Zidane

Ehe gestern die Équipe tricolore von den Italienern aus dem EURO 2008 Turnier verabschiedet wurde, konnte ich dem unvergleichlichen Zinédine Zidane bei der Arbeit zusehen. 17 Kameras filmten den Ballartisten am 23. Mai 2005 während des gesamten Primera División Spiels zwischen Real Madrid und dem FC Villareal. Zidane, wie er scheinbar teilnahmslos herumsteht. Wie er über den Rasen geht, schlurfend bisweilen. Wie er schwitzt und spuckt. Wie er den Ball mit Handzeichen einfordert, wie er ihn leichtfüßig annimmt, um ihn gleich wieder an einen besser postierten Mitspieler weiter zu leiten oder um ihn mitzunehmen auf einen, vom tosenden Beifall der Zuseher begleiteten Tanz in den gegnerischen Strafraum. Großes Kino!

Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert“ von Douglas Gordon und Philippe Parreno (Soundtrack von Mogwai) ist auch auf DVD erhältlich.

Und hier, aus einem YouTube-Video, einige Tanzszenen zum Staunen:

Lebensläufe

Die Ortschaft Golzow (rund 1000 Einwohner) liegt im Landkreis Märkisch-Oderland im deutschen Bundesland Brandenburg, unweit der polnischen Grenze. Der amtlichen Website ist zu entnehmen, dass der Ort im Jahre 1252 erstmals urkundlich erwähnt wurde und im Laufe der Jahrhunderte wiederholt Überschwemmungen ausgesetzt war. Aber auch absolut Ungewöhliches für ein kleines ostdeutsches Kaff (1986 bekommen „die Golzower eine Sparkasse“) findet sich auf dieser Website: 1978 haben Yasser Arafat und 1984 Kim Il Sung, der „Generalsekretär des ZK der PdAK und Präsident der KDVR“ (sic!!), also der Stalin Nord-Koreas, den Ort besucht, und 1984 hat Willi Stoph, „Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Ministerrates der DDR“, der Gemeinde auch den „Karl Marx Orden“ verliehen.

Warum die Staatsführung der DDR und ihr Freundeskreis den Golzowern solche Aufmerksamkeit angedeihen ließen, geht auf das Jahr 1961 zurück. Die SED-Führung hat unmittelbar nach dem Mauerbau die Deutsche Film AG (DEFA) mit einem Dokumentarfilmprojekt beauftragt, das als Lebensläufe – Die Kinder von Golzow bekannt geworden ist und im Jahre 1985 sogar in das Guiness Buch der Rekorde Eingang fand, als „längste Langzeit-Dokumentation des internationalen Kinos“.

Anfang April 2008 kam der letzte von insgesamt 20 Filmen in die deutschen Kinos. Vom ersten Schultag im Jahre 1961 bis zum Jahr 2007 wurde eine ganze Schulklasse (18 Schülerinnen und Schüler) wiederholt mit der Kamera begleitet, sodass über die Jahrzehnte eine einzigartige Chronik des Alltags der DDR und der Zeit nach der Wende entstanden ist.

Die Filme laufen immer wieder in den dritten Programmen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, und sie sind auch alle auf DVD erhältlich.

Weitere Infos dazu auf der Offziellen Website der Kinder von Golzow.

The Seattle Seven

Der dieswöchige CLUB 2 zu „1968“ – 40 Jahre nach 1968 und 30 Jahre nach dem legendären CLUB 2 mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit – hat mich an eine Szene in THE BIG LEBOWSKI erinnert. Jeff The Dude Lebowski, der von Jeff Bridges hinreißend gespielte Protagonist des Films, liegt mit der Millionärstochter und „Body Paint“-Künstlerin Maude, gespielt von Julian Moore, im Bett. Während er an einem Joint danach zieht, spricht er über ein, seiner Meinung nach, zeitgeschichtliches Jahrhundertereignis, an dem er beteiligt war:

The Dude: Did you ever hear of „The Seattle Seven“?
Maude: Mmm.
The Dude: That was me … and six other guys.

Weder Maude noch wir als Zuseher haben je von den Seattle Seven gehört, obwohl es diese Anti-Vietnamkriegssplittergruppe tatsächlich gegeben hat, und, übrigens auch den Film-Dude, Jeff Dowd heißt er, aber, darum geht es nicht. Was in dieser Szene so herrlich funktioniert, manifestiert sich im Gesicht von Jeff Bridges: Es gab einen Moment in meinem Leben, sagt es uns, in dem ich, The Dude, der Welt ein Loch geschlagen habe.

Aber zurück zum CLUB 2, zurück zum Veteranentreffen, in dem die alt 68-er ihr Dasein mit dieser Dude-Patina umgeben, allerdings ohne ironischen Bruch, wie im Coen-Brothersfilm, sondern als Relevanzkritierium für das jetzige Leben. Einzig Georg Hoffmann-Ostenhof, heute Außenpolitikredakteur beim Profil, hat zu seiner eigenen 68-er Verstrickheit eine ironische Distanz aufgebaut. („Es wäre ja lächerlich, wenn ich so denken würde, wie mit Zwanzig!“) Auch die beiden als Anti-68-er Krokodile eingeladenen Teilnehmer, Bettina Röhl (Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof) und Daniel Regli (ein christlicher Historiker aus der Schweiz), sind in einer grotesken 68-er Distanzlosigkeit verfangen, was sich in ihren engstirnigen und verbohrten Wortmeldungen gezeigt hat.

Vergessen wir den CLUB 2, kehren wir nochmals zurück zu THE BIG LEBOWSKI, zurück zu Walter Sobchak, ein psychopatischer Vietnamkriegsveteran, glänzend von John Goodman dargestellt, der auf die Einhaltung von Regeln pocht, um sie zugleich in einem cholerischen Wahnsinnsakt ad absurdum zu führen. Hier ein kurzer Dialog, den Walter mit Smokey, einem Bowling Spieler, führt, der beim Wurf die Linie übertreten hat:

Walter Sobchak: OVER THE LINE!
Smokey: Huh?
Walter Sobchak: I’m sorry, Smokey. You were over the line, that’s a foul …
Smokey: Bullshit. Mark it 8, Dude.
Walter Sobchak: Uh, excuse me. Mark it zero. Next frame …
Smokey: Bullshit, Walter. Mark it 8, Dude …
Walter Sobchak: Smokey, this is not ‚Nam. This is bowling. There are rules.

Und da Walter dem armen Smokey die Beachtung von Regeln beim Bowling – im Unterschied zu Vietnam – mit gezückter Pistole nahelegt, wird aus Smokeys 8-er Wurf eben ein Nuller.

And here it is.

Sometimes in April

Kurt Cobains Selbstmord war die Schlagzeile der meisten Fernseh- und Radiostationen der westlichen Welt am Morgen des 6. April 1994. Dass an jenem Tag ein Kleinflugzeug beim Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali mit Boden-Luft-Raketen abgeschossen wurde, sodass die Crew und alle Passagiere, darunter der ruandische Staatspräsident und sein burundischer Amtskollege, getötet wurden, sollte die Weltöffentlichkeit zwar tags danach erfahren, welche entsetzlichen Folgewirkungen dieser Anschlag mit sich bringen würde, war den Medien nicht bewusst – die Experten in der UNO, in den Nachrichten- und Gemeindiensten der großen Nationen wussten allerdings sehr wohl, dass man nun mit dem Schlimmsten zu rechen hatte.

Der großartige Spielfilm „Sometimes in April“ von Raoul Peck (vgl. auch hier), im Nachtprogramm von ARTE gelaufen, versucht anhand der fiktiven Geschichte zweier Brüder, dem Hutu-Offizier Augustin, der mit einer Tutsi verheiratet ist, und dem Radiomoderator Honoré, der beim Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) beschäftigt ist, das von langer Hand geplante, propagandistisch aufbereitete und mit unfassbarer Brutalität vollzogene Genozid der Hutu an den Tutsi und gemäßigten Hutu darzustellen. Von April bis Mitte Juli 1994 wurden zwischen 800.000 und 1 Millionen Menschen (beinahe drei Viertel aller in Ruanda lebenden Tutsi) ermordet, fast die Hälfte abgeschlachtet mit Macheten.

Neben der Propagandawaffe Radio (in einem Land mit rund 40% Analphabetenquote das wichtigste Massenmedium) – der Radiosender RTML hat durch Hass- und Hetzparolen gegen die Tutsi (der Film verzichtet mit Fortdauer auf die akustische Wiedergabe der Mordparolen, sie bleiben aber ständig präsent als stumme Untertitel) maßgeblich zur propagandistischen Vorbereitung und Umsetzung des Völkermordes beigetragen, wird in diesem Film vor allem auch das Nichthandeln der Vereinten Nationen, der USA, Frankreichs und Großbritanniens präzise angesprochen, genauer, die ganz bewusste Desinformation der Öffentlichkeit, indem mit Begriffen wie „Chaos“ oder möglichen „genozidalen Akten“ operiert wurde, um keine Handlungen setzen zu müssen (laut UN-Konvention muss bei Völkermord militärisch interveniert werden).

Auf Wikipedia findet sich ein exzellenter Artikel, der den Völkermord in Ruanda, seine Ursachen in Kolonialismus und De-Kolonialismus verortet, und seine Auswirkungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse in ganz Zentralafrika in den wesentlichen Details darstellt. Als weiterführende Lektüre, vor allem zur Rolle der Medien, kann die Publikation The Media and the Rwanda Genocide, die auch als vollständige Online-Version zugänglich ist, empfohlen werden.

Quotenkampf

1984 wird der vierjährige Gregory Villemin in einem Fluss in den ostfranzösischen Vogesen tot aufgefunden. Im Zuge monatelanger Untersuchungen von Gendarmerie und Staatsanwaltschaft wird ein Verwandter des Kindes verhaftet, aber nach längerer Untersuchungshaft aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Jean-Marie Villemin, der Vater des ermordeten Buben, hält ihn dennoch für den Täter. Er wird ihn erschießen und sich unmittelbar nach der Tat der Polizei stellen. Auch Gregorys Mutter, Christine Villemin, wird der Tat verdächtigt und in Untersuchungshaft genommen. Obzwar nach elftägigem Hungerstreik wieder entlassen, wird die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Frau erst nach acht Jahren einstellen.

Dieses Verbrechen, das in den 80-er und frühen 90-er Jahren in Frankreich großes Aufsehen erregt hat, und bis heute ungeklärt ist, haben Raoul Peck (Regie) und Pascal Bonitzer (Drehbuch) in einem sechsstündigen Fernsehfilm bearbeitet. Auf ARTE in sechs Teilen ausgestrahlt, wird Mysteriöser Kindesmord – Die Affäre Villemin zur präzisen Studie über Funktionsweise und Wirkung der Massenmedien. Zeitungs- Fernseh- und Radiojournalisten von überregionalen wie regionalen Medien, nicht nur die Yellow Press, stürmen den Ort und verfolgen die Bevölkerung für mehrere Monate, bewaffnet mit Mikrofonen und Kameras. Sie verstärken Gerüchte, setzen bewusst Halbwahrheiten und Lügen in Umlauf und verleiten die Ermittlungsbehörden zu folgenschweren Fehlern und Nachlässigkeiten.

Die Folgen 4-6 dieser faszinierenden Fernseh-Miniserie, die auch als Thriller perfekt funktioniert, werden am Samstag, den 8. März, ab 14.00 Uhr auf ARTE wiederholt. Unbedingte Empfehlung!

Standard Operating Procedure

Die deutschsprachigen Tageszeitungen beschäftigen sich mit dem Dokumentarfilm Standard Operating Procedure des US-Dokumentarfilmers Errol Morris, der gestern im Rahmen der Berlinale 2008 Premiere hatte. Will der eine Rezensent in dem Werk, das die Folter im US-Gefängnis in Abu Ghuraib zum Thema hat, „einen außerordentlichen Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA“ erkannt haben, sieht der andere den Filmemacher stapfen „wie ein Feldherr des guten Amerika durch die Schreckenszenarien, ganz trunken von seiner moralischen Betroffenheit und seinem filmischen Können„.

Im Grunde aber, schreiben sie nur von einander ab (etwa hier und hier).

Ich habe zwar den Film nicht gesehen, aber nach dem Betrachten des Trailers habe ich keinerlei Erwartungen auf irgendeinen Erkenntnisgewinn, es sei denn, man hält „den Verlust der Unschuld, der das ganze Land betrifft – und nicht allein eine Handvoll Soldaten„, um einen besonders dummen Satz aus dem Pressetext der Berlinale zu zitieren, für einen solchen.

Erkenntnisse kann man hingegen aus dem Buch Deutschlandfilme gewinnen, in dem sich Klaus Theweleit – neben Jean-Luc Godards Deutschland Neu(n) Null und Alfred Hitchcocks Der zerrissene Vorhang – auch mit Pier Paolo Pasolinis Salò oder Die 120 Tagen von Sodom beschäftigt. Diese filmische Topografie des Terrors, in Form des Rückgriffs auf Marquis de Sade, zeigt die Perversion einer sexuell konnotierten Gewalt, die auf die nationalsozialistische Perversion verweist (man denke etwa an die Folterbilder der deutschen Wehrmachtssoldaten, die im Zuge der Wehrmachtsausstellung zu sehen waren), die aber auch für das Verständnis der Folter in Abu Ghuraib oder anderswo von Relevanz ist.

In einem Interview, das die Junge Welt kurz nach Bekanntwerden der Folterbilder von Abu Ghuraib im Mai 2004 mit Klaus Theweleit geführt hat, betont Theweleit diesen universellen Charakter der Folter. Da dieses faszinierende Interview nur noch für Abonnenten zugänglich ist, kann man es hier ungekürzt lesen.

Frage: Die Folterung durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghuraib sei unamerikanisch, behauptet Präsident Bush. Stimmt das?

Theweleit: Als erstes sagte er, da könne man die Vorteile einer Demokratie sehen – im Unterschied zu einer Diktatur würden die Verbrechen aufgedeckt. Schon irre, wie Bush jedes noch so üble Detail mit einer proamerikanischen Entlastungsoffensive beantwortet. Mit den Kategorien amerikanisch oder unamerikanisch kommen wir nicht weiter. Ich habe vor kurzem einen längeren Essay über Pier Paolo Pasolinis Film „Saló, oder die 120 Tage von Sodom“ geschrieben. Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt. In dieser Tradition stehen die Folterungen in Abu Ghuraib. Deswegen war es ganz passend, dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung die Überschrift Die 120 Tage von Bagdad trug. Es ist ein universaler Verbrechenszug, der die Geschichte aller westlichen Zivilisationen prägt.

Frage: Viele Betrachter fühlen sich an das Verhalten der US-Army in Vietnam erinnert.

Theweleit: Zu Recht. Das Neue ist allerdings die massenhafte Verbreitung der Fotos über das Internet. Dass diese Aufnahmen so schnell öffentlich geworden sind, war für die Täter allerdings keine Panne, sondern Absicht. Die Folter ist nicht spontan und zufällig, sondern inszeniert, und die fotografische Dokumentation ist Teil der Inszenierung. Pasolini wollte durch die Verfilmung dieser Grausamkeiten eine kritische Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Faschismus und bestimmten Sexualitätsformen schaffen, ist aber am Resultat seines Schaffens schier verzweifelt. Die Leute, die in Abu Ghuraib die Kamera führten, wollten die Grausamkeiten nicht einfach festhalten, sondern in ihrer Intensität steigern. Es wird nicht einfach auf den Auslöser gedrückt, sondern die Szene wird arrangiert. Vieles dabei wirkt wie ein Remake von Folterbildern, die man aus der Geschichte kennt, oder eben auch aus der Filmgeschichte. Zum Beispiel der nackte Iraki an der Hundeleine oder die Gequälten, die auf allen Vieren auf die Kamera zu kriechen müssen – das könnte auch aus „Die 120 Tage von Sodom“ stammen. Dabei ist eher unwahrscheinlich, dass die amerikanischen Soldaten den italienischen Film gesehen haben – aber offensichtlich sind es Typen, die aus unserer visuellen Umwelt unbewusst die typischen Darstellungen von Erniedrigung und Qual abspeichern und dann im geeigneten Moment zur Vorlage für ihr eigenes Handeln nehmen. Bemerkenswert dabei – der Ausweis der „Echtheit“ sozusagen –, dass die Folterer mit stolzem Lächeln vor ihren Opfern posieren. Es ist der gleiche Gestus wie auf den Aufnahmen, die deutsche Wehrmachtssoldaten aus dem Osten nach Hause schickten.

Frage: Sie bezeichnen die Folter als universales Verbrechen. Zeigt sich hier also die „dunkle Seite von uns allen“, wie ein US-amerikanischer Kommentator schrieb?

Theweleit: Das nun auch wieder nicht. Foltertäter sind Typen, deren Körper durch Gewalt und Missbrauch selbst gebrochen ist. Kurz gesagt: Sie bekommen Gewalt und Sexualität nicht mehr auseinander. Das Lustprinzip, von dem Freud spricht, ist bei ihnen umgeschlagen in ein Schmerz- und Vernichtungsprinzip. Je mehr die Lebendigkeit aus dem Opfer entweicht, umso mehr erlebt der Täter das als Revitalisierung seines eigenen Körpers, der durch die früher selbst erfahrene Gewalt fragmentiert und taub gestellt geworden war. Der Tod des Gequälten ist für den Folterer so etwas wie ein Lebendigkeitszuwachs, eine Art Neugeburt. Im harmlosesten Fall kann der so Beschädigte seine Lust durch das Betrachten entsprechender Bilder befriedigen. Diese Gewaltpornographie wird zwar heftig kritisiert, aber soweit es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, deuten diese darauf hin, dass über diese visuellen Darstellungen beim Betrachter der Trieb zur Praktizierung von Gewalt nicht gesteigert, sondern gesenkt wird. Es sind nicht die Bilder, die töten.

Frage: Wird durch diese Individualpsychologie nicht die Verantwortung der militärischen und politischen Führung geleugnet?

Theweleit: Gerade nicht. Die militärische Besatzung eines Landes bietet ja die allerbesten Möglichkeiten für diesen fragmentierten Körpertypus, seine Gewaltzwänge auszuleben – die staatliche Billigung gehört unbedingt dazu. Wie etwa im „ganz normalen“ amerikanischen Strafvollzug, für den die Bilder aus dem Irak nichts Unbekanntes sind.

Frage: Wurde nun in Abu Ghuraib mit politisch-militärischem Kalkül gefoltert, um im Auftrag der US-Führung Geständnisse über Untergrundstrukturen zu erzwingen, oder aus perverser privater Lust?

Theweleit: Das kann man vermutlich nicht trennen. Das Verhör beginnt mit der Absicht, Informationen zu erpressen, und nach einer gewissen Zeit will der Verhörspezialist auch auf seine speziellen Kosten kommen.

Frage: Wenn Soldaten so zügellos ihre eigenen Perversionen ausleben – ist das nicht Ausdruck davon, dass sie der Krieg selbst nicht mehr interessiert, dass sie sich schon geschlagen geben? Auch in der Republik von Saló feierten die Mussolini-Leute Orgien, nachdem die Schlachten verloren waren.

Theweleit: Nun, das ist Pasolinis Film. Aber auch in der Realität gibt es diese Verbindung: Auschwitz kann als verzweifelte Rache der Nazis an den Juden für die Niederlage im Osten begriffen werden. Dort sollten nach Berliner Berechnungen 50 Millionen Russen verhungern. Nach Stalingrad wussten die Nazis, dass ihr Welteroberungsprogramm gescheitert war, erst dann liefen die Verbrennungsöfen auf Hochtouren.

Frage: Aber die Judenvernichtung war, wie Adorno betont, eine kalte, emotionslose, bürokratische Vernichtung. Eichmann war kein Lustfolterer, sondern ein Buchhalter.

Theweleit: Es besteht kein Widerspruch darin, die Vernichtung des Gros der Häftlinge mit effizienten Fließband- und Fabrikmethoden zu praktizieren und sich nach Feierabend noch einige zur Sonderbehandlung, zum eigenen Vergnügen herauszupicken. Adorno ist hier in unsinniger Weise kategorisch, weil er den Holocaust nicht in der Traditionslinie der Vernichtungspraxis sehen will, die die westliche Zivilisation ganz allgemein in ihren mörderischen Kolonialismen und im entsprechenden psychophysischen Aufbau ihrer „Subjekte“ möglich gemacht hat.