Beiträge vom Februar, 2008

Artikel 19

Freitag, 29. Februar 2008 19:49

Im Dezember 1997 hat die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (vormals KSZE), den so genannten Beauftragten für die Freiheit der Medien mit Sitz in Wien eingerichtet. Seither fungiert der Medienbeauftragte (15 Mitarbeiter) als Watchdog der Medienfreiheit, indem er Verstöße der Mitgliedstaaten der OSZE gegen die Intention von Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen („Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.„) publik macht und die Bösewichte beim Namen nennt.

Heute hatte ich die Gelegenheit, einer Konferenz beizuwohnen, die anlässlich des zehn jährigen Bestehens des Medienbeauftragten in der Wiener Hofburg stattfand. Der gegenwärtige Medienbeauftragte, der ungarische Journalist, Schriftsteller und Jurist Miklós Haraszti skizzierte in seinem Statement die elementaren Bedrohungen, denen Journalisten und Medienvertreter ausgesetzt sind: Neben der direkten, physischen und lebensbedrohenden Gewalt gegen Journalisten nehmen in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks Formen der Kriminalisierung von Medienleuten zu, also gesteuerte Kampagnen gegen Journalisten mit dem Ziel, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Zu diesen eindeutig gegen die Medienfreiheit gerichteten staatlichen Aktivitäten gilt es aber auch die unter dem Logo des Anti-Terror-Kampfes lancierten Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen (Datenspeicherung, Bundestrojaner etc.) zu bedenken – mit allen negativen Implikationen auf das Journalisten zustehende Recht auf die Vertraulichkeit der journalistischen Quellen. Haraszti führte aber auch etliche von den Medien selbst zu verantwortende Faktoren an, die den Geist von Artikel 19 tendenziell untergraben. Er sprach die (Selbst-)Kommerzialisierung der Medien an, womit er nicht nur die Zunahme von würdelosen Formaten in den elektronischen Medien meinte, sondern vor allem den wachsenden Trend, Beiträge zu bestellen und zu bezahlen. Journalisten würden derartige Produkte dem Leser/Seher nicht als Werbung kenntlich machen, sondern als seriöse Information verkaufen.

Konstanty Gebert, Auslandskorrespondent der größten, überregionalen polnischen Tageszeitung, der links-liberalen Gazeta Wyborcza, hat diesen Bezahljournalismus am Beispiel Russland illustriert. Für Gebert (1953 in Warschau geboren, 1968 im Zuge der antisemitischen Säuberungen in Polen aus dem Gymnasium geworfen, Solidarnosc-Aktivist der ersten Stunde, Chefredakteur der jüdischen Monatsschrift MIDRASZ) ist mit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja auch die Presse- und Meinungsfreiheit in Russland liquidiert worden. Politkowskaja sei die letzte Journalistin von Rang gewesen in einem ansonsten völlig korrupten Mediensystem. In Russland sei es Usus, so Gebert, dass Journalisten gegen Bezahlung Beiträge verfassen, in denen sie politische Gegner oder wirtschaftliche Konkurrenten anschwärzen. Diese Praxis, die allgemein bekannt sei, habe das Grundvertrauen von Journalist und Leser zerstört:

Wenn Journalisten schreiben, weil sie sich der ‚Wahrheit verpflichtet haben’, und von staatlichen oder ökonomischen Machthabern in ihrer Arbeit behindert werden, dann gehen die Leser auf die Straße, weil sie sich in ihrem Informationsrecht eingeschränkt sehen. Wenn Journalisten aber im Auftrag und im Interesse derer schreiben, die sie bezahlen, dann wird niemand auf die Straße gehen, wenn diese Journalisten in ihrer Arbeit behindert werden, weil der Leser bereits vorher jedwedes Interesse an dieser Art von Journalismus verloren hat.

Deshalb rege sich im Russland des Wladimir Putin auch so wenig Widerstand, wenn der Staatsapparat gegen wahrheitssuchende Journalisten vorgehe. Gebert betonte, dass es diese Form von Korruption in der ganzen Welt gebe. Der Unterschied bestehe seiner Meinung aber darin, dass korrupte Journalisten in demokratischen Staaten zur Verantwortung gezogen werden würden, während sie in Russland das Mediensystem konstituieren.

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Bundeszentrale für politische Bildung

Donnerstag, 28. Februar 2008 17:57

Das Webportal der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) ist eine der besten Informationsquellen im Internet. Wie überhaupt die seit 1952 bestehende Einrichtung, die über ein dichtes Netzwerk aus Landeszentralen, Bildungseinrichtungen und –trägern verfügt, offenbar seit einigen Jahren hervorragende Arbeit im Bereich politischer Bildung leistet – eine vergleichbare Einrichtung existiert in Österreich schlicht und ergreifend nicht.

Anfänglich verstand sich die Bundeszentrale für Heimatdienst, so der ursprüngliche Name, als ideologisches Bollwerk gegen den Kommunismus – die tatkräftige Mitarbeit ehemaliger Nazis in den 50-er und 60-er Jahre, aber auch noch später, verwundert daher nicht wirklich. Seit 1963 führt die Einrichtung, die eine nach geordnete Behörde des Bundesministeriums des Inneren ist, den heutigen Namen. Den historischen Hintergrund dieser Einrichtung hat die Politologin Gudrun Hentges erforscht.

Ich habe vor allem aus dem umfangreichen Publikationsangebot der BPB schon oftmals Gebrauch gemacht. Speziell die Schriftenreihe mit ihren Themenschwerpunkten Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft, Innenpolitik, internationale Politik, Politische Grundfragen und Medien, die Bücher zum Superpreis (für 2 bis 6 Euro) umfasst – easy Bestellung und Bezahlung nach superschneller Lieferung mit Erlagschein – ist höchst empfehlenswert.

Und, wie eingangs gesagt, das Webportal ist mit seinen Dossiers zu wichtigen historischen Ereignissen, aktuell etwa zu 1968, eine wahre Fundgrube.

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Sisyphos bei der Arbeit

Montag, 25. Februar 2008 20:58

Neil Young in Wien, im Austria Center Vienna, und die bekannten österreichischen Musikkritiker (hier und hier) waren sich im großen Ganzen einig, es hätte einen öden ersten und einen famosen zweiten Teil des Konzertes gegeben.

Freunde, so war es nicht!

Vom ersten Song an, von der wunderschönen Country-Ballade FROM HANK TO HENDRIX („Here I am with this old guitar, doin’ what I do„), die im Titel zwei wesentliche Kraftquellen für Neil Youngs Gesamtwerk trägt, Hank Williams und Jimi Hendrix – nebenbei charakterisieren die beiden musikalischen Antipoden sowohl die stilistische Bandbreite des Meisters, als auch die Eckpfeiler seines Wiener Konzerts (im solo und akustisch bestrittenen ersten Part, Country-lastige Songs, im zweiten: „brennende Gitarren„) -, über AMBULANCE BLUES aus dem 1974-er Meisterwerk ON THE BEACH („And there ain’t nothin‘ like a friend, who can tell you you’re just pissin‘ in the wind„), weiter zu A MAN NEEDS A MAID und anderen Stücken für die Ewigkeit (OLD MAN), die, egal wann und wo du sie hörst, dich jedes Mal aufs Neue abholen, war dieses Konzert schlichtweg großartig.

Und dann, zwei, drei absolute WAHNSINNS Interpretationen mit Band von sowieso überlebensgroßen Songs wie HEY HEY, MY MY oder POWDERFINGER oder das unpackbare, ZEIT und RAUM vergessen lassende DOWN BY THE RIVER – neben mir, die drei Kerle aus Bratislava, die anfangs wie wild mitgrölten („I shot my baby„), wurden mit Fortdauer des Songs immer ruhiger, und ich bin mir sicher, sie heulten, so wie ich, Rotz und Wasser, als der Song vorbei war – oder das furiose NO HIDDEN PATH vom letzten Album (CHROME DREAMS II), das ich noch nicht gehört hatte.

I’m a dirty old man
I do what I can
tryin‘ to make a livin‘
I’m a dirty old man.

It’s a battle with the bottle
I’ll win it alright
But I lost another round
In the bar last night.

Alles Gemurre (Veranstaltungsort usw.) löst sich in Nichts auf dank der Young’schen Stimme, dieser im Zwischenreich von Unschuld und Schuld verweilenden Kindererwachsenenstimme, und dank der schier unglaublichen Intensität seiner ARBEIT an und mit der Gitarre. Neil Young bei der Arbeit, das heißt, körperliche Schwerstarbeit, das heißt, den Kampf gegen die Schwerkraft immer wieder aufs Neue aufnehmen, das heißt, aus dem Universum der Klänge den für den Moment einzig wahren Klang, im Wortsinn, zu greifen, und das heißt vor allem, die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens in keiner Sekunde zu akzeptieren, sondern gerade darin den Antrieb für die Arbeit zu finden. („Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen!“ Albert Camus).

Deshalb hat Neil Youngs Musik für mich immer funktioniert – und deshalb finde ich in seinem unvergleichlichen OCEAN OF SOUNDS, in diesem in zig Variationen gespielten JUST ONE SONG, immer wieder für Momente: REDEMPTION.

Hier die Setlist vom Wien-Konzert:

Solo

From Hank To Hendrix / Ambulance Blues / Sad Movies / A Man Needs A Maid / Separate Ways / Try / Harvest / After The Gold Rush / Mellow My Mind / Love Art Blues / Don’t Let It Bring You Down / Heart Of Gold / Old Man

Mit Band (Rick Rosas, Ben Keith, Ralph Molina, Anthony Crawford und Pegi Young)

Mr. Soul / Dirty Old Man / Spirit Road / Down By The River / Hey Hey, My My / Too Far Gone / Oh, Lonesome Me / Winterlong / Powderfinger / No Hidden Path / Cinnamon Girl / Rockin‘ In The Free World

Website von Neil Young

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Privatisierung des Krieges

Mittwoch, 20. Februar 2008 17:34

Die Website Blackwater Watch dokumentiert die Privatisierung des Krieges anhand des wohl größten Profiteurs der Auslagerung des staatlichen Gewaltmonopols, anhand des weltweit agierenden privaten Sicherheitsunternehmens Blackwater. Gegründet im Jahre 1996 von Eric Prince, Erbmillionär, christlich-religiöser Fundamentalist (Mitglied im Direktorium der Christian Freedom International) mit bester Connection zur Bush-Administration (Praktikum im Weißen Haus beim Vater Bush), begann der rapide Aufstieg des Unternehmens nach 9/11 und vor allem nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad. Ohne diese „dedicated family of exceptional employees„, wie die Truppe ehemaliger Elitesoldaten aus aller Welt auf der Firmen-Website euphemistisch genannt wird, könnte der Irak-Krieg längst nicht mehr bestritten werden.

Nun gibt es Söldner, seit es Kriege gibt – also schon immer. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht allerdings darin, dass demokratische Staaten ohne Söldnertrupps de facto keine Kriege mehr führen könnten – der Druck der Öffentlichkeit steigt mit jedem toten Soldaten, der aus den Kriegsgebieten heimgeholt und mit militärischen Ehren beerdigt werden muss (siehe Vietnam-Krieg). Private Sicherheitsdienste, die außerhalb des Völkerrechts agieren, anzuheuern, ist somit eine elegante und effiziente Strategie, um einer demokratischen Kontrolle zu entgehen.
Jeremy Scahill, Journalist beim US-Magazin The Nation und Autor des BuchesBlackwater – Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt, das soeben auf Deutsch erschienen ist, fasst diesen Sachverhalt in einem Interview in der TAZ wie folgt zusammen:

Mit Blackwater verfügt die Bush-Regierung über eine Schattenarmee mit 25.000 jederzeit einsetzbaren Söldnern, den Gerätschaften einer regulären Brigade und einer eigenen Luftflotte. Tote oder verletzte Söldner tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf. Das mindert die Proteste gegen den Irakkrieg. Der Einsatz von Blackwater und anderen Söldnern verschleiert, wie viele US-Amerikaner wirklich im Irak sind.

Wie verfahren die Lage längst ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1996: Zwei Jahre nach dem Genozid an den Tutsi in Ruanda wusste die UNO von einer weiteren Vertreibung. Da sich die große Mehrheit der UNO-Staaten weigerte, eigene Soldaten in die Region zu entsenden, ließen die Vereinten Nationen prüfen, inwieweit private Unternehmen mit der Sicherung der Flüchtlinge beauftragt werden könnten.

Die südafrikanische Firma Executive Outcomes, die sich aus Spezialkämpfern der alten Apartheidarmee rekrutierte und bereits in Angola und Sierra Leone von Kriegsparteien mit Kampfaufträgen betraut worden war, bot an, in Ruanda sichere Inseln für Flüchtlinge zu schaffen. Innerhalb von 14 Tagen, so das Firmenangebot, könnte sie Soldaten in Ruanda stationieren und binnen sechs Wochen ein Kontingent von 1.500 Soldaten einsetzen. Kostenpunkt: 600.000 US-Dollar pro Tag und damit deutlich billiger als die meisten UNO-Blauhelmmissionen.“ (hier der ganze Artikel)

Kofi Annan, der zu dieser Zeit für UN-Friedenseinsätze verantwortlich zeichnete, bekam keine Zustimmung für diese Pläne – die Privatisierung des Frieden war nicht durchzusetzen.

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Moral ist ganz einfach

Dienstag, 19. Februar 2008 16:17

Ein wunderbarer Nachtragskommentar zur Reise des Berliner Ensembles nach Teheran (hier), der im Tagesspiegel erschienen ist, beschäftigt sich mit dem politischen Engagement von Künstlern. Der Autor nimmt eine präzise Trennung vor zwischen dem gut Gemeintem und dem Gutem, das mit Ersterem nichts gemein hat, und verdeutlicht überdies exemplarisch, wie leicht es im Grunde ist, auch in der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Seite zu finden:

Künstler sind auch nur Menschen, vielleicht mit einem Unterschied: Sie sind leichter erregbar. Deshalb irren sie manchmal kräftiger. Nichts Unmenschliches ist einigen von ihnen fremd. Der Iran ist eine Diktatur, dessen Präsident ein Antisemit, er strebt nach Atomwaffen, will Israel vernichten, unterstützt diverse Terrororganisationen. Kein Mensch, der noch, buchstäblich, bei Trost ist, kann dieses Regime unterstützen. Dort werden Frauen, die vor ihrer Hinrichtung unberührt sind, vergewaltigt, aus Angst, sie kämen andernfalls als Jungfrauen ins Paradies. „Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf“, heißt es bei Bertolt Brecht. „Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Wohltuend, derart klare Worte zu lesen!

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Standard Operating Procedure

Donnerstag, 14. Februar 2008 22:37

Die deutschsprachigen Tageszeitungen beschäftigen sich mit dem Dokumentarfilm Standard Operating Procedure des US-Dokumentarfilmers Errol Morris, der gestern im Rahmen der Berlinale 2008 Premiere hatte. Will der eine Rezensent in dem Werk, das die Folter im US-Gefängnis in Abu Ghuraib zum Thema hat, „einen außerordentlichen Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA“ erkannt haben, sieht der andere den Filmemacher stapfen „wie ein Feldherr des guten Amerika durch die Schreckenszenarien, ganz trunken von seiner moralischen Betroffenheit und seinem filmischen Können„.

Im Grunde aber, schreiben sie nur von einander ab (etwa hier und hier).

Ich habe zwar den Film nicht gesehen, aber nach dem Betrachten des Trailers habe ich keinerlei Erwartungen auf irgendeinen Erkenntnisgewinn, es sei denn, man hält „den Verlust der Unschuld, der das ganze Land betrifft – und nicht allein eine Handvoll Soldaten„, um einen besonders dummen Satz aus dem Pressetext der Berlinale zu zitieren, für einen solchen.

Erkenntnisse kann man hingegen aus dem Buch Deutschlandfilme gewinnen, in dem sich Klaus Theweleit – neben Jean-Luc Godards Deutschland Neu(n) Null und Alfred Hitchcocks Der zerrissene Vorhang – auch mit Pier Paolo Pasolinis Salò oder Die 120 Tagen von Sodom beschäftigt. Diese filmische Topografie des Terrors, in Form des Rückgriffs auf Marquis de Sade, zeigt die Perversion einer sexuell konnotierten Gewalt, die auf die nationalsozialistische Perversion verweist (man denke etwa an die Folterbilder der deutschen Wehrmachtssoldaten, die im Zuge der Wehrmachtsausstellung zu sehen waren), die aber auch für das Verständnis der Folter in Abu Ghuraib oder anderswo von Relevanz ist.

In einem Interview, das die Junge Welt kurz nach Bekanntwerden der Folterbilder von Abu Ghuraib im Mai 2004 mit Klaus Theweleit geführt hat, betont Theweleit diesen universellen Charakter der Folter. Da dieses faszinierende Interview nur noch für Abonnenten zugänglich ist, kann man es hier ungekürzt lesen.

Frage: Die Folterung durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghuraib sei unamerikanisch, behauptet Präsident Bush. Stimmt das?

Theweleit: Als erstes sagte er, da könne man die Vorteile einer Demokratie sehen – im Unterschied zu einer Diktatur würden die Verbrechen aufgedeckt. Schon irre, wie Bush jedes noch so üble Detail mit einer proamerikanischen Entlastungsoffensive beantwortet. Mit den Kategorien amerikanisch oder unamerikanisch kommen wir nicht weiter. Ich habe vor kurzem einen längeren Essay über Pier Paolo Pasolinis Film „Saló, oder die 120 Tage von Sodom“ geschrieben. Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt. In dieser Tradition stehen die Folterungen in Abu Ghuraib. Deswegen war es ganz passend, dass ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung die Überschrift Die 120 Tage von Bagdad trug. Es ist ein universaler Verbrechenszug, der die Geschichte aller westlichen Zivilisationen prägt.

Frage: Viele Betrachter fühlen sich an das Verhalten der US-Army in Vietnam erinnert.

Theweleit: Zu Recht. Das Neue ist allerdings die massenhafte Verbreitung der Fotos über das Internet. Dass diese Aufnahmen so schnell öffentlich geworden sind, war für die Täter allerdings keine Panne, sondern Absicht. Die Folter ist nicht spontan und zufällig, sondern inszeniert, und die fotografische Dokumentation ist Teil der Inszenierung. Pasolini wollte durch die Verfilmung dieser Grausamkeiten eine kritische Sensibilität für den Zusammenhang zwischen Faschismus und bestimmten Sexualitätsformen schaffen, ist aber am Resultat seines Schaffens schier verzweifelt. Die Leute, die in Abu Ghuraib die Kamera führten, wollten die Grausamkeiten nicht einfach festhalten, sondern in ihrer Intensität steigern. Es wird nicht einfach auf den Auslöser gedrückt, sondern die Szene wird arrangiert. Vieles dabei wirkt wie ein Remake von Folterbildern, die man aus der Geschichte kennt, oder eben auch aus der Filmgeschichte. Zum Beispiel der nackte Iraki an der Hundeleine oder die Gequälten, die auf allen Vieren auf die Kamera zu kriechen müssen – das könnte auch aus „Die 120 Tage von Sodom“ stammen. Dabei ist eher unwahrscheinlich, dass die amerikanischen Soldaten den italienischen Film gesehen haben – aber offensichtlich sind es Typen, die aus unserer visuellen Umwelt unbewusst die typischen Darstellungen von Erniedrigung und Qual abspeichern und dann im geeigneten Moment zur Vorlage für ihr eigenes Handeln nehmen. Bemerkenswert dabei – der Ausweis der „Echtheit“ sozusagen –, dass die Folterer mit stolzem Lächeln vor ihren Opfern posieren. Es ist der gleiche Gestus wie auf den Aufnahmen, die deutsche Wehrmachtssoldaten aus dem Osten nach Hause schickten.

Frage: Sie bezeichnen die Folter als universales Verbrechen. Zeigt sich hier also die „dunkle Seite von uns allen“, wie ein US-amerikanischer Kommentator schrieb?

Theweleit: Das nun auch wieder nicht. Foltertäter sind Typen, deren Körper durch Gewalt und Missbrauch selbst gebrochen ist. Kurz gesagt: Sie bekommen Gewalt und Sexualität nicht mehr auseinander. Das Lustprinzip, von dem Freud spricht, ist bei ihnen umgeschlagen in ein Schmerz- und Vernichtungsprinzip. Je mehr die Lebendigkeit aus dem Opfer entweicht, umso mehr erlebt der Täter das als Revitalisierung seines eigenen Körpers, der durch die früher selbst erfahrene Gewalt fragmentiert und taub gestellt geworden war. Der Tod des Gequälten ist für den Folterer so etwas wie ein Lebendigkeitszuwachs, eine Art Neugeburt. Im harmlosesten Fall kann der so Beschädigte seine Lust durch das Betrachten entsprechender Bilder befriedigen. Diese Gewaltpornographie wird zwar heftig kritisiert, aber soweit es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, deuten diese darauf hin, dass über diese visuellen Darstellungen beim Betrachter der Trieb zur Praktizierung von Gewalt nicht gesteigert, sondern gesenkt wird. Es sind nicht die Bilder, die töten.

Frage: Wird durch diese Individualpsychologie nicht die Verantwortung der militärischen und politischen Führung geleugnet?

Theweleit: Gerade nicht. Die militärische Besatzung eines Landes bietet ja die allerbesten Möglichkeiten für diesen fragmentierten Körpertypus, seine Gewaltzwänge auszuleben – die staatliche Billigung gehört unbedingt dazu. Wie etwa im „ganz normalen“ amerikanischen Strafvollzug, für den die Bilder aus dem Irak nichts Unbekanntes sind.

Frage: Wurde nun in Abu Ghuraib mit politisch-militärischem Kalkül gefoltert, um im Auftrag der US-Führung Geständnisse über Untergrundstrukturen zu erzwingen, oder aus perverser privater Lust?

Theweleit: Das kann man vermutlich nicht trennen. Das Verhör beginnt mit der Absicht, Informationen zu erpressen, und nach einer gewissen Zeit will der Verhörspezialist auch auf seine speziellen Kosten kommen.

Frage: Wenn Soldaten so zügellos ihre eigenen Perversionen ausleben – ist das nicht Ausdruck davon, dass sie der Krieg selbst nicht mehr interessiert, dass sie sich schon geschlagen geben? Auch in der Republik von Saló feierten die Mussolini-Leute Orgien, nachdem die Schlachten verloren waren.

Theweleit: Nun, das ist Pasolinis Film. Aber auch in der Realität gibt es diese Verbindung: Auschwitz kann als verzweifelte Rache der Nazis an den Juden für die Niederlage im Osten begriffen werden. Dort sollten nach Berliner Berechnungen 50 Millionen Russen verhungern. Nach Stalingrad wussten die Nazis, dass ihr Welteroberungsprogramm gescheitert war, erst dann liefen die Verbrennungsöfen auf Hochtouren.

Frage: Aber die Judenvernichtung war, wie Adorno betont, eine kalte, emotionslose, bürokratische Vernichtung. Eichmann war kein Lustfolterer, sondern ein Buchhalter.

Theweleit: Es besteht kein Widerspruch darin, die Vernichtung des Gros der Häftlinge mit effizienten Fließband- und Fabrikmethoden zu praktizieren und sich nach Feierabend noch einige zur Sonderbehandlung, zum eigenen Vergnügen herauszupicken. Adorno ist hier in unsinniger Weise kategorisch, weil er den Holocaust nicht in der Traditionslinie der Vernichtungspraxis sehen will, die die westliche Zivilisation ganz allgemein in ihren mörderischen Kolonialismen und im entsprechenden psychophysischen Aufbau ihrer „Subjekte“ möglich gemacht hat.

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Unser Kampf – 1968

Mittwoch, 13. Februar 2008 16:04

Der Historiker Götz Aly hat ein Buch über 1968 geschrieben, das sich schon durch seinen Titel, „Unser Kampf – 1968„, von den zahlreichen Jubelpublikationen ehemaliger 68-er, die zum 40. Jahrestag der studentischen Revolten in Deutschland erschienen sind, absetzt, indem in anderer Weise eine Verbindung zur „Mein Kampf“-Generation evoziert wird, als man annehmen würde. Ein Vorabdruck des Buches findet sich im Perlentaucher.

Der ehemalige 68-er Aly, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, interpretiert die Revolte seiner Generation, im Gegensatz zum 68-er Mythos, es „sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei„, gewissermaßen als Abwehrreaktion gegen die in der Bundesrepublik stattgefundene juristische und moralische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Unterschied zu Österreich, wo die gerichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach anfänglichem, den Alliierten zu verdankendem Engagement rasch abebbte und in den frühen 1970-er Jahren vom damaligen SPÖ Justizminister Christian Broda eingestellt wurde, um insbesondere weitere skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate zu verhindern (man lese dazu die Titelgeschichte im Falter 06/2008 von Florian Krenk über den „Fall Erna Wallisch„), wurde in der BRD, „in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert, weil von 1963 bis 1965 der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und Hunderte weiterer NS-Verfahren in Gang gesetzt worden waren„.

Aly sieht in der Bewunderung der 68-er für autoritäre und totalitäre Regimes, deren Verbrechen man ebenso negierte, wie die Vätergeneration die nationalsozialistischen Verbrechen, nicht nur eine trotzalledem Identifikation mit der Vätergeneration, sondern vor allem den Versuch, sich vom nationalsozialistischem Erbe zu befreien. Neben der Bewunderung für Mao Tse-tung – „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach“ –, die mit einer völligen Ausblendung der chinesischen „Kulturrevolution„, über deren Schrecken man schon sehr früh alles wissen konnte, einherging, artikulierte sich vor allem in den gegen den Vietnamkrieg gerichteten Parolen und Aktionen die Sehnsucht, das deutsche Jahrhundertverbrechen zu tilgen.

Die Ende 1967 im Handumdrehen populäre, gegen den Vietnamkrieg gerichtete Parole „USA-SA-SS“ enthielt zweierlei: Momente von Identifikation und Distanzierung, die jeden Generationskonflikt kennzeichnen. Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden. Zwar deutete er die Verbrechen der Vätergeneration noch an, verlagerte sie jedoch auf andere, von anderen begangene Schreckenstaten, verallgemeinerte die NS-Verbrechen zur Unkenntlichkeit und schob sie aus der Mitte der eigenen Gesellschaft heraus – weit weg nach Übersee.

Klaus Theweleit hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Ghosts die Gründe für diese Übertragungen wie folgt benannt:

Die Verurteilung der eigenen an der Vernichtung der Juden beteiligten oder sie duldender Eltern sei, bei den meisten von uns, nur vordergründig gewesen. In Wahrheit hätten wir es psychisch nicht über uns gebracht, den notwendigen „Elternmord“ zu vollziehen. Dieser wäre aber die nötige Voraussetzung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Eltern und die Voraussetzung einer wirklichen Trauer über das geschehene Morden gewesen.“ (S.127)

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Die 4da

Dienstag, 12. Februar 2008 23:31

Zur Fortsetzung der Kabarettsendung „Die 4 da“ im ORF zwei grandiose Kommentare zur politischen Lage Österreichs für all jene, die sie noch nicht gesehen haben.

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Mutter Courage im Ahmadinedjad-Land

Samstag, 9. Februar 2008 18:02

Seit 1983 findet jedes Jahr das zehntägige Fadjr-Theaterfestival in Teheran statt, eines der größten Theaterevents im islamischen Raum, dass zu Ehren des Führers der islamischen Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeini gegründet wurde. Da auf diesem Festival, das heuer vom 6. bis zum 16. Februar ablaufen wird, seit Jahren neben iranischen Produktionen auch internationale zu sehen sind, überrascht es nicht, wenn auch in diesem Jahr Theatergruppen und Ensembles aus Russland, Polen, Frankreich, Armenien, der Schweiz und aus Deutschland nach Teheran reisen. So auch Klaus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE). Sie werden mit dem Bert Brecht Stück Mutter Courage und ihre Kinder vom 12. bis 14. Februar in der iranischen Hauptstadt gastieren, während zur gleichen Zeit die Bühnenfassung von Anne Franks Tagebuch auf dem Spielplan des BE in Berlin steht. In der Presseerklärung von Peymann „zum wichtigsten Gastspiel“ seiner Direktion, wie er betont, findet sich folgende Begründung für den Trip nach Teheran: „In einem vom Krieg bedrohten Land ein Anti-Kriegsstück wie die MUTTER COURAGE von Brecht zu spielen, hat eine besondere Bedeutung„.

Ich denke, wer die Reise in ein islamfaschistisches Land, dass nicht vom Krieg bedroht ist, sondern längst Krieg führt, „sowohl nach innen gegen die eigene Bevölkerung als auch nach außen durch die Unterstützung von Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah„, wie es in einer Presseerklärung des Komitees gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo völlig zu Recht heißt, mit der bewussten Verdrehung politischer Realitäten zu legitimieren versucht, verschwindet damit von selbst als ernstzunehmende Stimme aus der zivilisierten Debatte.

Vielleicht ist es aber ganz anders, träume ich, vielleicht ist es die Brecht’sche List, die Peymann antreibt, weil er natürlich auch weiß, dass es klüger ist, ein Anti-Kriegsstück nicht in dem vom Krieg bedrohten Land zu spielen, sondern in jenem Land, das den Krieg vorbereitet. Freilich, würde er das so sagen, bräuchte er gar nicht aus Berlin abreisen – die Mullahs würden ihn nie reinlassen. Daher diese Verdrehung der Fakten, dieser Kunstgriff, erfunden, um die iranischen Zensoren hinters Licht zu führen. Erst diese List ermöglicht es Peymann, das „neugierige, intelligente, großstädtische Publikum“ (Peymann in der Presseerklärung) in Teheran mit dem Anti-Kriegsstück zu konfrontieren.

Hier steht, warum dieser Traum blödsinnig ist, und hier, was man sonst noch tun sollte.

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Kind 44

Freitag, 8. Februar 2008 16:04

Wie kann man als Individuum existieren, wenn der Ehemann, die Ehefrau, der Arbeitskollege, der Freund, der Nachbar, der Unbekannte in der Metro, schlicht jeder und jede, jederzeit zur existentiellen Bedrohung werden kann, ja zur Bedrohung werden muss, will er/sie nicht selbst seine/ihre Existenz bedrohen?

Wie es möglicherweise war, unter einer solchen Angstglocke zu leben, erzählt der 29 jährige Engländer Tom Rob Smith in seinem Erstlingsroman Kind 44. Elke Heidenreich hat den Roman in ihrer ZDF-Büchersendung lesen gerade vorzustellen begonnen, als ich zufällig hin gezappt habe, und sie hat diesen, vom Verlag als Thriller vermarkteten Roman so faszinierend beworben, dass ich das Buch sofort kaufte und zu lesen begann.

In Kind 44 erzählt der Autor von einer Mordserie an Kindern in der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Der Roman, wiewohl Tom Rob Smith eine erst Jahre nach dem Tod Stalins aufgeklärte Mordserie als Vorlage diente, hat paradoxerweise in einem anderen Sinn einen fiktiven Kern: In einer Gesellschaft, in der Armut und Ungleichheit offiziell für abgeschafft erklärt wurden, kann es keine Verbrechen mehr geben. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, daher wurden die Morde als Unfälle zu den Akten gelegt oder geistig Behinderten in die Schuhe geschoben oder schlicht und einfach vertuscht.

Ein hoch dekorierter, linientreuer Geheimdienstoffizier, der weiß, dass ein offensichtlicher Mord an einem 12-jährigen als Unfall zu deklarieren ist, wird im Zuge der Untersuchungen zur Einsicht gelangen, dass das ganze Land die Lubjanka ist.

Auch wenn die bloße Kriminalgeschichte, das Whodonit, Schwächen aufweist, die präzise Beschreibung des Terrors, das Eindringen staatlicher Macht in die Körper, und die Schilderung der von unfassbarer Armut geprägten Verhältnisse in der Sowjetunion in den ersten Jahren nach WK II, ließ mich beim Lesen fast aufs Atmen vergessen.

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