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Die Erosion des politischen Arkanraums

Freitag, 10. Dezember 2010 17:42

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Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay („Das digitale Evangelium„) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als „geheim“ klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, „die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen„. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als embedded media weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: „Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!“ (Konrad Becker kürzlich im Club 2).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

P.S
Meine Blog-Pause ist hiermit zu Ende. Die Gründe waren privat – und werden es auch bleiben.

Thema: Allgemein, Geschichte, Musik, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Ambivalenter Eigensinn

Dienstag, 7. Juli 2009 18:32

Kurt von Hammerstein-Equord, im Jänner 1933 Chef der „Heeresleitung der Reichswehr“ (= Boss der deutschen Armee), ein Nationalkonservativer, begegnet dem „österreichischen Gefreiten„, den der Reichstagspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernennt, mit Verachtung. 1934 geht er in Pension, frönt fortan seiner großen Leidenschaft, der Jagd. Seine Kinder engagieren sich im linken Widerstand, er selbst pflegt Kontakte mit rechten wie linken Widerstandsgruppen – Ruth von Mayenburg, die spätere Frau Ernst Fischers, ist eine enge Freundin – ohne allerdings wirklich aktiv zu werden. Hammerstein stirbt 1943 an Krebs.

Diese Figur bildet den Ausgangspunkt in Hans Magnus EnzensbergersHammerstein oder Der Eigensinn„, einer dokumentarischen Erkundung des linken und (teilweise) konservativen Widerstands zur Zeit des Nationalsozialismus. Gestützt auf umfangreiche Recherchen von Historikern (u. a. von Reinhard Müller, der am Institut für Sozialforschung in Hamburg tätig ist und der seit vielen Jahren über die stalinistischen Säuberungen in den 1930-er und 1940-er Jahren, denen viele ins sowjetische Exil geflohene Antifaschisten zum Opfer fielen, forscht) gelingt es Enzensberger vor allem dank der formalen Aufbereitung dieser Familiengeschichte zu überzeugen. Die fiktiven Totengespräche, die eingestreuten Glossen, aber auch die breit zitierten Auszüge aus Lebenserinnerungen der Protagonisten und aus Archivmaterialien brachten mir dieses Zeitalter der Extreme (Eric Hobsbawn) aus einer bislang nicht vertrauten, ja, auch nicht interessierten Perspektive näher. Hammerstein und Seinesgleichen habe ich ausschließlich als Täterfiguren wahrgenommen. Aus diesem Grund habe ich, der ich sonst jede Neuerscheinung von Enzensberger sofort erwerbe, dieses Buch nicht gleich nach seinem Erscheinen, sondern erst jetzt, nachdem ich es zufällig in einem Bahnhofskiosk in der Taschenbuchausgabe gesehen hatte, gekauft.

Verwundert bin ich, dass dieser Stoff, wie Enzensberger im Postskriptum anmerkt, zwar schon mehrfach angegriffen (u. a. auch von Alexander Kluge), aber nie wirklich aufgegriffen wurde. Zugleich erschließt sich mir nicht wirklich, warum Enzensberger sich gerade dieser Figur bediente, um seiner Vorliebe für eigensinnige Köpfe zu frönen.

Der Historiker Götz Aly hat nach dem Erscheinen des Buchs einen scharfen, sehr ins persönliche gehenden Verriss verfasst, in dem vor allem die Behauptung, „für den nazistischen Terror interessierte sich Enzensberger noch nie besonders„, aufhorchen lässt. Sollte mir „Hammerstein oder der Eigensinn“ deshalb so seltsam ambivalent in Erinnerung bleiben? Ich werde das noch näher beleuchten müssen.

Thema: Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Marx im Werkzeugkasten

Montag, 3. November 2008 19:02

9689188Ein Interview mit Hans Magnus Enzensberger ist immer großes Kino. So auch das jüngste im Spiegel von heute zur Finanz- und Wirtschaftskrise. Man könnte jeden Satz zitieren, daher ist es besser, man lässt es gleich einmal bleiben und verweist nur auf den LINK, wo man es zur Gänze in Ruhe lesen kann.

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Bildstörung

Mittwoch, 9. Juli 2008 17:09

Zu Sylvester 1986 hat die ARD kurz nach der Tagesschau die Neujahrsansprache des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl ausgestrahlt – allerdings die falsche. Ein Studiotechniker hat nicht das Band mit der zwei Tage zuvor aufgenommenen Aufzeichnung, sondern jenes mit der Rede des Vorjahres über den Äther geschickt. Als Kohl den lieben Mitbürgern ein „friedvolles 1986“ wünschte, brach ein Sturm der Entrüstung los, auch Kohl zeigte sich „empört“ und andere CDU-ler witterten Sabotage sozialdemokratisch gesinnter Fernsehmacher.

Hans Magnus Enzensberger hat diese köstliche Fernsehpanne in einem kurz danach geführten Spiegel-Interview wie folgt kommentiert:

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein kleines Denkmal für den unbekannten Techniker errichten, der die Kassette mit der Neujahrsansprache des Herrn Bundeskanzlers vertauscht oder verwechselt hat. Ich glaube nicht an die diversen Verschwörungstheorien. Die wahre Erklärung ist viel interessanter.
Stellen Sie sich einen Metteur bei der Londoner „Times“ im Zeitalter der Queen Victoria vor. Ausgeschlossen, dass dieser Mann eine Rede der Königin vertauscht hätte. Er wäre von der Wichtigkeit der Sache völlig durchdrungen gewesen und hätte den Bleisatz ehrfürchtig gehütet.
Unserm Techniker dagegen flüsterte sein Unbewusstes etwas ganz anderes ein: Was auf dieser blöden Kassette drauf ist, das ist doch gehüpft wie gesprungen. Mit dieser Einsicht steht er nicht allein da. Er hat in diesem Augenblick als Vertreter einer Gesellschaft gehandelt, die genauso denkt wie er.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich gelesen habe, dass sich in der offiziellen Pressemappe der US-Delegation für den G8-Gipfel in Japan, die für ausländische Journalisten produziert wurde, eine ungeschminkte Biografie von Silvio Berlusconi befand, in der der italienische Regierungschef unter anderem als „einer der umstrittensten politischen Führer eines für Korruption und Lasterhaftigkeit bekannten Landes“ und als Geschäftsmann „der von vielen als politischer Dilettant betrachtet wurde und der sein wichtiges Amt nur dank seines beträchtlichen Einflusses auf die Medien erlangt hat„, charakterisiert wurde. Die US-Regierung hat sich mittlerweile für den „unglücklichen Fehler“ entschuldigt. Ein Mitarbeiter des Press Office des Weißen Hauses habe die Passagen der Encyclopedia of World Biography entnommen, heißt es.

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… and it’s all over now …

Sonntag, 6. Juli 2008 0:29

Warum sind Alfred Gusenbauers Tage als Bundeskanzler gezählt, obwohl er und die SPÖ-Truppe in der Regierung im materiellen Bereich, also dort, wo es um die Politik der Taten geht, durchaus Herzeigbares erreicht haben?

Nicht weil Gusenbauer im Wahlkampf durch absurde Versprechungen (u. a. Eurofighter-Ausstieg) bei den Wählern eine überzogene Erwartungshaltung in eine von der SPÖ geführte Regierung produziert hat.

Was tut jeder Kandidat? Er verspricht zunächst seinen Wählern alles, was sie nur hören wollen.“ (Stefan Zweig, „Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen“, 1929)

Schließlich weiß er um die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie, denen zugleich auch ein permanentes Vergessen geradezu funktional eingeschrieben ist. Oder, um den Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz zu zitieren:

„Alles, was Politiker entscheiden und alles, was Medien berichten, wird unglaublich schnell auch wieder vergessen, um Platz zu machen im Speicher der Aufmerksamkeit.“

Was wiederum auch heißt, dass der Schaden sich in Grenzen hält, wenn Versprechungen sich als unerfüllbar entpuppen. Ausstieg aus dem Eurofighter-Vertrag? Schnee von gestern!

Schon eher, weil Gusenbauer eine Ressortverteilung zu verantworten hat, die dem annähernd gleich großen Koalitionspartner das Finanzministerium und damit die Entscheidung über alle Budgetfragen überließ. Dadurch hat er sich in ein strukturelles Dilemma manövriert, weil die österreichische Bundesverfassung keine Richtlinienkompetenz für den Bundeskanzler (im Unterschied etwa zu Deutschland) kennt. Da dies wiederum das Wahlvolk nicht weiß, und jeder Kanzler wenig Interesse haben dürfte, diesen Sachverhalt publik zu machen, hat Gusenbauer neben dem faktischen auch ein verkaufsstrategisches Problem: Er kann sich ja nicht hinstellen und sagen: Es tut mir leid, dass ich mich selbst entmündigt habe, indem ich der ÖVP das Finanzministerium überlassen habe. Dabei hätte ich so gerne meine tollen Versprechungen (= mehr Kohle für Bildung etc.) umgesetzt.

Gusenbauers Tage als Kanzler sind vor allem aber deshalb gezählt, weil er die Ausübung dessen, was Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay „Erbarmen mit den Politikern“ als die „peinlichste Zumutung“ der Berufspflichten eines Politikers im Wahlkampf bezeichnet hat, nämlich

sich die albernsten Kopfbedeckungen, vom Tirolerhütchen bis zum Indianerschmuck, aufzusetzen, Säuglinge und Elefanten zu tätscheln, Bierfässer anzuzapfen, an den ödesten Karnevalssitzungen und den widerwärtigsten Talk-Shows teilzunehmen“,

gewissermaßen zum Dauerprovisorium seiner Inszenierung als „Volkskanzler“ gemacht hat.

Es sind nämlich die Bilder eines Mannes im Faschingskostüm oder in viel zu engen Radfahrerhosen, die nicht nur der in dieser Funktion zu bezahlende Tribut an die 24-Stunden-Medienbeobachtung sind, Bilder der Provinz, die eben deshalb als Lüge dechiffrierbar sind, weil Gusenbauer zugleich immer wieder Gegenbilder produziert, Bilder eines Mannes, die sozialen Aufstieg symbolisieren. Denn nur der vermeint über teure Weine faseln zu müssen, für den es eben nicht zur Selbstverständlichkeit gehörte, diese zu saufen. Denn nur der muss über sein Faible für die Oper quasseln, der Opernbesuche nicht als quasi naturhaften Bestandteil seiner Sozialisation genossen hat, wie Bürgerkids.

Durch die Zurschaustellung des Aufstiegs, die zugleich immer auch Abgrenzung signalisiert gegenüber jene, in deren Namen Gusenbauer seine Politik zu legitimieren versucht, werden zugleich immer auch die von den bürgerlichen Medien von Anfang an mehr oder weniger offen propagierten Vorurteile gegen den „Parvenü“ aus der Arbeiterklasse bestätigt.

Indem Gusenbauer den „Volkskanzler“ mimt, indem er den Spagat zwischen „staatstragender Funktion“ bei gleichzeitigem Bestemm auf Bodenhaftung versucht, war und ist er zum Scheitern verurteilt. Wer den Job als Bundeskanzler macht, kann sich nicht als Dodel von nebenan gerieren, weil dies instinktiv als Lüge erkannt wird, als systemhafte Lüge, als lächerliche und peinliche Camouflage, die all jene, die ihr Dasein als Dodel von nebenan nicht spielen, sondern zu ertragen haben, verarscht.

Die Lüge als Mittel zur Erreichung politischer Ziele wird stillschweigend akzeptiert. Die Lüge als Mittel zur Imagepolitur hingegen bleibt unverzeihlich.

Nachtrag:
Mit dem populistischen Schwenk in der Europapolitik, um von der eigenen innerparteilichen Krise abzulenken, und deren Verlautbarung in Form eines „offenen Briefes“ an den Herausgeber der Kronen Zeitung, mag Faymann und Gusenbauer möglicherweise ein strategischer Schachzug gelungen sein.
Wurscht: Adieu, SPÖ!

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NachRichten

Samstag, 19. Januar 2008 13:51

Für das diesjährige Gedenkjahr (1918 / 1938) haben sich Historiker und ein britischer Herausgeber ein spannendes Projekt ausgedacht: Den Nachdruck von Zeitungen und Originaldokumenten aus der Zeit von 1938 bis 1945, Nazi-Blätter, Auslandspresse und Exilzeitungen, samt Hintergrundinformationen von renommierten Zeithistorikern. Insgesamt sollen 52 Ausgaben erscheinen, jede Woche eine, und die erste Nummer ist am 15. Jänner im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt worden. Erwerben kann man die NachRichten in Trafiken oder im Abonnement über die Website.

Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe steht der „Anschluss„, also die Ereignisse vom 11. bis zum 15. März 1938, als die deutsche Wehrmacht die österreichischen Grenzen überschritt, die Regierung Schuschnigg zurücktrat, Pogrome gegen Juden stattfanden und die politischen und medialen Institutionen des Landes von Nationalsozialisten übernommen wurden. Ein Reprint der Ausgabe der „Prager Presse“ und des in Wien erschienenen „Das kleine Blatt“ vom 13. März sind dieser ersten Ausgabe der NachRichten ebenso beigelegt wie ein Faksimile des Plakates mit dem Aufruf der Schuschnigg-Regierung für die für den 13. März angekündigte und durch den Einmarsch der deutschen Truppen verhinderte „Volksbefragung„.

Auf der letzten Seite der 1. Ausgabe der NachRichten heben Karl Blecha, Barbara Prammer, Erwin Steinhauer, Ariel Muzicant u. a. die Bedeutung des „Wissens um die Vergangenheit“ hervor, einzig Thaddäus Teddy Podgorsky, der ehemalige ORF Generalintendant, der auch dem ORF-Fernsehwerbespot für das Projekt seine Stimme leiht, verzichtet auf Bedeutungsprosa, indem er die NachRichten wie folgt kommentiert:
Dieses Projekt wird uns eindringlich vor Augen führen, dass die Medien grundsätzlich auf der Seite des „Stärkeren“ stehen. Dazu bedarf es nicht des Terrors einer Diktatur; heute sorgen das internationale Kapital und das Fernsehen für denselben Effekt. Die Drangsalierten haben keine Stimme.

Man fragt sich, was das krude Verschwörungsgefasel vom „internationalen Kapital“ und in dieser Allgemeinheit vorgetragene und somit völlig belanglose Hiebe auf das „Fernsehen“ in diesem Kontext verloren haben? Podgorski müsste wissen, dass sämtliche Zeitungsredaktionen und auch die RAWAG unmittelbar noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März von Nationalsozialisten besetzt wurden. Dass in Folge alle Journalisten, die dem nationalsozialistischem Regime aus „rassischen“ oder politischen Gründen nicht in den Kram gepasst haben, verhaftet, gefoltert, umgebracht oder vertrieben wurden. Und falls er es nicht wissen sollte, dann kann er es in der 1. Ausgabe der NachRichten im von Fritz Hausjell verfassten Artikel nachlesen.

Podgorskis‘ Polemik erinnert stark an Noam Chomsky und dessen Thesen, die er etwa in Manipulierter Konsens. Die politische Ökonomie der Massenmedien (1988) erläutert hat. Darin, aber auch in vielen anderen Äußerungen, Interviews und Kommentaren, setzt sich Chomsky insbesondere mit den US-amerikanischen „Elitemedien“, wie etwa der New York Times oder CNN, auseinander. Diese „Elitemedien“, die im Eigentum von Großkonzernen stehen und über Werbung einen Großteil ihrer Einkünfte über (andere) Großkonzerne erhalten, würden unliebsame Nachrichten und Berichte durch gelenkte Kampagnen zu unterdrücken versuchen. Vor allem aber hätten diese Großmedien die Themenführerschaft, das Agenda setting, für alle anderen Medien, was sich insbesondere in Krisenzeiten – Irakkrieg, „Krieg gegen den Terror“ – nachweisen lasse.

Chomskys‘ Thesen über die „Elitemedien“ sind trotz aller Überzeichnung, und unabhängig davon, dass etliche seiner politischen Kommentare, etwa zum Nahost-Konflikt, höchst problematisch sind, vor allem deshalb diskussionswürdig, weil sie vom Wissen getragen sind, dass jedwede öffentliche Kommunikation, also auch jene, die den Macht- und Herrschaftsapparaten etwas entgegensetzen will, nur über mediale Plattformen möglich ist. Und es gibt eben nicht – wie das Podgorski unterstellt – „die Medien“ und „das Fernsehen“, sondern viele mediale Plattformen, deren ökonomische und politische Interessen sich nicht einfach über einen Kamm scheren lassen.

Außerdem, auch das sollte nicht vergessen werden, gilt es höchst heterogene Rezeptionshaltungen bei den „Drangsalierten“ zu bedenken: Man kann das Fernsehgerät nämlich auch als „buddhistische Nirwanamaschine“ (Hans Magnus Enzensberger) verwenden. Mit anderen Worten: Man sollte das Podgorski-Statement lesen – und gleich wieder vergessen.

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