Tag-Archiv für » Journalismus «

Europa schweigt zu Ungarn

Mittwoch, 22. Dezember 2010 17:53

magyar-narancs
Das Magazin Magyar Narancs protestiert mit einer fast leeren Titelseite und dem Vermerk „am 1. Jänner 2011 endet in Ungarn die Pressefreiheit“ gegen das neue Mediengesetz.

Wenn am 1. Jänner 2011 die ungarische Regierung unter Viktor Orbán den Ratsvorsitz in der Europäischen Union übernimmt, dann wird die Europäische Union von einer Regierung repräsentiert werden, die im eigenen Land die Pressefreiheit abgeschafft und die Zensur eingeführt hat.

Was das Budapester Parlament gestern beschlossen hat, würde, auf österreichische Verhältnisse umgelegt, ungefähr folgendes bedeuten: Alle Nachrichten und politischen Sendungen des ORF (Fernsehen, Hörfunk und Online) werden in Hinkunft von der APA, die zuvor noch verstaatlicht und der Kontrolle der Regierung unterstellt wird, beigesteuert. Die Regierung begründet diese Maßnahme damit, dass die Vielzahl an Redaktionen ineffizient und überdies viel zu teuer gewesen sei. Außerdem könne man jetzt zentral sicherstellen, dass „Berichte von öffentlichem Interesse“ gebracht werden. Die Medienbehörde KommAustria (ausschließlich mit Regierungsmitgliedern besetzt, der Vorsitzende soeben für neun Jahre bestellt) kontrolliert in Zukunft Budget, Programm und Personal des ORF. Eine eigene „Medienverfassung“ verpflichtet alle österreichischen Medien (TV, Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften, Online-Medien) u. a. zu „sachlicher, zeitnaher und ausgewogener“ und „politisch unparteiischer“ Berichterstattung. Sollte die Behörde Verstöße gegen diese Medienverfassung feststellen, kann sie hohe Strafzahlungen und/oder den Entzug der Sendelizenz für private TV- und Radioanstalten oder Zeitungsverbote verfügen.

Wer das für überzogen hält, vertiefe sich etwa in den Bericht zum ungarischen Medien- und Telekompaket, den der international renommierte Rundfunk- und Medienexperte Karol Jakubowics für die OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit erstellt hat oder lese die umfangreiche Berichterstattung in der deutschsprachigen Budapester Tageszeitung Pester Lloyd.

Und was tut Europa? Die anderen Regierungschefs: No comment! Die Mitglieder der Europäischen Kommission: Weihnachtsurlaub! Das Europäische Parlament: Bis auf einzelne Abgeordnete – Schweigen!

In der konservativen deutschen Tageszeitung Die Welt bringt Michael Stürmer die Vorgänge in Ungarn mit dem Titel „Führerstaat Ungarn“ auf den Punkt:

Das neue Mediengesetz, in der Nacht zum Dienstag durch das Parlament gebracht und schon lange zuvor durch zweckmäßige Spitzen- und Spezibesetzung der Apparate vorbereitet, gibt der neuen Nationalen Medien- und Telekommunikationsbehörde weitgreifende antidemokratische Vollmachten. Von Zensur über Beschlagnahme von Dokumenten bis hin zum materiellen Ruin unliebsamer Medien gehört alles dazu, was sich ein autoritäres Regime wünschen mag. Es ist ein Ministerium für Meinungssteuerung und Lobpreis der Macht. Die Spitzenbesetzung besteht aus Parteigängern und Günstlingen des Premiers Viktor Orbán.

Frostige Zeiten …

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Die Erosion des politischen Arkanraums

Freitag, 10. Dezember 2010 17:42

logo10

Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay („Das digitale Evangelium„) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als „geheim“ klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, „die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen„. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als embedded media weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: „Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!“ (Konrad Becker kürzlich im Club 2).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

P.S
Meine Blog-Pause ist hiermit zu Ende. Die Gründe waren privat – und werden es auch bleiben.

Thema: Allgemein, Geschichte, Musik, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Öffentlich-rechtliche Dummheit!

Montag, 29. März 2010 17:35

Ein ORF-Journalist gestaltet eine Sozialreportage über zwei Favoritner Skinheads („Am rechten Rand„) und entschließt sich, mit den beiden auch eine Wahlkundgebung der parlamentarischen Rechtsextremen in Wiener Neustadt aufzusuchen.

Wäre ich ein „Kellernazi„, wüsste ich auch, was zu tun wäre, sähe ich eine ORF-Kamera, einen ORF-Journalisten und, in dessen Schlepptau, zwei sich offen als Neonazis zu erkennen gebende Burschen auf einer meiner Veranstaltung. Agent Provocateur!

Beim Betrachten des original Drehmaterials, das der ORF auf seine Website gestellt hat, kann man Strache beinahe zusehen, wie in wenigen Augenblicken in ihm die Idee zur Vorwärtsverteidigung gereift ist: „Habt ihr das auch gehört?“ – „Ja, genau, wir haben auch das gehört, was du uns gleich sagen wirst, was wir gehört haben sollen!

Haben die ORF-Journalisten wirklich gedacht, dass sich Strache und Seinesgleichen so einfach in die Suppe spucken lassen? Dass die nicht Feuer schreien, wenn sie die Lunte riechen?

Nachdem ich die Reportage gesehen habe, fürchte ich, dass die Macher daran gar nicht denken konnten, offenbart sich in dieser Am Schauplatz-Folge doch ein, höflich formuliert, höchst naives didaktisches Konzept, nach dem Motto: Wir müssen potentiellen F-Wählern nur zeigen, dass sich auf FPÖ-Kundgebungen auch Neonazis herumtreiben, dann werden sie sich schon abschrecken lassen.

Das ist das wirklich Erstaunliche – und Ärgerliche: die politische Dämlichkeit, die sich in dieser Reportage letztendlich artikuliert! Nicht die Infamie der FPÖ, nicht Straches-Empörungsdiskurs, den er, durch parlamentarische Immunität geschützt, initiiert, aber auch in Kenntnis des Freundeskreises bei der Exekutive, dessen „Ermittlungen“ seine „Wahrnehmungen“ wohl werden zu untermauern wissen – denn all das, war zu erwarten!

Gleichsam um zu demonstrieren, dass es noch dämlicher geht, schob der ORF gleich einen Club 2 Spezial ein, meines Wissens, den ersten dieser Art, der allein durch sein Setting – gleich mehrere Verteidiger (inklusive Moderator) der ORF-Position – bei unbedachten Zusehern den Eindruck erwecken konnte, an der von Strache hinausposaunten „Rotfunk-Verschwörung“ könnte was dran sein. Strache als Opfer – geht’s noch?

P.S.:
Neben den Grünen und der SPÖ will nun auch das BZÖ eine Untersuchung zur Causa, und zwar gleich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Dessen Leitung, so schlug Parteiobmann Bucher vor, solle Ewald Stadler übernehmen, weil dieser „zu allen Streitparteien eine distanzierte Stellung bezieht und nicht vereinnahmt werden kann.

Thema: Politik | Kommentare (0) | Autor:

Die Videopiraten der Wende

Dienstag, 20. Oktober 2009 20:46

19891009

Den Sozialismus – so sagt man bei uns immer – in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Diese alte Erkenntnis der deutschen Arbeiterbewegung findet durch die große Initiative der Werktätigen der DDR ihre aktuelle Bestätigung!“ (Erich Honecker am 14. August 1989 in Ehrfurt)

Am Dienstag den 10. Oktober 1989 zeigte die ARD-Tagesschau Videoaufnahmen, die tags zuvor in Leipzig entstanden sind. Am Samstag davor, die Spitzen des Staates und der Partei feierte den 40. Jahrestag der Gründung der DDR mit einer Militärparade, sprach der Sowjetische Staats- und Regierungschef Michail Gorbatschow die später berühmt gewordenen Worte „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben„. In der Nacht auf Sonntag haben Volkspolizisten und Staatssicherheitsbeamte auf Demonstranten eingedroschen und Tausende von ihnen verhaftet. Trotz dieser brutalen Übergriffe des Regimes gegen Oppositionelle versammelten sich in Leipzig rund 70.000 Menschen, die friedlich durch die Straßen der Stadt zogen. Obzwar westliche Journalisten seit Wochen nicht mehr aus der DDR berichten durften, konnten die Menschen in der DDR den Marsch der 70.000 im Westfernsehen mitverfolgen. Die zwei Regimegegner Siegbert Schefke und Aram Radomski hatten den Demonstrationszug von einem Kirchturm herab gefilmt, die Video-Aufnahmen wurden von einem Mittelsmann nach Westberlin gebracht und die Tagesschau, die von vielen in der DDR gesehen wurde, zeigte die undercover produzierten Aufnahmen der Montagsdemonstration. Gegen diesen filmischen Beleg der friedlichen Massenbewegung konnte die Propaganda der Staatsführung und der DDR-Medien, die seit Wochen versuchte, die Demonstranten als „Rowdys“ und „Chaoten“ zu denunzieren, nichts mehr ausrichten.

Als ich da oben auf dem Kirchturm in der Taubenscheiße gehockt und eine Gänsehaut bekommen habe, da wusste ich: Hier passiert etwas ganz Besonderes, und wir können dem Aufbegehren ein Gesicht geben. Diese Kassette wird helfen, alles zu ändern. Es ist die Chance deines Lebens.“ (Aram Radomski)

Zehn Tage danach verabschiedete sich der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker in die Pension, am 9. November 2009 ging die Mauer auf und wenige Monate später war die DDR nur noch Stoff für die Historiker.

Der mit dem Deutschen Fernsehpreis prämierte Spielfilm „Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“ hat den beiden Videopiraten ein filmisches Denkmal gesetzt. Der ORF hat den Streifen zwar mitproduziert, aber dank der Torheit seiner Programmplaner ins Nachtprogramm verräumt. Auch wenn die mit Originalaufnahmen aus dem Ost- und Westfernsehen angereicherte Geschichte eines „Republikflüchtlings“ und seiner zurückgebliebenen schwangeren Frau, die, sechs Jahre nach der Flucht des Mannes, im August 1989 beim Versuch, via Ungarn nach Österreich zu gelangen, verhaftet wird, ins Stasigefängnis gesteckt und gefoltert wird, während der Sohn, der dank der Hilfe ungarischer Grenzpolizisten entkommt, beim Vater in Westberlin um seine Mutter bangt, streckenweise zum kitschigen Rührstück gerinnt, erzählt der Film dennoch sehenswert von den letzten Zuckungen einer Diktatur. Er erinnert vor allem auch daran, dass die Wende ganz anders hätte ausgehen können: Wären in Leipzig an diesem 9. Oktober 1989 nicht zigtausende Menschen auf die Straßen gegangen, wer weiß, ob die DDR-Staatsführung nicht doch den chinesischen Weg eingeschlagen hätte.

P.S.: Die „Chronik der Wende„, ein Webportal des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), dokumentiert die Ereignisse zwischen dem 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, und dem 18. März 1990, dem Tag, an dem die ersten freien Wahlen in der DDR abgehalten wurden. Zahlreiche Text- und Bilddokumente sowie Kurzbiografien und Hinweise zu weiteren Infos zeigen die letzten Monate des deutschen „Arbeiter- und Bauernstaates„.

Thema: Film, Geschichte, Politik | Kommentare (1) | Autor:

Kriegsbilder

Mittwoch, 5. August 2009 18:17

broomberg_chanarin

© Broomberg/Chanarin

Als die beiden Kriegsfotografen dem Redakteur der Zeitung, in dessen Auftrag sie in das irakische Kriegsgebiet gefahren waren, das mitgebrachte Bildmaterial vorlegten, war dieser über das, was er da zu sehen bekam, nicht erfreut. Keine Kampfszenen, keine Explosionen, keine Toten. Sondern abfotografierte Wandzeichnungen, die von kurdischen Gefangenen stammten, die im Hauptquartier von Saddam Husseins Bath-Partei gefoltert und gemordet wurden.

Die beiden Kriegsfotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigen ganz andere Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Im Jahre 2008 waren sie als „embeddeds“ mit britischen Truppen in Afghanistan unterwegs. In einem kurzen Bericht, den ich in der 3sat-Kulturzeit gesehen habe, erzählen sie davon, wie sie diese Strategie der Vereinnahmung der Journalisten, die mittlerweile von allen Kriegsparteien forciert wird, unterlaufen. So haben sie in Afghanistan jeden Tag ein Stück Fotopapier 20 Sekunden lang der Sonne ausgesetzt. Nur die Titel der so entstandenen Bilder verweisen auf Kriegsereignisse („The day nobody died„).

Auf ihrer Website finden sich weitere Beispiele für diese Haltung.

Thema: Fotografie, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Churnalism

Freitag, 27. März 2009 17:30

searchIn einem Blog-Eintrag berichtet Martin Blumenau über eine Diskussionsveranstaltung, an der auch der Guardian-Journalist Nick Davies teilgenommen hat. Für sein Buch „Flat Earth News“ hat Davies rund 2000 Berichte untersucht, die in englischen Qualitätszeitungen erschienen sind, also nicht in der Boulevardpresse, und dabei festgestellt, dass „über 60 Prozent der Texte ganz oder größtenteils aus Nachrichtenagenturen oder Werbeaussendungen übernommen worden waren – ohne dies aber zu kennzeichnen“, wie er in einem aufschlussreichen Zeit-Interview mit Joachim Riedl festhält.

Dazu eine kleine Geschichte:
Im Zuge einer kleinen Internetrecherche über das Informationsverhalten der „digital natives“ (Marc Prensky) bin ich kürzlich auf die Studie „Information Behaviour of the researchers of the future“ gestoßen, die vor rund einem Jahr erschienen ist. Das Centre for Information Behaviour and the Evaluation of Research (Ciber) am University College in London hat darin im Auftrag der British Library untersucht, wie Schüler mit digitalen Quellen umgehen und wie sie Informationen finden. Die Studienautoren haben zwar festgestellt, dass die sogenannte „Generation Google“ höchst oberflächlich im Netz recherchiere; zugleich halten sie aber auch fest, dass dieses rasche Querlesen von wenigen Suchergebnissen und die Ungeduld bei der Recherche keineswegs nur auf die Kids beschränkt sei, sondern sich bei allen Alters- und Berufsgruppen nachweisen lasse. Und: Die Informationskompetenz der „Generation Google“ sei genauso gut oder schlecht wie jene früheren Generationen!

Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass die beiden deutschsprachigen Online-Medien, die über diese Studie kurz berichtet haben, nämlich die Süddeutsche und Die Presse, ihre Infos einer Aussendung der Pressetext-Austria Nachrichtenagentur entnommen haben, in der irrtümlich die Sheffield University als Studienautor angegeben wird. Beide Qualitätszeitungen haben diesen Schwachsinn einfach übernommen – ohne auf die (Desinformations)quelle hinzuweisen.

Davies hat für diese Form des Journalismus den Begriff des „churnalism geprägt, was sich von „to churn out“ (= ausstoßen) ableitet.

Thema: Allgemein | Kommentare (1) | Autor:

Old kids

Donnerstag, 29. Januar 2009 0:35

illu-crying-babyAls ob ich das wissen wollte: Herr Blumenau mag Herrn Fluch nicht – und vice versa. Das teilen uns die beiden sehr bekannten Musikjournalisten also mit (hier und hier). Nun gut. Nun wissen wir’s.

Angefacht hat die untergriffige Posse Martin Blumenau. Auf seinem FM4-Blog identifiziert er den Standard-Kollegen quasi als das personifizierte Versagen der Print-Pop-(Konzert)-Kritik, ein Versagen, das er in einem „ererbten und unhinterfragten Verzichten auf Kontext, Realität und Verknüpfung“ ortet. Außerdem habe der Herr Kollege „merklich keine Lust, sich mit dem, was er da beschreibt, zu beschäftigen„. Was Wunder, treibe er sich doch „muffig in der letzten Reihe, oder gar in engerem Kontakt mit der Bar“ herum, sodass er nicht „das zentrale Idiom von Pop: den Funken“ mitbekomme.

Der von Blumenau überdies als „Lachnummer“ und „Nestroysche Beamtenfigur“ titulierte Karl Fluch steigt daraufhin in den Ring und sendet einige links-rechts-Kombinationen in des Kollegen Gemächt: Ein „Gutteil aller Texte“ auf Blumenaus-Blog komme daher „wie hoppertatschige Erlebnisaufsätze, insbesondere die so genannten Rezensionen, in denen Sätze wie dieser zu finden sind: „Ein Lied folgte auf das nächste.“ Bei einem Konzert? Echt? Wer hätte das gedacht!

Und so weiter (hier) und so fort (hier) …

Ein Poster (Pseudonym „Sackbauerkarli„) brachte es auf den Punkt:

Kurzfassung
B: ich mag dich nicht
F: ich mag dich auch nicht
B: a bissi mag ich dich schon, aber nur ganz a bissi
F: halts maul!

Kindischer geht’s wohl nimmer!

Thema: Musik | Kommentare (0) | Autor:

Galeano und die toten Juden

Donnerstag, 22. Januar 2009 21:47

Eduardo Galeano ist ein angesehener Mann. Der Journalist und Schriftsteller, mit uruguayanischem Pass, wurde zur Ikone der Linken, nachdem im Jahre 1971 sein anti-kolonialistisches Werk, Die offenen Adern Lateinamerikas, veröffentlicht worden war.

Eduardo Galeano ist ein kämpferischer Mann. Von der Militärjunta ins spanische Exil getrieben, hat der mittlerweile wieder in Uruquay lebende Autor immer wieder Bücher publiziert und seine Artikel und Kommentare werden von linken US-amerikanischen und britischen Publikationen, wie The Progressive, The Nation oder New Internationalist, aber auch etwa von der deutschen TAZ, gerne gedruckt.

Über einen TAZ-Blog ist sein jüngster Text, der auf einer uruquayanischen Website veröffentlich wurde, zugänglich (hier die deutsche Übersetzung), ein Kommentar, der sich mit dem Krieg Israels gegen die Hamas beschäftigt, und den Galeano, wie er am Ende anmerkt, seinen „jüdischen Freunden, die von durch Israel beratenen lateinamerikanischen Diktaturen ermordet wurden„, widmet.

Dieser Kommentar, der auf dem TAZ-Blog unkommentiert blieb, ist ein perfides anti-israelisches Pamphlet (Galeano bezeichnet das Vorgehen der israelischen Armee gegen die Hamas als „Ausrottungskrieg„, als „Operation ethnischer Säuberung„), in dem Israel und die USA („Obermacher-Weltmacht„) für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht und, der abstrusen Argumentation folgerichtig, die Palästinenser zu Widerstandskämpfer und Opfer des „israelischen Staatsterrorismus“ stilisiert werden.

Über jemanden, der den islamistischen Selbstmord- und Raketenterror als Manifestation der „Verzweiflung“ bezeichnet und damit legitimiert, der überall die „Manipulationsmassenmedien“ am Werk sieht und der überdies noch die Schamlosigkeit besitzt, dieses Machwerk toten Juden zu widmen, bräuchte man keine Worte mehr verlieren. Wer so argumentiert, nimmt sich selbst aus einer ernsthaften politischen Debatte.

Doch Galeano ist kein namenloser Spinner, sondern ein linker Strahlemann, und, ich fürchte, seine Positionen werden von vielen globalisierungskritischen Linken und Friedensbewegten (hier ein Beispiel) geteilt – wenn nicht gar von einer Mehrheit. Deshalb muss man sich mit den Galeanos dieser Welt und mit ihren grauenhaften Ansichten auseinandersetzen. Ihr dualistisches Weltbild kennt nur abgrundtief böse Täter und absolut unschuldige Opfer, in deren Namen sie ihre Glaubenssätze selbstgerecht absondern. Um diesem Blendwerk, das sie über alle Konflikte und Auseinandersetzungen stülpen, zu entsprechen, müssen die Verbrechen und Unmenschlichkeiten, die von den Unterdrückten dieser Erde begangen werden, ebenso geleugnet werden wie alle fortschrittlichen Forderungen und Handlungen der Unterdrücker.

Im Grunde sind die Galeanos dieser Welt Gläubige, säkularisierte zwar, aber ihren frommen Brüdern und Schwestern wesensgleich, anerkennt doch beider Denken nur eine einzige Wahrheit, die absolute nämlich.

Thema: Allgemein, Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Der Unterschied

Mittwoch, 14. Januar 2009 23:39

Nun wusste man, dass der Antisemitismus in Europa nicht verschwunden ist. Aber was sich gegenwärtig an antisemitischen Demonstrationen und Ausschreitungen abspielt, hätte man nicht für möglich gehalten. Und womit beschäftigen sich die meisten Kommentare in den deutschsprachigen Medien? Mit der so genannten „Verhältnismäßigkeit“ der israelischen Antwort auf die islamistischen Bombenwerfer.

Gäbe es nicht auch noch andere Stimmen, man müsste irre werden. Eine davon gehört dem Journalisten Christian Ortner, der seinen wichtigen Kommentar (Die Presse vom 9. Jänner 2009) mit dem Satz beendet:

Nicht Israels Gegenwehr ist unverhältnismäßig, sondern die Kritik an dieser Gegenwehr ist es.

Passend dazu auch der folgende Cartoon:

israel_palestine_cartoon

Einige Blogs, die einen nicht völlig verzweifeln lassen, habe ich meiner Blogroll hinzugefügt.

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (1) | Autor:

Todesstrafe in den USA

Dienstag, 13. Januar 2009 1:02

thumb-todesstrafe_011

Wenn ein schreckliches Verbrechen begangen wurde, wollten wir, dass die Polizei den Kerl erwischt, ihn einsperrt, und – wen das Verbrechen schwer war – auf den elektrischen Stuhl schickt. Das hielten wir für besser. Dann waren wir zufrieden.„(George Ryan, Gouverneur des Bundesstaates Illinois von 1999 bis 2003)

Mit diesen Worten beschreibt der Republikaner George Ryan die Denkungsart der Mehrheit der Leute aus seinem Heimatort Kankakee, rund 80 km südwestlich von Chicago gelegen, eine Denkungsart, die auch die seine war, beinahe ein Leben lang. Doch kurz vor Ablauf seiner Amtszeit muss er darüber entscheiden, ob die Todesurteile gegen 171 Häftlinge, die in den Todeszellen der Gefängnisse von Illinois seit vielen Jahren auf ihre Hinrichtung warten, aufgehoben und in „lebenslänglich“ umgewandelt werden sollen.

Der jahrzehntelange Befürworter der Todesstrafe wird zum entschiedenen Gegner des staatlich sanktionierten Mordes. Die Nachforschungen junger Journalismusstudenten, die einzelne Fälle untersucht haben, konnten ihn davon überzeugen, dass viele Todesurteile auf Grund von Folter, Beweisfälschung und Ergebnisdruck der Ermittlungsbehörden zustande gekommen waren.

Der Dokumentarfilm „Deadline“ von Kathy Chevigny und Kirsten Johnson, im Jahre 2004 beim Sundance Film Festival für den Grossen Preis nominiert, nimmt diesen Fall zum Anlass, um das US-amerikanische Justizsystem (siehe auch hier) radikal in Frage zu stellen. Die zentrale Message des Filmes manifestiert sich im folgenden Statement des Juristen und Gründers der „Equal Justice Initiative of Alabama„, Bryan Stevenson:

Den Anstand einer Gesellschaft bewertet man nicht anhand der Art wie sie ihre Reichen behandelt oder ihre allseits Beliebten. Man bekommt keine Punkte, wenn man diese Menschen fair oder verantwortungsvoll behandelt. Man bewertet auch nicht die Verbindlichkeit des Gesetzes anhand seiner Anwendung gegenüber jenen, die man sowieso immer unterstützt. Man bewertet nicht die Integrität einer Gesellschaft anhand der Art wie sie mit ihren Mächtigen umgeht. Die Integrität einer Gesellschaft, ihren Anstand und wie sie zum Gesetz steht, bewertet man anhand der Art wie sie die Leute behandelt, die sie hasst.

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahre 1976 sind bisher 1136 Menschen hingerichtet worden (allein in Texas 423 und in Virginia 103), und über 3300 Menschen warten in den so genannten Todeszellen auf ihre Hinrichtung oder Begnadigung.

Die Doku ist hier auf ARTE+7 noch einige Tage zu sehen, und wird überdies am 18. Jänner um 01.50 auf ARTE nochmals ausgestrahlt.

Und hier noch ein Videovortrag von Stevenson zur Rassen- und Klassenjustiz in den USA.

Thema: Allgemein, Film, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor: