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Take it as it comes

Dienstag, 26. Januar 2010 18:17

a-serious-man

Receive with simplicity everything that happens to you“

Diesen Spruch, der dem im Mittelalter wirkenden Rabbiner und Talmud Kommentator Rashi zugeschrieben wird, stellen die Brüder Joel und Ethan Coen ihrem jüngsten Werk „A Serious Man“ voran.

Nach einer rund zehnminütigen Zeitreise in die untergegangene Welt des jüdischen Schtetls, wo jiddisch gesprochen wird und eine resolute Frau einem alten Mann ein Messer ins Herz treibt, weil sie in ihm einen Dibbuk zu erkennen vermeint, folgt eine Schwarzblende, danach:

When the truth is found to be lies
and all hope inside you dies
don’t you want somebody to love …“

Somebody to love“ von Jefferson Airplane, Grace Slicks Stimme dröhnt aus einem Kopfhörerstöpsel, der sich im Ohr eines jungen Mannes befindet. Die Kamera gleitet langsam entlang eines weißen Kabels und in unseren Fokus kommt, nein, nicht ein iPod, sondern ein altes Transistorradio. Wir sind nicht im Heute gelandet. Wir sind in den 1960-er Jahren, genauer: im Jahr 1967. Die B-52-Bomber legen gerade halb Südostasien in Schutt und Asche. The Doors veröffentlichen ihr Debütalbum, auf dem Jim Morrison das eingangs zitierte Motto des Rabbiners neu übersetzt: „Take it as it comes„.

Einer, der alles nimmt, wie es kommt, ist Larry Gropnik, Professor für Physik und Mathematik an einer Universität irgendwo im Mittelwesten der USA. Er lebt mit Frau und Kindern in einer dieser Vorstadtsiedlungen, wo der Rasen täglich gemäht wird, und wo jeden Moment der fröhlich winkende Feuerwehrmann aus Blue Velvet vorbei fahren könnte. Es ist eine überwiegend von Juden bewohnte Siedlung, mit jüdischer Schule, Rabbi und Synagoge. Larrys kleines Glück wird empfindlich gestört: Was soll er tun, wenn die Frau die Scheidung will, um fortan mit einem seiner Freunde Tisch und Bett zu teilen? Was, wenn dieser Ex-Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt? Was, wenn aus der in Aussicht gestellten Fixanstellung doch nichts wird, weil irgendein anonym bleibendes Arschloch irgendwelche Verleumdungen streut? Was, wenn sich die Alpträume bewahrheiten und ihn der Redneck-Nachbar tatsächlich abknallen sollte? Und was, wenn selbst der Rabbi, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, auf die Frage nach dem Sinn all dessen nur lakonisch antwortet, das habe ihm Gott auch nicht gesagt?

Die Coens haben eine Tragikömodie auf die Leinwand gezimmert, mit all den köstlichen Zugaben, die ihre Filme schon immer auszeichneten: Ein phantastisches Script, umwerfende Situationskomik, abrupt endende Szenen, brillante Kamerabilder, für die wie immer Roger Deakins verantwortlich zeichnet, und ein furioses Finale.

Große Szene: Der koreanische Student Clive, der den Physiktest nicht bestanden hat, weil er keine Ahnung von Mathematik hatte, ersucht Larry um postive Benotung. Larry lehnt ab. Als Clive gegangen ist, findet Larry einen mit Dollarscheinen prall gefüllten Briefumschlag in seinem Büro, den Clive offenbar „vergessen“ hat – was dieser, als ihn Larry später zur Rede stellt, abstreitet. Und der arme Larry hat ein Problem. (Das muss man gesehen haben!)

Hatte Hiob das bessere Los, weil er an seinem Gott wenigstens noch zweifeln konnte? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: solche Filme konnte er nicht sehen.

Thema: Film, Geschichte, Musik | Kommentare (0) | Autor:

Motortown

Freitag, 18. April 2008 19:16

Der junge britische Dramatiker Simon Stephens, in der Tradition des britischen In-Yer-Face Theatre stehend, das den Anspruch hat, thematisch und sprachlich das Publikum zu schockieren, zeigt in seinem Stück Motortown, zurzeit am Akademietheater in einer Inszenierung von Andrea Breth zu sehen, einen Tag im Leben eines Soldaten der britischen Armee, der im irakischen Basra stationiert gewesen war und seit seiner Heimkehr von diesen Kriegserfahrungen immer wieder eingeholt wird. Danny, so sein Name, wurde im Irakkrieg Zeuge von Folter und Vergewaltigungen. Wiewohl er selbst nicht daran beteiligt war und deshalb bei den Kameraden als Weichei galt, wird er das Erlebte nicht mehr los: Zurückgekehrt in sein Londoner Stadtviertel holt er alles nach: Er wird zum Folterer und Mörder.

Stephens spricht in einem Interview einerseits davon, dass er seinen Protagonisten weder als Schuldigen noch als Opfer darstellen wollte, weil die Kategorien Gut und Böse längst ihre Gültigkeit verloren hätten. Anderseits, so sagt er, empfinde er für Soldaten, die von einem Militärgericht für die Misshandlung von irakischen Gefangenen verurteilt wurden (vgl. dazu hier), mehr Mitleid, als für prominente Kriegsgegner wie Damon Albarn oder Harold Pinter.

Ich will diesen Widerspruch nicht weiter ausführen, nur kurz zitieren, was er sonst noch so sagte:

Ich glaube, dass der (Irak)Krieg unvermeidbar war. Er ist ein Produkt des späten Kapitalismus, von ungetrübter Konsumkultur. Die Leute, die gegen den Krieg für Öl aufmarschierten, sind die gleichen, die ohne Bedenken mit Billigfluglinien herumreisen. Wir alle sind nicht einverstanden, dass Menschen sterben, um die Ölvorräte zu sichern. Aber die westliche Gesellschaft ist nun einmal abhängig vom Öl. Man kann also nicht beides haben.“

Egal. ob man diese monokausale Erklärung für den Irakkrieg teilt oder nicht: In der Inszenierung kommt davon überhaupt nichts rüber. Es mag auch sein, dass sich Stephens, wie ich irgendwo gelesen habe, von Scorseses Taxi Driver inspirieren ließ. In jedem Fall, das behaupte ich jetzt einmal, werden all jene, die Taxi Driver oder etwa Michael Ciminos The Deer Hunter (deutscher Titel: Die durch die Hölle gehen) gesehen haben, mit Motortown beziehungsweise mit dieser Inszenierung des Stückes nicht viel anfangen können. Ganz zu schweigen von denen, die in No Country for old men von den Coen-Brothers im Kino gesessen sind, und verstörend feststellen mussten, auf der Leinwand etwas gesehen zu haben, was sie zwar alles schon einmal gesehen hatten, aber SO eben doch noch nie!

Was bleibt? Vor allem der den Dany spielende Nicholas Ofczarek, vor allem dessen grandioses Scheitern an der Figur. Ofczarek mimt einen Zappelphilipp, der den anderen Ensemblemitgliedern im Wortsinn keinen Raum lässt. Er fetzt, wild um sich schlagend, über die Bühne und durch den Text. Er schafft es, uns als Zuseher völlig gegen diesen Typen aufzubringen, weil sein Spiel alle Zwischentöne, die Stephens’ Text ohne Zweifel hat, wegwischt. Furchtbar! Einzig das von Udo Samel und der hinreißenden Andrea Clausen verkörperte Mittelklasseehepaar, das Dany für einen flotter Dreier gewinnen möchte, und dabei ihre sabbernde Geilheit offen legt, werden unvergessen bleiben.
Fazit: Weniger wäre unendlich viel mehr gewesen.

Was mir aber noch viel zentraler erscheint: Ich denke, Schockgeschichten funktionieren am Theater nicht mehr, zumindest nicht mehr für mich und mit Sicherheit auch nicht mehr für die TV-Internet-Kinojunkies, also die Mehrheit der jungen Leute. (Bei denen, die Digitalmedien abstinent leben, mag das anders sein.)

Wer etwas über Entstehung und Folgen von heutigen Kriegen erzählen will, der kann das in Zeiten digitaler Medien nur mehr, indem er das Kino, den Film, die Video Games, die neuen digitalen Medien mitdenkt, weil uns Kriege auch nur mehr so vermittelt werden. Eine Inszenierung, die dieses Mitdenken auf mit krachendem Sekundenlärm unterlegte Blackouts (zwischen jeder Szene ging das Licht für einige Sekunden aus) reduziert, muss zwangsläufig scheitern.

Thema: Literatur, Politik | Kommentare (1) | Autor:

The Seattle Seven

Freitag, 11. April 2008 0:13

Der dieswöchige CLUB 2 zu „1968“ – 40 Jahre nach 1968 und 30 Jahre nach dem legendären CLUB 2 mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit – hat mich an eine Szene in THE BIG LEBOWSKI erinnert. Jeff The Dude Lebowski, der von Jeff Bridges hinreißend gespielte Protagonist des Films, liegt mit der Millionärstochter und „Body Paint“-Künstlerin Maude, gespielt von Julian Moore, im Bett. Während er an einem Joint danach zieht, spricht er über ein, seiner Meinung nach, zeitgeschichtliches Jahrhundertereignis, an dem er beteiligt war:

The Dude: Did you ever hear of „The Seattle Seven“?
Maude: Mmm.
The Dude: That was me … and six other guys.

Weder Maude noch wir als Zuseher haben je von den Seattle Seven gehört, obwohl es diese Anti-Vietnamkriegssplittergruppe tatsächlich gegeben hat, und, übrigens auch den Film-Dude, Jeff Dowd heißt er, aber, darum geht es nicht. Was in dieser Szene so herrlich funktioniert, manifestiert sich im Gesicht von Jeff Bridges: Es gab einen Moment in meinem Leben, sagt es uns, in dem ich, The Dude, der Welt ein Loch geschlagen habe.

Aber zurück zum CLUB 2, zurück zum Veteranentreffen, in dem die alt 68-er ihr Dasein mit dieser Dude-Patina umgeben, allerdings ohne ironischen Bruch, wie im Coen-Brothersfilm, sondern als Relevanzkritierium für das jetzige Leben. Einzig Georg Hoffmann-Ostenhof, heute Außenpolitikredakteur beim Profil, hat zu seiner eigenen 68-er Verstrickheit eine ironische Distanz aufgebaut. („Es wäre ja lächerlich, wenn ich so denken würde, wie mit Zwanzig!“) Auch die beiden als Anti-68-er Krokodile eingeladenen Teilnehmer, Bettina Röhl (Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof) und Daniel Regli (ein christlicher Historiker aus der Schweiz), sind in einer grotesken 68-er Distanzlosigkeit verfangen, was sich in ihren engstirnigen und verbohrten Wortmeldungen gezeigt hat.

Vergessen wir den CLUB 2, kehren wir nochmals zurück zu THE BIG LEBOWSKI, zurück zu Walter Sobchak, ein psychopatischer Vietnamkriegsveteran, glänzend von John Goodman dargestellt, der auf die Einhaltung von Regeln pocht, um sie zugleich in einem cholerischen Wahnsinnsakt ad absurdum zu führen. Hier ein kurzer Dialog, den Walter mit Smokey, einem Bowling Spieler, führt, der beim Wurf die Linie übertreten hat:

Walter Sobchak: OVER THE LINE!
Smokey: Huh?
Walter Sobchak: I’m sorry, Smokey. You were over the line, that’s a foul …
Smokey: Bullshit. Mark it 8, Dude.
Walter Sobchak: Uh, excuse me. Mark it zero. Next frame …
Smokey: Bullshit, Walter. Mark it 8, Dude …
Walter Sobchak: Smokey, this is not ‚Nam. This is bowling. There are rules.

Und da Walter dem armen Smokey die Beachtung von Regeln beim Bowling – im Unterschied zu Vietnam – mit gezückter Pistole nahelegt, wird aus Smokeys 8-er Wurf eben ein Nuller.

And here it is.

Thema: Film | Kommentare (1) | Autor: