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Heute vor 40 Jahren

Montag, 7. Juli 2014 18:11

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Glücklicherweise hatte ich berufsbedingt das Vergnügen, das WM-Vorrundenspiel Frankreichs gegen die Schweiz in einem Café in Paris und jenes Deutschlands gegen die USA in einer Pizzeria in Berlin live mitzuerleben. Die französischen Fans im Café unweit des Place de la République waren vom glanzvollen Auftritt der Équipe Tricolore gegen die Nati zu Recht begeistert. Nach dem 5:2-Sieg dachte ich, Les Bleus werden die Deutschen – nach dem eher mauen Spiel gegen die USA – im Achtelfinale biegen, dann aber, im Viertelfinale an Kolumbien scheitern: James (Rodríguez), Juan Cuadrado und die anderen Kolumbianer waren einfach das attraktivste Team dieser WM in Brasilien …

Na ja, wie immer kommt es bekanntlich anders als man denkt (was nichts daran ändert, dass Kolumbien wunderbar war), und aus den beiden Semifinalpaarungen könnte sich ein Endspiel ergeben, das es schon einmal gab, nämlich bei der Weltmeisterschaft 1974, als in München die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegen die von Johan Cruyff angeführte Elftal antrat. Als fußballinfizierter Bub hatte ich einige Spiele im Fernsehen gesehen und war vom fantastischen Kombinationsspiel der Oranjes schwer begeistert. Leider mussten sich meine Lieblinge der von Franz Beckenbauer angeführten und im Nachhinein betrachtet gar nicht so üblen Truppe aus Westdeutschland (der Panzerfußball kam erst danach und ist erst seit der Heim-WM 2006 dank Klinsmann/Löw verpönt) geschlagen geben. Nur zur Erinnerung: Damals spielten noch zwei deutsche Mannschaften, die auch in der Vorrunde aufeinander trafen: BRD gegen DDR hieß das, und der Magdeburger Jürgen Sparwasser traf zum 1:0-Sieg gegen die West-Deutschen.

Aber zurück zum Finale, heute vor 40 Jahren. Es war ein heißer Sommersonntagnachmittag, dieser 7. Juli 1974, so gegen 15.30 Uhr, an dem ich zusammen mit meinem Vater zum Nachbarhaus ging, wo ein Ehepaar aus Wien (er war mir als „Herr Sektionschef“, sie als „Frau Sektionschef“ bekannt), seit einigen Jahren seine Urlaube verbrachte. Jahre später, er war längst verstorben, sie im Dauerdelirium (meine Mutter besuchte sie einmal in ihrer Wohnung in Wien-Ottakring), erfuhr ich, dass er Sektionschef im Unterrichtsministerium gewesen war.

Warum wir dort waren? Zum einen, weil meine Großmutter die Zimmer für die Urlauber immer „fertig“ machte, und auch ab und an für die Beiden kochte, wodurch wir uns mit der Zeit eben „kennen lernten“, soll heißen: Es wurde bis spät in die Nacht gesoffen, die Lust auf und das Verlangen nach Wein teilten die Sektionschefs mit meinem Vater. Aber abgesehen von dieser für mich damals unverständlichen Leidenschaft verfügten die Urlauber aus Wien über ein Wunderding, das sich meine Eltern erst ein paar Jahre später leisten konnten/wollten: Einen Color-TV, wie mein Vater den Farbfernseher nannte! Meiner Erinnerung nach war ich vor allem vom wirklich guten Empfang fasziniert, kein Geriesel, wie bei uns zuhause. Vater musste immer an der Stange der Hausantenne herumdrehen, während meine Mutter ihre Anweisungen („no a bissl“, „net soo vül“, „zruck“, „so iss guat“) durchs offene Wohnzimmerfenster gab, weil nach einem Gewitter oder Sturm die Bilder verschwunden blieben und das pure Rauschen angesagt war.

Herr und Frau Sektionschef hatten vorgesorgt: Belegte Brote (Extrawurst und Gurkerln), Soletti und Schartner Bombe Orange für mich, belegte Brote (Extrawust und Gurkerln), Wein und Zigaretten für die Sektionschefs und für Vater, der auch einen Doppler mitgebracht hatte. Der Herr Sektionschef und Vater waren für die Deutschen, die Frau Sektionschef für die Holländer, um – wie ich bald feststellen konnte – die beiden Männer ein bisschen zu ärgern, und ich war glücklich und in totaler Vorfreude auf das Spiel, das ohnehin nur meine Holländer gewinnen konnten.

Beinahe unmittelbar nach Anpfiff fiel auch schon das erste Tor: Nach Foul an meinem Idol Johan Cruyff verwandelte Johan Neeskens den Strafstoß zur 1:0-Führung. Der Rest ist Fußballgeschichte, die Details können hier nachgelesen werden: Warum auch immer, Deutschland wurde Weltmeister. Ich war sehr enttäuscht, mein Vater und der Herr Sektionschef in bester Laune und zunehmend betrunken (sie hatten andauern mit „Auf Deutschland!“ die Gläser erhoben und mich irrsinnig genervt), und die Frau Sektionschef, eine kleine, zarte Frau, war bereits zur Halbzeit sturzbesoffen. Kurz vor Ende der Partei ist sie in ihrem Fauteuil einfach weggenickt. Nach dem Spiel bin ich nach Hause gegangen, voller Hass auf die Deutschen – vielmehr auf meinen Vater, der sich über deren Sieg freute …

Jedenfalls war ich seither immer von den Holländern und ihrem Spiel begeistert. Schon vier Jahre später sollten die Oranjes ja bereits wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft stehen (Trainer: Ernst Happel), und nur von der – von mir damals noch mehr geliebten – Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, geschlagen werden. Ich sage nur: Mario Kempes, der Mann mit der für mich (damals) absolut coolsten Frisur, und trainiert von El Flaco (der Dürre), vom großen César Luis Menotti, der den Begriff vom „linken“ und vom „rechten“ Fußball geprägt hat. Damals spielten beiden Mannschaften einen „linken“ Fußball, also einen offensiven, kreativen Fußball, für den das Spiel an sich im Mittelpunkt steht (das man trotzdem gewinnen will), im Unterschied zum „rechten“ Fußball, dem es – wurscht wie – einzig um das Ziel (= Sieg) geht. (Vgl. dazu ein wunderbares Interview mit Menotti anlässlich Pep Guardiolas Einstieg als Trainer bei Bayern München).

Da die Elftal seit der WM in Südafrika im Jahr 2010 einen „rechten“ Fußball spielt und seither Verrat an Johann Cruyff und allen anderen am kreativen Spiel Interessierten begeht, werde ich mich – falls es zu einer Wiederauflage des Finales aus 1974 kommen sollte – im Lager der Deutschland-Fans befinden!

Aber möglichweise verliert Deutschland ja gegen Brasilien und die Albiceleste putzt die Oranjes weg …

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Elvis, der Fußball und Flann O’Brien

Dienstag, 28. Juli 2009 18:07

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Peter Osgood war in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren Stürmer des FC Chelsea, der von den Fans zum King of Stamford Bridge geadelt wurde. In 279 Spielen für den FC Chelsea schoss er 103 Tore. Am 1. März 2006 ist Osgood gestorben.

Und jetzt kommt’s: Am 1. Oktober 2006 wurde die Urne mit seiner Asche in einer feierlichen Zeremonie am Elfmeterpunkt vor der Shed End (jene Tribüne, wo sich früher die Hardcore Fans des Vereins versammelten) beigesetzt. „So, his spirit is always with us„, wie unser Guide, der den Nickname ELVIS trug und uns durch das Stadium führte, anmerkte.

Dieser wunderbare ELVIS könnte Flann O’Briens Der dritte Polizist entsprungen sein. In diesem phantastischen Roman wird die Atom-Austausch-Theorie, die angeblich auf einen Philosophen namens De Selby zurückgeht, absolut schlüssig erläutert auf Grund der tiefen und symbiotischen Beziehungen, die sich zwischen den im irischen Dorf lebenden Leuten und ihren Fahrrädern über die Jahre entwickelt haben:

Das Brutto- und Nettoresultat davon ist, dass die Persönlichkeit von Menschen, die die meiste Zeit ihres natürlichen Lebens damit verbringen, die steinigen Feldwege dieser Gemeinde mit eisernen Fahrrädern zu befahren, sich mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt – ein Resultat des wechselseitigen Austauschs von Atomen-, und sie würden sich über die hohe Anzahl von Leuten in dieser Gegend wundern, die halb Mensch und halb Fahrrad sind.

ELVIS ist einer jener beneidenswerten Menschen, dessen Beruf von seiner Leidenschaft gewählt wurde. Er ist nicht bloß ein wandelndes Lexikon, das ganz nebenbei alle Statistiken und sonstigen fußballerischen Wichtigkeiten (die diversen Trainer, Spieler, Spielerwechsel usw.) verinnerlicht und jederzeit abrufbar parat hat, die sich nicht fußball-affinen Menschen sowieso nie erschließen werden. Nein: Dieser ELVIS lebt den Fußball und der Fußball lebt ELVIS. Er hat einen 100% Fußballanteil, wodurch er so ganz nebenbei die Gültigkeit der Atom-Austausch-Theorie belegt und all jene Zweifler, die diese als Folge der Hingabe seines Schöpfers für irischen Whisky zu „erklären“ trachten, eines Besseren belehrt.

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Digitaler Fußball

Freitag, 20. Juni 2008 16:25

Klaus Theweleit, fußballinfiziert seit Kindertagen, hat in seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell„, das im Jahre 2004 erschienen ist, den Versuch unternommen, die Veränderungen bzw. Auswirkungen der digitalen Medien auf das System Fußball zu beschreiben. Die „digitalen“ Fußballer, die in ihrer Freizeit Fußball mit der Playstation oder dem GameCube spielen, agieren unglaublich schnell – kein Vergleich zu den Stehpartien der 70-er und 80-er Jahre, wie man sich vor EURO-Beginn wieder einmal überzeugen konnte, als die ARD alte Spiele im Nachtprogramm wiederholt hat -, eine Ballberührung und ab geht die Wuchtel zum nächsten Spieler (Kurzpassspiel), und, auch das ein grundlegender Unterschied zu anno dazumal, die Teams reagieren wesentlich rascher auf Veränderungen während eines Spiels. Keine starre, von Anpfiff bis Abpfiff durchgezogene Taktik, sondern flexible, auf die jeweiligen Spielerfordernisse angepasste Modelle prägen das Spiel im 21. Jahrhundert.

Das hängt damit zusammen, dass die Spieler wesentlich teamorientierter agieren, als dies früher der Fall war: Digitale Spieler sind im Prinzip auf jeder Position, vorne oder hinten, einsetzbar. Mittlerweile ist es bei Spitzenteams völlig normal geworden, dass Stürmer als Verteidiger agieren und umgekehrt. Hans Krankl oder Anton Polster hätten niemals den eigenen Strafraum betreten, Frank Ribery oder Wesley Sneijder hingegen sind überall zu finden. Klassisch agierende Mannschaften, also Teams, die auf Ball halten und Spiel beruhigen setzen, haben gegen eine solche, immer offensiv ausgerichtete Lesart des Spiels keine Chance mehr. Die Bilanz nach der Vorrunde der EURO 2008 belegt das eindeutig: Betonierer und Zerstörer Marke Griechenland sind ebenso draußen wie jene Teams, die mit zu wenig Risiko in die Spiele gegangen sind.

„Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Denkende Spieler erkennen das jeweils Nötige und schalten entsprechend um. Holländische, spanische, französische, englische, deutsche, italienische, brasilianische ,Tugenden’ liegen in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen – abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur. So wie alle Zeiten gleichzeitig im Computer vorliegen.“

Im Lichte dessen ist es daher völlig absurd, wenn nach wie vor, wie von den meisten ORF-Kommentatoren hirnlos vorgequatscht und von der Mehrheit der österreichischen Fußballzuseher hirnlos nachgequatscht, der deutschen Mannschaft nachgesagt wird, sie käme nur mit Glück und auf Grund der „deutschen“ Tugenden (Kraft und Kampf) bei der EURO weiter. Sicherlich haben die Spieler die nötige Kraft und Ausdauer. Und, auch klar: Sie gehen mit Leidenschaft in Zweikämpfe. Bloß: Das machen auch die anderen großen Teams dieser Europameisterschaft, die Holländer, die Türken, die Italiener, die Portugiesen usw. Aber, seit Jürgen Klinsmann und jetzt unter dem großartigen Joachim Löw, spielen sie auch den wunderbaren Kombinationsfußball, den frühere deutsche Mannschaften nicht einmal in Ansätzen spielen konnten.

Also: Schluss mit dem Deutschen-Bashing im Fußball, lieber mitfeiern, wenn sie gut spielen.

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Zidane

Mittwoch, 18. Juni 2008 18:45

Ehe gestern die Équipe tricolore von den Italienern aus dem EURO 2008 Turnier verabschiedet wurde, konnte ich dem unvergleichlichen Zinédine Zidane bei der Arbeit zusehen. 17 Kameras filmten den Ballartisten am 23. Mai 2005 während des gesamten Primera División Spiels zwischen Real Madrid und dem FC Villareal. Zidane, wie er scheinbar teilnahmslos herumsteht. Wie er über den Rasen geht, schlurfend bisweilen. Wie er schwitzt und spuckt. Wie er den Ball mit Handzeichen einfordert, wie er ihn leichtfüßig annimmt, um ihn gleich wieder an einen besser postierten Mitspieler weiter zu leiten oder um ihn mitzunehmen auf einen, vom tosenden Beifall der Zuseher begleiteten Tanz in den gegnerischen Strafraum. Großes Kino!

Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert“ von Douglas Gordon und Philippe Parreno (Soundtrack von Mogwai) ist auch auf DVD erhältlich.

Und hier, aus einem YouTube-Video, einige Tanzszenen zum Staunen:

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Vive la France

Montag, 16. Juni 2008 18:12

Was mich an den bisherigen EURO 2008 Spielen so freut, ist die Tatsache, dass durchwegs jene Teams gewonnen haben, die offensiven Kombinationsfußball spielen und nicht die Jammerlappen, die sich hinten hineinstellen und auf Abwarten spielen. Ich behaupte einmal: Hätte Josef Hickersberger gegen die Kroaten nicht solch eine Angsthasenformation als Startelf auflaufen lassen – immerhin sechs defensiv ausgebildete Spieler –, die Kroaten müssten heute gegen die Polen um den Einzug ins Viertelfinale zittern.
Man kann nur hoffen, dass sich der österreichische Teamchef nach dem Polenspiel, wo er herrlich „Hollywood“ (Ernst Happel) spielen ließ, neuerlich zu einer „Alles-oder-Nichts“ Formation durchringen kann.

Die bisherigen Spiele zeigten jedenfalls eindringlich, dass Spiele deshalb verloren gingen, weil zu zaghaft und zu wenig risikobereit gespielt wurde. Jüngstes Beispiel: Die Begegnung zwischen den Tschechen und den Türken. Als der tschechische Coach Karel Brückner seinen Spielgestalter Jaroslav Plasil herausnahm und einen defensiven Verteidiger hineinholte, in der irrigen Hoffnung, den Vorsprung (2:0) über die Runden zu bringen, bekamen die Türken sofort Oberwasser. Trotz der vielen Mehrfachverletzten am Platz, man denke etwa an den beinahe Ganzkörperbandagierten Servet, bekamen die Türken aber so was von Oberwasser, und der Halbtote Servet und der groß aufspielende Nihat trieben die Ihren unaufhörlich in die Tschechische Hälfte, wo sie das schier Unmögliche realisierten: Sie verwandelten ein 0:2 in ein 3:2 – und stehen verdientermaßen im Viertelfinale.

Klarerweise sind daher auch die griechischen Bunkerkönige draußen. Ihr totaler Anti-Kick war schon bei der EURO 2004 in Portugal nicht anzusehen, aber was damals sich irgendwie ausging, geht heute absolut nicht mehr. Und Bunkermeister Rehhagel will weiter machen. Einfach irre!

Die Niederländer haben bislang am Überzeugendsten gespielt, vor allem, weil sie, erstens, Wesley Sneijder haben und, zweitens, bislang aus fast jeder Chance ein Goal gemacht haben, auch gegen die Franzosen, die ihnen mindestens ebenbürtig, phasenweise, meiner Meinung nach, sogar überlegen waren. Aber die Oranjes schossen die Tore, prachtvolle noch dazu, und man konnte sich nur kurz im Glauben wiegen, die Franzosen könnten noch den Ausgleich erzielen, nämlich eine halbe Minute lang, dann zog Arjen Robben ab. Und damit sind wir beim dritten Vorteil gegenüber anderen Teams: Sie haben die beste Ersatzbank (Van Persie, Vennegoor of Hesselink, Robben etc.).

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf ein Wiedersehen mit den Franzosen im Halbfinale. Denn ein zweites Mal schaffen’s die Oranjes nicht, so meine (Wunsch)Prognose.

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