Zur Produktion des »Bösen«

David Fincher, bekannt geworden als Regisseur von Thrillern wie Se7en und Zodiac, und vor allem als Produzent der Netflix-Serie House of Cards, hat sich die späten 1970-er und frühen 1980-er Jahre als Kulisse für eine dunkle Thriller-Serie genommen, die wieder vom Streaming-Anbieter Netflix finanziert wurde.

In Mindhunter, so der Serientitel, bringen uns die beiden FBI-Agenten Holden Ford und Bill Tench, die in der Abteilung für Verhaltensforschung (Behavioral Science Unit) arbeiten – das war zu jener Zeit eine innerhalb der FBI-Ausbildungsakademie bestenfalls geduldete, unterdotierte Miniabteilung – eine Epoche nahe, in der es mehr oder weniger Common Sense war, dass kriminell Gewordene das »Böse« bereits in sich tragen, wenn sie zur Welt kommen. In der polizeilichen Ermittlungsarbeit jener Jahre, im Ausforschen von Mehrfachtätern, spielten soziologische und psychologische Hintergründe (Klassenzugehörigkeit, Familienstruktur etc.) bei der Erstellung von Täterprofilen nahezu keine Rolle. Tatortspuren und einschüchternde Verhörmethoden, nicht die Mechanismen, die das »Böse« produzieren, waren das Um und Auf der Ermittlungsarbeit, um Täter zu überführen und hinter Gitter zu bringen – und Mörder, wenn möglich, auf den elektrischen Stuhl.

Die beiden Agenten – die wissenschaftliche Unterstützung erhalten sie von der Psychologin Wendy Carr – bewegen sich quer durch die Vereinigten Staaten, reisen zumeist im Flugzeug von Bundesstaat zu Bundesstaat, halten Vorträge in den FBI-Ausbildungsstätten und unterstützen laufende Ermittlungen lokaler Polizeibehörden. Und sie interviewen, anfänglich nur in ihrer Freizeit, die bekanntesten Massenmörder des Landes, die in den Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten einsitzen. Diese ausführlichen Gespräche mit Psychopathen bilden das Grundgerüst der Serie.

Mindhunter zeigt die Anfänge der Kriminalpsychologie und basiert auf den Büchern des FBI-Agenten John E. Douglas, der einer der ersten Fallanalytiker gewesen ist (den Begriff »Profiler« gab’s noch nicht), der selbst 36 »Serienmörder« – auch das ein Begriff, der erst erfunden werden musste – eingehend befragte, um Ähnlichkeiten, aber auch Abweichungen im Verhalten der Killer zu finden. Anhand dieser Gespräche wurden Täter-Kategorien gebildet, die sodann als Screening Vorlage bei der Suche nach noch aktiven Serienmördern genutzt wurden.

Fincher führt uns in das Amerika nach Watergate und Vietnam, also in ein geprügeltes und desillusioniertes Land, voller beschädigter Typen. Auch Charles Manson und seine Jünger kommen vor. Ein interessanter Nebenstrang, der an Quentin Tarantinos Once upon a time in Hollywood erinnert – auch, weil Manson, sowohl in Mindhunter als auch in Tarantinos Film, vom australischen Schauspieler Damon Herriman dargestellt wird. Die brutalen Morde der »Manson Family« an der schwangeren Sharon Tate und ihren Freunden im Sommer 1969 in Los Angeles markierten einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der US-amerikanischen Gegenkultur, und läuteten, zusammen mit dem im Dezember desselben Jahres stattgefundenen Altamont Festival, den Beginn vom Ende der Hippie-Ära der 1960-er Jahre ein.

In der zweiten Staffel, die Anfang der 1980-er Jahre spielt, amtiert in der Behavioral Science Unit ein neuer Chef, der das Profiling befürwortet. Im Zentrum stehen ungeklärte Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen in Atlanta – ein wahrer Fall, der als »Atlanta child murders« zu jener Zeit in den USA für großes Aufsehen gesorgt hat.

Grandiose Serienkost, die einen präzisen Blick auf die Realverfassung der USA der 1970-er und 1980-er Jahre wirft – mit allen bis ins Heute andauernden Kontinuitäten.

When They See Us

Am 19. April 1989 wird im New Yorker Central Park eine Joggerin halbtot geschlagen und brutal vergewaltigt. Zur gleichen Zeit feiert eine Gruppe Jugendlicher, Schwarze und Latinos aus Harlem, in einem anderen Gebiet des riesigen Parkareals ausgelassen die laue Nacht, einige von ihnen belästigen Radfahrer und Jogger. Die Polizei taucht auf und nimmt ein duzend Jugendliche mit aufs benachbarte Revier. Unterdessen wird die Schwerstverletzte 28-jährige Trisha Meili gefunden. Die weiße Frau, eine Investmentbankerin, wird nach 12 Tagen im Koma erwachen, fortan an Bewegungsstörungen leiden und sich an diese Nacht nicht mehr erinnern.

Das Verbrechen sorgt für enorme mediale Aufmerksamkeit – die Vergewaltigungen haben in New York in den Monaten davor zugenommen –, die Ermittlungsbehörden geraten massiv unter Druck. Entgegen allen Fakten wird ein Zusammenhang zwischen den auf dem Polizeirevier befindlichen Jugendlichen und der Vergewaltigung hergestellt. Fünf minderjährige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, die sich untereinander nicht kennen, werden – ohne ihre Eltern zu informieren und nachdem sie unter Druck eine Verzichtserklärung auf Rechtsbeistand unterzeichnet haben –stundenlangen, brutalen Verhören unterzogen. Sie werden mit erfundenen Behauptungen dazu gebracht, sich gegenseitig zu bezichtigen. Monate später kommt es zum Geschworenenprozess. Die Black Community demonstriert vor dem Justizgebäude für die Freilassung der Inhaftierten. »There was no rape!« und »Let them free!« steht auf den Plakaten. Auf der anderen Seite, die von den Medien aufgeheizte Bevölkerungsmehrheit. Einer, der mitmischt, ist auch der heute amtierende US-Präsident, damals Immobilientycoon und Multimillionär. Vor dem Geschworenenverfahren lässt Donald Trump in den großen New Yorker Tageszeitungen ganzseitige Inserate schalten mit der Headline, »Wir brauchen die Todesstrafe wieder!«.

Yusef Salaam, Antron McCray, Raymond Santana, Kevin Richardson und Korey Wise, die »Central Park Five«, wie sie in den Medien genannt werden, werden zu Haftstrafen zwischen 6 und 14 Jahren verurteilt (Korey Wise, der bereits 16 Jahre alt ist, wird in den Erwachsenenvollzug kommen), obwohl alle Indizien gegen eine Beteiligung sprechen und die Polizei keinerlei verwertbares DNA-Material gefunden hat. Verurteilt werden die Fünf aufgrund von Aussagen, die ihnen die Polizisten in den Mund gelegt haben. Diese erzwungenen Geständnisse, auf Video gebannt, führten zur Verurteilung. Sie gestanden die Tat, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Erst im Jahre 2002 stellt sich der wahre Täter, was auch aufgrund moderner DNA-Analyse untermauert werden kann. Das Strafregister der Fünf wird bereinigt und sie erhalten eine Entschädigung von 41 Millionen Dollar. Die korrupten Polizisten und Staatsanwälte werden nicht belangt. Und Trump beharrte noch 2016 als Präsidentschaftskandidat auf der Schuld der »Central Park Five«.

Diesen wahren Fall nimmt die Netflix-Miniserie, When They See Us, von der Filmregisseurin Ava DuVernay, zum Anlass, um das US-amerikanische Strafverfolgungssystem, dessen Rassismus und Klassenjustiz, auszuleuchten und anzuklagen. Vor allem sozial deklassierte und einkommensschwache Gruppen, in denen Schwarze und Latinos überproportional zu finden sind, kommen in diesem System unter die Räder. When They See Us zeigt in vier Folgen die Tatnacht, die Polizeiverhöre, das Gerichtsverfahren, die Zeit im Gefängnis und die Zeit danach, als die mittlerweile erwachsenen Männer verzweifelt versuchen, wieder in ein halbwegs geordnetes Leben zurückzufinden. Und im Filmabspann verwandeln sich die Gesichter der Schauspieler langsam in die »echten« Männer, und wir erfahren, wie sich ihr weiteres Leben entwickelt hat. Eine großartige, zutiefst berührende Miniserie!

Waldheims Walzer

»Da werden sie noch so viel suchen können, die Herrn Singer und wie sie alle heißen, in den diversen Aktenbündeln, die sie da ‹zurechtsuchen›. Sie werden nichts finden. Wir waren anständig.« (Kurt Waldheim 1986)

Am 3. März 1986 erscheint im Nachrichtenmagazin profil ein Artikel mit dem Titel Waldheim und die SA, in dem der Journalist Hubertus Czernin eine Abbildung der »Wehrstammkarte« Kurt Waldheims veröffentlicht, die jahrzehntelang im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs lag. Demnach war der von der ÖVP nominierte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Mitglied der Sturmabteilung (SA) und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) – Waldheim selbst hatte Czernin die Einsichtnahme in seinen Wehrmachtsakt gewährt. In einer ersten Reaktion betont Waldheim, er habe niemals eine Beitrittserklärung unterschrieben. Er könne sich das nur so erklären, dass er, ein leidenschaftlicher Reiter an der Konsular-Akademie, ohne sein Wissen, einer SA-Reiterstandarte zugeordnet wurde. Außerdem wisse doch jeder, dass er aus einem katholisch geprägten Elternhaus stamme und zeitlebens antinazistisch eingestellt gewesen sei. Tags darauf veröffentlicht die New York Times ein Foto, auf dem Waldheim in Wehrmachtsuniform an der Seite von SS-Gruppenführer Arthur Phleps im jugoslawischen Podgorica zu sehen ist. In den folgenden Wochen berichtet Czernin davon, dass Waldheim 1941 an der Ostfront verwundet wurde, im Jahr darauf, wieder als »kriegsdienstverwendungsfähig« eingestuft, in Jugoslawien und ab 1943 in Saloniki stationiert war, bei der Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr, der 1947 in Jugoslawien als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Der Kandidat hatte in seiner Autobiografie, Im Glaspalast der Weltpolitik, die kurz vor Bekanntgabe der Kandidatur erschienen ist, die Kriegsjahre nur flüchtig gestreift: Verwundung an der Ostfront, nach Genesung Heirat und Abschluss des Jus-Studiums; und dann stand da noch der lapidare Satz: »Knapp vor Kriegsende befand ich mich im Raum von Triest.«

Waldheims größter Trumpf, seine weltweite Bekanntheit – er war von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen, gewissermaßen der höchste Beamte der Welt – wird ihm nun zum Verhängnis: Journalisten und Historiker durchforsten Archive in Österreich und den USA. Beinahe im Tagesrhythmus tauchen Dokumente und Fotos auf, die Waldheim massiv belasten. Und dann ist da auch der World Jewish Congress (WJC): Die internationale Vereinigung jüdischer Gemeinschaften und Organisationen, die als Nichtregierungsorganisation im Rahmen der Vereinten Nationen aktiv ist, thematisiert vor allem die Rolle Waldheims als Dolmetscher und Aufklärungsoffizier in Jugoslawien und Griechenland. Von ihm verfasste Lageberichte, unterzeichnet mit seiner Paraphe (»für die Richtigkeit: W.«), lassen nur einen Schluss zu: Er muss von Kriegsverbrechen am Balkan (»Partisanenbekämpfung«) und von den Massendeportationen griechischer Juden aus Saloniki gewusst haben.

Waldheim spricht von »haltlosen Anschuldigungen«, von einer »großangelegten Verleumdungskampagne« (»Kämpään«, wie er sagt), hinter der das »Ausland« und die »Ostküste« stecke. Er habe seine Kriegsvergangenheit nie geleugnet, aber, wie er weiterhin behauptet, persönlich nichts von Gräueltaten gewusst und von Judendeportationen mitbekommen. Bezüglich seiner Mitgliedschaft bei den Nazi-Organisationen mochte er nun zwar nicht mehr ausschließen, dass ihn »irgendeiner meiner Verwandten« eingetragen habe – freilich, ohne sein Wissen. Im Übrigen habe er nur »seine Pflicht getan – wie Hundertausende andere anständige Österreicher auch«. Und die ÖVP schließt die Reihen hinter ihm: »Jetzt erst recht für einen Kandidaten, der wie keiner verschmutzt, beschmutzt und besudelt wurde in den letzten Jahrzehnten, sodass es überhaupt der politischen Kultur diesem Land ungeheuer weh getan hat.« (Alois Mock, Bundesparteiobmann der ÖVP)

Es ist vor allem der Satz, »Wir waren anständig!«, und der tosende Applaus, mit dem die Menschenansammlung auf diesen Satz reagiert, der mich beim Betrachten eines Ausschnitts aus einer Rede Waldheims, aufgenommen auf einer Wahlkampfveranstaltung in irgendeiner österreichischen Kleinstadt, zucken lässt. Man sieht Waldheim, wie er beim Sprechen des Satzes lächelt und seine Hände weit ausstreckt, als wolle er die Menge umfassen. Neben ihm steht seine Frau, dahinter Alois Mock und andere ÖVP Granden. Der Ausschnitt findet sich in Ruth Beckermanns Filmessay, Waldheims Walzer. Die Regisseurin hat in ausländischen Rundfunkarchiven nach Filmaufnahmen gesucht, die während des Bundespräsidentschaftswahlkampfes 1986 entstanden sind und in Österreich nicht zu sehen waren – weder damals noch später – und sie hat dieses Material, zusammen mit ORF-Archivmaterial und mit von ihr selbst gedrehten Videoaufnahmen zusammenmontiert. Beckermann war gewissermaßen als embedded journalist bei den Anti-Waldheim-Demos dabei und hat auch bei den Pro-Waldheim Veranstaltungen gefilmt.

Auch wenn ich diese Zeit sehr bewusst miterlebt und auch selbst an der Anti-Waldheim-Kundgebung am Stephansplatz teilgenommen habe, die im Film zu sehen ist, so konnte ich doch erst jetzt, dank Beckermanns Film, so manche Reaktionen (von beiden Seiten) besser einordnen, als ich das damals konnte. Ich bin mir auch ziemlich sicher, hätten die Österreicher die langen Ausschnitte aus der Pressekonferenz des WJC oder die Sequenz aus dem Hearing im US-amerikanischen Repräsentantenhaus, wo sich Waldheims Sohn Gerhard, der für seinen Vater in die Bresche sprang, von einem Kongressabgeordneten anhören muss, welche Einschätzung sich die Amerikaner über seinen Vater gebildet haben (»The American people feel that your father is a liar. They know that he is a liar«), damals zur Gänze zu sehen bekommen, Waldheim wäre mit noch deutlicher Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. (In der Stichwahl am 8. Juni 1986 erhielt er 53,9 % der Stimmen.) Warum? Ich denke, zum einen aufgrund eines, in allen gesellschaftlichen Schichten der Bevölkerung auch in den 1980-er Jahren noch tief verankerten Antisemitismus, der, wie in Waldheims Walzer zu sehen ist, bei diversen Wahlkampfveranstaltungen auch ganz offen artikuliert wurde. Im Theatermonolog, Der Herr Karl, haben Helmut Qualtinger und Carl Merz an die Märztage des Jahres 1938 erinnert, an die Niedertracht der österreichischen Antisemiten, die nach 1945 ja keineswegs über Nacht verschwunden ist:

»Da war a Jud im Gemeindebau, a gewisser Tennenbaum. Sonst a netter Mensch. Da ham’s so Sachen gegen de Nazi g’schrieben auf de Trottoir .. und der Tennenbaum hat des aufwischen müssen. Net er allan, de anderen Juden eh aa… i hab ihm hingführt, dass ers aufwischt. Der Hausmeister hat glacht, er war immer bei a Hetz dabei. (…) Nochn Kriag is er zurückgekommen. Der Tennenbaum. Ich grüße ihn. Er schaut mich net an. Hab i ma denkt: na bitte, jetzt is er bees, der Tennenbaum. Dabei: Irgendwer hätt’s ja wegwischen müssen!«

Und zum anderen, weil nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland und anderen Staaten Westeuropas, breite Bevölkerungsmehrheiten die NS-Zeit mit dem Holocaust / der Shoah assoziierten. In Österreich hingegen sah sich Justizminister Christian Broda in den frühen 1970-er Jahren veranlasst, weitere Prozesse zu untersagen, um skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate – so ist etwa Franz Murer, einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in Vilnius, trotz erdrückender Beweislage, von den Geschorenen im Jahre 1963 freigesprochen worden – zu vermeiden. In Österreich war die »Opferdoktrin« – Österreich war als Staat das erste Opfer Hitler-Deutschlands – gleichsam zur Staatsdoktrin geworden und tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Die Jahre von 1938 bis 1945 wurden als die Zeit der Entbehrungen, des Krieges und der Bombenangriffe abgespeichert, von der Anschlussbegeisterung, an die Qualtinger im Der Herr Karl erinnert, wollte keiner mehr etwas hören:

»Dann is eh da Hitler kuma. Na ja – es war eine Begeisterung … ein Jubel, wie man sich’s überhaupt net vorstellen kann nach diesen furchtbaren Jahren, nach diesen traurigen Jahren. Endlich amal hat der Wiener a Freid‘ g’habt. (..) Na ja, i waaß no … mir san olle am Ring und am Heldenplatz g’standen … unübersehbar warn mir … man hat gefühlt, man is unter sich … es war wia beim Heirigen … es war wia a riesiger Heiriger! … Aber feierlich!«

Erst im Zuge der Waldheim-Debatte sollte die »Opferdoktrin«, hinter der eine ganze Generation ihre NS-Verstricktheit entsorgen konnte, als Mythos entzaubert werden. Diese Ungleichzeitigkeit der Erinnerungskulturen hat die Heftigkeit und das Unverständnis auf beiden Seiten der Waldheim-Debatte geprägt.

Kurt Waldheim hat die Wahl vor allem deshalb gewonnen, weil seine Aussagen, wie »Ich habe nur meine Pflicht getan!« oder »Wir waren anständig!«, von weiten Teilen der Bevölkerung, über alle Parteigrenzen hinweg geteilt wurden. Der Journalist Werner Reisinger hat das kollektive Bewusstsein der Generation, der Waldheim entstammte, präzise beschrieben:

»In seinem Schicksal fand sich eine ganze Generation von Österreichern wieder, die den vom NS-Regime begonnenen Krieg als den ihren internalisiert hatten und sich arrangierten, um nicht in einen Gewissensnotstand zu geraten. Eine Generation, die bis Mitte der 80er Jahre gewöhnt war, nicht über ihren Dienst in der deutschen Wehrmacht oder ihre Verbindungen und ihre Involvierung mit und ihre Beteiligung am NS-Regime sprechen zu müssen.«

Dazu kamen haltlose Anschuldigungen in der US-Presse (so wurde Waldheim etwa in der Boulevardzeitung New York Post als »SS-Butcher« bezeichnet), die von den ÖVP-Wahlstrategen und den Pro-Waldheim-Medien reichlich ausgeschlachtet wurden, und überdies deuteten zahlreiche Indizien (die sich später bestätigen sollten) darauf hin, dass die SPÖ belastendes Material über Waldheim über diverse Kanäle durchsickern ließ. All das befeuerte das Pro-Waldheim-Lager und deren Strategie von der groß angelegten »Schmutzkampagne«, und Waldheim surfte auf der »Jetzt-Erst-Recht«-Welle in die Präsidentschaftskanzlei. »Er verkörpert das Land Österreich perfekt«, wie Hubertus Czernin damals in einem Interview feststellte, das in Waldheims Walzer zu sehen ist, »Er ist der Parade-Österreicher. Er ist der perfekte Präsident für Österreich. Aber es ist eine Schande!«

Wenngleich er beim zweiten Anlauf endlich Bundespräsident geworden war – beim ersten Antreten im Jahre 1971 unterlag er Franz Jonas, der als Bundespräsident im Amt bestätigt wurde –, musste er seine sechsjährige Amtszeit zumeist in der Hofburg absitzen. Von den USA auf die »Watchlist« gesetzt, wurde er im Westen zur persona non grata, und der damalige Bundeskanzler, Franz Vranitzky, übernahm de facto auch die Aufgaben eines Bundespräsidenten. Waldheim reiste bisweilen in Staaten des Ostblocks oder in arabische Staaten, wo er willkommen war, was, wie Beckermanns Film schlüssig dokumentiert, mit seinem Engagement für die Palästinenser während seiner Zeit als UN-Generalsekretär zusammenhing – eine Haltung, die er im Übrigen mit Bruno Kreisky teilte, der sich auch für ihn als Generalsekretär stark gemacht hatte. So konnte PLO-Chef Yassir Arafat am 13. November 1974 vor der UN-Vollversammlung sprechen – damit zum ersten Mal ein Politiker, der kein Staats- oder Regierungsvertreter war. Und, auch das sollte nicht vergessen werden, in den 1970-er Jahren wurden viele gegen Israel gerichtete Resolutionen angenommen, insbesondere die berüchtigte Resolution 3379, die als Anti-Zionismus-Resolution in die Geschichte der UNO eingegangen ist, in der Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung bezeichnet und der Staat Israel in eine Reihe mit dem Apartheid-Regime in Südafrika gestellt wurde. In Ruth Beckermanns Film sieht man den israelischen UN-Botschafter und späteren israelischen Staatspräsidenten, Chaim Herzog, der seine Rede vor der UN-Vollversammlung mit folgenden Worten beendete: »For us, the Jewish people, this resolution based on hatred, falsehood and arrogance, is devoid of any moral or legal value. For us, the Jewish people, this is no more than a piece of paper and we shall treat it as such.« Und dann zerriss Herzog das Resolutionsdokument. Die Resolution wurde 1991 wieder zurückgenommen. Ja, und da war auch der Besuch des UN-Generalsekretärs in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1973. Waldheim weigerte sich, beim Totengebet eine Kippa aufzusetzen, wie es das jüdische Ritual verlangt – das Wohlwollen in der arabischen Welt war ihm wichtiger als der Respekt vor den Opfern. Israel zog daraufhin kurzfristig seinen Botschafter aus Wien ab.

Anfang Februar 1988 legte die internationale Historikerkommission, die von der Österreichischen Bundesregierung im Lichte der anhaltenden Proteste gegen Kurt Waldheim eingesetzt wurde, ihren Bericht vor. In den »Zusammenfassenden Schlußbetrachtungen« wurde insbesondere sein Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen nachdrücklich kritisiert:

»Bei der Prüfung der Frage, wieweit bei Waldheim von einer Mitschuld am Kriegsunrecht gesprochen werden muß, ist von der im Bericht vielfach festgestellten Tatsache auszugehen, daß dieser in seinen Stabsfunktionen auf dem Balkan, trotz eines niedrigen Ranges, sicher weit mehr als nur ein zweitrangiger ‹Kanzleioffizier› war. Auch wenn er als Subalternoffizier in Stabsstellungen keine Exekutionsbefugnisse hatte, war er dank seiner Bildung und seinem Wissen sowie infolge der Einblicke, die er als Dolmetscher in die entscheidenden Führungsvorgänge erhielt, besonders aber aus seiner Tätigkeit im zentralen Nachrichtendienst seiner Heeresgruppe und seiner örtlichen Nähe zu den Geschehnissen hervorragend über das Kriegsgeschehen orientiert. Aus einer beträchtlichen Anzahl von Lageberichten und Kriegstagebuch-Eintragungen, die er entweder selbst verfaßt oder die über seinen Schreibtisch liefen, und insbesondere im Zusammenhang mit der Erarbeitung jener Lageberichte, die er mehrfach in den Chefbesprechungen auf Heeresgruppenebene vorgetragen hat, erhielt er einen tiefen und umfassenden Einblick in die Verhältnisse an den Fronten und namentlich auf dem Balkan. Auch wenn sein persönlicher Einfluß auf den Entscheidungsprozeß der obersten Führung (im Südosten) einerseits von seinen Widersachern etwas überbewertet worden ist und andererseits von seinen Verteidigern allzu sehr herabgemindert wurde, war Waldheim doch häufig in diesen Besprechungen zugegen, wirkte an diesen mit und war folglich einer der besonders gut orientierten Stabsangehörigen. Dabei waren seine allgemeinen Einblicke umfassend: sie bezogen sich nicht nur auf die taktischen, strategischen und administrativen Anordnungen, sondern schlossen in einigen Fällen auch die Handlungen und Maßnahmen ein, die im Widerspruch zum Kriegsrecht und den Grundsätzen der Menschlichkeit standen. (..) Waldheims Darstellung seiner militärischen Vergangenheit steht in vielen Punkten nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Kommissionsarbeit. Er war bemüht, seine militärische Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und sobald das nicht mehr möglich war, zu verharmlosen. Dieses Vergessen ist nach Auffassung der Kommission so grundsätzlich, daß sie keine klärenden Hinweise für ihre Arbeit von Waldheim erhalten konnte.«

Da Kurt Waldheim den Bericht der Historikerkommission als »umfassende Entlastung« wertete, gingen die Wogen neuerlich hoch. Die SPÖ forderte geschlossen seinen Rücktritt, und Simon Wiesenthal, der Waldheim zuvor wiederholt gegen Kriegsverbrecher-Vorwürfe verteidigt hatte, deutete den Bericht als »Aufruf an die geistige und kulturelle Elite Österreichs, sich zusammenzutun und den Bundespräsidenten zum Rücktritt zu veranlassen«. Waldheim blieb bei seiner uneinsichtigen Haltung. In einem langen Gespräch, das die beiden ORF-Journalisten Peter Rabl und Hans Benedict nach Vorlage des Berichts der Historikerkommission mit ihm geführt haben, drohte er mit Gesprächsabbruch, weil er »solche Fragestellungen einfach nicht akzeptieren kann«, sah sich weiterhin als Opfer einer Hass- und Lügen-Kampagne und versuchte zb die von den Nazi-Truppen als Vernichtungskrieg geführte »Partisanenbekämpfung« auf dem Balkan (Hitler forderte die »totale Ausrottung der Partisanen«) als »Vergeltungsmaßnahmen« zu relativieren. (Das Gespräch ist in der ORF-TVTHEK zur Gänze nachzusehen.)

Im Jahre 1993, ein Jahr nach Ende der Amtszeit Kurt Waldheims, er verzichtete auf eine Wiederkandidatur, fand der erste offizielle Staatsbesuch eines österreichischen Regierungschefs in Israel statt – 45 Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Bundeskanzler Franz Vranitzky bekannte sich in seiner Rede an der Hebräischen Universität Jerusalem zur »moralischen Verantwortung« Österreichs und bat die Opfer der österreichischen Täter im Namen der Republik um Verzeihung:

»Wir teilen die moralische Verantwortung, weil viele Österreicher den Anschluss begrüßten, das Naziregime unterstützten und bei seinem Funktionieren halfen. Wir dürfen jene nicht vergessen, die unaussprechliche Schicksale erlitten, wir dürfen jene nicht vergessen, die dieses Leiden verursachten, und wir dürfen jene nicht vergessen, die Widerstand leisteten. Wir bekennen uns zu allem, was in unserer Geschichte geschehen ist und zu den guten und schlechten Taten aller Österreicher. So wie wir für unsere guten Taten Kredit fordern, müssen wir für unsere schlechten um Verzeihung bitten– um die Verzeihung jener, die überlebt haben, und um die Verzeihung der Nachfahren der Opfer.«

Kurt Waldheim stand stellvertretend für den verlogenen Umgang einer ganzen Generation mit ihrer NS-Vergangenheit. Sein jahrzehntelanges Weglügen, Relativieren und Verharmlosen seiner Kriegszeit auf dem Balkan (Thomas Bernhard bezeichnete ihn als »Lügenpräsident«), der von ihm und seiner ÖVP offen propagierte Antisemitismus (zB. »die ehrlosen Gesellen des World Jewish Congress«, »eine kleine Gruppe, aber auf die amerikanischen Medien sehr einflussreiche Gruppe«, »Ostküste«, »Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!«) und seine arrogante Verstocktheit, zu keiner Zeit eine Geste der Entschuldigung zu setzen, all das war niederträchtig und unerträglich! Und dennoch habe ich ihn einmal verteidigt: Im Rahmen der Ausstellung, 1945 – Niederlage. Befreiung, Neuanfang, im Deutschen Historischen Museum in Berlin habe ich der Aussage des Guides, Waldheim sei ein SS-Mann gewesen, der schwere Kriegsverbrechen begangen habe, sofort widersprochen und berichtigt.

Nach der Waldheim-Debatte wurde die »Opferthese« durch eine »Mitverantwortungsthese«, zunächst offiziell, auf Ebene der Republik, und allmählich auch im kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung etabliert. Wenn Heidemarie Uhl im Jahre 2008 festgehalten hat, dass »die Berufung auf die Opferthese nur noch eine Minderheitenposition (ist), ein Argument aus dem Museum der Nachkriegsmythen, das in den relevanten gesellschaftlichen Deutungsinstanzen, vor allem auch in der Geschichtswissenschaft, praktisch keinen Rückhalt hat«, dann kann ihr vorbehaltlos zugestimmt werden.

Über die Verringerung der Grausamkeit

Albert Camus fotografiert von Henri Cartier-Bresson

Anfang 1940, mitten im Krieg, beginnt Albert Camus mit der Arbeit an seinem 1947 veröffentlichten Weltroman Die Pest. In der algerischen Stadt Oran krepieren zunächst massenhaft Ratten, und schon bald weisen die ersten Menschen Symptome auf, die auf den Pestbazillus hindeuten, übertragen von den Flöhen der Ratten. Der Arzt Bernard Rieux fordert die Behörden auf, rasch Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Seuche zu ergreifen; die Bürokraten werden aber viel zu spät aktiv – das Sterben hat längst begonnen. Die Stadt wird abgeriegelt, keiner kann rein, keiner kann raus – Ausnahmezustand. Der Priester Paneloux nimmt die Krankheit als Strafe seines Gottes an, aber im Angesicht des Todeskampfes eines kleinen Jungen – der erschütterndsten Passage des Romans – geht er in die Knie und ruft »Mein Gott, rette dieses Kind!«. Seine Klage bleibt ungehört, und der Priester rettet seinen Glauben, im Vertrauen auf die Gnade, die es ihm erlaubt, »zu lieben, was wir nicht verstehen können.« Diese Idee der Unterwerfung unter einen grausamen Willen kann und will der Arzt nicht gelten lassen: »Ich habe eine andere Vorstellung von der Liebe. Und ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden. (…) Da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es für Gott vielleicht besser, dass man nicht an ihn glaubt und mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu diesem Himmel zu erheben, in dem er schweigt.« Auch wenn Rieux in der Pest »eine Niederlage ohne Ende« sieht, muss er weiter machen, aus Mitgefühl.

»Leben heißt Handeln.« Diesen Satz schrieb Camus in einem seiner philosophischen Essays. Ein Satz, der gewissermaßen als Motto über seinem gesamten Werk stehen könnte. Man kann Die Pest als Allegorie auf die »braune Pest« lesen, also auf die Nazis, und, ganz generell, auf alle Formen totalitärer Regime. Als atheistischer »Existenzialist«, der später von dieser Zuschreibung gar nicht mehr so viel wissen wollte, blieb Camus, der den Begriff »des Absurden« geprägt hat, gegen jedwede Form politischer Heilslehren zeitlebens immun – ganz im Unterschied zu Jean-Paul Sartre –, weil er wusste, dass diese in der Barbarei enden. Gerade weil wir ungefragt in eine Welt kommen, deren einzige Gewissheit darin besteht, dass wir sterben müssen, folgerte Camus, dürften wir keine Zeit verlieren, nicht sinnlos in einer absurden Welt nach Sinn suchen oder uns in Hoffnungen flüchten, sondern wir müssten im Hier und Jetzt leben, in der radikalen Gegenwart, und die Verantwortung eines solchen Lebensentwurfes könne einzig im ganz konkreten Tun für andere liegen. Liebe und Solidarität sind die Zauberwörter, und es kann nur um die Vermeidung bzw. Linderung von Leid und Schmerz gehen – und es wird keine ewigen Siege für uns geben.

Kürzlich bin ich auf ein Interview in der NZZ gestoßen, in dem die Philosophin Mary Rorty den Kern des Denkens ihres Mannes, des Philosophen Richard Rorty, mit folgenden Sätzen umreißt, Sätze, die, wie ich meine, auch auf Albert Camus zutreffen:

»Für meinen Mann war die Reduktion der Grausamkeit das höchste Ziel seines philosophischen Engagements. Es ging ihm nicht um irgendwelche subjektiven oder objektiven Wahrheiten als solche, denn die Frage war für ihn immer, was in einer bestimmten Situation geboten ist. Richard war kein Metaphysiker, sondern ein praktischer Philosoph. In dieser Sicht ist das, was die Grausamkeit verringert, stets besser als das, was die Grausamkeit aufrechterhält oder gar erhöht – das ist ein verlässliches Kriterium.«

Erregung über Handke

Als der Essay, Gerechtigkeit für Serbien. Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa, in der Süddeutschen Zeitung (in zwei Teilen, am 5./6. und am 13./14. Jänner 1996) erschienen ist, habe ich das nicht wahrgenommen, aber das Erscheinen in Buchform (Februar 1996) blieb mir nicht mehr verborgen und ich habe das Buch dann im Frühling desselben Jahres gelesen, folglich zu einer Zeit, als das Getöse im Feuilleton schon etwas abgeflaut war, wobei dieses, im Vergleich zum Social-Media-Gemeuchle von Heute, beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich ging. In meinen Unterlagen findet sich folgender Eintrag von damals (März 1996):

Die Empörung der journalistischen Zunft gegen den Essay von Peter Handke, der eine Reise nach Serbien zum Thema hat, liegt meines Erachtens nach nur zum Teil an den Inhalten, auch wenn die fundamentale Kritik an den »Fernfuchtlern«, wie er die Journalisten bezeichnet, an ihrer Sprache, ihren Bildern und Urteilen über den Jugoslawienkrieg, diese sicherlich nicht entzückte. Ich denke, was diese noch viel stärker in Erregung versetzte, ist die literarische Form, in der Handke seine Kritik »öffentlich« zum Ausdruck bringt, noch dazu im journalistischen Feld, in der Zeitung. Diese poetische Form ermöglicht auch einen anderen Blick auf die mediale Darstellung des Jugoslawienkrieges, der, wie jeder Krieg – jenseits des Schreckens auf den Schlachtfeldern – immer ein Krieg der Bilder ist. Handkes bedächtig vorgetragener, aber beharrlicher Blick ist ein gänzlich unjournalistischer Blick. Seine poetischen Betrachtungen von serbischen (jugoslawischen) Dörfern und Flusslandschaften, seine Beschreibungen von Begegnungen mit Menschen, die er trifft, von der Versorgungslage mit Lebensmitteln und sonstigen Gütern, sind Streifzüge durch die Peripherie, keine Frontbesuche, diese Bilder sind Kontrastbilder zu den medialen Bildern, die in den Zeitungsredaktionen und Fernsehstudios in Wien, Berlin und Paris und sonst wo in Europa fabriziert werden, und diese Bilder kommen, im Gegensatz zu jenen, gänzlich ohne Schuldzuweisungen aus. Handkes »Skandal« besteht darin, dass er den besserwisserischen Welterklärern in der Rolle des Dichters entgegentritt und diese mit scheinbar naiven Fragen konfrontiert. Dass das Ganze zum Furor gegen ihn geworden ist, hängt damit zusammen, dass er sein Entgegentreten immer nur als dichtender Akteur praktiziert, also immerzu auf seinen Text verweist, und sich jedweder Debatte verweigert, weil er diese als zutiefst verlogene (der einzig Schuldige steht längst fest) erkannt hat. Wenn Handke bei der Lesung im Akademietheater mit anschließender Publikumsbeteiligung auf die Äußerung eines Mannes aus dem Publikum, wäre er in Sarajevo gewesen, wäre er wohl »betroffener«, diesem ein »stecken sie sich ihre Betroffenheit in den Arsch« entgegenschleudert, dann manifestiert sich darin nicht nur die trotzige Haltung eines Mannes, dem vorgeworfen wird, in einem Bürgerkrieg Partei für die falsche Seite ergriffen zu haben, sondern auch das Wissen, dass jene, die ihm Parteilichkeit anlasten, von Anbeginn an kein Interesse an Jugoslawien, an den Motiven und Gründen und den Folgen des Krieges hatten und einzig die Serben für das Schlachten verantwortlich machen. Seine Wut auf dieses moralische Heuchlertum ist mehr als nachvollziehbar.

Soweit mein Eintrag aus jenen Tagen der Erregung, erkennbar auch im Erregungszustand zu Papier gebracht.

Jetzt fand ich das Transkript dieses Abends im Akademietheater (18. März 1996), von Konkret Online unter dem schönen Titel Handke und die Arschlöcher ins Netz gestellt (und mittlerweile leider herunter genommen) auf den ich dereinst Bezug genommen habe – da ich nicht dort war, kannte ich nur jene Passagen, die dann im Fernsehen zu sehen waren. So erfahre ich jetzt, was ich auch nicht wusste (wohl vergessen habe), dass es – nach der Lesung aus dem Text Gerechtigkeit für Serbien – ein anschließendes Gespräch zwischen den drei Peters (Turrini, Huemer und eben Handke) und dem Publikum gegeben hat. Handke, das kann man in einem kurzen Ausschnitt in einem YouTube-Video von diesem Abend sehen, geht auf der Theaterbühne hin und her, und er wirkt angesichts der Fragen aus dem Publikum (Warum er nicht nach Bosnien gefahren ist? Nicht nach Sarajewo? Warum nach Serbien?) zunehmend gereizt und angewidert. Grandioser Schluss: Auf den Vorhalt aus dem Publikum, so könne er sich nicht verhalten, er befinde sich doch im »öffentlichen Raum«, antwortet Handke: »So geht das!«

All die achtlos hingeworfenen oder in böswilliger Absicht verbreiteten Unterstellungen (zB Genozidleugner, Geschichtsrevisionist, etc.), die sich seit der Bekanntgabe und rund um die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke in diversen Kommentaren – von den Infamien in den Social Media Plattformen ganz zu schweigen – in deutschsprachigen und internationalen Medien finden, sollte man am besten mit Nichtbeachtung strafen, und sich darüber freuen, dass es auch andere Stimmen gibt, die zwar nicht so laut sind, aber doch hörbar vernommen werden können (zB der Offene Brief Österreichischer Literaten, in dem diese die »Anti-Handke-Propaganda« verurteilen oder ein großartiger Standard-User-Blog-Kommentar von Ortwin Rosner, der das Grundübel der sogenannten Debatte auf den Punkt bringt: Viele können nicht lesen bzw. wollen offenbar immer nur eine eindeutige Lesart akzeptieren und sind unfähig, Ambivalenzen auszuhalten!) und vor allem Handke im Original (nach)lesen.


Gelassen bleiben

Beim Stöbern in alten Unterlagen fand ich einen Zettel, auf den ich u.a. folgenden Satz notiert hatte: »Turrini sagt, bei Im Gespräch bei Huemer, ihm sei die Welt abhandengekommen (Februar 1993)«.

Da ich null Erinnerung an dieses Gespräch hatte, recherchierte ich im Netz und bin auf der Website der Österreichischen Mediathek fündig geworden. Es fand im Rahmen der Ö1-Sendereihe Im Gespräch statt, kurz nach der Uraufführung von Peter Turrinis Stück Alpenglühen am Burgtheater in der Inszenierung von Claus Peymann. Der Autor schildert sehr eindringlich, dass er sich angesichts der »Widergabe der Realität in den Medien« zunehmend außerstande sehe, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. In diesem Sinne, aber auch, wie er eingestand, angesichts des Verlustes an politischen Konzepten infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus, sei ihm »die Welt abhandengekommen«. Er erzählt vom Aufwachsen in einer »bildlosen Welt«. Um begreifen zu können, was um ihn herum vorging, musste er sich selbst Bilder ausdenken, weil es – außer den Nazibildern – keine Bilder gab, weder politische, noch aufklärerische, noch soziologische Bilder. »Um mich herum war nur Schweigen.« Als er in einem Wirtshaus die Erstausstrahlung des Der Herr Karl von Qualtinger/Merz sehen konnte, habe das zu seiner Politisierung beigetragen. Auch an Bilder aus dem Vietnamkrieg könne er sich noch ganz genau erinnern. Jetzt sei das völlig anders: Er könne Bilder aus dem Jugoslawienkrieg nicht mehr sehen, weil er weder als politischer Mensch, noch als Konsument darauf adäquat reagieren könne, löse sich in dieser Bilderflut doch alles auf und verkomme jedwede kritische Äußerung auf einen Impuls. »Welche Wirkung hat es noch, wenn die kritische Aussage zwischen Fischstäbchen, jugoslawischen Leichen und Tschibo-Kaffee eingebettet wird«.

Peter Huemer erinnert Turrinis Kritik an der Fernsehbilderüberflutung an Günther Anders‚ These von der Welt als Phantom und Matrize, die dieser in seinem Werk Die Antiquiertheit des Menschen (1961) explizit am Fernsehen zu erläutern versuchte. Das Fernsehen, so Anders, produziere eine Welt, die weder die Realität widerspiegle noch das Abbild davon (Phantom). Vielmehr schaffe es ein Pseudo-Abbild, das zu einer neuen Wirklichkeit (Matrize) werde, die zwischen Sein und Schein liege, wodurch die Menschen nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden könnten. Huemer versucht Anders/Turrini zu entkräften mit dem Verweis auf den Club 2 der späten 1970-er Jahre bzw. auf dessen Gestalter, die zu jener Zeit vom kritisch-aufklärerischen Potential dieser Sendung völlig überzeugt waren. Später mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass sie sich getäuscht haben. Der Trugschluss rührte daher, dass das Publikum in seiner Mehrheit darin immer nur den Unterhaltungsaspekt gesehen habe, wäre es nicht so, gäbe es auch nicht so viele Talkshow-Formate bei den Privatsendern.

Das Gespräch fand, wie erwähnt, vor über 25 Jahren statt, zu einer Zeit, in der in Österreich noch der ORF als Monopolist agierte, in nur sehr wenigen Kabel- oder Satelliten-Haushalten einige deutsche Privatfernsehkanäle zu empfangen waren und das Internet lediglich eine Sache für Nerds war, um einen Begriff zu verwenden, den es damals noch gar nicht gab.

25 Jahre danach sieht Bernhard Pörksen in der digitalen Medienwelt Die große Gereiztheit. Der deutsche Medienforscher beschreibt darin anhand konkreter Beispiele, dass große Bevölkerungsteile von Dauererregung, Hysterie oder Paranoia erfasst werden, die zu Orientierungslosigkeit führe, weil viele Menschen im Lichte der ungeheuren Flut an sinnentleerten Informationen, Nachrichten und der Gleichrangigkeit von Meinungen und Wahrnehmungen, nicht mehr wüssten, wem und was sie noch glauben können. Sein Lösungsmodell für den Umgang mit der medialen Kakophonie ist die »redaktionelle Gesellschaft«, in der der Einzelne gleichsam zum investigativen Journalisten, Medienerziehung als eigenes Unterrichtsfach etabliert und die Social Media Plattformen transparenter werden sollten.

Nun ja, ich gestehe, ich verweigere mich der Welt der Social Media, soweit das eben geht – ich kann darin nur die »Tyrannei der Intimität« erkennen, um den amerikanischen Soziologen Richard Sennett zu zitieren, der mit diesen Worten den Einbruch des Privaten in die öffentliche Sphäre bereits in den 1970-er Jahren beschrieben hat –, bleibe medialen Hervorbringungen gegenüber skeptisch und orientiere mich ansonsten eher an der großen Gelassenheit, wie sie etwa der deutsche Publizist und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem brillanten Essay, Das digitale Evangelium, auf Spiegel Online am 10. Jänner 2000 veröffentlicht, zum Ausdruck bringt. Er nimmt darin die diversen Digitalisierungsprophezeiungen jener Zeit – Freunde des Kaffeesudlesens konnten sich an einem reichlichen Buffet aus Weltuntergangsszenarien und Erlösungsphantasien bedienen – und auch eigene medientheoretische Überlegungen der letzten Jahrzehnte selbstironisch aufs Korn. Der Essay läuft auf den letztlich beruhigenden Schlussakkord hinaus, der auch als Antwort auf alle Mediendystopien zu verstehen ist:

»Die Fähigkeit, eine Pfeife vom Bild einer Pfeife zu unterscheiden, ist weit verbreitet. Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.«

P.S. Noch eine hübsche Geschichte aus dem hörenswerten Gespräch zwischen Turrini und Huemer: Turrini spricht über sein Frauenbild, das er als »zutiefst katholisch ruiniert« bezeichnet. Er erzählt, dass die ersten Frauenerfahrungen für Buben am Land sehr häufig im Rahmen der Messe stattfanden, wo auch Klosterschülerinnen waren. Während von oben, von der Kanzel herab, der Priester von Gott sprach, schlichen unten die Ministranten, er war einer von ihnen, zwischen den Bänken umher, um »das Weibliche« zu riechen. Seither, so Turrini, »ist der Fudgeruch und der Weihrauchgeruch für mich auf das Herrlichste miteinander verbunden.«


Maschinentheater oder der Holzhammer im Theater

»Ich, Sohn des Zeus, Dionysos, einst von Semele empfangen,
Kadmos‘ Tochter, deren Schoß der Strahl des Blitzes löste,
komme her ins Theberland …«

Der griechische Gott Dionysos (bei den Römern hieß er Bacchus) kehrt in Menschengestalt in seinen Geburtsort Theben zurück, um sich an seiner Verwandtschaft zu rächen, weil diese Zweifel an seiner Göttlichkeit gesät hatten. Er und seine Anhänger, die Bakchen, zerstören zunächst den Königspalast und morden alsdann den jungen König.

Soweit, in aller Kürze, der Plot von Euripides‘ Die Bakchen, etwa 400 v.Chr. geschrieben.

Dionysos gilt in der griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Dionysos steht für das Rauschhafte, für die Triebe, für all das, was wir Menschen immer schon faszinierend und bedrohlich zugleich empfinden, er ist folglich Erlöser und Monster zugleich.

Die Nazis haben in ihrem »Willen zur Macht« das »Dionysische« in Stellung gebracht gegen alles, was sie verabscheut haben und aus der Welt schaffen wollten – unter Plünderung des oft widersprüchlichen Schrifttums Friedrich Nietzsches, der etwa in seinem frühen Werk, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, dem rauschhaft-vitalen »Dionysischen« gegenüber dem ästhetisch-meditativen »Apollinischen« den Vorzug gegeben hat.

Eine gewaltige Hydraulikmaschine, die sich in den folgenden zwei Stunden bis zur Pause der Stück-Inszenierung von Ulrich Rasche langsam drehen und rauf und runtergehen wird, füllt die Bühne des Burgtheaters beinahe zur Gänze aus. Auf dieser Maschine, genauer, auf mehreren Laufbändern, schreiten die mit Headsets ausgestatteten Protagonisten gegen die Laufrichtung der Bänder an. Unablässig schreiten sie im immer gleichen Rhythmus, dabei Wörter abgehackt skandierend, Parolen brüllend (»Wir holen uns unser Land zurück«), und da dieses Brüllen gegen permanente Paukenschläge und Geigen Gefiedel anzukämpfen hat, ist mein Versuch, den Text zu verstehen, ein sinnloses Unterfangen. Aber das ist bei dieser Inszenierung ohnehin völlig egal. Denn nach wenigen Minuten, also nach dem Eingangsmonolog des Dionysos, dargebracht von Franz Pätzold, dem aus München mitgereisten Kušej-Starschauspieler, dessen Stimme sich in meinem Hirn sofort festgesetzt hat, den Auftritten seines Widerparts, des Königs von Theben, und der Bakchen, einer kriegerischen 19-köpfigen Chortruppe, ist völlig klar, was der Regisseur dem Publikum sagen will: Seht her, so sind die Rechtsextremen, alles niederbrüllend, gewalttätig und monströs-gefährlich, so sind sie, die Bewegungsführer von Pegida, AfD, FPÖ, Identitären etc. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis!

Rasche mache »Maschinentheater«, wie es heißt, er synchronisiere Sprache, Bewegung und Musik und unterwerfe alles einem Rhythmus. Rasche macht Theater mit dem Holzhammer. Wir haben nach der Pause die Flucht ergriffen.

Die Wahrheit einer falschen Welt

»Was ist der Preis der Lüge? Das wir die Lüge für die Wahrheit halten könnten? Die eigentliche Gefahr ist doch die: Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr! (…) Die da oben glauben, eine gerechte Welt sei eine heile Welt.«

Noch wissen wir nicht, wer der Mann ist, der auf einem Stuhl in einer Küche sitzt, eine Zigarette raucht und diese Sätze in ein Tonbandgerät spricht, sodann die Bänder in Zeitungspapier hüllt und anschließend im Innenhof der Wohnhausanlage hinter einem kleinen Fenster versteckt. Wieder in der Wohnung zurück zündet er sich abermals eine Zigarette an, unser Blick fällt auf ein Taschentuch mit Blutsputum und auf eine Katze. Dann ein kurzer Ruck. Der Mann hat sich erhängt.

Mit dieser Szene beginnt die amerikanisch-britische HBO-Miniserie Chernobyl – fünf Teile, jeweils rund eine Stunde lang –, die im Mai/Juni 2019 von Sky Atlantic im deutschsprachigen Raum erstmals ausgestrahlt wurde, und die ich nun, dank C., der mir die Files zukommen ließ, sehen konnte.

Bald erfahren wir, dass es sich bei dem Mann um den Chemiker Waleri Legassow handelt, der sich am 26. April 1988 das Leben nahm, also auf den Tag genau zwei Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 der Kernkraftanlage in Tschernobyl. Am Unfalltag wurde er zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR, Boris Schtscherbina, von Generalsekretär Michail Gorbatschow von Moskau nach Tschernoyl beordert, um die Sicherungsmaßnahmen vor Ort zu koordinieren. Später fungierte er als Leiter eines Komitees, das die Ursachen der Katastrophe untersuchen sollte.

Ein Test, der beweisen sollte, dass auch bei vollständigem Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors noch genügend Energie intern produziert werden könnte, um die Kühlsysteme weiterhin am Laufen zu halten, geriet zum Desaster. Die durch die Explosion in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl, und in vielen angrenzenden Ländern kam es zu einer erheblichen Strahlenbelastung. Nach der Katastrophe begannen sogenannte »Liquidatoren« mit der Dekontamination vor Ort, und um den offenen Reaktorkern, aus dem kontinuierlich Radioaktivität austrat, wurde bis November 1986 ein aus Stahlbeton bestehender provisorischer Schutzmantel gezogen, ein »Sarkophag«.

Legassows Untersuchungskomitee sollte später feststellen, dass zum einen Angestellte des Kraftwerks gravierend gegen Sicherheitsauflagen verstoßen haben – in einem Prozess wurde der für den Test verantwortliche Schichtleiter, Anatoly Dyatlov, wegen »kriminellen Missmanagements« zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, nach fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassen (1995 erlag er den Folgen eines Herzinfarktes); und zum anderen, dass der in Tschernobyl verwendete Kernreaktortyp für diese Simulation ungeeignet war. So wusste der Geheimdienst seit rund 10 Jahren, dass das Auslösen der Stopptaste zwangsläufig zur Explosion führen musste, ein Wissen, das aber unter Verschluss gehalten wurde. Gemäß KGB-Vorgaben durfte Legassow in seinem Bericht vor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien darüber kein Wort verlieren. Einzig Dyatlov und die ihm unterstellten Mitarbeiter, die kurz nach der Explosion infolge der Verstrahlung verstorben sind, wurden der offiziellen Sprachregelung zur Folge als für den Unfall Verantwortliche ausgegeben. Dyatlov hat 1991, nach dem Ende der Sowjetunion, in einem Artikel die technischen Implikationen, die zur Katastrophe führten, offengelegt.

Erinnerungen können bekanntlich trügerisch sein: Ich dachte, der damalige SPÖ-Gesundheitsminister Franz Kreutzer hätte den 1. Mai-Aufmarsch in Wien behördlich verboten. Jetzt habe ich nachgelesen, dass er vor »Panik« gewarnt hat und wenig später für die Nichtabsage kritisiert wurde. Die radioaktive Wolke, die zunächst über Skandinavien – die Schweden waren die ersten, die Alarm schlugen – und dann südwärts zog, erreichte Österreich rund 80 Stunden nach der Explosion. Ich weiß, dass wir in den Tagen danach, als eine erhöhte Belastung von Cäsium-137 und Jod gemessen wurde, den amtlichen Empfehlungen, längere Aufenthalte im Freien zu meiden und die Fenster geschlossen zu halten, nachgekommen sind. Nach wie vor, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, werden auch hierzulande erhöhte Werte an Cäsium-137 und Jod vor allem in Eierschwammerl und Wild nachgewiesen.

Ich kann mich auch an TV-Bilder von der Evakuierung der in der Nähe von Tschernobyl gelegenen Stadt Prypjat erinnern, wenngleich ich diese erst viel später gesehen habe. Die eigens für die Arbeiter des Kernkraftwerks und deren Familien errichtete Stadt wurde 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert. Mit etwa 1 200 Bussen sind die rund 80 000 Bewohner innerhalb von zweieinhalb Stunden weggebracht worden. Günstige Windverhältnisse verhinderten das Schlimmste: die stärkste Kontaminierung der Stadt durch radioaktive Niederschläge fand glücklicherweise erst in den Tagen nach der Evakuierung statt. Die Region rund um Prypjat ist bis heute eine vom Militär gesicherte Sperrzone, die seit 2011 für »Touristen« geöffnet ist. Wikipedia entnehme ich, dass auf Grund der HBO-Serie die Besuche in der Region um 30-40% zugenommen haben. Wir leben in einer Welt, in der alles verwertet wird.

Michail Gorbatschow hat angeblich einmal gesagt, im Grunde hätte Tschernobyl das Ende der Sowjetunion besiegelt. Der Film zeigt ein paranoides Machtsystem, basierend auf Kontrolle und Repression, eine Angstglocke, unter der die Beschönigung, Vertuschung und Lüge zum Normalzustand jedweder Existenz gehört. Wer in einem solchen System überleben will, kann in der Regel nicht Klartext reden, denn würde er dies tun, wäre er nicht mehr da.

Einige unvergessliche Szenen der Serie, die in der Bildsprache, an die großen Meisterwerke Andrei Tarkowskis erinnern:

Feuerwehrmänner, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe ohne Schutzkleidung völlig sinnlose Löschversuche mit Wasser vornehmen, krepieren wenige Tage danach unter entsetzlichen Schmerzen, ihre Körper sind von der radioaktiven Strahlung völlig entstellt. Die Toten werden in Metallsärge gesteckt und in Massengräbern beigesetzt. Unmittelbar nach der Beisetzungszeremonie wird aus den bereits wartenden Betonmischern Fließbeton auf die Särge gegossen, um diese mit einem Betonmantel zu versiegeln.

Krankenschwestern tragen die verstrahlte Kleidung der Feuerwehrmänner in den Keller des Krankenhauses, wo sie auf einen Haufen geworfen werden, der angeblich noch heute vorhanden ist. Die kurze Berührung der kontaminierten Kleidung verbrennt ihre Hände.

Das Zentralkomitee in Prypjat meldet in einer ersten Reaktion nach Moskau, es sei »alles völlig unter Kontrolle«. In der anschließenden Sitzung der Ortsfunktionäre der kommunistischen Partei im atomsicheren Bunker berichtet ein Funktionär von den Brandwunden der Feuerwehrmänner und fordert die Evakuierung der Stadt. Ein langjähriger Parteifunktionär erhebt sich, weist auf den offiziellen Namen des Kernkraftwerks hin, »Wladimir Iljitsch Lenin«, und sagt: »Und wenn der Staat uns sagt, die Situation sei nicht gefährlich, dann hören wir auf ihn. Wir riegeln die Stadt ab und kappen die Telefonleitungen. Das ist unsere Möglichkeit zu glänzen.« Das vermeintliche Lob des Moskauer Parteiapparats lässt die örtlichen Funktionäre begeistert applaudieren.

Erste Löschversuche mit einem Gemisch aus Sand und Bor, das von Hubschraubern auf den offenliegenden Reaktorkern abgeworfen wird – der erste Hubschrauber fliegt zu nahe zur Rauchwolke, die Strahlung zerstört die Systeme, die Maschine stürzt ab –, zeitigen erste Erfolge. Eine aufmerksame Atomwissenschaftlerin, die im Film stellvertretend für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Experten steht, die zu Sicherungsmaßnahmen beigezogen wurden, erkennt, dass die Wassertanks – entgegen ersten Annahmen – vollgefüllt sind. Sollte Sand-Lava (durch die Hitze im Kern wird das Sand-Bor-Gemisch zu einem Lava-ähnlich Stoff) eintreten, käme es zur Erhitzung des Wassers und zu einer gewaltigen Folgeexplosion, die alle Reaktoren in Tschernobyl in die Luft fliegen ließe, mit unvorstellbaren Folgen: Die gesamte Ukraine und Weißrussland bliebe für immer unbewohnbar. 60 Millionen Menschen müssten evakuiert werden, weite Teile Osteuropas wären kontaminiert. Um das zu verhindern, müssen drei Kraftwerksmitarbeiter gefunden werden, die sich durch das kontaminierte Wasser bis zu den Schleusen vorarbeiten und diese öffnen, um das Wasser abpumpen zu können. Gorbatschow gibt den Befehl – im Film mit den Worten: »Jeder Sieg hat noch immer seinen Preis verlangt!« –, der den sicheren Tod der Arbeiter bedeutet.

Bergarbeiter werden geholt, um einen 150 Meter langen, 12 Meter unter dem Reaktorkern gelegenen Tunnel zu graben, zur Anbringung eines Wärmetauschers. Die Hitze beträgt 50 Grad. Wegen der Strahlung können keine Ventilatoren verwendet werden. Die Bergarbeiter arbeiten nackt. Im Abspann werden wir erfahren, dass von den rund 400 Bergarbeitern schätzungsweise 100 vor ihrem 40. Lebensjahr gestorben sind.

Die sowjetischen Behörden ersuchen deutsche Unternehmen, einen Roboter für die Räumung des radioaktiv verseuchten Schutts und der Graphitblöcke bereitzustellen. Da sie einen deutlich geringeren Strahlungswert weitergeben, ist der gelieferte Roboter der tatsächlichen Strahlenbelastung nicht gewappnet – die enorme Radioaktivität zerstört die Maschine. Jetzt müssen »Bioroboter« ran, also Menschen, die das strahlende Material mit Schaufeln vom Dach des Kontrollgebäudes in den Reaktorkern befördern, was für die »Liquidatoren« den sicheren Tod bedeutet.

Eine alte Bäuerin melkt ihre Kuh. Ein Soldat, der das verstrahlte Tier erschießen muss, fordert sie auf, wegzugehen. Die Bäuerin entgegnet ihm, dass sie seit ihrer Geburt auf dem Hof sei, die Revolution, die bolschewistische Kollektivierung, den Holodomor unter Stalin und den 2. Weltkrieg überlebt habe. Jetzt, als alte Frau, werde sie sicher nicht vor etwas, das sie nicht einmal sehen könne, weggehen. Der Soldat zieht sie weg und erschießt die Kuh.

Ein junger Soldat muss gemeinsam mit zwei Afghanistan-Veteranen alle Tiere, die sich in der Sperrzone befinden und kontaminiert sind, erschießen. Sie durchkämmen die verlassene Stadt und knallen auf jeden Hund und jede Katze, die ihnen vor die Flinte kommen. In einer Wohnung sieht er eine Hündin mit drei Welpen. Er kann nicht schießen und geht hinaus.

In einer der letzten Szenen des Films konfrontiert der Vizedirektor des Geheimdienstes Legassow mit seiner eigenen Biografie. Er erinnert ihn daran, dass er sich im Atominstitut nach dem Krieg gegen die Beförderung jüdischer Wissenschaftler ausgesprochen habe, um sich »uns anzubiedern«, und offenbart ihm, dass seine Aussage im Prozess – Legassow erwähnte auch die technischen Mängel, die zur Explosion geführt haben – nicht zugelassen werde, »es hat sie nicht gegeben!«. Erst nach Legassows Selbstmord sind die anderen Reaktoren vergleichbaren Typs in der Sowjetunion nachgerüstet worden.

Den wenigen Wissenschaftlern und Parteifunktionären, die trotz allem an Fakten sich orientierten und gegen alle Widerstände standhaft geblieben sind (Folge von Gorbatschows ein Jahr zuvor ausgerufener »Glasnost«?), und den Feuerwehrmännern und Bergarbeitern, die sich aufgeopfert haben, um noch weitaus Schlimmeres zu verhindern, wird mit dieser Miniserie ein bleibendes filmisches Denkmal gesetzt. Dass ein derartiger »katastrophaler Unfall«, wie die Kernschmelze im Fachjargon der Atombehörden bezeichnet wird, kein singuläres Ereignis blieb, hat uns die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011 vor Augen geführt. In Japan gab es vor der Katastrophe genügend Warnungen vor den Risiken des verwendeten Reaktortyps, ebenso Hinweise auf Konstruktionsmängel der Anlage, sowie unzureichenden Schutz vor Erdbeben und Tsunamis, von fehlenden Kontrollen gar nicht zu reden. Die Betreiberfirma Tepco und die japanischen Atomaufsichtsbehörden wiegelten ab und ignorierten die meisten Hinweise – ein sehr »sowjetisches« Verhalten.

In seinem Essay Entbergung und Konstruktion, in dem er sich mit den Potentialen der Kunst in der modernen, rationalisierten Welt beschäftigt, bringt der Philosoph Rudolf Burger luzide zum Ausdruck, dass die »Wahrheit einer falschen Welt« nicht mehr in der Kunst erhellt wird, sondern nur noch in der technischen Katastrophe, im Scheitern des technischen Experiments. Ausgehend von der Explosion der Challenger-Raumfähre schreibt er folgende Sätze:

»Die wahre Katastrophe ist das Gelingen des Programms, nicht der Absturz von ein paar Astronauten, der jenes zumindest ein bisschen bremste. (…) Wenn die Welt als solche zum technischen Fall zu werden droht, zum sogenannten Ernstfall, als ob sie jetzt heiter wäre, dann zuckt eine perverse Schönheit im Un-Fall auf, der den logischen Gang der Dinge unterbricht. (…) Ist er vorbei, so geht die Geschichte weiter, in ihrem gewohnt-gewöhnlichen Trott. Und doch leuchtet in ihm so etwas wie Wahrheit auf: die Wahrheit einer falschen Welt. (…) Und das Erhabene der Natur, vor dem die Menschen erschauern, weil es gerade noch verschmäht, sie zu zermalmen, ist in Zeiten der Postmoderne nicht mehr wie im Jahrhundert Kants der Eisberg oder die unendliche Wüste, das aufgewühlte Meer oder das Gebirge im Gewitter: es ist Tschernobyl.«


Rückkehr nach Reims

In seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims erzählt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon von der Klassengesellschaft und insbesondere von den Folgen »sozialer Reproduktion«, die sich in Körper und Psyche der Angehörigen der unteren Schichten – die »Arbeiterklasse« zu nennen, sich die linken Parteien seit Jahrzehnten abgewöhnt haben – lebenslänglich einschreiben.

Wiewohl er um diesen sozialen Skandal immer wusste, gelang ihm die präzise Beschreibung, was er aus Menschen macht, was er aus ihm und seiner Familie gemacht hat, erst Jahrzehnte nach seinem Weggehen, nach seinem Bruch mit dem homophoben Vater und dessen Herkunftsmilieu. Er deutet diesen Bruch nicht psychologisch, sondern soziologisch:

»Ich habe es meinem Vater immer übel genommen, dass er genau das war, was er war, diese Verkörperung einer Arbeiterwelt (…). Der Schrecken, der mich damals packte, ging nicht von der handelnden Person aus, sondern von dem sozialen Umfeld, das solche Handlungen ermöglichte.«

Nach prekären Anfängen, immer wieder vom Scheitern bedroht, konnte er sich über die Jahre als Publizist und Theoretiker der Schwulenbewegung etablieren. Eribon beleuchtet diesen Aufstieg, der nur um den Preis der völligen Verleugnung der Herkunft möglich war, und er macht deutlich, wie das, was er für eine autonome und selbst gewählte Entscheidung erachtete (die Wahl des Studienortes, der Fächer, der Professoren etc.), nichts anderes war als »soziale Reproduktion«. Als Erster und Einziger in der Familie, der studierte, verfügte er über keinerlei »Kapital« (im Bourdieu’schen Sinn weder ökonomisches, noch soziales oder kulturelles), und klarerweise auch nicht über Beziehungen und Netzwerke, die für Angehörige der herrschenden Klasse selbstverständlich sind. (»Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind.«) Letztlich verhinderten nur Zufälle sein Scheitern.

Sein Fazit:

»Meine sexuelle Identität nahm ich trotz aller Beschimpfungen an und bekannte mich zu ihr, von meiner sozialen Herkunft und der durch diese bedingten Identität riss ich mich los. Man könnte sagen, dass ich in dem einen Bereich zu dem wurde, der ich bin, im anderen jedoch denjenigen zurückwies, der ich hätte sein sollen. Ich wurde von zwei sozialen Verdikten gebrandmarkt, einem sozialen und einem sexuellen. Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.«

Dieser Essay findet vor allem auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er sich mit dem massiven Zulauf befasst, den der Front National innerhalb der einst links wählenden Arbeiterklasse erfährt. Eribon erinnert daran, dass widrige materielle Verhältnisse immer schon ein Nährboden für Ressentiments waren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, häusliche Gewalt und Homophobie zum emotionalen Haushalt der Arbeiterklasse gehörten, als diese noch kommunistisch oder sozialistisch wählte. Und er macht deutlich, dass der Aufstieg der Rechten nur deshalb möglich war, weil die Linke so kläglich versagt hat: Wenn linke Parteien den Begriff »Arbeiterklasse« aus ihrem politischen Sprachgebrauch verbannen, folglich auch die materielle Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht wahrnehmen bzw. keine glaubwürdigen politischen Antworten für eine Verbesserung derselben mehr anbieten, dann darf man sich nicht wundern, dass sich die Mehrheit der Arbeiterklasse frustriert in die Hände der Rechten begibt.

Noch ein Textausschnitt aus Eribons Essay, der eine ganze Bibliothek ersetzt:

»Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemandem vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit der Klassengesellschaft vor Augen.«

Weitere Infos:
Klasse, Scham und die Linken (Luxemburg Lecture Berlin, 30.11.2016)
Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (Didier Eribon in Deutschlandradio Kultur, 04.12.2016)
Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk (Interview in „Zeit-Online“, 04.07.2016)