Beitrags-Archiv für die Kategory 'Film'

Abschied von Obama

Donnerstag, 19. Januar 2017 17:22

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

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Früchte des Zorns

Donnerstag, 23. Oktober 2014 19:58

Im Unsichtbaren Kino beginnt John Fords „The Grapes of Wrath“ aus dem Jahr 1940, basierend auf dem im Jahr davor erschienen gleichnamigen Roman von John Steinbeck.
Gleich zu Beginn: Tom Joad (Henry Fonda) mit Kapperl! (Ich flüstere zu E.: „Jetzt weißt Du, warum ich Kapperl- und nicht Hutträger bin!„).

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Wann ich diesen Film zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Im Kino, soviel ist sicher, wohl vor über 20 Jahren. Ford / Steinbeck zeigen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der ökologischen Irrtümer in den 1930-er Jahren am Beispiel einer Bauernfamilie aus Oklahoma. Dürre und Sandstürme (Dust Bowl), Armut und Elend und Verlust der Farm und des Landes, das die Joads und andere Bewohner der Great Plains seit Generationen bestellten. (In anderen Filmen erinnert Ford daran, wie die Joads dieses Land von den Native Americans genommen haben.) Aufbruch nach Kalifornien (the land of milk and honey) über die gerade erst fertiggestellte Route 66. Hoffnung auf gut bezahlte Jobs. Aufwachen in Zeltlagern. Hungerlöhne. Elend. Aber auch die Chance auf den Ausweg aus dem Elend, auf eine menschenwürdige Existenz in Form der staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme im Rahmen von Roosevelts New Deal.

Grandiose Bilder, Herz und Hirn packende Bilder in Schwarz-Weiß. E., (bislang) kein Freund „alter Filme“ (so pflegt er SW-Filme zu bezeichnen), zeigte sich begeistert.

P.S. Weil einer der beiden Filmprojektoren den Geist aufgegeben hatte, wie man uns vor Filmbeginn mitteilte, traf das, was in Wikipedia zum Stichwort Überblendtechnik so schön beschrieben ist, eben gerade nicht zu:

Die Kunst des Vorführers besteht auch darin, am Ende eines Aktes den Projektor mit dem folgenden Akt rechtzeitig zu starten und Bild und Ton umzuschalten, so dass die Zuschauer keinen Übergang bemerken.

Wir nahmen die Pausen zwischen den Rollenwechseln im schwarzen Kino gelassen und bedanken uns postum bei John Ford, dass er uns solche Filmgeschenke hinterlassen hat!

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Champion Jackie

Dienstag, 29. Oktober 2013 17:59

Der aus Schottland stammende dreifache Formel-I-Weltmeister Jackie Stewart, der mit 15 von der Schule flog, dank Rennfahren zum Popstar und später von seiner Majestät zum SIR geadelt wurde, erzählte im Gartenbaukino davon, dass er eine 1:3 Chance hatte, seine Rennfahrerkarriere (1965 bis 1973) zu überleben; viele seiner Kollegen starben während eines Rennens oder bei Testfahrten, darunter auch einer seiner besten Freunde, Jochen Rindt.

In der Folge sollte Stewart der erste und wohl wichtigste Kritiker eines Systems werden, das sich keinen Furz um Sicherheitsfragen scherte. Viele seiner Anregungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Motor-Rennsport mit der Zeit wesentlich sicherer geworden ist.

Roman Polanski hat im Jahre 1971 rund um den Großen Preis von Monaco eine Hommage an den Freund unter dem Titel Weekend of a Champion gedreht (genauer: er hat den Film produziert und kommt darin auch vor; Regie führte Frank Simon).

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Jackie Stewart und Roman Polanski in Monte Carlo 1971

Der Streifen, der nie in den Kinos zu sehen war, erfuhr während der Festspiele in Cannes 1971 angeblich seine einzige Vorführung. 40 Jahre später hat Polanski gemeinsam mit Stewarts Sohn Mark, der als Filmproduzent tätig ist, das Filmmaterial bearbeitet und um eine nachträgliche Sequenz erweitert: die beiden Freunde, mittlerweile weit über 70 Jahre alt, sitzen in derselben Hotelsuite in Monte Carlo wie dereinst und quatschen über die vergangen Zeiten. Stewart erzählt dabei, dass er zeitlebens Legastheniker geblieben ist und damals kaum lesen und schreiben konnte, was weder seine Frau Hellen noch sonst wer gewusst habe.

Netter Film über einen ganz Großen!

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Der letzte der Ungerechten

Dienstag, 29. Oktober 2013 17:16

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit „einen der Höhepunkte der Viennale„, wie dessen Direktor vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten Judenältesten des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende Judenälteste eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen (Gesprächssequenzen). Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino sagte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

Was soll ich sagen, außer: Hingehen!

Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

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Take it as it comes

Dienstag, 26. Januar 2010 18:17

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Receive with simplicity everything that happens to you“

Diesen Spruch, der dem im Mittelalter wirkenden Rabbiner und Talmud Kommentator Rashi zugeschrieben wird, stellen die Brüder Joel und Ethan Coen ihrem jüngsten Werk „A Serious Man“ voran.

Nach einer rund zehnminütigen Zeitreise in die untergegangene Welt des jüdischen Schtetls, wo jiddisch gesprochen wird und eine resolute Frau einem alten Mann ein Messer ins Herz treibt, weil sie in ihm einen Dibbuk zu erkennen vermeint, folgt eine Schwarzblende, danach:

When the truth is found to be lies
and all hope inside you dies
don’t you want somebody to love …“

Somebody to love“ von Jefferson Airplane, Grace Slicks Stimme dröhnt aus einem Kopfhörerstöpsel, der sich im Ohr eines jungen Mannes befindet. Die Kamera gleitet langsam entlang eines weißen Kabels und in unseren Fokus kommt, nein, nicht ein iPod, sondern ein altes Transistorradio. Wir sind nicht im Heute gelandet. Wir sind in den 1960-er Jahren, genauer: im Jahr 1967. Die B-52-Bomber legen gerade halb Südostasien in Schutt und Asche. The Doors veröffentlichen ihr Debütalbum, auf dem Jim Morrison das eingangs zitierte Motto des Rabbiners neu übersetzt: „Take it as it comes„.

Einer, der alles nimmt, wie es kommt, ist Larry Gropnik, Professor für Physik und Mathematik an einer Universität irgendwo im Mittelwesten der USA. Er lebt mit Frau und Kindern in einer dieser Vorstadtsiedlungen, wo der Rasen täglich gemäht wird, und wo jeden Moment der fröhlich winkende Feuerwehrmann aus Blue Velvet vorbei fahren könnte. Es ist eine überwiegend von Juden bewohnte Siedlung, mit jüdischer Schule, Rabbi und Synagoge. Larrys kleines Glück wird empfindlich gestört: Was soll er tun, wenn die Frau die Scheidung will, um fortan mit einem seiner Freunde Tisch und Bett zu teilen? Was, wenn dieser Ex-Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt? Was, wenn aus der in Aussicht gestellten Fixanstellung doch nichts wird, weil irgendein anonym bleibendes Arschloch irgendwelche Verleumdungen streut? Was, wenn sich die Alpträume bewahrheiten und ihn der Redneck-Nachbar tatsächlich abknallen sollte? Und was, wenn selbst der Rabbi, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, auf die Frage nach dem Sinn all dessen nur lakonisch antwortet, das habe ihm Gott auch nicht gesagt?

Die Coens haben eine Tragikömodie auf die Leinwand gezimmert, mit all den köstlichen Zugaben, die ihre Filme schon immer auszeichneten: Ein phantastisches Script, umwerfende Situationskomik, abrupt endende Szenen, brillante Kamerabilder, für die wie immer Roger Deakins verantwortlich zeichnet, und ein furioses Finale.

Große Szene: Der koreanische Student Clive, der den Physiktest nicht bestanden hat, weil er keine Ahnung von Mathematik hatte, ersucht Larry um postive Benotung. Larry lehnt ab. Als Clive gegangen ist, findet Larry einen mit Dollarscheinen prall gefüllten Briefumschlag in seinem Büro, den Clive offenbar „vergessen“ hat – was dieser, als ihn Larry später zur Rede stellt, abstreitet. Und der arme Larry hat ein Problem. (Das muss man gesehen haben!)

Hatte Hiob das bessere Los, weil er an seinem Gott wenigstens noch zweifeln konnte? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: solche Filme konnte er nicht sehen.

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Politclowns II

Dienstag, 22. Dezember 2009 17:00

Dank an „Downunder“ für dieses grenzgeniale Video

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Die Videopiraten der Wende

Dienstag, 20. Oktober 2009 20:46

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Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Diese alte Erkenntnis der deutschen Arbeiterbewegung findet durch die große Initiative der Werktätigen der DDR ihre aktuelle Bestätigung!“ (Erich Honecker am 14. August 1989 in Ehrfurt)

Am Dienstag den 10. Oktober 1989 zeigte die ARD-Tagesschau Videoaufnahmen, die tags zuvor in Leipzig entstanden sind. Am Samstag davor, die Spitzen des Staates und der Partei feierte den 40. Jahrestag der Gründung der DDR mit einer Militärparade, sprach der Sowjetische Staats- und Regierungschef Michail Gorbatschow die später berühmt gewordenen Worte „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben„. In der Nacht auf Sonntag haben Volkspolizisten und Staatssicherheitsbeamte auf Demonstranten eingedroschen und Tausende von ihnen verhaftet. Trotz dieser brutalen Übergriffe des Regimes gegen Oppositionelle versammelten sich in Leipzig rund 70.000 Menschen, die friedlich durch die Straßen der Stadt zogen. Obzwar westliche Journalisten seit Wochen nicht mehr aus der DDR berichten durften, konnten die Menschen in der DDR den Marsch der 70.000 im Westfernsehen mitverfolgen. Die zwei Regimegegner Siegbert Schefke und Aram Radomski hatten den Demonstrationszug von einem Kirchturm herab gefilmt, die Video-Aufnahmen wurden von einem Mittelsmann nach Westberlin gebracht und die Tagesschau, die von vielen in der DDR gesehen wurde, zeigte die undercover produzierten Aufnahmen der Montagsdemonstration. Gegen diesen filmischen Beleg der friedlichen Massenbewegung konnte die Propaganda der Staatsführung und der DDR-Medien, die seit Wochen versuchte, die Demonstranten als „Rowdys“ und „Chaoten“ zu denunzieren, nichts mehr ausrichten.

Als ich da oben auf dem Kirchturm in der Taubenscheiße gehockt und eine Gänsehaut bekommen habe, da wusste ich: Hier passiert etwas ganz Besonderes, und wir können dem Aufbegehren ein Gesicht geben. Diese Kassette wird helfen, alles zu ändern. Es ist die Chance deines Lebens.“ (Aram Radomski)

Zehn Tage danach verabschiedete sich der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker in die Pension, am 9. November 2009 ging die Mauer auf und wenige Monate später war die DDR nur noch Stoff für die Historiker.

Der mit dem Deutschen Fernsehpreis prämierte Spielfilm „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ hat den beiden Videopiraten ein filmisches Denkmal gesetzt. Der ORF hat den Streifen zwar mitproduziert, aber dank der Torheit seiner Programmplaner ins Nachtprogramm verräumt. Auch wenn die mit Originalaufnahmen aus dem Ost- und Westfernsehen angereicherte Geschichte eines „Republikflüchtlings“ und seiner zurückgebliebenen schwangeren Frau, die, sechs Jahre nach der Flucht des Mannes, im August 1989 beim Versuch, via Ungarn nach Österreich zu gelangen, verhaftet wird, ins Stasigefängnis gesteckt und gefoltert wird, während der Sohn, der dank der Hilfe ungarischer Grenzpolizisten entkommt, beim Vater in Westberlin um seine Mutter bangt, streckenweise zum kitschigen Rührstück gerinnt, erzählt der Film dennoch sehenswert von den letzten Zuckungen einer Diktatur. Er erinnert vor allem auch daran, dass die Wende ganz anders hätte ausgehen können: Wären in Leipzig an diesem 9. Oktober 1989 nicht zigtausende Menschen auf die Straßen gegangen, wer weiß, ob die DDR-Staatsführung nicht doch den chinesischen Weg eingeschlagen hätte.

P.S.: Die „Chronik der Wende„, ein Webportal des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), dokumentiert die Ereignisse zwischen dem 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, und dem 18. März 1990, dem Tag, an dem die ersten freien Wahlen in der DDR abgehalten wurden. Zahlreiche Text- und Bilddokumente sowie Kurzbiografien und Hinweise zu weiteren Infos zeigen die letzten Monate des deutschen „Arbeiter- und Bauernstaates„.

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9/11 Paranoia im ORF

Dienstag, 8. September 2009 18:42

6536155Rund um den 11. September tauchen die Bilder vom Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001 wieder auf den Bildschirmen der TV-Anstalten auf. Auf YouTube und auf Millionen von Websites (die Google-Suche unter dem Stichwort „9/11“ ergibt zurzeit über 90 Millionen Treffer) sind sie ständig präsent. Abgesehen davon hat sie ohnehin jeder von uns auf seiner Festplatte abgespeichert.

Seit dem Tag des Anschlags grassieren wilde Spekulationen über Hergang und Hintergründe der Massenmorde. Im Wesentlichen stehen sich zwei Erklärungsmuster gegenüber: Auf der einen Seite die Version der Bush-Administration, die im islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida des Osama bin Laden die Alleinverantwortlichen für die Anschläge sieht. Diese Version wurde auch im offiziellen Bericht aus dem Jahre 2004 bestätigt. Und auf der anderen eine Fülle von Theorien, die diese Täterschaft anzweifeln und stattdessen eine Konspiration diverser anderer Akteure (z.B. CIA, Mossad, Bush-Cheney usw.) behaupten. (vgl. dazu hier, hier und hier).

Im Grunde sind alle Belege, die von den Verschwörungstheoretikern ins Treffen geführt werden, um die offizielle Version in Zweifel zu ziehen, seit vielen Jahren entkräftet. Was von den Szenarien der Obskuranten aller Fraktionen zu halten ist, hat der linke Publizist Alexander Cockburn bereits in einem Essay, der im Jahre 2006 in der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplomatique erschienen ist, wie ich meine, sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Ein Hauptkennzeichen der Verschwörungsfans ist ihr inbrünstiger und geradezu grotesker Glaube an die amerikanische Effizienz. Viele von ihnen gehen von der rassistischen Prämisse aus, dass zu einer solchen Tat „Araber in Höhlen“ ohnehin nicht fähig seien. Sie glauben auch, dass militärische Systeme genau so funktionieren, wie es die Pressefritzen des Pentagon und die Verkaufsmanager der Luftfahrtindustrie dem Publikum weismachen wollen. (…) Diese Leute haben offenbar keine Militärgeschichte studiert. Sonst wüssten sie, dass minutiös geplante Operationen – erst recht standardisierte Reaktionen auf einen Notfall – mit schöner Regelmäßigkeit in die Hose gehen, und zwar aufgrund von Dummheit, Feigheit, Bestechlichkeit oder auch nur als Folge eines Wetterwechsels.

Bekanntlich haben sich Spinner noch nie von Tatsachen überzeugen lassen, und dank Internet haben sie auch ein grenzenloses Spielfeld, um ihrer Paranoia erst so richtig freien Lauf zu lassen. Ist weiterhin auch kein Problem.

Dass aber auch Medien, die ernst genommen werden wollen, den Paranoikern einen Sendeplatz einräumen, bewies am Sonntag der ORF, indem er in der Reihe Menschen und Mächte den Dokumentarfilm „Zero: An Investigation Into 9/11“ (Deutscher Titel: „9/11 – Was steckt wirklich dahinter?„) ausgestrahlt hat. In diesem Film kommen neben Augenzeugen, Feuerwehrleuten und Verschwörungstheoretikern wie David Ray Griffin, den Cockburn als „Hohepriester der 9/11-Gemeinde“ bezeichnet, auch bekannte Linke zu Wort, wie der italienische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Dario Fo und der amerikanische Literat Gore Vidal oder der ehemals der politischen Linken zugehörige Journalist und Publizist Jürgen Elsässer, der nunmehr mit der von ihm gegründeten „Volksinitiative“ gegen das „Finanzkapital“ und deren „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ sowie gegen den EU-Vertrag von Lissabon wettert.

Entgegen der reißerischen ORF-Ankündigung, wonach die „penibel recherchierte Doku … zu verblüffenden neuen Thesen und Erkenntnissen (komme), die die damaligen Ereignisse plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen„, werden die seit Jahren bekannten Fragen aufgeworfen, Fragen, die sich auch auf der Website des 9-11 Truth Movements unter „Top 40 reasons“ finden. Diese Wahrheitsbewegung versammelt Obskuranten aller politischen Fraktionen und Länder, die sich trotz sonstiger Differenzen in einem einig sind: Im Zweifel an der offiziellen Version der Anschläge vom 9. September 2001 und in der Ansicht, dass die US-Regierung unter Georg W. Bush die Anschläge selbst inszeniert oder bewusst zugelassen habe.

Initiiert und produziert wurde der Film vom ehemaligen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Giulietto Chiesa, früher Funktionär der KPI und Journalist, der auch im 9/11 Truth Movement tätig ist. Als Chiesa den Film am 26. Februar 2008 im Europaparlament in Brüssel vorführen ließ, kamen seiner Einladung, die an alle 785 Abgeordneten des Europaparlaments und an rund 1000 Journalisten erging, lediglich sechs Abgeordnete und zwei Journalisten nach. Gegen Paranoiker lässt sich nicht argumentieren, weil sie in allem Belege finden werden, um ihre Thesen zu untermauern. So auch in diesem Fall: Chiesa behauptete allen Ernstes, dass die Amerikaner sowohl der gesamten internationalen Presse als auch 99% aller Abgeordneten schlicht und einfach verboten hätten, den Film zu sehen. (vgl. hier).

Der ORF ist bislang die einzige deutschsprachige TV-Anstalt, die diesen 100 Minuten Film gezeigt hat, was Elsässer mit „Bravo Össis“ kommentierte.

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Pop fetzt Nazis weg

Mittwoch, 2. September 2009 18:48

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Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.
(Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen „Kaiser Nero„-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, „dass der Peter Ustinov der Kaiser Nero war„.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in „Der Untergang„.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von „Der Untergang“ von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie „Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten.

In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der „Hitler in uns“, „Mensch Hitler“, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise „Hitler-süchtig.“ (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen „Inglourious Basterds„. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um historische Wahrheit bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

Once upon a time in Nazi occupied France …“ So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbau, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance. Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt „Cat People (Putting out the fire)“ von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine „Basterds„-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobessessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets“ oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.

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Zero Mostel

Mittwoch, 12. August 2009 17:58

zero_mostelFrühling für Hitler“ beim Kino am Dach der Hauptbibliothek. Diesen Streifen von Mel Brooks wollte ich sehen, seitdem mir C. so vorgeschwärmt hatte, dass ich mich vor Lachen kaum mehr halten konnte.
Um 20 Uhr begann es leicht zu regnen, sodass ich mich entschloss, mit dem Auto zur Bibliothek am Gürtel zu fahren. Kaum war ich am Urban-Loritz-Platz angekommen, hat sich wieder einmal eines dieser Shit-Gewitter entladen, von denen die Stadt im heurigen Sommer schon mehrfach geprügelt wurde. Als der Weltuntergang endlich vorbei war, kurvte ich durch die Seenlandschaft nach Hause. Ich beschloss, mir den Film aus dem Netz zu besorgen.

Nachdem ich dieses Meisterwerk in der Originalfassung endlich gesehen habe, kann ich nur allen, die „The Producers„, so der Originaltitel, mit Zero Mostel und Gene Wilder, noch nicht kennen, dringend empfehlen: Besorgt euch den Film, ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen.

Ohne die großartigen darstellerischen Leistungen der anderen Mitwirkenden (Gene Wilder erhielt 1968 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller) schmälern zu wollen: Dieser Streifen wird neben seinem köstlichen Plot (Mel Brooks erhielt 1968 den Oscar für das Beste Originaldrehbuch) vor allem von Zero Mostel getragen. Mostel wurde für seine grenzgeniale Darstellung des Broadway-Produzenten Max Bialystock im Jahre 1969 mit einer Golden Globe Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Komödie/Musical) bedacht.

Zero Mostel kannte ich aus zwei Filmen, die sich beide mit der McCarthy-Ära der 1950-er Jahre beschäftigen und, wie ich jetzt feststellte, auch im selben Jahr, nämlich 1976, produziert wurden. In Martin Ritts Spielfilm „The Front“ („Der Strohmann„) spielt Woody Allen einen Drehbuchautor, der Autoren, die auf der „Schwarzen Liste“ des „House Commitee on Unamerican Activities“ (HUAC) gelandet sind, seinen Namen leiht, damit sie das gegen sie verhängte Berufsverbot umgehen können. Zero Mostel gibt darin einen Komiker, der die gegen ihn gerichtete Hetze nicht mehr erträgt und Selbstmord begeht. Viele der Miwirkenden des Films, insbesondere Martin Ritt, Drehbuchautor Walter Bernstein und Zero Mostel, waren selbst Opfer der antikommunistischen Hetze geworden. Mostel wurde 1955 vor den Ausschuss zitiert, wo er sich auf den fünften Verfassungszusatz (Aussageverweigerungsrecht) berufen hat. Dadurch kam er automatisch auf die „Schwarze Liste„, wodurch er wiederum jahrelang keine Chance auf einen Job im Filmbusiness hatte.

Das Vorgehen McCarthys gegen Hollywood thematisiert der andere Film, in dem Mostel auftaucht: „Hollywood on Trial„, ein Dokumentarfilm von David Helpern, zeigt Ausschnitte aus den Verhören von Bertolt Brecht, Dalton Trumbo oder dem McCarthy-Freund Walt Disney sowie Interviews, die der Regisseur unter anderen mit Otto Preminger und eben auch Zero Mostel geführt hat.

Zero Mostel stand neben vielen anderen Film- und Fernsehschaffenden auf der „Schwarzen Liste„, die bis in die 1960-er Jahre nachwirkte. Wohl auch bis ins Jahr 1968; wie sonst soll ich mir erklären, dass Mostel von der Oscar-Jury des Jahres 1968 nicht für einen Oscar in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller nominiert worden war? …

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