Beiträge vom September, 2009

9/11 Paranoia im ORF

Dienstag, 8. September 2009 18:42

6536155Rund um den 11. September tauchen die Bilder vom Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001 wieder auf den Bildschirmen der TV-Anstalten auf. Auf YouTube und auf Millionen von Websites (die Google-Suche unter dem Stichwort „9/11“ ergibt zurzeit über 90 Millionen Treffer) sind sie ständig präsent. Abgesehen davon hat sie ohnehin jeder von uns auf seiner Festplatte abgespeichert.

Seit dem Tag des Anschlags grassieren wilde Spekulationen über Hergang und Hintergründe der Massenmorde. Im Wesentlichen stehen sich zwei Erklärungsmuster gegenüber: Auf der einen Seite die Version der Bush-Administration, die im islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida des Osama bin Laden die Alleinverantwortlichen für die Anschläge sieht. Diese Version wurde auch im offiziellen Bericht aus dem Jahre 2004 bestätigt. Und auf der anderen eine Fülle von Theorien, die diese Täterschaft anzweifeln und stattdessen eine Konspiration diverser anderer Akteure (z.B. CIA, Mossad, Bush-Cheney usw.) behaupten. (vgl. dazu hier, hier und hier).

Im Grunde sind alle Belege, die von den Verschwörungstheoretikern ins Treffen geführt werden, um die offizielle Version in Zweifel zu ziehen, seit vielen Jahren entkräftet. Was von den Szenarien der Obskuranten aller Fraktionen zu halten ist, hat der linke Publizist Alexander Cockburn bereits in einem Essay, der im Jahre 2006 in der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplomatique erschienen ist, wie ich meine, sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Ein Hauptkennzeichen der Verschwörungsfans ist ihr inbrünstiger und geradezu grotesker Glaube an die amerikanische Effizienz. Viele von ihnen gehen von der rassistischen Prämisse aus, dass zu einer solchen Tat „Araber in Höhlen“ ohnehin nicht fähig seien. Sie glauben auch, dass militärische Systeme genau so funktionieren, wie es die Pressefritzen des Pentagon und die Verkaufsmanager der Luftfahrtindustrie dem Publikum weismachen wollen. (…) Diese Leute haben offenbar keine Militärgeschichte studiert. Sonst wüssten sie, dass minutiös geplante Operationen – erst recht standardisierte Reaktionen auf einen Notfall – mit schöner Regelmäßigkeit in die Hose gehen, und zwar aufgrund von Dummheit, Feigheit, Bestechlichkeit oder auch nur als Folge eines Wetterwechsels.

Bekanntlich haben sich Spinner noch nie von Tatsachen überzeugen lassen, und dank Internet haben sie auch ein grenzenloses Spielfeld, um ihrer Paranoia erst so richtig freien Lauf zu lassen. Ist weiterhin auch kein Problem.

Dass aber auch Medien, die ernst genommen werden wollen, den Paranoikern einen Sendeplatz einräumen, bewies am Sonntag der ORF, indem er in der Reihe Menschen und Mächte den Dokumentarfilm „Zero: An Investigation Into 9/11“ (Deutscher Titel: „9/11 – Was steckt wirklich dahinter?„) ausgestrahlt hat. In diesem Film kommen neben Augenzeugen, Feuerwehrleuten und Verschwörungstheoretikern wie David Ray Griffin, den Cockburn als „Hohepriester der 9/11-Gemeinde“ bezeichnet, auch bekannte Linke zu Wort, wie der italienische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Dario Fo und der amerikanische Literat Gore Vidal oder der ehemals der politischen Linken zugehörige Journalist und Publizist Jürgen Elsässer, der nunmehr mit der von ihm gegründeten „Volksinitiative“ gegen das „Finanzkapital“ und deren „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ sowie gegen den EU-Vertrag von Lissabon wettert.

Entgegen der reißerischen ORF-Ankündigung, wonach die „penibel recherchierte Doku … zu verblüffenden neuen Thesen und Erkenntnissen (komme), die die damaligen Ereignisse plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen„, werden die seit Jahren bekannten Fragen aufgeworfen, Fragen, die sich auch auf der Website des 9-11 Truth Movements unter „Top 40 reasons“ finden. Diese Wahrheitsbewegung versammelt Obskuranten aller politischen Fraktionen und Länder, die sich trotz sonstiger Differenzen in einem einig sind: Im Zweifel an der offiziellen Version der Anschläge vom 9. September 2001 und in der Ansicht, dass die US-Regierung unter Georg W. Bush die Anschläge selbst inszeniert oder bewusst zugelassen habe.

Initiiert und produziert wurde der Film vom ehemaligen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Giulietto Chiesa, früher Funktionär der KPI und Journalist, der auch im 9/11 Truth Movement tätig ist. Als Chiesa den Film am 26. Februar 2008 im Europaparlament in Brüssel vorführen ließ, kamen seiner Einladung, die an alle 785 Abgeordneten des Europaparlaments und an rund 1000 Journalisten erging, lediglich sechs Abgeordnete und zwei Journalisten nach. Gegen Paranoiker lässt sich nicht argumentieren, weil sie in allem Belege finden werden, um ihre Thesen zu untermauern. So auch in diesem Fall: Chiesa behauptete allen Ernstes, dass die Amerikaner sowohl der gesamten internationalen Presse als auch 99% aller Abgeordneten schlicht und einfach verboten hätten, den Film zu sehen. (vgl. hier).

Der ORF ist bislang die einzige deutschsprachige TV-Anstalt, die diesen 100 Minuten Film gezeigt hat, was Elsässer mit „Bravo Össis“ kommentierte.

Thema: Film, Geschichte, Politik | Kommentare (4) | Autor:

Pop fetzt Nazis weg

Mittwoch, 2. September 2009 18:48

christoph-waltz

Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.
(Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen „Kaiser Nero„-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, „dass der Peter Ustinov der Kaiser Nero war„.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in „Der Untergang„.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von „Der Untergang“ von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie „Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten.

In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der „Hitler in uns“, „Mensch Hitler“, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise „Hitler-süchtig.“ (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen „Inglourious Basterds„. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um historische Wahrheit bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

Once upon a time in Nazi occupied France …“ So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbau, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance. Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt „Cat People (Putting out the fire)“ von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine „Basterds„-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobessessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets“ oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.

Thema: Film, Geschichte, Musik, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Mein Großvater am Hafen von Fažana

Mittwoch, 2. September 2009 18:30

hafen_brijuni

Zwei Tage, nachdem Blanka Vlašic mit einem Sprung über 2,04 Meter den Weltmeistertitel im Frauen-Hochsprung bei der WM in Berlin geholt, sich daraufhin in eine kroatische Flagge eingewickelt, niedergekniet und die Fahne geküsst hatte, fuhren wir via Slowenien nach Fažana, an der Südküste Istriens, rund zehn Kilometer vor Pula, gelegen.

Abends sitzen wir in einem Restaurant am Hafen. Die vielen Polizisten sind nicht zu übersehen. Wie aus dem Nichts tauchen vier, fünf fette deutsche Luxuskarossen auf, aus denen sich Körper herausschälen, die von den Muskelaufbaupräparaten, die sie in den Teleshopping-Kanälen promoten, zu viel geschluckt haben. In ihrer Mitte verbergen diese Chuck Norrisse einen kleinen Mann mit Stoppelfrisur. Der kroatische Staatspräsident Stjepan „Stipe“ Mesic wird zum Hafen eskortiert. Nachdem die Schnellboote im Dunkel der Nacht verschwunden sind, und mit ihnen auch die Polizisten, flanieren wieder die Touristen entlang der kleinen Standeln, die mit allerlei Krimskrams auf sie warten.

Vor Fažana liegt die kleine Inselgruppe Brijuni, ein Naturschutzgebiet, das von Touristen in der Regel nur in organisierten Bootstrips besucht werden kann. Wer ein Zimmer in einem der Nobelhotels auf der Insel bucht, genießt das Privileg, sich auf der Insel frei zu bewegen. Auf Brijuni befindet sich aber auch eine offizelle Residenz des Präsidenten, die bereits vor der Wende, als Kroatien noch Teil Jugoslawiens war, von Josip Broz Tito genutzt wurde. Tito logierte jahrzehntelang auf Brijuni, wo er Regierungs- und Staatschefs, aber auch Künstler aus aller Welt, begrüßen konnte. Nach seinem Bruch mit Moskau wurde Tito vom Westen gewissermaßen als anti-kommunistischer Kommunist hofiert.

Brijuni war für die Öffentlichkeit jahrzehntelang nicht zugänglich, weil Tito die Insel zu seinem privaten Luxusresorts mit Golfplatz (angeblich der erste in ganz Europa) ausbauen ließ, auf dem er die Hälfte eines jeden Jahres verbrachte (von 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 1980). Der Marschall hatte ein Faible für exotische Tiere, die er sich von seinen Gästen schenken ließ. Die Elephanten, Tiger und Löwen wurden in einem Safari-Park gehalten, der auch heute noch existiert (vgl. dazu hier).

An diese Zeit erinnert eine Plakattafel am Hafen von Fažana. Sie zeigt Fotos, auf denen Tito unter anderem mit Willy Brandt, Jassir Arafat, irgendeiner Königin, Jackie Kennedy und Richard Burton (er verkörperte Tito in dem jugoslawischen Kriegsfilm „Die fünfte Offensive: Kesselschlacht an der Sutjeska„, wie ich jetzt herausgefunden habe) zu sehen ist.

Beim Betrachten dieser Fotos, musste ich an meinen Großvater denken, der in Dobova, einer kleinen Stadt im heutigen Slowenien, nahe der Grenze zu Kroatien, gelegen, geboren wurde, die damals zum Königreich Jugoslawien gehörte. Im Zweiten Weltkrieg geriet er in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde von der Nazi-Wehrmacht in die „Ostmark“ verschleppt, wo er als Zwangsarbeiter am Feld schuften musste. Dabei lernte er meine Großmutter kennen. Nach Kriegsende, kurz davor Vater geworden, blieb er in Österreich, was zur Folge hatte, dass der damalige Kommunist 20 Jahre lang nicht nach Jugoslawien einreisen durfte. Erst Jahre später sollte der „Kollaborateur“ zwei seiner Brüder wieder sehen – seine Eltern und zwei weitere Brüder waren bereits gestorben. Von der einzigen Reise, die ich gemeinsam mit ihm Mitte der 1980-er Jahre in seinen Geburtsort gemacht habe, wird mir vor allem der Besuch in einer alten Partisanenkneipe in Erinnerung bleiben. Nicht nur, weil ich zu viel Schnaps getrunken habe, sondern weil ich meinen Großvater zum ersten und einzigen Mal singen hörte. Er hatte eine wunderbare Stimme.

Soweit ich mich erinnern kann, sprach er vor 1991 nie von Slowenien, immer nur von Jugoslawien und von Tito. Als sich Slowenien für unabhängig erklärte, war mein Großvater über Nacht ein Slowene geworden. Sturzbesoffen weckte er mich mitten in der Nacht, um in gebrochenem Deutsch zu verkünden, dass er mir seine Muttersprache, die er nur mehr rudimentär beherrschte, beibringen werde. (Am Morgen danach wusste er nichts mehr davon.) Über Nacht waren dadurch aber auch die anderen Volksgruppen des ehemaligen Vielvölkerstaates, die Serben, Bosnier, Montenegriener, Mazedonier und Albaner und vor allem die Kroaten, auch als solche vorhanden. Über Nacht sprach er nur noch abfällig über die „anderen„, vor allem über die „Ustascha-Kroaten„.

Mein Großvater hat die Jugoslawienkriege verabscheut. Er, der Nachrichtenjunkie, über den wir immer schmunzeln mussten, weil er immer zur vollen Stunde die Nachrichten im Radio hören musste, und die Zeit im Bild sowieso, wurde zum Nachrichtenverweigerer. Stattdessen hörte er Kassetten mit slowenischer Volksmusik. Bis zu seinem Tod sollte ich ihn nie mehr von Tito oder von Jugoslawien reden hören.

Thema: Geschichte, Politik | Kommentare (0) | Autor: