Beitrags-Archiv für die Kategory 'Fotografie'

Kriegsbilder

Mittwoch, 5. August 2009 18:17

broomberg_chanarin

© Broomberg/Chanarin

Als die beiden Kriegsfotografen dem Redakteur der Zeitung, in dessen Auftrag sie in das irakische Kriegsgebiet gefahren waren, das mitgebrachte Bildmaterial vorlegten, war dieser über das, was er da zu sehen bekam, nicht erfreut. Keine Kampfszenen, keine Explosionen, keine Toten. Sondern abfotografierte Wandzeichnungen, die von kurdischen Gefangenen stammten, die im Hauptquartier von Saddam Husseins Bath-Partei gefoltert und gemordet wurden.

Die beiden Kriegsfotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigen ganz andere Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Im Jahre 2008 waren sie als “embeddeds” mit britischen Truppen in Afghanistan unterwegs. In einem kurzen Bericht, den ich in der 3sat-Kulturzeit gesehen habe, erzählen sie davon, wie sie diese Strategie der Vereinnahmung der Journalisten, die mittlerweile von allen Kriegsparteien forciert wird, unterlaufen. So haben sie in Afghanistan jeden Tag ein Stück Fotopapier 20 Sekunden lang der Sonne ausgesetzt. Nur die Titel der so entstandenen Bilder verweisen auf Kriegsereignisse (”The day nobody died“).

Auf ihrer Website finden sich weitere Beispiele für diese Haltung.

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Der Blick voraus in die Vergangenheit

Freitag, 15. Mai 2009 20:54

kluge_portraitIm Jahre 1927 hat der sowjetische Filmemacher Sergei Eisenstein rund 60.000 Meter Film für seine Version der Oktoberrevolution abgedreht. Mit allen Freiheiten ausgestattet, das Politbüro hinter sich, Geld spielt keine Rolle - in Moskau wird das elektrische Licht ausgeschaltet, falls der Meister das für notwendig hält -, kurz: er kann agieren wie Cecil B. deMille in Hollywood. Und dann kommt der Befehl, binnen weniger Tage den Film Oktober auf eine Länge von 100 Minuten (2000 Filmmeter) zu schneiden.
Eisenstein ist Perfektionist. Er beherrscht mehrere Sprachen und verfasst seine Texte (= einzelne Sätze) bewusst mehrsprachig, immer auf der Suche nach größmöglicher Präzision der Begriffe. Er arbeitet Tag und Nacht, nimmt Aufputschmittel, er arbeitet bis die körperlichen Mühen ihm die Sehkraft rauben. Eisenstein wird für einige Wochen blind sein.

Diese Geschichte erzählt die russische Filmhistorikerin Oksana Bulgakowa, die sich der Aufarbeitung von Leben und Werk des großen sowjetischen Filmemachers verschrieben hat, gleich zu Beginn von “Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“, einem fast zehnstündigen Filmprojekt, in dem Alexander Kluge eine andere Idee Eisensteins aufgegriffen hat, eine unverwirklicht gebliebene, nämlich einen Film über “Das Kapital” von Karl Marx herzustellen.

Marx ist Material für die Schulpause, nicht für die Schulstunde.” (Alexander Kluge)

Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital” ist eine Montage aus Dialogen und Interviews, Filmsequenzen, Bildern, Texten und Musik, von der gestern spätnachts auf SWR eine etwa 90-minütige Kompilation ausgestrahlt wurde.

Marx ist 1818 geboren (…) in einer Zeit, in der es Sklaverei und Kinderarbeit gab. Dies alles wird beseitigt, der Achtstundentag erobert. 1942 ist Marx 124 Jahre alt: Da haben wir Auschwitz. Wenn ich nun wählen sollte zwischen Kinderarbeit, Sklaverei und Auschwitz, würde ich nicht den Fortschritt wählen. Es gibt auch einen Fortschritt des Bösen. Es geht nicht von selbst zur Aufklärung hin.“ (Kluge in einem FAZ-Interview)

Wer zum ersten Mal einen fürs Fernsehen produzierten Beitrag von Alexander Kluge sieht, wird zunächst an eine Bildstörung denken, vor allem auch deshalb, weil diese Irritationen eben nicht auf ARTE sondern im deutschen kommerziellen Fernsehen stattfinden. Sendungen wie 10 vor 11, Primetime Spätausgabe oder News & Stories, sind erratische Blöcke im Einheitsbrei.

Kluge beherrscht als Geschäftsführer der DCTP mittlerweile jene Sendeflächen im Privatfernsehen (RTL, SAT 1 und Vox), die gesetzlich für “unabhängige Dritte” freizuhalten sind, ein Zugeständnis, dass die SPD der Kohl-CDU bei der Einführung des kommerziellen Fernsehens im Jahre 1984 abgetrotzt hat. Diese Sendeflächen werden alle fünf Jahre neu ausgeschrieben und sind äußerst begehrt. Kluge hat es über die Jahre bestens verstanden, die meisten Konkurrenten (Spiegel, Süddeutsche, Stern, Neue Züricher Zeitung, BBC Worldwide) ins DCTP-Boot zu holen, und als de facto Monopolist konnte er in dieser Nische ein mittlerweile höchst profitables Geschäftsmodell aufbauen (vgl. hier und hier).

Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.” (Marx in der Einleitung von “Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. In: Karl Marx / Friedrich Engels: Werke Band I. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1976, S.378 (MEW-Online)

Einer der Partner, mit dem Kluge über viele Jahre hinweg immer wieder seine für ihn typischen Dialoge, die alles andere als ein Frage-Antwort-Spiel sind, geführt hat, war Heiner Müller. Die Kluge-Müller-Fernsehgespräche, die einen ungemein anregenden Einblick in die Arbeits- und Denkweisen beider Figuren geben, sind im Internet frei zugänglich (Videos, Transkriptionen und Zusatzinfos).

Den ganzen Kluge-Film über “Das Kapital” gibt es auf drei DVDs für 30,80 Euro.

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Es darf gelacht werden!

Donnerstag, 15. Januar 2009 23:17

David Černý, ein in Prag lebender Künstler, hat im Auftrag der Regierung der Tschechischen Republik, die unter dem Motto “Europa ohne Grenzen” bis Ende Juni die EU-Ratspräsidentschaft innehaben wird, gemeinsam mit Künstlern aus allen EU-Mitgliedstaaten eine 10×10 Meter große Installation mit dem Titel “Entropa” geschaffen, die am EU-Ratsgebäude in Brüssel angebracht ist und am 15. Jänner offziell vorgestellt wurde.

Das Kunstwerk sorgt jetzt bei tschechischen Regierungsmitgliedern und bei Politikern und Funktionären aus anderen Ländern der Europäischen Union für beträchtliche Aufregung. Die 27 Künstler gibt’s nämlich nicht, die 27 sind Černý und seine Mitarbeiter. Im Katalog zur Installation (hier ein erster Entwurf) finden sich fiktive Biografien oder solche von existierenden Künstlern, die aber nichts davon wussten.

Freilich, den Fake würde man Černý nachsehen. Aber worüber die politischen Eliten not amused sind, sind die satirischen Darstellungen der Mitgliedstaaten. Der tschechische Europaminister hat sich bereits “schockiert” gezeigt und bei der bulgarischen Regierung, die sich am Lautesten echauffierte, entschuldigt, und angemerkt, falls Bulgarien es wünsche, werde man die “türkische Toilette” (sic!) unverzüglich entfernen. Der Minister hat sich auch gleich präventiv bei allen anderen Regierungen entschuldigt, und ich fürchte, diese werden aus Angst vor den humorlosen Patrioten-Idioten, die’s ja in allen Ländern gibt, ihren diplomatischen Unmut auch noch artikulieren.

Besonders witzig finde ich die Darstellung Englands. England glänzt nämlich durch Abwesenheit, dort, wo die Insel sein sollte, ist einfach nichts.

Bevor die Fun-Installation, die sich mit Klischees und Vorurteilen beschäftigt, abgehängt wird, hier einige Fotos.

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The Yes Men

Samstag, 15. November 2008 0:07

This guy’s just a garbage man. There ought to be limits to freedom. Of course I don’t appreciate it — and you wouldn’t either.
(George Walker Bush)

Not amused war der Herr Präsident, als er die Bekanntschaft mit “The Yes Men” machte. Wobei, Bekanntschaft, wäre zu viel gesagt: Bush kannte die Kerle ja nicht, die für seine gefakte Website (http://www.gwbush.com) verantwortlich waren, auf der er während seines ersten Wahlkampfes im Jahre 2000 allerlei Bosheiten über sich selbst zu lesen bekam.

Schade, dass es diese Seite nicht mehr gibt; aber auch die jüngste Intervention von “The Yes Men” kann sich sehen lassen: Letzten Mittwoch ließen sie eine täuschend ähnliche Sonderausgabe der New York Times in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplare in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington von tausenden Helfern kostenlos verteilen. Die Ausgabe, datiert mit 4. Juli 2009, “Iraq War ends” als Headline, nahm Barack Obamas Wahlkampfankündigungen ernst und imaginierte eine Welt ohne Guantánamo und mit Krankenversicherung für alle Amerikaner. Die mediale Intervention, die auch als Website existiert, ging rund um den Globus.

The Yes Men” sind gewissermaßen digitale Situationisten, die den Herren der digitalen Ökonomie so manchen Streich spielen. Bekannt geworden sind sie im Jahre 1999, als sie die Website der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation - WTO) nachbauten und darauf u.a. die Wiedeinführung der Sklaverei anregten - als wirksamste Strategie zur Bekämpfung der Armut in Afrika. Einige Jahre später im Jahre 2004, am 20. Jahrestag der Giftkatastrophe im indischen Bhopal, gab ein Mitglied des Kollektivs ein Interview für BBC World. Als Sprecher von Dow-Chemical kündigte er an, dass sein Unternehmen die Familien der Opfer der Chemiekatastrophe mit mehr als 12 Milliarden Dollar entschädigen werde. Die Aktionäre von Dow-Chemical schmissen die Nerven weg, der Kurs sackte kurzfristig dramatisch ab.

Im Web und auf Youtube sind weiter Aktionen der “Yes”-Männer dokumentiert.

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Do it yourself

Montag, 1. September 2008 18:47


John Currin, “Jaunty und Mame” (1997)

Da ich mich am Wochenende im Duett mit C. durch die beiden Ausstellung BAD PAINTINGS und Punk – No one is innocent von profunden Kennern führen ließ, genoss ich das Interview mit Paulus Manker im jüngsten Profil ganz besonders. Hier ein kurzer Auszug:

profil: Verfolgen Sie den Wahlkampf?
Manker: Mehr interessiert mich derzeit Amy Winehouse. Da bekommt Kunst endlich wieder diesen verwegen-romantischen Charakter des 19. Jahrhunderts von Baudelaire, Verlaine und später von den Surrealisten. Sie wird wie ein waidwundes Wild gejagt. Und unter dem Brennglas beobachtet man, wie dieser Mensch scheitert und zugrunde geht. Großartig!
profil: Das ist doch tragisch!
Manker: Sie ist eine tolle Künstlerin, hat eine wunderbare Stimme und führt ein völlig verwegenes Leben. Sie macht, was sie will – oder was sie muss, wenn es um Drogen geht. Das geht niemanden etwas an. Dem durchschnittlichen Spießer ist das natürlich too much. Aber wenn die einen Furz lässt, ist das besser als das gesamte Repertoire des Theaters in der Josefstadt! In solchen Sphären hat sich die Kunst zu bewegen! Unerreichbar, unberührbar, jenseitig. Bei uns ist man schon erschüttert, wenn einer einen Joint raucht. Winehouse kann ja nicht wie Maria Rauch-Kallat am heimischen Herd stehen und Fischstäbchen braten!
profil: Diese Leute werden nicht alt.
Manker: Wo steht denn, dass man alt werden muss? Wofür? Für wen? Nur damit man die Pensionen für irgendwelche Halbaffen zahlt? Ich will mein Leben genießen – und wenn es nur 40 Jahre dauert, dann dauert es eben nur 40 Jahre!
profil: Und das Publikum soll dann diese verwegenen Künstlerkerle bewundern, die den Tod nicht fürchten.
Manker: Die Leute bewundern doch den Künstler gar nicht wirklich, sie wollen sich mit ihm nur gemein machen, um ihm dann auf den Kopf zu scheißen. Sie sagen: “Picassos Taube – das kann mein kleiner Fritzi auch.” Das Lustige ist, der kleine Fritzi könnte es auch, wenn man ihn nur dazu ermutigen würde, dass nämlich nur drei Striche eine Taube sein können oder dass die Omi zwei Nasen und fünf Augen hat. Aber wenn das Kind das dann malt, hört es: “Geh schau, Fritzi, die Omi hat doch nicht zwei Nasen, du bist doch ein Dummerl.” Dabei ist das die Entdeckung des Kubismus!

Für die Ausstellung Bad Paintings hat Fritz Ostermayer eine Sammlung musikalischer Grausamkeiten zusammengestellt. Unter dem Titel “Bad Taste – Strange Music” steht sie hier zum gratis Download und anschließendem Leiden bereit. Die 26 Titel umfassende Compilation wird mit den folgenden Geleitworten des großen burgenländischen Vorsitzenden Theodor Kery eingeleitet:

Wir demonstrieren nicht. Wir marschieren nicht. Nein! Wir Burgenländer singen, tanzen und spielen.”

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No alternative

Mittwoch, 23. Juli 2008 18:17


Zeichnung (c) Ernst Kahl

Im Café Eiles, schräg vis-a-vis des Wiener Rathauses, hat sich am 22. Juli die Wahlliste “LINKE” im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um ein Wahlbündnis aus Mitgliedern der Sozialistischen Linkspartei” und der “Liga der sozialistischen Revolution” (= Trotzkisten), das bei der Nationalratswahl am 28. September 2008 “mehr Stimmen als die KPÖ“, die sich gegen eine gemeinsame Kandidatur ausgesprochen hat, erreichen möchte und in der “Enteignung der oberen Zehntausend” eines ihrer politischen Ziele definiert. (vgl. dazu Ö1-Bericht der Pressekonferenz und Video der Vorpressekonferenz vom 15. Juli 2008 mit den Hauptvertretern der Wahlliste).

Ein kurzer Blick ins politische Alltagsgeschäft der Protagonisten (hier zum EU-Reformvertrag und hier zu Israel/Palästina) reicht, um zu wissen, dass dieses Wahlbündnis, auch wenn es sich noch so sozialorientiert und antirassistisch präsentiert, mitnichten ein “kämpferisches linkes Projekt” ist.

Ein wirklich linkes Projekt müsste, wie das der fortschrittliche Jurist Alfred J. Noll vor kurzem (Kommentar der anderen) im Standard geschrieben hat,

ein auf der Höhe der Zeit stehendes Parteiprogramm, eine fundierte Analyse der gegenwärtigen Problemlagen und zumindest auf hohem Niveau der Plausibilität angesiedelte politische Vorschläge” enthalten.

Also schlicht und ergreifend genau das Gegenteil dessen, was dieses Wahlbündnis anzubieten hat.

Generell kann Noll völlig zugestimmt werden, wenn er schreibt:

Demokratie lebt nicht von der Wahlkabine allein - sie ist angewiesen auf das tagtägliche Engagement in den jeweiligen Lebenszusammenhängen der Menschen. Und wer über dieses Feld hinaus politisch wirksam sein will, der wird wohl dafür sorgen müssen, dass innerhalb von SPÖ und Grünen die linken Positionen gestärkt und mehrheitsfähig werden. Wer linke Politik in Österreich stärken will, der kann alles Mögliche tun - an der Gründung einer “Linkspartei” sollte er sich derzeit nicht abmühen.

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Ich klone, also bin ich

Dienstag, 25. März 2008 22:57

In der Ausstellung “Schaulust - Die Kunst des Sehens und des Täuschens“, die ich in der Kunsthalle Krems besucht habe, finden sich viele Exponate, die sich mit optischen Irritationen und visuellen Manipulationen auseinandersetzen. Neben Marcel DuchampsRotoreliefs” (bedruckte Kartonscheiben, die durch einen Elektromotor bewegt werden und die Illusion von Räumlichkeit erzeugen) oder bewusste optische Täuschungen von Op-Art-Künstlern wie Victor Vasarely haben mich vor allem zwei Fotografien von Martin Liebscher fasziniert. Die rund 5 Meter breiten und etwa 1,5 m hohen Fotografien zeigen Personen - bei der Arbeit im Büro das eine, beim Camping-Urlaub das andere. Der Witz dieser Fotografien erschließt sich beim zweiten Blick, wenn man erkennt, dass es sich bei den in unterschiedlichen Posen dargestellten Personen um ein und dieselbe Person handelt, nämlich um Martin Liebscher, den Künstler himself.

Auf seiner Website finden sich noch etliche andere Beispiele seines digitalen Klonens, etwa auf der Skipiste oder als Philharmonisches Orchester, aber auch seine UFO-Fotografien und Städtepanoramabilder.

Erfrischend der Mann.

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Das Bild hinter dem Foto

Freitag, 14. März 2008 19:44

Hans Petschar, Historiker und Leiter des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, hat ein Buch mit dem Titel Anschluss – Eine Bildchronologie, veröffentlicht, in dem sich bislang unveröffentlichtes Fotomaterial findet, das rund um den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zwischen März und Mai 1938 entstanden ist. Es sind dies Bilder jenseits der Propaganda, also zum Teil private Aufnahmen und zum Teil Fotos, die aus der Hand von NS-Fotografen stammen, aber zensuriert wurden (das Cover des Buches zeigt Hitler mit Augenringen, fiebrig-glasigem Blick und Zahnlücke im offenem Maul).

Das Buch weist auf einen interessanten Umstand hin, den der Autor auch im Rahmen der CLUB 2 Diskussion am letzten Mittwoch angesprochen hat: Die Bilder aus der NS-Zeit, die wir im Kopf haben, etwa von den jubelnden Massen am Heldenplatz, sind zu fast hundert Prozent von Nazi-Propagandisten hergestellte. Dieser “späten Rache des Nationalsozialismus an der Geschichte“, wie Petschar formuliert, will er Fotos entgegenstellen, die nicht zur Gänze von der Goebbel’schen-Propagandamaschinerie kontrolliert werden konnten (hier findet sich eine große Auswahl dieser Fotos).

Abgesehen vom legitimen Anspruch des Historikers auf möglichst große Quellenvielfalt werde ich bei der Betrachtung des Fotomaterials nicht wirklich schlau, was hier der Goebbel’schen Propagandamaschinerie entgegengestellt werden soll, und wozu überhaupt?

Die Fotos, insbesondere jene, die Demütigungen und Erniedrigungen abbilden, denen sich Jüdinnen und Juden unmittelbar nach dem Anschluss ausgesetzt sahen - ob nun von NS-Fotografen oder von privater Hand hergestellt -, sind, und das muss man wohl unterstellen, Fotos von Tätern bzw. aus der Perspektive von Tätern, die wir Heutigen mit dem Ausdruck des Entsetzens wahrnehmen, weil wir das darauf Gezeigte als Untaten dechiffrieren. Wohlgemerkt, wir Heutigen erkennen das Gezeigte als Untaten; die Fotografen hingegen haben den Auslöser betätigt, weil sie die Aktionen begrüßt haben und ihnen durch die Fotografie gewissermaßen eine höhere Weihe geben wollten (vgl. dazu auch hier).

Susan Sontag, die sich immer wieder mit der Fotografie beschäftigt hat, hat das einmal so auf den Punkt gebracht:

Die Voraussetzung für eine moralische Beeinflussung durch Fotos ist die Existenz eines relevanten politischen Bewusstseins. Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden.”

Ein (historisches) Foto ist immer eine Konstruktion, es ist immer Propaganda im weitesten Sinn. Wir sollten uns daher immer wieder an Jean Luc Godards Kritik aus den Zeiten des Vietnamkrieges erinnern, als er den Kriegsfotografen vorwarf, sie seien Verbrecher, weil sie nicht eingegriffen haben, um das Unrecht, das sie mit ihrer Kamera fest gehalten haben, zu verhindern. Diese Kritik zielt im Kern genau auf jenen Teil der Realität, der sich gewissermaßen als nicht sichtbarer Mehrwert in das fotografische Bild eingeschrieben hat: Den Fotografen und seine Motive hinter der Kamera.

Dieser Mehrwert erschließt sich aber nicht aus dem Foto selbst, sondern einzig dadurch, dass man den Kontext erhellt. Erst dann kann man Fotos sehen. Susan Sontag hat daher über die Fotografie erzählt, sie hat die Bilder gegen Worte getauscht, und nebstbei einen der hellsichtigsten Sätze geschrieben, den ich je über die Fotografie gelesen habe:

Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern.”

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Standard Operating Procedure

Donnerstag, 14. Februar 2008 22:37

Die deutschsprachigen Tageszeitungen beschäftigen sich mit dem Dokumentarfilm Standard Operating Procedure des US-Dokumentarfilmers Errol Morris, der gestern im Rahmen der Berlinale 2008 Premiere hatte. Will der eine Rezensent in dem Werk, das die Folter im US-Gefängnis in Abu Ghuraib zum Thema hat, “einen außerordentlichen Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA” erkannt haben, sieht der andere den Filmemacher stapfen “wie ein Feldherr des guten Amerika durch die Schreckenszenarien, ganz trunken von seiner moralischen Betroffenheit und seinem filmischen Können“.

Im Grunde aber, schreiben sie nur von einander ab (etwa hier und hier).

Ich habe zwar den Film nicht gesehen, aber nach dem Betrachten des Trailers habe ich keinerlei Erwartungen auf irgendeinen Erkenntnisgewinn, es sei denn, man hält “den Verlust der Unschuld, der das ganze Land betrifft – und nicht allein eine Handvoll Soldaten“, um einen besonders dummen Satz aus dem Pressetext der Berlinale zu zitieren, für einen solchen.

Erkenntnisse kann man hingegen aus dem Buch Deutschlandfilme gewinnen, in dem sich Klaus Theweleit - neben Jean-Luc Godards Deutschland Neu(n) Null und Alfred Hitchcocks Der zerrissene Vorhang - auch mit Pier Paolo Pasolinis Salò oder Die 120 Tagen von Sodom beschäftigt. Diese filmische Topografie des Terrors, in Form des Rückgriffs auf Marquis de Sade, zeigt die Perversion einer sexuell konnotierten Gewalt, die auf die nationalsozialistische Perversion verweist (man denke etwa an die Folterbilder der deutschen Wehrmachtssoldaten, die im Zuge der Wehrmachtsausstellung zu sehen waren), die aber auch für das Verständnis der Folter in Abu Ghuraib oder anderswo von Relevanz ist.

In einem Interview, das die Junge Welt kurz nach Bekanntwerden der Folterbilder von Abu Ghuraib im Mai 2004 mit Klaus Theweleit geführt hat, betont Theweleit diesen universellen Charakter der Folter. Da dieses faszinierende Interview nur noch für Abonnenten zugänglich ist, kann man es hier ungekürzt lesen.

Frage: Die Folterung durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghuraib sei unamerikanisch, behauptet Präsident Bush. Stimmt das?

Theweleit: Als erstes sagte er, da könne man die Vorteile einer Demokratie sehen – im Unterschied zu einer Diktatur würden die Verbrechen aufgedeckt. Schon irre, wie Bush jedes noch so üble Detail mit einer proamerikanischen Entlastungsoffensive beantwortet. Mit den Kategorien amerikanisch oder unamerikanisch kommen wir nicht weiter. Ich habe vor kurzem einen längeren Essay über Pier Paolo Pasolinis Film “Saló, oder die 120 Tage von Sodom” geschrieben. Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt. In dieser Tradition stehen die Folterungen in Abu Ghuraib. Deswegen war es ganz passend, dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung die Überschrift Die 120 Tage von Bagdad trug. Es ist ein universaler Verbrechenszug, der die Geschichte aller westlichen Zivilisationen prägt.

Frage: Viele Betrachter fühlen sich an das Verhalten der US-Army in Vietnam erinnert.

Theweleit: Zu Recht. Das Neue ist allerdings die massenhafte Verbreitung der Fotos über das Internet. Dass diese Aufnahmen so schnell öffentlich geworden sind, war für die Täter allerdings keine Panne, sondern Absicht. Die Folter ist nicht spontan und zufällig, sondern inszeniert, und die fotografische Dokumentation ist Teil der Inszenierung. Pasolini wollte durch die Verfilmung dieser Grausamkeiten eine kritische Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Faschismus und bestimmten Sexualitätsformen schaffen, ist aber am Resultat seines Schaffens schier verzweifelt. Die Leute, die in Abu Ghuraib die Kamera führten, wollten die Grausamkeiten nicht einfach festhalten, sondern in ihrer Intensität steigern. Es wird nicht einfach auf den Auslöser gedrückt, sondern die Szene wird arrangiert. Vieles dabei wirkt wie ein Remake von Folterbildern, die man aus der Geschichte kennt, oder eben auch aus der Filmgeschichte. Zum Beispiel der nackte Iraki an der Hundeleine oder die Gequälten, die auf allen Vieren auf die Kamera zu kriechen müssen – das könnte auch aus “Die 120 Tage von Sodom” stammen. Dabei ist eher unwahrscheinlich, dass die amerikanischen Soldaten den italienischen Film gesehen haben – aber offensichtlich sind es Typen, die aus unserer visuellen Umwelt unbewusst die typischen Darstellungen von Erniedrigung und Qual abspeichern und dann im geeigneten Moment zur Vorlage für ihr eigenes Handeln nehmen. Bemerkenswert dabei – der Ausweis der „Echtheit“ sozusagen –, dass die Folterer mit stolzem Lächeln vor ihren Opfern posieren. Es ist der gleiche Gestus wie auf den Aufnahmen, die deutsche Wehrmachtssoldaten aus dem Osten nach Hause schickten.

Frage: Sie bezeichnen die Folter als universales Verbrechen. Zeigt sich hier also die „dunkle Seite von uns allen“, wie ein US-amerikanischer Kommentator schrieb?

Theweleit: Das nun auch wieder nicht. Foltertäter sind Typen, deren Körper durch Gewalt und Missbrauch selbst gebrochen ist. Kurz gesagt: Sie bekommen Gewalt und Sexualität nicht mehr auseinander. Das Lustprinzip, von dem Freud spricht, ist bei ihnen umgeschlagen in ein Schmerz- und Vernichtungsprinzip. Je mehr die Lebendigkeit aus dem Opfer entweicht, umso mehr erlebt der Täter das als Revitalisierung seines eigenen Körpers, der durch die früher selbst erfahrene Gewalt fragmentiert und taub gestellt geworden war. Der Tod des Gequälten ist für den Folterer so etwas wie ein Lebendigkeitszuwachs, eine Art Neugeburt. Im harmlosesten Fall kann der so Beschädigte seine Lust durch das Betrachten entsprechender Bilder befriedigen. Diese Gewaltpornographie wird zwar heftig kritisiert, aber soweit es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, deuten diese darauf hin, dass über diese visuellen Darstellungen beim Betrachter der Trieb zur Praktizierung von Gewalt nicht gesteigert, sondern gesenkt wird. Es sind nicht die Bilder, die töten.

Frage: Wird durch diese Individualpsychologie nicht die Verantwortung der militärischen und politischen Führung geleugnet?

Theweleit: Gerade nicht. Die militärische Besatzung eines Landes bietet ja die allerbesten Möglichkeiten für diesen fragmentierten Körpertypus, seine Gewaltzwänge auszuleben – die staatliche Billigung gehört unbedingt dazu. Wie etwa im “ganz normalen” amerikanischen Strafvollzug, für den die Bilder aus dem Irak nichts Unbekanntes sind.

Frage: Wurde nun in Abu Ghuraib mit politisch-militärischem Kalkül gefoltert, um im Auftrag der US-Führung Geständnisse über Untergrundstrukturen zu erzwingen, oder aus perverser privater Lust?

Theweleit: Das kann man vermutlich nicht trennen. Das Verhör beginnt mit der Absicht, Informationen zu erpressen, und nach einer gewissen Zeit will der Verhörspezialist auch auf seine speziellen Kosten kommen.

Frage: Wenn Soldaten so zügellos ihre eigenen Perversionen ausleben – ist das nicht Ausdruck davon, dass sie der Krieg selbst nicht mehr interessiert, dass sie sich schon geschlagen geben? Auch in der Republik von Saló feierten die Mussolini-Leute Orgien, nachdem die Schlachten verloren waren.

Theweleit: Nun, das ist Pasolinis Film. Aber auch in der Realität gibt es diese Verbindung: Auschwitz kann als verzweifelte Rache der Nazis an den Juden für die Niederlage im Osten begriffen werden. Dort sollten nach Berliner Berechnungen 50 Millionen Russen verhungern. Nach Stalingrad wussten die Nazis, dass ihr Welteroberungsprogramm gescheitert war, erst dann liefen die Verbrennungsöfen auf Hochtouren.

Frage: Aber die Judenvernichtung war, wie Adorno betont, eine kalte, emotionslose, bürokratische Vernichtung. Eichmann war kein Lustfolterer, sondern ein Buchhalter.

Theweleit: Es besteht kein Widerspruch darin, die Vernichtung des Gros der Häftlinge mit effizienten Fließband- und Fabrikmethoden zu praktizieren und sich nach Feierabend noch einige zur Sonderbehandlung, zum eigenen Vergnügen herauszupicken. Adorno ist hier in unsinniger Weise kategorisch, weil er den Holocaust nicht in der Traditionslinie der Vernichtungspraxis sehen will, die die westliche Zivilisation ganz allgemein in ihren mörderischen Kolonialismen und im entsprechenden psychophysischen Aufbau ihrer “Subjekte” möglich gemacht hat.

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