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Take it as it comes

Dienstag, 26. Januar 2010 18:17

a-serious-man

Receive with simplicity everything that happens to you”

Diesen Spruch, der dem im Mittelalter wirkenden Rabbiner und Talmud Kommentator Rashi zugeschrieben wird, stellen die Brüder Joel und Ethan Coen ihrem jüngsten Werk “A Serious Man” voran.

Nach einer rund zehnminütigen Zeitreise in die untergegangene Welt des jüdischen Schtetls, wo jiddisch gesprochen wird und eine resolute Frau einem alten Mann ein Messer ins Herz treibt, weil sie in ihn einen Dibbuk zu erkennen vermeint, folgt eine Schwarzblende, danach:

When the truth is found to be lies
and all hope inside you dies
don’t you want somebody to love …”

Somebody to love” von Jefferson Airplane, Grace Slicks Stimme dröhnt aus einem Kopfhörerstöpsel, der sich im Ohr eines jungen Mannes befindet. Die Kamera gleitet langsam entlang eines weißen Kabels und in unseren Fokus kommt, nein, nicht ein iPod, sondern ein altes Transistorradio. Wir sind nicht im Heute gelandet. Wir sind in den 1960-er Jahren, genauer: im Jahr 1967. Die B-52-Bomber legen gerade halb Südostasien in Schutt und Asche. The Doors veröffentlichen ihr Debütalbum, auf dem Jim Morrison das eingangs zitierte Motto des Rabbiners neu übersetzt: “Take it as it comes“.

Einer, der alles nimmt, wie es kommt, ist Larry Gropnik, Professor für Physik und Mathematik an einer Universität irgendwo im Mittelwesten der USA. Er lebt mit Frau und Kindern in einer dieser Vorstadtsiedlungen, wo der Rasen täglich gemäht wird, und wo jeden Moment der fröhlich winkende Feuerwehrmann aus Blue Velvet vorbei fahren könnte. Es ist eine überwiegend von Juden bewohnte Siedlung, mit jüdischer Schule, Rabbi und Synagoge. Larrys kleines Glück wird empfindlich gestört: Was soll er tun, wenn die Frau die Scheidung will, um fortan mit einem seiner Freunde Tisch und Bett zu teilen? Was, wenn dieser Ex-Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt? Was, wenn aus der in Aussicht gestellten Fixanstellung doch nichts wird, weil irgendein anonym bleibendes Arschloch irgendwelche Verleumdungen streut? Was, wenn sich die Alpträume bewahrheiten und ihn der Redneck-Nachbar tatsächlich abknallen sollte? Und was, wenn selbst der Rabbi, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, auf die Frage nach dem Sinn all dessen nur lakonisch antwortet, das habe ihm Gott auch nicht gesagt?

Die Coens haben eine Tragikömodie auf die Leinwand gezimmert, mit all den köstlichen Zugaben, die ihre Filme schon immer auszeichneten: Ein phantastisches Script, umwerfende Situationskomik, abrupt endende Szenen, brillante Kamerabilder, für die wie immer Roger Deakins verantwortlich zeichnet, und ein furioses Finale.

Große Szene: Der koreanische Student Clive, der den Physiktest nicht bestanden hat, weil er keine Ahnung von Mathematik hatte, ersucht Larry um postive Benotung. Larry lehnt ab. Als Clive gegangen ist, findet Larry einen mit Dollarscheinen prall gefüllten Briefumschlag in seinem Büro, den Clive offenbar “vergessen” hat - was dieser, als ihn Larry später zur Rede stellt, abstreitet. Und der arme Larry hat ein Problem. (Das muss man gesehen haben!)

Hatte Hiob das bessere Los, weil er an seinem Gott wenigstens noch zweifeln konnte? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: solche Filme konnte er nicht sehen.

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Angst - Sicherheit - Kontrolle

Donnerstag, 8. Oktober 2009 19:33

cctvThose who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.” (Benjamin Franklin)

Nach dem Mord an dem dreijährigen James Bulger im Jahre 1993 ist die Anzahl der Videoüberwachungsgeräte in Großbritannien sprunghaft angestiegen. Mit dem Argument, Verbrechen zu verhindern, wurde das Land sukzessive mit CCTV-Kameras (=”Closed-circuit television“) bestückt. (vgl. dazu hier)

Auch wenn die Behörden wissen, dass sich CCTV-Kameras keineswegs zur Verbrechensprävention eignen und auch bei der Täterüberführung nahezu keinen Beitrag leisten (vgl. hier), wird vor allem seit 9/11 weiter aufgerüstet. Der “War on Terrorism” legitimierte nicht nur in den USA die Suspendierung fundamentaler Menschenrechte (Guantánamo, Folter) sondern hat auch in Europa zur Aufweichung von Grund- und Freiheitsrechten und zum Überhandnehmen des Paranoiadiskurses (”Sicherheit“) geführt, der auch hierzulande längst jede politische Debatte, von der Integrationsfrage bis zur Wirtschaftskrise, dominiert.

Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten!” Man kennt den Spruch, mit dem der konservative britische Premierminister John Major die CCTV-Aufrüstung nach dem Bulger-Mord der Bevölkerung verkauft hat. Man hört ihn von Politikern aller Coleurs, wenn es darum geht, Einschränkungen von Freiheitsrechten zu legitimieren, die in jahrhundertelangen Kämpfen gegen die jeweiligen Machthaber durchgesetzt werden mussten.

Streichen Sie die Wendung ‘Ich habe ja nichts zu verbergen’ aus Ihrem Wortschatz, denn wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren. Es ist gut, dass Sie etwas zu verbergen haben, und so sollte es auch bleiben. Verteidigen Sie Ihre Geheimnisse, sie gehören Ihnen.

Soweit Ilija Trojanow und Juli Zeh in ihrer Kampfschrift gegen den Überwachungsstaat (”Angriff auf die Freiheit“), in der sie jene Mechanismen beschreiben, die zum sukzessiven Aufbau des Überwachungsstaates und damit zum Abbau der bürgerlichen Freiheitsrechte in der westlichen Welt seit 9/11 geführt haben. Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren, elektronische Pässe mit biometrischen Daten, um nur die zentralen Überwachungs- und Kontrollinstrumente anzuführen, die in den letzten Jahren beschlossen wurden – ohne allzu großen Widerstand beschlossen wurden.

Der “Krieg gegen den Terror” fungiere dabei nur als Vorwand, so die Autoren, im Grunde würden die Repräsentanten der Staatsmacht auf Freiheitspotentiale reagieren, die sich politisch nach 1989/90 und technologisch durch das Internet für den Einzelnen eröffnet haben:

Grenzen lösen sich auf, zwischen Staaten, zwischen politischen Lagern, zwischen Deutungssystemen. Weder eine Religion noch die klassische Idee der Familie, noch eine politische Ideologie besitzt die Macht, den zeitgenössischen Menschen ‘auf Linie’ zu halten. Individualismus, persönliche Freiheit, die sukzessive Abschaffung von Denk- und Handlungszwängen führen zur Unschärfe. Die Menschen und ihre Lebensentwürfe sind schwer einschätzbar geworden. Die Kommunikationstechnologie überwindet letzte geographische und soziale Barrieren. Das (fast) kostenlose Internet steht jedem offen, der sich die notwendige Zugangstechnik leisten kann, und das können dank sinkender Preise weltweit immer mehr Menschen.
Entgrenzung bedeutet Freiheit für den Einzelnen und Kontrollverlust für die Machthaber, ganz gleich, ob es sich um autoritäre Regime oder demokratisch legitimierte Regierungen handelt. Dieser Kontrollverlust wird im Denken und in der Rhetorik der politischen Eliten als ‘Sicherheitsproblem’ identifiziert.

Eine wichtige Streitschrift! Auf Juli Zehs Website findet sich alle Anmerkungen des Buches, in denen Links zu weiterführenden Infos enthalten sind.

P.S. Am 25. Oktober werden im Rabenhof wieder die Big Brother Awards vergeben, die Auszeichnungen für jene Personen, Institutionen, Behörden und Firmen die sich besonders um unser aller “Sicherheit” verdient gemacht haben.

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Pop fetzt Nazis weg

Mittwoch, 2. September 2009 18:48

christoph-waltz

Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.
(Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen “Kaiser Nero“-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, “dass der Peter Ustinov der Kaiser Nero war“.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in “Der Untergang“.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von “Der Untergang” von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie “Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten.

In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der “Hitler in uns”, “Mensch Hitler”, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise “Hitler-süchtig.” (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen “Inglourious Basterds“. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um historische Wahrheit bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

Once upon a time in Nazi occupied France …” So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbau, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance. Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt “Cat People (Putting out the fire)” von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine “Basterds“-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobessessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets” oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.

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Mein Großvater am Hafen von Fažana

Mittwoch, 2. September 2009 18:30

hafen_brijuni

Zwei Tage, nachdem Blanka Vlašic mit einem Sprung über 2,04 Meter den Weltmeistertitel im Frauen-Hochsprung bei der WM in Berlin geholt, sich daraufhin in eine kroatische Flagge eingewickelt, niedergekniet und die Fahne geküsst hatte, fuhren wir via Slowenien nach Fažana, an der Südküste Istriens, rund zehn Kilometer vor Pula, gelegen.

Abends sitzen wir in einem Restaurant am Hafen. Die vielen Polizisten sind nicht zu übersehen. Wie aus dem Nichts tauchen vier, fünf fette deutsche Luxuskarossen auf, aus denen sich Körper herausschälen, die von den Muskelaufbaupräparaten, die sie in den Teleshopping-Kanälen promoten, zu viel geschluckt haben. In ihrer Mitte verbergen diese Chuck Norrisse einen kleinen Mann mit Stoppelfrisur. Der kroatische Staatspräsident Stjepan “Stipe” Mesic wird zum Hafen eskortiert. Nachdem die Schnellboote im Dunkel der Nacht verschwunden sind, und mit ihnen auch die Polizisten, flanieren wieder die Touristen entlang der kleinen Standeln, die mit allerlei Krimskrams auf sie warten.

Vor Fažana liegt die kleine Inselgruppe Brijuni, ein Naturschutzgebiet, das von Touristen in der Regel nur in organisierten Bootstrips besucht werden kann. Wer ein Zimmer in einem der Nobelhotels auf der Insel bucht, genießt das Privileg, sich auf der Insel frei zu bewegen. Auf Brijuni befindet sich aber auch eine offizelle Residenz des Präsidenten, die bereits vor der Wende, als Kroatien noch Teil Jugoslawiens war, von Josip Broz Tito genutzt wurde. Tito logierte jahrzehntelang auf Brijuni, wo er Regierungs- und Staatschefs, aber auch Künstler aus aller Welt, begrüßen konnte. Nach seinem Bruch mit Moskau wurde Tito vom Westen gewissermaßen als anti-kommunistischer Kommunist hofiert.

Brijuni war für die Öffentlichkeit jahrzehntelang nicht zugänglich, weil Tito die Insel zu seinem privaten Luxusresorts mit Golfplatz (angeblich der erste in ganz Europa) ausbauen ließ, auf dem er die Hälfte eines jeden Jahres verbrachte (von 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 1980). Der Marschall hatte ein Faible für exotische Tiere, die er sich von seinen Gästen schenken ließ. Die Elephanten, Tiger und Löwen wurden in einem Safari-Park gehalten, der auch heute noch existiert (vgl. dazu hier).

An diese Zeit erinnert eine Plakattafel am Hafen von Fažana. Sie zeigt Fotos, auf denen Tito unter anderem mit Willy Brandt, Jassir Arafat, irgendeiner Königin, Jackie Kennedy und Richard Burton (er verkörperte Tito in dem jugoslawischen Kriegsfilm “Die fünfte Offensive: Kesselschlacht an der Sutjeska“, wie ich jetzt herausgefunden habe) zu sehen ist.

Beim Betrachten dieser Fotos, musste ich an meinen Großvater denken, der in Dobova, einer kleinen Stadt im heutigen Slowenien, nahe der Grenze zu Kroatien, gelegen, geboren wurde, die damals zum Königreich Jugoslawien gehörte. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde von der Nazi-Wehrmacht in die “Ostmark” verschleppt, wo er als Zwangsarbeiter am Feld schuften musste. Dabei lernte er meine Großmutter kennen. Nach Kriegsende, kurz davor Vater geworden, blieb er in Österreich, was zur Folge hatte, dass der damalige Kommunist 20 Jahre lang nicht nach Jugoslawien einreisen durfte. Erst Jahre später sollte der “Kollaborateur” zwei seiner Brüder wieder sehen - seine Eltern und zwei weitere Brüder waren bereits gestorben. Von der einzigen Reise, die ich gemeinsam mit ihm Mitte der 1980-er Jahre in seinen Geburtsort gemacht habe, wird mir vor allem der Besuch in einer alten Partisanenkneipe in Erinnerung bleiben. Nicht nur, weil ich zu viel Schnaps getrunken habe, sondern weil ich meinen Großvater zum ersten und einzigen Mal singen hörte. Er hatte eine wunderbare Stimme.

Soweit ich mich erinnern kann, sprach er vor 1991 nie von Slowenien, immer nur von Jugoslawien und von Tito. Als sich Slowenien für unabhängig erklärte, war mein Großvater über Nacht ein Slowene geworden. Sturzbesoffen weckte er mich mitten in der Nacht, um in gebrochenem Deutsch zu verkünden, dass er mir seine Muttersprache, die er nur mehr rudimentär beherrschte, beibringen werde. (Am Morgen danach wusste er nichts mehr davon.) Über Nacht waren dadurch aber auch die anderen Volksgruppen des ehemaligen Vielvölkerstaates, die Serben, Bosnier, Montenegriener, Mazedonier und Albaner und vor allem die Kroaten, auch als solche vorhanden. Über Nacht sprach er nur noch abfällig über die “anderen“, vor allem über die “Ustascha-Kroaten“.

Mein Großvater hat die Jugoslawienkriege verabscheut. Er, der Nachrichtenjunkie, über den wir immer schmunzeln mussten, weil er immer zur vollen Stunde die Nachrichten im Radio hören musste, und die Zeit im Bild sowieso, wurde zum Nachrichtenverweigerer. Stattdessen hörte er Kassetten mit slowenischer Volksmusik. Bis zu seinem Tod sollte ich ihn nie mehr von Tito oder von Jugoslawien reden hören.

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Kriegsbilder

Mittwoch, 5. August 2009 18:17

broomberg_chanarin

© Broomberg/Chanarin

Als die beiden Kriegsfotografen dem Redakteur der Zeitung, in dessen Auftrag sie in das irakische Kriegsgebiet gefahren waren, das mitgebrachte Bildmaterial vorlegten, war dieser über das, was er da zu sehen bekam, nicht erfreut. Keine Kampfszenen, keine Explosionen, keine Toten. Sondern abfotografierte Wandzeichnungen, die von kurdischen Gefangenen stammten, die im Hauptquartier von Saddam Husseins Bath-Partei gefoltert und gemordet wurden.

Die beiden Kriegsfotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigen ganz andere Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Im Jahre 2008 waren sie als “embeddeds” mit britischen Truppen in Afghanistan unterwegs. In einem kurzen Bericht, den ich in der 3sat-Kulturzeit gesehen habe, erzählen sie davon, wie sie diese Strategie der Vereinnahmung der Journalisten, die mittlerweile von allen Kriegsparteien forciert wird, unterlaufen. So haben sie in Afghanistan jeden Tag ein Stück Fotopapier 20 Sekunden lang der Sonne ausgesetzt. Nur die Titel der so entstandenen Bilder verweisen auf Kriegsereignisse (”The day nobody died“).

Auf ihrer Website finden sich weitere Beispiele für diese Haltung.

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Ambivalenter Eigensinn

Dienstag, 7. Juli 2009 18:32

Kurt von Hammerstein-Equord, im Jänner 1933 Chef der “Heeresleitung der Reichswehr” (= Boss der deutschen Armee), ein Nationalkonservativer, begegnet dem “österreichischen Gefreiten“, den der Reichstagspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernennt, mit Verachtung. 1934 geht er in Pension, frönt fortan seiner großen Leidenschaft, der Jagd. Seine Kinder engagieren sich im linken Widerstand, er selbst pflegt Kontakte mit rechten wie linken Widerstandsgruppen - Ruth von Mayenburg, die spätere Frau Ernst Fischers, ist eine enge Freundin – ohne allerdings wirklich aktiv zu werden. Hammerstein stirbt 1943 an Krebs.

Diese Figur bildet den Ausgangspunkt in Hans Magnus EnzensbergersHammerstein oder Der Eigensinn“, einer dokumentarischen Erkundung des linken und (teilweise) konservativen Widerstands zur Zeit des Nationalsozialismus. Gestützt auf umfangreiche Recherchen von Historikern (u. a. von Reinhard Müller, der am Institut für Sozialforschung in Hamburg tätig ist und der seit vielen Jahren über die stalinistischen Säuberungen in den 1930-er und 1940-er Jahren, denen viele ins sowjetische Exil geflohene Antifaschisten zum Opfer fielen, forscht) gelingt es Enzensberger vor allem dank der formalen Aufbereitung dieser Familiengeschichte zu überzeugen. Die fiktiven Totengespräche, die eingestreuten Glossen, aber auch die breit zitierten Auszüge aus Lebenserinnerungen der Protagonisten und aus Archivmaterialien brachten mir dieses Zeitalter der Extreme (Eric Hobsbawn) aus einer bislang nicht vertrauten, ja, auch nicht interessierten Perspektive näher. Hammerstein und Seinesgleichen habe ich ausschließlich als Täterfiguren wahrgenommen. Aus diesem Grund habe ich, der ich sonst jede Neuerscheinung von Enzensberger sofort erwerbe, dieses Buch nicht gleich nach seinem Erscheinen, sondern erst jetzt, nachdem ich es zufällig in einem Bahnhofskiosk in der Taschenbuchausgabe gesehen hatte, gekauft.

Verwundert bin ich, dass dieser Stoff, wie Enzensberger im Postskriptum anmerkt, zwar schon mehrfach angegriffen (u. a. auch von Alexander Kluge), aber nie wirklich aufgegriffen wurde. Zugleich erschließt sich mir nicht wirklich, warum Enzensberger sich gerade dieser Figur bediente, um seiner Vorliebe für eigensinnige Köpfe zu frönen.

Der Historiker Götz Aly hat nach dem Erscheinen des Buchs einen scharfen, sehr ins persönliche gehenden Verriss verfasst, in dem vor allem die Behauptung, “für den nazistischen Terror interessierte sich Enzensberger noch nie besonders“, aufhorchen lässt. Sollte mir “Hammerstein oder der Eigensinn” deshalb so seltsam ambivalent in Erinnerung bleiben? Ich werde das noch näher beleuchten müssen.

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Galeano und die toten Juden

Donnerstag, 22. Januar 2009 21:47

Eduardo Galeano ist ein angesehener Mann. Der Journalist und Schriftsteller, mit uruguayanischem Pass, wurde zur Ikone der Linken, nachdem im Jahre 1971 sein anti-kolonialistisches Werk, Die offenen Adern Lateinamerikas, veröffentlicht worden war.

Eduardo Galeano ist ein kämpferischer Mann. Von der Militärjunta ins spanische Exil getrieben, hat der mittlerweile wieder in Uruquay lebende Autor immer wieder Bücher publiziert und seine Artikel und Kommentare werden von linken US-amerikanischen und britischen Publikationen, wie The Progressive, The Nation oder New Internationalist, aber auch etwa von der deutschen TAZ, gerne gedruckt.

Über einen TAZ-Blog ist sein jüngster Text, der auf einer uruquayanischen Website veröffentlich wurde, zugänglich (hier die deutsche Übersetzung), ein Kommentar, der sich mit dem Krieg Israels gegen die Hamas beschäftigt, und den Galeano, wie er am Ende anmerkt, seinen “jüdischen Freunden, die von durch Israel beratenen lateinamerikanischen Diktaturen ermordet wurden“, widmet.

Dieser Kommentar, der auf dem TAZ-Blog unkommentiert blieb, ist ein perfides anti-israelisches Pamphlet (Galeano bezeichnet das Vorgehen der israelischen Armee gegen die Hamas als “Ausrottungskrieg“, als “Operation ethnischer Säuberung“), in dem Israel und die USA (”Obermacher-Weltmacht“) für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht und, der abstrusen Argumentation folgerichtig, die Palästinenser zu Widerstandskämpfer und Opfer des “israelischen Staatsterrorismus” stilisiert werden.

Über jemanden, der den islamistischen Selbstmord- und Raketenterror als Manifestation der “Verzweiflung” bezeichnet und damit legitimiert, der überall die “Manipulationsmassenmedien” am Werk sieht und der überdies noch die Schamlosigkeit besitzt, dieses Machwerk toten Juden zu widmen, bräuchte man keine Worte mehr verlieren. Wer so argumentiert, nimmt sich selbst aus einer ernsthaften politischen Debatte.

Doch Galeano ist kein namenloser Spinner, sondern ein linker Strahlemann, und, ich fürchte, seine Positionen werden von vielen globalisierungskritischen Linken und Friedensbewegten (hier ein Beispiel) geteilt – wenn nicht gar von einer Mehrheit. Deshalb muss man sich mit den Galeanos dieser Welt und mit ihren grauenhaften Ansichten auseinandersetzen. Ihr dualistisches Weltbild kennt nur abgrundtief böse Täter und absolut unschuldige Opfer, in deren Namen sie ihre Glaubenssätze selbstgerecht absondern. Um diesem Blendwerk, das sie über alle Konflikte und Auseinandersetzungen stülpen, zu entsprechen, müssen die Verbrechen und Unmenschlichkeiten, die von den Unterdrückten dieser Erde begangen werden, ebenso geleugnet werden wie alle fortschrittlichen Forderungen und Handlungen der Unterdrücker.

Im Grunde sind die Galeanos dieser Welt Gläubige, säkularisierte zwar, aber ihren frommen Brüdern und Schwestern wesensgleich, anerkennt doch beider Denken nur eine einzige Wahrheit, die absolute nämlich.

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Der Unterschied

Mittwoch, 14. Januar 2009 23:39

Nun wusste man, dass der Antisemitismus in Europa nicht verschwunden ist. Aber was sich gegenwärtig an antisemitischen Demonstrationen und Ausschreitungen abspielt, hätte man nicht für möglich gehalten. Und womit beschäftigen sich die meisten Kommentare in den deutschsprachigen Medien? Mit der so genannten “Verhältnismäßigkeit” der israelischen Antwort auf die islamistischen Bombenwerfer.

Gäbe es nicht auch noch andere Stimmen, man müsste irre werden. Eine davon gehört dem Journalisten Christian Ortner, der seinen wichtigen Kommentar (Die Presse vom 9. Jänner 2009) mit dem Satz beendet:

Nicht Israels Gegenwehr ist unverhältnismäßig, sondern die Kritik an dieser Gegenwehr ist es.

Passend dazu auch der folgende Cartoon:

israel_palestine_cartoon

Einige Blogs, die einen nicht völlig verzweifeln lassen, habe ich meiner Blogroll hinzugefügt.

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Journalismus und Krieg

Freitag, 9. Januar 2009 20:15

friedenstaubeIm Lichte der jüngsten Eskalation im Nahen-Osten ist ein anderer Konfliktherd aus dem medialen Blitzlichtgewitter verschwunden: Der Kaukasus-Konflikt, der im August des letzten Jahres zu einer offenen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Georgien und Russland geführt hat.

Während für die beiden Philosophen und Essayisten André Glucksmann und Bernard-Henri Levy der Hauptschuldige des Konflikts sofort feststand, nämlich Russland und Putin, was sie in einem wütenden Manifest (”SOS Georgien? SOS Europa!“) unmittelbar nach Kriegsbeginn in der französischen Tageszeitung “Liberation” zu verkünden wussten (hier die deutsche Übersetzung), in dem sie vor allem die ihrer Meinung nach feige und zögerliche Haltung der Europäischen Union gegenüber Russland massiv kritisierten, hat ein anderer Literat und Journalist, einer, der zur Zeit der Kämpfe in der Region weilte und sich somit vor Ort ein Bild zu machen versuchte, nicht in das anti-russische Vorverurteilungsgebrüll seiner Kollegen eingestimmt. Jonathan Littell, Autor des Jahrhundertwerks “Die Wohlgesinnten“, hat einen kurzen Text verfasst, der als “Georgisches Reisetagebuch” im Berlin-Verlag erschienen ist, in dem er vor allem eines klar legt: Die Schwierigkeit des journalistischen Augenzeugen sich Klarheit und Übersicht zu verschaffen, und die Unmöglichkeit Fakten als solche überhaupt zu erkennen und zu ordnen.

Littell hat folglich nicht herausgefunden, wer denn nun der Täter und wer das Opfer war. Er lässt viele Vertreter der unterschiedlichen Konfliktparteien zu Wort kommen, die uns, den Leser, die jeweilige Sicht auf den Konflikt nahebringen. Was sich als Faktum behauptet in den Erzählungen der Befragten, entpuppt sich bei näherer Recherche zumeist als Gerücht, als von dritten gehörte Erzählung.

In diesem Kontext findet Kriegsberichterstattung immer statt. Sie ist zumeist ein Gebräu aus vorgefassten Meinungen und aufgeschnappten Gerüchten. Sie ist in diesem Sinne parteiisches Manifest wie jenes von Glucksmann und Levy. Littells Verdienst besteht darin, diesen Kontext erhellt zu haben.

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Solidarität mit Israel

Dienstag, 30. Dezember 2008 22:54

Laut Informationen des iraelischen Außenministeriums (veröffentlicht auf der Website der Israelitischen Kultusgemeinde) sind im Jahr 2008 rund 2.900 Raketen und Mörsergranaten auf israelischem Territorium eingeschlagen. Und zwischen dem 4. November und dem 22. Dezember 2008 waren es 225 Raketen und 154 Mörsergranaten, die aus dem Gaza-Streifen abgeschossen wurden.

Gegen den Terror dieses Pseudo-Waffenstillstands, der überdies von den Hamas-Terroristen vor Weihnachten auch offiziell für beendet erklärt wurde, geht die israelische Regierung seit einigen Tagen militärisch vor. Dass bei den Angriffen gegen die Infrastruktur der Islamisten im Gaza-Streifen auch Zivilisten ums Leben kommen, ist deshalb unvermeidbar, weil die Hamas, die den Gaza-Streifen seit ihrem Wahlerfolg im Jahre 2007 kontrolliert, ganz bewusst Raketenabschussanlagen zwischen Wohnhäusern errichtet hat.

Auf diesen verbrecherischen Zynismus der Hamas hat der Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs in seiner heute veröffentlichten Solidaritätserklärung mit Israel hingewiesen.

Israel hatte keine andere Option, als die offene Konfrontation mit der Hamas zu suchen. Hoffen wir, dass die Islamisten, wenn schon nicht besiegt, dann doch so geschwächt werden, dass sie den moralischen Sieg, den sie in weiten Teilen der Welt davon tragen werden, nicht nutzen können. Hoffen wir, dass die Hamas am Boden liegen wird.

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