Beiträge vom Dezember, 2007

Notizen zu Lion Feuchtwangers‘ "Die Geschwister Oppermann"

Dienstag, 25. Dezember 2007 12:29

Ich las den Roman „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger. Stauend entnahm ich dem kurzen Nachwort, dass der Text im Frühjahr 1933 verfasst und bereits im November 1933 im Querido-Verlag in Amsterdam erschienen ist. Feuchtwanger befand sich auf einer Auslandsreise, als er von der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 erfuhr; er sollte zeitlebens nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.

Der Schriftsteller Gustav Oppermann, als Alter Ego des Autors angelegt, feiert seinen 50. Geburtstag in seiner Villa in Berlin Grunewald. Man schreibt November 1932, man mokiert sich über die „Landsknechte“, über deren grenzenlose Dummheit und ist davon überzeugt, dass die Nazis ihre größten Erfolge bereits hinter sich haben. Die von den Zionisten geäußerten warnenden Stimmen, bleiben in der Minderheit. So beginnt Feuchtwangers’ Roman, in dem er die Geschichte der drei Brüder Martin, Gustav und Edgar Oppermann und ihrer Familien vor dem Hintergrund der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeichnet. Martin, Inhaber und Geschäftsführer eines angesehenen Möbelhauses in Berlin, Gustav, der Schriftsteller und Edgar, der bekannte Arzt, stehen beispielhaft für das assimilierte Berliner Judentum. Dem Autor gelingt es auf eindringliche Weise zu zeigen, wie sich die Barbarei in den Institutionen der Weimarer Republik, in Wirtschaft und Gesellschaft, einnistet und warum – trotz Wahrnehmung aller Anzeichen – die assimilierten Juden die existenzielle Bedrohung lange nicht wahr haben wollen.

Thema: Geschichte, Literatur | Kommentare (0) | Autor:

Manes Sperber

Freitag, 21. Dezember 2007 0:47

Im Alter von etwa 25 Jahren bekam ich Manes Sperbers‘ Autobiographie zum ersten Mal in die Hände. Es war die Gesamtausgabe aller drei Teile, die im Europa-Verlag erschienen ist. Ich weiß noch, dass ich von der Beschreibung des ärmlichen Lebens im jüdischen Stetl Zablotow, in der heutigen Ukraine gelegen, tief beeindruckt war, und die, dem ersten Teil der Autobiographie den Titel gebenden „Wasserträger Gottes„, kräftige Männer, die den wohlhabenden jüdischen Familien das Wasser aus dem Gemeinschaftsbrunnen in großen Kesseln ins Haus brachten, sollte ich bis heute nicht vergessen. Der erste Weltkrieg und die mit Fortdauer des Krieges ständig wachsende Bedrohung, von den Russen erobert und besetzt zu werden, zwang die Familie zur Flucht. Die Folge: das erste Exil für den jungen Sperber, er kam nach Wien – und für mich, das Ende der Lektüre. Meinen Freuden versicherte ich, dem Autor „sei der Saft ausgegangen„.

Die flott gestrickte Erklärung, wonach sich Sperber mit der ungemein eindrucksvollen Schilderung der von den Nazis ausgelöschten Welt des jüdischen Stetls am äußersten Rande der Monarchie die Latte derart hoch gelegt habe, das alles folgende, gelinde gesagt, nur Mittelmaß sein konnte, sollte dem 25 jährigen genügen.

Als ich vor kurzem Karl Markus GaußTagebuchaufzeichnungen, Notizen und Essays, die unter dem Titel „Zu früh, zu spät“ erschienen sind, las, notabene, mit großem Gewinn und Genuss, wie alles von diesem Autor bisher gelesene, stieß ich auch auf Manes Sperber, den mir Gauß als einen „Kritiker der falschen Alternative“ vorstellte, also als einen Antifaschisten, der mit dem „Kommunismus“ frühzeitig gebrochen hatte.

Die „Kritik der falschen Alternative„. Konnte es sein, dass der 25 Jährige die Lektüre der Sperber’schen Erinnerungen sich verbot, weil er die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken als Bedrohung für sein damaliges Weltbild erahnt hat? Als ich den dicken Wälzer daraufhin aus meinem Bücherregal holte und vom Staub befreite, wusste ich bereits, dass die Frage nur rhetorisch zu verstehen ist. Ja, ich habe es wohl geahnt, dass mich die Aufzeichnungen dieses Autors in einen – wie mir offenbar schien – unlösbaren Konflikt gebracht hätten, vor dem ich mich schützen musste.

Diesem Konflikt konnte ich mich aber ohnehin nicht entziehen.
Alles, was wir wissen, wissen wir von Journalisten„, schreibt Klaus Theweleit fast mantrahaft, und es waren in der Tat die täglichen Medienberichte, vor allem die Fernsehbilder von den Massenkundgebungen, die sich in den Staaten des real existierenden Sozialismus seit Mitte der 80-er Jahre ereigneten, und diese nicht zum Tanzen sondern zum Einsturz brachten, und, so ganz nebenbei, auch mein festgezurrtes Welterklärungsraster, meine Basisstation für alle politischen Erkundungen, erodieren, und, nicht nur mich, für lange Zeit in ein begriffsloses Chaos stürzen ließ. Ich weiß noch zu gut, dass sich mir in den über den Bildschirm flimmernden Gesichtern, die am Abend des 9. November 1989 rund ums Brandenburger Tor in die Kameras grinsten oder auf dem „antifaschistischem Schutzwall“ mit Bier in der Hand der Kamera zuprosteten, nur der grölende Mob zu erkennen gab. Die Monate davor, als DDR-Bürger massenhaft via Ungarn und Österreich nach Westdeutschland strömten, haben die künftige Entwicklung bereits vorweggenommen, und meine Hoffnung, dass die von Gorbatschow eingeleiteten Demokratisierungsschritte den real existierenden Sozialismus tatsächlich in einen demokratischen Sozialismus verwandeln könnten, begann zu schwinden.

Aber was war die Alternative? Einige Monate später war ich Gast auf der Hochzeitsfeier eines Freundes. Man trank Bier und Wein, man unterhielt sich gut und man sprach natürlich auch über die politische Lage. Es war die Zeit der großen Massendemonstrationen in Moskau und Leningrad, Folge von Glasnost und Perestroika, und wir waren uns, trotz kleinerer Unterschiede, eigentlich einig, dass Gorbatschow’s Weg alternativlos war. Bis auf F., ein mir als Mitglied der KPÖ bekannter Musiker. Er sah in Gorbatschow einen „Verbrecher“, einen „Konterrevolutionär“, der aber, davon war F. überzeugt, ohnehin bald „Geschichte sei“. Und dann sagte F. etwas, was ich nie vergessen werde: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Panzer auf dem roten Platz stehen und so lange in die Menge schießen, bis das Blut einen halben Meter hoch sein wird. Dann wird Schluss sein mit der blödsinnigen Glasnost und Perestroika-Scheiße.

F. hätte das nicht so gemeint, er wollte bloß provozieren, sagte mein Freund und wir sprachen nicht mehr davon – aber trotz der Hitze an diesem Tag, war mir kalt geworden und ich habe mich bald verabschiedet.

Da der Zusammenbruch der Sowjetunion glücklicherweise anders verlaufen ist, könnte man die ganze Episode einfach auf sich beruhen lassen. Ich kann den Vorfall dennoch nicht vergessen, zum einen, weil ich selbst Stalin vor dem F.’schen Stalinismus in Schutz nahm, indem ich beim Nachhausegehen ernsthaft davon überzeugt war, dass selbst Stalin solche „Maßnahmen“ nicht hätte in Erwägung gezogen. Und zum anderen, weil ich mich dann auch mit der F’schen Rede vom „Konterrevolutionär“ beschäftigt habe, der die Sowjetunion in ihrer Existenz gefährde und damit auch die gesamte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus errichtete politische Ordnung Europas.

Es hat lange gedauert, bis ich aus dieser moralischen Sackgasse herausfand, bis ich es zuließ, zu begreifen, dass in dieser Ordnung Menschen lebten, denen in ihrer überwiegenden Mehrheit alle Freiheiten und Rechte vorenthalten wurden, die für uns zur Selbstverständlichkeit geworden sind, sodass wir unfähig waren, uns vorzustellen, was es hieß, ohne diese leben zu müssen. Denn wäre es anders gewesen, hätten wir den politischen Konsens innerhalb der Linken Westeuropas, wonach allein die Existenz der real existierenden Staaten den kapitalistischen Westen zu Zugeständnissen zwang, nicht mittragen können. Völlig egal, ob diese Rede richtig war oder nicht, völlig egal, ob nur dank des Systemwettbewerbs die sozialstaatlichen Errungenschaften im Westen etabliert wurden oder nicht, entscheidend ist, dass wir in der „falschen Alternative“ gedacht haben. Wir haben uns hinter Begrifflichkeiten verschanzt, die nur Menschheit und nicht Mensch kennt, die nur in Kategorien von politischer Ordnung denkt und nicht die Millionen Individuen sieht, die in dieser leben müssen.

Epilog
Im 1932 veröffentlichten Lehrstück Die Maßnahme schreibt Bertolt Brecht:

Wer für den Kommunismus kämpft, der muss kämpfen können und nicht kämpfen; die Wahrheit sagen und die Wahrheit nicht sagen; Versprechen halten und Versprechen nicht halten. Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: dass er für den Kommunismus kämpft.

Etwa zur selben Zeit bereiste der in Budapest geborene jüdische Schriftsteller und Intellektuelle Arthur Koestler das Land der Oktoberrevolution. Er kehrte enttäuscht nach Berlin zurück, aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bis er, unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung gebrochen hat. In Darkness at noon, zu deutsch Sonnenfinisternis (die deutsche Urfassung ging verloren, sodass die jetzt erhältliche deutsche Fassung eine Rückübersetzung aus dem Englischen ist), schildert er anhand des Helden der Revolution Rubaschow, einer literarischen Figur, deren reale Vorbilder Trotzky, Bucharin und Kamenjew waren, wie es möglich war, dass ein aufrechter Revolutionär sich öffentlich grotesker, völlig absurder und offensichtlich konstruierter Selbstbezichtigungen zeiht, und im darauf folgenden Todesurteil seinen letzten Dienst an der Partei erbringt.

Thema: Allgemein, Geschichte, Literatur, Politik | Kommentare (1) | Autor: