Eine neue „Hepburn“?

Im Jahre 2001 wollte die Deutsche Post AG eine Briefmarke mit dem Bildnis der Hollywood-Legende Audrey Hepburn herausgeben. Die Sondermarke war gedruckt, doch kurz vor Ausgabe der Marke verweigerte Hepburns Sohn seine Zustimmung: Das Motiv der Marke, ein Bildnis der Schauspiel-Ikone mit Zigarettenspitze aus „Breakfast at Tiffany’s, befand der Sohnemann für nicht geeignet. Die Veröffentlichung musste gestoppt und die Auflage vernichtet werden. Freilich, welch große Überraschung, nicht die gesamte Auflage: In den Folgejahren sind vier Exemplare aufgetaucht. Damit ist die „Hepburn„-Marke noch seltener als die Blaue Mauritius, und sie gilt als die wertvollste Briefmarke der modernen Philatelie. Auf der „Wiener Internationalen Postwertzeichen Ausstellung“ (WIPA 2008) konnte vor Kurzem eine „Hepburn„-Marke besichtigt werden, die bei einer Briefmarkenauktion den stolzen Preis von 135.000 Euro erzielt hatte.

Möglicherweise ist auf der WIPA auch eine österreichische Variante der „Hepburn„-Marke entstanden. Schuld trägt auch in diesem Fall eine Postverwaltung, und zwar die Österreichische Post. Auch wenn das Unternehmen auf Grund des kolportierten Strategiepapiers, in dem die Schließung von einigen hundert Postämtern und sonstige Unsinnigkeiten angedacht werden, zur Zeit ausschließlich für Negativschlagzeilen sorgt, sollte nicht vergessen werden, dass die Österreichische Post in den letzten Jahren vor allem in der Unternehmenssparte „Briefmarken und Philatelie“ für Furore sorgt, und zwar weltweit mit einzigartigen Produktinnovationen, etwa kleinen Kristallen auf Sondermarken, und mit der Idee, personalisierte Briefmarken zu produzieren („Meine Marke„), konnte sie ein höchst profitables neues Geschäftsmodell etablieren.

Auf der WIPA hat die Post wieder eine Weltneuheit präsentiert: In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Staatsdruckerei und der Firma Xerox wurde die selbstklebende personalisierte Marke vorgestellt. Ausstellungsbesucher konnten Marken zum Nennwert von 55 oder 65 Cent vor Ort produziert lassen und sofort mitnehmen – in einer Auflage von maximal 100 Stück, zu 20 Stück je Bogen. Da es sich um einen Pilotversuch handelte, der bis zum 10. Oktober befristet war, dürften nicht allzu viele von diesen selbstklebenden Marken produziert worden sein. Wie viele Briefmarkensammler sich mit ihrem Konterfei auf einer dieser selbstklebenden Marken verewigt sehen wollten, weiß wohl nur die Post selbst und dies dürfte, Weltneuheit hin oder her, wohl auch nur für ein paar Spezialsammler von Belang sein.

Bis auf eine Ausnahme: Die selbstklebende Marke, die ein auf der WIPA gemachtes Foto des legendären Hollywood-Stars hier), hat sich auch eine selbstklebende Marke in der Auflage von 100 Stück anfertigen lassen. Da wir doch annehmen dürfen, dass nicht im Nachhinein weitere „Schell-Marken“ fabriziert worden sind, werden von dieser wohl nur ganz wenige Stück in den Umlauf gelangen, hat doch Maximilian Schell die gesamte Auflage mitgenommen. Wie auch immer, ein Exemplar hat er einem guten Freund von mir geschenkt, der mir erlaubt hat, dieses kostbare Stück gewissermaßen weltexklusiv hier der Öffentlichkeit vorzustellen. Sollte hier eine neue „Hepburn“ zu sehen sein?

Piazza Lenin

Die Emilia Romagna, eine Region in Norditalien mit den Zentren Bologna, Modena, Parma und Ravenna, gilt als Hochburg der Linken in Italien. Die Partito Comunista Italiano (PCI) hat hier nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang in vielen Kommunen mit absoluter Mehrheit regiert. Dass Bernardo Bertoluccis großes Epos Novecento (1900) in dieser Region gedreht wurde, verwundert daher nicht.

In der Stadt Reggio Emilia, inmitten der Emilia Romagna, fand im Jahre 1960 eine große Kundgebung statt, die sich gegen eine drohende Regierungsbeteiligung der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano wand. Die Demonstation endete blutig. Mehrere ehemalige Widerstandskämpfer kamen bei den Zusammenstößen mit den Faschisten ums Leben.

Söhne ehemaliger Widerstandskämpfer (Resistenza) waren es auch, die im Jahre 1969 aus Enttäuschung über die Politik der PCI beschlossen, in den Untergrund zu gehen. Die Geburtsstunde der Brigate Rosso, der Roten Brigaden, die vor allem in der Emilia Romagna von breiten Teilen der Bevölkerung zunächst durchaus mit Sympathien bedacht wurden. Die zahllosen Morde, die die Brigate Rosso in den folgenden Jahren an politischen Gegnern, an Richtern und Staatsanwälten, an deren Leibwächtern und Chauffeuren, verübt haben und vor allem die Entführung und Ermordung von Aldo Moro, Parteichef der Democrazia Cristiana, der sich für die Zusammenarbeit mit der PCI einsetzte und um Aussöhnung zwischen den verfeindeten Lagern der Linken und der Rechten bemüht war („Historischer Kompromiss), haben den Weg in den politischen Untergrund als mörderischen Irrsinn entlarvt.

Der italienische Regisseur Gianfranco Pannone lässt in seinem Dokumentarfilm Il sol dell’avvenire die Geschichte der Brigate Rosso von einigen ihrer ehemaligen Mitglieder erzählen. Vierzig Jahre danach treffen sich die zu langjährigen Haftstrafen Verurteilten in eben jenem Gasthaus nahe Reggio Emilia, in dem sie den Entschluss, in den Untergrund zu gehen, gefasst haben, und erläutern ihre Version der Ereignisse.

Der Film, der im heurigen Jahr auf dem Filmfestival von Locarno erstmals der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, hat im Italien Berlusconis zu heftigen Debatten geführt, und der italienische Kulturminister Sandro Bondi wollte ihn am liebsten sogleich vernichtet sehen. Bei der Vorführung des Films im Rahmen der Viennale wies der Regisseur darauf hin, dass die Biographie Bondis selbst für die „skurrile Einzigartigkeit“ Italiens stehe: Bondi, der als stalinistischer Kommunist seine berufliche Laufbahn begonnen hat, sei zu einem glühenden Berluscones, wie die Italiener die Bewunderer Silvio Berlusconis nennen, mutiert.

Der Film zeigt übrigens auch eines der ganz wenigen Denkmäler Lenins, das außerhalb der Sowjetunion bzw. der von ihr kontrollierten Staaten, errichtet wurde. Es steht in Cavriago, einem kleinen Ort unweit von Reggio Emilia, wo es den Hauptplatz des Ortes, die Piazza Lenin, ziert.

Strange Fruit

Auf Arte lief eine hervorragende Doku über Black Music, „Schwarz und Stolz – Die Geschichte der schwarzen Musik“ des französischen Regisseurs Marc-Aurele Vecchione. Darin wird die Geschichte der afroamerikanischen Musik von den Worksongs bis zum HipHop mit den gesellschaftlichen Entwicklungen seit dem 17. Jahrhundert in USA kurzgeschlossen. Große Empfehlung für diese Dokumentation, die gespickt ist mit hochinteressanten Zeitdokumenten und raren Konzertmitschnitten.

Billie HolidayStrange Fruit

Southern trees bear strange fruit,
Blood on the leaves and blood at the root,
Black bodies swinging in the southern breeze,
Strange fruit hanging from the poplar trees.

Die Doku wird am 2. November um 09.45 Uhr und am 13. November um 03.00 Uhr wiederholt! Möglicherweise gibt es sie aber auch auf ARTE 7+ zu sehen, wo ausgewählte Sendungen sieben Tage lang im Netz hängen (länger ist leider gesetzlich nicht erlaubt). Also hin und wieder auf http://www.arte.de vorbei schauen. Es lohnt sich in jedem Fall!

Bastards of the Party

California State Prison, Solano

COINTELPRO, the Counter-Intelligence Program, was started by the government. And their whole objective was to neutralize any black movement in America, that they thought a threat. The Panthers being the biggest threat in America at one time (…) They broke down that whole infrastructure very quickly, in two, three years. They turned them against each other, and jailed their leadership. (…) And that’s what made everybody say, wow, see, if you get involved with the politics they’ll kill you. So, I’m just going to look out for me, and my family. It went from community success to individual success. I think that’s where black-on-black crime really just exploded.“ (Interview mit Cle Bone Sloan)

Der Filmemacher Cle Bone Sloan dokumentiert in seinem Film Bastards of the Party, den ich im Rahmen der Viennale gesehen habe, die Geschichte der schwarzen Gangs in Los Angeles. Sloan, mittlerweile inaktives Mitglied der „Bloods„, einer Gang, der er seit seinem 12. Lebensjahr angehört, wofür er mit vielen Jahren hinter Gittern zu bezahlen hatte, erzählt darin auch die Geschichte der Black Community am Beispiel Los Angeles von den 1960-er Jahren bis heute. Ende der 1960-er und Anfang der 1970-er Jahre wird die Black Panther Party von Regierung und FBI zur terroristischen Vereinigung erklärt und zerschlagen, ihre zentralen Figuren getötet oder inhaftiert. Mit der Schließung der Fabriken, in denen hauptsächlich Afroamerikaner beschäftigt waren, kommt in den folgenden Jahren der wirtschaftliche Niedergang der Schwarzen Viertel: Die Väter arbeitslos und die Kids ohne Job-Perspektiven. Der politische Kampf gegen rassistische Diskriminierung geht in den täglichen Fights zwischen den einzelnen Gangs und im gemeinsamen Kampf gegen die Polizei verloren. Die Folgen: Mehr Schwarze – und Latino-Kids in den Gefängnissen als in den Colleges! Das kalifornische Gefängnissystem ist das drittgrößte der Welt (hinter China und den Vereinigten Staaten insgesamt) – seit 1980 sind in Kalifornien 23 neue Gefängnisse errichtet worden -, in dem im Jahre 2007 mehr als 160.000 Menschen inhaftiert waren, zwei Drittel davon waren Afroamerikaner oder Latinos.

California State Prison, Los Angeles

Cle Bone Stone hat den Ausstieg geschafft – seine Mitstreiter, deren Fotos am Ende des Films kurz aufgeblendet werden, nicht. Sie sind tot oder hinter Gefängnismauern weggesperrt – lebenslang.

Hollywoods hand


Maximilian und Franz

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich einem Oscar-Preisträger und Hollywoodstar die Hand schütteln kann, aber da Franz mit Maximilian Schell seit Jahren mehr oder weniger dicke ist und ich wiederum mit Franz, bin jetzt auch ich mit Maximilian dicke. Hätte ich mir gestern noch nicht gedacht. However, der weltberühmte Schauspieler kam eigens nach Wien zur WIPA 2008 ins Austria Center. Für Nichteingeweihte: WIPA steht für Wiener Internationale Postwertzeichen Ausstellung. Für alle Philatelisten, also für jene Spezies Mensch, die gemeinhin als Briefmarkensammler bezeichnet wird, ein absolutes Highlight, und weil die Österreichische Post Maximilian Schell eigens eine Marke gewidmet hat, schaute der Star himself für ein Interview und eine Autogrammstunde vorbei.

Der mittlerweile 77-jährige Schell ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der obendrein über die rare Gabe verfügt, prominente Kollegen hinreißend zu imitieren. Das Interview mit dem tranigen Krone-Journalisten Georg Markus hat er, wie man so sagt, geschmissen, indem er dessen hintergründige Fragen ignorierte und stattdessen amüsante Anekdoten und Schnurren aus seiner langen Karriere zum Besten gab. So erzählte er u.a., dass ihm eigentlich Marlon Brando, mit dem er sich im Zuge der Dreharbeiten zu „Die jungen Löwen“ anfreundete, die englische Sprache beibrachte. Im Gymnasium musste er auf Anraten des Vaters Griechisch wählen, war dieser doch felsenfest davon überzeugt, die Sprache Homers könne man im späteren Leben immer brauchen; Englisch hingegen sei nur nützlich, um Shakespeare im Original zu lesen, was zwar auch nicht schlecht sei, aber als Argument viel zu schwach, um auf das Erlernen des Griechischen zu verzichten. Deshalb hatte Schell in Hollywood seine Rollen zunächst phonetisch zu erarbeiten, ehe er mit Hilfe von Brando die englische Sprache sich aneignen konnte.

Maximilian Schell ist mir vor allem in der Rolle des Strafverteidigers der Nazirichter in Erinnerung (Das Urteil von Nürberg von Stanley The Message Kramer), für die er 1962 den Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller bekam, aber auch als Regisseur der Dokumentarfilmportraits über die große Marlene Dietrich (Marlene) und Maria Schell (Meine Schwester Maria).

Back to the roots

Am 10. Oktober 2007 hat die britische Band Radiohead ihr Album „In Rainbows“ über die eigene Website im MP3-Format zum Download angeboten – die CD kam erst Ende des Jahres in den Handel. Die Musikfreunde konnten selbst entscheiden, ob sie für das Album zahlen wollten oder nicht, und 62% aller Downloader nahmen das Geschenk dankend an. Einzige Bedingung für den Download war die Bekanntgabe einer Email-Adresse. Trotz dieser „legalen“ Downloadmöglichkeit ist „In Rainbows“ an eben diesem 10. Oktober über 400.000 Mal über die P2P-Software BitTorrent gesaugt worden. Drei Wochen später bereits über 2,3 Millionen Mal.

Dennoch hat sich der ungewöhnliche Schritt für die Band bezahlt gemacht: Radiohead verfügt seither über rund 1,2 Millionen Emailadressen, so oft wurde das Album von der Radiohead-Website heruntergeladen, deren Inhaber mit regelmäßigen Band- und Fan-News gefüttert werden, und dank der weltweiten Aufmerksamkeit für den Werbe-Coup war die folgende Konzerttournee restlos ausverkauft. Auch das kurz vor Weihnachten in den Handel gekommene Radiohead-Box-Set fand beachtlichen Absatz.

Zu diesem Befund kommt eine Studie, die im Auftrag der britischen Verwertungsgesellschaft MCPS-PRS vom Marktforschungsunternehmen Big Champagne durchgeführt wurde, und die als vorweggenommener Nekrolog auf die Musikindustrie gelesen werden kann, weil sie exemplarisch aufzeigt, dass die aus der analogen Welt stammenden Geschäftsmodelle der Musikindustrie im digitalen Kontext verschwinden werden. Daher sind auch alle strategischen Überlegungen der Musikindustrie, deren Fortbestand zu sichern – Wenn wir legale Downloadangebote offerieren und gleichzeitig den Strafverfolgungsdruck auf P2P-User erhöhen, dann können wir sowohl die Nutzung von Tauschbörsen eindämmen als auch die legalen Angebote ankurbeln -, zum Scheitern verurteilt.

Frequently, music industry professionals suggest that an increase in legitimate sales must necessarily coincide with a commensurate reduction in piracy, as if this were a fact. Yet, the company Big Champagne has made no such consistent observation in nearly a decade of analysing these data. Rather, it finds that piracy rates follow awareness and interest. In other words, if you do a good job cultivating a legitimate sales story, you must also expect a similar up-tick in grey market activity. The biggest selling albums and songs are nearly always the most widely-pirated, regardless of all the ‚anti-piracy‘ tactics employed by music companies.

Die Digitalisierung kehrt die bisherige Entwicklung im Musikbusiness gewissermaßen um, indem sie die Branche in die Vor-Tonträger-Ära zurück schleudert, in jene Zeit also, in der Musik von den meisten Menschen via Radio gehört werden konnte und die Radiostationen mit Live-Übertragungen von Big Band-Konzerten, für die sie den Musikern Honorare zu bezahlen hatten, ihre Programme bestritten. Das, was heute als Exklusiv-Event von TV- und Radiostationen vermarktet wird, etwa Live-Übertragungen von Opern- und Konzertübertragungen, war damals die Norm. Während des Zweiten Weltkrieges begannen die US-amerikanischen Radiostationen massenhaft Schallplatten zu spielen, sodass die American Federation of Musicans maschinenstürmerisch für einen Boykott der Schallplattenaufnahmen eintrat, befürchtete sie doch, die Musiker würden ihre Jobs verlieren. Die Gewerkschaft verlangte Ausgleichshonorare von den Plattenfirmen und bedrängte Nachtclubs, keine Jukeboxes mehr aufzustellen. Wenngleich die Radiostationen zwei Jahre lang fast nur Schallplatten spielen konnten, die vor dem Boykott gepresst wurden, und die Gewerkschaft mit den Labels eine Abgeltung aushandeln konnte, die Versuche, den ökonomischen und technologischen Fortschritt aufzuhalten, waren nutzlos – wie immer in der Geschichte.

In einer Welt der Tauschbörsen werden Musik-Verkaufsmodelle, egal ob Tonträger oder Download, a la longue obsolet. Wer mit Musik Geld verdienen will, sollte sie einfach verschenken, um Aufmerksamkeit für Live-Konzerte zu generieren.

Breaking the rules

Sommer 1979. Ein Wirtshaus im Waldviertel. Im „Extrazimmer“ standen ein Billardtisch, zwei Flipperautomaten und ein „Wuzzler„, also die großen Trostspender für jene quälenden Momente, in denen der Heranwachsende sich kaum mehr in der Lage sieht, sein sexuelles Begehren mit dem Verweis auf das „Prinzip Hoffnung“ zu bändigen. Zwischen diesen Rettungsapparaturen stand auch ein alter Wurlitzer aus den späten 1960-er Jahren. Neben deutschsprachigem Schlagergut war die Jukebox auch mit einigen zu jener Zeit gerade angesagten Songs aus den Pop-Charts bestückt. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack zu unserem Automatensex vor allem aus den folgenden fünf Songs bestand: „Rivers of Babylon“ (Boney M.), „Tragedy“ (Bee Gees), „Born to be alive“ (Patrick Hernandez), „Chiquitita“ (Abba) und dem einzigen Song, den ich wirklich mochte, „Le Freak“ von Chic. Es war die Zeit der Disco-Musik, der „Scheiß-Disco„-Musik, wie ich zu sagen pflegte, die nicht meine Musik war. Meine Musik jener Jahre war die Rock-Musik der 1960-er, und frühen 1970-er Jahre, die, was mir damals überhaupt nicht in den Sinn kam, bis auf die große Ausnahme Jimi Hendrix, ausschließlich eine von „Weißen“ produzierte war. Aber „Le Freak“ gefiel mir, wenngleich ich das damals nie und nimmer eingestanden hätte. Der Song, mehrere Wochen Nummer 1 in den USA (Billboard Charts), schaffte als beste Platzierung den 6. Platz in den Ö3-Charts, wie ich jetzt herausgefunden habe.

An diesen längst vergangenen Wirthaussommertraum erinnerte ich mich, als Nile Rodgers, Mastermind von Chic, in dem hervorragenden Dokumentarstreifen Breaking the Rules, der sich mit der US-Amerikanischen Gegenkultur beschäftigt, über die Entstehung von „Le Freak“ folgende Story erzählte: Auf Einladung von Disco-Queen Grace Jones wollte er ins New Yorker Studio 54, in den späten 1970-er Jahren der hippste Discotempel der Welt, aber als „Schwarzer„, den die „weißen“ Türsteher nicht erkannten, blieb ihm der Eintritt verwehrt. „Aaaaahh, fuck off„, dachte er sich, und aus diesem „Aaaaahh, Fuck off“ wurde dann der Millionenseller „Aaaaahh, Freak out„, weil, wie er lächelnd anmerkt, das „F-Word„, heute in jedem Kinderprogramm zu hören, zu jener Zeit Radioverbot für einen Song bedeutet hätte.

Ob Mythos oder nicht, die Story ist deshalb wahr, weil sie den sozialen und politischen Kontext anspricht, der „black music„-Songs inhärent ist – unabhängig davon, ob sie den Kontext explizit ansprechen oder nicht. Amiri Baraka, Schriftsteller und Aktivist der Black Power Bewegung, hat das in seinem Buch „Blues People“ präzise erläutert. (Dass Amiri Baraka wiederholt mit antisemitischen Statements auffällig geworden ist, muss auch erwähnt werden.)

In „Breaking the Rules“ kommen neben vielen anderen auch Rodgers und Baraka zu Wort. Warum dieser Film so sehenswert ist, beschreibt der ARTE-Ankündigungstext, den ich mit Links versehen habe, durchaus treffend:

Gemeinsam mit Ruth Weiss, Lawrence Ferlinghetti und Michael McClure betritt der Zuschauer die Clubs der 50er Jahre im New Yorker Village und in North Beach/San Francisco. Hier treffen Jazz und Poetry aufeinander. Mit Amiri Baraka und Melvin van Peebles träumt der Zuschauer von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße als Brüder an einem Tisch sitzen, er kämpft mit Anne Waldman und Ed Sanders gegen den Vietnam-Krieg, braust mit Peter Fonda über die Highways, feiert mit Wavy Gravy und Ray Manzarek den „Summer of Love“ und wird an der Seite von Afrika Bambaataa, RZA, Kurtis Blow und Grandmaster CAZ Zeuge der ersten Hip-Hop-Blockparties in der Bronx.
Ein Phänomen verbindet dabei alle Bewegungen miteinander, die Kommerzialisierung von Gegenkultur. Der Film dokumentiert, wie nach einer anfänglichen Phase des Misstrauens und der Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft, der Markt die Codes der Gegenkultur übernimmt und Teil der Alltagskultur werden lässt. Doch Gegenkultur lässt sich nicht wirklich zähmen. Sie scheint vielleicht eine Zeitlang verschwunden zu sein, um dann umso überraschender wieder aufzutauchen – erst versteckt, dann aber immer lauter.

Playstation Cordoba


Youssef Chahine

Auf Klaus Theweleits Website findet sich ein einziger Essay, der Essay mit dem Titel „Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell„, den der Autor in erweiterter Form in dem Buch „Der Knall“ publiziert hat. Er erläutert darin ein seit Jahrhunderten nahezu unverändertes (Bürger)Kriegsmodell: Wer multikulturelle Gesellschaften zerstören will, muss Konflikte schüren, indem er eine radikale, die Multikulturalität ablehnende Gruppe, unterstützt – and the war game starts.

Als Folie für die Erläuterung der Technik des Kaputtmachens aufgeklärter Gesellschaften durch Re-Ethnisierung und Religion dient Theweleit der Film „Das Schicksal„, des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1997 vorgestellt, zeigt „Das Schicksal“ am historischen Beispiel Cordoba, wie im 12. Jahrhundert eine multikulturelle Gesellschaft (Mauren, Christen, Juden und „Zigeuner“) durch islamische Fundamentalisten zerstört wurde – dank der Waffenhilfe christlicher Fundamentalisten (der Kreuzritter), die sich am Ende (1236) auch der Islamisten entledigen, sodass „nur ein einziger Fundamentalismus übrig blieb, der spanische katholisch-imperiale„, wie Theweleit anmerkt.

Leider habe ich „Das Schicksal“ noch nie gesehen, könnte mir aber gut vorstellen, dass dieser Film von ebenso großer Bedeutung für das Verständnis des Denkens und der Arbeitsweise seines Regisseurs ist wie der „Play Station Cordoba„-Essay für dessen Autor.

Youssef Chahine ist gestern im Alter von 82 Jahren in Kairo gestorben.

Nachtrag: Arte zeigt den Film am 31. Juli um 22.30 Uhr!!

Sweet Sweetback’s …

Ich mache Filme, so wie ich koche: Ich koche, was ich mag. Und wenn das niemand außer mir schmeckt, dann habe ich mehr.

Im Jahre 1971 dreht der schwarze Filmregisseur Melvin van Peebles einen Low Budget Film mit einem schwarzen Hauptdarsteller (Van Peebles selbst), der zwei weiße Polizisten umlegt und am Ende, so wie Steve McQueen und Ali McGraw in The Getaway, ins rettende Mexiko entkommt; das schwarze Publikum war schlicht weg begeistert von Peebles‘ filmischer Speise. Sweet Sweetback’s Baadasssss Song, so der Titel des Films, war zugleich aber auch die Initialzündung für eine Reihe von Filmen, die von weißen Hollywoodproduzenten in den frühen 1970-er Jahren eigens für ein afro-amerikanisches Publikum produziert wurden (z. B. Shaft). Quentin Tarantino hat dem Genre des Blaxploitation Cinemas mit Jackie Brown seine Reverenz erwiesen.

Das Eingangszitat entstammt einem alten Interview mit Melvin van Peebles, das sich hier in voller Länge findet.