Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Phillip Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Besteller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig sprechen) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms nächstes Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über Kriegszitterer (Bomb shells) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc., das mich immer wieder an Alexander Kluge erinnerte, die ich für besonders wichtig erachte:

  • Westfront: Die Hälfte aller im 1. Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.
  • Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die Kriegszitterer. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von Bomb Shell Disease oder auch shell shock, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.
  • Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi sodann von diesen abgewendet, „weil sie ihm nicht Nazi genug waren!“ Das zeige vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte – Heideggers Tagebücher, die, wie vom Autor verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe erscheinen sollten, was unlängst geschehen ist, haben für kurze Zeit das deutschsprachige Feuilleton beschäftigt.
  • Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem 1. Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war u.a. auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter, die ihren Wochenlohn nach Erhalt versoffen, ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert) brachten das Prohibitionsgesetz (von 1920 bis 1933 in Kraft) mit folgenden Konsequenzen: Die Importe aus Kanada haben sich vervierfacht, illegale Läden entstanden (Speakeasy), und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäscherein und Restaurants etc., Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).
  • Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis, um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht wirklich; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Glückwunschtelegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

jesse-owens

Das ganze Gespräch gibt’s hier zum Nachhören:

  • http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Reflektorium34.at.php

Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

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Datum: Dienstag, 8. Juli 2014 18:45
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