Beiträge vom September, 2008

Last opportunity

Dienstag, 30. September 2008 10:47

Wäre nicht die weltweite Finanzmarktkrise, die in den kommenden Wochen und Monaten auch in der europäischen und österreichischen Realwirtschaft massiv einschlagen wird, man könnte das Wahlergebnis vom letzten Sonntag als durchwachsen bezeichnen und sich zunächst einmal vorbehaltlos freuen über die Ankunft der ÖVP im „Tal der Tränen„, und mit tiefer Genugtuung feststellen: „Dort gehört sie auch hin!“ (Michael Häupl am Freitag vor der Nationalratswahl). Der Absturz der Volkspartei, das Ende der Ära Schüssel-Bartenstein-Molterer, und die gestern vorgenommene rasche Designierung Josef Prölls zum neuen Parteichef bereiten auch allen Spekulationen ein Ende, die ÖVP könnte mit den rechten Hooligans eine Regierungsbildung anstreben. Das Signal für Rot-Schwarz (inklusive grün?) steht jedenfalls auf grün.

Wie gesagt, wäre nicht der „Finanzmarkt-Tsunami“ (Fritz Plasser), man könnte darauf bauen, dass Sozialdemokraten und Volkspartei verlorengegangene Wählerinnen und Wähler bei der nächsten Wahl wieder zurück holen werden.

Wie gesagt, wäre nicht die drohende Weltwirtschaftskrise …

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Hollywoods hand

Sonntag, 21. September 2008 8:04


Maximilian und Franz

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich einem Oscar-Preisträger und Hollywoodstar die Hand schütteln kann, aber da Franz mit Maximilian Schell seit Jahren mehr oder weniger dicke ist und ich wiederum mit Franz, bin jetzt auch ich mit Maximilian dicke. Hätte ich mir gestern noch nicht gedacht. However, der weltberühmte Schauspieler kam eigens nach Wien zur WIPA 2008 ins Austria Center. Für Nichteingeweihte: WIPA steht für Wiener Internationale Postwertzeichen Ausstellung. Für alle Philatelisten, also für jene Spezies Mensch, die gemeinhin als Briefmarkensammler bezeichnet wird, ein absolutes Highlight, und weil die Österreichische Post Maximilian Schell eigens eine Marke gewidmet hat, schaute der Star himself für ein Interview und eine Autogrammstunde vorbei.

Der mittlerweile 77-jährige Schell ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der obendrein über die rare Gabe verfügt, prominente Kollegen hinreißend zu imitieren. Das Interview mit dem tranigen Krone-Journalisten Georg Markus hat er, wie man so sagt, geschmissen, indem er dessen hintergründige Fragen ignorierte und stattdessen amüsante Anekdoten und Schnurren aus seiner langen Karriere zum Besten gab. So erzählte er u.a., dass ihm eigentlich Marlon Brando, mit dem er sich im Zuge der Dreharbeiten zu „Die jungen Löwen“ anfreundete, die englische Sprache beibrachte. Im Gymnasium musste er auf Anraten des Vaters Griechisch wählen, war dieser doch felsenfest davon überzeugt, die Sprache Homers könne man im späteren Leben immer brauchen; Englisch hingegen sei nur nützlich, um Shakespeare im Original zu lesen, was zwar auch nicht schlecht sei, aber als Argument viel zu schwach, um auf das Erlernen des Griechischen zu verzichten. Deshalb hatte Schell in Hollywood seine Rollen zunächst phonetisch zu erarbeiten, ehe er mit Hilfe von Brando die englische Sprache sich aneignen konnte.

Maximilian Schell ist mir vor allem in der Rolle des Strafverteidigers der Nazirichter in Erinnerung (Das Urteil von Nürberg von Stanley The Message Kramer), für die er 1962 den Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller bekam, aber auch als Regisseur der Dokumentarfilmportraits über die große Marlene Dietrich (Marlene) und Maria Schell (Meine Schwester Maria).

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Rien ne va plus

Donnerstag, 18. September 2008 18:07

Das ist die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg, da gibt es nichts zu beschönigen. Die ganze Branche ist einfach explodiert. Allerdings war das auch überfällig. Die US-Finanzbranche war völlig aufgebläht und rücksichtslos geworden. Jetzt werden ihr die Zügel angelegt.“ (Kenneth Rogoff)

Wenn ein Wirtschaftliberaler, wie der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Kenneth Rogoff, davon spricht, dass man nicht mit „dünner Luft Geld verdienen kann“ (vgl. Spiegel-Interview), dann bezieht er sich darauf, dass der US-Finanzsektor jährlich rund ein Drittel aller Unternehmensgewinne einsackt, obwohl er nur rund 3-4% des Bruttosozialprodukts der Vereinigten Staaten erwirtschaftet. So hat etwa die größte amerikanische Investment-Bank Goldman Sachs im Jahre 2006 die unvorstellbare Summe von rund 25 Milliarden Dollar an Bonuszahlungen an seine 4000 Beschäftigten verteilt (= 6,25 Millionen Dollar pro Mitarbeiter im Durchschnitt).

Doch blenden wir kurz zurück:
Nach 9/11 hatte die Federal Reserve (FED) eine Niedrigzinspolitik forciert, um nach dem Platzen der Dotcom-Blase und den Terroranschlägen in New York Panikverkäufe an den Börsen zu verhindern. Kredite waren billig, wie schon lange nicht mehr zu haben, die Zinsen sanken zwischen 2001 und 2003 von 6,5% auf 1%, also unter die Inflationsrate. Gleichzeitig mit dieser Niedrigzinspolitik – und durch diese wiederum befördert – setzte ein Bauboom ein, der es vielen Amerikanern aus der Mittelschicht ermöglichte, sich den Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen. Da die Nachfrage nach Häusern schneller stieg als das Angebot, also die Immobilienpreise ebenfalls in die Höhe kletterten, kamen so manche Amerikaner überdies auf die Idee, ihre auf Pump erworbenen Häuser als Geldmaschine zu verwenden: Sie verkauften das Haus mit Gewinn gleich wieder weiter. Daran haben vor allem Banken, Anleger und Kreditvermittler solange glänzend verdient, bis die Immobilienpreise in den Keller rasselten und die Kreditzinsen wieder anzogen.

Man müsste dem Krachen der Investment-Banken wie Lehman Brothers und aller noch folgender Banken, die mit Spekulationsgeschäften Abermilliarden verdient haben, keine Tränen nachweinen, wären die Folgen für die Realwirtschaft und damit für Millionen von Menschen nicht derart dramatisch, dass man zur Zeit überhaupt noch nicht abschätzen kann, was das konkret bedeuten wird.

Auf Grund des Volumens der Immoblienblase (Analysten sprechen von bis zu 8 Billionen Dollar, was rund 2/3 der jährlichen US-Wirtschaftsleistung wäre), und vor dem Hintergrund der globalen Finanzmarktvernetzung braucht man keine profunden Börsenkenntnisse zu besitzen, um zu ermessen, dass die Lage verdammt ernst ist. Bekanntlich haben alle großen Nationalbanken, die FED, die Europäische Zentralbank (100 Milliarden Euro allein in den letzten Tagen!), die Bank of England und andere Nationalbanken, seit Monaten wiederholt Milliarden an Dollars und Euro in den Markt gebuttert, um eine Geldknappheit im Finanzsystem zu verhindern. Wenn aber die Banken untereinander kein Vertrauen mehr haben, sich also kein Geld mehr leihen, wird’s allmählich wirklich dramatisch.

Und wer trägt Schuld an dieser Situation?
Wenn Rogoff der US-Regierung unter Georg W. Bush und dem Wegschauen bei der Bankenaufsicht und -kontrolle einen wesentlichen Anteil an der globalen Finanzmarktkrise zuweist, dann mag da schon was dran sein. Noch plausibler erscheint mir aber jener Aspekt, den der Wirtschaftsliberale Erich Streissler in einem Standard-Interview angesprochen hat:

Seit 2000 wird weltweit mehr gespart als investiert: Kapitalverwertungsprobleme, hätte unser Freund Karl Marx gesagt. Die US-Banken nehmen zwei Drittel bis drei Viertel der Ersparnis-Überschüsse der ganzen Welt auf. Sie versuchen verzweifelt, damit irgendetwas zu machen. Gerade die letzte industrielle Revolution im Bereich Computer, Software, Internet war mit niedrigem Investitionsbedarf verbunden. Was macht man da mit den ganzen Ersparnissen? Finanzspekulationen, das ist die einzige Möglichkeit. Das heißt letztlich, Gewinne auf Kosten anderer zu machen, weil real nichts produziert wird.“

Im Lichte dessen ist die Aufregung über die Zockermentalität der Banken höchst fadenscheinig: Wenn die US-Notenbank jahrelang billiges Geld bereitgestellt hat, im Wissen, dass ohnehin unfassbar viel Geld im US-Finanzmarkt vorhanden war, das nicht in die Realwirtschaft investierbar war (Warum eigentlich nicht?), dann hat man die jetzt beklagte Casino-Mentalität mitbefördert, dann hat man die Gier von selbst angezündet, deren Flächenbrand man jetzt auf Kosten aller zu löschen versucht. Absurd, oder nicht?

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To be fair or not to be fair

Montag, 15. September 2008 17:35

Im CLUB 2 zum Thema „Wahlkampf –Image ist alles“ (hier zum Nachsehen) hat der Kommunikationsexperte Dietmar Ecker, Ex-Berater von Franz Vranitzky und ehemaliger Pressesprecher von Finanzminister Ferdinand Lacina, eine äußert interessante Geschichte aus dem Wahlkampf im Jahre 1995 erzählt. Die Volkspartei unter Wolfgang Schüssel hat nach wenigen Monaten die Koalition mit der SPÖ platzen lassen, und konnte sich auf Grund der Wahlprognosen, die von Woche zu Woche für die Vranitzky-SP trostloser wurden, berechtigte Hoffnungen machen, nach Jahrzehnten wieder stimmenstärkste Partei zu werden (Stichwort: Schüssel-Ditz-Kurs). Die SPÖ konnte nur noch auf Vranitzkys TV-Performance vertrauen, die dieser in den Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach unter Beweis gestellt hatte. In der großen Fernsehkonfrontation sollte er durch einen Kraftakt den Einzug Schüssels ins Kanzleramt quasi im letzten Moment noch verhindern.
Doch dann erkrankt Vranitzky an Grippe. Vollgepumpt mit Medikamenten schleppt er sich ins Fernsehstudio. In der einstündigen Diskussion, in der Schüssel unaufhörlich bissige Breitseiten gegen den Kanzler abfeuert, muss sich der fiebernde Vranitzky mehrfach den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn wischen – Szenen vermeintlicher Schwäche, die der ORF-Kameramann den Zusehern live in die Wohnzimmer liefert.
Noch während der Diskussion ist für Ecker klar, dass die Wahlen für die SPÖ verloren sind. Doch dann passiert etwas, mit dem niemand rechnen konnte: Die Telefone im ORF-Kundendienst und in der SP-Parteizentrale laufen heiß, hunderte Anrufer, zumeist Pensionisten, zeigen sich zutiefst empört über die gallige Art, mit der Schüssel den sichtbar kranken Kanzler traktierte.
Daraufhin konzipierte Ecker den berühmt gewordenen „Pensionistenbrief„, der eine Woche vor dem Wahltag an alle Haushalte verschickt wurde. Am 17. Dezember 1995 feiert die SPÖ einen eindeutigen Wahlsieg, kann um 4% zulegen und den Abstand zur Volkspartei auf über 10% vergrößern.

Ein feines Beispiel dafür, dass Wahlen mitunter aus ganz anderen Motiven gewonnen oder verloren werden, als wir gemeinhin annehmen.

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Lindschi

Samstag, 13. September 2008 18:12


Ernst Molden in der Bunkerei

Am 12. September 2003 starb Johnny Cash in Nashville, Tennessee. Auf den Tag genau fünf Jahre später trafen sich einige Seelenverwandte in der Bunkerei im Wiener Augarten, um unter dem Motto „No cash. No hope“ den „Man in Black“ hochleben zu lassen. Mika Vember & Band (große Entdeckung), Ernst Molden und Fritz Ostermayer, der in den kurzen Umbaupausen die randvolle Hütte mit dem Anlass entsprechenden Songs beschallte. Ernst Molden und seine kongenial ins Wienerische transponierten zeitlosen Songs von Dylan, Oldham, Williams, Cave und eben Cash muss man einfach lieben.

Ein Beispiel:
Der Song „Give my love to Rose“ von Johnny Cash, der folgenden Refrain hat:

Give my love to Rose, please, won’t you mister?
Take her all my money, tell her „Buy some pretty clothes.“
Tell my boy that daddy’s so proud of him.
And don’t forget to give my love to Rose.

Bei Ernst Molden heißt der Song „Lindschi„, und hier seine wunderbare Übersetzung des Refrains:

Geh hearst, gib da Lindschi no a Bussi,
bring ihr de zwa Kilo, Oida, sei so guad zu mir,
sag mein Buam, i find eam wirklich leiwand,
und des Bussi legst da Lindschi vur de Tir.

Lindschi“ zum Anhören

Wenn ich solche Texte höre, bin ich nicht nur nahe am Wasser gebaut, sondern längst im Wasser. Danke, lieber Ernst Molden.

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Idiotie

Freitag, 12. September 2008 14:43

Wenn die SPÖ diese Wahl doch noch verlieren sollte, dann nur deshalb, weil sie schlicht und einfach zu blöd ist, um zu gewinnen. Man beantragt eine Parlamentssondersitzung, in der über das von der SPÖ eingebrachte und den Wahlkampf bislang thematisch dominierende 5-Punkte-Programm diskutiert werden soll, der ORF berichtet live, aber alle SPÖ-Regierungsmitglieder sind nicht im Parlament. Zu Recht beantragen die Parteichefs der anderen Parteien die „Beibringung“ von Faymann und Buchinger (Gusenbauer ist entschuldigt, weil er sich im EU-Ausland befindet).
Blöder geht’s nimmer.

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Werner wird’s machen!

Mittwoch, 3. September 2008 17:50

In einem Kommentar zu meinem gestrigen Blogeintrag wird die Ansicht vertreten, dass es sich bei der kommenden Nationalratswahl um eine Richtungsentscheidung handle und eine Koalition von Schwarz-Blau-Orange als sehr wahrscheinliche Variante abermals drohe. Welche Gründe aus meiner Sicht gegen die Neuauflage einer Dumpfbacken-Koalition sprechen, werde ich im Folgenden kurz versuchen zu erläutern.

Erstens:
Werner Faymann, genauer, Werner Faymann und die SPÖ werden die Nationalratswahl gewinnen! Faymann verkörpert absolut authentisch einen pragmatischen (linken) Populismus. Mit dem Fünf-Punkte-Programm gegen die Teuerung hat die SPÖ eindeutig die Themenführerschaft übernommen, und – ganz zentral – Faymann weiß im Unterschied zu Alfred Gusenbauer von der Macht und Kraft symbolischer Politik. So spricht er etwa in seiner Rede zum Wahlauftakt der SPÖ (letzten Freitag in der Wiener Stadthalle) die anwesenden Funktionäre, Gewerkschafter, Betriebsräte und einfachen Parteimitglieder mehrfach mit „Genossinnen und Genossen“ an. Eine Anrede, die Gusenbauer nicht einmal am 1. Mai-Aufmarsch über die Lippen gekommen wäre – und wäre sie es, und dies muss zur Verteidigung Gusenbauers angeführt werden, sie wäre als taktisches Manöver durchschaut worden. Hingegen, wenn Faymann die Gewerkschaften wieder ins gemeinsame Boot holt, dann wird das nicht als Wahltaktik verstanden, wiewohl es das selbstverständlich auch ist, sondern als überzeugender Appell zur Solidarität innerhalb der sozialdemokratischen Gesinnungsgemeinschaft. In Faymanns „Gemeinsam-sind-wir-nicht-zu-schlagen!„-Haltung drückt sich, bei aller Inszenierung, eine Authentizität aus, die ihn als unverbogenen Kerl erscheinen lässt, und nicht als positionslosen und aalglatten Politiker, als den ihn die VP und ihr nahestehende Journalisten uns glauben machen wollten. Es gelingt ihm, mit klaren Worten einen sozialdemokratischen Pragmatismus zu vermitteln, einen Pragmatismus, den er als bekennender Konsenspolitiker auch authentisch „verkörpert“ – wie man etwa auch in der TV-Konfrontation mit Alexander van der Bellen sehen konnte. (Hier zum Nachschauen).
Deshalb, denke ich, wird die SPÖ ihre Kernschichten und Stammwähler behalten, nahezu nichts an die FPÖ verlieren und die marginalen Verluste bei Teilen der Intellektuellen (Stichwort: EU und Krone) verkraften können.

Zweitens:
Die ÖVP und Molterer/Schüssel werden eindeutig verlieren – und aus der Politik verschwinden!
Die ÖVP hat ein massives strategisches Problem und einen espritlosen Spitzenkandidaten, sodass sie selbst ihr Stammwählerpotential, das ohnehin geringer ist als jenes der SPÖ, nur zum Teil wird ausschöpfen können. Die Volkspartei hat keine eigenständigen Themen, weil alle Positionen, die sie im Wahlkampf zu lancieren versucht, von anderen Parteien übernommene sind: „Ausländer“ oder „Sicherheit“ von der FPÖ, „Familienbeihilfe“ und „Karenzgeld“ von der SPÖ, wobei sich die Volkspartei mit der Übernahme von SP-Forderungen, folglich von Positionen, die von der SPÖ in der Regierung forciert und von der ÖVP jahrelang blockiert und abgelehnt wurden, überdies ein veritables Glaubwürdigkeitsproblem eingefangen hat.
Auf Basis dieses Befundes schließe ich, dass die ÖVP weiter Stimmen an die FPÖ und die SPÖ verlieren wird, jene Wählerstimmen, die Schüssel 2002 nur dank K. H. Grasser holen konnte und die 2006 nur deshalb nicht gänzlich an die FPÖ und die SPÖ zurückgeströmt sind, weil sich die Dumpfbacken bekanntlich untereinander bekriegt haben. Ich denke, das werden so rund 5% der abgegebenen Stimmen sein, die die Volkspartei an FPÖ und SPÖ verlieren wird. Überdies kann Molterer Kärnten abschreiben, und in Tirol wird ihm auch die Liste Fritz zu schaffen machen. Da Erwin Pröll und die niederösterreichische VP nicht so, wie sonst gewohnt, in die Hände spucken werden, und die SPÖ in Wien, wo Faymann langjähriger Wohnbaustadtrat gewesen ist, einen massiven Überhang an Stimmen herausholen wird, muss die VP, die 2006 knapp 34% der Stimmen erreicht hat, hoch zufrieden sein, wenn sie am 28. September in etwa das Ergebnis von 1999 einfährt, also auf etwa 27% kommt. Ich denke, es werden noch weniger werden. Jedes darüber liegende Ergebnis wäre meinem Erachten nach eine echte Überraschung!

Drittens:
Nun werden zwar vermutlich auch nach dieser Wahl die rechten Parteien rein rechnerisch über eine Mehrheit im künftigen Nationalrat verfügen – wiewohl auch hier noch alles offen ist, weil 2-3% in die eine oder andere Richtung eine völlig neue Ausgangslage schaffen könnten -, aber im Unterschied zu den letzten Wahlgängen ist das keine Trumpfkarte mehr im Koalitionspoker: H. C. Strache und seine FPÖ werden nämlich mit Sicherheit nicht in eine Regierung mit dem BZÖ gehen, und eine VP-Minderheitsregierung, die von den Rabauken möglicherweise geduldet werden würde, kann sich die VP abschminken, weil sie nicht die stimmenstärkste Partei wird.

Viertens:
Die Grünen sind aus dem Spiel. Sie werden ihr Wahlergebnis von 2006 kaum halten können, weil ihnen insbesondere das Antreten Heide Schmidts, mit Abstrichen aber auch der Liste Fritz, der Liste Rettet Österreich und der Linken Liste ebenso wichtige Stimmen kosten wird wie insgesamt der sich zunehmend auf Faymann oder Molterer zuspitzende Wahlendkampf. Ich denke, sie müssen froh sein, wenn sie 9% der Stimmen einfahren können.

Fünftens:
Was passiert mit den Kleinparteien, also mit BZÖ, LIF und Liste Fritz? Die anderen Parteien (Die Christen, Rettet-Österreich, die Linke Liste und die KPÖ) werden nur insofern eine Rolle spielen, weil sie zusammen auch auf rund 3-4% der Stimmen kommen können, was letzten Endes nicht ganz unbedeutend sein könnte (siehe Fazit).
Das BZÖ wird sich wohl verbessern können, und nicht nur in Kärnten, sondern auch in anderen Bundesländern von FPÖ wie ÖVP Stimmen holen. Ich rechne, dass sie auf 6-7% der Stimmen kommen werden. LIF und Liste Fritz sind kaum auszurechnen, wobei ich dem LIF deshalb mehr Chancen einräume, weil die de facto Nullpräsenz im Fernsehen vor allem Dinkhauser schaden wird. Dennoch gehe ich einmal davon aus, dass beide Parteien jeweils so um die 3-4% der Stimmen erreichen können, mit leichten Vorteilen für Heide Schmidt – ob’s für den Einzug in den Nationalrat reicht? Man wird sehen.

Fazit:
Damit komme ich zu folgender Wahlprognose:

32,5% SPÖ
25,5% ÖVP
16,0% FPÖ
9,0% Grüne
6,5% BZÖ
4,0% LIF
3,0% Liste Fritz
3,5% Rest

Wahrscheinlichste Koalition folglich SPÖ-ÖVP unter Werner Faymann und Josef Pröll. Freilich, falls das LIF den Einzug schaffen sollte, die anderen Kleinparteien rund 7% der Stimmen holen (und damit versenken), sodass sich eine Mandatsmehrheit auch mit 46-47% der abgegebenen Stimmen ausgeht, dann wäre – mit sehr viel Glück – eine SPÖ-Grüne-LIF Koalition zumindest theoretisch möglich.

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Seems like Groundhog Day forever

Dienstag, 2. September 2008 18:10

Mir fällt zum Wahlkampf nichts ein. Er kann mein Interesse nicht wecken, weil sein Ausgang schon feststeht. Werner Faymann gewinnt und die SPÖ kommt auf über 30% der abgegebenen Stimmen. Wilhelm Molterer und Wolfgang Schüssel verlieren wieder eine Wahl. So wie 2006 wollen sie es auch dieses Mal nicht kapieren, aber da Christian Konrad und Erwin Pröll von den beiden längst die Schnauze voll haben, werden sie nach einer den Schein wahrenden Bedenkzeit von drei Wochen in die Privatwirtschaft entlassen. H. C. Strache freut sich tierisch über Zugewinne für die FPÖ, darf er doch weiterhin die Rolle des Halbstarken im Nationalrat mimen. Die Grünen bestätigen ihre 11% aus dem Jahre 2006, und, da sie wider Erwarten den vierten Platz vor dem erstarkten BZÖ erreichen konnten, applaudieren sie sich selbst im Rahmen einer Wahlparty mit Slow-Food Produkten aus dem Waldviertel und Bio-Wein aus dem kroatischen Teil des Burgenlandes. Heide Schmidt, obzwar mit ihrem Liberalen Forum knapp an der 4% Hürde gescheitert, reklamiert im Interesse der politischen und moralischen Erneuerung des Landes noch am Wahlabend das Amt der Justizministerin für sich. Ihrem nicht mit der STRABAG abgesprochenen Begehren können weder Bundeskanzler in spe Werner Faymann noch Vize-Kanzler in spe Josef Pröll, die den Staatstanker in den kommenden Jahren durch alle Wirrnisse steuern wollen, nachkommen: Faymann nicht, weil er auch in Zukunft mit Hans Dichand in der Konditorei sitzen möchte, und Pröll nicht, weil ihn Faymann nicht nach seiner Meinung gefragt hat.

Alle freuen sich. Hans Dichand, der jetzt mit einem Bundeskanzler in der Konditorei sitzen darf. Erwin Pröll und Michael Häupl – die Zwei sowieso. Jörg Haider ebenso, kann er doch in seinem Kärnten bei den Landtagswahlen 2009 beinahe die absolute Mehrheit einfahren. Und auch Alfred Gusenbauer; er wird Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Binnenmarkt und Dienstleistungen.

P.S.:
Wir schreiben das Jahr 2016. Die ÖVP beendet die langjährige Zusammenarbeit mit der SPÖ, zwei Jahre vor Ablauf der Legislaturperiode, nachdem Werner Faymann zugunsten von Laura Rudas als Parteivorsitzender der SPÖ zurückgetreten ist. Josef Prölls „Mir reicht’s!“ wird von der bürgerlichen Presse mit großer Begeisterung aufgenommen. Ersten Umfragen zufolge liegt die ÖVP mit 23% knapp vor der SPÖ mit 21%. Die FPÖ könnte demnach mit rund 20% der Stimmen rechnen. Die Liste „ER für Euch“ (ehemals als BZÖ bekannt) und ihr Parteiobmann Jörg Haider liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen mit den Grünen, die unter ihrem Langzeitobmann Alexander van der Bellen als erste den Wahlkampf unter dem Motto „Wieder stärker als das BZÖ – ER für Euch werden!“ eröffnet haben. Beide Parteien kommen in den Umfragen auf etwa 11%. Chancen auf einen Einzug ins Parlament darf sich aber auch das Liberale Forum machen, das erstmals seit 2008 wieder kandidieren wird und das mit der Präsentation ihres Spitzenkandidaten, des ehemaligen EU-Kommissars und früheren Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer, einen absoluter Überraschungscoup landen konnte.

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Do it yourself

Montag, 1. September 2008 18:47


John Currin, „Jaunty und Mame“ (1997)

Da ich mich am Wochenende im Duett mit C. durch die beiden Ausstellung BAD PAINTINGS und Punk – No one is innocent von profunden Kennern führen ließ, genoss ich das Interview mit Paulus Manker im jüngsten Profil ganz besonders. Hier ein kurzer Auszug:

profil: Verfolgen Sie den Wahlkampf?
Manker: Mehr interessiert mich derzeit Amy Winehouse. Da bekommt Kunst endlich wieder diesen verwegen-romantischen Charakter des 19. Jahrhunderts von Baudelaire, Verlaine und später von den Surrealisten. Sie wird wie ein waidwundes Wild gejagt. Und unter dem Brennglas beobachtet man, wie dieser Mensch scheitert und zugrunde geht. Großartig!
profil: Das ist doch tragisch!
Manker: Sie ist eine tolle Künstlerin, hat eine wunderbare Stimme und führt ein völlig verwegenes Leben. Sie macht, was sie will – oder was sie muss, wenn es um Drogen geht. Das geht niemanden etwas an. Dem durchschnittlichen Spießer ist das natürlich too much. Aber wenn die einen Furz lässt, ist das besser als das gesamte Repertoire des Theaters in der Josefstadt! In solchen Sphären hat sich die Kunst zu bewegen! Unerreichbar, unberührbar, jenseitig. Bei uns ist man schon erschüttert, wenn einer einen Joint raucht. Winehouse kann ja nicht wie Maria Rauch-Kallat am heimischen Herd stehen und Fischstäbchen braten!
profil: Diese Leute werden nicht alt.
Manker: Wo steht denn, dass man alt werden muss? Wofür? Für wen? Nur damit man die Pensionen für irgendwelche Halbaffen zahlt? Ich will mein Leben genießen – und wenn es nur 40 Jahre dauert, dann dauert es eben nur 40 Jahre!
profil: Und das Publikum soll dann diese verwegenen Künstlerkerle bewundern, die den Tod nicht fürchten.
Manker: Die Leute bewundern doch den Künstler gar nicht wirklich, sie wollen sich mit ihm nur gemein machen, um ihm dann auf den Kopf zu scheißen. Sie sagen: „Picassos Taube – das kann mein kleiner Fritzi auch.“ Das Lustige ist, der kleine Fritzi könnte es auch, wenn man ihn nur dazu ermutigen würde, dass nämlich nur drei Striche eine Taube sein können oder dass die Omi zwei Nasen und fünf Augen hat. Aber wenn das Kind das dann malt, hört es: „Geh schau, Fritzi, die Omi hat doch nicht zwei Nasen, du bist doch ein Dummerl.“ Dabei ist das die Entdeckung des Kubismus!

Für die Ausstellung Bad Paintings hat Fritz Ostermayer eine Sammlung musikalischer Grausamkeiten zusammengestellt. Unter dem Titel „Bad Taste – Strange Music“ steht sie hier zum gratis Download und anschließendem Leiden bereit. Die 26 Titel umfassende Compilation wird mit den folgenden Geleitworten des großen burgenländischen Vorsitzenden Theodor Kery eingeleitet:

Wir demonstrieren nicht. Wir marschieren nicht. Nein! Wir Burgenländer singen, tanzen und spielen.“

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