Beiträge vom Juli, 2014

Bowie in Berlin

Mittwoch, 9. Juli 2014 18:28

Im Martin-Gropius-Bau in Berlin findet noch bis 10. August die große David Bowie Ausstellung statt, die vor einem Jahr im Londoner Victoria & Albert Museum von Besuchern regelrecht gestürmt wurde: Schier endlose Warteschlangen, online hatte man für Monate im Voraus Tag und Zeitfenster zu buchen, und als ich in London war, schaute ich kurz vorbei, um angesichts der Menschenmassen gleich wieder zu verschwinden. Für die Berliner Schau sind die Tickets leicht zu bekommen; dennoch empfiehlt sich ein Online-Ticket (= Tag mit Zeitfenster für 15,20 Euro).

Die Ausstellung ist vor allem was für Fans des Popmusik-Meisters: Von ihm selbst entworfene, gelinde gesagt, verhaltensauffällige Bühnenkostüme, etwa für die Ziggy Stardust Tour aus 1972 oder die Entwürfe von Modedesignern für die Alladin Sane Tour aus 1973, Skizzen für Bühnenshows, allerhand Zeichnungen und Ölbilder, vor allem aus den Berliner-Jahren (es waren eigentlich nur 15 Monate, die Bowie zwischen 1976 und 1978 im Westteil der damals geteilten Stadt verbracht hat), Fotografien, Plattencover, handschriftliche Setlists und Songtexte, und klarerweise Musik: stilprägende Videos und frühe TV-Auftritte, etwa das grandiose Starman aus der von der BBC ausgestrahlten Top-of-the-Pop-Show aus 1972.

Bowies-Musik auch aus dem Audio-Guide, den man zu Beginn der Schau erhält, und der automatisch checkt, in welchem Raum und vor welcher Vitrine man sich befindet und gleich die entsprechenden Infos liefert. Im letzten Raum, sehr laut Helden. Großes Kino!

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Werkstattbericht

Dienstag, 8. Juli 2014 18:45

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Phillip Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Besteller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig sprechen) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms nächstes Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über Kriegszitterer (Bomb shells) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc., das mich immer wieder an Alexander Kluge erinnerte, die ich für besonders wichtig erachte:

  • Westfront: Die Hälfte aller im 1. Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.
  • Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die Kriegszitterer. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von Bomb Shell Disease oder auch shell shock, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.
  • Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi sodann von diesen abgewendet, „weil sie ihm nicht Nazi genug waren!“ Das zeige vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte – Heideggers Tagebücher, die, wie vom Autor verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe erscheinen sollten, was unlängst geschehen ist, haben für kurze Zeit das deutschsprachige Feuilleton beschäftigt.
  • Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem 1. Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war u.a. auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter, die ihren Wochenlohn nach Erhalt versoffen, ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert) brachten das Prohibitionsgesetz (von 1920 bis 1933 in Kraft) mit folgenden Konsequenzen: Die Importe aus Kanada haben sich vervierfacht, illegale Läden entstanden (Speakeasy), und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäscherein und Restaurants etc., Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).
  • Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis, um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht wirklich; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Glückwunschtelegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Das ganze Gespräch gibt’s hier zum Nachhören:

  • http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Reflektorium34.at.php

Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Thema: Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Heute vor 40 Jahren

Montag, 7. Juli 2014 18:11

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Glücklicherweise hatte ich berufsbedingt das Vergnügen, das WM-Vorrundenspiel Frankreichs gegen die Schweiz in einem Café in Paris und jenes Deutschlands gegen die USA in einer Pizzeria in Berlin live mitzuerleben. Die französischen Fans im Café unweit des Place de la République waren vom glanzvollen Auftritt der Équipe Tricolore gegen die Nati zu Recht begeistert. Nach dem 5:2-Sieg dachte ich, Les Bleus werden die Deutschen – nach dem eher mauen Spiel gegen die USA – im Achtelfinale biegen, dann aber, im Viertelfinale an Kolumbien scheitern: James (Rodríguez), Juan Cuadrado und die anderen Kolumbianer waren einfach das attraktivste Team dieser WM in Brasilien …

Na ja, wie immer kommt es bekanntlich anders als man denkt (was nichts daran ändert, dass Kolumbien wunderbar war), und aus den beiden Semifinalpaarungen könnte sich ein Endspiel ergeben, das es schon einmal gab, nämlich bei der Weltmeisterschaft 1974, als in München die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegen die von Johan Cruyff angeführte Elftal antrat. Als fußballinfizierter Bub hatte ich einige Spiele im Fernsehen gesehen und war vom fantastischen Kombinationsspiel der Oranjes schwer begeistert. Leider mussten sich meine Lieblinge der von Franz Beckenbauer angeführten und im Nachhinein betrachtet gar nicht so üblen Truppe aus Westdeutschland (der Panzerfußball kam erst danach und ist erst seit der Heim-WM 2006 dank Klinsmann/Löw verpönt) geschlagen geben. Nur zur Erinnerung: Damals spielten noch zwei deutsche Mannschaften, die auch in der Vorrunde aufeinander trafen: BRD gegen DDR hieß das, und der Magdeburger Jürgen Sparwasser traf zum 1:0-Sieg gegen die West-Deutschen.

Aber zurück zum Finale, heute vor 40 Jahren. Es war ein heißer Sommersonntagnachmittag, dieser 7. Juli 1974, so gegen 15.30 Uhr, an dem ich zusammen mit meinem Vater zum Nachbarhaus ging, wo ein Ehepaar aus Wien (er war mir als „Herr Sektionschef“, sie als „Frau Sektionschef“ bekannt), seit einigen Jahren seine Urlaube verbrachte. Jahre später, er war längst verstorben, sie im Dauerdelirium (meine Mutter besuchte sie einmal in ihrer Wohnung in Wien-Ottakring), erfuhr ich, dass er Sektionschef im Unterrichtsministerium gewesen war.

Warum wir dort waren? Zum einen, weil meine Großmutter die Zimmer für die Urlauber immer „fertig“ machte, und auch ab und an für die Beiden kochte, wodurch wir uns mit der Zeit eben „kennen lernten“, soll heißen: Es wurde bis spät in die Nacht gesoffen, die Lust auf und das Verlangen nach Wein teilten die Sektionschefs mit meinem Vater. Aber abgesehen von dieser für mich damals unverständlichen Leidenschaft verfügten die Urlauber aus Wien über ein Wunderding, das sich meine Eltern erst ein paar Jahre später leisten konnten/wollten: Einen Color-TV, wie mein Vater den Farbfernseher nannte! Meiner Erinnerung nach war ich vor allem vom wirklich guten Empfang fasziniert, kein Geriesel, wie bei uns zuhause. Vater musste immer an der Stange der Hausantenne herumdrehen, während meine Mutter ihre Anweisungen („no a bissl“, „net soo vül“, „zruck“, „so iss guat“) durchs offene Wohnzimmerfenster gab, weil nach einem Gewitter oder Sturm die Bilder verschwunden blieben und das pure Rauschen angesagt war.

Herr und Frau Sektionschef hatten vorgesorgt: Belegte Brote (Extrawurst und Gurkerln), Soletti und Schartner Bombe Orange für mich, belegte Brote (Extrawust und Gurkerln), Wein und Zigaretten für die Sektionschefs und für Vater, der auch einen Doppler mitgebracht hatte. Der Herr Sektionschef und Vater waren für die Deutschen, die Frau Sektionschef für die Holländer, um – wie ich bald feststellen konnte – die beiden Männer ein bisschen zu ärgern, und ich war glücklich und in totaler Vorfreude auf das Spiel, das ohnehin nur meine Holländer gewinnen konnten.

Beinahe unmittelbar nach Anpfiff fiel auch schon das erste Tor: Nach Foul an meinem Idol Johan Cruyff verwandelte Johan Neeskens den Strafstoß zur 1:0-Führung. Der Rest ist Fußballgeschichte, die Details können hier nachgelesen werden: Warum auch immer, Deutschland wurde Weltmeister. Ich war sehr enttäuscht, mein Vater und der Herr Sektionschef in bester Laune und zunehmend betrunken (sie hatten andauern mit „Auf Deutschland!“ die Gläser erhoben und mich irrsinnig genervt), und die Frau Sektionschef, eine kleine, zarte Frau, war bereits zur Halbzeit sturzbesoffen. Kurz vor Ende der Partei ist sie in ihrem Fauteuil einfach weggenickt. Nach dem Spiel bin ich nach Hause gegangen, voller Hass auf die Deutschen – vielmehr auf meinen Vater, der sich über deren Sieg freute …

Jedenfalls war ich seither immer von den Holländern und ihrem Spiel begeistert. Schon vier Jahre später sollten die Oranjes ja bereits wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft stehen (Trainer: Ernst Happel), und nur von der – von mir damals noch mehr geliebten – Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, geschlagen werden. Ich sage nur: Mario Kempes, der Mann mit der für mich (damals) absolut coolsten Frisur, und trainiert von El Flaco („der Dürre„), vom großen César Luis Menotti, der den Begriff vom „linken“ und vom „rechten“ Fußball geprägt hat. Damals spielten beiden Mannschaften einen „linken“ Fußball, also einen offensiven, kreativen Fußball, für den das Spiel an sich im Mittelpunkt steht (das man trotzdem gewinnen will), im Unterschied zum „rechten“ Fußball, dem es – wurscht wie – einzig um das Ziel (= Sieg) geht. (Vgl. dazu ein wunderbares Interview mit Menotti anlässlich Pep Guardiolas Einstieg als Trainer bei Bayern München).

Da die Elftal seit der WM in Südafrika im Jahr 2010 einen „rechten“ Fußball spielt und seither Verrat an Johann Cruyff und allen anderen am kreativen Spiel Interessierten begeht, werde ich mich – falls es zu einer Wiederauflage des Finales aus 1974 kommen sollte – im Lager der Deutschland-Fans befinden!

Aber möglichweise verliert Deutschland ja gegen Brasilien und die Albiceleste putzt die Oranjes weg …

Thema: Allgemein, Geschichte | Kommentare (0) | Autor: