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Rückkehr nach Reims

Freitag, 20. Januar 2017 16:36

In seinem autobiografischen Essay „Rückkehr nach Reims“ erzählt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon von der Klassengesellschaft und insbesondere von den Folgen sozialer Reproduktion, die sich in Körper und Psyche der Angehörigen der unteren Schichten – die Arbeiterklasse zu nennen, sich die linken Parteien seit Jahrzehnten abgewöhnt haben – lebenslänglich einschreiben.
Wiewohl er um diesen sozialen Skandal immer wusste, gelang ihm die präzise Beschreibung, was er aus Menschen macht, was er aus ihm und seiner Familie gemacht hat, erst Jahrzehnte nach seinem Weggehen, nach seinem Bruch mit dem homophoben Vater und dessen Herkunftsmilieu. Er deutet diesen Bruch nicht psychologisch sondern soziologisch:

Ich habe es meinem Vater immer übel genommen, dass er genau das war, was er war, diese Verkörperung einer Arbeiterwelt (…). Der Schrecken, der mich damals packte, ging nicht von der handelnden Person aus, sondern von dem sozialen Umfeld, das solche Handlungen ermöglichte.“(S. 90)

Nach prekären Anfängen, immer wieder vom Scheitern bedroht, konnte er sich über die Jahre als Publizist und Theoretiker der Schwulenbewegung etablieren. Eribon beleuchtet diesen Aufstieg, der nur um den Preis der völligen Verleugnung der Herkunft möglich war, und er macht deutlich, wie das, was er für eine autonome und selbst gewählte Entscheidung erachtete (die Wahl des Studienortes, der Fächer, der Professoren etc.), nichts anderes war als soziale Reproduktion. Als Erster und Einziger in der Familie, der studierte, verfügte er über keinerlei Kapital (im Bourdieuschen Sinn weder ökonomisches, noch soziales oder kulturelles), und klarerweise auch nicht über Beziehungen und Netzwerke, die für Angehörige der herrschenden Klasse selbstverständlich sind. („Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind.“) Letztlich verhinderten nur Zufälle sein Scheitern.

Sein Fazit:

Meine sexuelle Identität nahm ich trotz aller Beschimpfungen an und bekannte mich zu ihr, von meiner sozialen Herkunft und der durch diese bedingten Identität riss ich mich los. Man könnte sagen, dass ich in dem einen Bereich zu dem wurde, der ich bin, im anderen jedoch denjenigen zurückwies, der ich hätte sein sollen. Ich wurde von zwei sozialen Verdikten gebrandmarkt, einem sozialen und einem sexuellen. Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.“ (S. 219)

Dieser Essay findet vor allem auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er sich mit dem massiven Zulauf befasst, den der Front National innerhalb der einst links wählenden Arbeiterklasse erfährt. Eribon erinnert daran, dass widrige materielle Verhältnisse immer schon ein Nährboden für Ressentiments waren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, häusliche Gewalt und Homophobie zum emotionalen Haushalt der Arbeiterklasse gehörten, als diese noch kommunistisch oder sozialistisch wählte. Und er macht deutlich, dass der Aufstieg der Rechten nur deshalb möglich war, weil die Linke so kläglich versagt hat:
Wenn linke Parteien den Begriff „Arbeiterklasse“ aus ihrem politischen Sprachgebrauch verbannen, folglich auch die materielle Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht wahrnehmen bzw. keine glaubwürdigen politischen Antworten für eine Verbesserung derselben mehr anbieten, dann darf man sich nicht wundern, dass sich die Mehrheit der Arbeiterklasse frustriert in die Hände der Rechten begibt.

Noch ein Textausschnitt aus Eribons Essay, der eine ganze Bibliothek ersetzt:

Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemandem vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit der Klassengesellschaft vor Augen.“

Weitere Infos:
Klasse, Scham und die Linken (Luxemburg Lecture Berlin, 30.11.2016)
Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (Didier Eribon in Deutschlandradio Kultur, 04.12.2016)
Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk (Interview in „Zeit-Online“, 04.07.2016)

Thema: Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Abschied von Obama

Donnerstag, 19. Januar 2017 17:22

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

Thema: Allgemein, Film, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Brücken bauen?

Dienstag, 6. Dezember 2016 18:50

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http://orf.at/wahl/bp16/

Der erste Blog-Eintrag nach geraumer Zeit sei den Anhängern und Wählern des bei der Bundespräsidentenwahl unterlegenen Kandidaten gewidmet. Während Strache, Hofer und Kickl ihre Nachwahl-Pressekonferenz abhielten, bin ich für einige Augenblicke ins FPÖ-Paralleluniversum eingetaucht. Man lese die folgenden Kommentare, die ich auf Straches Facebook-Seite gefunden habe und ungekürzt und ohne Namensangabe zitiere:

Spitzensteuersatz senken – das ist einmal echte Hilfe für den „kleinen“ Mann 😀 😀 (Anmerkung: Der Kommentator bezieht sich offenbar auf Straches Ankündigung, demnächst ein FPÖ-Wirtschaftsprogramm zu präsentieren, in dem u.a. die Senkung des Spitzensteuersatzes gefordert werden soll.)

Noch mehr WAHNSINNIGE BEI UNS… Ich hätte mir für meine Kinder auch so eine schöne Kindheit gewünscht wie ich sie hatte. Leider kann ich sie nicht mal mehr alleine im Bad aufs Klo gehen lassen… ????

Herr Hofer braucht keine Vorlage, er spricht frei heraus, ein Zeichen, dass es von Herzen kommt

Die EU hat das Wahlergebnis per computerbeeinflussung angezapft

Ich muß sagen es ist schon seltsam. Jeder mit dem man geredet hat, hat gesagt er wählt Hofer und jetzt soll alles anders sei? Ich habe da schon ein seltsames Gefühl! In mir Drängt sich der Verdacht auf, dass da wieder gedreht wurde!

Wahlbetrug Hofer ist präsident nach erster hochrechnung

Da merkt man wieviel Flüchtlinge für den VDB gewählt haben ! Die was nicht mal wahrscheinlich wissen wer das ist und was der macht

so eine verlogenere Politick hatten wir seit den weltkrigen noch nie gehabt … manipulationen von wahlen, medienlügen ohne ende und eine riesen menge verleumdungen was bis heute es in gottes zeitrechnung noch nie gegeben hatte

Komplott des Systems und die Bevölkerung fällt drauf rein. Unglaublich. Kommt vdb kommt Ceta, kommen Muslime, kommt Bundesland Österreich. Jetzt habt ihr es.

Wie soll man mit diesen Leuten ins Gespräch kommen?
Wie Brücken bauen zu diesen Freunden der Verschwörung, des Nichtdiskurses und der Infamie?

Ich habe keine Ahnung …

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Werkstattbericht

Dienstag, 8. Juli 2014 18:45

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Phillip Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Besteller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig sprechen) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms nächstes Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über Kriegszitterer (Bomb shells) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc., das mich immer wieder an Alexander Kluge erinnerte, die ich für besonders wichtig erachte:

  • Westfront: Die Hälfte aller im 1. Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.
  • Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die Kriegszitterer. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von Bomb Shell Disease oder auch shell shock, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.
  • Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi sodann von diesen abgewendet, „weil sie ihm nicht Nazi genug waren!“ Das zeige vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte – Heideggers Tagebücher, die, wie vom Autor verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe erscheinen sollten, was unlängst geschehen ist, haben für kurze Zeit das deutschsprachige Feuilleton beschäftigt.
  • Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem 1. Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war u.a. auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter, die ihren Wochenlohn nach Erhalt versoffen, ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert) brachten das Prohibitionsgesetz (von 1920 bis 1933 in Kraft) mit folgenden Konsequenzen: Die Importe aus Kanada haben sich vervierfacht, illegale Läden entstanden (Speakeasy), und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäscherein und Restaurants etc., Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).
  • Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis, um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht wirklich; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Glückwunschtelegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Das ganze Gespräch gibt’s hier zum Nachhören:

  • http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Reflektorium34.at.php

Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Thema: Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Marie Jahoda

Freitag, 2. März 2012 19:06

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Als ich gestern abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals tief beeindruckt hatte. Jetzt, 25 Jahre später, hat mich diese Reise ins „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawn) derart in den Bann gezogen, dass ich mir einen Parkplatz suchte, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Ö1 „Im Gespräch„-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über Marienthal und ihre „privilegierte“ Kindheit („privilegiert“ deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der „Revolutionären Sozialisten“ hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die „ermüdeten“ Bewohner Marienthals (Ortsteil von Gramatneusiedl), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. (Über die Marienthal-Studie und seine Autorinnen und Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde).

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) oder Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, freilich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftige Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Schlägerpartien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Hier noch ein kurzer Video-Ausschnitt der Rede Marie Jahodas auf dem SPD-Parteitag in München am 21. April 1981, in der sie über die psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit spricht. Unter den Zuhörern befindet sich auch Bruno Kreisky, der in seinen Memoiren davon erzählt, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Ausspruch, „Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!„, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

Thema: Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

67 Minuten ohne Zigarette

Donnerstag, 15. Dezember 2011 18:36

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!

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Einkommensverteilung

Samstag, 5. November 2011 15:38

reichensteuer

Die Untergrenze [Anm.: für gutes Leben] liegt relativ niedrig. Zehn Millionen Euro würde ich sagen. Ja, denn wenn man die gescheit anlegt, sagen wir mal mit vier Prozent, kann man von den Erträgen tadellos leben.“ (Herbert W. Liaunig, Industrieller, Schlossbesitzer und Kunstsammler, in: Trend 7/2011)

Vor rund einem Monat hat die Arbeiterkammer Oberösterreich eine kleine Broschüre mit aktuellen Daten zur Einkommens- und Vermögensverteilung in Österreich (nur Finanzvermögen, Immobilien etc. sind nicht berücksichtigt) veröffentlicht.
Aus dieser Dokumentation der Ungleichheit von Kapital und Arbeit (und innerhalb der Lohnabhängigen) ein paar Daten:

  • Flossen im Jahre 1994 noch rund 75% der Wertschöpfung in Form von Löhnen und Gehältern an die Arbeitnehmer, werden es heuer rund 69% sein.
  • Im Vergleich zu 1994 produzieren die Arbeitnehmer um rund 25% mehr Werte – ihre realen Löhne und Gehälter liegen allerdings um rund 0,5% unter jenen von 1994.
  • Die 10% der Bestverdiener (rund 400.000 Personen) cashen 30% aller Löhne (rund 33,7 Milliarden Euro), während die rund 2,4 Millionen Arbeitnehmer mit niedrigen und mittleren Löhnen (rund 60%) nur 28% aller Löhne und Gehälter bekommen (rund 31,3 Milliarden Euro).
  • Im Jahre 2010 lag das private Finanzvermögen bei rund 461 Milliarden Euro (Vergleich: Gesamte Staatsschuld betrug 2010 rund 205 Milliarden Euro) – rund 230 Milliarden dieser Summe entfällt auf rund 73.900 Personen, die Euro-Millionäre. Darunter befinden sich auch die 19 Milliardäre (Personen bzw. Familien), die über rund 75,5 Milliarden Euro dieses Kuchens verfügen. Big Boss ist die Familie Piëch/Porsche mit rund 34 Milliarden Euro Privatvermögen (= Kohle ohne Immobilien etc.).

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Bildungsinitiative

Donnerstag, 3. November 2011 18:27

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Von heute bis zum 10. November läuft das Volksbegehren „Bildungsinitiative. Alle Infos dazu auf der Website http://www.nichtsitzenbleiben.at/

Zur Einstimmung:
U2 heute früh: Zwei junge Medizinstudentinnen (18 oder 19) unterhalten sich:

A: Du, gestern hat mich der Michi echt arg g’nervt … mit so an Wort, dass ich noch nie gehört hab’. Das kennst du sicher auch nicht … Wart’, ich schau’ (sucht auf ihrem Smartphone, spricht dabei weiter), … hat was mit Rassen oder so zu tun … irgendwas mit dem Martin Luther … Da, ich hab’s: A-part-heit, genau Apart-heit.
B: Kenn’ ich.
A: Kenn ich … ja sicher, Du … ha, ha … Na und? Was ist das?
B: Irgendwas geschichtliches halt …
A: Das hat der Michi auch g’sagt. Na und? Und was ist das jetzt?
B: Hab’ ICH in Geschichte auf’passt?
A: Das hab’ ich zum Michi auch g’sagt … (beide lachen)

Noch eine Hör- und Mitdenk-Empfehlung:
Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf ALTERNATIVLOS (http://alternativlos.org/). Darin erzählt er u. a. folgende Geschichte: Anfang der 1990-er Jahre konnte er als junger Redakteur einem Treffen von Mitterand und Kohl beim alten Ernst Jünger in dessen Domizil beiwohnen. Plötzlich, so erzählt Schirrmacher, haben Mitterand und Jünger apokalyptisch über die Zukunft der Welt zu sprechen begonnen. Mitterand erörterte, wie oft welche Länder und Reiche im 20. Jahrhundert zusammen gebrochen seien, Jünger sprach davon, dass die Menschen die Technik nicht mehr kontrollieren könnten und so weiter; und Kohl, dem sichtlich unwohl wurde, wie Schirrmacher bemerkte, unterbrach das Gespräch mit dem Ausruf: „Ei, ich bin ganz optimistisch!

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Geschichte der Dunkelheit

Donnerstag, 14. April 2011 18:41

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Ich gehe gerne auf den Fußballplatz. Ich höre gerne Rock ’n’ Roll, ich lese auch gerne Schriftsteller, die ganz anders arbeiten als ich. Aber ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe.“ (Gerhard Roth in einem wunderbaren Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen Werks „Orkus – Reise zu den Toten„)

Kürzlich habe ich Gerhard Roths Buch „Die Geschichte der Dunkelheit„, 1991 erschienen, wieder gelesen. Der Autor hat darin den Bericht des Wiener Juden Walter Berger aufgezeichnet, der in der Leopoldstadt aufgewachsen und vor den Nazis nach England geflüchtet ist, wo er, nach mehreren vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, der tschechischen Exilarmee beigetreten ist und auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis gekämpft hat. Nach WK II ging er für eineinhalb Jahre in einen Kibbuz nach Israel, dann nach Deutschland, um schließlich wieder nach Wien in die Leopoldstadt zurück zu kehren (dank der Unterstützung des damaligen SPÖ-Vizekanzlers Bruno Pittermann, der Bergers Lehrer an der Privattechnischen Lehranstalt im Arsenal in den späten 1920-er Jahren gewesen war), in eine Leopoldstadt, in der die Spuren jüdischen Lebens fast gänzlich ausgelöscht waren.

Roths Aufzeichnungen der Lebenserinnerungen des Walter Berger, diese Odyssee durch das Jahrhundert der Extreme (Eric Hobsbawm), ist für mich vor allem ein wunderbares Buch über das Weitermachen – trotz alledem.

Gerhard Roth wird am 15. Mai im Burgtheater aus seinem neuen Buch lesen.

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Globo

Mittwoch, 16. Februar 2011 10:41

Ein bisschen Nachdenken über die Dinge, ich glaub‘, dass schadet nicht. Auch ein kleiner Keulenhieb schadet nicht. Nur wegschauen, dass ist sicher nicht die Lösung. Also: manchmal hinschauen, ist, glaub‘ ich, gar nicht so schlecht.“ (Josef Nussbaumer)

Wissen wir zu wenig über die herrschenden ökonomischen und ökologischen Unrechtsverhältnisse unserer Welt? Mit Sicherheit nicht: Statistiken, Studien usw. sind genügend vorhanden. Eher leiden wir – neben dem gelebten Floriani-Prinzip – an Anschaulichkeit, an dem, was die Wissenschaft als Reduktion von Komplexität zu bezeichnen versucht. Nur als Beispiel: Wenn ich höre, dass die Weltbevölkerung in der Zeitspanne von Christi Geburt bis etwa 1500 das gleiche Wachstum aufgewiesen hat, wie in den Jahren von 2000 bis 2003, nämlich 3 Prozent, dann hat das eine andere Qualität als die Angabe der reinen prozentuellen Steigerung.

Bei der Gewinnung eines einzigen Eherings werden 20 Tonnen Giftmüll produziert. Um das Gold vom Stein zu trennen, kommen in Afrika und Lateinamerika, jedes Jahr 182.000 Tonnen Zyanit zum Einsatz. Die giftigen Chemikalien werden über Grundwasser und Flüsse im Meer entsorgt. Mit der Einbeziehung der Umweltschäden in den Goldpreis würde ein goldenes Schmuckstück so viel wie ein Findling vom Mars kosten.

Das sind die verdichteten Bilder, die zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Innsbruck, Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer, verwenden, um auf die Verteilungsungerechtigkeiten hinzuweisen. Das Besondere dabei: Sie nehmen Statistiken von UNO und OECD zu Bevölkerung, Energieverbrauch, Konsum, Einkommen, Alter usw. und legen sie über die Welt des Jahres 2000 im Maßstab von 6,1 Millionen, um die Welt als Dorf abzubilden, in der exakt 100 Menschen leben – mit allen Konflikten der realen Welt. „Hundert ist noch überschaubar; bei Tausend hätten wir schon Schwierigkeiten„, meint Nussbaumer. In Globo, so der Name für das Weltdorf, verfügen zwei der 100 Bewohner über mehr als die Hälfte des Wohlstands, hingegen müssen 50 Menschen mit 1 Prozent ihr Auslangen finden; 20 der 100 Einwohner haben Zugang zu medizinischer Versorgung – wobei: damit sind zwei Rotkreuzhelfer gemeint, weil in Globo, angesichts der herunter gerechneten Statistiken, keine Ärzte vorhanden sind! – und, noch so ein Beispiel zum Irrewerden: 61 Prozent des gesamten Konsums entfällt auf nur 12 Einwohner, 39 Prozent auf die restlichen 88.

All das wird in dem Buch „Unser kleines Dorf“ beschrieben (Prolog als Leseprobe). In einem grandiosen Radio Feature (Ö1 Hörbilder) sind diese verdichteten Facts zur Weltsituation fürs Radio aufbereitet worden. Allein für diese Sendung lohnt sich das Ö1-Download-Abo, das für 39 Euro im Jahr zu haben ist (das Buch ist für 27,90 Euro erhältlich).

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