Beiträge vom Juli, 2008

People get ready

Dienstag, 15. Juli 2008 1:48

Kurzer Nachtrag zum gestrigen Kommentar (Solomon Burke Konzert):
Curtis MayfieldsPeople get ready“ in einer Live-Version von Reverend Al Green.

Curtis Mayfields Songs sind ohne die „call and response“ Schiene des Gospels undenkbar. Mayfield und die Impressions griffen religiöse Themen und Bilder auf und machten daraus Afro-Amerikanische Kampflieder.

It was warrior music,“ said civil-rights activist Gordon Sellers. „It was music you listened to while you were preparing to go into battle.“ Mayfield wrote the gospel-driven R&B ballad, he said, „in a deep mood, a spiritual state of mind,“ just before Martin Luther King’s march on the group’s hometown of Chicago. Shortly after „People Get Ready“ was released, Chicago churches began including their own version of it in songbooks. Mayfield had ended the song with „You don’t need no ticket/You just thank the Lord,“ but the church version, ironically, made it less Christian and more universal: „Everybody wants freedom/This I know.“ (Rolling Stone Magazine)

Soul Music holt sich den Hoffnungsaspekt vom Gospel / Spiritual, übersetzt ihn aber in einen weltlichen Kontext, ins Hier und Jetzt – mit dem Impetus die Verhältnisse zu ändern. (Vgl. dazu auch den schönen Kommentar von Karl Fluch im Standard über die Essenz des Soul.)

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Don’t give up on me

Samstag, 12. Juli 2008 15:27

Mitten auf der Bühne des Arkadenhofs im Wiener Rathaus steht der Thron. Es ist kurz nach 22.00 Uhr. Nach wie vor brütende Hitze. Ob es der bislang heißeste Tag des Jahres war, wie von Meteorologen prognostiziert? Das weiß ich nicht. Aber es ist mit Sicherheit die heißeste Nacht: Jetzt kommen nämlich Jay Bellerose (Schlagzeug, Perkussion), Chris Bruce (Gitarre), David Palmer (Piano), David Piltch (Bass), Daniel Lanois (Gitarre), Bennie Wallace (Saxophon) und – yes, yes, yes – Rudy Copeland (Orgel) in Begleitung einiger Backgroundsängerinnen auf die Bühne. Sie legen los, „easy“ noch, very „easy„, wie ihr Meister immer wieder im Laufe des Abends sagen wird, und dann wird Mr. Solomon Burke auf die Bühne chauffiert, im Rollstuhl, bis zum Thron, dessen Besteigung ihm einige kräftige Männer erleichtern, schließlich ist der gute Mann auf Grund seiner durchaus als „stattlich“ zu bezeichnenden Körperfülle nicht mehr der Beweglichste. Wozu auch: Wer 72 Jahre auf dem Buckel hat und Solomon Burke heißt, hat alles Recht der Welt, den Thron nicht allen besteigen zu müssen. Außerdem verstummen allfällige Pflegefall-Assoziationen spätestens dann, wenn Burke seine Stimme erhebt. Denn, spätestens dann ist allen Anwesenden klar, auch den Atheisten und sonstigen Zweiflern: God is with us tonight!

In den kommenden zwei Stunden zelebriert der Meister aus Philadelphia sein Hochamt mit Perlen aus dem „Don’t give up on me„-Comeback-Album von 2002 („Soul Searchin‘„, „Flesh and Blood“ und dem Titelsong), für das er auch einen Grammy Award erhielt, mit Songs aus dem kürzlich erschienen „Like a fire„-Album („We Don’t Need It„, „A Minute To Rest And A Second To Pray„) sowie mit hinreißenden Cover-Versionen von Jahrhundertsongs wie Otis Reddings „Sittin’ on the dock of the bay„, Ray Charles´ „I can’t stop lovin’ you“ oder Ike & Tina Turners „Proud Mary„. Dann: „Georgia on my mind„, diese beinahe totgespielte Nummer. Wer bei dieser Interpretation nicht in die Knie geht, der kann nicht von dieser Welt sein. Auch eine seiner Töchter darf ran, und ihre Version von „I will survice„, diesem Song für die Ewigkeit von Gloria Gaynor, treibt nicht nur Papa Burke den Saft aus sämtlichen Körperöffnungen.

Was für eine Show, was für ein Abend! Thank you very much, Mr. Burke!
(Ürigens: Das Foto stammt vom Wien-Konzert)

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Fuck it all!

Freitag, 11. Juli 2008 17:02

One of these days. Man erinnert sich morgens, vor dem Bankomat stehend, dass man am Vorabend die Bankomatkarte, die man als Altersnachweis benötigt, um sich vom Zigarettenautomat das Gift zu holen, in eben diesem stecken gelassen hat. Also, kein Geld.

Was tun, wenn einem der Trafikant, vor dessen Trafik sich der kartenfressende Automat befindet, mit sarkastischem Unterton versichert, „Bei mir is nix a’gebm wurdn. Aber tuans ihna nix au, des kummt jedn tag vur!„?

Man muss zur nächsten Bankfiliale, um die Bankomatkarte „sperren“ zu lassen. Na ja, müssen tut man eigentlich nicht, weil ohne PIN-Code sowieso keiner an das Geld rankommt. Bloß, macht man die Meldung nicht, bekommt man auch keine neue Bankomatkarte. Folglich radle ich zur nächstgelegenen Postfiliale, erläutere der netten Schalterbediensteten kurz den Vorfall, überhöre ihren „Na bled, was?„-Kommentar und ersuche sie höflich, die telefonische Meldung über den Verlust der Bankomatkarte vorzunehmen, nicht ohne entschuldigend darauf hinzuweisen, dass ich das selbst gemacht hätte, wüsste ich die Telefonnummer, aber die steht bekanntlich auf der Bankomatkarte, die ich ….

Na, ob des so geht, was i ned. Da mias ma erst mein Chef fragen!

Da der Chef leider erst nach einigen Minuten gefunden wird, kann ich mir mein Vorhaben, den Laden rasch wieder verlassen zu können, vorerst einmal abschminken. Selbstverständlich darf ich dem Chef die Sachlage nochmals darlegen bzw. die Schalterbedienstete, die dies an meiner Stelle versucht, mehrmals korrigieren („Nicht am Praterstern. In der Taborstraße steht der Automat“; „Nein, nicht heute, sondern gestern so gegen 9 am Abend“).

Na daun wollma amal!„, sagt sodann der Chef, was so viel heißen soll, dass er sich von mir ab- und dem Computerbildschirm zuwendet. Nach den Fragen nach meinen Daten („Kontonummer? …Name? .. Wohnhaft?„) und der Eingabe derselben in den Computer, werde ich neuerlich mit Fragen nach den „Umständen“ des Verlustes meiner Bankomatkarte gelöchert:

Waun und wo isn ihna genau passiert?

Da sich spätestens zu diesem Zeitpunkt das Fehlen einer Beruhigungszigarette bemerkbar macht, werde ich – dummerweise – etwas ungehalten:

Gestern um 21:32 Uhr beim Zigarettenautomat in der Taborstraße, Ecke Novaragasse!“ …
„Woas? Des wissen’s so genau?“ …
„Na, war nur a Scherz, weil des ja wurscht ist und weil i ihna jetzt schon drei mal g’sagt hab, dass so gegen 9e am Abend passiert is!
“ …

Scheiß Raucherei, denkt man sich, vielleicht wäre man …

Nau, ma wird ja no fragn dirfen? I hab mei Kartn ned vagessn! Kennt ma a ned passiern. Weil i nix rauch“ …

Also zieht sich die ganze Sache in die Länge. Mein Führerschein wird kopiert („Nur mitn Firaschein kriegs jetzt no a geld!„), die eingegebenen Daten werden mir vom Chef nochmals vorgelesen, wobei er sich selbst zu alltagsphilosophischen Betrachtungen hinreißen lässt („Allas braucht sei Zeit!„), was wiederum der saudummen Schalterbediensten ein feistes Grinsen entlockt, und ich, der die beiden auf der Stelle totschlagen könnte, kann nur blöde mitgrinsen.

Als der Chef mir allerdings mit den Worten „Des kost ihna jetzt 36 Euro. De brauchens aba net glei zahln, die wern ihna eh vom konto obucht„, das Ende des „Sperrverfahrens“ vermeldet, nimmt meine noble Zurückhaltung ihr jähes Ende:

Des is jetzt aba net wahr! Wissen’s was. I lass de Kartn net sperren, weil es kann eh kanna was ahebm von mein Konto.“ …
„Des tuat ma jetzt aba wirklich lad. Aba des Verfahren is jetzt scho amal im Laufn. I kanns ihna zwar rückgängig machn, aba die 36 Euro missns trotzdem zahln. Wa do bled, oda?

FUCK IT ALLl!

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Everything has a price to pay

Freitag, 11. Juli 2008 0:31

ER kommt am 13. Oktober ins – unbestuhlte – Wiener Konzerthaus. Mit 22 neuen Songs im Gepäck (22 Dreams). Wunderbar!

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Wahlfreiheit

Donnerstag, 10. Juli 2008 17:13

Im Rahmen der Nationalratsdebatte am 9. Juli ließ der Klubobmann der ÖVP mit der Forderung nach einer Versicherungspflicht in der Krankenversicherung aufhorchen. „Warum trauen wir uns nicht mehr Wahlmöglichkeiten zu und dass der Versicherte aus verschiedenen Modellen wählen kann? Dies wäre für unser hervorragendes Gesundheitssystem ein interessanter Ansatz„, so Schüssel.

Nun ist zwar die Forderung nach einer Umstellung des gegenwärtigen Modells der Pflichtversicherung auf ein Modell der Versicherungspflicht von der ÖVP in der Vergangenheit immer wieder erhoben worden, aber, und das ist doch das überraschende an Schüssels Wortmeldung, schon seit längerem nicht mehr. Im Gegenteil: Als der Ärztekammerpräsident diese Forderung im März wieder einmal lancierte, wurde ihm auch von der ÖVP umgehend entgegnet, eine derartige Systemumstellung brächte erhebliche Verschlechterungen für die Patienten (vgl. dazu den Artikel in der Presse).

Das österreichische System der Pflichtversicherung gewährt allen von ihm erfassten Personen (Arbeitnehmer, Gewerbetreibende, Bauern, Beamte etc) unabhängig von ihrer persönlichen Situation Schutz vor dem Risiko Krankheit. Ob jemand ein schlechtes oder ein gutes Risiko darstellt, hat keine Auswirkung für die Zugehörigkeit zum Pflichtversicherungssystem, das folglich ohne Einschränkung auch behinderte Personen oder Personen mit Vorerkrankungen aufnimmt. Die Beiträge sind gesetzlich fixiert. Die Beitragshöhe hängt nicht vom individuellen Risiko, sondern einzig vom Einkommen des Versicherten ab.

Im Unterschied dazu käme es bei einer Einführung der Versicherungspflicht, wie sie etwa seit einigen Jahren in Deutschland existiert, nicht, wie Schüssel betonte, zu mehr Wahlmöglichkeit für die Versicherten, sondern einzig dazu, dass sich die Versicherungen ihre Kunden aussuchen könnten. Warum das so ist, ist ganz einfach: Bevor Versicherungen neue Kunden akzeptieren, stellen sie eine Kosten-Nutzenrechnung an. Fällt diese Rechnung für den potenziellen Kunden schlecht aus, werden höhere Beiträge verlangt. Einzig junge und gesunde Menschen würden profitieren, weil ihre Beiträge geringer wären als im gegenwärtigen System. Aber bekanntlich werden wir alle älter und nicht gesünder …

Die deutsche Erfahrung zeigt, dass alte und chronisch Kranke sowie Risikogruppen (Raucher, Dickleibige etc.) wesentlich höhere Beiträge für ihre Wahlkrankenversicherung zahlen müssen. Überdies kennt dieses System keine kostenlose Mitversicherung von Angehörigen, sodass für jedes Kind extra Beiträge zu berappen sind. Und – auch das zeigt das deutsche Beispiel – das System der Versicherungspflicht führt zu höheren Verwaltungsausgaben.

Dass Schüssel gerade mit einem Plädoyer für das unsolidarische Versicherungsmodell den Wahlkampf der ÖVP eröffnet, dürfte wohl auch innerhalb seiner eigenen Partei nicht mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen worden sein. Die SPÖ kann sich jedenfalls für diese Wortmeldung bedanken.

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Bildstörung

Mittwoch, 9. Juli 2008 17:09

Zu Sylvester 1986 hat die ARD kurz nach der Tagesschau die Neujahrsansprache des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl ausgestrahlt – allerdings die falsche. Ein Studiotechniker hat nicht das Band mit der zwei Tage zuvor aufgenommenen Aufzeichnung, sondern jenes mit der Rede des Vorjahres über den Äther geschickt. Als Kohl den lieben Mitbürgern ein „friedvolles 1986“ wünschte, brach ein Sturm der Entrüstung los, auch Kohl zeigte sich „empört“ und andere CDU-ler witterten Sabotage sozialdemokratisch gesinnter Fernsehmacher.

Hans Magnus Enzensberger hat diese köstliche Fernsehpanne in einem kurz danach geführten Spiegel-Interview wie folgt kommentiert:

Ich möchte in diesem Zusammenhang ein kleines Denkmal für den unbekannten Techniker errichten, der die Kassette mit der Neujahrsansprache des Herrn Bundeskanzlers vertauscht oder verwechselt hat. Ich glaube nicht an die diversen Verschwörungstheorien. Die wahre Erklärung ist viel interessanter.
Stellen Sie sich einen Metteur bei der Londoner „Times“ im Zeitalter der Queen Victoria vor. Ausgeschlossen, dass dieser Mann eine Rede der Königin vertauscht hätte. Er wäre von der Wichtigkeit der Sache völlig durchdrungen gewesen und hätte den Bleisatz ehrfürchtig gehütet.
Unserm Techniker dagegen flüsterte sein Unbewusstes etwas ganz anderes ein: Was auf dieser blöden Kassette drauf ist, das ist doch gehüpft wie gesprungen. Mit dieser Einsicht steht er nicht allein da. Er hat in diesem Augenblick als Vertreter einer Gesellschaft gehandelt, die genauso denkt wie er.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich gelesen habe, dass sich in der offiziellen Pressemappe der US-Delegation für den G8-Gipfel in Japan, die für ausländische Journalisten produziert wurde, eine ungeschminkte Biografie von Silvio Berlusconi befand, in der der italienische Regierungschef unter anderem als „einer der umstrittensten politischen Führer eines für Korruption und Lasterhaftigkeit bekannten Landes“ und als Geschäftsmann „der von vielen als politischer Dilettant betrachtet wurde und der sein wichtiges Amt nur dank seines beträchtlichen Einflusses auf die Medien erlangt hat„, charakterisiert wurde. Die US-Regierung hat sich mittlerweile für den „unglücklichen Fehler“ entschuldigt. Ein Mitarbeiter des Press Office des Weißen Hauses habe die Passagen der Encyclopedia of World Biography entnommen, heißt es.

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We want you

Dienstag, 8. Juli 2008 23:21

Wahlkampf. Die Parteiapparate steigern den Output an dumpfbackigen Parolen und vollmundigen Versprechungen. Auch die Grünen mischen mit. Freilich, wie es sich für diese Partei gehört, um eine Spur innovativer und kreativer. Unter dem Slogan Rückgrat Zeigen zielen sie auf enttäuschte SPÖ-ler, damit diese ihr Kreuz diesmal aber wirklich, wirklich ganz sicher nicht wieder wie beim letzten Mal in der Wahlurne bei der SPÖ hinterlassen, sondern …

Bitte erinnern Sie mich bei der nächsten Wahl an meinen eigenen Entschluss, die SPÖ nicht mehr zu wählen„, so heißt es, und, wer seine Email-Adresse bekannt gibt, wird rechtzeitig an diesen „Entschluss“ erinnert werden. Wann und wie oft eine Erinnerungsmail kommt, steht nicht dabei. Dann folgt eine Aufzählung von Gründen, „die SPÖ nicht mehr zu wählen“. Der Stil erinnert mich an katholische Fürbitten. Hier einige ausgewählte Gustostückerln:

weil
… ich keine Partei wählen will, die ihre Grundsatzentscheidungen vom Tenor der Leserbriefseiten in einer großen Tageszeitung abhängig macht.
… ich will, dass die Teuerung, die explodierenden Lebensmittelpreise, die dramatisch steigenden Öl- und Energiepreise wirksam bekämpft werden.
… ich Politik mit Haltung und Charakter will.
… ich Stillstand, Lähmung und die ständigen Streitereien in der Regierung satt habe.
… Gusenbauer kein Sozialfighter (wie im Wahlkampf versprochen), sondern ein Postenfighter geworden ist.
… Politik mit Weitblick, Rückgrat und Menschlichkeit gefordert ist.

Kommt was von der Basis, waas i‘, dass a Schas is.“ (Maschek)

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And the winner is?

Dienstag, 8. Juli 2008 19:29

So wie der ÖVP nahe Politikwissenschafter Fritz Plasser, der im Standard die Neuwahlansage der ÖVP aus „strategischen Gründen jetzt für nicht ganz nachvollziehbar“ und vor allem den Anlassfall (Schwenk der SPÖ in der EU-Politik) für höchst riskant erachtet (mit „Staatspolitik kein Wahlkampf“ zu machen), denke auch ich, dass in einigen Wochen die Ausgangslage für die SPÖ trotz alledem eine wesentlich günstigere sein könnte, als man dies im Moment noch für möglich halten würde. Auch wenn die ÖVP auf Stabilität und Sicherheit setzten wird, scheint mir doch weder der Spitzenkandidat noch sein, wie er sagt, „bewährtes Team“ der Garant für Stimmenmaximierung zu sein. Noch dazu, wenn der Tiroler VP-Abspringer Dinkhauser mit einer eigenen Liste antreten wird, wie er schon verlautbaren ließ. Keine Frage, die ÖVP wird ihre Stammklientel mobilisieren können, aber sonst?

Die SPÖ hingegen wird ihren Frontmann Werner Faymann, wiewohl zwei Jahre als Bundesminister im Amt, als frische und unverbrauchte Kraft präsentieren. (Jedenfalls ist das Harry Kopietz, Wiener SP-Landesparteisekretär und Donauinselfestorganisator seit unzähligen Jahren, der als Wahlkampfleiter fungieren wird, mit Sicherheit zuzutrauen.) Faymann könnte somit das Ruder noch herumreißen für die zurzeit schwer angeschlagenen Sozialdemokraten.

Daher meine erste Prognose, der noch ein paar folgen werden, weil ich gerne im Kaffeesud herumstochere:
Die SPÖ wird stärkste Partei – knapp aber doch. Und die Große Koalition feiert mit Faymann als Kanzler und mit Josef Pröll (nach Rücktritt des Wahlverlierers Molterer) als Vizekanzler und Finanzminister ihre Fortsetzung. Dass die FPÖ stark zulegen und die Grünen stagnieren werden, dürfte auch klar sein.

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Good News

Dienstag, 8. Juli 2008 18:38

Das Europäische Parlament respektive eine Mehrheit von Parlamentariern der beiden Ausschüsse, die für die Behandlung des Telekom-Richtlinienpakets (Anpassung von insgesamt fünf Richtlinien, mit denen der Markt für elektronische Kommunikationen innerhalb der Europäischen Union neu geregelt werden soll) zuständig sind, haben dem Vorhaben, Internet-Sperren nach französischem Modell in der Europäischen Union einzuführen, eine – zumindest vorläufige – Absage erteilt! Vorläufig deshalb, weil die Abstimmung zum Telekom-Richtlinienpaket im Plenum des Europäischen Parlaments erst im September stattfinden wird. Dennoch: Ein wichtiger Etappensieg!

Was war geplant? In einer konzertierten Aktion wollten internationale Medienkonzerne und ihnen nahestehende Abgeordnete eine EU-weite Filterung des Internets erwirken. Über etliche Textabänderungen zum Vorschlag der Europäischen Kommission zum Telekom-Richtlinienpaket sollten die Internet Provider dazu verpflichtet werden, den gesamten Internet Traffic permanent zu kontrollieren und den Zugang von Usern, die Urheberrechtsverstöße begehen, zu kappen, um nicht von der Medienindustrie systematisch geklagt zu werden (vgl. dazu auch das Interview mit der Politikwissenschaftlerin Monica Horten auf der ORF-Futurezone und ihre Einwände gegen diese Vorhaben, sowie die Websites der französischen Netzaktivisten La Quadrature du Net und die Blogger von Netzpolitik, deren Website ich in meine Linkliste aufgenommen habe).

Erich Möchel von der ORF-Futurezone hat die Tragweite der geplanten Vorhaben auf den Punkt gebracht:

„Dabei geht es nicht einfach um Filesharer, die nicht lizenzierte Mediendateien tauschen. Der gesamte Datenverkehr im Netz soll systematisch und vollautomatisch überwacht werden. Das hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Datenübermittlung von Firmen, auf den E-Commerce und E-Government. Einem total überwachten Netz ist nicht mehr zu trauen.“

Übrigens: Auch alle österreichischen EU-Abgeordneten von SPÖ, ÖVP und Grünen, haben sich gegen diese Vorhaben ausgesprochen.

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… and it’s all over now …

Sonntag, 6. Juli 2008 0:29

Warum sind Alfred Gusenbauers Tage als Bundeskanzler gezählt, obwohl er und die SPÖ-Truppe in der Regierung im materiellen Bereich, also dort, wo es um die Politik der Taten geht, durchaus Herzeigbares erreicht haben?

Nicht weil Gusenbauer im Wahlkampf durch absurde Versprechungen (u. a. Eurofighter-Ausstieg) bei den Wählern eine überzogene Erwartungshaltung in eine von der SPÖ geführte Regierung produziert hat.

Was tut jeder Kandidat? Er verspricht zunächst seinen Wählern alles, was sie nur hören wollen.“ (Stefan Zweig, „Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen“, 1929)

Schließlich weiß er um die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie, denen zugleich auch ein permanentes Vergessen geradezu funktional eingeschrieben ist. Oder, um den Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz zu zitieren:

„Alles, was Politiker entscheiden und alles, was Medien berichten, wird unglaublich schnell auch wieder vergessen, um Platz zu machen im Speicher der Aufmerksamkeit.“

Was wiederum auch heißt, dass der Schaden sich in Grenzen hält, wenn Versprechungen sich als unerfüllbar entpuppen. Ausstieg aus dem Eurofighter-Vertrag? Schnee von gestern!

Schon eher, weil Gusenbauer eine Ressortverteilung zu verantworten hat, die dem annähernd gleich großen Koalitionspartner das Finanzministerium und damit die Entscheidung über alle Budgetfragen überließ. Dadurch hat er sich in ein strukturelles Dilemma manövriert, weil die österreichische Bundesverfassung keine Richtlinienkompetenz für den Bundeskanzler (im Unterschied etwa zu Deutschland) kennt. Da dies wiederum das Wahlvolk nicht weiß, und jeder Kanzler wenig Interesse haben dürfte, diesen Sachverhalt publik zu machen, hat Gusenbauer neben dem faktischen auch ein verkaufsstrategisches Problem: Er kann sich ja nicht hinstellen und sagen: Es tut mir leid, dass ich mich selbst entmündigt habe, indem ich der ÖVP das Finanzministerium überlassen habe. Dabei hätte ich so gerne meine tollen Versprechungen (= mehr Kohle für Bildung etc.) umgesetzt.

Gusenbauers Tage als Kanzler sind vor allem aber deshalb gezählt, weil er die Ausübung dessen, was Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay „Erbarmen mit den Politikern“ als die „peinlichste Zumutung“ der Berufspflichten eines Politikers im Wahlkampf bezeichnet hat, nämlich

sich die albernsten Kopfbedeckungen, vom Tirolerhütchen bis zum Indianerschmuck, aufzusetzen, Säuglinge und Elefanten zu tätscheln, Bierfässer anzuzapfen, an den ödesten Karnevalssitzungen und den widerwärtigsten Talk-Shows teilzunehmen“,

gewissermaßen zum Dauerprovisorium seiner Inszenierung als „Volkskanzler“ gemacht hat.

Es sind nämlich die Bilder eines Mannes im Faschingskostüm oder in viel zu engen Radfahrerhosen, die nicht nur der in dieser Funktion zu bezahlende Tribut an die 24-Stunden-Medienbeobachtung sind, Bilder der Provinz, die eben deshalb als Lüge dechiffrierbar sind, weil Gusenbauer zugleich immer wieder Gegenbilder produziert, Bilder eines Mannes, die sozialen Aufstieg symbolisieren. Denn nur der vermeint über teure Weine faseln zu müssen, für den es eben nicht zur Selbstverständlichkeit gehörte, diese zu saufen. Denn nur der muss über sein Faible für die Oper quasseln, der Opernbesuche nicht als quasi naturhaften Bestandteil seiner Sozialisation genossen hat, wie Bürgerkids.

Durch die Zurschaustellung des Aufstiegs, die zugleich immer auch Abgrenzung signalisiert gegenüber jene, in deren Namen Gusenbauer seine Politik zu legitimieren versucht, werden zugleich immer auch die von den bürgerlichen Medien von Anfang an mehr oder weniger offen propagierten Vorurteile gegen den „Parvenü“ aus der Arbeiterklasse bestätigt.

Indem Gusenbauer den „Volkskanzler“ mimt, indem er den Spagat zwischen „staatstragender Funktion“ bei gleichzeitigem Bestemm auf Bodenhaftung versucht, war und ist er zum Scheitern verurteilt. Wer den Job als Bundeskanzler macht, kann sich nicht als Dodel von nebenan gerieren, weil dies instinktiv als Lüge erkannt wird, als systemhafte Lüge, als lächerliche und peinliche Camouflage, die all jene, die ihr Dasein als Dodel von nebenan nicht spielen, sondern zu ertragen haben, verarscht.

Die Lüge als Mittel zur Erreichung politischer Ziele wird stillschweigend akzeptiert. Die Lüge als Mittel zur Imagepolitur hingegen bleibt unverzeihlich.

Nachtrag:
Mit dem populistischen Schwenk in der Europapolitik, um von der eigenen innerparteilichen Krise abzulenken, und deren Verlautbarung in Form eines „offenen Briefes“ an den Herausgeber der Kronen Zeitung, mag Faymann und Gusenbauer möglicherweise ein strategischer Schachzug gelungen sein.
Wurscht: Adieu, SPÖ!

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