Beiträge vom April, 2008

Gretchenfrage

Dienstag, 29. April 2008 22:02

MARGARETE.
Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub‘, du hältst nicht viel davon.
FAUST.
Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
MARGARETE.
Das ist nicht recht, man muß dran glauben!
FAUST. Muß man?

(Faust I, Marthens Garten)

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ lässt Johann Wolfgang von Goethe das 14-jährige Gretchen den Dr. Faust fragen, und der antwortet ihr ausweichend, will er doch nicht über Religion sprechen mit dem Mädchen sondern ins Bett gehen mit ihr. Zugleich weist Fausts Umgang mit der Gretchenfrage jenen Weg, den die Aufklärung im Gefolge von Immanuel Kant seither immer beschritten hat. Nicht die Frage nach dem Glauben des Einzelnen stand im Mittelpunkt, sondern der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion(en) galt das Interesse.

Folgerichtig erkannte Ludwig Feuerbach die Religion als Projektion der unerfüllten Sehnsüchte des Menschen, und diesen Gedanken aufgreifend, formulierte Karl Marx:

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“

Wenn sich aber in der Religion nicht das Wirkliche sondern das Abwesende manifestiert, das, was an Wärme in der kalten Wirklichkeit fehlt, und wenn gerade diese Wunschproduktion den Mehrwert der Religion ausmacht, dann müssen die Menschen nicht zur Religion verführt werden, sondern dann ist Religion ihr notwendiges, den Mangel ausgleichendes Bewusstsein.

Auch Sigmund Freud steht in dieser Tradition der Religionskritik. In seiner Schrift Die Zukunft einer Illusion aus dem Jahre 1927 erkennt er in den religiösen Vorstellungen „nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens“, sondern „Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche„, und dann hält er fest:

„Religionen sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie – mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede – den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar.“

Damit wäre eigentlich alles zur Gretchenfrage gesagt (vgl. ausführlich dazu: Vortrag von Konrad Paul Liessmann im Rahmen des Philosophicums in Lech 2007).
Dass sie dennoch wieder Hochkonjunktur erfährt, dass es kaum mehr ein Gespräch innerhalb des Freundes- oder Bekanntenkreises gibt, im Zuge dessen nicht irgendwann Themen wie Religiosität oder Esoterik gestreift werden, wobei der schon als entsorgt gedachte Bekenntniszwang sich wieder breit macht, noch dazu im vor-modernen Gewand, indem nicht der „Religiöse“ für seinen „Glauben“ sondern der „Nichtreligiöse“ für seinen „Nicht-Glauben“ zur Rede gestellt wird, und dass, korrespondierend mit diesem anti-aufklärerischem Diskurs, immer öfter gesellschaftspolitische Problem- und Fragestellungen in einem therapeutischen Jargon der Innerlichkeit abgehandelt werden, ist nicht nur nervtötend, sondern allmählich auch Ausdruck einer „Re-Theologisierung“ nicht nur des Politischen, sondern des Sozialen insgesamt.

Mit dem Ende der Geschichte (Francis Fukuyama), verstanden als Ende der Trost- und Sinnstiftungsfunktion von Geschichte nach 1989, begann sich die dadurch entstandene Lücke mit traditionellen Religionen, importierten Sinnwaren aus Ostasien und den Produkten der „psychogenen Wellnessindustrie“ (Konrad Paul Liessmann) wieder zu füllen.
Auffällig ist, dass in der Regel all jene auf Sinnsuche sich begeben, die den Verlust der Trost- und Sinnstiftungsfunktion von Geschichte nicht überwunden haben. Viele unten den ehemaligen postreligiösen Revolutionären der bürgerlichen Mittelschichten, die nach 1968 in der Neuen Linken und in den diversen K-Gruppen, später in der Öko- und Friedensbewegung und in Bürgerinitiativen ihr Engagement bekundeten, und dies immer im Bewusstsein taten, die gesamte Menschheit zu retten, und die heute realpolitisch bei den Grünen kuscheln, waren im Grunde immer mutlos, sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Und da die raison d’être der liberalen Gesellschaft, wie Rudolf Burger so präzise geschrieben hat, gerade darin besteht, „dass einem niemand sagt, was richtig und gut ist, und dass einem niemand vorschreibt, wie man sein Leben zu führen hat, solange man seinen Nächsten nicht schädigt“, dann lässt sich die Sehnsucht nach metaphysischen Dächern der ohne Halt zurückgelassenen vielleicht erklären.

Freilich, gegen esoterische und/oder religiöse Begriffswelten a la „weibliche Kraftfelder“, „spiritualistische Baumkräfte“ oder „Keltisches Urwissen“, gegen dieses Gebräu aus Irrationalismus, Weltverschwörung und Paranoia (völlig klar, dass an allem Bush und die Amerikaner schuld sind), kann man mit Argumenten nicht ankommen – und soll es auch gar nicht, es wäre reine Zeitverschwendung. Man soll sich nur nicht anstecken lassen, auch wenn man mit Theodor W. Adorno weiß, dass es eine „fast unlösbare Aufgabe ist, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“.

Man muss die Ambivalenzen der Moderne, den ökonomischen Druck auf allen Ebenen und Ereignisse wie 9/11 aushalten ohne sich in Heilsversprechungen und Erlösungsphantasien zu stürzen, die doch nichts anderes sind als Selbstentmündigungen. Und im Großen und Ganzen gelingt uns das ja auch, oder?

Mein Gegenprogramm:
Um die Zumutungen und Ambivalenzen, die der Anderen und die eigenen, zu ertragen, bedarf es selbstverständlich individueller Entschleunigungsstrategien, zum Beispiel mit Freunden sudern und Bier trinken.
Also, sich verlieren – zumindest zeitweilig, und nicht etwas suchen, wo nichts zu finden ist! Und ab und zu sich daran erinnern, was Immanuel Kant im Jahre 1784, also fünf Jahre vor dem Sturm auf die Bastille, im fernen Städtchen Königsberg, aus dem er zeitlebens nie hinauskam, in seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ geschrieben hat:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Motortown

Freitag, 18. April 2008 19:16

Der junge britische Dramatiker Simon Stephens, in der Tradition des britischen In-Yer-Face Theatre stehend, das den Anspruch hat, thematisch und sprachlich das Publikum zu schockieren, zeigt in seinem Stück Motortown, zurzeit am Akademietheater in einer Inszenierung von Andrea Breth zu sehen, einen Tag im Leben eines Soldaten der britischen Armee, der im irakischen Basra stationiert gewesen war und seit seiner Heimkehr von diesen Kriegserfahrungen immer wieder eingeholt wird. Danny, so sein Name, wurde im Irakkrieg Zeuge von Folter und Vergewaltigungen. Wiewohl er selbst nicht daran beteiligt war und deshalb bei den Kameraden als Weichei galt, wird er das Erlebte nicht mehr los: Zurückgekehrt in sein Londoner Stadtviertel holt er alles nach: Er wird zum Folterer und Mörder.

Stephens spricht in einem Interview einerseits davon, dass er seinen Protagonisten weder als Schuldigen noch als Opfer darstellen wollte, weil die Kategorien Gut und Böse längst ihre Gültigkeit verloren hätten. Anderseits, so sagt er, empfinde er für Soldaten, die von einem Militärgericht für die Misshandlung von irakischen Gefangenen verurteilt wurden (vgl. dazu hier), mehr Mitleid, als für prominente Kriegsgegner wie Damon Albarn oder Harold Pinter.

Ich will diesen Widerspruch nicht weiter ausführen, nur kurz zitieren, was er sonst noch so sagte:

Ich glaube, dass der (Irak)Krieg unvermeidbar war. Er ist ein Produkt des späten Kapitalismus, von ungetrübter Konsumkultur. Die Leute, die gegen den Krieg für Öl aufmarschierten, sind die gleichen, die ohne Bedenken mit Billigfluglinien herumreisen. Wir alle sind nicht einverstanden, dass Menschen sterben, um die Ölvorräte zu sichern. Aber die westliche Gesellschaft ist nun einmal abhängig vom Öl. Man kann also nicht beides haben.“

Egal. ob man diese monokausale Erklärung für den Irakkrieg teilt oder nicht: In der Inszenierung kommt davon überhaupt nichts rüber. Es mag auch sein, dass sich Stephens, wie ich irgendwo gelesen habe, von Scorseses Taxi Driver inspirieren ließ. In jedem Fall, das behaupte ich jetzt einmal, werden all jene, die Taxi Driver oder etwa Michael Ciminos The Deer Hunter (deutscher Titel: Die durch die Hölle gehen) gesehen haben, mit Motortown beziehungsweise mit dieser Inszenierung des Stückes nicht viel anfangen können. Ganz zu schweigen von denen, die in No Country for old men von den Coen-Brothers im Kino gesessen sind, und verstörend feststellen mussten, auf der Leinwand etwas gesehen zu haben, was sie zwar alles schon einmal gesehen hatten, aber SO eben doch noch nie!

Was bleibt? Vor allem der den Dany spielende Nicholas Ofczarek, vor allem dessen grandioses Scheitern an der Figur. Ofczarek mimt einen Zappelphilipp, der den anderen Ensemblemitgliedern im Wortsinn keinen Raum lässt. Er fetzt, wild um sich schlagend, über die Bühne und durch den Text. Er schafft es, uns als Zuseher völlig gegen diesen Typen aufzubringen, weil sein Spiel alle Zwischentöne, die Stephens’ Text ohne Zweifel hat, wegwischt. Furchtbar! Einzig das von Udo Samel und der hinreißenden Andrea Clausen verkörperte Mittelklasseehepaar, das Dany für einen flotter Dreier gewinnen möchte, und dabei ihre sabbernde Geilheit offen legt, werden unvergessen bleiben.
Fazit: Weniger wäre unendlich viel mehr gewesen.

Was mir aber noch viel zentraler erscheint: Ich denke, Schockgeschichten funktionieren am Theater nicht mehr, zumindest nicht mehr für mich und mit Sicherheit auch nicht mehr für die TV-Internet-Kinojunkies, also die Mehrheit der jungen Leute. (Bei denen, die Digitalmedien abstinent leben, mag das anders sein.)

Wer etwas über Entstehung und Folgen von heutigen Kriegen erzählen will, der kann das in Zeiten digitaler Medien nur mehr, indem er das Kino, den Film, die Video Games, die neuen digitalen Medien mitdenkt, weil uns Kriege auch nur mehr so vermittelt werden. Eine Inszenierung, die dieses Mitdenken auf mit krachendem Sekundenlärm unterlegte Blackouts (zwischen jeder Szene ging das Licht für einige Sekunden aus) reduziert, muss zwangsläufig scheitern.

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The real issues

Samstag, 12. April 2008 0:20

Marvin Gaye, live in 1973: „What’s Going On / What’s Happening Brother

Thema: Musik | Kommentare (0) | Autor:

The Seattle Seven

Freitag, 11. April 2008 0:13

Der dieswöchige CLUB 2 zu „1968“ – 40 Jahre nach 1968 und 30 Jahre nach dem legendären CLUB 2 mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit – hat mich an eine Szene in THE BIG LEBOWSKI erinnert. Jeff The Dude Lebowski, der von Jeff Bridges hinreißend gespielte Protagonist des Films, liegt mit der Millionärstochter und „Body Paint“-Künstlerin Maude, gespielt von Julian Moore, im Bett. Während er an einem Joint danach zieht, spricht er über ein, seiner Meinung nach, zeitgeschichtliches Jahrhundertereignis, an dem er beteiligt war:

The Dude: Did you ever hear of „The Seattle Seven“?
Maude: Mmm.
The Dude: That was me … and six other guys.

Weder Maude noch wir als Zuseher haben je von den Seattle Seven gehört, obwohl es diese Anti-Vietnamkriegssplittergruppe tatsächlich gegeben hat, und, übrigens auch den Film-Dude, Jeff Dowd heißt er, aber, darum geht es nicht. Was in dieser Szene so herrlich funktioniert, manifestiert sich im Gesicht von Jeff Bridges: Es gab einen Moment in meinem Leben, sagt es uns, in dem ich, The Dude, der „Welt ein Loch geschlagen habe„.

Aber zurück zum CLUB 2, zurück zum Veteranentreffen, in dem die alt 68-er ihr Dasein mit dieser Dude-Patina umgeben, allerdings ohne ironischen Bruch, wie im Coen-Brothersfilm, sondern als Relevanzkritierium für das jetzige Leben. Einzig Georg Hoffmann-Ostenhof, heute Außenpolitikredakteur beim Profil, hat zu seiner eigenen 68-er Verstrickheit eine ironische Distanz aufgebaut. („Es wäre ja lächerlich, wenn ich so denken würde, wie mit Zwanzig!„) Auch die beiden als Anti-68-er Krokodile eingeladenen Teilnehmer, Bettina Röhl (Publizistin und Tochter von Ulrike Meinhof) und Daniel Regli (ein christlicher Historiker aus der Schweiz), sind in einer grotesken 68-er Distanzlosigkeit verfangen, was sich in ihren engstirnigen und verbohrten Wortmeldungen gezeigt hat.

Vergessen wir den CLUB 2, kehren wir nochmals zurück zu THE BIG LEBOWSKI, zurück zu Walter Sobchak, ein psychopatischer Vietnamkriegsveteran, glänzend von John Goodman dargestellt, der auf die Einhaltung von Regeln pocht, um sie zugleich in einem cholerischen Wahnsinnsakt ad absurdum zu führen. Hier ein kurzer Dialog, den Walter mit Smokey, einem Bowling Spieler, führt, der beim Wurf die Linie übertreten hat:

Walter Sobchak: OVER THE LINE!
Smokey: Huh?
Walter Sobchak: I’m sorry, Smokey. You were over the line, that’s a foul …
Smokey: Bullshit. Mark it 8, Dude.
Walter Sobchak: Uh, excuse me. Mark it zero. Next frame …
Smokey: Bullshit, Walter. Mark it 8, Dude …
Walter Sobchak: Smokey, this is not ‚Nam. This is bowling. There are rules.

Und da Walter dem armen Smokey die Beachtung von Regeln beim Bowling – im Unterschied zu Vietnam – mit gezückter Pistole nahelegt, wird aus Smokeys 8-er Wurf eben ein Nuller.

And here it is.

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Der schwarze Mann beim IKEA

Dienstag, 8. April 2008 14:14

Jedes Jahr legt die Beratungsstelle für Zivilcourage und Antirassismusarbeit (kurz: ZARA) den Rassismus Report vor, der nach wie vor die einzige qualitative Datenquelle über Struktur und Ausmaß von Rassismus in Österreich ist. Der in diesem Jahr zum achten Mal herausgegebene Report hat insbesondere deshalb für Aufregung gesorgt, weil die Volksanwaltschaft auf Grund der Nichtbeachtung der von ZARA eingebrachten Anzeigen durch die zuständigen Behörden (von rund 100 Anzeigen werden lediglich fünf behandelt) eine so genannte Missstandsfeststellung bundesweit ausgesendet hat, damit in Hinkunft rassistische Diskriminierungen nicht mehr einfach als Bagatelldelikte abgetan werden. Die Einschaltung der Volksanwaltschaft hat sich bewährt: Sowohl der Bund als auch die Stadt Wien haben einen Erlass herausgegeben, wonach Rassismus nicht als Kavaliersdelikt zu betrachten und Anzeigen ernsthaft nachzugehen ist.

Neben der absolut notwendigen Stärkung der rechtsstaatlichen Komponente bedarf es aber auch intensiver Aufklärung und einer tatsächlich gelebten Zivilcourage – beides wesentliche Elemente der Antirassismusarbeit von ZARA.

Was man selbst tun kann gegen rassistische Diskriminierungen im Alltag, möchte ich kurz anhand von zwei Erlebnissen schildern, deren Zeuge ich in jüngster Zeit geworden bin.

Ort: Berlin, Nähe Alexanderplatz im ehemaligen Ostteil der Stadt. Zeit: Gegen 17.30 Uhr. Geschäftiges Treiben, Menschenmassen überall. Plötzlich sehe ich, wie eine etwa 30 jährige Frau, schwarzer Hautfarbe, einen etwa gleichaltrigen Mann, weißer Hautfarbe, links und rechts ohrfeigt, ihm so richtig eine schmiert, und ihn dabei anbrüllt: „Was hast Du gesagt? Was hast Du gesagt? Neger-Fotze? Du verdammter Arsch!“ Sie schlägt weiter auf ihn ein, brüllt ihn an. Der Typ versucht den Ohrfeigen kaum auszuweichen, er steht im Grunde wehrlos und beschämt in der Auslage. (Viele Passanten applaudierten der Frau, nachdem sie mitbekommen hatten, warum sie dem Kerl ein paar Watschen gab.)

Ort: Wien, Schwedenplatz. Zeit: Gegen 22.00 Uhr. Menschen warten auf die Straßenbahn, so auch ich. Überall Polizisten, ein Einsatz. Ich sehe, wie Jugendliche, darunter einige Schwarze, kontrolliert werden. Nicht unangenehm, die Polizisten verhalten sich korrekt. Vor mir steht ein etwa 50-jähriger Mann, dem das offenbar nicht passt. „Nehmt’s glei olle mit und schiebt’s as o, de Nega. Weida vurn, beim Donaukanal, san no vü mehr!“ Weil keiner der Umstehenden reagiert, wiederholt er seine Auswürfe, diesmal noch lauter brüllend. „Halt dei Goschn. Du wast doch gar net, um was da überhaupt geht!“ herrsche ich ihn an. Er blickt zu Boden und verstummt. Jetzt melden sich andere Umstehende: „Halts z’samm, du Trottel!„, „Spar’ da deine deppadn Sprüch!“ usw. (Ich muss gestehen, dass es mir nicht leicht gefallen ist, etwas zu sagen. Umso erleichterter war ich daher, als andere Passanten mich bekräftigten!)

Szenenwechsel – und doch nicht: Erweitertes Familientreffen, man sieht sich höchstens dreimal im Jahr. Fast unausweichlich tauchen irgendwann Geschichten auf, über „Bettler„, „Zigeuner“ usw., zwar nicht offen rassistisch, aber doch latent konnotiert. Was tun, um die Familienidylle zu bewahren? Ein Gegenbild muss her, eine Geschichte von einem guten Schwarzen, und hier ist sie, die schöne Geschichte:

Ort: Ikea, nach den Kassen beim Würstelbuffet. Eine Frau hat sich ein Paar Frankfurter gekauft, stellt die Würsteln auf einen der Stehtische, dreht sich um, um die Handtasche aus ihrem prall gefüllten Einkaufswagen zu holen, den sie einige Meter vom Tisch entfernt abgestellt hat. Als sie sich wieder umdreht, fällt ihr Blick auf einen schwarzen Mann, der offenbar gerade eines ihrer Würsteln genüsslich verspeist. Verwirrt geht sie zu ihm, sieht ihn kurz vorwurfsvoll an, nimmt sich dann sprachlos das andere Würstel und beginnt ebenfalls zu essen. Der Mann, nun seinerseits verwirrt, isst weiter. Beide starren sich an, beide futtern die Würsteln weiter. Nachdem der Mann seinen Einspänner gegessen hat, entfernt er sich vom Tisch, um kurz danach mit zwei Kaffee zurück zu kommen. Er bietet der Frau einen Kaffee an. Sie bedankt sich wortlos. Der Mann trinkt den Kaffee, verabschiedet sich und verschwindet. Die zurückgebliebene Frau blickt um sich und sieht am Nebentisch ein verwaistes Paar Frankfurter.

Natürlich lachen wir über die Verwechslung und freuen uns über das Bild vom braven schwarzen Mann. Schließlich hat er uns die Idylle gerade noch gerettet.

Beleuchtet man die Geschichte näher, wird man darin fast ein Lehrstück erkennen über den versteckten Rassismus und die nachhaltigen Folgen rassistischer Diskriminierung bei den Opfern: Während der schwarze Mann (ich unterstelle, sein Verhalten weist darauf hin, dass er vielfach Opfer rassistischer Diskriminierung geworden ist) in der weißen Fremde (= egal, ob er hier geboren wurde oder nicht) nicht das Offensichtlichste machen kann, das, was jeder von uns in einer vergleichbaren Situation machen würde, nämlich der Frau unmissverständlich klar zu machen, dass das seine Frankfurter sind („Finger weg! Das sind meine Würsteln!„), sondern seine Würde in Form einer wunderbar listigen Art und Weise sich bewahrt (indem er ihr auch noch einen Kaffee hinstellt), schweigt die Frau, weil sie ihren Ärger, über das Verhalten des Mannes, damit runterdrückt, dass sie ihn auf seine Hautfarbe reduziert. Ob sie ihr Nichtstun sozusagen linksliberal legitimiert („der arme Schwarze„) oder rechts („Ein Schwarzer! Der könnte mir was tun!„), spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Eine schöne, traurige Geschichte, weil an unserem Lachen so gar nichts natürlich war – bloß ein tradierter, uns fast schon zur Natur gewordener kolonialer Blick auf den braven schwarzen Mann.

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Keine Volksabstimmung

Montag, 7. April 2008 18:34

Am 9. April 2008 wird der österreichische Nationalrat mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen den EU-Reformvertrag von Lissabon ratifizieren. Und das ist gut so. Eine Allianz von rechts bis (vermeintlich) links, unter kampagnenkräftiger Unterstützung der Neuen Kronen Zeitung, wettert seit geraumer Zeit gegen die demokratisch gewählten Nationalräte und deren Recht und Pflicht in einer repräsentativen Demokratie, Entscheidungen im Namen des Volkes zu treffen, und tritt stattdessen für eine Volksabstimmung über den Reformvertrag ein.

In seinem Blog (Eintrag vom 5. April) hält daher Peter Pilz völlig zu Recht fest:

Wir Abgeordnete sind gewählt worden, um Gesetze und den Bundeshaushalt zu beschließen, die Regierung zu kontrollieren und ab und zu Verträge zu ratifizieren. Ich habe den Vertrag genau gelesen und jede Kritik ernst genommen. Am Mittwoch werden wir im Nationalrat den Vertrag ratifizieren. Ich werde mit Ja stimmen, nicht im Zweifel, sondern aus Überzeugung.

Zugegeben, der EU-Reformvertrag von Lissabon ist schwer lesbar; dies deshalb, weil der Vertrag die bestehenden Verträge ergänzt und erweitert. Das Außenministerium hat eine konsolidierte Version des Vertrags erstellt, worin die Änderungen zu einem Dokument zusammengefasst sind, was Lesbar- und Verständlichkeit des Textes erleichtert. Mit dem Inkrafttreten des EU-Reformvertrags von Lissabon tritt auch die Grundrechts-Charta in Kraft. Unbestritten ist auch, dass man wesentlich mehr erreichen hätte können. Johannes Voggenhuber ist zuzustimmen, wenn er an „die Verfassung mit einer klaren Sprache, mit einem klaren Aufbau, lesbar und verständlich“ erinnert, die leider mit dem Nein im französischen Referendum (vorerst) gescheitert ist.

Aber, was ist die Europäische Union? Sie ist ein Projekt, und der jetzige Reformvertrag ein Schritt zu MEHR Demokratie, MEHR Handlungsfähigkeit und MEHR sozialem Zusammenhalt.

Das sollten auch die unter dem Slogan Volkxabstimmung versammelten Kritiker von Links (so sieht etwa Hubert „Hubsi“ Kramar in der EU ein „faschistoides Projekt„, wiewohl er vorgibt, „total für eine EU-Verfassung – aber mit einem sozialen Antlitz“ zu sein) zur Kenntnis nehmen. Vom Bündnis Rettet Österreich und allen anderen rechten Gruppierungen kann das ohnehin nicht erwartet werden.

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Die Wohlgesinnten

Dienstag, 1. April 2008 18:15

Die mediale Aufmerksamkeit, mit der Die Wohlgesinnten, so der deutsche Titel des Romans von Jonathan Littel, der vor zwei Jahren im französischen Original erschienenen ist und sowohl beim Publikum (rund 800.000 verkaufte Exemplare) als auch bei der Kritik (prämiert u. a. mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, den der Autor aber dankend ablehnte) großen Anklang fand, im deutschsprachigem Raum bedacht wird, dürfte im Buch- und Verlagssektor wohl einzigartig sein. Die FAZ hat eigens einen Reading-Room eingerichtet, also eine Internet-Plattform, auf der Auszüge aus dem Werk ebenso zu finden sind wie Kommentare von Historikern, Schriftstellern und Literaturkritikern sowie zahlreiche Rezensionen, die in deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind. Dass auch der Berlin-Verlag, in dem das Buch verlegt wurde, eine eigene Website eingerichtet hat mit Interviews, Links zu Quellenmaterialien, historischen Backgroundinfos, literaturphilosophischen Einordnungsversuchen sowie einer vom Autor selbst zusammengestellten Literaturliste, überrascht somit ebenso wenig, wie der beinahe schon obligatorisch gewordene WIKIPEDIA-Eintrag.

Warum diese Aufmerksamkeit, dieses Feuilletongetöse – noch dazu ein über weite Strecken ablehnendes (große Ausnahmen: Klaus Theweleit mit einer brillanten Gegenrede und Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk) – über einen literarischen Text, dessen Themen, das Naziregime, WK II und die Vernichtung des europäischen Judentums, nahezu täglich in Dokumentationen, Diskussionen und Filmen im deutschen Rundfunk, vorwiegend in den Dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hörfunks, behandelt werden, dennoch nachvollziehbar ist, hängt wohl mit dem ungewöhnlichem Verfahren zusammen, dass Jonathan Littell, ein in Amerika geborener Jude, der mittlerweile französischer Staatsbürger ist, gewählt hat. Auf Basis von Aufzeichnungen, Berichten und Reden der Nazis und in umfassender Kenntnis der zeitgeschichtlichen Forschungsliteratur konstruiert er seinen Ich-Erzähler, den SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue. Diesen Kunstnazi lässt er über die Barbarei sprechen – reuelos.

(„Diesen Leuten Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten.“ Jonathan Littell)

Aue, nach WK II in Frankreich untergetaucht, schreibt 40 Jahre später seine Erinnerungen. Mit der Aue’schen Perspektive (= das ist die Perspektive des jüdischen Schriftstellers, der sich in einen SS-Mörder versetzt), mit diesem Kameraauge, zoomen wir auf das Grauen. Was wir zu sehen bekommen, ist mit einer oftmals unerträglichen Genauigkeit und Drastik gezeichnet (etwa die Massaker der SS-Einsatzgruppen in der Schlucht von Babyn Yar im Jahre 1941). Dass viele Literaturkritiker sich gerade an dieser Drastik stoßen, dem Autor Pornografie vorwerfen, ist äußerst merkwürdig:

Solche Beschreibungen haben ihre Berechtigung, weil es nun einmal der Körper ist, der im Krieg leidet: unter völligem Mangel an Hygiene, verschlissener Kleidung, Hunger und Krankheit, extremen Wetterverhältnissen, Hitze oder schneidender Kälte. Und natürlich vor allem unter den vielfältigen Waffen, die nur einen Zweck haben: menschliche Körper möglichst nachhaltig zu zerfetzen.“ (Wolfgang Schneider).

Diese Berichte der Barbarei, oftmals in Form von Alpträumen und Wahnvorstellungen wiederkehrend erzählt, sind eingewoben in einen grotesken Family-Thriller – in Anlehnung an die Orestie des Aischylos (Aue liebt seine Schwester inzestuös, hasst und mordet seine Mutter, und wird deshalb auch von zwei Kriminalpolizisten gejagt).

Auch ein weiterer Vorwurf, wonach Littell ein Nazi-Intellektuellen-Milieu schildere, das es so nicht gegeben hätte, geht ins Leere bzw. zeigt lediglich, dass viele Rezensenten jüngste Forschungsergebnisse noch nicht zur Kenntnis genommen haben. So hat etwa der am Hamburger Institut für Sozialforschung tätige Historiker Michael Wildt in seiner Studie über das Personal des Reichssicherheitshauptamtes, also jener Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, und der Littells Aue angehört, gezeigt, dass mehr als drei Viertel des Führungskorps Matura, zwei Drittel überwiegend Jus studiert und nahezu ein Drittel einen Doktortitel hatten. Wildt schreibt dazu in seiner Einleitung:

Diese Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.

Dieser Aspekt, der seit den Nürnberger Einsatzgruppenprozessen bekannt ist, wurde im Verlauf der 50-er und 60-er Jahre allerdings ausgeblendet.

Stimmiger schienen andere Täterbilder zu sein: NS-Täter als sozial Deklassierte, als Bürokraten und Schreibtischtäter, als ideologiefreie Technokraten oder rationale Sozialingenieure, als ‚ordinary men’ oder ‚ganz normale’ Täter.

Das wohl am meisten verstörende an Littells Buch hat Wolfgang Schneider wie folgt formuliert:

Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Max Aue gehört einerseits zur SS-Elite, ist uns andererseits aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten – und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite.

Ohne es zu merken, werden wir zum Mörder!

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