Beiträge vom Februar, 2009

Revanche

Dienstag, 24. Februar 2009 21:02

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Johannes Krisch und Ursula Strauss © Lukas Beck

Am Tag vor der Oscar-Verleihung habe ich mir Götz Spielmanns Revanche, der in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert war, im schönsten Kino der Stadt, im Gartenbaukino, angesehen. Ich fürchte, es war der erste österreichische Film, für den ich ins Kino gelaufen bin. Das soll nicht heißen, dass ich heimische Filme grundsätzlich nicht mag, aber ich assoziiere sie halt nicht mit KINO sondern mit Fernsehen (=ORF), Video und neuerdings DVD. KINO heißt für mich USA, Frankreich und dann der Rest der Welt – aber nicht die Leopoldstadt oder das Waldviertel. Ich weiß, eine ignorante und völlig vertrottelte Haltung, für die ich auch nicht die kaputten strukturellen Bedingungen für österreichische Filme (wenig Geld, kaum Kopien, kurze Zeit in den Kinos, nahezu null Promotion etc.) verantwortlich machen kann.

Warum ich dennoch ins Kino gegangen bin, hing einfach mit der Oscar-Nominierung zusammen. Ich dachte mir: Wenn ein österreichischer Film für einen Auslandsoscar nominiert wird, dann muss er verdammt gut sein. Aber wenn ein österreichischer Film für einen Auslandsoscar nominiert wird, obwohl im Jahr davor ein österreichischer Film mit dieser Auszeichnung bedacht worden war, dann kann es sich bei diesem Film nur um einen Jahrhundertbeitrag zur Geschichte des Films handeln. (So chauvinistisch dämlich werden die Damen und Herren der Auswahljury wohl eh nicht sein).

Der Film ist ein Meisterwerk. Spielmann holt die griechische Tragödie ins Waldviertel. Stimmige Bilder, brillante Dialoge, wunderbare Menschendarsteller. Keine Todesfalle Heimat und keine Depressionswüste, sondern präzise Blicke auf soziale Realitäten. Schonungslos, aber nicht ausweglos: bei Spielmann lebt das Prinzip Hoffnung – trotzalledem.

Kurzum: Unbedingt ansehen – und unbedingt im KINO ansehen! Die Option Kino, die sich jetzt noch bietet, wahrnehmen, und nicht auf Fernsehen oder DVD warten.

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TV Tatorte

Freitag, 13. Februar 2009 23:30

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Als TV-Krimifan bin ich klarerweise ein Tatort-Junkie: Falls ich an einem Tatort-Sonntag nicht zu Hause sein sollte, wird der Videorecorder programmiert, und auch mit den alten Folgen, die in den „Dritten“ (SWR, NDR, WDR …) Programmen in schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden, wird so verfahren. Also im Durchschnitt komme ich auf zwei Tatort-Folgen pro Woche.

Der Tatort ist die mit Abstand am längsten laufende Fernsehserie im deutschsprachigen Raum – und nach wie vor auch die beliebteste: rund sieben Millionen sind bei der Erstausstrahlung dieser Qualitätsproduktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens dabei. Die erste Tatort-Folge wurde 1970 gesendet und am kommenden Sonntag wird die 722. Folge ausgestrahlt – wie immer um 20.15 Uhr im Ersten (ARD) und zeitgleich auf ORF 2. Alle wichtigen Infos zu den Tatort-Krimis gibt’s hier und hier.

Natürlich habe ich auch meine besonderen Lieblinge: Von den „alten“ Folgen sind das die Duisburger mit Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) und die Hamburger mit Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Breuer). Mit Letzteren wurde auch eine Tatort-Folge produziert, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Es war die Folge 414, wie ich der Website „Tatort Fans – die inoffiziellen Homepage“ entnommen habe (dort ist so ziemlich alles über alle Tatort-Folgen zu finden), in der ein „Häuslbauer“ (Ulrich Mühe) einem Immobilienbetrüger auf den Leim gegangen ist und samt Frau (Susanne Lothar) und Kindern am Traum vom eigenen Haus kaputt geht. Unvergessen dieser Hamburger Tatort, unvergessen wie der Ausnahmekönner Ulrich Mühe.

Von den jetzigen Ermittler-Teams stehe ich vor allem auf die Kieler Borowski (Axel Milberg) und Jung (Maren Eggert), die Ludwigshafener Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe), die Kölner Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) und die neuen Dresdner Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke!!!).

Nun ist das Besondere an den Tatorts nicht das Aufgreifen „gesellschaftlich relevanter Themen“ per se – relevante Themen greifen die Fernsehmacher mittlerweile alle auf, auch die Privaten in ihren Talkshows. Das Besondere an den Tatorts ist das WIE dieser Thematisierung, nämlich im besten Sinn aufklärerisch, offene Diskussion und Reflexion über gesellschaftliche Problemstellungen, verpackt in eine Kriminalgeschichte!

Ein gelungenes Beispiel dafür lieferte die Folge vom letzten Sonntag zu den Themen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Das Drehbuch stammte von Seyran Ate? und Thea Dorn (Hier ein Interview dazu mit den beiden Autorinnen). Der Film behandelt den Konflikt zwischen der westlich-urbanen und der muslimisch-traditionellen Welt, und zwar innerhalb einer deutschen Unternehmerfamilie mit türkisch-muslimischen Background, also innerhalb einer Familie, die es im „bürgerlichen“ Sinne geschafft hat und vermeintlich „integriert“ ist.

Die Tatort-Folge zeigte, wie man diese bisanten Themen, die zumeist nur mit rassistischen Konnotationen oder im Toleranz-Wischiwaschi diskutiert werden, ernsthaft erörtern kann: Emanzipatorisch und laizistisch!

Thema: Film, Geschichte, Politik | Kommentare (2) | Autor:

Die Kopfnuss

Freitag, 6. Februar 2009 14:12

the_statementGestern lief auf 3sat „The Statement – Am Ende einer Flucht“ von Norman Jewison aus dem Jahre 2003 mit Michael Caine in der Rolle eines französischen Nazi-Kollaborateurs und Kriegsverbrechers, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg dank der Unterstützung katholischer Ordensbrüder der Strafverfolgung entziehen konnte. Tilda Swinton, heurige Jury-Vorsitzende der Berlinale, spielt eine Richterin, die 50 Jahre danach der Flucht ein Ende bereitet.

Der Thriller ist nicht nur wegen der darstellerischen Brillanz seiner beiden Protagonisten höchst sehenswert, sondern vor allem auch deshalb, weil er sich mit dem Weiterleben von faschistischen und antisemitischen Strömungen im Nachkriegsfrankreich beschäftigt. Die französische Staatsdoktrin basierte auf dem Mythos der Résistance, die Nazi-Kollaboration und das Vichy-Regime wurden ausgeblendet. So wie hierzulande die politische Nachkriegselite die Moskauer-Erklärung zum Anlass nahm, um den Mythos vom ersten Opfer der Nazi-Aggression auszuhecken.

Dies erklärt wohl auch, weshalb in Frankreich faschistische Pfaffen wie Marcel Lefebvre und die von ihm gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. und säkuläre Ableger wie Le Pen ihr Unwesen treiben konnten.

Lefebvre und seine Anhänger kamen in Konflikt mit der Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Modernismus und Liberalismus sie nicht mittragen wollten. Vor allem waren es jene Zeilen der Erklärung „Nostra Aetate„, die Papst Paul VI im Jahre 1965 veröffentlichen ließ, die die Bruderschaft in Rage versetzten:

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Was hier schwulstig und geschraubt daher kommt, war eine Revolution innerhalb der römisch-katholischen Kirche: Die Absage an die Ideologie von der „unaufhebbaren Kollektivschuld der Juden“ an der Kreuzigung des Jesus von Nazaret, die Absage an den „Gottesmord„-Irrsinn, der den Antijudaismus und die Verfolgung der Juden durch die römisch-katholische Kirche nahezu zwei Jahrtausende hindurch legitimiert hatte.

Diese Aussage zum Verhältnis von Juden und Christen ging den Fanatikern um Lefebvre absolut gegen den Strich.

Wenn jetzt in den Medien ernsthaft erörtert wird, Josef Alois Ratzinger könnte von seinen Beratern falsch informiert oder gar bewusst getäuscht worden sein über die Ansichten der Priesterbruderschaft, dann kann man sich nur wundern. Ratzinger, der von 1981 bis 2005 Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“ war, somit Boss der obersten Kirchenbehörde, deren Aufgabe darin besteht, die Kirche vor abweichenden Glaubensvorstellungen zu schützen, zu unterstellen, er hätte nicht alles über die Lefebvre-Brüder gewusst, beleidigt lediglich die Intelligenz dieses Mannes, die von den gleichen Medien, die diesen Unsinn verzapfen, bei jeder Gelegenheit gerühmt wurde. Ratzinger wusste, was er tat.

Immerhin haben die Deutschen eine Kanzlerin, die dem Landsmann eine ordentliche Kopfnuss verpasst hat.

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor: