Beiträge vom April, 2011

SPD schafft sich ab

Mittwoch, 27. April 2011 18:20

ortsgruppe

Offensichtlich darf man als Parteimitglied keine eigene Meinung vertreten. Immer schön im Strom mitschwimmen, unangenehme Themen werden nicht oder nur in beschönigter Form angesprochen. Die harte Wahrheit darf man nicht öffentlich machen. So sieht die Politik aus. Leute wie Sarrazin stören da nur, nicht wahr? Nur merkwürdig, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung da ganz anderer Meinung ist. Aber daran stören sich Politiker ja nicht.“ (Posting in ZEIT, 26. April 2011, 18:31 Uhr)

Dieses Posting findet sich unter einem Zeit-Kommentar, der die Einstellung des Parteiausschlussverfahrens gegen Thilo Sarrazin kritisiert, ein Sachverhalt, der sich diesem Poster mit dem drolligen Nickname „Tierfreund“ offensichtlich nicht erschlossen hat. Er sieht nur „Sarrazin“ und sofort wirft er seine Hausverstandsmaschine an und nimmt die Pose des vermeintlich „Gegen-den-Strom-Schwimmers“ ein, um gegen eine „Politik“ zu wettern, die keine „harte Wahrheit öffentlich macht„, und um klar zu machen, dass er und „ein nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung“ – den einer wie er immer dann anführen muss, sobald er das Maul aufmacht – von diesen „Politikern“ nichts hält. Dieser „Tierfreund“ ist der klassische Wutbürger, der gegen die „da Oben“ brüllt – und immer gegen die „da Unten“ tritt.

Mit dem Nichtausschluss des Ex-Finanzsenators in Berlin und Ex-Vorstandmitglied der Deutschen Bundesbank hat die Parteispitze der SPD ihren Wutbürgermitgliedern zu verstehen gegeben, dass sie den Gedankenmüll, den sie in sich tragen, nicht mehr hinunterwürgen müssen. Fortan dürfen sie getrost behaupten, dass u. a. „belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht„, dass „die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark (…)„, dass „auch im besten Bildungssystem die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert wird„, dass „für einen großen Teil dieser Kinder der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt ist: Sie erben (1) gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden (2) durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt“ und dass „Menschen unterschiedlich sind – nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt – und dass noch so viel Bildung und Chancengleichheit daran nichts ändert„.

Welch ein hoffnungsloses Menschenbild wird hier, mehr als 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung, produziert?“ schrieb der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel noch vor einigen Monaten in einem Beitrag in der Zeit, in dem er luzide die hässlichen Blödheiten des Bestseller-Autors auseinandergenommen hat. (Die hier angeführten Zitate aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sind diesem Beitrag entnommen.) Die Umfragedaten der SPD haben den Parteivorsitzenden und die führenden Genossen offenbar bewogen, ihre Auffassung zu ändern. Jetzt kann ein Parteimitglied also „für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen – unabhängig von Herkunft und Geschlecht, frei von Armut, Ausbeutung und Angst“ (Hamburger Programm – Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 2007, Einleitung, S. 6) eintreten und sozialdarwinistische, biologistische und rassistische Hässlichkeiten verzapfen. Das geht sich schon alles irgendwie aus.

Mit dem Signal an die Parteimitglieder, „Lasst einfach raus, was ihr ohnehin jeden Tag dank der Blödmedien hineinfrisst!“, hat sich die SPD abgeschafft!

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Jeder stirbt für sich allein

Dienstag, 26. April 2011 20:16

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Das Arbeiterehepaar Otto und Elise Hampel hat von 1940 bis zu ihrer Verhaftung im Jahre 1942 rund 280 Postkarten und Flugblätter gegen Krieg und Nationalsozialismus geschrieben, die sie auf Stiegen oder Fensterbänken von Wohn- und Bürohäusern in Berlin deponierten im Glauben, ihre Botschaften werden sich massenhaft verbreiten. Welch ein Irrtum: Lediglich 18 Karten blieben verschwunden, die übrigen wurden von den Findern sofort der Gestapo übergeben. Im Jänner 1943 sind die Hampels vom Präsidenten des NS-Volksgerichtshofes Roland Freisler wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 8. April 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden.

Auf das Schicksal dieses Ehepaares ist der Schriftsteller Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen) im Jahre 1946 von seinem Freund Johannes R. Becher aufmerksam gemacht worden. Becher, später Kulturminister der DDR, war zu jener Zeit Präsident des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Der Kulturbund wirkte am antifaschistischen Gründungsmythos der DDR mit, Geschichten über Helden des antifaschistischen Widerstands waren daher höchst willkommen. Wenngleich sich Fallada zunächst zierte, weil er, wie er betonte, selbst „im Strom mitgeschwommen war„, muss der Stoff ihn doch außerordentlich angezogen haben: Schon schwer gezeichnet von jahrelanger Morphium- und Alkoholabhängigkeit schrieb Fallada 866 Typoskriptseiten in nicht einmal vier Wochen.

Im Jahre 1947, kurz nach Falladas Tod, erschien der Roman unter dem Titel „Jeder stirbt für sich allein“ im Aufbau-Verlag, freilich um jene Passagen bereinigt, die nicht so recht ins antifaschistische Heldenimage passten: Im Originalmanuskript zeichnet Fallada seine Protagonisten in Analogie zu den Hampels (im Roman heißen sie Otto und Anna Quangel) als ehemalige Sympathisanten der Nazis (Otto Quangel ist überzeugt, dass er die Position als Tischlermeister in einer Möbelfabrik nur „dem Führer“ verdankt und seine Ehefrau war eine begeisterte Funktionärin in der NS-Frauenschaft), und selbst als Postkartenschreiber gegen die Nazis werden sie keine wirklichen Sympathieträger. Diese Passagen fanden sich in der Erstveröffentlichung ebenso wenig wie die Schilderungen des Umgangs mit potentiellen Verrätern innerhalb einer kommunistischen Widerstandszelle.

Nach dem großen Erfolg, den der Roman seit einigen Jahren vor allem in den USA und in Israel bei Kritik und Publikum erzielte, hat jetzt auch der Aufbau-Verlag nachgezogen und Hans Falladas Opus Magnum erstmals in der vom Autor hinterlassenen Fassung veröffentlicht. Sein präziser Blick auf den nationalsozialistischen Alltag während der ersten Kriegsjahre funktioniert sowohl als packender Kriminalroman (Figur des Nazi-Polizeikommissars Escherich!) als auch als soziologische Studie über die „kleinen Leute„, also über jene, die nach WK II als „Mitläufer“ oder „minder Belastete“ entnazifiziert wurden. Im Anhang finden sich überdies Auszüge aus den Prozessakten gegen die historischen Vorbilder der Quangels und ein Nachwort zur Entstehungsgeschichte des Romans.

Thema: Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Vaticanos in Facebook

Freitag, 15. April 2011 15:55

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Am 24. Jänner, dem „Gedenktag des heiligen Franz von Sales„, des Patrons der katholischen Journalisten und Schriftsteller und der gehörlosen Menschen, auf den der „salesianische Ehrenkodex der Journalisten“ zurückgeht, hat Joseph Ratzinger, nicht nur bei den Katholiken auch als Papst Benedikt XVI bekannt, einen Text mit dem Titel „Wahrheit, Verkündigung und Authentizität des Lebens im digitalen Zeitalter“ veröffentlicht, worin er unter anderen „vor allem die Jugendlichen ein[lädt], von ihrer Präsenz in der digitalen Welt guten Gebrauch zu machen„.

Die päpstliche Aufforderung, das Evangelium via Facebook zu verkünden (auf Youtube ist man mit einem eigenen Kanal schon länger vertreten), hat die Brüder und Schwestern im Vatikanstaat offensichtlich in Panik versetzt. Den Statistiken der Facebook-Userzahlen ist zu entnehmen, dass die Nutzung, die zu Beginn des Jahres im Vatikanstaat bei sagenhaften 80% lag, im Februar 2011 völlig eingebrochen ist: Nur noch knappe 5% der Kardinäle, Bischöfe und sonstigen katholischen Würdenträger nutzten das soziale Netzwerk. Der Chef oder seine Zuträger in Facebook? Nichts wie raus da!

P.S. Seit Kurzem beginnen die Nutzerzahlen wieder zu steigen …

Thema: Politik | Kommentare (1) | Autor:

Geschichte der Dunkelheit

Donnerstag, 14. April 2011 18:41

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Ich gehe gerne auf den Fußballplatz. Ich höre gerne Rock ’n’ Roll, ich lese auch gerne Schriftsteller, die ganz anders arbeiten als ich. Aber ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe.“ (Gerhard Roth in einem wunderbaren Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen Werks „Orkus – Reise zu den Toten„)

Kürzlich habe ich Gerhard Roths Buch „Die Geschichte der Dunkelheit„, 1991 erschienen, wieder gelesen. Der Autor hat darin den Bericht des Wiener Juden Walter Berger aufgezeichnet, der in der Leopoldstadt aufgewachsen und vor den Nazis nach England geflüchtet ist, wo er, nach mehreren vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, der tschechischen Exilarmee beigetreten ist und auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis gekämpft hat. Nach WK II ging er für eineinhalb Jahre in einen Kibbuz nach Israel, dann nach Deutschland, um schließlich wieder nach Wien in die Leopoldstadt zurück zu kehren (dank der Unterstützung des damaligen SPÖ-Vizekanzlers Bruno Pittermann, der Bergers Lehrer an der Privattechnischen Lehranstalt im Arsenal in den späten 1920-er Jahren gewesen war), in eine Leopoldstadt, in der die Spuren jüdischen Lebens fast gänzlich ausgelöscht waren.

Roths Aufzeichnungen der Lebenserinnerungen des Walter Berger, diese Odyssee durch das Jahrhundert der Extreme (Eric Hobsbawm), ist für mich vor allem ein wunderbares Buch über das Weitermachen – trotz alledem.

Gerhard Roth wird am 15. Mai im Burgtheater aus seinem neuen Buch lesen.

Thema: Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Der Neue – weiter wie bisher

Donnerstag, 14. April 2011 17:05

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VP-Website kurzfristig lahmgelegt

Der Rückzug von Josef Pröll aus der Spitzenpolitik – der Politik bleibt er als kommender Raiffeisen-Generalsekretär erhalten – und die erste Wortmeldung des heute präsentierten Nachfolgers an der Parteispitze der Volkspartei weisen den Weg, den die Volkspartei gehen will:

Wir müssen klar machen, wofür die ÖVP steht. Dafür werde ich mir die nötige Zeit nehmen. Ich werde mir Ratschläge und Meinungen einholen. Ich werde in die Bundesländer fahren und Gespräche mit jenen Menschen suchen, die die ÖVP tragen – unsere Funktionäre, die Landeshauptleute, die bündischen Obleute und alle, die im ÖVP-Team mitarbeiten.

Die Ratschläge und Meinung der Genannten könnte sich Michael Spindelegger sparen, denn echte Fortschritte etwa in den Bereichen Bildung, Pensionen oder Steuergerechtigkeit und die dringend notwendige Beschränkung der Macht der Bundesländer und ihrer Häuptlinge, sind mit Sicherheit nur gegen Landeshauptleute und Bundeobmänner umzusetzen.

Thema: Politik | Kommentare (0) | Autor: