Unser Kampf – 1968

Der Historiker Götz Aly hat ein Buch über 1968 geschrieben, das sich schon durch seinen Titel, „Unser Kampf – 1968„, von den zahlreichen Jubelpublikationen ehemaliger 68-er, die zum 40. Jahrestag der studentischen Revolten in Deutschland erschienen sind, absetzt, indem in anderer Weise eine Verbindung zur „Mein Kampf“-Generation evoziert wird, als man annehmen würde. Ein Vorabdruck des Buches findet sich im Perlentaucher.

Der ehemalige 68-er Aly, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, interpretiert die Revolte seiner Generation, im Gegensatz zum 68-er Mythos, es „sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei„, gewissermaßen als Abwehrreaktion gegen die in der Bundesrepublik stattgefundene juristische und moralische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Unterschied zu Österreich, wo die gerichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach anfänglichem, den Alliierten zu verdankendem Engagement rasch abebbte und in den frühen 1970-er Jahren vom damaligen SPÖ Justizminister Christian Broda eingestellt wurde, um insbesondere weitere skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate zu verhindern (man lese dazu die Titelgeschichte im Falter 06/2008 von Florian Krenk über den „Fall Erna Wallisch„), wurde in der BRD, „in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert, weil von 1963 bis 1965 der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und Hunderte weiterer NS-Verfahren in Gang gesetzt worden waren„.

Aly sieht in der Bewunderung der 68-er für autoritäre und totalitäre Regimes, deren Verbrechen man ebenso negierte, wie die Vätergeneration die nationalsozialistischen Verbrechen, nicht nur eine trotzalledem Identifikation mit der Vätergeneration, sondern vor allem den Versuch, sich vom nationalsozialistischem Erbe zu befreien. Neben der Bewunderung für Mao Tse-tung – „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach“ –, die mit einer völligen Ausblendung der chinesischen „Kulturrevolution„, über deren Schrecken man schon sehr früh alles wissen konnte, einherging, artikulierte sich vor allem in den gegen den Vietnamkrieg gerichteten Parolen und Aktionen die Sehnsucht, das deutsche Jahrhundertverbrechen zu tilgen.

Die Ende 1967 im Handumdrehen populäre, gegen den Vietnamkrieg gerichtete Parole „USA-SA-SS“ enthielt zweierlei: Momente von Identifikation und Distanzierung, die jeden Generationskonflikt kennzeichnen. Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden. Zwar deutete er die Verbrechen der Vätergeneration noch an, verlagerte sie jedoch auf andere, von anderen begangene Schreckenstaten, verallgemeinerte die NS-Verbrechen zur Unkenntlichkeit und schob sie aus der Mitte der eigenen Gesellschaft heraus – weit weg nach Übersee.

Klaus Theweleit hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Ghosts die Gründe für diese Übertragungen wie folgt benannt:

Die Verurteilung der eigenen an der Vernichtung der Juden beteiligten oder sie duldender Eltern sei, bei den meisten von uns, nur vordergründig gewesen. In Wahrheit hätten wir es psychisch nicht über uns gebracht, den notwendigen „Elternmord“ zu vollziehen. Dieser wäre aber die nötige Voraussetzung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Eltern und die Voraussetzung einer wirklichen Trauer über das geschehene Morden gewesen.“ (S.127)

Autor:
Datum: Mittwoch, 13. Februar 2008 16:04
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Allgemein, Geschichte, Politik

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben