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Kriegsbilder

Mittwoch, 5. August 2009 18:17

broomberg_chanarin

© Broomberg/Chanarin

Als die beiden Kriegsfotografen dem Redakteur der Zeitung, in dessen Auftrag sie in das irakische Kriegsgebiet gefahren waren, das mitgebrachte Bildmaterial vorlegten, war dieser über das, was er da zu sehen bekam, nicht erfreut. Keine Kampfszenen, keine Explosionen, keine Toten. Sondern abfotografierte Wandzeichnungen, die von kurdischen Gefangenen stammten, die im Hauptquartier von Saddam Husseins Bath-Partei gefoltert und gemordet wurden.

Die beiden Kriegsfotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigen ganz andere Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Im Jahre 2008 waren sie als “embeddeds” mit britischen Truppen in Afghanistan unterwegs. In einem kurzen Bericht, den ich in der 3sat-Kulturzeit gesehen habe, erzählen sie davon, wie sie diese Strategie der Vereinnahmung der Journalisten, die mittlerweile von allen Kriegsparteien forciert wird, unterlaufen. So haben sie in Afghanistan jeden Tag ein Stück Fotopapier 20 Sekunden lang der Sonne ausgesetzt. Nur die Titel der so entstandenen Bilder verweisen auf Kriegsereignisse (”The day nobody died“).

Auf ihrer Website finden sich weitere Beispiele für diese Haltung.

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Ich klone, also bin ich

Dienstag, 25. März 2008 22:57

In der Ausstellung “Schaulust - Die Kunst des Sehens und des Täuschens“, die ich in der Kunsthalle Krems besucht habe, finden sich viele Exponate, die sich mit optischen Irritationen und visuellen Manipulationen auseinandersetzen. Neben Marcel DuchampsRotoreliefs” (bedruckte Kartonscheiben, die durch einen Elektromotor bewegt werden und die Illusion von Räumlichkeit erzeugen) oder bewusste optische Täuschungen von Op-Art-Künstlern wie Victor Vasarely haben mich vor allem zwei Fotografien von Martin Liebscher fasziniert. Die rund 5 Meter breiten und etwa 1,5 m hohen Fotografien zeigen Personen - bei der Arbeit im Büro das eine, beim Camping-Urlaub das andere. Der Witz dieser Fotografien erschließt sich beim zweiten Blick, wenn man erkennt, dass es sich bei den in unterschiedlichen Posen dargestellten Personen um ein und dieselbe Person handelt, nämlich um Martin Liebscher, den Künstler himself.

Auf seiner Website finden sich noch etliche andere Beispiele seines digitalen Klonens, etwa auf der Skipiste oder als Philharmonisches Orchester, aber auch seine UFO-Fotografien und Städtepanoramabilder.

Erfrischend der Mann.

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Das Bild hinter dem Foto

Freitag, 14. März 2008 19:44

Hans Petschar, Historiker und Leiter des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, hat ein Buch mit dem Titel Anschluss – Eine Bildchronologie, veröffentlicht, in dem sich bislang unveröffentlichtes Fotomaterial findet, das rund um den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zwischen März und Mai 1938 entstanden ist. Es sind dies Bilder jenseits der Propaganda, also zum Teil private Aufnahmen und zum Teil Fotos, die aus der Hand von NS-Fotografen stammen, aber zensuriert wurden (das Cover des Buches zeigt Hitler mit Augenringen, fiebrig-glasigem Blick und Zahnlücke im offenem Maul).

Das Buch weist auf einen interessanten Umstand hin, den der Autor auch im Rahmen der CLUB 2 Diskussion am letzten Mittwoch angesprochen hat: Die Bilder aus der NS-Zeit, die wir im Kopf haben, etwa von den jubelnden Massen am Heldenplatz, sind zu fast hundert Prozent von Nazi-Propagandisten hergestellte. Dieser “späten Rache des Nationalsozialismus an der Geschichte“, wie Petschar formuliert, will er Fotos entgegenstellen, die nicht zur Gänze von der Goebbel’schen-Propagandamaschinerie kontrolliert werden konnten (hier findet sich eine große Auswahl dieser Fotos).

Abgesehen vom legitimen Anspruch des Historikers auf möglichst große Quellenvielfalt werde ich bei der Betrachtung des Fotomaterials nicht wirklich schlau, was hier der Goebbel’schen Propagandamaschinerie entgegengestellt werden soll, und wozu überhaupt?

Die Fotos, insbesondere jene, die Demütigungen und Erniedrigungen abbilden, denen sich Jüdinnen und Juden unmittelbar nach dem Anschluss ausgesetzt sahen - ob nun von NS-Fotografen oder von privater Hand hergestellt -, sind, und das muss man wohl unterstellen, Fotos von Tätern bzw. aus der Perspektive von Tätern, die wir Heutigen mit dem Ausdruck des Entsetzens wahrnehmen, weil wir das darauf Gezeigte als Untaten dechiffrieren. Wohlgemerkt, wir Heutigen erkennen das Gezeigte als Untaten; die Fotografen hingegen haben den Auslöser betätigt, weil sie die Aktionen begrüßt haben und ihnen durch die Fotografie gewissermaßen eine höhere Weihe geben wollten (vgl. dazu auch hier).

Susan Sontag, die sich immer wieder mit der Fotografie beschäftigt hat, hat das einmal so auf den Punkt gebracht:

Die Voraussetzung für eine moralische Beeinflussung durch Fotos ist die Existenz eines relevanten politischen Bewusstseins. Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden.”

Ein (historisches) Foto ist immer eine Konstruktion, es ist immer Propaganda im weitesten Sinn. Wir sollten uns daher immer wieder an Jean Luc Godards Kritik aus den Zeiten des Vietnamkrieges erinnern, als er den Kriegsfotografen vorwarf, sie seien Verbrecher, weil sie nicht eingegriffen haben, um das Unrecht, das sie mit ihrer Kamera fest gehalten haben, zu verhindern. Diese Kritik zielt im Kern genau auf jenen Teil der Realität, der sich gewissermaßen als nicht sichtbarer Mehrwert in das fotografische Bild eingeschrieben hat: Den Fotografen und seine Motive hinter der Kamera.

Dieser Mehrwert erschließt sich aber nicht aus dem Foto selbst, sondern einzig dadurch, dass man den Kontext erhellt. Erst dann kann man Fotos sehen. Susan Sontag hat daher über die Fotografie erzählt, sie hat die Bilder gegen Worte getauscht, und nebstbei einen der hellsichtigsten Sätze geschrieben, den ich je über die Fotografie gelesen habe:

Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern.”

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