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Marie Jahoda

Freitag, 2. März 2012 19:06

marie_jahoda

Als ich gestern abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals tief beeindruckt hatte. Jetzt, 25 Jahre später, hat mich diese Reise ins „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawn) derart in den Bann gezogen, dass ich mir einen Parkplatz suchte, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Ö1 „Im Gespräch„-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über Marienthal und ihre „privilegierte“ Kindheit („privilegiert“ deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der „Revolutionären Sozialisten“ hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die „ermüdeten“ Bewohner Marienthals (Ortsteil von Gramatneusiedl), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. (Über die Marienthal-Studie und seine Autorinnen und Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde).

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) oder Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, freilich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftige Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Schlägerpartien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Hier noch ein kurzer Video-Ausschnitt der Rede Marie Jahodas auf dem SPD-Parteitag in München am 21. April 1981, in der sie über die psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit spricht. Unter den Zuhörern befindet sich auch Bruno Kreisky, der in seinen Memoiren davon erzählt, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Ausspruch, „Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!„, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

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67 Minuten ohne Zigarette

Donnerstag, 15. Dezember 2011 18:36

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!

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SPD schafft sich ab

Mittwoch, 27. April 2011 18:20

ortsgruppe

Offensichtlich darf man als Parteimitglied keine eigene Meinung vertreten. Immer schön im Strom mitschwimmen, unangenehme Themen werden nicht oder nur in beschönigter Form angesprochen. Die harte Wahrheit darf man nicht öffentlich machen. So sieht die Politik aus. Leute wie Sarrazin stören da nur, nicht wahr? Nur merkwürdig, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung da ganz anderer Meinung ist. Aber daran stören sich Politiker ja nicht.“ (Posting in ZEIT, 26. April 2011, 18:31 Uhr)

Dieses Posting findet sich unter einem Zeit-Kommentar, der die Einstellung des Parteiausschlussverfahrens gegen Thilo Sarrazin kritisiert, ein Sachverhalt, der sich diesem Poster mit dem drolligen Nickname „Tierfreund“ offensichtlich nicht erschlossen hat. Er sieht nur „Sarrazin“ und sofort wirft er seine Hausverstandsmaschine an und nimmt die Pose des vermeintlich „Gegen-den-Strom-Schwimmers“ ein, um gegen eine „Politik“ zu wettern, die keine „harte Wahrheit öffentlich macht„, und um klar zu machen, dass er und „ein nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung“ – den einer wie er immer dann anführen muss, sobald er das Maul aufmacht – von diesen „Politikern“ nichts hält. Dieser „Tierfreund“ ist der klassische Wutbürger, der gegen die „da Oben“ brüllt – und immer gegen die „da Unten“ tritt.

Mit dem Nichtausschluss des Ex-Finanzsenators in Berlin und Ex-Vorstandmitglied der Deutschen Bundesbank hat die Parteispitze der SPD ihren Wutbürgermitgliedern zu verstehen gegeben, dass sie den Gedankenmüll, den sie in sich tragen, nicht mehr hinunterwürgen müssen. Fortan dürfen sie getrost behaupten, dass u. a. „belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht„, dass „die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark (…)„, dass „auch im besten Bildungssystem die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert wird„, dass „für einen großen Teil dieser Kinder der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt ist: Sie erben (1) gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden (2) durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt“ und dass „Menschen unterschiedlich sind – nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt – und dass noch so viel Bildung und Chancengleichheit daran nichts ändert„.

Welch ein hoffnungsloses Menschenbild wird hier, mehr als 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung, produziert?“ schrieb der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel noch vor einigen Monaten in einem Beitrag in der Zeit, in dem er luzide die hässlichen Blödheiten des Bestseller-Autors auseinandergenommen hat. (Die hier angeführten Zitate aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sind diesem Beitrag entnommen.) Die Umfragedaten der SPD haben den Parteivorsitzenden und die führenden Genossen offenbar bewogen, ihre Auffassung zu ändern. Jetzt kann ein Parteimitglied also „für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen – unabhängig von Herkunft und Geschlecht, frei von Armut, Ausbeutung und Angst“ (Hamburger Programm – Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 2007, Einleitung, S. 6) eintreten und sozialdarwinistische, biologistische und rassistische Hässlichkeiten verzapfen. Das geht sich schon alles irgendwie aus.

Mit dem Signal an die Parteimitglieder, „Lasst einfach raus, was ihr ohnehin jeden Tag dank der Blödmedien hineinfrisst!“, hat sich die SPD abgeschafft!

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