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Die Erosion des politischen Arkanraums

Freitag, 10. Dezember 2010 17:42

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Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay („Das digitale Evangelium„) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als „geheim“ klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, „die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen„. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als embedded media weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: „Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!“ (Konrad Becker kürzlich im Club 2).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

P.S
Meine Blog-Pause ist hiermit zu Ende. Die Gründe waren privat – und werden es auch bleiben.

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Wahlfreiheit und Schule

Donnerstag, 8. April 2010 19:19

Wenn schulbezogene Aufgaben nach Hause delegiert werden, dann ist das keine europäische Normalität, sondern ein Spezifikum der österreichischen und der deutschsprachigen Schule. In Frankreich oder in den skandinavischen Ländern (…) sieht die Schule ihren Bildungsauftrag darin, dass die Bildungskompetenzen der Eltern nicht fortgesetzt werden in den Kindern. (…) Die Schule kann auch so strukturiert werden, dass sie wesentliche schulbezogene Aufgaben nicht an die Familie delegiert.

Diese zentralen Aussagen hat die Integrationsexpertin Barbara Herzog-Punzenberger im Rahmen der gestrigen CLUB 2 Diskussion zum Thema „Junge Türken – zwischen Integration und Verweigerung“ eingebracht. Sie bezog sich dabei auf Erkenntnisse des internationalen Forschungsprojekts TIES („The Integration of the European Second Generation“). TIES erforscht die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen von Menschen mit gleichem Migrationshintergrund in verschiedenen Ländern. Also: Welche Gründe lassen sich für unterschiedliche Bildungserfolge in verschiedenen Ländern finden? Warum verläuft der Übergang zum Arbeitsmarkt in einem Land reibungsloser als in anderen?

In einem Paper formulieren die Studienautoren u. a. folgende Empfehlungen in Bezug auf die Struktur des Bildungssystems:

  • Je früher Kinder mit Migrationshintergrund in den Kindergarten eintreten, umso rascher können sie allfällige sprachliche Defizite überwinden, und,
  • je mehr Jahre zwischen dem Bildungsbeginn und der Selektion in unterschiedliche Schultypen verstreichen, desto mehr Chancengerechtigkeit gibt’s für die Kids.

Wie weit wir hierzulande von diesen im Grunde No-Na-Empfehlungen entfernt sind, kann folgender Aussage des Bildungssprechers der ÖVP, Werner Amon, entnommen werden (aus einem Standard-Interview zur Ganztagsschule vom Oktober 2009):

Uns ist nur wichtig, dass die Wahlmöglichkeit bei den Eltern bleibt. Wenn ich an einem Standort verschränkten Unterricht in den Nachmittag hinein anbiete, dann soll es gleichzeitig eine Variante geben, bei der die Kinder am Nachmittag zuhause sein können. Wir wollen die freie Wahl ins Zentrum rücken, gleichzeitig aber alle Formen zulassen.

Amon ist ein wiffes Kerlchen, er bezieht sich hier nämlich nicht auf ein und denselben Standort. Er meint zwei unterschiedliche Schulstandorte, an einem soll’s die Ganztagsschule geben, am anderen eben gerade nicht. Amon sagt damit aber nichts anderes als: Wir haben nichts gegen Ganztagsschulen in Österreich, wir tun nur alles, damit sie nie flächendeckend eingeführt werden. Wer von „freier Wahl“ in Bezug auf das Schulsystem spricht, spricht sich zugleich gegen radikale Änderungen im Dienstrecht von Lehrerinnen und Lehrern aus – und damit gegen flächendeckende Ganztagsschulen.

Mein Mathematiklehrer in der AHS-Oberstufe hatte die Angewohnheit, viele seiner Sätze mit der Wortfolge „was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!“ zu beenden. Als wir Schüler das zum ersten Mal hörten, konnten wir uns vor Lachen nicht halten. Wochenlang achteten wir nicht auf seinen Unterricht, sondern einzig darauf, wie oft er dieses Satzfinish in einer Stunde unterbringen konnte (der Rekord lag bei gezählten 71 Mal). Nach einigen Wochen verebbte unser Interesse, vor allem nachdem wir die erste Schularbeit zurückbekommen hatten, und irgendwann gewöhnten wir uns an dieses „was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!“ ohne in Gelächter auszubrechen.

Was beim Mathematiklehrer ein Tick war, den er nicht mehr zu kontrollieren im Stande war, ist bei Amon und Konsorten eine bewusste Strategie: Wiederhole den bildungspolitischen Schwachsinn so lange, bis sich die anderen daran gewöhnt haben. Irgendwann werden sie aufhören, andere Positionen auch nur anzudenken.

Jüngstes Beispiel:
Die Stadt Wien hat angekündigt, in den nächsten sieben Jahren die ganztägig geführten Standorte im Pflichtschulbereich (derzeit sind das 23 Volks- und vier Hauptschulen, ab Herbst kommen drei AHS hinzu) zu verdoppeln und in jedem Bezirk mindestens eine ganztägige Schulform anzubieten. Konkret heißt das, dass bis zum Jahre 2017 von den über 700 Wiener Schulen rund 50 als „verschränkt“ ganztägig (= Unterricht, Übungszeit und Freizeit erstrecken sich über den ganzen Tag) geführt werden sollen.

Jetzt bin ich einmal total optimistisch und nehme an, dass die Stadt Wien alle sieben Jahre den jeweiligen Ist-Stand an Ganztagsschulen verdoppelt, dann könnte die Ganztagsschule an allen Wiener Schulen in etwa bis 2045 umgesetzt sein.

Fazit: Wahlfreiheit forever!

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Öffentlich-rechtliche Dummheit!

Montag, 29. März 2010 17:35

Ein ORF-Journalist gestaltet eine Sozialreportage über zwei Favoritner Skinheads („Am rechten Rand„) und entschließt sich, mit den beiden auch eine Wahlkundgebung der parlamentarischen Rechtsextremen in Wiener Neustadt aufzusuchen.

Wäre ich ein „Kellernazi„, wüsste ich auch, was zu tun wäre, sähe ich eine ORF-Kamera, einen ORF-Journalisten und, in dessen Schlepptau, zwei sich offen als Neonazis zu erkennen gebende Burschen auf einer meiner Veranstaltung. Agent Provocateur!

Beim Betrachten des original Drehmaterials, das der ORF auf seine Website gestellt hat, kann man Strache beinahe zusehen, wie in wenigen Augenblicken in ihm die Idee zur Vorwärtsverteidigung gereift ist: „Habt ihr das auch gehört?“ – „Ja, genau, wir haben auch das gehört, was du uns gleich sagen wirst, was wir gehört haben sollen!

Haben die ORF-Journalisten wirklich gedacht, dass sich Strache und Seinesgleichen so einfach in die Suppe spucken lassen? Dass die nicht Feuer schreien, wenn sie die Lunte riechen?

Nachdem ich die Reportage gesehen habe, fürchte ich, dass die Macher daran gar nicht denken konnten, offenbart sich in dieser Am Schauplatz-Folge doch ein, höflich formuliert, höchst naives didaktisches Konzept, nach dem Motto: Wir müssen potentiellen F-Wählern nur zeigen, dass sich auf FPÖ-Kundgebungen auch Neonazis herumtreiben, dann werden sie sich schon abschrecken lassen.

Das ist das wirklich Erstaunliche – und Ärgerliche: die politische Dämlichkeit, die sich in dieser Reportage letztendlich artikuliert! Nicht die Infamie der FPÖ, nicht Straches-Empörungsdiskurs, den er, durch parlamentarische Immunität geschützt, initiiert, aber auch in Kenntnis des Freundeskreises bei der Exekutive, dessen „Ermittlungen“ seine „Wahrnehmungen“ wohl werden zu untermauern wissen – denn all das, war zu erwarten!

Gleichsam um zu demonstrieren, dass es noch dämlicher geht, schob der ORF gleich einen Club 2 Spezial ein, meines Wissens, den ersten dieser Art, der allein durch sein Setting – gleich mehrere Verteidiger (inklusive Moderator) der ORF-Position – bei unbedachten Zusehern den Eindruck erwecken konnte, an der von Strache hinausposaunten „Rotfunk-Verschwörung“ könnte was dran sein. Strache als Opfer – geht’s noch?

P.S.:
Neben den Grünen und der SPÖ will nun auch das BZÖ eine Untersuchung zur Causa, und zwar gleich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Dessen Leitung, so schlug Parteiobmann Bucher vor, solle Ewald Stadler übernehmen, weil dieser „zu allen Streitparteien eine distanzierte Stellung bezieht und nicht vereinnahmt werden kann.

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Nachtrag zu Haider

Sonntag, 26. Oktober 2008 0:51

In einer seiner Kolumnen im Standard zitiert Hans Rauscher eine Aussage des neuen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler aus dem Jahre 2006 zum Ortstafelurteil des Verfassungsgerichtshofes:

Der Rechtsstaat ist das eine, und ein gesundes Volksempfinden das andere – und ich glaube, ich habe ein gesundes Volksempfinden.

In einem Profil-Interview aus dem heurigen Jahr geht Dörfler nochmals auf diese Aussage ein:

Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich wusste nicht, dass der Spruch aus der NS-Zeit stammt. Ich habe mich mit dem Nationalsozialismus nie beschäftigt. In der Schule und in der Familie war es nie ein vorrangiges Thema. Und danach haben sich für mich andere Fragen gestellt. Ich habe wenig Wissen über die Nazi-Zeit. Aber ich verurteile alle Gräueltaten, egal, von wem sie begangen wurden.

Am 25. April 2001 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Kommentar von Eva Menasse, den ich hier in einem längeren Auszug wiedergebe, weil er an Aktualität nicht zu überbieten ist:

Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel „erlernt“, und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, „keinen Spaß zu verstehen“. Von der „Dämonie der Gemütlichkeit“ schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse.
(…)
Ein FPÖ-Funktionär ehrt langjährige Parteimitglieder mit dem Satz „Unsere Ehre heißt Treue“? Oh, er hatte keine Ahnung, daß es sich um den Leitspruch der Waffen-SS handelt! Er entschuldigt sich betreten, und alles ist wieder gut.
(…)
Ein Land voller Unschuldslämmer eben, die von allen Fettnäpfen immer ausgerechnet in die braunen treten. Dabei wäre allein ihre ostentativ herausgekehrte Geschichtsunwissenheit bereits Provokation genug. Am Aschermittwoch stellte Jörg Haider, mit Bezug auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, die rhetorische Frage, wie jemand, der „so viel Dreck am Stecken“ habe, ausgerechnet Ariel heißen könne. Sein Publikum johlte. Dreck am Stecken, Drecksau, Saujud; Ariel, Waschmittel, Säuberung, Seife – aber solche bösen Assoziationen werden ja angeblich nur von den hysterischen „Gutmenschen“ hergestellt. Jörg Haider hält seine Wortwahl für „notwendige politische Diskussion“: Es dürfe nicht verboten sein, „jemanden zu kritisieren, der sich in einer schwierigen Lage im Ausland negativ über Österreich geäußert hat“, noch dazu einer, „der einmal zugewandert ist und dem Österreich eine friedliche Heimat geworden ist“. Jude, heimatloser Geselle, undankbarer Vaterlandsverräter – ein antisemitisches Stereotyp ist beinahe zu hundert Prozent erfüllt, doch Haider und sein Publikum können es vor lauter Lachen einfach nicht erkennen, genauso wie viele Kommentatoren das noch immer nicht für eindeutig genug hielten, um sich zum Protest aufzuschwingen. Wo beginnt eigentlich der Antisemitismus, der öffentlich auch als solcher begriffen wird? Vermutlich erst, wenn Juden körperlich attackiert werden.

Im CLUB 2 vom Mittwoch dieser Woche zum Thema Mythos Haider, an dem – neben Hans Rauscher und Eva Menasse – unter anderen auch Walter Meischberger, Weggefährte Haiders, Mitglied der so genannten Buberlpartie und ehemaliger FPÖ-Generalsekretär, teilgenommen hat, wurde die Assoziationskette, die Eva Menasse im Zusammenhang mit den Haider-Auslassungen über Ariel Muzicant in ihrem Kommentar so präzise offengelegt hat, zitiert – und zwar von Meischberger, der diese Textstelle vorlas; als Beleg dafür, dass die „veröffentlichte Meinung“ ständig „dem Jörg“ alles mögliche „andichtete„, wie er hervorhob. Der Autorin warf er vor, „schändlich“ agiert zu haben, habe „der Jörg“ doch nie und nimmer „Drecksau, Saujud“ gesagt, sondern lediglich einen Scherz gemacht – einen nicht besonders guten zwar, der ihm, so Meischberger, „nie über die Lippen käme„, aber, „so war er halt, der Jörg„.

Hans Rauscher („Passen’s auf, was Sie sagen, Herr Meischberger, sie reden sich gerade um Kopf und Kragen„) und Eva Menasse („Ja haben Sie denn keine Ahnung von Bedeutungsketten?„) wollten und konnten nicht glauben, was sie da hörten. Ist Meischberger, der hier stellvertretend für alle Dumpfbacken steht, wirklich so blöde, oder leistet er sich diese ignorante Position, weil er darauf vertrauen kann, dass dieses niederträchtige Wortspiel von der überwiegenden Mehrheit sehr wohl so „verstanden“ wurde, wie von Eva Menasse weitergedacht, aber lediglich bei einer vernachlässigbaren Minderheit auf empörte Ablehnung stößt, bei der „schweigenden Mehrheit“ getreu dem Motto „War ja eh nur a Gaudi“ hingegen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird?

Ich weiß es nicht. Mir wurde nur wieder einmal klar, dass es absolut sinnlos ist mit Dumpfbacken derartige Diskussionen zu führen.

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To be fair or not to be fair

Montag, 15. September 2008 17:35

Im CLUB 2 zum Thema „Wahlkampf –Image ist alles“ (hier zum Nachsehen) hat der Kommunikationsexperte Dietmar Ecker, Ex-Berater von Franz Vranitzky und ehemaliger Pressesprecher von Finanzminister Ferdinand Lacina, eine äußert interessante Geschichte aus dem Wahlkampf im Jahre 1995 erzählt. Die Volkspartei unter Wolfgang Schüssel hat nach wenigen Monaten die Koalition mit der SPÖ platzen lassen, und konnte sich auf Grund der Wahlprognosen, die von Woche zu Woche für die Vranitzky-SP trostloser wurden, berechtigte Hoffnungen machen, nach Jahrzehnten wieder stimmenstärkste Partei zu werden (Stichwort: Schüssel-Ditz-Kurs). Die SPÖ konnte nur noch auf Vranitzkys TV-Performance vertrauen, die dieser in den Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach unter Beweis gestellt hatte. In der großen Fernsehkonfrontation sollte er durch einen Kraftakt den Einzug Schüssels ins Kanzleramt quasi im letzten Moment noch verhindern.
Doch dann erkrankt Vranitzky an Grippe. Vollgepumpt mit Medikamenten schleppt er sich ins Fernsehstudio. In der einstündigen Diskussion, in der Schüssel unaufhörlich bissige Breitseiten gegen den Kanzler abfeuert, muss sich der fiebernde Vranitzky mehrfach den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn wischen – Szenen vermeintlicher Schwäche, die der ORF-Kameramann den Zusehern live in die Wohnzimmer liefert.
Noch während der Diskussion ist für Ecker klar, dass die Wahlen für die SPÖ verloren sind. Doch dann passiert etwas, mit dem niemand rechnen konnte: Die Telefone im ORF-Kundendienst und in der SP-Parteizentrale laufen heiß, hunderte Anrufer, zumeist Pensionisten, zeigen sich zutiefst empört über die gallige Art, mit der Schüssel den sichtbar kranken Kanzler traktierte.
Daraufhin konzipierte Ecker den berühmt gewordenen „Pensionistenbrief„, der eine Woche vor dem Wahltag an alle Haushalte verschickt wurde. Am 17. Dezember 1995 feiert die SPÖ einen eindeutigen Wahlsieg, kann um 4% zulegen und den Abstand zur Volkspartei auf über 10% vergrößern.

Ein feines Beispiel dafür, dass Wahlen mitunter aus ganz anderen Motiven gewonnen oder verloren werden, als wir gemeinhin annehmen.

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The Seattle Seven

Freitag, 11. April 2008 0:13

Der dieswöchige CLUB 2 zu „1968“ – 40 Jahre nach 1968 und 30 Jahre nach dem legendären CLUB 2 mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit – hat mich an eine Szene in THE BIG LEBOWSKI erinnert. Jeff The Dude Lebowski, der von Jeff Bridges hinreißend gespielte Protagonist des Films, liegt mit der Millionärstochter und „Body Paint“-Künstlerin Maude, gespielt von Julian Moore, im Bett. Während er an einem Joint danach zieht, spricht er über ein, seiner Meinung nach, zeitgeschichtliches Jahrhundertereignis, an dem er beteiligt war:

The Dude: Did you ever hear of „The Seattle Seven“?
Maude: Mmm.
The Dude: That was me … and six other guys.

Weder Maude noch wir als Zuseher haben je von den Seattle Seven gehört, obwohl es diese Anti-Vietnamkriegssplittergruppe tatsächlich gegeben hat, und, übrigens auch den Film-Dude, Jeff Dowd heißt er, aber, darum geht es nicht. Was in dieser Szene so herrlich funktioniert, manifestiert sich im Gesicht von Jeff Bridges: Es gab einen Moment in meinem Leben, sagt es uns, in dem ich, The Dude, der „Welt ein Loch geschlagen habe„.

Aber zurück zum CLUB 2, zurück zum Veteranentreffen, in dem die alt 68-er ihr Dasein mit dieser Dude-Patina umgeben, allerdings ohne ironischen Bruch, wie im Coen-Brothersfilm, sondern als Relevanzkritierium für das jetzige Leben. Einzig Georg Hoffmann-Ostenhof, heute Außenpolitikredakteur beim Profil, hat zu seiner eigenen 68-er Verstrickheit eine ironische Distanz aufgebaut. („Es wäre ja lächerlich, wenn ich so denken würde, wie mit Zwanzig!„) Auch die beiden als Anti-68-er Krokodile eingeladenen Teilnehmer, Bettina Röhl (Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof) und Daniel Regli (ein christlicher Historiker aus der Schweiz), sind in einer grotesken 68-er Distanzlosigkeit verfangen, was sich in ihren engstirnigen und verbohrten Wortmeldungen gezeigt hat.

Vergessen wir den CLUB 2, kehren wir nochmals zurück zu THE BIG LEBOWSKI, zurück zu Walter Sobchak, ein psychopatischer Vietnamkriegsveteran, glänzend von John Goodman dargestellt, der auf die Einhaltung von Regeln pocht, um sie zugleich in einem cholerischen Wahnsinnsakt ad absurdum zu führen. Hier ein kurzer Dialog, den Walter mit Smokey, einem Bowling Spieler, führt, der beim Wurf die Linie übertreten hat:

Walter Sobchak: OVER THE LINE!
Smokey: Huh?
Walter Sobchak: I’m sorry, Smokey. You were over the line, that’s a foul …
Smokey: Bullshit. Mark it 8, Dude.
Walter Sobchak: Uh, excuse me. Mark it zero. Next frame …
Smokey: Bullshit, Walter. Mark it 8, Dude …
Walter Sobchak: Smokey, this is not ‚Nam. This is bowling. There are rules.

Und da Walter dem armen Smokey die Beachtung von Regeln beim Bowling – im Unterschied zu Vietnam – mit gezückter Pistole nahelegt, wird aus Smokeys 8-er Wurf eben ein Nuller.

And here it is.

Thema: Film | Kommentare (1) | Autor:

Das Bild hinter dem Foto

Freitag, 14. März 2008 19:44

Hans Petschar, Historiker und Leiter des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, hat ein Buch mit dem Titel Anschluss – Eine Bildchronologie, veröffentlicht, in dem sich bislang unveröffentlichtes Fotomaterial findet, das rund um den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zwischen März und Mai 1938 entstanden ist. Es sind dies Bilder jenseits der Propaganda, also zum Teil private Aufnahmen und zum Teil Fotos, die aus der Hand von NS-Fotografen stammen, aber zensuriert wurden (das Cover des Buches zeigt Hitler mit Augenringen, fiebrig-glasigem Blick und Zahnlücke im offenem Maul).

Das Buch weist auf einen interessanten Umstand hin, den der Autor auch im Rahmen der CLUB 2 Diskussion am letzten Mittwoch angesprochen hat: Die Bilder aus der NS-Zeit, die wir im Kopf haben, etwa von den jubelnden Massen am Heldenplatz, sind zu fast hundert Prozent von Nazi-Propagandisten hergestellte. Dieser „späten Rache des Nationalsozialismus an der Geschichte„, wie Petschar formuliert, will er Fotos entgegenstellen, die nicht zur Gänze von der Goebbel’schen-Propagandamaschinerie kontrolliert werden konnten (hier findet sich eine große Auswahl dieser Fotos).

Abgesehen vom legitimen Anspruch des Historikers auf möglichst große Quellenvielfalt werde ich bei der Betrachtung des Fotomaterials nicht wirklich schlau, was hier der Goebbel’schen Propagandamaschinerie entgegengestellt werden soll, und wozu überhaupt?

Die Fotos, insbesondere jene, die Demütigungen und Erniedrigungen abbilden, denen sich Jüdinnen und Juden unmittelbar nach dem Anschluss ausgesetzt sahen – ob nun von NS-Fotografen oder von privater Hand hergestellt -, sind, und das muss man wohl unterstellen, Fotos von Tätern bzw. aus der Perspektive von Tätern, die wir Heutigen mit dem Ausdruck des Entsetzens wahrnehmen, weil wir das darauf Gezeigte als Untaten dechiffrieren. Wohlgemerkt, wir Heutigen erkennen das Gezeigte als Untaten; die Fotografen hingegen haben den Auslöser betätigt, weil sie die Aktionen begrüßt haben und ihnen durch die Fotografie gewissermaßen eine höhere Weihe geben wollten (vgl. dazu auch hier).

Susan Sontag, die sich immer wieder mit der Fotografie beschäftigt hat, hat das einmal so auf den Punkt gebracht:

Die Voraussetzung für eine moralische Beeinflussung durch Fotos ist die Existenz eines relevanten politischen Bewusstseins. Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden.“

Ein (historisches) Foto ist immer eine Konstruktion, es ist immer Propaganda im weitesten Sinn. Wir sollten uns daher immer wieder an Jean Luc Godards Kritik aus den Zeiten des Vietnamkrieges erinnern, als er den Kriegsfotografen vorwarf, sie seien Verbrecher, weil sie nicht eingegriffen haben, um das Unrecht, das sie mit ihrer Kamera fest gehalten haben, zu verhindern. Diese Kritik zielt im Kern genau auf jenen Teil der Realität, der sich gewissermaßen als nicht sichtbarer Mehrwert in das fotografische Bild eingeschrieben hat: Den Fotografen und seine Motive hinter der Kamera.

Dieser Mehrwert erschließt sich aber nicht aus dem Foto selbst, sondern einzig dadurch, dass man den Kontext erhellt. Erst dann kann man Fotos sehen. Susan Sontag hat daher über die Fotografie erzählt, sie hat die Bilder gegen Worte getauscht, und nebstbei einen der hellsichtigsten Sätze geschrieben, den ich je über die Fotografie gelesen habe:

Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern.“

Thema: Allgemein, Fotografie, Geschichte | Kommentare (0) | Autor:

Club 2

Freitag, 8. Februar 2008 0:35

Wiewohl der Club 2 zum Thema „Hassliebe USA-Europa“, in Kategorien herkömmlicher Talk Shows bemessen, dank kompetenter Diskutanten (vor allem Anton Pelinka und Gerald Matt), die der politischen Paranoia des Wilhelm Langthaler zumindest für etwa 80 Minuten entschieden Einhalt boten, durchaus gelungen war, führte er dennoch exemplarisch vor, warum der neue Club 2 nur ein müder Abklatsch des Originals ist, und dies auch solange bleiben wird, bis die ORF-Verantwortlichen das Open End-Format des Originals wieder beleben. Erst das Wegfallen der Zeitbegrenzung unterschied den Club 2 von serieller TV-Konfektionsware. Diskussionen brauchen nämlich Anläufe, Leerläufe, Wiederholungen, Abschweifungen; erst nach diesen zeitintensiven Nebengeräuschen, erst nach diesem Hinwerfen von Meinungen, nach dem Sich-In-Szene-Setzen, können Argumente und Meinungen abgewogen und geprüft werden, kann ein Einlassen auf das Gegenüber in raren Momenten sogar einen gemeinsamen Lernprozess initiieren.

Das, und nur das, war das Einzigartige am Club 2!

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Fernsehen als Kanzel

Freitag, 25. Januar 2008 20:41

In einer berührenden „Liebeserklärung an einen Querdenker“ erweist André Heller dem ehemaligen Generalintendanten des ORF Gerd Bacher die Reverenz. Bacher, der die Medienorgel ORF über Jahrzehnte „in seiner schönsten, imponierendsten Form erfunden bzw. die begabtesten Feuerköpfe um sich geschart hat, um ihn erfinden zu lassen„, wie Heller betont, hat vor allem viele machen lassen, auch dann, wenn das Produkt so gar nicht mit seinem rechtskonservativen Weltbild im Einklang stand.

Man krame etwa in eigenen Videobeständen oder erwerbe ausgewählte Klassiker der Bacher-Ära, die vor Kurzem in der Edition „Der österreichische Film“ auf DVD erschienen sind, wie etwa die sechsteilige Alpensaga, oder erinnere sich an so manche Club 2-Sendung, in der man als Heranwachsender zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, was zivilisierte Diskussions- und Streitkultur sein kann (etwas, was man weder von Elternhaus noch von Schule vermittelt bekam, weil das Personal dieser Sozialisierungsinstanzen selbst in autoritären Strukturen sozialisiert wurde) oder schalte auch heute noch Sendungen wie Diagonal ein – auch das eine Erfindung aus der Bacher-Ära -, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Fernsehen und Radio sein kann und sein soll, wenn es sich als Medium der Aufklärung begreift.

Zugleich, und das sollten wir bei aller Verklärung nie vergessen: Das Bacher’sche Fernsehen war – trotz dieser, die Erinnerung prägenden Höhepunkte – in seiner Konzeption genauso anti-emanzipatorisch und autoritär wie Schule und Elternhaus, weil es, wie der Journalist Joachim Riedl zu Recht festhält, „im Bewusstseins eines Alleinvertretungsanspruches“ daher kam. Und Riedl weiter:

Es ist ein Götze, der keine anderen neben sich dulden mag. Ein Stück Religionsersatz und wer’s glaubt, wird selig. Allen anderen ist die Hölle gewiss, darin die ewige Dummheit brodelt. (…) Die Vorstellung, Fernsehen sei eine Schule der Nation, eine Belehrungs- und Erklärungsanstalt, nährt sich aus der utopischen Idee der wohlmeinenden Diktatur, die davon überzeugt ist, es müsse eine hohepriesterliche Fürsorgeherrschaft über das unmündige Gewusel der Menscheit errichtet werden. Der Gedanke, so verführerisch er sein mag, ist in Wahrheit totalitär.“ (Hier der ganze Text von Joachim Riedl)

Fernsehen, in den 1970-ern und 1980-ern, hieß schlicht und einfach: ORF sehen. Die Fernbedienung, sofern es sie überhaupt gab, war funktionslos, weil es keine Möglichkeiten des Wegzappens gab. Angesichts des Faktums, dass es eben nicht täglich Alpensaga oder Kottan gab, also Sendungsinhalte, die man, don’t forget, wenn überhaupt, nur bei Abwesenheit elterlicher Autorität sehen konnte, sondern, ganz im Gegenteil, dass der ORF-Alltag hauptsächlich von journalistischen Geistesblitzen wie etwa dem Bacher-Freund Alfons Dalma (eigentlich Stjepan Tomicic), der seine journalistische Karriere in Propagandablättern des kroatischen Ustascha-Regimes begonnen hatte, in den späten 1960-er Jahren zum Chefredakteur im ORF aufgestiegen war und bis in die 1980-er Jahre aus dem ORF eigenen Vatikan-Studio die gesamte Süd-Europaberichterstattung abdeckte, geprägt wurde und Sendungen wie Autofahrer unterwegs die Begleitkulisse zum sonntäglichen Schweinsbraten im Elternhaus beisteuerten, ist man auch weniger anfällig für Verklärungen der Bacher-Ära.

Also, don’t forget:
Bei aller Klage gegen den Fernsehschrott im heutigen digitalen Programmbouquet, die Erweiterung im Bereich der audiovisuellen Medien, die Fülle der Angebote im Fernsehen und im Internet, eröffnet vorher nicht gekannte Optionen der Wahl für Jeden/e.

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