haben, um noch weitaus Schlimmeres zu verhindern, wird mit dieser Miniserie ein bleibendes filmisches Denkmal gesetzt. Dass ein derartiger »katastrophaler Unfall«, wie die Kernschmelze im Fachjargon der Atombehörden bezeichnet wird, kein singuläres Ereignis blieb, hat uns die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011 vor Augen geführt. In Japan gab es vor der Katastrophe genügend Warnungen vor den Risiken des verwendeten Reaktortyps, ebenso Hinweise auf Konstruktionsmängel der Anlage, sowie unzureichenden Schutz vor Erdbeben und Tsunamis, von fehlenden Kontrollen gar nicht zu reden. Die Betreiberfirma Tepco und die japanischen Atomaufsichtsbehörden wiegelten ab und ignorierten die meisten Hinweise – ein sehr »sowjetisches« Verhalten.

In seinem Essay Entbergung und Konstruktion, in dem er sich mit den Potentialen der Kunst in der modernen, rationalisierten Welt beschäftigt, bringt der Philosoph Rudolf Burger luzide zum Ausdruck, dass die »Wahrheit einer falschen Welt« nicht mehr in der Kunst erhellt wird, sondern nur noch in der technischen Katastrophe, im Scheitern des technischen Experiments. Ausgehend von der Explosion der Challenger-Raumfähre schreibt er folgende Sätze:

»Die wahre Katastrophe ist das Gelingen des Programms, nicht der Absturz von ein paar Astronauten, der jenes zumindest ein bisschen bremste. (…) Wenn die Welt als solche zum technischen Fall zu werden droht, zum sogenannten Ernstfall, als ob sie jetzt heiter wäre, dann zuckt eine perverse Schönheit im Un-Fall auf, der den logischen Gang der Dinge unterbricht. (…) Ist er vorbei, so geht die Geschichte weiter, in ihrem gewohnt-gewöhnlichen Trott. Und doch leuchtet in ihm so etwas wie Wahrheit auf: die Wahrheit einer falschen Welt. (…) Und das Erhabene der Natur, vor dem die Menschen erschauern, weil es gerade noch verschmäht, sie zu zermalmen, ist in Zeiten der Postmoderne nicht mehr wie im Jahrhundert Kants der Eisberg oder die unendliche Wüste, das aufgewühlte Meer oder das Gebirge im Gewitter: es ist Tschernobyl.«


Rückkehr nach Reims

In seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims erzählt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon von der Klassengesellschaft und insbesondere von den Folgen »sozialer Reproduktion«, die sich in Körper und Psyche der Angehörigen der unteren Schichten – die »Arbeiterklasse« zu nennen, sich die linken Parteien seit Jahrzehnten abgewöhnt haben – lebenslänglich einschreiben.

Wiewohl er um diesen sozialen Skandal immer wusste, gelang ihm die präzise Beschreibung, was er aus Menschen macht, was er aus ihm und seiner Familie gemacht hat, erst Jahrzehnte nach seinem Weggehen, nach seinem Bruch mit dem homophoben Vater und dessen Herkunftsmilieu. Er deutet diesen Bruch nicht psychologisch, sondern soziologisch:

»Ich habe es meinem Vater immer übel genommen, dass er genau das war, was er war, diese Verkörperung einer Arbeiterwelt (…). Der Schrecken, der mich damals packte, ging nicht von der handelnden Person aus, sondern von dem sozialen Umfeld, das solche Handlungen ermöglichte.«

Nach prekären Anfängen, immer wieder vom Scheitern bedroht, konnte er sich über die Jahre als Publizist und Theoretiker der Schwulenbewegung etablieren. Eribon beleuchtet diesen Aufstieg, der nur um den Preis der völligen Verleugnung der Herkunft möglich war, und er macht deutlich, wie das, was er für eine autonome und selbst gewählte Entscheidung erachtete (die Wahl des Studienortes, der Fächer, der Professoren etc.), nichts anderes war als »soziale Reproduktion«. Als Erster und Einziger in der Familie, der studierte, verfügte er über keinerlei »Kapital« (im Bourdieu’schen Sinn weder ökonomisches, noch soziales oder kulturelles), und klarerweise auch nicht über Beziehungen und Netzwerke, die für Angehörige der herrschenden Klasse selbstverständlich sind. (»Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind.«) Letztlich verhinderten nur Zufälle sein Scheitern.

Sein Fazit:

»Meine sexuelle Identität nahm ich trotz aller Beschimpfungen an und bekannte mich zu ihr, von meiner sozialen Herkunft und der durch diese bedingten Identität riss ich mich los. Man könnte sagen, dass ich in dem einen Bereich zu dem wurde, der ich bin, im anderen jedoch denjenigen zurückwies, der ich hätte sein sollen. Ich wurde von zwei sozialen Verdikten gebrandmarkt, einem sozialen und einem sexuellen. Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.«

Dieser Essay findet vor allem auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er sich mit dem massiven Zulauf befasst, den der Front National innerhalb der einst links wählenden Arbeiterklasse erfährt. Eribon erinnert daran, dass widrige materielle Verhältnisse immer schon ein Nährboden für Ressentiments waren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, häusliche Gewalt und Homophobie zum emotionalen Haushalt der Arbeiterklasse gehörten, als diese noch kommunistisch oder sozialistisch wählte. Und er macht deutlich, dass der Aufstieg der Rechten nur deshalb möglich war, weil die Linke so kläglich versagt hat: Wenn linke Parteien den Begriff »Arbeiterklasse« aus ihrem politischen Sprachgebrauch verbannen, folglich auch die materielle Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht wahrnehmen bzw. keine glaubwürdigen politischen Antworten für eine Verbesserung derselben mehr anbieten, dann darf man sich nicht wundern, dass sich die Mehrheit der Arbeiterklasse frustriert in die Hände der Rechten begibt.

Noch ein Textausschnitt aus Eribons Essay, der eine ganze Bibliothek ersetzt:

»Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemandem vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit der Klassengesellschaft vor Augen.«

Weitere Infos:
Klasse, Scham und die Linken (Luxemburg Lecture Berlin, 30.11.2016)
Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (Didier Eribon in Deutschlandradio Kultur, 04.12.2016)
Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk (Interview in „Zeit-Online“, 04.07.2016)

Abschied von Obama

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

Brücken bauen?

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http://orf.at/wahl/bp16/

Der erste Blog-Eintrag nach geraumer Zeit sei den Anhängern und Wählern des bei der Bundespräsidentenwahl unterlegenen Kandidaten gewidmet. Während Strache, Hofer und Kickl ihre Nachwahl-Pressekonferenz abhielten, bin ich für einige Augenblicke ins FPÖ-Paralleluniversum eingetaucht. Man lese die folgenden Kommentare, die ich auf Straches Facebook-Seite gefunden habe und ungekürzt und ohne Namensangabe zitiere:

Spitzensteuersatz senken – das ist einmal echte Hilfe für den „kleinen“ Mann 😀 😀 (Anmerkung: Der Kommentator bezieht sich offenbar auf Straches Ankündigung, demnächst ein FPÖ-Wirtschaftsprogramm zu präsentieren, in dem u.a. die Senkung des Spitzensteuersatzes gefordert werden soll.)

Noch mehr WAHNSINNIGE BEI UNS… Ich hätte mir für meine Kinder auch so eine schöne Kindheit gewünscht wie ich sie hatte. Leider kann ich sie nicht mal mehr alleine im Bad aufs Klo gehen lassen… ????

Herr Hofer braucht keine Vorlage, er spricht frei heraus, ein Zeichen, dass es von Herzen kommt

Die EU hat das Wahlergebnis per computerbeeinflussung angezapft

Ich muß sagen es ist schon seltsam. Jeder mit dem man geredet hat, hat gesagt er wählt Hofer und jetzt soll alles anders sei? Ich habe da schon ein seltsames Gefühl! In mir Drängt sich der Verdacht auf, dass da wieder gedreht wurde!

Wahlbetrug Hofer ist präsident nach erster hochrechnung

Da merkt man wieviel Flüchtlinge für den VDB gewählt haben ! Die was nicht mal wahrscheinlich wissen wer das ist und was der macht

so eine verlogenere Politick hatten wir seit den weltkrigen noch nie gehabt … manipulationen von wahlen, medienlügen ohne ende und eine riesen menge verleumdungen was bis heute es in gottes zeitrechnung noch nie gegeben hatte

Komplott des Systems und die Bevölkerung fällt drauf rein. Unglaublich. Kommt vdb kommt Ceta, kommen Muslime, kommt Bundesland Österreich. Jetzt habt ihr es.

Wie soll man mit diesen Leuten ins Gespräch kommen?
Wie Brücken bauen zu diesen Freunden der Verschwörung, des Nichtdiskurses und der Infamie?

Ich habe keine Ahnung …

Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Philipp Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Bestseller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig reden) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms aktuelles Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch, in dem Blom über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über »Kriegszitterer« (»Bomb shells«) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc. gesprochen hat, die ich für besonders wichtig erachte, und die zugleich immer auch an Alexander Kluges historische Herangehensweisen erinnern:

Westfront: Die Hälfte aller im Ersten Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr Zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite
krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die »Kriegszitterer«. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von »Bomb Shell Disease« oder auch »Shell shock«, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi alsbald von diesen abgewendet, »weil sie ihm nicht Nazi genug waren!«, was vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte zeige, also Heideggers Tagebücher, die, wie von ihm selbst verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe unlängst erschienen sind. (Vertiefend dazu ein Podcast mit Lutz Hachmeister, Axel Honneth und Marion Heinz.)

Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war unter anderen auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter den Wochenlohn nach Erhalt versoffen, und dann ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert), beförderten dieses Prohibitionsgesetz, das von 1920 bis 1933 in Kraft war. Die Konsequenzen: Die illegalen Einfuhren aus Kanada haben sich vervierfacht, verbotene Läden entstanden, sogenannte »Speakeasys«, und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch diese Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäschereien und Restaurants, Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).

Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis (Leni Riefenstahl), um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Telegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

jesse-owens

Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Marie Jahoda

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Als ich abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals beeindruckt hatte. Auch jetzt, mehr als 15 Jahre danach, suchte ich mir einen Parkplatz, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Im Gespräch-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über ihre »privilegierte« Kindheit (privilegiert deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der Revolutionären Sozialisten hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit – nach Schließung einer Textilfabrik, die der größte Arbeitsgeber in der Region war – führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die »ermüdeten« Bewohner Marienthals (= Ortsteil von Gramatneusiedl in Niederösterreich, wo noch einige Gebäude der ehemaligen Arbeitersiedlung, die rund um die Textilfabrik Marienthal entstanden ist, erhalten sind), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiterinnen und Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. Über die Marienthal-Studie und seine Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde.

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) und Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftigen Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Parteien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Nachsatz: Bruno Kreisky erzählte in seinen Memoiren, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Satz, »Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!«, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

67 Minuten ohne Zigarette

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!