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Journalismus und Krieg

Freitag, 9. Januar 2009 20:15

friedenstaubeIm Lichte der jüngsten Eskalation im Nahen-Osten ist ein anderer Konfliktherd aus dem medialen Blitzlichtgewitter verschwunden: Der Kaukasus-Konflikt, der im August des letzten Jahres zu einer offenen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Georgien und Russland geführt hat.

Während für die beiden Philosophen und Essayisten André Glucksmann und Bernard-Henri Levy der Hauptschuldige des Konflikts sofort feststand, nämlich Russland und Putin, was sie in einem wütenden Manifest („SOS Georgien? SOS Europa!„) unmittelbar nach Kriegsbeginn in der französischen Tageszeitung „Liberation“ zu verkünden wussten (hier die deutsche Übersetzung), in dem sie vor allem die ihrer Meinung nach feige und zögerliche Haltung der Europäischen Union gegenüber Russland massiv kritisierten, hat ein anderer Literat und Journalist, einer, der zur Zeit der Kämpfe in der Region weilte und sich somit vor Ort ein Bild zu machen versuchte, nicht in das anti-russische Vorverurteilungsgebrüll seiner Kollegen eingestimmt. Jonathan Littell, Autor des Jahrhundertwerks „Die Wohlgesinnten„, hat einen kurzen Text verfasst, der als „Georgisches Reisetagebuch“ im Berlin-Verlag erschienen ist, in dem er vor allem eines klar legt: Die Schwierigkeit des journalistischen Augenzeugen sich Klarheit und Übersicht zu verschaffen, und die Unmöglichkeit Fakten als solche überhaupt zu erkennen und zu ordnen.

Littell hat folglich nicht herausgefunden, wer denn nun der Täter und wer das Opfer war. Er lässt viele Vertreter der unterschiedlichen Konfliktparteien zu Wort kommen, die uns, den Leser, die jeweilige Sicht auf den Konflikt nahebringen. Was sich als Faktum behauptet in den Erzählungen der Befragten, entpuppt sich bei näherer Recherche zumeist als Gerücht, als von dritten gehörte Erzählung.

In diesem Kontext findet Kriegsberichterstattung immer statt. Sie ist zumeist ein Gebräu aus vorgefassten Meinungen und aufgeschnappten Gerüchten. Sie ist in diesem Sinne parteiisches Manifest wie jenes von Glucksmann und Levy. Littells Verdienst besteht darin, diesen Kontext erhellt zu haben.

Thema: Allgemein, Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Thurnher und das Web

Donnerstag, 18. Dezember 2008 20:24

Vor einigen Jahren fand im Museumsquartier eine Podiumsdiskussion statt. Irgendwie ging’s um neue Medien und Internet, ich kann mich nicht mehr so genau ans Thema erinnern. In Erinnerung blieb mir allerdings der verbale Schlagabtausch zwischen Franz Manola, damals für ORF.at verantwortlich, und Armin Thurnher, damals wie heute Chefredakteur beim Falter. Manola pries die Blogosphäre, sprach von der Macht einzelner Blogger in den USA, und vertrat die Ansicht, Karl Kraus wäre, wenn es ihn denn heutzutage noch gäbe, mit seiner „Fackel“ im Netz.

Thurnher hielt dagegen, Karl Kraus sei der exemplarische Antipode zu den Bloggern. Er sei doch ein Genauigkeitsfanatiker gewesen, der seine Nächte in der Druckerei verbracht und den Setzer zur Verzweiflung gebracht habe, weil ihm ein falsch gesetzter Beistrich genauso so getroffen habe, wie der Verlust eines ganzen Buchmanuskripts. Für Kraus sei eben die Form die Sache gewesen, ein wesentlicher Aspekt, der sich in der Idee des Qualitätsjournalismus widerspiegle. Den Webloggern sei diese Idee allerdings völlig fremd.

Im Lichte dessen ist Armin Thurnhers jüngster Kommentar im Falter mit dem Titel „Warum ich mich weigere, das Internet als Medium wirklich ernst zu nehmen“ nur folgerichtig. (Folgerichtig steht der Kommentar auch nicht im Web.)

Einer der wichtigsten Printjournalisten des Landes hat ein trotziges Anti-Internet-Manifest geschrieben, eine kulturpessimistische Klage gegen das Netz der Netze, das er vor allem als „Kombination von egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre mit hemmungslosen Diensteleistern (von Pornoindustrie bis Glückspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“ zu beschreiben versucht. Nicht nur das Urheberrecht gehe vor die Hunde, sondern auch die vom Bürgertum erkämpfte Freiheit, sich „als Personen offen mit ihrer Identität zu ihren Grundsätzen und Äußerungen (zu) bekennen„, weil „Myriaden von Postern (…) die sich nicht aus der Deckung zu wagen brauchen und hinter Pseudonymen verstecken können„.

Als Beleg für die feigen Poster führt er an, dass alle Internet-Foren heimischer Massenmedien nach Haiders Tod geschlossen werden mussten, weil die anonymen Poster „nicht an sich halten konnten„.

Während ich das schreibe, denke ich, schau’ doch kurz auf Blumenaus FM4-Blog vorbei, der hat sicher schon was dazu geschrieben … Hat er (hier), und für ihn klingt Thurnhers Text „wie die Resolution der Protestversammlung der Kutscher gegen die nahende Dampfeisenbahn„.

Sein Fazit:

Thurnher nennt die Blogs „egomanische Ich-AGs“, ich nenne sie klassisches Geschichtenerzählen, das jedermann zugängliche Äquivalent zum Autoren-Kino. Diese Themenstellung benötigt nichts außer einer plastischen Beschreibung von Erlebtem und der offenen Zurschaustellung von Gedanken.

That’s it, und ob Karl Kraus Blogger gewesen wäre, weiß ich nicht, großes Autorenkino war er aber in jedem Fall. Und übrigens: Die „Fackel“ hängt als digitale Version im Netz. Hier registrieren, und los geht’s.

Thema: Allgemein, Literatur, Politik | Kommentare (4) | Autor:

The Yes Men

Samstag, 15. November 2008 0:07

This guy’s just a garbage man. There ought to be limits to freedom. Of course I don’t appreciate it — and you wouldn’t either.
(George Walker Bush)

Not amused war der Herr Präsident, als er die Bekanntschaft mit „The Yes Men“ machte. Wobei, Bekanntschaft, wäre zu viel gesagt: Bush kannte die Kerle ja nicht, die für seine gefakte Website (http://www.gwbush.com) verantwortlich waren, auf der er während seines ersten Wahlkampfes im Jahre 2000 allerlei Bosheiten über sich selbst zu lesen bekam.

Schade, dass es diese Seite nicht mehr gibt; aber auch die jüngste Intervention von „The Yes Men“ kann sich sehen lassen: Letzten Mittwoch ließen sie eine täuschend ähnliche Sonderausgabe der New York Times in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplare in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington von tausenden Helfern kostenlos verteilen. Die Ausgabe, datiert mit 4. Juli 2009, „Iraq War ends“ als Headline, nahm Barack Obamas Wahlkampfankündigungen ernst und imaginierte eine Welt ohne Guantánamo und mit Krankenversicherung für alle Amerikaner. Die mediale Intervention, die auch als Website existiert, ging rund um den Globus.

The Yes Men“ sind gewissermaßen digitale Situationisten, die den Herren der digitalen Ökonomie so manchen Streich spielen. Bekannt geworden sind sie im Jahre 1999, als sie die Website der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation – WTO) nachbauten und darauf u.a. die Wiedeinführung der Sklaverei anregten – als wirksamste Strategie zur Bekämpfung der Armut in Afrika. Einige Jahre später im Jahre 2004, am 20. Jahrestag der Giftkatastrophe im indischen Bhopal, gab ein Mitglied des Kollektivs ein Interview für BBC World. Als Sprecher von Dow-Chemical kündigte er an, dass sein Unternehmen die Familien der Opfer der Chemiekatastrophe mit mehr als 12 Milliarden Dollar entschädigen werde. Die Aktionäre von Dow-Chemical schmissen die Nerven weg, der Kurs sackte kurzfristig dramatisch ab.

Im Web und auf Youtube sind weiter Aktionen der „Yes“-Männer dokumentiert.

Thema: Allgemein, Fotografie, Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Nachtrag zu Haider

Sonntag, 26. Oktober 2008 0:51

In einer seiner Kolumnen im Standard zitiert Hans Rauscher eine Aussage des neuen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler aus dem Jahre 2006 zum Ortstafelurteil des Verfassungsgerichtshofes:

Der Rechtsstaat ist das eine, und ein gesundes Volksempfinden das andere – und ich glaube, ich habe ein gesundes Volksempfinden.

In einem Profil-Interview aus dem heurigen Jahr geht Dörfler nochmals auf diese Aussage ein:

Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich wusste nicht, dass der Spruch aus der NS-Zeit stammt. Ich habe mich mit dem Nationalsozialismus nie beschäftigt. In der Schule und in der Familie war es nie ein vorrangiges Thema. Und danach haben sich für mich andere Fragen gestellt. Ich habe wenig Wissen über die Nazi-Zeit. Aber ich verurteile alle Gräueltaten, egal, von wem sie begangen wurden.

Am 25. April 2001 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Kommentar von Eva Menasse, den ich hier in einem längeren Auszug wiedergebe, weil er an Aktualität nicht zu überbieten ist:

Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel „erlernt“, und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, „keinen Spaß zu verstehen“. Von der „Dämonie der Gemütlichkeit“ schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse.
(…)
Ein FPÖ-Funktionär ehrt langjährige Parteimitglieder mit dem Satz „Unsere Ehre heißt Treue“? Oh, er hatte keine Ahnung, daß es sich um den Leitspruch der Waffen-SS handelt! Er entschuldigt sich betreten, und alles ist wieder gut.
(…)
Ein Land voller Unschuldslämmer eben, die von allen Fettnäpfen immer ausgerechnet in die braunen treten. Dabei wäre allein ihre ostentativ herausgekehrte Geschichtsunwissenheit bereits Provokation genug. Am Aschermittwoch stellte Jörg Haider, mit Bezug auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, die rhetorische Frage, wie jemand, der „so viel Dreck am Stecken“ habe, ausgerechnet Ariel heißen könne. Sein Publikum johlte. Dreck am Stecken, Drecksau, Saujud; Ariel, Waschmittel, Säuberung, Seife – aber solche bösen Assoziationen werden ja angeblich nur von den hysterischen „Gutmenschen“ hergestellt. Jörg Haider hält seine Wortwahl für „notwendige politische Diskussion“: Es dürfe nicht verboten sein, „jemanden zu kritisieren, der sich in einer schwierigen Lage im Ausland negativ über Österreich geäußert hat“, noch dazu einer, „der einmal zugewandert ist und dem Österreich eine friedliche Heimat geworden ist“. Jude, heimatloser Geselle, undankbarer Vaterlandsverräter – ein antisemitisches Stereotyp ist beinahe zu hundert Prozent erfüllt, doch Haider und sein Publikum können es vor lauter Lachen einfach nicht erkennen, genauso wie viele Kommentatoren das noch immer nicht für eindeutig genug hielten, um sich zum Protest aufzuschwingen. Wo beginnt eigentlich der Antisemitismus, der öffentlich auch als solcher begriffen wird? Vermutlich erst, wenn Juden körperlich attackiert werden.

Im CLUB 2 vom Mittwoch dieser Woche zum Thema Mythos Haider, an dem – neben Hans Rauscher und Eva Menasse – unter anderen auch Walter Meischberger, Weggefährte Haiders, Mitglied der so genannten Buberlpartie und ehemaliger FPÖ-Generalsekretär, teilgenommen hat, wurde die Assoziationskette, die Eva Menasse im Zusammenhang mit den Haider-Auslassungen über Ariel Muzicant in ihrem Kommentar so präzise offengelegt hat, zitiert – und zwar von Meischberger, der diese Textstelle vorlas; als Beleg dafür, dass die „veröffentlichte Meinung“ ständig „dem Jörg“ alles mögliche „andichtete„, wie er hervorhob. Der Autorin warf er vor, „schändlich“ agiert zu haben, habe „der Jörg“ doch nie und nimmer „Drecksau, Saujud“ gesagt, sondern lediglich einen Scherz gemacht – einen nicht besonders guten zwar, der ihm, so Meischberger, „nie über die Lippen käme„, aber, „so war er halt, der Jörg„.

Hans Rauscher („Passen’s auf, was Sie sagen, Herr Meischberger, sie reden sich gerade um Kopf und Kragen„) und Eva Menasse („Ja haben Sie denn keine Ahnung von Bedeutungsketten?„) wollten und konnten nicht glauben, was sie da hörten. Ist Meischberger, der hier stellvertretend für alle Dumpfbacken steht, wirklich so blöde, oder leistet er sich diese ignorante Position, weil er darauf vertrauen kann, dass dieses niederträchtige Wortspiel von der überwiegenden Mehrheit sehr wohl so „verstanden“ wurde, wie von Eva Menasse weitergedacht, aber lediglich bei einer vernachlässigbaren Minderheit auf empörte Ablehnung stößt, bei der „schweigenden Mehrheit“ getreu dem Motto „War ja eh nur a Gaudi“ hingegen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird?

Ich weiß es nicht. Mir wurde nur wieder einmal klar, dass es absolut sinnlos ist mit Dumpfbacken derartige Diskussionen zu führen.

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Claus Gatterer

Dienstag, 6. Mai 2008 20:43

Alljährlich vergibt der Österreichische Journalisten Club, die größte Journalistenorganisation Österreichs, den Claus-Gatterer-Preis an sozial engagierten Journalismus. Der mit 5000 Euro dotierte Preis erinnert an einen Journalisten, der in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren zunächst als Printjournalist bei den „Tiroler Nachrichten“ und den „Salzburger Nachrichten„, danach im „Forum“ und im „Express“ tätig war, ehe er im Jahre 1972 zum ORF kam, wo er von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 1984 die Leitung des Fernsehmagazins „teleobjektiv“ innehatte.

Warum Claus Gatterer für dieses Land so wichtig war, zeigen zwei Artikel (der erste beschäftigt sich mit dem Fall Borodajkewycz, der zweite mit dem skandalösen Freispruch des Naziverbrechers Franz Nowak) die 1966 nicht in österreichischen Zeitungen, sondern in der renommierten „Zeit“ in Hamburg erschienen sind, und die ich im Zeit-Archiv entdeckt habe. Übrigens: In diesem Online-Archiv sind sämtliche seit 1946 in der „Zeit“ erschienene Artikel kostenfrei zugänglich!

DIE ZEIT, 27.05.1966 Nr. 22
Der Wiener Professorensturz – Das Ende der Affäre Borodajkewycz
Wien, Ende Mai

In einem lakonischen Vier-Zeilen-Kommunique teilte der Disziplinarsenat der Wiener Hochschule für Welthandel am vergangenen Wochenende mit, daß der zweiundsechzigjährige Historiker Professor Taras von Borodajkewycz strafweise in den dauernden Ruhestand versetzt worden ist. Keine Begründung, kein Kommentar. Das Ende der Affäre, die Österreich seit dem März 1965 bewegt, war in der Eindeutigkeit der Entscheidung ganz und gar unösterreichisch.
Das Kapitel Borodajkewycz ist wohl das betrüblichste in der Geschichte der Zweiten Republik. Der Historiker lehrte die Hörer, daß die österreichische Verfassung eine „Schöpfung des Juden Kelsen, der früher Kohn hieß“, sei und die Weimarer Verfassung ein Werk des „Juden Hugo Preuss“; vieles an Karl Marx, sagte er, sei nur verständlich, wenn man um dessen Herkunft aus dem Rabbinertum wisse. Rosa Luxemburg bezeichnete er als „jüdische Suffragette“.
Die „österreichische Nation“ kann für Borodajkewycz „nur zwischen Unkraut gedeihen“; das Jahr 1945 hat nach diesem Historiker „den bisherigen Kodex der Menschheit umgestülpt und Feigheit, Fahnenflucht, Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes gepriesen“. Auch die österreichische Eigenstaatlichkeit ist für den großdeutschen Professor aus der Ukraine, der 1934 schon, obwohl Katholik, illegaler Nazi war und als Staatsarchivar „im Hause des Bundeskanzler selbst ein sicheres illegales Depot“ für die Nazibewegung errichtet hatte, zumindest problematisch. „Es ist nur ein. Teil der gesamtdeutschen Katastrophe“, schrieb er im Bonner „Parlament“, „daß wir deutschen Österreicher zum zweiten Male innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben“ — jenes Vaterland, in welchem „der glanzvollste Redner des zwanzigsten Jahrhunderts, der Redner par excellence“, Adolf Hitler, regierte.
Nicht gegen Borodajkewycz, sondern gegen das, was er lehrte, gingen am 31. März 1965 ehemalige Widerstandskämpfer, Studenten, „österreichische Österreicher“ aller Art in Wien auf die Straße; die Freunde des Historikers veranstalteten eine Gegendemonstration — angeblich um die Hochschulautonomie zu verteidigen. Bei einem Zusammenstoß wurde ein alter Mann — der Kommunist Ernst Kirchweger — niedergeschlagen und getötet; der Schläger war ein wegen rechtsextremistischer Betätigung schon vorbestrafter Student, Anhänger des „Ringes Freiheitlicher Studenten“ (RFS), jener Corps und Burschenschaften, die gerade an der Hochschule, an der Borodajkewycz lehrte, eine ihrer Hochburgen haben. Ein Zufall? Ein Zufall, daß aus den Reihen des RFS der Propagandist des Südtirolterrors, Norbert Burger, und viele der Freiwilligen seiner „Kinderkreuzzüge gegen Italien“ kommen? Das Üble am Fall Borodajkewycz war, daß die Geister, die er freigesetzt hat, weiter wirkten und weiter wirken.
„Ein Symptom wäre bereinigt. Wer wagt sich an die Ursachen?“ fragte die katholische Wiener „Furche“. Einen Tag nach der Zwangsbeurlaubung des Historikers sandte NBC in Amerika einen Dokumentarfilm über antisemitische Strömungen in Österreich. Borodajkewycz kam in der Sendung auch selber zu Wort: er sei, sagte er, an antisemitischen Regungen völlig schuldlos; er werde nur verfolgt, weil er sich als Deutscher fühle und weil er offen bekenne, Nazi gewesen zu sein. Hatten die meisten Österreicher den Spruch des Disziplinarsenats gegen den Historiker ungerührt gelassen zur Kenntnis genommen, die Tatsache, daß die Amerikaner nach antisemitischen Regungen in Österreich zu forschen wagten, regte nun sehr viele sehr heftig auf.
Die „Neue Front“, das Zentralorgan der Freiheitlichen, meinte, die „notorischen Neonazigespensterseher“ hätten den „Hetzfilm über Österreich“ nur wegen der exorbitant hohen amerikanischen Honorare „zusammengebraut“. Der sozialistische „Expreß“ und das ÖVP-Zentralorgan „Volksblatt“ hielten den Amerikanern in seltener Einmütigkeit die Rassisten im eigenen Haus („gummikauende, Hamburger essende Ku-Klux-Klan-Leute“) und den strammen österreichischen Antikommunismus vor. An diesem Film „An Austrian Affair“ reagierte man also ab, was sich an dem endlich bereinigten Fall Borodajkewycz schicklicherweise nicht abreagieren ließ. Auch dies ein Symptom? Wahrhaftig: „Wer wagt sich an die Ursachen?“

DIE ZEIT, 14.10.1966 Nr. 42
Wien, im Oktober

Heimat bist du großer Söhne?“ Diese Verszeile aus der österreichischen Nationalhymne wurde, groß auf ein Transparent gemalt, einem Zug von Studenten vorangetragen, die gegen den Freispruch des „Fahrdienstleiters des Todes“, Franz Novak, durch ein Wiener Geschworenengericht demonstrierten.
Novak, 1913 geboren, seit 1929 in der HJ, 1934 am NS-Putsch in Österreich beteiligt, mit Adolf Eichmann zur „Endlösung der Judenfrage“ in Wien, Prag und Budapest eingesetzt und für die Organisation der Massentransporte in die Vernichtungslager mit einer steilen SS- Karriere belohnt — dieser Franz Novak lebte gutbürgerlich als Druckereileiter in Wien und erhielt sogar die österreichische Staatsbürgerschaft wieder. Bis 1960 als „Abfallprodukt“ des Eichmann-Verfahrens sein Steckbrief nach Wien gelangte.
Im ersten Prozeß wurde er 1964 wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ zu acht Jahren verurteilt; der Oberste Gerichtshof aber hob den Spruch wegen eines formalen Fehlers auf. Im zweiten Prozeß wurde die direkte Mitschuld Novaks an den Massenvernichtungen noch klarer nachgewiesen. Das Ergebnis: Die Geschworenen erkannten ihn mit 7 zu 1 Stimmen der „öffentlichen Gewalttätigkeit“ schuldig; billigten ihm aber „unwiderstehlichen Zwang“ — Befehlsnotstand — zu. Novak verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Novak hatte keinen Befehlsnotstand geltend gemacht, aber die Geschworenen in ihrem „gesunden Volksempfinden“ billigten ihm diesen zu. Das erschien ihnen offenbar ganz selbstverständlich. Und wie sollte es denn auch anders sein, wenn die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum millionenfachen Massenmord zur „öffentlichen Gewalttätigkeit“ bagatellisiert? Wenn seit spätestens 1949 allen ehemaligen Nazigrößen gemäß Österreichs offizieller Formel, das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein, Generalabsolution erteilt wird? Wenn Minister den grassierenden Antisemitismus wider besseres Wissen leugnen und manche Parteien ihn sogar ungeniert im Wahlkampf benützen? Wie sollte es anders sein, wenn den durch Bluturteile belasteten Dienern der Justiz nicht nahegelegt wird, freiwillig in Pension zu gehen? Wenn Hitlers Krieg noch heute als ein „antibolschewistisches“ Unternehmen (mit einigen bedauerlichen Exzessen) definiert wird?
Nicht für Novak gilt der Notstand. Er gilt für die österreichischen Geschworenen. In sechzehn Kriegsverbrecher-Prozessen seit 1960 gab es acht Freisprüche, und der für die Deportierung von rund 100 000 holländischen Juden verantwortliche Rajakowitsch kam, wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ verurteilt, mit 30 Monaten Kerker davon.
Auf einen „Fortschritt“ muß indessen hingewiesen werden: In Wien wurde zu Novaks Freispruch nicht schon im Gerichtssaal applaudiert, wie sonst üblich ist.

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