Beitrags-Archiv für die Kategory 'Allgemein'

Wahlfreiheit und Schule

Donnerstag, 8. April 2010 19:19

Wenn schulbezogene Aufgaben nach Hause delegiert werden, dann ist das keine europäische Normalität, sondern ein Spezifikum der österreichischen und der deutschsprachigen Schule. In Frankreich oder in den skandinavischen Ländern (…) sieht die Schule ihren Bildungsauftrag darin, dass die Bildungskompetenzen der Eltern nicht fortgesetzt werden in den Kindern. (…) Die Schule kann auch so strukturiert werden, dass sie wesentliche schulbezogene Aufgaben nicht an die Familie delegiert.

Diese zentralen Aussagen hat die Integrationsexpertin Barbara Herzog-Punzenberger im Rahmen der gestrigen CLUB 2 Diskussion zum Thema “Junge Türken - zwischen Integration und Verweigerung” (hier noch einige Tage zu sehen) eingebracht. Sie bezog sich dabei auf Erkenntnisse des internationalen Forschungsprojekts TIES (”The Integration of the European Second Generation”). TIES erforscht die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen von Menschen mit gleichem Migrationshintergrund in verschiedenen Ländern. Also: Welche Gründe lassen sich für unterschiedliche Bildungserfolge in verschiedenen Ländern finden? Warum verläuft der Übergang zum Arbeitsmarkt in einem Land reibungsloser als in anderen?

In einem Paper formulieren die Studienautoren u. a. folgende Empfehlungen in Bezug auf die Struktur des Bildungssystems:

  • Je früher Kinder mit Migrationshintergrund in den Kindergarten eintreten, umso rascher können sie allfällige sprachliche Defizite überwinden, und,
  • je mehr Jahre zwischen dem Bildungsbeginn und der Selektion in unterschiedliche Schultypen verstreichen, desto mehr Chancengerechtigkeit gibt’s für die Kids.

Wie weit wir hierzulande von diesen im Grunde No-Na-Empfehlungen entfernt sind, kann folgender Aussage des Bildungssprechers der ÖVP, Werner Amon, entnommen werden (aus einem Standard-Interview zur Ganztagsschule vom Oktober 2009):

Uns ist nur wichtig, dass die Wahlmöglichkeit bei den Eltern bleibt. Wenn ich an einem Standort verschränkten Unterricht in den Nachmittag hinein anbiete, dann soll es gleichzeitig eine Variante geben, bei der die Kinder am Nachmittag zuhause sein können. Wir wollen die freie Wahl ins Zentrum rücken, gleichzeitig aber alle Formen zulassen.

Amon ist ein wiffes Kerlchen, er bezieht sich hier nämlich nicht auf ein und denselben Standort. Er meint zwei unterschiedliche Schulstandorte, an einem soll’s die Ganztagsschule geben, am anderen eben gerade nicht. Amon sagt damit aber nichts anderes als: Wir haben nichts gegen Ganztagsschulen in Österreich, wir tun nur alles, damit sie nie flächendeckend eingeführt werden. Wer von “freier Wahl” in Bezug auf das Schulsystem spricht, spricht sich zugleich gegen radikale Änderungen im Dienstrecht von Lehrerinnen und Lehrern aus - und damit gegen flächendeckende Ganztagsschulen.

Mein Mathematiklehrer in der AHS-Oberstufe hatte die Angewohnheit, viele seiner Sätze mit der Wortfolge “was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!” zu beenden. Als wir Schüler das zum ersten Mal hörten, konnten wir uns vor Lachen nicht halten. Wochenlang achteten wir nicht auf seinen Unterricht, sondern einzig darauf, wie oft er dieses Satzfinish in einer Stunde unterbringen konnte (der Rekord lag bei gezählten 71 Mal). Nach einigen Wochen verebbte unser Interesse, vor allem nachdem wir die erste Schularbeit zurückbekommen hatten, und irgendwann gewöhnten wir uns an dieses “was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!” ohne in Gelächter auszubrechen.

Was beim Mathematiklehrer ein Tick war, den er nicht mehr zu kontrollieren im Stande war, ist bei Amon und Konsorten eine bewusste Strategie: Wiederhole den bildungspolitischen Schwachsinn so lange, bis sich die anderen daran gewöhnt haben. Irgendwann werden sie aufhören, andere Positionen auch nur anzudenken.

Jüngstes Beispiel:
Die Stadt Wien hat angekündigt, in den nächsten sieben Jahren die ganztägig geführten Standorte im Pflichtschulbereich (derzeit sind das 23 Volks- und vier Hauptschulen, ab Herbst kommen drei AHS hinzu) zu verdoppeln und in jedem Bezirk mindestens eine ganztägige Schulform anzubieten. Konkret heißt das, dass bis zum Jahre 2017 von den über 700 Wiener Schulen rund 50 als “verschränkt” ganztägig (= Unterricht, Übungszeit und Freizeit erstrecken sich über den ganzen Tag) geführt werden sollen.

Jetzt bin ich einmal total optimistisch und nehme an, dass die Stadt Wien alle sieben Jahre den jeweiligen Ist-Stand an Ganztagsschulen verdoppelt, dann könnte die Ganztagsschule an allen Wiener Schulen in etwa bis 2045 umgesetzt sein.

Fazit: Wahlfreiheit forever!

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Elvis, der Fußball und Flann O’Brien

Dienstag, 28. Juli 2009 18:07

osgood_burial

Peter Osgood war in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren Stürmer des FC Chelsea, der von den Fans zum King of Stamford Bridge geadelt wurde. In 279 Spielen für den FC Chelsea schoss er 103 Tore. Am 1. März 2006 ist Osgood gestorben.

Und jetzt kommt’s: Am 1. Oktober 2006 wurde die Urne mit seiner Asche in einer feierlichen Zeremonie am Elfmeterpunkt vor der Shed End (jene Tribüne, wo sich früher die Hardcore Fans des Vereins versammelten) beigesetzt. “So, his spirit is always with us“, wie unser Guide, der den Nickname ELVIS trug und uns durch das Stadium führte, anmerkte.

Dieser wunderbare ELVIS könnte Flann O’Briens Der dritte Polizist entsprungen sein. In diesem phantastischen Roman wird die Atom-Austausch-Theorie, die angeblich auf einen Philosophen namens De Selby zurückgeht, absolut schlüssig erläutert auf Grund der tiefen und symbiotischen Beziehungen, die sich zwischen den im irischen Dorf lebenden Leuten und ihren Fahrrädern über die Jahre entwickelt haben:

Das Brutto- und Nettoresultat davon ist, dass die Persönlichkeit von Menschen, die die meiste Zeit ihres natürlichen Lebens damit verbringen, die steinigen Feldwege dieser Gemeinde mit eisernen Fahrrädern zu befahren, sich mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt - ein Resultat des wechselseitigen Austauschs von Atomen-, und sie würden sich über die hohe Anzahl von Leuten in dieser Gegend wundern, die halb Mensch und halb Fahrrad sind.

ELVIS ist einer jener beneidenswerten Menschen, dessen Beruf von seiner Leidenschaft gewählt wurde. Er ist nicht bloß ein wandelndes Lexikon, das ganz nebenbei alle Statistiken und sonstigen fußballerischen Wichtigkeiten (die diversen Trainer, Spieler, Spielerwechsel usw.) verinnerlicht und jederzeit abrufbar parat hat, die sich nicht fußball-affinen Menschen sowieso nie erschließen werden. Nein: Dieser ELVIS lebt den Fußball und der Fußball lebt ELVIS. Er hat einen 100% Fußballanteil, wodurch er so ganz nebenbei die Gültigkeit der Atom-Austausch-Theorie belegt und all jene Zweifler, die diese als Folge der Hingabe seines Schöpfers für irischen Whisky zu “erklären” trachten, eines Besseren belehrt.

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Wüstenenergie

Donnerstag, 18. Juni 2009 18:20

solar-energie-aus-der-sahara

Am 13. Juli werden in München deutsche Manager (Siemens, RWE, E.ON, Deutsche Bank usw.), italienische und spanische Unternehmen, deutsche und europäische Politiker mit Vertretern der Arabischen Liga zusammen kommen, um die Energieversorgung der Zukunft zu planen. Strom aus der Sahara. Für 400 Milliarden Euro könnten riesige Solarkraftwerke in Nordafrika und Hochspannungsleitungen nach Europa errichtet werden, die genügend Strom produzieren, um bis 2050 alle Atomkraftwerke in Europa zu ersetzen (vgl. hier) Anders als bei Photovoltaik-Anlagen, die den Strom sofort produzieren, soll bei den Wüstenspiegeln Spezialöl erhitzt und der dabei entstehende Wasserdampf für den Antrieb von Turbinen verwendet werden. Also ganz so wie bei herkömmlichen Kraftwerken, nur eben ohne Schadstoffausstoß.

Das Desertec-Projekt geistert schon seit einigen Jahren herum. Technisch ist es kein Problem mehr. Um die Finanzierung auf Schiene zu bringen, ist jetzt die Münchner Rück, Deutschlands größte Rückversicherung, eingestiegen. Rückversicherungen haben großes Interesse an nachhaltigen Energieträgern, weil sie immer mehr Geld für Folgeschäden des Klimawandels aufwenden müssen.

Neben den hohen Investitionskosten könnte die Realisierung des Projekts freilich auch an den nordafrikanischen Staaten scheitern. Solange sich in der Wüste mit den vorhanden Öl- und Gasvorkommen Geld verdienen lässt, wird es wohl etlicher Deals bedürfen, um die Staaten von Desertec zu überzeugen (vgl. hier).

Details zum Desertec-Projekt finden sich hier.

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Iran

Mittwoch, 17. Juni 2009 14:51

iran_cartoon

© Cartoon-Caricature-Contors, Pfaffenhofen

Gestern hat Euro-News den faschistischen iranischen Mullahstaat in zweieinhalb Minuten erklärt. Dafür waren keine Live-Berichte von Journalisten notwendig, die in Teheran in abgeriegelten Hotels abhängen, um zu berichten, dass sie eh nichts zu berichten haben. Keine Nahost- und sonstigen Islamexperten, die davon quatschen, dass es für “Obama” und “Israel” ohnehin besser sei, wenn der völlig Durchgeknallte weiterhin im Amt bleibe (hier mehr dazu). Kurz: Kein Schwachsinn, sondern Facts and Figures über das “politische Perpetuum Mobile” des Mullahregimes.
Hier das Kurzvideo (startet von alleine, kurz nach dem Werbespot).

Und hier geht’s zur Website von Stop the Bomb.

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EU-Wahl

Dienstag, 2. Juni 2009 20:03

bundesheer_grenze

Am nächsten Sonntag finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt - und heute im ORF die erste und einzige Diskussionsrunde der Spitzenkandidaten. Ist vielleicht auch besser so, möchte man beinahe anmerken, angesichts der “Themen” der vergangenen Tage und Wochen.

Nicht erst seit diesem Wahlkampf präsentieren uns die meisten Parteien und die Billigmedien Europa als feindliches Territorium, von dem gefährliche Bedrohungen (z.B. organisierte Kriminalität, Neoliberalismus, Ausländer usw.) ausgehen, vor dem Volk und Heimat geschützt werden müssten. Politiker der beiden Regierungsparteien sprechen in der Regel ja nur “gegen die Europäische Union” oder “von einer anderen Europäischen Union“. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, sie möchten uns glauben machen, das Land befände sich noch in der Sondierungsphase, so als ob die Entscheidung, Beitritt oder Nicht-Beitritt, noch zur Debatte stünde.

Einzig die Rechten, die mit Kalkül die “Los-von-Brüssel“-Keule schwingen, und die Grünen verweigern sich dieser Chuzpe. Während Letztere allerdings den einzigen EU-Parlamentarier in ihren Reihen, der sich in ganz Europa einen Namen gemacht hatte, in die Politpension geschickt und damit alles andere denn eine Wahlempfehlung für sich abgegeben haben, steuern die Rechten, eine hemmungslose Hetzkampagne fahrend, einem Wahlerfolg entgegen.

Warum das so sein wird, hat - neben der skizzierten EU-Haltung der Regierungsparteien - auch mit der An Schritt vire, zwa Schritt zruck-Politik der SPÖ zu tun: Wenn der Bundeskanzler den rechten Hetzern ein SHUT UP! entgegen knallt, ist das einmal uneingeschränkt zu begrüßen; wenn er dann aber im Sauseschritt ins Burgenland eilt, um sich für die Verlängerung des Assistenzeinsatzes des Bundesheeres auszusprechen, befördert er erst recht wieder das “(Verun-)Sicherheitsgeschäft” der Rechten.

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Empörung ist zu wenig

Donnerstag, 28. Mai 2009 18:54

ruecktritt_graf

Graf hat sich nicht spontan geäußert. Er hat überlegt einen hetzerischen Artikel verfasst. Er hat gewusst, was er tut. In der FPÖ brennen keine Sicherungen durch. Es geschieht etwas ganz anderes. Zum ersten Mal nach langer Zeit wird auf Verkleidungen kein Wert mehr gelegt. Man zeigt sich, wie man ist, und man spricht, wie man denkt. Das Blau ist ab, weil man glaubt, sich wieder braun leisten zu können. Das ist das Besorgniserregende. Weil SPÖ und ÖVP ihre klaren Grenzen zur extremen Rechten aufgegeben haben, weil angebiedert statt ausgegrenzt wird, fühlen sich Burschen wie Graf und Wehrsportler wie Strache sicher.“(Peter Pilz in seinem heutigen Blog-Eintrag)

Die Grünen haben eine Online-Petition gestartet, wo man für den Rücktritt des dritten Nationalratspräsidenten unterschreiben kann. Dass die FPÖ politisch ausgegrenzt gehört, weil sie, wie Michael Völker in einem Standard-Kommentar notiert, “eine zutiefst destruktive Kraft (ist), die hetzt, mit Neid arbeitet, die Vorurteile benützt und verstärkt, die Feindbilder propagiert, die Andersdenkende verfolgt, die Menschen fertigmacht“, sich also selbst aus dem zivilisierten demokratischen Diskurs nimmt, dürfte allmählich auch von den Regierungsparteien (zumindest auf Bundesebene) verstanden worden sein - die Grünen haben in dieser Frage immer klar Position bezogen.

Diese Trennlinie einzuziehen, kann aber nur ein erster, wenn auch unbedingt notwendiger Schritt sein. In einem Gespräch, das ich auf der Website des Gedenkdienstes gefunden habe, skizziert Willi Meryin, Gewerkschafter und Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich, eine konkrete gesellschaftliche Problemstellung, die nicht nur mit Empörungsdiskursen zu bewältigen sein wird:

Mein Sohn hatte im Kindergarten einen besten Freund. Mein Sohn ist dann in eine Mehrstufenklasse gekommen. Lauter alternative, anti-faschistische Lehrer. Anti-Diskriminierungsprojekte, Workshops, keine Noten, alle ‚per Du‘ - eine Super-Schule. Wie viele Türken waren in dieser Schule? Keine. Es war nämlich eine Ganztagesschule, wo nur Kids hindürfen, von denen beide Elternteile berufstätig sind, was bei vielen türkischen Familien nicht der Fall ist. Das hat aber geheißen, dass in der Nebenschule der Anteil türkischer Kinder 80% war. Dort war auch der beste Kindergartenfreund meines Sohnes. Die haben natürlich keine anti-rassistischen Projekte gehabt. Die waren halt nicht in Mauthausen. Das sind dann aber eher die Leute, die auf den Lehrstellenmarkt kommen. (…) Wir können ja heute auch nicht zu einem Lehrling hingehen und sagen: ‚Du bist nicht sozial benachteiligt.‘ Er ist es und er weiß es. Und wir müssen ihm nicht nur eine Perspektive aufzeigen, wir müssen sie ihm auch ermöglichen.

Ansonsten kann ich nur auf einen älteren Blog-Eintrag verweisen.

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Noahs Arche

Dienstag, 5. Mai 2009 18:54

noahs-arche

Thomas Stephen Monaghan, reich geworden mit seiner Pizza-Kette Domino’s Pizza, hat nach einem religiösen Erweckungserlebnis im Jahre 1998 das Unternehmen verkauft. Mit der Kohle lässt er in der Nähe von Staples, Florida eine Gemeinde für “aufrechte” Christen erbauen. Geplant sind 11.000 Wohnungen. Eine Privat-Universität samt dazugehörigen Unterkünften, die Ave Maria University, hat ihren Betrieb bereits aufgenommen. Die Unterkünfte sind streng nach Männlein und Weiblein getrennt, gegenseitige Besuche sind für einige Stunden an Wochenenden bei geöffneten Zimmertüren gestattet. Klar, dass es in den Shops des Areals weder Verhütungsmittel noch Pornos gibt.

Und alle sind wahlberechtigt!“, so der Kommentar des Dokumentarfilmers Tom Theunissen aus dem OFF. Im ersten Teil, des auf vier Teile angelegten Road-Documentary, Who’s afraid of America, wenige Monate vor der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA gedreht, führt die Reise von New York in den Bible-Belt.

Monaghan und seine Vision der Errettung der Schäfchen vor der Hölle ist nur eine der bizarren Stationen, die in diesem grandiosen Movie zu sehen sind, das gestern im ZDF-Infokanal gelaufen ist. Neben einem Abstecher zu den Amish People in Berlin, Ohio, die ohne Strom, Telefon und sonstigen zivilisatorischen Beiwerk ihr Auskommen finden, erfreut vor allem ein Besuch im Creation Museum in Petersburg, Ohio. Dort haben orthodoxe Bibelfreaks (Kreationisten) ein Bibel-Disneyland errichtet. Zu den Highlights zählen ein Nachbau der Arche Noahs (”Noahs Arche hatte über zwei Meter dicke Wände!” zeigt sich eine interviewte Wahlberechtigte tief beeindruckt) und Adam und Eva und sonstiges Bibelpersonal als animierte, lebensgroße Puppen.

Trostspender wie der Schriftsteller Richard Ford oder der Musiker und Produzent Jim Dickinson kommen im ersten Teil von Who’s afraid of America auch vor.

Hier die weiteren Termine für alle, die den ZDF-Infokanal empfangen können:

13.05.2009 23:25 Uhr
18.05.2009 23:25 Uhr
21.05.2009 22:55 Uhr
23.05.2009 00:10 Uhr
26.05.2009 22:55 Uhr
31.05.2009 22:55 Uhr

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Budget und Krise

Mittwoch, 22. April 2009 20:04

krise

Der Ökonom Stefan Schulmeister bringt das gegenwärtige Budget-Drama in einem Standard-Kommentar der Anderen präzise auf den Punkt:

Wenn das BIP in einem Land trotz Konjunkturpakets um vier Prozent zu schrumpfen droht, so muss das Budgetdefizit um weitere vier Prozent des BIPs ausgeweitet werden, am besten durch solche Ausgaben, die die Wachstumsbedingungen auch langfristig verbessern (Bildung, Infrastruktur, Forschung) oder die Nachfrage besonders effizient stimulieren (Transfers für sozial Schwache). Verzichtet ein Finanzminister darauf, um den Defizitanstieg in Grenzen zu halten, wird er später erst recht ein höheres Defizit “erleiden”. Grund: der unzureichend gebremste Konjunktureinbruch.
In den USA und Japan, aber selbst in China, orientiert sich die Politik an diesem „Sparparadox”, nicht aber in der EU. Hier hat sich die Vorstellung seit 20 Jahren verfestigt, dass es der Staat allein in der Hand hat, seinen Budgetsaldo zu bestimmen (daher die Maastricht-Kriterien). Die Interaktion aller Sektoren einer Wirtschaft wird vernachlässigt, also der systemische Kontext der Budgetdynamik (”Maastricht error”). Folge: Die Konjunkturpakete sind in der EU (viel) kleiner als in den USA, Japan oder China.

Diese Analyse sollte man mitdenken, wenn man die Budgetrede des Finanzministers zu den Budgetvoranschlägen für die Jahre 2009 und 2010 liest, die er gestern im Nationalrat vorgetragen hat. Die in Zahlen gegossene Regierungspolitik muss sich an den starren europäischen Regeln orientieren. Alle Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Krise gesetzt werden, unterliegen letztendlich den Maastricht-Kriterien – ein kurzfristiges Außer-Kraft-Setzen kann darüber nicht hinwegtäuschen (der Budgetvoranschlag für 2009 sieht ein Defizit von 3,2% vor, jener für 2010 eines von 4,1%). Diese Vorgabe, und darin liegt das Problem, gilt der heimischen Politik als quasi naturhafte, was sich in der Rede von Pröll vor allem in den Seitenhieben auf die USA (Defizit bis zu 13% des BIP) und in den grundsätzlichen Ausführungen zur Sparsamkeit offenbart.

In der Rede finden sich die üblichen ideologischen Verkürzungen (”Von den vergangenen Jahren der Hochkonjunktur haben wir alle profitiert“), hohlen Phrasen (”Allen Betroffenen sage ich hier und jetzt: Auf uns können Sie sich verlassen!“) und gesellschafts- und sozialpolitisch völlig hirnrissige Lobeshymnen: So nimmt Pröll den skandalösen Zustand, wonach im viert reichsten Land der Europäischen Union 2,7 Millionen Menschen über ein viel zu geringes Einkommen verfügen, um überhaupt noch Steuern zu zahlen, nicht zum Anlass, um endlich für eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen zu sorgen, sondern, ganz im Gegenteil, als Beleg dafür, wie supertoll das Land dastehe:

Nicht zuletzt durch die Steuerreform 2009 zahlen 2,7 Millionen Menschen in Österreich seit diesem Jahr überhaupt keine Steuern mehr! Auf jeden Steuerzahler kommt damit einer, der keine Steuern zahlt. Da brauchen wir uns nicht selbst schlecht zu reden.”

Eine detaillierte inhaltliche Bewertung der Rede erübrigt sich aber ohnehin, weil die Budgetvoranschläge für die Jahre 2009 und 2010 in wenigen Monaten schon Makulatur sein dürften. So geht aus dem ebenfalls gestern vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Global Financial Stability Report hervor, dass die weltweiten Verluste in Folge der Finanzkrise über 4 Billionen Dollar (rund 3 Billionen Euro) betragen werden (die Schätzung basiert auf Zahlen, die bis Ende Februar 2009 verfügbar waren). Vor einem halben Jahr ging der IWF noch von Verlusten in der Größenordnung von 2 Billionen Dollar aus.

In dem Bericht wird klarerweise auch das Engagement Österreichischer Banken in Ost- und Zentraleuropa (CESE) angesprochen, das im Vergleich zu anderen europäischen Staaten unvergleichlich höher ist – gemessen am jeweiligen BNP (”Austria has the largest exposure to CESE. The claims of its banks amount to over 70 percent of its GDP and 26 percent of its banking system assets.”)

Als der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in einem Vortrag aus diesen Fakten eine – im Vergleich zu allen anderen europäischen Staaten - unvergleichlich höhere Gefährdung für das österreichische Bankensystem und für die Handlungspielräume der Politik abgeleitet hat, versuchten die heimischen Regierungsspitzen Krugmann als Spinner hinzustellen (vgl. dazu den Bericht in der Financial Times Deutschland und Krugmans Blogeintrag in der New York Times).

Nun wissen wir, dass die G-20 eine Reihe von Maßnahmen beschlossen haben, um auf die Weltwirtschaftskrise zu reagieren, die auch im IGF Report positiv bewertet werden. Zugleich werden aber die Prognosen, beinahe täglich, nach unten revidiert, und diese Krise könnte - gemessen am weltweiten Einbruch der Industrieproduktion, des Welthandels und des Finanzsystems – noch dramatischer Auswirkungen haben als die Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren, wie sich aus einer vor kurzem publizierten Kurzstudie zweier amerikanischer Wirtschaftshistoriker folgern lässt. Den einzigen Unterschied zur Great Depression bringt Krugman treffend auf den Punkt:

It’s only to the extent that we understand these things a bit better than our grandfathers — and that we act on that knowledge — that we have any real reason to think this time will be better.”

Fazit: Man muss ja nicht alle Prognosen glauben, und viele Fachleute haben sich in den letzten Monaten ordentlich blamiert; aber der Trend geht eindeutig abwärts. Die Budgetvoranschläge werden schon bald adaptiert werden müssen.

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Books & Google

Freitag, 17. April 2009 17:50

buchspeicherGoogle hat vor einigen Jahren mit der vollständigen Digitalisierung von Büchern begonnen (Google-Buchsuche). Gegenwärtig sind rund sieben Millionen Bücher digitalisiert. Alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Bücher (rund eine Million) sind frei zugänglich und können auch heruntergeladen werden. Die Bücher stammen aus dem Bestand großer Bibliotheken (vgl. hier).

Gegen die Digitalisierung von Büchern durch Google haben im Jahre 2005 US-amerikanische Autoren und Verleger eine Sammelklage eingereicht, weil sie das Vorgehen des Suchmaschinenbetreibers als permanente Urheberrechtsverletzungen betrachten. Am 28. Oktober 2008 haben sich die Klageeinbringer (Association of American Publishers, American Authors Guild) mit Google auf einen Vergleich geeinigt, der aber noch gerichtlich genehmigt werden muss (vgl. Presseaussendung). Demnach verpflichtet sich Google zur Zahlung von 125 Millionen Dollar. Mit dieser Summe sollen insbesondere die Ansprüche von Autoren und Verlagen nach dem US-amerikanischen Copyright abgegolten werden. Zugleich soll Google die Möglichkeit eingeräumt werden, in der Folge urheberrechtlich geschützte, im Handel erhältliche, aber auch nicht mehr erhältliche (= vergriffene) Bücher in einer Vorschau (kurzer Ausschnitt) unentgeltlich zugänglich zu machen und gegen Bezahlung im Volltext online lesbar zu machen.

Wohlgemerkt: Diese Vereinbarung gilt nur für die USA. Für außerhalb der USA bleibt alles wie bisher, das heißt, alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Werke, die von Google digitalisiert wurden und werden, sind frei zugänglich und können heruntergeladen werden.

In der Online-Ausgabe der jüngsten Nummer von Le Monde Diplomatique findet sich ein interessanter Text von Robert Darton, dem Leiter der Universitätsbibliothek der Harvard University, zu möglichen Auswirkungen dieser Vereinbarung, insbesondere auf den Bibliothekssektor. Die Vereinbarung, sofern sie in etwa zwei Jahren rechtswirksam wird, lässt Google zum de facto Monopolisten von digitalen Büchern werden, und zwar weltweit.

Die Verfechter des freien Marktes werden einwenden, dass der Markt sich selbst reguliert. Wenn Google zu viel verlangt, werden die Kunden ihr Abonnement kündigen, und Google muss den Preis wieder senken. Doch bei den institutionellen Lizenzen besteht gar keine direkte Verbindung zwischen Angebot und Nachfrage. Die Studierenden, Mitglieder der Fakultäten und öffentlichen Bibliothekare bezahlen das Abonnement ja nicht aus eigener Tasche. Das Geld kommt aus dem Bibliotheksetat, und wenn der für die Fortsetzung des Abonnements nicht ausreicht, werden die Nutzer, die sich längst an die Google-Dienstleistung gewöhnt haben, Protest anmelden. Um das zu vermeiden, werden die Bibliotheken anderswo sparen und zum Beispiel wie seinerzeit wegen der Fachzeitschriften weniger Bücher anschaffen.

Fest steht, dass die Vereinbarung vom Herbst letzten Jahres die digitale Welt verändern wird, weil sie die Macht an eine einzige Firma abtritt. Mit Ausnahme von Wikipedia kontrolliert Google bereits heute einen Großteil der online abgefragten Informationen. Neben dem ursprünglichen “Big Google” haben wir Google Earth, Google Maps, Google Images, Google Labs, Google Finance, Google Arts, Google Food, Google Sports, Google Health, Google Checkout, Google Alerts. Weitere Google-Unternehmen sind in der Mache. Google Book Search verspricht zur größten Bibliothek und zur größten Buchhandlung zu werden, die je existierten. Wer weiß, ob uns das dem Traum der Aufklärung näher bringen wird.

Hätten die öffentliche Hand und die Bibliotheken in den USA die Digitalisierung von vergriffenen Büchern selbst in Angriff genommen, dann wäre man in Zukunft nicht auf das Wohlwollen eines privaten Monopolisten angewiesen. Die Europäische Union hat jedenfalls – in Reaktion auf das Google-Projekt – mit dem Aufbau einer Europäischen Digitalen Bibliothek begonnen. Europeana, so der Name des Webportals, das bislang vier Millionen Objekte in digitaler Form (Bücher, Zeitungen, Bilder, Videos, Filme, Tonaufnahmen etc.) bereitstellt, soll bis 2010 zu rund zehn Millionen Objekte verlinken.

Man kann nur hoffen, dass die Startschwierigkeiten überwunden werden: Als Europeana im November 2008 offiziell ans Netz ging, fiel es gleich wieder aus. Mit bis zu 10 Millionen Klicks pro Stunde hatte man nicht gerechnet. Die Server waren zu schwach (vgl. Pressemeldung der Europäischen Kommission).

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Abzocke

Samstag, 11. April 2009 18:34

lupeUm von meinem PC das Filmstreaming-Portal kino.to ansteuern zu können, muss ich zunächst einmal den Online-Guard meines Antivirenprogramms ausschalten, der mich vor Websites, wo Abzocke, Viren und Trojaner lauern, schützen soll. Auf Kino.to angekommen, findet man tausende TV-Serien und Kinofilme, klarerweise auch solche, die erst jüngst ins Kino gekommen sind bzw. bei uns noch gar nicht laufen. Die Domainendung “.to” verweist auf das Königreich Tonga, einen Inselstaat im Südpazifik, nahe der Datumsgrenze gelegen. Deshalb sehen wir hierzulande TV-Bilder von feiernden Insulanern alljährlich am Neujahrstag, dürfen die Tonganer das Neue Jahr doch schon rund 11 Stunden vor uns begrüßen.

Die Server von kino.to sollen sich in Russland befinden, in der Europäischen Union ist ein derartiger Dienst nämlich nicht erlaubt. Die Kids, die das Portal begeistert nutzen, dürfte dies freilich nicht wirklich interessieren. Sehr wohl aber die Art und Weise, wie sich kino.to und andere derartige Portale finanzieren. In einem Bericht von Focus-Online wird nämlich ein typisches Beispiel von Internet-Abzocke angeführt:

Kürzlich wurde Besuchern von Kino.to mit geschickt gestalteten Werbebannern die Vireninfektion des eigenen PCs vorgetäuscht. Ein Klick auf die gefälschte Sicherheitswarnung führte auf eine Website, die dem Nutzer ein kostenloses Anti-Viren-Programm zur Desinfektion des Rechners versprach. Mit der Registrierung schloss das ahnungslose Opfer ungewollt ein Zweijahresabo für 316 Euro ab.”

Aber auch ein anderer bekannter Abzocker ist auf Kino.to aktiv: Im Partnerprogramm des Filmstreaming-Portals scheint nämlich Opendownload.de auf, ein so genannter Downloaddiensteanbeiter, der Gratissoftware auf seinem Server zum Download anbietet, also Software, die im Internet kostenfrei zu kriegen ist, wie etwa Musik- und Videoplayer, der Adobe Acrobat Reader oder die Open Source Software Open Office.
Wer diesen “Dienstleister” in Anspruch nimmt, also in einem Online-Formular Namen, Adresse etc. hinterlässt, schließt damit gleich einmal ein Jahresabo für 96 Euro ab und verzichtet obendrein auf sein Widerrufsrecht.

Opendownload.de ist zwar schon im Fokus der Konsumentenschützer und der zuständige Minister Rudolf Hundsdorfer hat angekündigt, sich innerhalb der Europäischen Union für schärfere Bestimmungen einzusetzen (vgl. hier). Das wird freilich noch länger dauern. Bis dahin können Geschädigte einen vom österreichischen Internet-Ombudsmann zur Verfügung gestellten Musterbrief ausfüllen und per Post (eingeschrieben!) an die in Deutschland ansässige Firma schicken. Dann heißt es cool bleiben und die diversen Mahn- und Drohschreiben mit Gelassenheit ertragen. Irgendwann sollten diese aufhören – so hoff’ ich doch.

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