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Vaticanos in Facebook

Freitag, 15. April 2011 15:55

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Am 24. Jänner, dem “Gedenktag des heiligen Franz von Sales“, des Patrons der katholischen Journalisten und Schriftsteller und der gehörlosen Menschen, auf den der “salesianische Ehrenkodex der Journalisten” zurückgeht, hat Joseph Ratzinger, nicht nur bei den Katholiken auch als Papst Benedikt XVI bekannt, einen Text mit dem Titel “Wahrheit, Verkündigung und Authentizität des Lebens im digitalen Zeitalter” veröffentlicht, worin er unter anderen “vor allem die Jugendlichen ein[lädt], von ihrer Präsenz in der digitalen Welt guten Gebrauch zu machen“.

Die päpstliche Aufforderung, das Evangelium via Facebook zu verkünden (auf Youtube ist man mit einem eigenen Kanal schon länger vertreten), hat die Brüder und Schwestern im Vatikanstaat offensichtlich in Panik versetzt. Den Statistiken der Facebook-Userzahlen ist zu entnehmen, dass die Nutzung, die zu Beginn des Jahres im Vatikanstaat bei sagenhaften 80% lag, im Februar 2011 völlig eingebrochen ist: Nur noch knappe 5% der Kardinäle, Bischöfe und sonstigen katholischen Würdenträger nutzten das soziale Netzwerk. Der Chef oder seine Zuträger in Facebook? Nichts wie raus da!

P.S. Seit Kurzem beginnen die Nutzerzahlen wieder zu steigen …

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Geschichte der Dunkelheit

Donnerstag, 14. April 2011 18:41

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Ich gehe gerne auf den Fußballplatz. Ich höre gerne Rock ’n’ Roll, ich lese auch gerne Schriftsteller, die ganz anders arbeiten als ich. Aber ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe.” (Gerhard Roth in einem wunderbaren Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen Werks “Orkus – Reise zu den Toten“)

Kürzlich habe ich Gerhard Roths Buch “Die Geschichte der Dunkelheit“, 1991 erschienen, wieder gelesen. Der Autor hat darin den Bericht des Wiener Juden Walter Berger aufgezeichnet, der in der Leopoldstadt aufgewachsen und vor den Nazis nach England geflüchtet ist, wo er, nach mehreren vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, der tschechischen Exilarmee beigetreten ist und auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis gekämpft hat. Nach WK II ging er für eineinhalb Jahre in einen Kibbuz nach Israel, dann nach Deutschland, um schließlich wieder nach Wien in die Leopoldstadt zurück zu kehren (dank der Unterstützung des damaligen SPÖ-Vizekanzlers Bruno Pittermann, der Bergers Lehrer an der Privattechnischen Lehranstalt im Arsenal in den späten 1920-er Jahren gewesen war), in eine Leopoldstadt, in der die Spuren jüdischen Lebens fast gänzlich ausgelöscht waren.

Roths Aufzeichnungen der Lebenserinnerungen des Walter Berger, diese Odyssee durch das Jahrhundert der Extreme (Eric Hobsbawm), ist für mich vor allem ein wunderbares Buch über das Weitermachen - trotz alledem.

Gerhard Roth wird am 15. Mai im Burgtheater aus seinem neuen Buch lesen.

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Der Neue - weiter wie bisher

Donnerstag, 14. April 2011 17:05

vp-website
VP-Website kurzfristig lahmgelegt

Der Rückzug von Josef Pröll aus der Spitzenpolitik – der Politik bleibt er als kommender Raiffeisen-Generalsekretär erhalten - und die erste Wortmeldung des heute präsentierten Nachfolgers an der Parteispitze der Volkspartei weisen den Weg, den die Volkspartei gehen will:

Wir müssen klar machen, wofür die ÖVP steht. Dafür werde ich mir die nötige Zeit nehmen. Ich werde mir Ratschläge und Meinungen einholen. Ich werde in die Bundesländer fahren und Gespräche mit jenen Menschen suchen, die die ÖVP tragen - unsere Funktionäre, die Landeshauptleute, die bündischen Obleute und alle, die im ÖVP-Team mitarbeiten.

Die Ratschläge und Meinung der Genannten könnte sich Michael Spindelegger sparen, denn echte Fortschritte etwa in den Bereichen Bildung, Pensionen oder Steuergerechtigkeit und die dringend notwendige Beschränkung der Macht der Bundesländer und ihrer Häuptlinge, sind mit Sicherheit nur gegen Landeshauptleute und Bundeobmänner umzusetzen.

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Globo

Mittwoch, 16. Februar 2011 10:41

Ein bisschen Nachdenken über die Dinge, ich glaub’, dass schadet nicht. Auch ein kleiner Keulenhieb schadet nicht. Nur wegschauen, dass ist sicher nicht die Lösung. Also: manchmal hinschauen, ist, glaub’ ich, gar nicht so schlecht.” (Josef Nussbaumer)

Wissen wir zu wenig über die herrschenden ökonomischen und ökologischen Unrechtsverhältnisse unserer Welt? Mit Sicherheit nicht: Statistiken, Studien usw. sind genügend vorhanden. Eher leiden wir – neben dem gelebten Floriani-Prinzip – an Anschaulichkeit, an dem, was die Wissenschaft als Reduktion von Komplexität zu bezeichnen versucht. Nur als Beispiel: Wenn ich höre, dass die Weltbevölkerung in der Zeitspanne von Christi Geburt bis etwa 1500 das gleiche Wachstum aufgewiesen hat, wie in den Jahren von 2000 bis 2003, nämlich 3 Prozent, dann hat das eine andere Qualität als die Angabe der reinen prozentuellen Steigerung.

Bei der Gewinnung eines einzigen Eherings werden 20 Tonnen Giftmüll produziert. Um das Gold vom Stein zu trennen, kommen in Afrika und Lateinamerika, jedes Jahr 182.000 Tonnen Zyanit zum Einsatz. Die giftigen Chemikalien werden über Grundwasser und Flüsse im Meer entsorgt. Mit der Einbeziehung der Umweltschäden in den Goldpreis würde ein goldenes Schmuckstück so viel wie ein Findling vom Mars kosten.

Das sind die verdichteten Bilder, die zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Innsbruck, Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer, verwenden, um auf die Verteilungsungerechtigkeiten hinzuweisen. Das Besondere dabei: Sie nehmen Statistiken von UNO und OECD zu Bevölkerung, Energieverbrauch, Konsum, Einkommen, Alter usw. und legen sie über die Welt des Jahres 2000 im Maßstab von 6,1 Millionen, um die Welt als Dorf abzubilden, in der exakt 100 Menschen leben - mit allen Konflikten der realen Welt. “Hundert ist noch überschaubar; bei Tausend hätten wir schon Schwierigkeiten“, meint Nussbaumer. In Globo, so der Name für das Weltdorf, verfügen zwei der 100 Bewohner über mehr als die Hälfte des Wohlstands, hingegen müssen 50 Menschen mit 1 Prozent ihr Auslangen finden; 20 der 100 Einwohner haben Zugang zu medizinischer Versorgung - wobei: damit sind zwei Rotkreuzhelfer gemeint, weil in Globo, angesichts der herunter gerechneten Statistiken, keine Ärzte vorhanden sind! – und, noch so ein Beispiel zum Irrewerden: 61 Prozent des gesamten Konsums entfällt auf nur 12 Einwohner, 39 Prozent auf die restlichen 88.

All das wird in dem Buch “Unser kleines Dorf” beschrieben (Prolog als Leseprobe). In einem grandiosen Radio Feature (Ö1 Hörbilder) sind diese verdichteten Facts zur Weltsituation fürs Radio aufbereitet worden. Allein für diese Sendung lohnt sich das Ö1-Download-Abo, das für 39 Euro im Jahr zu haben ist (das Buch ist für 27,90 Euro erhältlich).

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Urheberrecht verhindert Kreativität

Montag, 17. Januar 2011 18:32

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Der Künstler Shepard Fairey hat ein Foto des Associated Press Fotografen Mannie Garcia im Stile Andy Warhols bearbeitet, mit dem Schriftzug “Hope” versehen und den PR-Strategen Obamas für den Präsidentschaftswahlkampf 2008 überlassen. Associated Press hat daraufhin wegen Verletzung des Copyrights geklagt. Der Rechtsstreit, der sich über mehrere Jahre hinzog, wurde am 13. Jänner 2011, also vor wenigen Tagen, außergerichtlich bereinigt, höchst überraschend überdies: Fairey wird die Tantiemen aus dem “Hope“-Poster mit der Nachrichtenagentur teilen und zugleich eine Posterserie produzieren - unter Verwendung von AP-Fotos. Das Original des “Hope“-Posters befindet sich mittlerweile im Bestand der Washingtoner National Portrait Gallery.

Im Rahmen einer vom SPÖ-Parlamentsklub organisierten Enquete zum Thema Neue Netzpolitik hat der deutsche Urheberrechtsexperte Till Kreutzer auch die “Hope“-Story zum Anlass genommen, um auf die Notwendigkeit einer völligen Überarbeitung des herrschenden Urheberrechtssystems (im Sinne einer Anpassung an die neuen digitalen Realitäten) hinzuweisen. Kreutzer, der seine Expertise auch als Mitarbeiter des Urheberrechts-Webportals iRights.info allen Interessierten zur Verfügung stellt, sieht die bestehenden Regeln vor allem als protektionistische Maßnahmen für analoge Geschäftsmodelle, deren Profiteure überwiegend die Verwerter und nicht die Kreativen seien.

Dass aber die Verteidiger des technologisch und gesellschaftlich Überholten nach wie vor den öffentlichen Diskurs über weite Stecken dominieren, zeigt sich nicht nur im Musik- und Filmbereich. Ein vor kurzem veröffentlichter Aufruf der IG Autorinnen Autoren, der Literar-Mechana und des Verlegerverbandes (”Wer das Urheberrecht hat“) illustriert die Ignoranz der Proponenten gegenüber technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Aufruf, im Grunde ein Anti-Google und Anti-Internet-Manifest ohne Google oder das Internet beim Namen zu nennen (”Interessen weltweit agierender Unternehmen in der digitalen Datensammlungs- und Datenverwertungswirtschaft (…) die an Kunst und Kultur nicht weiter interessiert sind, sondern nur an den Möglichkeiten, aus Nachnutzungen bereits bestehender Werke für sich Gewinn zu schlagen“), kann nur als Kapitulation der Interessensvertretung vor dem kreativen Potential der digitalen Technologien gewertet werden.

Wie viele Autorinnen und Autoren werden wohl den Kultur-Neugebauers Folge leisten?

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Europa schweigt zu Ungarn

Mittwoch, 22. Dezember 2010 17:53

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Das Magazin Magyar Narancs protestiert mit einer fast leeren Titelseite und dem Vermerk “am 1. Jänner 2011 endet in Ungarn die Pressefreiheit” gegen das neue Mediengesetz.

Wenn am 1. Jänner 2011 die ungarische Regierung unter Viktor Orbán den Ratsvorsitz in der Europäischen Union übernimmt, dann wird die Europäische Union von einer Regierung repräsentiert werden, die im eigenen Land die Pressefreiheit abgeschafft und die Zensur eingeführt hat.

Was das Budapester Parlament gestern beschlossen hat, würde, auf österreichische Verhältnisse umgelegt, ungefähr folgendes bedeuten: Alle Nachrichten und politischen Sendungen des ORF (Fernsehen, Hörfunk und Online) werden in Hinkunft von der APA, die zuvor noch verstaatlicht und der Kontrolle der Regierung unterstellt wird, beigesteuert. Die Regierung begründet diese Maßnahme damit, dass die Vielzahl an Redaktionen ineffizient und überdies viel zu teuer gewesen sei. Außerdem könne man jetzt zentral sicherstellen, dass “Berichte von öffentlichem Interesse” gebracht werden. Die Medienbehörde KommAustria (ausschließlich mit Regierungsmitgliedern besetzt, der Vorsitzende soeben für neun Jahre bestellt) kontrolliert in Zukunft Budget, Programm und Personal des ORF. Eine eigene “Medienverfassung” verpflichtet alle österreichischen Medien (TV, Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften, Online-Medien) u. a. zu “sachlicher, zeitnaher und ausgewogener” und “politisch unparteiischer” Berichterstattung. Sollte die Behörde Verstöße gegen diese Medienverfassung feststellen, kann sie hohe Strafzahlungen und/oder den Entzug der Sendelizenz für private TV- und Radioanstalten oder Zeitungsverbote verfügen.

Wer das für überzogen hält, vertiefe sich etwa in den Bericht zum ungarischen Medien- und Telekompaket, den der international renommierte Rundfunk- und Medienexperte Karol Jakubowics für die OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit erstellt hat oder lese die umfangreiche Berichterstattung in der deutschsprachigen Budapester Tageszeitung Pester Lloyd.

Und was tut Europa? Die anderen Regierungschefs: No comment! Die Mitglieder der Europäischen Kommission: Weihnachtsurlaub! Das Europäische Parlament: Bis auf einzelne Abgeordnete – Schweigen!

In der konservativen deutschen Tageszeitung Die Welt bringt Michael Stürmer die Vorgänge in Ungarn mit dem Titel “Führerstaat Ungarn” auf den Punkt:

Das neue Mediengesetz, in der Nacht zum Dienstag durch das Parlament gebracht und schon lange zuvor durch zweckmäßige Spitzen- und Spezibesetzung der Apparate vorbereitet, gibt der neuen Nationalen Medien- und Telekommunikationsbehörde weitgreifende antidemokratische Vollmachten. Von Zensur über Beschlagnahme von Dokumenten bis hin zum materiellen Ruin unliebsamer Medien gehört alles dazu, was sich ein autoritäres Regime wünschen mag. Es ist ein Ministerium für Meinungssteuerung und Lobpreis der Macht. Die Spitzenbesetzung besteht aus Parteigängern und Günstlingen des Premiers Viktor Orbán.

Frostige Zeiten …

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Universe of Hybris

Freitag, 10. Dezember 2010 17:46

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Gleich noch ein Verweis auf ein grandioses Comeback, wenngleich: weg waren sie sowieso nie, bloß im Stand-by-Modus; wie auch immer: Universe of hybris, Chick und Tony und all die anderen erfrischenden Dilettanten legen wieder richtig los! So würde die Tödliche Doris im Hier und Jetzt agieren, wäre sie je proletarisch gewesen. Einstiegstipp: Chicks’ famoser Song “Tony drives in a new car“.

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Die Erosion des politischen Arkanraums

Freitag, 10. Dezember 2010 17:42

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Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay “Baukasten zu einer Theorie der Medien” von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay (”Das digitale Evangelium“) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als “geheim” klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, “die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen“. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als embedded media weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: “Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!” (Konrad Becker kürzlich im Club 2).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

P.S
Meine Blog-Pause ist hiermit zu Ende. Die Gründe waren privat - und werden es auch bleiben.

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Wahlfreiheit und Schule

Donnerstag, 8. April 2010 19:19

Wenn schulbezogene Aufgaben nach Hause delegiert werden, dann ist das keine europäische Normalität, sondern ein Spezifikum der österreichischen und der deutschsprachigen Schule. In Frankreich oder in den skandinavischen Ländern (…) sieht die Schule ihren Bildungsauftrag darin, dass die Bildungskompetenzen der Eltern nicht fortgesetzt werden in den Kindern. (…) Die Schule kann auch so strukturiert werden, dass sie wesentliche schulbezogene Aufgaben nicht an die Familie delegiert.

Diese zentralen Aussagen hat die Integrationsexpertin Barbara Herzog-Punzenberger im Rahmen der gestrigen CLUB 2 Diskussion zum Thema “Junge Türken - zwischen Integration und Verweigerung” (hier noch einige Tage zu sehen) eingebracht. Sie bezog sich dabei auf Erkenntnisse des internationalen Forschungsprojekts TIES (”The Integration of the European Second Generation”). TIES erforscht die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen von Menschen mit gleichem Migrationshintergrund in verschiedenen Ländern. Also: Welche Gründe lassen sich für unterschiedliche Bildungserfolge in verschiedenen Ländern finden? Warum verläuft der Übergang zum Arbeitsmarkt in einem Land reibungsloser als in anderen?

In einem Paper formulieren die Studienautoren u. a. folgende Empfehlungen in Bezug auf die Struktur des Bildungssystems:

  • Je früher Kinder mit Migrationshintergrund in den Kindergarten eintreten, umso rascher können sie allfällige sprachliche Defizite überwinden, und,
  • je mehr Jahre zwischen dem Bildungsbeginn und der Selektion in unterschiedliche Schultypen verstreichen, desto mehr Chancengerechtigkeit gibt’s für die Kids.

Wie weit wir hierzulande von diesen im Grunde No-Na-Empfehlungen entfernt sind, kann folgender Aussage des Bildungssprechers der ÖVP, Werner Amon, entnommen werden (aus einem Standard-Interview zur Ganztagsschule vom Oktober 2009):

Uns ist nur wichtig, dass die Wahlmöglichkeit bei den Eltern bleibt. Wenn ich an einem Standort verschränkten Unterricht in den Nachmittag hinein anbiete, dann soll es gleichzeitig eine Variante geben, bei der die Kinder am Nachmittag zuhause sein können. Wir wollen die freie Wahl ins Zentrum rücken, gleichzeitig aber alle Formen zulassen.

Amon ist ein wiffes Kerlchen, er bezieht sich hier nämlich nicht auf ein und denselben Standort. Er meint zwei unterschiedliche Schulstandorte, an einem soll’s die Ganztagsschule geben, am anderen eben gerade nicht. Amon sagt damit aber nichts anderes als: Wir haben nichts gegen Ganztagsschulen in Österreich, wir tun nur alles, damit sie nie flächendeckend eingeführt werden. Wer von “freier Wahl” in Bezug auf das Schulsystem spricht, spricht sich zugleich gegen radikale Änderungen im Dienstrecht von Lehrerinnen und Lehrern aus - und damit gegen flächendeckende Ganztagsschulen.

Mein Mathematiklehrer in der AHS-Oberstufe hatte die Angewohnheit, viele seiner Sätze mit der Wortfolge “was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!” zu beenden. Als wir Schüler das zum ersten Mal hörten, konnten wir uns vor Lachen nicht halten. Wochenlang achteten wir nicht auf seinen Unterricht, sondern einzig darauf, wie oft er dieses Satzfinish in einer Stunde unterbringen konnte (der Rekord lag bei gezählten 71 Mal). Nach einigen Wochen verebbte unser Interesse, vor allem nachdem wir die erste Schularbeit zurückbekommen hatten, und irgendwann gewöhnten wir uns an dieses “was zu beweisen war, natürlich nicht wahr, einzusehen!” ohne in Gelächter auszubrechen.

Was beim Mathematiklehrer ein Tick war, den er nicht mehr zu kontrollieren im Stande war, ist bei Amon und Konsorten eine bewusste Strategie: Wiederhole den bildungspolitischen Schwachsinn so lange, bis sich die anderen daran gewöhnt haben. Irgendwann werden sie aufhören, andere Positionen auch nur anzudenken.

Jüngstes Beispiel:
Die Stadt Wien hat angekündigt, in den nächsten sieben Jahren die ganztägig geführten Standorte im Pflichtschulbereich (derzeit sind das 23 Volks- und vier Hauptschulen, ab Herbst kommen drei AHS hinzu) zu verdoppeln und in jedem Bezirk mindestens eine ganztägige Schulform anzubieten. Konkret heißt das, dass bis zum Jahre 2017 von den über 700 Wiener Schulen rund 50 als “verschränkt” ganztägig (= Unterricht, Übungszeit und Freizeit erstrecken sich über den ganzen Tag) geführt werden sollen.

Jetzt bin ich einmal total optimistisch und nehme an, dass die Stadt Wien alle sieben Jahre den jeweiligen Ist-Stand an Ganztagsschulen verdoppelt, dann könnte die Ganztagsschule an allen Wiener Schulen in etwa bis 2045 umgesetzt sein.

Fazit: Wahlfreiheit forever!

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Öffentlich-rechtliche Dummheit!

Montag, 29. März 2010 17:35

Ein ORF-Journalist gestaltet eine Sozialreportage über zwei Favoritner Skinheads (”Am rechten Rand“) und entschließt sich, mit den beiden auch eine Wahlkundgebung der parlamentarischen Rechtsextremen in Wiener Neustadt aufzusuchen.

Wäre ich ein “Kellernazi“, wüsste ich auch, was zu tun wäre, sähe ich eine ORF-Kamera, einen ORF-Journalisten und, in dessen Schlepptau, zwei sich offen als Neonazis zu erkennen gebende Burschen auf einer meiner Veranstaltung. Agent Provocateur!

Beim Betrachten des original Drehmaterials, das der ORF auf seine Website gestellt hat, kann man Strache beinahe zusehen, wie in wenigen Augenblicken in ihm die Idee zur Vorwärtsverteidigung gereift ist: “Habt ihr das auch gehört?” - “Ja, genau, wir haben auch das gehört, was du uns gleich sagen wirst, was wir gehört haben sollen!

Haben die ORF-Journalisten wirklich gedacht, dass sich Strache und Seinesgleichen so einfach in die Suppe spucken lassen? Dass die nicht Feuer schreien, wenn sie die Lunte riechen?

Nachdem ich die Reportage gesehen habe, fürchte ich, dass die Macher daran gar nicht denken konnten, offenbart sich in dieser Am Schauplatz-Folge doch ein, höflich formuliert, höchst naives didaktisches Konzept, nach dem Motto: Wir müssen potentiellen F-Wählern nur zeigen, dass sich auf FPÖ-Kundgebungen auch Neonazis herumtreiben, dann werden sie sich schon abschrecken lassen.

Das ist das wirklich Erstaunliche - und Ärgerliche: die politische Dämlichkeit, die sich in dieser Reportage letztendlich artikuliert! Nicht die Infamie der FPÖ, nicht Straches-Empörungsdiskurs, den er, durch parlamentarische Immunität geschützt, initiiert, aber auch in Kenntnis des Freundeskreises bei der Exekutive, dessen “Ermittlungen” seine “Wahrnehmungen” wohl werden zu untermauern wissen – denn all das, war zu erwarten!

Gleichsam um zu demonstrieren, dass es noch dämlicher geht, schob der ORF gleich einen Club 2 Spezial ein, meines Wissens, den ersten dieser Art, der allein durch sein Setting - gleich mehrere Verteidiger (inklusive Moderator) der ORF-Position – bei unbedachten Zusehern den Eindruck erwecken konnte, an der von Strache hinausposaunten “Rotfunk-Verschwörung” könnte was dran sein. Strache als Opfer - geht’s noch?

P.S.:
Neben den Grünen und der SPÖ will nun auch das BZÖ eine Untersuchung zur Causa, und zwar gleich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Dessen Leitung, so schlug Parteiobmann Bucher vor, solle Ewald Stadler übernehmen, weil dieser “zu allen Streitparteien eine distanzierte Stellung bezieht und nicht vereinnahmt werden kann.

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