Sisyphos bei der Arbeit

Neil Young in Wien, im Austria Center Vienna, und die bekannten österreichischen Musikkritiker (hier und hier) waren sich im großen Ganzen einig, es hätte einen öden ersten und einen famosen zweiten Teil des Konzertes gegeben.

Freunde, so war es nicht!

Vom ersten Song an, von der wunderschönen Country-Ballade FROM HANK TO HENDRIX („Here I am with this old guitar, doin’ what I do„), die im Titel zwei wesentliche Kraftquellen für Neil Youngs Gesamtwerk trägt, Hank Williams und Jimi Hendrix – nebenbei charakterisieren die beiden musikalischen Antipoden sowohl die stilistische Bandbreite des Meisters, als auch die Eckpfeiler seines Wiener Konzerts (im solo und akustisch bestrittenen ersten Part, Country-lastige Songs, im zweiten: „brennende Gitarren„) -, über AMBULANCE BLUES aus dem 1974-er Meisterwerk ON THE BEACH („And there ain’t nothin‘ like a friend, who can tell you you’re just pissin‘ in the wind„), weiter zu A MAN NEEDS A MAID und anderen Stücken für die Ewigkeit (OLD MAN), die, egal wann und wo du sie hörst, dich jedes Mal aufs Neue abholen, war dieses Konzert schlichtweg großartig.

Und dann, zwei, drei absolute WAHNSINNS Interpretationen mit Band von sowieso überlebensgroßen Songs wie HEY HEY, MY MY oder POWDERFINGER oder das unpackbare, ZEIT und RAUM vergessen lassende DOWN BY THE RIVER – neben mir, die drei Kerle aus Bratislava, die anfangs wie wild mitgrölten („I shot my baby„), wurden mit Fortdauer des Songs immer ruhiger, und ich bin mir sicher, sie heulten, so wie ich, Rotz und Wasser, als der Song vorbei war – oder das furiose NO HIDDEN PATH vom letzten Album (CHROME DREAMS II), das ich noch nicht gehört hatte.

I’m a dirty old man
I do what I can
tryin‘ to make a livin‘
I’m a dirty old man.

It’s a battle with the bottle
I’ll win it alright
But I lost another round
In the bar last night.

Alles Gemurre (Veranstaltungsort usw.) löst sich in Nichts auf dank der Young’schen Stimme, dieser im Zwischenreich von Unschuld und Schuld verweilenden Kindererwachsenenstimme, und dank der schier unglaublichen Intensität seiner ARBEIT an und mit der Gitarre. Neil Young bei der Arbeit, das heißt, körperliche Schwerstarbeit, das heißt, den Kampf gegen die Schwerkraft immer wieder aufs Neue aufnehmen, das heißt, aus dem Universum der Klänge den für den Moment einzig wahren Klang, im Wortsinn, zu greifen, und das heißt vor allem, die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens in keiner Sekunde zu akzeptieren, sondern gerade darin den Antrieb für die Arbeit zu finden. („Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen!“ Albert Camus).

Deshalb hat Neil Youngs Musik für mich immer funktioniert – und deshalb finde ich in seinem unvergleichlichen OCEAN OF SOUNDS, in diesem in zig Variationen gespielten JUST ONE SONG, immer wieder für Momente: REDEMPTION.

Hier die Setlist vom Wien-Konzert:

Solo

From Hank To Hendrix / Ambulance Blues / Sad Movies / A Man Needs A Maid / Separate Ways / Try / Harvest / After The Gold Rush / Mellow My Mind / Love Art Blues / Don’t Let It Bring You Down / Heart Of Gold / Old Man

Mit Band (Rick Rosas, Ben Keith, Ralph Molina, Anthony Crawford und Pegi Young)

Mr. Soul / Dirty Old Man / Spirit Road / Down By The River / Hey Hey, My My / Too Far Gone / Oh, Lonesome Me / Winterlong / Powderfinger / No Hidden Path / Cinnamon Girl / Rockin‘ In The Free World

Website von Neil Young

Tags » , , «

Autor:
Datum: Montag, 25. Februar 2008 20:58
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Allgemein, Musik

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Ein Kommentar

  1. 1

    Hier spricht ein großer Fan, voreingenommen und noch sichtlich im Banne eines offenbar großartigen Konzerts. Schade, dass ich nicht dabei sein konnte!

Kommentar abgeben