Digitaler Fußball

Klaus Theweleit, fußballinfiziert seit Kindertagen, hat in seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell„, das im Jahre 2004 erschienen ist, den Versuch unternommen, die Veränderungen bzw. Auswirkungen der digitalen Medien auf das System Fußball zu beschreiben. Die „digitalen“ Fußballer, die in ihrer Freizeit Fußball mit der Playstation oder dem GameCube spielen, agieren unglaublich schnell – kein Vergleich zu den Stehpartien der 70-er und 80-er Jahre, wie man sich vor EURO-Beginn wieder einmal überzeugen konnte, als die ARD alte Spiele im Nachtprogramm wiederholt hat -, eine Ballberührung und ab geht die Wuchtel zum nächsten Spieler (Kurzpassspiel), und, auch das ein grundlegender Unterschied zu anno dazumal, die Teams reagieren wesentlich rascher auf Veränderungen während eines Spiels. Keine starre, von Anpfiff bis Abpfiff durchgezogene Taktik, sondern flexible, auf die jeweiligen Spielerfordernisse angepasste Modelle prägen das Spiel im 21. Jahrhundert.

Das hängt damit zusammen, dass die Spieler wesentlich teamorientierter agieren, als dies früher der Fall war: Digitale Spieler sind im Prinzip auf jeder Position, vorne oder hinten, einsetzbar. Mittlerweile ist es bei Spitzenteams völlig normal geworden, dass Stürmer als Verteidiger agieren und umgekehrt. Hans Krankl oder Anton Polster hätten niemals den eigenen Strafraum betreten, Frank Ribery oder Wesley Sneijder hingegen sind überall zu finden. Klassisch agierende Mannschaften, also Teams, die auf Ball halten und Spiel beruhigen setzen, haben gegen eine solche, immer offensiv ausgerichtete Lesart des Spiels keine Chance mehr. Die Bilanz nach der Vorrunde der EURO 2008 belegt das eindeutig: Betonierer und Zerstörer Marke Griechenland sind ebenso draußen wie jene Teams, die mit zu wenig Risiko in die Spiele gegangen sind.

„Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Denkende Spieler erkennen das jeweils Nötige und schalten entsprechend um. Holländische, spanische, französische, englische, deutsche, italienische, brasilianische ,Tugenden’ liegen in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen – abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur. So wie alle Zeiten gleichzeitig im Computer vorliegen.“

Im Lichte dessen ist es daher völlig absurd, wenn nach wie vor, wie von den meisten ORF-Kommentatoren hirnlos vorgequatscht und von der Mehrheit der österreichischen Fußballzuseher hirnlos nachgequatscht, der deutschen Mannschaft nachgesagt wird, sie käme nur mit Glück und auf Grund der „deutschen“ Tugenden (Kraft und Kampf) bei der EURO weiter. Sicherlich haben die Spieler die nötige Kraft und Ausdauer. Und, auch klar: Sie gehen mit Leidenschaft in Zweikämpfe. Bloß: Das machen auch die anderen großen Teams dieser Europameisterschaft, die Holländer, die Türken, die Italiener, die Portugiesen usw. Aber, seit Jürgen Klinsmann und jetzt unter dem großartigen Joachim Löw, spielen sie auch den wunderbaren Kombinationsfußball, den frühere deutsche Mannschaften nicht einmal in Ansätzen spielen konnten.

Also: Schluss mit dem Deutschen-Bashing im Fußball, lieber mitfeiern, wenn sie gut spielen.

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Datum: Freitag, 20. Juni 2008 16:25
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