Gelassen bleiben

Beim Stöbern in alten Unterlagen fand ich einen Zettel, auf den ich u.a. folgenden Satz notiert hatte: »Turrini sagt, bei Im Gespräch bei Huemer, ihm sei die Welt abhandengekommen (Februar 1993)«.

Da ich null Erinnerung an dieses Gespräch hatte, recherchierte ich im Netz und bin auf der Website der Österreichischen Mediathek fündig geworden. Es fand im Rahmen der Ö1-Sendereihe Im Gespräch statt, kurz nach der Uraufführung von Peter Turrinis Stück Alpenglühen am Burgtheater in der Inszenierung von Claus Peymann. Der Autor schildert sehr eindringlich, dass er sich angesichts der »Widergabe der Realität in den Medien« zunehmend außerstande sehe, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. In diesem Sinne, aber auch, wie er eingestand, angesichts des Verlustes an politischen Konzepten infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus, sei ihm »die Welt abhandengekommen«. Er erzählt vom Aufwachsen in einer »bildlosen Welt«. Um begreifen zu können, was um ihn herum vorging, musste er sich selbst Bilder ausdenken, weil es – außer den Nazibildern – keine Bilder gab, weder politische, noch aufklärerische, noch soziologische Bilder. »Um mich herum war nur Schweigen.« Als er in einem Wirtshaus die Erstausstrahlung des Der Herr Karl von Qualtinger/Merz sehen konnte, habe das zu seiner Politisierung beigetragen. Auch an Bilder aus dem Vietnamkrieg könne er sich noch ganz genau erinnern. Jetzt sei das völlig anders: Er könne Bilder aus dem Jugoslawienkrieg nicht mehr sehen, weil er weder als politischer Mensch, noch als Konsument darauf adäquat reagieren könne, löse sich in dieser Bilderflut doch alles auf und verkomme jedwede kritische Äußerung auf einen Impuls. »Welche Wirkung hat es noch, wenn die kritische Aussage zwischen Fischstäbchen, jugoslawischen Leichen und Tschibo-Kaffee eingebettet wird«.

Peter Huemer erinnert Turrinis Kritik an der Fernsehbilderüberflutung an Günther Anders‚ These von der Welt als Phantom und Matrize, die dieser in seinem Werk Die Antiquiertheit des Menschen (1961) explizit am Fernsehen zu erläutern versuchte. Das Fernsehen, so Anders, produziere eine Welt, die weder die Realität widerspiegle noch das Abbild davon (Phantom). Vielmehr schaffe es ein Pseudo-Abbild, das zu einer neuen Wirklichkeit (Matrize) werde, die zwischen Sein und Schein liege, wodurch die Menschen nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden könnten. Huemer versucht Anders/Turrini zu entkräften mit dem Verweis auf den Club 2 der späten 1970-er Jahre bzw. auf dessen Gestalter, die zu jener Zeit vom kritisch-aufklärerischen Potential dieser Sendung völlig überzeugt waren. Später mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass sie sich getäuscht haben. Der Trugschluss rührte daher, dass das Publikum in seiner Mehrheit darin immer nur den Unterhaltungsaspekt gesehen habe, wäre es nicht so, gäbe es auch nicht so viele Talkshow-Formate bei den Privatsendern.

Das Gespräch fand, wie erwähnt, vor über 25 Jahren statt, zu einer Zeit, in der in Österreich noch der ORF als Monopolist agierte, in nur sehr wenigen Kabel- oder Satelliten-Haushalten einige deutsche Privatfernsehkanäle zu empfangen waren und das Internet lediglich eine Sache für Nerds war, um einen Begriff zu verwenden, den es damals noch gar nicht gab.

25 Jahre danach sieht Bernhard Pörksen in der digitalen Medienwelt Die große Gereiztheit. Der deutsche Medienforscher beschreibt darin anhand konkreter Beispiele, dass große Bevölkerungsteile von Dauererregung, Hysterie oder Paranoia erfasst werden, die zu Orientierungslosigkeit führe, weil viele Menschen im Lichte der ungeheuren Flut an sinnentleerten Informationen, Nachrichten und der Gleichrangigkeit von Meinungen und Wahrnehmungen, nicht mehr wüssten, wem und was sie noch glauben können. Sein Lösungsmodell für den Umgang mit der medialen Kakophonie ist die »redaktionelle Gesellschaft«, in der der Einzelne gleichsam zum investigativen Journalisten, Medienerziehung als eigenes Unterrichtsfach etabliert und die Social Media Plattformen transparenter werden sollten.

Nun ja, ich gestehe, ich verweigere mich der Welt der Social Media, soweit das eben geht – ich kann darin nur die »Tyrannei der Intimität« erkennen, um den amerikanischen Soziologen Richard Sennett zu zitieren, der mit diesen Worten den Einbruch des Privaten in die öffentliche Sphäre bereits in den 1970-er Jahren beschrieben hat –, bleibe medialen Hervorbringungen gegenüber skeptisch und orientiere mich ansonsten eher an der großen Gelassenheit, wie sie etwa der deutsche Publizist und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem brillanten Essay, Das digitale Evangelium, auf Spiegel Online am 10. Jänner 2000 veröffentlicht, zum Ausdruck bringt. Er nimmt darin die diversen Digitalisierungsprophezeiungen jener Zeit – Freunde des Kaffeesudlesens konnten sich an einem reichlichen Buffet aus Weltuntergangsszenarien und Erlösungsphantasien bedienen – und auch eigene medientheoretische Überlegungen der letzten Jahrzehnte selbstironisch aufs Korn. Der Essay läuft auf den letztlich beruhigenden Schlussakkord hinaus, der auch als Antwort auf alle Mediendystopien zu verstehen ist:

»Die Fähigkeit, eine Pfeife vom Bild einer Pfeife zu unterscheiden, ist weit verbreitet. Wer Cybersex mit Liebe verwechselt, ist reif für die Psychiatrie. Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass. Das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben.«

P.S. Noch eine hübsche Geschichte aus dem hörenswerten Gespräch zwischen Turrini und Huemer: Turrini spricht über sein Frauenbild, das er als »zutiefst katholisch ruiniert« bezeichnet. Er erzählt, dass die ersten Frauenerfahrungen für Buben am Land sehr häufig im Rahmen der Messe stattfanden, wo auch Klosterschülerinnen waren. Während von oben, von der Kanzel herab, der Priester von Gott sprach, schlichen unten die Ministranten, er war einer von ihnen, zwischen den Bänken umher, um »das Weibliche« zu riechen. Seither, so Turrini, »ist der Fudgeruch und der Weihrauchgeruch für mich auf das Herrlichste miteinander verbunden.«


Maschinentheater oder der Holzhammer im Theater

»Ich, Sohn des Zeus, Dionysos, einst von Semele empfangen,
Kadmos‘ Tochter, deren Schoß der Strahl des Blitzes löste,
komme her ins Theberland …«

Der griechische Gott Dionysos (bei den Römern hieß er Bacchus) kehrt in Menschengestalt in seinen Geburtsort Theben zurück, um sich an seiner Verwandtschaft zu rächen, weil diese Zweifel an seiner Göttlichkeit gesät hatten. Er und seine Anhänger, die Bakchen, zerstören zunächst den Königspalast und morden alsdann den jungen König.

Soweit, in aller Kürze, der Plot von Euripides‘ Die Bakchen, etwa 400 v.Chr. geschrieben.

Dionysos gilt in der griechischen Götterwelt als Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase. Dionysos steht für das Rauschhafte, für die Triebe, für all das, was wir Menschen immer schon faszinierend und bedrohlich zugleich empfinden, er ist folglich Erlöser und Monster zugleich.

Die Nazis haben in ihrem »Willen zur Macht« das »Dionysische« in Stellung gebracht gegen alles, was sie verabscheut haben und aus der Welt schaffen wollten – unter Plünderung des oft widersprüchlichen Schrifttums Friedrich Nietzsches, der etwa in seinem frühen Werk, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, dem rauschhaft-vitalen »Dionysischen« gegenüber dem ästhetisch-meditativen »Apollinischen« den Vorzug gegeben hat.

Eine gewaltige Hydraulikmaschine, die sich in den folgenden zwei Stunden bis zur Pause der Stück-Inszenierung von Ulrich Rasche langsam drehen und rauf und runtergehen wird, füllt die Bühne des Burgtheaters beinahe zur Gänze aus. Auf dieser Maschine, genauer, auf mehreren Laufbändern, schreiten die mit Headsets ausgestatteten Protagonisten gegen die Laufrichtung der Bänder an. Unablässig schreiten sie im immer gleichen Rhythmus, dabei Wörter abgehackt skandierend, Parolen brüllend (»Wir holen uns unser Land zurück«), und da dieses Brüllen gegen permanente Paukenschläge und Geigen Gefiedel anzukämpfen hat, ist mein Versuch, den Text zu verstehen, ein sinnloses Unterfangen. Aber das ist bei dieser Inszenierung ohnehin völlig egal. Denn nach wenigen Minuten, also nach dem Eingangsmonolog des Dionysos, dargebracht von Franz Pätzold, dem aus München mitgereisten Kušej-Starschauspieler, dessen Stimme sich in meinem Hirn sofort festgesetzt hat, den Auftritten seines Widerparts, des Königs von Theben, und der Bakchen, einer kriegerischen 19-köpfigen Chortruppe, ist völlig klar, was der Regisseur dem Publikum sagen will: Seht her, so sind die Rechtsextremen, alles niederbrüllend, gewalttätig und monströs-gefährlich, so sind sie, die Bewegungsführer von Pegida, AfD, FPÖ, Identitären etc. Was für eine bahnbrechende Erkenntnis!

Rasche mache »Maschinentheater«, wie es heißt, er synchronisiere Sprache, Bewegung und Musik und unterwerfe alles einem Rhythmus. Rasche macht Theater mit dem Holzhammer. Wir haben nach der Pause die Flucht ergriffen.

Die Wahrheit einer falschen Welt

»Was ist der Preis der Lüge? Das wir die Lüge für die Wahrheit halten könnten? Die eigentliche Gefahr ist doch die: Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr! (…) Die da oben glauben, eine gerechte Welt sei eine heile Welt.«

Noch wissen wir nicht, wer der Mann ist, der auf einem Stuhl in einer Küche sitzt, eine Zigarette raucht und diese Sätze in ein Tonbandgerät spricht, sodann die Bänder in Zeitungspapier hüllt und anschließend im Innenhof der Wohnhausanlage hinter einem kleinen Fenster versteckt. Wieder in der Wohnung zurück zündet er sich abermals eine Zigarette an, unser Blick fällt auf ein Taschentuch mit Blutsputum und auf eine Katze. Dann ein kurzer Ruck. Der Mann hat sich erhängt.

Mit dieser Szene beginnt die amerikanisch-britische HBO-Miniserie Chernobyl – fünf Teile, jeweils rund eine Stunde lang –, die im Mai/Juni 2019 von Sky Atlantic im deutschsprachigen Raum erstmals ausgestrahlt wurde, und die ich nun, dank C., der mir die Files zukommen ließ, sehen konnte.

Bald erfahren wir, dass es sich bei dem Mann um den Chemiker Waleri Legassow handelt, der sich am 26. April 1988 das Leben nahm, also auf den Tag genau zwei Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 der Kernkraftanlage in Tschernobyl. Am Unfalltag wurde er zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR, Boris Schtscherbina, von Generalsekretär Michail Gorbatschow von Moskau nach Tschernoyl beordert, um die Sicherungsmaßnahmen vor Ort zu koordinieren. Später fungierte er als Leiter eines Komitees, das die Ursachen der Katastrophe untersuchen sollte.

Ein Test, der beweisen sollte, dass auch bei vollständigem Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors noch genügend Energie intern produziert werden könnte, um die Kühlsysteme weiterhin am Laufen zu halten, geriet zum Desaster. Die durch die Explosion in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl, und in vielen angrenzenden Ländern kam es zu einer erheblichen Strahlenbelastung. Nach der Katastrophe begannen sogenannte »Liquidatoren« mit der Dekontamination vor Ort, und um den offenen Reaktorkern, aus dem kontinuierlich Radioaktivität austrat, wurde bis November 1986 ein aus Stahlbeton bestehender provisorischer Schutzmantel gezogen, ein »Sarkophag«.

Legassows Untersuchungskomitee sollte später feststellen, dass zum einen Angestellte des Kraftwerks gravierend gegen Sicherheitsauflagen verstoßen haben – in einem Prozess wurde der für den Test verantwortliche Schichtleiter, Anatoly Dyatlov, wegen »kriminellen Missmanagements« zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, nach fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassen (1995 erlag er den Folgen eines Herzinfarktes); und zum anderen, dass der in Tschernobyl verwendete Kernreaktortyp für diese Simulation ungeeignet war. So wusste der Geheimdienst seit rund 10 Jahren, dass das Auslösen der Stopptaste zwangsläufig zur Explosion führen musste, ein Wissen, das aber unter Verschluss gehalten wurde. Gemäß KGB-Vorgaben durfte Legassow in seinem Bericht vor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien darüber kein Wort verlieren. Einzig Dyatlov und die ihm unterstellten Mitarbeiter, die kurz nach der Explosion infolge der Verstrahlung verstorben sind, wurden der offiziellen Sprachregelung zur Folge als für den Unfall Verantwortliche ausgegeben. Dyatlov hat 1991, nach dem Ende der Sowjetunion, in einem Artikel die technischen Implikationen, die zur Katastrophe führten, offengelegt.

Erinnerungen können bekanntlich trügerisch sein: Ich dachte, der damalige SPÖ-Gesundheitsminister Franz Kreutzer hätte den 1. Mai-Aufmarsch in Wien behördlich verboten. Jetzt habe ich nachgelesen, dass er vor »Panik« gewarnt hat und wenig später für die Nichtabsage kritisiert wurde. Die radioaktive Wolke, die zunächst über Skandinavien – die Schweden waren die ersten, die Alarm schlugen – und dann südwärts zog, erreichte Österreich rund 80 Stunden nach der Explosion. Ich weiß, dass wir in den Tagen danach, als eine erhöhte Belastung von Cäsium-137 und Jod gemessen wurde, den amtlichen Empfehlungen, längere Aufenthalte im Freien zu meiden und die Fenster geschlossen zu halten, nachgekommen sind. Nach wie vor, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, werden auch hierzulande erhöhte Werte an Cäsium-137 und Jod vor allem in Eierschwammerl und Wild nachgewiesen.

Ich kann mich auch an TV-Bilder von der Evakuierung der in der Nähe von Tschernobyl gelegenen Stadt Prypjat erinnern, wenngleich ich diese erst viel später gesehen habe. Die eigens für die Arbeiter des Kernkraftwerks und deren Familien errichtete Stadt wurde 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert. Mit etwa 1 200 Bussen sind die rund 80 000 Bewohner innerhalb von zweieinhalb Stunden weggebracht worden. Günstige Windverhältnisse verhinderten das Schlimmste: die stärkste Kontaminierung der Stadt durch radioaktive Niederschläge fand glücklicherweise erst in den Tagen nach der Evakuierung statt. Die Region rund um Prypjat ist bis heute eine vom Militär gesicherte Sperrzone, die seit 2011 für »Touristen« geöffnet ist. Wikipedia entnehme ich, dass auf Grund der HBO-Serie die Besuche in der Region um 30-40% zugenommen haben. Wir leben in einer Welt, in der alles verwertet wird.

Michail Gorbatschow hat angeblich einmal gesagt, im Grunde hätte Tschernobyl das Ende der Sowjetunion besiegelt. Der Film zeigt ein paranoides Machtsystem, basierend auf Kontrolle und Repression, eine Angstglocke, unter der die Beschönigung, Vertuschung und Lüge zum Normalzustand jedweder Existenz gehört. Wer in einem solchen System überleben will, kann in der Regel nicht Klartext reden, denn würde er dies tun, wäre er nicht mehr da.

Einige unvergessliche Szenen der Serie, die in der Bildsprache, an die großen Meisterwerke Andrei Tarkowskis erinnern:

Feuerwehrmänner, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe ohne Schutzkleidung völlig sinnlose Löschversuche mit Wasser vornehmen, krepieren wenige Tage danach unter entsetzlichen Schmerzen, ihre Körper sind von der radioaktiven Strahlung völlig entstellt. Die Toten werden in Metallsärge gesteckt und in Massengräbern beigesetzt. Unmittelbar nach der Beisetzungszeremonie wird aus den bereits wartenden Betonmischern Fließbeton auf die Särge gegossen, um diese mit einem Betonmantel zu versiegeln.

Krankenschwestern tragen die verstrahlte Kleidung der Feuerwehrmänner in den Keller des Krankenhauses, wo sie auf einen Haufen geworfen werden, der angeblich noch heute vorhanden ist. Die kurze Berührung der kontaminierten Kleidung verbrennt ihre Hände.

Das Zentralkomitee in Prypjat meldet in einer ersten Reaktion nach Moskau, es sei »alles völlig unter Kontrolle«. In der anschließenden Sitzung der Ortsfunktionäre der kommunistischen Partei im atomsicheren Bunker berichtet ein Funktionär von den Brandwunden der Feuerwehrmänner und fordert die Evakuierung der Stadt. Ein langjähriger Parteifunktionär erhebt sich, weist auf den offiziellen Namen des Kernkraftwerks hin, »Wladimir Iljitsch Lenin«, und sagt: »Und wenn der Staat uns sagt, die Situation sei nicht gefährlich, dann hören wir auf ihn. Wir riegeln die Stadt ab und kappen die Telefonleitungen. Das ist unsere Möglichkeit zu glänzen.« Das vermeintliche Lob des Moskauer Parteiapparats lässt die örtlichen Funktionäre begeistert applaudieren.

Erste Löschversuche mit einem Gemisch aus Sand und Bor, das von Hubschraubern auf den offenliegenden Reaktorkern abgeworfen wird – der erste Hubschrauber fliegt zu nahe zur Rauchwolke, die Strahlung zerstört die Systeme, die Maschine stürzt ab –, zeitigen erste Erfolge. Eine aufmerksame Atomwissenschaftlerin, die im Film stellvertretend für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Experten steht, die zu Sicherungsmaßnahmen beigezogen wurden, erkennt, dass die Wassertanks – entgegen ersten Annahmen – vollgefüllt sind. Sollte Sand-Lava (durch die Hitze im Kern wird das Sand-Bor-Gemisch zu einem Lava-ähnlich Stoff) eintreten, käme es zur Erhitzung des Wassers und zu einer gewaltigen Folgeexplosion, die alle Reaktoren in Tschernobyl in die Luft fliegen ließe, mit unvorstellbaren Folgen: Die gesamte Ukraine und Weißrussland bliebe für immer unbewohnbar. 60 Millionen Menschen müssten evakuiert werden, weite Teile Osteuropas wären kontaminiert. Um das zu verhindern, müssen drei Kraftwerksmitarbeiter gefunden werden, die sich durch das kontaminierte Wasser bis zu den Schleusen vorarbeiten und diese öffnen, um das Wasser abpumpen zu können. Gorbatschow gibt den Befehl – im Film mit den Worten: »Jeder Sieg hat noch immer seinen Preis verlangt!« –, der den sicheren Tod der Arbeiter bedeutet.

Bergarbeiter werden geholt, um einen 150 Meter langen, 12 Meter unter dem Reaktorkern gelegenen Tunnel zu graben, zur Anbringung eines Wärmetauschers. Die Hitze beträgt 50 Grad. Wegen der Strahlung können keine Ventilatoren verwendet werden. Die Bergarbeiter arbeiten nackt. Im Abspann werden wir erfahren, dass von den rund 400 Bergarbeitern schätzungsweise 100 vor ihrem 40. Lebensjahr gestorben sind.

Die sowjetischen Behörden ersuchen deutsche Unternehmen, einen Roboter für die Räumung des radioaktiv verseuchten Schutts und der Graphitblöcke bereitzustellen. Da sie einen deutlich geringeren Strahlungswert weitergeben, ist der gelieferte Roboter der tatsächlichen Strahlenbelastung nicht gewappnet – die enorme Radioaktivität zerstört die Maschine. Jetzt müssen »Bioroboter« ran, also Menschen, die das strahlende Material mit Schaufeln vom Dach des Kontrollgebäudes in den Reaktorkern befördern, was für die »Liquidatoren« den sicheren Tod bedeutet.

Eine alte Bäuerin melkt ihre Kuh. Ein Soldat, der das verstrahlte Tier erschießen muss, fordert sie auf, wegzugehen. Die Bäuerin entgegnet ihm, dass sie seit ihrer Geburt auf dem Hof sei, die Revolution, die bolschewistische Kollektivierung, den Holodomor unter Stalin und den 2. Weltkrieg überlebt habe. Jetzt, als alte Frau, werde sie sicher nicht vor etwas, das sie nicht einmal sehen könne, weggehen. Der Soldat zieht sie weg und erschießt die Kuh.

Ein junger Soldat muss gemeinsam mit zwei Afghanistan-Veteranen alle Tiere, die sich in der Sperrzone befinden und kontaminiert sind, erschießen. Sie durchkämmen die verlassene Stadt und knallen auf jeden Hund und jede Katze, die ihnen vor die Flinte kommen. In einer Wohnung sieht er eine Hündin mit drei Welpen. Er kann nicht schießen und geht hinaus.

In einer der letzten Szenen des Films konfrontiert der Vizedirektor des Geheimdienstes Legassow mit seiner eigenen Biografie. Er erinnert ihn daran, dass er sich im Atominstitut nach dem Krieg gegen die Beförderung jüdischer Wissenschaftler ausgesprochen habe, um sich »uns anzubiedern«, und offenbart ihm, dass seine Aussage im Prozess – Legassow erwähnte auch die technischen Mängel, die zur Explosion geführt haben – nicht zugelassen werde, »es hat sie nicht gegeben!«. Erst nach Legassows Selbstmord sind die anderen Reaktoren vergleichbaren Typs in der Sowjetunion nachgerüstet worden.

Den wenigen Wissenschaftlern und Parteifunktionären, die trotz allem an Fakten sich orientierten und gegen alle Widerstände standhaft geblieben sind (Folge von Gorbatschows ein Jahr zuvor ausgerufener »Glasnost«?), und den Feuerwehrmännern und Bergarbeitern, die sich aufgeopfert haben, um noch weitaus Schlimmeres zu verhindern, wird mit dieser Miniserie ein bleibendes filmisches Denkmal gesetzt. Dass ein derartiger »katastrophaler Unfall«, wie die Kernschmelze im Fachjargon der Atombehörden bezeichnet wird, kein singuläres Ereignis blieb, hat uns die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011 vor Augen geführt. In Japan gab es vor der Katastrophe genügend Warnungen vor den Risiken des verwendeten Reaktortyps, ebenso Hinweise auf Konstruktionsmängel der Anlage, sowie unzureichenden Schutz vor Erdbeben und Tsunamis, von fehlenden Kontrollen gar nicht zu reden. Die Betreiberfirma Tepco und die japanischen Atomaufsichtsbehörden wiegelten ab und ignorierten die meisten Hinweise – ein sehr »sowjetisches« Verhalten.

In seinem Essay Entbergung und Konstruktion, in dem er sich mit den Potentialen der Kunst in der modernen, rationalisierten Welt beschäftigt, bringt der Philosoph Rudolf Burger luzide zum Ausdruck, dass die »Wahrheit einer falschen Welt« nicht mehr in der Kunst erhellt wird, sondern nur noch in der technischen Katastrophe, im Scheitern des technischen Experiments. Ausgehend von der Explosion der Challenger-Raumfähre schreibt er folgende Sätze:

»Die wahre Katastrophe ist das Gelingen des Programms, nicht der Absturz von ein paar Astronauten, der jenes zumindest ein bisschen bremste. (…) Wenn die Welt als solche zum technischen Fall zu werden droht, zum sogenannten Ernstfall, als ob sie jetzt heiter wäre, dann zuckt eine perverse Schönheit im Un-Fall auf, der den logischen Gang der Dinge unterbricht. (…) Ist er vorbei, so geht die Geschichte weiter, in ihrem gewohnt-gewöhnlichen Trott. Und doch leuchtet in ihm so etwas wie Wahrheit auf: die Wahrheit einer falschen Welt. (…) Und das Erhabene der Natur, vor dem die Menschen erschauern, weil es gerade noch verschmäht, sie zu zermalmen, ist in Zeiten der Postmoderne nicht mehr wie im Jahrhundert Kants der Eisberg oder die unendliche Wüste, das aufgewühlte Meer oder das Gebirge im Gewitter: es ist Tschernobyl.«


Rückkehr nach Reims

In seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims erzählt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon von der Klassengesellschaft und insbesondere von den Folgen »sozialer Reproduktion«, die sich in Körper und Psyche der Angehörigen der unteren Schichten – die »Arbeiterklasse« zu nennen, sich die linken Parteien seit Jahrzehnten abgewöhnt haben – lebenslänglich einschreiben.

Wiewohl er um diesen sozialen Skandal immer wusste, gelang ihm die präzise Beschreibung, was er aus Menschen macht, was er aus ihm und seiner Familie gemacht hat, erst Jahrzehnte nach seinem Weggehen, nach seinem Bruch mit dem homophoben Vater und dessen Herkunftsmilieu. Er deutet diesen Bruch nicht psychologisch, sondern soziologisch:

»Ich habe es meinem Vater immer übel genommen, dass er genau das war, was er war, diese Verkörperung einer Arbeiterwelt (…). Der Schrecken, der mich damals packte, ging nicht von der handelnden Person aus, sondern von dem sozialen Umfeld, das solche Handlungen ermöglichte.«

Nach prekären Anfängen, immer wieder vom Scheitern bedroht, konnte er sich über die Jahre als Publizist und Theoretiker der Schwulenbewegung etablieren. Eribon beleuchtet diesen Aufstieg, der nur um den Preis der völligen Verleugnung der Herkunft möglich war, und er macht deutlich, wie das, was er für eine autonome und selbst gewählte Entscheidung erachtete (die Wahl des Studienortes, der Fächer, der Professoren etc.), nichts anderes war als »soziale Reproduktion«. Als Erster und Einziger in der Familie, der studierte, verfügte er über keinerlei »Kapital« (im Bourdieu’schen Sinn weder ökonomisches, noch soziales oder kulturelles), und klarerweise auch nicht über Beziehungen und Netzwerke, die für Angehörige der herrschenden Klasse selbstverständlich sind. (»Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind.«) Letztlich verhinderten nur Zufälle sein Scheitern.

Sein Fazit:

»Meine sexuelle Identität nahm ich trotz aller Beschimpfungen an und bekannte mich zu ihr, von meiner sozialen Herkunft und der durch diese bedingten Identität riss ich mich los. Man könnte sagen, dass ich in dem einen Bereich zu dem wurde, der ich bin, im anderen jedoch denjenigen zurückwies, der ich hätte sein sollen. Ich wurde von zwei sozialen Verdikten gebrandmarkt, einem sozialen und einem sexuellen. Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.«

Dieser Essay findet vor allem auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er sich mit dem massiven Zulauf befasst, den der Front National innerhalb der einst links wählenden Arbeiterklasse erfährt. Eribon erinnert daran, dass widrige materielle Verhältnisse immer schon ein Nährboden für Ressentiments waren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, häusliche Gewalt und Homophobie zum emotionalen Haushalt der Arbeiterklasse gehörten, als diese noch kommunistisch oder sozialistisch wählte. Und er macht deutlich, dass der Aufstieg der Rechten nur deshalb möglich war, weil die Linke so kläglich versagt hat: Wenn linke Parteien den Begriff »Arbeiterklasse« aus ihrem politischen Sprachgebrauch verbannen, folglich auch die materielle Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht wahrnehmen bzw. keine glaubwürdigen politischen Antworten für eine Verbesserung derselben mehr anbieten, dann darf man sich nicht wundern, dass sich die Mehrheit der Arbeiterklasse frustriert in die Hände der Rechten begibt.

Noch ein Textausschnitt aus Eribons Essay, der eine ganze Bibliothek ersetzt:

»Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemandem vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit der Klassengesellschaft vor Augen.«

Weitere Infos:
Klasse, Scham und die Linken (Luxemburg Lecture Berlin, 30.11.2016)
Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (Didier Eribon in Deutschlandradio Kultur, 04.12.2016)
Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk (Interview in „Zeit-Online“, 04.07.2016)

Früchte des Zorns

Im Unsichtbaren Kino im Wiener Filmmuseum beginnt John Fords „The Grapes of Wrath“ aus dem Jahr 1940, basierend auf dem im Jahr davor erschienen gleichnamigen Roman von John Steinbeck.
Gleich zu Beginn: Tom Joad (Henry Fonda) mit Kapperl! (Ich flüstere zu E.: »Jetzt weißt Du, warum ich Kapperl- und nicht Hutträger bin!«).

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Wann ich diesen Film zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Im Kino, soviel ist sicher, wohl vor über 20 Jahren. Ford / Steinbeck zeigen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der ökologischen Irrtümer in den 1930-er Jahren am Beispiel einer Bauernfamilie aus Oklahoma. Dürre und Sandstürme (Dust Bowl), Armut und Elend und Verlust der Farm und des Landes, das die Joads und andere Bewohner der Great Plains seit Generationen bestellten. (In anderen Filmen erinnert Ford daran, wie die Joads dieses Land von den Native Americans genommen haben.) Aufbruch nach Kalifornien (the land of milk and honey) über die gerade erst fertiggestellte Route 66. Hoffnung auf gut bezahlte Jobs. Aufwachen in Zeltlagern. Hungerlöhne. Elend. Aber auch die Chance auf den Ausweg aus dem Elend, auf eine menschenwürdige Existenz in Form der staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme im Rahmen von Roosevelts New Deal.

Grandiose Bilder, Herz und Hirn packende Bilder in Schwarz-Weiß. E., (bislang) kein Freund »alter Filme« (so pflegt er SW-Filme zu bezeichnen), zeigte sich begeistert.

P.S. Weil einer der beiden Filmprojektoren den Geist aufgegeben hatte, wie man uns vor Filmbeginn mitteilte, traf das, was in Wikipedia zum Stichwort Überblendtechnik so schön beschrieben ist, eben gerade nicht zu:

„Die Kunst des Vorführers besteht auch darin, am Ende eines Aktes den Projektor mit dem folgenden Akt rechtzeitig zu starten und Bild und Ton umzuschalten, so dass die Zuschauer keinen Übergang bemerken.“

Wir nahmen die Pausen zwischen den Rollenwechseln im schwarzen Kino gelassen und bedanken uns postum bei John Ford, dass er uns solche Filmgeschenke hinterlassen hat!

Heute vor 40 Jahren

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Glücklicherweise hatte ich berufsbedingt das Vergnügen, das WM-Vorrundenspiel Frankreichs gegen die Schweiz in einem Café in Paris und jenes Deutschlands gegen die USA in einer Pizzeria in Berlin live mitzuerleben. Die französischen Fans im Café unweit des Place de la République waren vom glanzvollen Auftritt der Équipe Tricolore gegen die Nati zu Recht begeistert. Nach dem 5:2-Sieg dachte ich, Les Bleus werden die Deutschen – nach dem eher mauen Spiel gegen die USA – im Achtelfinale biegen, dann aber, im Viertelfinale an Kolumbien scheitern: James (Rodríguez), Juan Cuadrado und die anderen Kolumbianer waren einfach das attraktivste Team dieser WM in Brasilien …

Na ja, wie immer kommt es bekanntlich anders als man denkt (was nichts daran ändert, dass Kolumbien wunderbar war), und aus den beiden Semifinalpaarungen könnte sich ein Endspiel ergeben, das es schon einmal gab, nämlich bei der Weltmeisterschaft 1974, als in München die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegen die von Johan Cruyff angeführte Elftal antrat. Als fußballinfizierter Bub hatte ich einige Spiele im Fernsehen gesehen und war vom fantastischen Kombinationsspiel der Oranjes schwer begeistert. Leider mussten sich meine Lieblinge der von Franz Beckenbauer angeführten und im Nachhinein betrachtet gar nicht so üblen Truppe aus Westdeutschland (der Panzerfußball kam erst danach und ist erst seit der Heim-WM 2006 dank Klinsmann/Löw verpönt) geschlagen geben. Nur zur Erinnerung: Damals spielten noch zwei deutsche Mannschaften, die auch in der Vorrunde aufeinander trafen: BRD gegen DDR hieß das, und der Magdeburger Jürgen Sparwasser traf zum 1:0-Sieg gegen die West-Deutschen.

Aber zurück zum Finale, heute vor 40 Jahren. Es war ein heißer Sommersonntagnachmittag, dieser 7. Juli 1974, so gegen 15.30 Uhr, an dem ich zusammen mit meinem Vater zum Nachbarhaus ging, wo ein Ehepaar aus Wien (er war mir als »Herr Sektionschef«, sie als »Frau
Sektionschef« bekannt), seit einigen Jahren seine Urlaube verbrachte. Jahre später, er war längst verstorben, sie im Dauerdelirium (meine Mutter besuchte sie einmal in ihrer Wohnung in Wien-Ottakring), erfuhr ich, dass er Sektionschef im Unterrichtsministerium gewesen war.

Warum wir dort waren? Zum einen, weil meine Großmutter die Zimmer für die Urlauber immer »fertig« machte, und auch ab und an für die Beiden kochte, wodurch wir uns mit der Zeit eben kennen lernten, soll heißen: Es wurde bis spät in die Nacht gesoffen, die Lust auf und das Verlangen nach Wein teilten die Beiden mit meinem Vater. Aber abgesehen von dieser für mich damals unverständlichen Leidenschaft verfügten die Urlauber aus Wien über ein Wunderding, das sich meine Eltern erst ein paar Jahre später leisten konnten/wollten: Einen »Color-TV«, wie mein Vater den Farbfernseher nannte! Meiner Erinnerung nach war ich vor allem vom wirklich guten Empfang fasziniert, kein Geriesel, wie bei uns zuhause. Vater musste immer an der Stange der Hausantenne herumdrehen, während meine Mutter ihre Anweisungen (»no a bissl«, »net soo vül«, »zruck«, »so iss guat«) durchs offene Wohnzimmerfenster gab, weil nach einem Gewitter oder Sturm die Bilder verschwunden blieben und das pure Rauschen angesagt war.

Herr und Frau Sektionschef hatten vorgesorgt: Belegte Brote (Extrawurst und Gurkerln), Soletti und Schartner Bombe Orange für mich, belegte Brote (Extrawust und Gurkerln), Wein und Zigaretten für die Sektionschefs und für Vater, der auch einen Doppler mitgebracht hatte. Der Herr Sektionschef und Vater waren für die Deutschen, die Frau Sektionschef für die Holländer, um – wie ich bald feststellen konnte – die beiden Männer ein bisschen zu ärgern, und ich war glücklich und in totaler Vorfreude auf das Spiel, das ohnehin nur meine Holländer gewinnen konnten.

Beinahe unmittelbar nach Anpfiff fiel auch schon das erste Tor: Nach Foul an meinem Idol Johan Cruyff verwandelte Johan Neeskens den Strafstoß zur 1:0-Führung. Der Rest ist Fußballgeschichte: Warum auch immer, Deutschland wurde Weltmeister. Ich war sehr enttäuscht, mein Vater und der Herr Sektionschef in bester Laune und zunehmend
betrunken (sie hatten andauern mit »Auf Deutschland!« die Gläser erhoben und mich irrsinnig genervt), und die Frau Sektionschef, eine kleine, zarte Frau, war bereits zur Halbzeit sturzbesoffen. Kurz vor Ende der Partei ist sie in ihrem Fauteuil einfach weggenickt. Nach dem Spiel bin ich nach Hause gegangen, voller Hass auf die Deutschen – vielmehr auf meinen Vater, der sich über deren Sieg freute.

Jedenfalls war ich seither immer von den Holländern und ihrem Spiel begeistert. Schon vier Jahre später sollten die Oranjes ja bereits wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft stehen (Trainer: Ernst Happel), und nur von der – von mir damals noch mehr geliebten – Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, geschlagen werden. Ich sage nur: Mario Kempes, der Mann mit der für mich (damals) absolut coolsten Frisur, und trainiert von »El Flaco« (der Dürre), vom großen César Luis Menotti, der den Begriff vom »linken« und vom »rechten« Fußball geprägt hat. Damals spielten beiden Mannschaften einen »linken« Fußball, also einen offensiven, kreativen Fußball, für den das Spiel an sich im Mittelpunkt steht (das man trotzdem gewinnen will), im Unterschied zum »rechten« Fußball, dem es – wurscht wie – einzig um das Ziel (= Sieg) geht. (Vgl. dazu ein wunderbares Interview mit Menotti anlässlich Pep Guardiolas Einstieg als Trainer bei Bayern München).

Da die Elftal seit der WM in Südafrika im Jahr 2010 einen »rechten« Fußball spielt und seither Verrat an Johann Cruyff und allen anderen am kreativen Spiel Interessierten begeht, werde ich mich – falls es zu einer Wiederauflage des Finales aus 1974 kommen sollte – im Lager der Deutschland-Fans befinden!

Aber möglicherweise verliert Deutschland ja gegen Brasilien und die Albiceleste putzt die Oranjes weg …

ES muss raus …

Immer wieder taucht ein Deutscher (oder Österreicher) auf, der glaubt, sagen zu müssen, „was gesagt werden muss„, um im selben Atemzug darüber Klage zu führen, nie sagen zu können, „was gesagt werden muss„. Kostümiert als Dichter, zeitgleich in mehreren internationalen Tageszeitungen, oder in Form von Erklärungen oder im Schutz der Anonymität als Poster, sagen sie, „was gesagt werden muss“ nicht über Pakistan, Saudi Arabien, Iran, Afghanistan, Somalia etc., nein: Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer über Israel, immer über den Staat der Juden, „in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist„. Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer „dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will„, und sie sagen das, „was gesagt werden muss„, weil „die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet durch das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird„.

Wenn sie dann das gesagt haben, von dem sie meinen, dass es „gesagt werden muss„, und die veröffentlichte Meinung nahezu geschlossen das, „was gesagt werden muss„, als das benennt, was es ist, nämlich: Bullshit, dann wollen sie darin eine Medienkampagne erkennen und fühlen sich in ihrer Meinungsäußerungsfreiheit bedroht!

Die Obsession, mit Israel sich befassen zu müssen, teilt der Literaturnobelpreisträger mit Antisemiten aller Lager. Aber seine in Verse gekleidete perfide Unterstellung, Israel wolle das iranische Volk mittels eines (atomaren) Erstschlags „auslöschen„, sollte – abgesehen von der obszönen Verdrehung von Ursache und Wirkung – wohl auch als Versuch gelesen werden, aus der eigenen Verstrickung in die Menschheitsverbrechen herauszukommen. Es lässt sich besser leben, wenn die Opfer der Nazis selbst zu Nazis gemacht werden.

Henryk M. Broder, der vor rund 15 Jahren in seinem Buch „Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“ den Antisemitismus vor allem innerhalb der Linken in all seinen Schattierungen offengelegt hat, beendete seine, unter der Überschrift „Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter“ in der Tageszeitung Die Welt veröffentlichte Entgegnung auf das Grass’sche „Was gesagt werden muss“ mit folgenden Zeilen:

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Marie Jahoda

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Als ich abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals beeindruckt hatte. Auch jetzt, mehr als 15 Jahre danach, suchte ich mir einen Parkplatz, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Im Gespräch-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über ihre »privilegierte« Kindheit (privilegiert deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der Revolutionären Sozialisten hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit – nach Schließung einer Textilfabrik, die der größte Arbeitsgeber in der Region war – führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die »ermüdeten« Bewohner Marienthals (= Ortsteil von Gramatneusiedl in Niederösterreich, wo noch einige Gebäude der ehemaligen Arbeitersiedlung, die rund um die Textilfabrik Marienthal entstanden ist, erhalten sind), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiterinnen und Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. Über die Marienthal-Studie und seine Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde.

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) und Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftigen Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Parteien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Nachsatz: Bruno Kreisky erzählte in seinen Memoiren, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Satz, »Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!«, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

67 Minuten ohne Zigarette

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!

SPD schafft sich ab

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Offensichtlich darf man als Parteimitglied keine eigene Meinung vertreten. Immer schön im Strom mitschwimmen, unangenehme Themen werden nicht oder nur in beschönigter Form angesprochen. Die harte Wahrheit darf man nicht öffentlich machen. So sieht die Politik aus. Leute wie Sarrazin stören da nur, nicht wahr? Nur merkwürdig, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung da ganz anderer Meinung ist. Aber daran stören sich Politiker ja nicht.“ (Posting in ZEIT, 26. April 2011, 18:31 Uhr)

Dieses Posting findet sich unter einem Zeit-Kommentar, der die Einstellung des Parteiausschlussverfahrens gegen Thilo Sarrazin kritisiert, ein Sachverhalt, der sich diesem Poster mit dem drolligen Nickname „Tierfreund“ offensichtlich nicht erschlossen hat. Er sieht nur „Sarrazin“ und sofort wirft er seine Hausverstandsmaschine an und nimmt die Pose des vermeintlich „Gegen-den-Strom-Schwimmers“ ein, um gegen eine „Politik“ zu wettern, die keine „harte Wahrheit öffentlich macht„, und um klar zu machen, dass er und „ein nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung“ – den einer wie er immer dann anführen muss, sobald er das Maul aufmacht – von diesen „Politikern“ nichts hält. Dieser „Tierfreund“ ist der klassische Wutbürger, der gegen die „da Oben“ brüllt – und immer gegen die „da Unten“ tritt.

Mit dem Nichtausschluss des Ex-Finanzsenators in Berlin und Ex-Vorstandmitglied der Deutschen Bundesbank hat die Parteispitze der SPD ihren Wutbürgermitgliedern zu verstehen gegeben, dass sie den Gedankenmüll, den sie in sich tragen, nicht mehr hinunterwürgen müssen. Fortan dürfen sie getrost behaupten, dass u. a. „belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht„, dass „die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark (…)„, dass „auch im besten Bildungssystem die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert wird„, dass „für einen großen Teil dieser Kinder der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt ist: Sie erben (1) gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden (2) durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt“ und dass „Menschen unterschiedlich sind – nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt – und dass noch so viel Bildung und Chancengleichheit daran nichts ändert„.

Welch ein hoffnungsloses Menschenbild wird hier, mehr als 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung, produziert?“ schrieb der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel noch vor einigen Monaten in einem Beitrag in der Zeit, in dem er luzide die hässlichen Blödheiten des Bestseller-Autors auseinandergenommen hat. (Die hier angeführten Zitate aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sind diesem Beitrag entnommen.) Die Umfragedaten der SPD haben den Parteivorsitzenden und die führenden Genossen offenbar bewogen, ihre Auffassung zu ändern. Jetzt kann ein Parteimitglied also „für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen – unabhängig von Herkunft und Geschlecht, frei von Armut, Ausbeutung und Angst“ (Hamburger Programm – Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 2007, Einleitung, S. 6) eintreten und sozialdarwinistische, biologistische und rassistische Hässlichkeiten verzapfen. Das geht sich schon alles irgendwie aus.

Mit dem Signal an die Parteimitglieder, „Lasst einfach raus, was ihr ohnehin jeden Tag dank der Blödmedien hineinfrisst!“, hat sich die SPD abgeschafft!