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Ambivalenter Eigensinn

Dienstag, 7. Juli 2009 18:32

Kurt von Hammerstein-Equord, im Jänner 1933 Chef der „Heeresleitung der Reichswehr“ (= Boss der deutschen Armee), ein Nationalkonservativer, begegnet dem „österreichischen Gefreiten„, den der Reichstagspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernennt, mit Verachtung. 1934 geht er in Pension, frönt fortan seiner großen Leidenschaft, der Jagd. Seine Kinder engagieren sich im linken Widerstand, er selbst pflegt Kontakte mit rechten wie linken Widerstandsgruppen – Ruth von Mayenburg, die spätere Frau Ernst Fischers, ist eine enge Freundin – ohne allerdings wirklich aktiv zu werden. Hammerstein stirbt 1943 an Krebs.

Diese Figur bildet den Ausgangspunkt in Hans Magnus EnzensbergersHammerstein oder Der Eigensinn„, einer dokumentarischen Erkundung des linken und (teilweise) konservativen Widerstands zur Zeit des Nationalsozialismus. Gestützt auf umfangreiche Recherchen von Historikern (u. a. von Reinhard Müller, der am Institut für Sozialforschung in Hamburg tätig ist und der seit vielen Jahren über die stalinistischen Säuberungen in den 1930-er und 1940-er Jahren, denen viele ins sowjetische Exil geflohene Antifaschisten zum Opfer fielen, forscht) gelingt es Enzensberger vor allem dank der formalen Aufbereitung dieser Familiengeschichte zu überzeugen. Die fiktiven Totengespräche, die eingestreuten Glossen, aber auch die breit zitierten Auszüge aus Lebenserinnerungen der Protagonisten und aus Archivmaterialien brachten mir dieses Zeitalter der Extreme (Eric Hobsbawn) aus einer bislang nicht vertrauten, ja, auch nicht interessierten Perspektive näher. Hammerstein und Seinesgleichen habe ich ausschließlich als Täterfiguren wahrgenommen. Aus diesem Grund habe ich, der ich sonst jede Neuerscheinung von Enzensberger sofort erwerbe, dieses Buch nicht gleich nach seinem Erscheinen, sondern erst jetzt, nachdem ich es zufällig in einem Bahnhofskiosk in der Taschenbuchausgabe gesehen hatte, gekauft.

Verwundert bin ich, dass dieser Stoff, wie Enzensberger im Postskriptum anmerkt, zwar schon mehrfach angegriffen (u. a. auch von Alexander Kluge), aber nie wirklich aufgegriffen wurde. Zugleich erschließt sich mir nicht wirklich, warum Enzensberger sich gerade dieser Figur bediente, um seiner Vorliebe für eigensinnige Köpfe zu frönen.

Der Historiker Götz Aly hat nach dem Erscheinen des Buchs einen scharfen, sehr ins persönliche gehenden Verriss verfasst, in dem vor allem die Behauptung, „für den nazistischen Terror interessierte sich Enzensberger noch nie besonders„, aufhorchen lässt. Sollte mir „Hammerstein oder der Eigensinn“ deshalb so seltsam ambivalent in Erinnerung bleiben? Ich werde das noch näher beleuchten müssen.

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Unser Kampf – 1968

Mittwoch, 13. Februar 2008 16:04

Der Historiker Götz Aly hat ein Buch über 1968 geschrieben, das sich schon durch seinen Titel, „Unser Kampf – 1968„, von den zahlreichen Jubelpublikationen ehemaliger 68-er, die zum 40. Jahrestag der studentischen Revolten in Deutschland erschienen sind, absetzt, indem in anderer Weise eine Verbindung zur „Mein Kampf“-Generation evoziert wird, als man annehmen würde. Ein Vorabdruck des Buches findet sich im Perlentaucher.

Der ehemalige 68-er Aly, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, interpretiert die Revolte seiner Generation, im Gegensatz zum 68-er Mythos, es „sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei„, gewissermaßen als Abwehrreaktion gegen die in der Bundesrepublik stattgefundene juristische und moralische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Unterschied zu Österreich, wo die gerichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach anfänglichem, den Alliierten zu verdankendem Engagement rasch abebbte und in den frühen 1970-er Jahren vom damaligen SPÖ Justizminister Christian Broda eingestellt wurde, um insbesondere weitere skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate zu verhindern (man lese dazu die Titelgeschichte im Falter 06/2008 von Florian Krenk über den „Fall Erna Wallisch„), wurde in der BRD, „in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert, weil von 1963 bis 1965 der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und Hunderte weiterer NS-Verfahren in Gang gesetzt worden waren„.

Aly sieht in der Bewunderung der 68-er für autoritäre und totalitäre Regimes, deren Verbrechen man ebenso negierte, wie die Vätergeneration die nationalsozialistischen Verbrechen, nicht nur eine trotzalledem Identifikation mit der Vätergeneration, sondern vor allem den Versuch, sich vom nationalsozialistischem Erbe zu befreien. Neben der Bewunderung für Mao Tse-tung – „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach“ –, die mit einer völligen Ausblendung der chinesischen „Kulturrevolution„, über deren Schrecken man schon sehr früh alles wissen konnte, einherging, artikulierte sich vor allem in den gegen den Vietnamkrieg gerichteten Parolen und Aktionen die Sehnsucht, das deutsche Jahrhundertverbrechen zu tilgen.

Die Ende 1967 im Handumdrehen populäre, gegen den Vietnamkrieg gerichtete Parole „USA-SA-SS“ enthielt zweierlei: Momente von Identifikation und Distanzierung, die jeden Generationskonflikt kennzeichnen. Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden. Zwar deutete er die Verbrechen der Vätergeneration noch an, verlagerte sie jedoch auf andere, von anderen begangene Schreckenstaten, verallgemeinerte die NS-Verbrechen zur Unkenntlichkeit und schob sie aus der Mitte der eigenen Gesellschaft heraus – weit weg nach Übersee.

Klaus Theweleit hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Ghosts die Gründe für diese Übertragungen wie folgt benannt:

Die Verurteilung der eigenen an der Vernichtung der Juden beteiligten oder sie duldender Eltern sei, bei den meisten von uns, nur vordergründig gewesen. In Wahrheit hätten wir es psychisch nicht über uns gebracht, den notwendigen „Elternmord“ zu vollziehen. Dieser wäre aber die nötige Voraussetzung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Eltern und die Voraussetzung einer wirklichen Trauer über das geschehene Morden gewesen.“ (S.127)

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