Playstation Cordoba


Youssef Chahine

Auf Klaus Theweleits Website findet sich ein einziger Essay, der Essay mit dem Titel „Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell„, den der Autor in erweiterter Form in dem Buch „Der Knall“ publiziert hat. Er erläutert darin ein seit Jahrhunderten nahezu unverändertes (Bürger)Kriegsmodell: Wer multikulturelle Gesellschaften zerstören will, muss Konflikte schüren, indem er eine radikale, die Multikulturalität ablehnende Gruppe, unterstützt – and the war game starts.

Als Folie für die Erläuterung der Technik des Kaputtmachens aufgeklärter Gesellschaften durch Re-Ethnisierung und Religion dient Theweleit der Film „Das Schicksal„, des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1997 vorgestellt, zeigt „Das Schicksal“ am historischen Beispiel Cordoba, wie im 12. Jahrhundert eine multikulturelle Gesellschaft (Mauren, Christen, Juden und „Zigeuner“) durch islamische Fundamentalisten zerstört wurde – dank der Waffenhilfe christlicher Fundamentalisten (der Kreuzritter), die sich am Ende (1236) auch der Islamisten entledigen, sodass „nur ein einziger Fundamentalismus übrig blieb, der spanische katholisch-imperiale„, wie Theweleit anmerkt.

Leider habe ich „Das Schicksal“ noch nie gesehen, könnte mir aber gut vorstellen, dass dieser Film von ebenso großer Bedeutung für das Verständnis des Denkens und der Arbeitsweise seines Regisseurs ist wie der „Play Station Cordoba„-Essay für dessen Autor.

Youssef Chahine ist gestern im Alter von 82 Jahren in Kairo gestorben.

Nachtrag: Arte zeigt den Film am 31. Juli um 22.30 Uhr!!

Digitaler Fußball

Klaus Theweleit, fußballinfiziert seit Kindertagen, hat in seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell„, das im Jahre 2004 erschienen ist, den Versuch unternommen, die Veränderungen bzw. Auswirkungen der digitalen Medien auf das System Fußball zu beschreiben. Die „digitalen“ Fußballer, die in ihrer Freizeit Fußball mit der Playstation oder dem GameCube spielen, agieren unglaublich schnell – kein Vergleich zu den Stehpartien der 70-er und 80-er Jahre, wie man sich vor EURO-Beginn wieder einmal überzeugen konnte, als die ARD alte Spiele im Nachtprogramm wiederholt hat -, eine Ballberührung und ab geht die Wuchtel zum nächsten Spieler (Kurzpassspiel), und, auch das ein grundlegender Unterschied zu anno dazumal, die Teams reagieren wesentlich rascher auf Veränderungen während eines Spiels. Keine starre, von Anpfiff bis Abpfiff durchgezogene Taktik, sondern flexible, auf die jeweiligen Spielerfordernisse angepasste Modelle prägen das Spiel im 21. Jahrhundert.

Das hängt damit zusammen, dass die Spieler wesentlich teamorientierter agieren, als dies früher der Fall war: Digitale Spieler sind im Prinzip auf jeder Position, vorne oder hinten, einsetzbar. Mittlerweile ist es bei Spitzenteams völlig normal geworden, dass Stürmer als Verteidiger agieren und umgekehrt. Hans Krankl oder Anton Polster hätten niemals den eigenen Strafraum betreten, Frank Ribery oder Wesley Sneijder hingegen sind überall zu finden. Klassisch agierende Mannschaften, also Teams, die auf Ball halten und Spiel beruhigen setzen, haben gegen eine solche, immer offensiv ausgerichtete Lesart des Spiels keine Chance mehr. Die Bilanz nach der Vorrunde der EURO 2008 belegt das eindeutig: Betonierer und Zerstörer Marke Griechenland sind ebenso draußen wie jene Teams, die mit zu wenig Risiko in die Spiele gegangen sind.

„Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Denkende Spieler erkennen das jeweils Nötige und schalten entsprechend um. Holländische, spanische, französische, englische, deutsche, italienische, brasilianische ,Tugenden’ liegen in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen – abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur. So wie alle Zeiten gleichzeitig im Computer vorliegen.“

Im Lichte dessen ist es daher völlig absurd, wenn nach wie vor, wie von den meisten ORF-Kommentatoren hirnlos vorgequatscht und von der Mehrheit der österreichischen Fußballzuseher hirnlos nachgequatscht, der deutschen Mannschaft nachgesagt wird, sie käme nur mit Glück und auf Grund der „deutschen“ Tugenden (Kraft und Kampf) bei der EURO weiter. Sicherlich haben die Spieler die nötige Kraft und Ausdauer. Und, auch klar: Sie gehen mit Leidenschaft in Zweikämpfe. Bloß: Das machen auch die anderen großen Teams dieser Europameisterschaft, die Holländer, die Türken, die Italiener, die Portugiesen usw. Aber, seit Jürgen Klinsmann und jetzt unter dem großartigen Joachim Löw, spielen sie auch den wunderbaren Kombinationsfußball, den frühere deutsche Mannschaften nicht einmal in Ansätzen spielen konnten.

Also: Schluss mit dem Deutschen-Bashing im Fußball, lieber mitfeiern, wenn sie gut spielen.

Standard Operating Procedure

Die deutschsprachigen Tageszeitungen beschäftigen sich mit dem Dokumentarfilm Standard Operating Procedure des US-Dokumentarfilmers Errol Morris, der gestern im Rahmen der Berlinale 2008 Premiere hatte. Will der eine Rezensent in dem Werk, das die Folter im US-Gefängnis in Abu Ghuraib zum Thema hat, „einen außerordentlichen Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA“ erkannt haben, sieht der andere den Filmemacher stapfen „wie ein Feldherr des guten Amerika durch die Schreckenszenarien, ganz trunken von seiner moralischen Betroffenheit und seinem filmischen Können„.

Im Grunde aber, schreiben sie nur von einander ab (etwa hier und hier).

Ich habe zwar den Film nicht gesehen, aber nach dem Betrachten des Trailers habe ich keinerlei Erwartungen auf irgendeinen Erkenntnisgewinn, es sei denn, man hält „den Verlust der Unschuld, der das ganze Land betrifft – und nicht allein eine Handvoll Soldaten„, um einen besonders dummen Satz aus dem Pressetext der Berlinale zu zitieren, für einen solchen.

Erkenntnisse kann man hingegen aus dem Buch Deutschlandfilme gewinnen, in dem sich Klaus Theweleit – neben Jean-Luc Godards Deutschland Neu(n) Null und Alfred Hitchcocks Der zerrissene Vorhang – auch mit Pier Paolo Pasolinis Salò oder Die 120 Tagen von Sodom beschäftigt. Diese filmische Topografie des Terrors, in Form des Rückgriffs auf Marquis de Sade, zeigt die Perversion einer sexuell konnotierten Gewalt, die auf die nationalsozialistische Perversion verweist (man denke etwa an die Folterbilder der deutschen Wehrmachtssoldaten, die im Zuge der Wehrmachtsausstellung zu sehen waren), die aber auch für das Verständnis der Folter in Abu Ghuraib oder anderswo von Relevanz ist.

In einem Interview, das die Junge Welt kurz nach Bekanntwerden der Folterbilder von Abu Ghuraib im Mai 2004 mit Klaus Theweleit geführt hat, betont Theweleit diesen universellen Charakter der Folter. Da dieses faszinierende Interview nur noch für Abonnenten zugänglich ist, kann man es hier ungekürzt lesen.

Frage: Die Folterung durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghuraib sei unamerikanisch, behauptet Präsident Bush. Stimmt das?

Theweleit: Als erstes sagte er, da könne man die Vorteile einer Demokratie sehen – im Unterschied zu einer Diktatur würden die Verbrechen aufgedeckt. Schon irre, wie Bush jedes noch so üble Detail mit einer proamerikanischen Entlastungsoffensive beantwortet. Mit den Kategorien amerikanisch oder unamerikanisch kommen wir nicht weiter. Ich habe vor kurzem einen längeren Essay über Pier Paolo Pasolinis Film „Saló, oder die 120 Tage von Sodom“ geschrieben. Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt. In dieser Tradition stehen die Folterungen in Abu Ghuraib. Deswegen war es ganz passend, dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung die Überschrift Die 120 Tage von Bagdad trug. Es ist ein universaler Verbrechenszug, der die Geschichte aller westlichen Zivilisationen prägt.

Frage: Viele Betrachter fühlen sich an das Verhalten der US-Army in Vietnam erinnert.

Theweleit: Zu Recht. Das Neue ist allerdings die massenhafte Verbreitung der Fotos über das Internet. Dass diese Aufnahmen so schnell öffentlich geworden sind, war für die Täter allerdings keine Panne, sondern Absicht. Die Folter ist nicht spontan und zufällig, sondern inszeniert, und die fotografische Dokumentation ist Teil der Inszenierung. Pasolini wollte durch die Verfilmung dieser Grausamkeiten eine kritische Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Faschismus und bestimmten Sexualitätsformen schaffen, ist aber am Resultat seines Schaffens schier verzweifelt. Die Leute, die in Abu Ghuraib die Kamera führten, wollten die Grausamkeiten nicht einfach festhalten, sondern in ihrer Intensität steigern. Es wird nicht einfach auf den Auslöser gedrückt, sondern die Szene wird arrangiert. Vieles dabei wirkt wie ein Remake von Folterbildern, die man aus der Geschichte kennt, oder eben auch aus der Filmgeschichte. Zum Beispiel der nackte Iraki an der Hundeleine oder die Gequälten, die auf allen Vieren auf die Kamera zu kriechen müssen – das könnte auch aus „Die 120 Tage von Sodom“ stammen. Dabei ist eher unwahrscheinlich, dass die amerikanischen Soldaten den italienischen Film gesehen haben – aber offensichtlich sind es Typen, die aus unserer visuellen Umwelt unbewusst die typischen Darstellungen von Erniedrigung und Qual abspeichern und dann im geeigneten Moment zur Vorlage für ihr eigenes Handeln nehmen. Bemerkenswert dabei – der Ausweis der „Echtheit“ sozusagen –, dass die Folterer mit stolzem Lächeln vor ihren Opfern posieren. Es ist der gleiche Gestus wie auf den Aufnahmen, die deutsche Wehrmachtssoldaten aus dem Osten nach Hause schickten.

Frage: Sie bezeichnen die Folter als universales Verbrechen. Zeigt sich hier also die „dunkle Seite von uns allen“, wie ein US-amerikanischer Kommentator schrieb?

Theweleit: Das nun auch wieder nicht. Foltertäter sind Typen, deren Körper durch Gewalt und Missbrauch selbst gebrochen ist. Kurz gesagt: Sie bekommen Gewalt und Sexualität nicht mehr auseinander. Das Lustprinzip, von dem Freud spricht, ist bei ihnen umgeschlagen in ein Schmerz- und Vernichtungsprinzip. Je mehr die Lebendigkeit aus dem Opfer entweicht, umso mehr erlebt der Täter das als Revitalisierung seines eigenen Körpers, der durch die früher selbst erfahrene Gewalt fragmentiert und taub gestellt geworden war. Der Tod des Gequälten ist für den Folterer so etwas wie ein Lebendigkeitszuwachs, eine Art Neugeburt. Im harmlosesten Fall kann der so Beschädigte seine Lust durch das Betrachten entsprechender Bilder befriedigen. Diese Gewaltpornographie wird zwar heftig kritisiert, aber soweit es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, deuten diese darauf hin, dass über diese visuellen Darstellungen beim Betrachter der Trieb zur Praktizierung von Gewalt nicht gesteigert, sondern gesenkt wird. Es sind nicht die Bilder, die töten.

Frage: Wird durch diese Individualpsychologie nicht die Verantwortung der militärischen und politischen Führung geleugnet?

Theweleit: Gerade nicht. Die militärische Besatzung eines Landes bietet ja die allerbesten Möglichkeiten für diesen fragmentierten Körpertypus, seine Gewaltzwänge auszuleben – die staatliche Billigung gehört unbedingt dazu. Wie etwa im „ganz normalen“ amerikanischen Strafvollzug, für den die Bilder aus dem Irak nichts Unbekanntes sind.

Frage: Wurde nun in Abu Ghuraib mit politisch-militärischem Kalkül gefoltert, um im Auftrag der US-Führung Geständnisse über Untergrundstrukturen zu erzwingen, oder aus perverser privater Lust?

Theweleit: Das kann man vermutlich nicht trennen. Das Verhör beginnt mit der Absicht, Informationen zu erpressen, und nach einer gewissen Zeit will der Verhörspezialist auch auf seine speziellen Kosten kommen.

Frage: Wenn Soldaten so zügellos ihre eigenen Perversionen ausleben – ist das nicht Ausdruck davon, dass sie der Krieg selbst nicht mehr interessiert, dass sie sich schon geschlagen geben? Auch in der Republik von Saló feierten die Mussolini-Leute Orgien, nachdem die Schlachten verloren waren.

Theweleit: Nun, das ist Pasolinis Film. Aber auch in der Realität gibt es diese Verbindung: Auschwitz kann als verzweifelte Rache der Nazis an den Juden für die Niederlage im Osten begriffen werden. Dort sollten nach Berliner Berechnungen 50 Millionen Russen verhungern. Nach Stalingrad wussten die Nazis, dass ihr Welteroberungsprogramm gescheitert war, erst dann liefen die Verbrennungsöfen auf Hochtouren.

Frage: Aber die Judenvernichtung war, wie Adorno betont, eine kalte, emotionslose, bürokratische Vernichtung. Eichmann war kein Lustfolterer, sondern ein Buchhalter.

Theweleit: Es besteht kein Widerspruch darin, die Vernichtung des Gros der Häftlinge mit effizienten Fließband- und Fabrikmethoden zu praktizieren und sich nach Feierabend noch einige zur Sonderbehandlung, zum eigenen Vergnügen herauszupicken. Adorno ist hier in unsinniger Weise kategorisch, weil er den Holocaust nicht in der Traditionslinie der Vernichtungspraxis sehen will, die die westliche Zivilisation ganz allgemein in ihren mörderischen Kolonialismen und im entsprechenden psychophysischen Aufbau ihrer „Subjekte“ möglich gemacht hat.

Unser Kampf – 1968

Der Historiker Götz Aly hat ein Buch über 1968 geschrieben, das sich schon durch seinen Titel, „Unser Kampf – 1968„, von den zahlreichen Jubelpublikationen ehemaliger 68-er, die zum 40. Jahrestag der studentischen Revolten in Deutschland erschienen sind, absetzt, indem in anderer Weise eine Verbindung zur „Mein Kampf“-Generation evoziert wird, als man annehmen würde. Ein Vorabdruck des Buches findet sich im Perlentaucher.

Der ehemalige 68-er Aly, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, interpretiert die Revolte seiner Generation, im Gegensatz zum 68-er Mythos, es „sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei„, gewissermaßen als Abwehrreaktion gegen die in der Bundesrepublik stattgefundene juristische und moralische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Unterschied zu Österreich, wo die gerichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach anfänglichem, den Alliierten zu verdankendem Engagement rasch abebbte und in den frühen 1970-er Jahren vom damaligen SPÖ Justizminister Christian Broda eingestellt wurde, um insbesondere weitere skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate zu verhindern (man lese dazu die Titelgeschichte im Falter 06/2008 von Florian Krenk über den „Fall Erna Wallisch„), wurde in der BRD, „in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert, weil von 1963 bis 1965 der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und Hunderte weiterer NS-Verfahren in Gang gesetzt worden waren„.

Aly sieht in der Bewunderung der 68-er für autoritäre und totalitäre Regimes, deren Verbrechen man ebenso negierte, wie die Vätergeneration die nationalsozialistischen Verbrechen, nicht nur eine trotzalledem Identifikation mit der Vätergeneration, sondern vor allem den Versuch, sich vom nationalsozialistischem Erbe zu befreien. Neben der Bewunderung für Mao Tse-tung – „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach“ –, die mit einer völligen Ausblendung der chinesischen „Kulturrevolution„, über deren Schrecken man schon sehr früh alles wissen konnte, einherging, artikulierte sich vor allem in den gegen den Vietnamkrieg gerichteten Parolen und Aktionen die Sehnsucht, das deutsche Jahrhundertverbrechen zu tilgen.

Die Ende 1967 im Handumdrehen populäre, gegen den Vietnamkrieg gerichtete Parole „USA-SA-SS“ enthielt zweierlei: Momente von Identifikation und Distanzierung, die jeden Generationskonflikt kennzeichnen. Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden. Zwar deutete er die Verbrechen der Vätergeneration noch an, verlagerte sie jedoch auf andere, von anderen begangene Schreckenstaten, verallgemeinerte die NS-Verbrechen zur Unkenntlichkeit und schob sie aus der Mitte der eigenen Gesellschaft heraus – weit weg nach Übersee.

Klaus Theweleit hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Ghosts die Gründe für diese Übertragungen wie folgt benannt:

Die Verurteilung der eigenen an der Vernichtung der Juden beteiligten oder sie duldender Eltern sei, bei den meisten von uns, nur vordergründig gewesen. In Wahrheit hätten wir es psychisch nicht über uns gebracht, den notwendigen „Elternmord“ zu vollziehen. Dieser wäre aber die nötige Voraussetzung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Eltern und die Voraussetzung einer wirklichen Trauer über das geschehene Morden gewesen.“ (S.127)

Manes Sperber

Im Alter von etwa 25 Jahren bekam ich Manès Sperbers Autobiografie All das Vergangene zum ersten Mal in die Hände. Es war die Gesamtausgabe aller drei Teile, die der Europa Verlag 1983 herausgegeben hatte. Ich erinnere mich, dass ich von der Beschreibung des ärmlichen Lebens im jüdischen Stetl Zablotow, in der heutigen Ukraine gelegen, tief beeindruckt war, und die, dem ersten Teil der Autobiografie den Titel gebenden Wasserträger Gottes, kräftige Männer, die den wohlhabenden jüdischen Familien das Wasser aus dem Gemeinschaftsbrunnen in großen Kesseln ins Haus brachten, sollte ich bis heute nicht vergessen. Der Erste Weltkrieg und die mit Fortdauer des Krieges anschwellende Bedrohung, von den Russen besetzt zu werden, zwang die Familie zur Flucht. Die Folge: das erste Exil für den jungen Sperber, er kam nach Wien – und für mich, das Ende der Lektüre. Meinen Freunden versicherte ich, dem Autor »sei der Saft ausgegangen«.

Die flott gestrickte Erklärung, wonach sich Sperber mit der ungemein eindrucksvollen Schilderung der (später) von den Nazis ausgelöschten Welt des jüdischen Stetls am äußersten Rande der Monarchie die Latte derart hochgelegt habe, wodurch alles folgende, gelinde gesagt, nur Mittelmaß sein konnte, sollte dem 25-jährigen genügen.

Als ich vor kurzem Karl Markus Gauß’ Tagebuchaufzeichnungen,
Notizen und Essays, die unter dem Titel Zu früh, zu spät erschienen sind, las – notabene, mit großem Gewinn und Genuss, wie alles von diesem Autor bisher Gelesene –, stieß ich auch auf Manès Sperber, den mir Gauß als einen »Kritiker der falschen Alternative« vorstellte, als einen linken Antifaschisten, der mit dem Kommunismus frühzeitig gebrochen hatte.

Die »falsche Alternative«: Konnte es sein, dass sich der 25-Jährige die Lektüre der Sperber’schen Erinnerungen verbot, weil er die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken als Bedrohung für sein damaliges Weltbild erahnt hat? Als ich den dicken Wälzer daraufhin aus meinem Bücherregal holte und vom Staub befreite, wusste ich bereits, dass die Frage nur rhetorisch zu verstehen war. Ja, ich habe es wohl geahnt, dass mich die Aufzeichnungen dieses Autors in einen – wie mir offenbar schien – unlösbaren Konflikt gebracht hätten, vor dem ich mich schützen musste. Diesem Konflikt konnte ich mich aber ohnehin nicht entziehen.

»Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien«, schrieb der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann, und es waren in der Tat die täglichen Medienberichte, vor allem die Fernsehbilder von den Massenkundgebungen, die sich in den Staaten des real existierenden Sozialismus seit der 2. Hälfte der 1980-er Jahre ereigneten, und diese nicht zum Tanzen, sondern zum Einsturz brachten, und, so ganz nebenbei, auch mein festgezurrtes Welterklärungsraster, meine Basisstation für alle politischen Erkundungen, erodieren, und, nicht nur mich, für lange Zeit in ein begriffsloses Chaos stürzen ließ. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich in den über den Bildschirm flimmernden Gesichtern, die am Abend des 9. November 1989 rund ums Brandenburger Tor in die Kameras grinsten oder auf dem »antifaschistischen Schutzwall« mit Bier in der Hand der Kamera zuprosteten, zunächst bloß den grölenden Mob wahrnahm – die große Freude sollte sich erst später einstellen. Die Monate davor, als DDR-Bürger massenhaft via Ungarn und Österreich nach Westdeutschland strömten, haben die künftige Entwicklung bereits vorweggenommen, und meine Hoffnung, dass die von Gorbatschow eingeleiteten Demokratisierungsschritte den real existierenden Sozialismus tatsächlich in einen demokratischen Sozialismus verwandeln könnten, begann zu schwinden.

Aber was war die Alternative? Einige Monate danach war ich Gast auf der Hochzeitsfeier eines Freundes. Man trank Bier und Wein, man unterhielt sich gut und man sprach natürlich auch über die politische Lage. Es war die Zeit der großen Massendemonstrationen in Moskau und Leningrad, Folge von Glasnost und Perestroika, und wir waren uns, trotz kleinerer Divergenzen, im Grunde einig, dass Gorbatschows Weg alternativlos war. Bis auf F., ein mir als Mitglied der KPÖ bekannter Musiker. Er sah in Gorbatschow einen »Verbrecher«, einen »Konterrevolutionär«, der aber, davon war F. überzeugt, ohnehin bald »Geschichte ist«. Und dann sagte F. etwas, was ich nie vergessen werde: »Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Panzer auf dem roten Platz stehen und so lange in die Menge schießen, bis das Blut einen halben Meter hoch sein wird. Dann wird Schluss sein mit der blödsinnigen Glasnost und Perestroika-Scheiße.«

F. hätte das nicht so gemeint, er wollte bloß provozieren, sagte mein Freund und wir sprachen nicht mehr davon, aber trotz der Hitze an diesem Tag, war mir kalt geworden und ich habe mich bald verdrückt.

Da der Zusammenbruch der Sowjetunion zum Glück anders verlaufen ist, könnte man die ganze Episode einfach auf sich beruhen lassen. Ich kann den Vorfall dennoch nicht vergessen, zum einen, weil ich selbst Stalin vor dem F.’schen Stalinismus in Schutz nahm, indem ich beim Nachhause gehen ernsthaft davon überzeugt war, dass selbst Stalin solche Maßnahmen nicht hätte in Erwägung gezogen. Und zum anderen, weil ich mich dann auch mit der F.’schen Rede vom »Konterrevolutionär« beschäftigt habe, der die Sowjetunion in ihrer Existenz gefährde und damit auch die gesamte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus errichtete Nachkriegsordnung Europas.

Es hat lange gedauert, bis ich aus dieser ideologischen und moralischen Sackgasse herausfand, bis ich es zuließ, zu begreifen, dass aufgrund dieser Ordnung in Osteuropa Menschen lebten, denen in ihrer überwiegenden Mehrheit Freiheiten und Rechte vorenthalten wurden, die für uns im Westen zur Selbstverständlichkeit geworden sind, sodass wir unfähig waren, uns vorzustellen, was es hieß, ohne diese leben zu müssen. Denn wäre es anders gewesen, hätten wir den Konsens innerhalb der Linken Westeuropas, wonach allein die Existenz der sozialistischen Staaten den kapitalistischen Westen zu Zugeständnissen zwang, nicht mittragen können. Unabhängig davon, ob diese Rede richtig war oder nicht, und völlig egal, ob dank des »Systemwettbewerbs« die sozialstaatlichen Errungenschaften im Westen etabliert wurden oder nicht, entscheidend ist, dass wir in der »falschen Alternative« gedacht haben. Wir haben uns hinter einer Ideologie verschanzt, die nur »Menschheit« und nicht »Mensch« kennt und die nur die »politische Ordnung« im Blick hat, und nicht die Millionen Individuen, die darin leben müssen.

Epilog: Im 1930 veröffentlichten »Lehrstück« Die Maßnahme lässt Bertolt Brecht den »Kontollchor« folgende eiskalte Sätze sagen:

»Wer für den Kommunismus kämpft, der muß kämpfen können und nicht kämpfen; die Wahrheit sagen und die Wahrheit nicht sagen; Dienste erweisen und Dienste verweigern; Versprechen halten und Versprechen nicht halten, sich in Gefahr begeben und die Gefahr vermeiden; kenntlich sein und unkenntlich sein. Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Daß er für den Kommunismus kämpft«.

1932/33 bereiste der in Budapest geborene jüdische Schriftsteller und Intellektuelle Arthur Koestler das Land der Oktoberrevolution. Er kehrte enttäuscht nach Berlin zurück, aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bis er, unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung gebrochen hat. In Darkness at noon, zu Deutsch Sonnenfinsternis (die deutsche Urfassung ging verloren, sodass die jetzt erhältliche deutsche Fassung eine Rückübersetzung aus dem Englischen ist), schildert er anhand des Helden der Revolution Rubaschow, einer literarischen Figur, deren reale Vorbilder Trotzki, Bucharin und Kamenjew waren, wie es möglich war, dass ein »aufrechter« Revolutionär öffentlich sich völlig absurder und offensichtlich konstruierter Selbstbezichtigungen zeiht, und im darauf folgenden Todesurteil seinen letzten Dienst an der Partei erbringt.