Zur Produktion des »Bösen«

David Fincher, bekannt geworden als Regisseur von Thrillern wie Se7en und Zodiac, und vor allem als Produzent der Netflix-Serie House of Cards, hat sich die späten 1970-er und frühen 1980-er Jahre als Kulisse für eine dunkle Thriller-Serie genommen, die wieder vom Streaming-Anbieter Netflix finanziert wurde.

In Mindhunter, so der Serientitel, bringen uns die beiden FBI-Agenten Holden Ford und Bill Tench, die in der Abteilung für Verhaltensforschung (Behavioral Science Unit) arbeiten – das war zu jener Zeit eine innerhalb der FBI-Ausbildungsakademie bestenfalls geduldete, unterdotierte Miniabteilung – eine Epoche nahe, in der es mehr oder weniger Common Sense war, dass kriminell Gewordene das »Böse« bereits in sich tragen, wenn sie zur Welt kommen. In der polizeilichen Ermittlungsarbeit jener Jahre, im Ausforschen von Mehrfachtätern, spielten soziologische und psychologische Hintergründe (Klassenzugehörigkeit, Familienstruktur etc.) bei der Erstellung von Täterprofilen nahezu keine Rolle. Tatortspuren und einschüchternde Verhörmethoden, nicht die Mechanismen, die das »Böse« produzieren, waren das Um und Auf der Ermittlungsarbeit, um Täter zu überführen und hinter Gitter zu bringen – und Mörder, wenn möglich, auf den elektrischen Stuhl.

Die beiden Agenten – die wissenschaftliche Unterstützung erhalten sie von der Psychologin Wendy Carr – bewegen sich quer durch die Vereinigten Staaten, reisen zumeist im Flugzeug von Bundesstaat zu Bundesstaat, halten Vorträge in den FBI-Ausbildungsstätten und unterstützen laufende Ermittlungen lokaler Polizeibehörden. Und sie interviewen, anfänglich nur in ihrer Freizeit, die bekanntesten Massenmörder des Landes, die in den Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten einsitzen. Diese ausführlichen Gespräche mit Psychopathen bilden das Grundgerüst der Serie.

Mindhunter zeigt die Anfänge der Kriminalpsychologie und basiert auf den Büchern des FBI-Agenten John E. Douglas, der einer der ersten Fallanalytiker gewesen ist (den Begriff »Profiler« gab’s noch nicht), der selbst 36 »Serienmörder« – auch das ein Begriff, der erst erfunden werden musste – eingehend befragte, um Ähnlichkeiten, aber auch Abweichungen im Verhalten der Killer zu finden. Anhand dieser Gespräche wurden Täter-Kategorien gebildet, die sodann als Screening Vorlage bei der Suche nach noch aktiven Serienmördern genutzt wurden.

Fincher führt uns in das Amerika nach Watergate und Vietnam, also in ein geprügeltes und desillusioniertes Land, voller beschädigter Typen. Auch Charles Manson und seine Jünger kommen vor. Ein interessanter Nebenstrang, der an Quentin Tarantinos Once upon a time in Hollywood erinnert – auch, weil Manson, sowohl in Mindhunter als auch in Tarantinos Film, vom australischen Schauspieler Damon Herriman dargestellt wird. Die brutalen Morde der »Manson Family« an der schwangeren Sharon Tate und ihren Freunden im Sommer 1969 in Los Angeles markierten einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der US-amerikanischen Gegenkultur, und läuteten, zusammen mit dem im Dezember desselben Jahres stattgefundenen Altamont Festival, den Beginn vom Ende der Hippie-Ära der 1960-er Jahre ein.

In der zweiten Staffel, die Anfang der 1980-er Jahre spielt, amtiert in der Behavioral Science Unit ein neuer Chef, der das Profiling befürwortet. Im Zentrum stehen ungeklärte Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen in Atlanta – ein wahrer Fall, der als »Atlanta child murders« zu jener Zeit in den USA für großes Aufsehen gesorgt hat.

Grandiose Serienkost, die einen präzisen Blick auf die Realverfassung der USA der 1970-er und 1980-er Jahre wirft – mit allen bis ins Heute andauernden Kontinuitäten.

When They See Us

Am 19. April 1989 wird im New Yorker Central Park eine Joggerin halbtot geschlagen und brutal vergewaltigt. Zur gleichen Zeit feiert eine Gruppe Jugendlicher, Schwarze und Latinos aus Harlem, in einem anderen Gebiet des riesigen Parkareals ausgelassen die laue Nacht, einige von ihnen belästigen Radfahrer und Jogger. Die Polizei taucht auf und nimmt ein duzend Jugendliche mit aufs benachbarte Revier. Unterdessen wird die Schwerstverletzte 28-jährige Trisha Meili gefunden. Die weiße Frau, eine Investmentbankerin, wird nach 12 Tagen im Koma erwachen, fortan an Bewegungsstörungen leiden und sich an diese Nacht nicht mehr erinnern.

Das Verbrechen sorgt für enorme mediale Aufmerksamkeit – die Vergewaltigungen haben in New York in den Monaten davor zugenommen –, die Ermittlungsbehörden geraten massiv unter Druck. Entgegen allen Fakten wird ein Zusammenhang zwischen den auf dem Polizeirevier befindlichen Jugendlichen und der Vergewaltigung hergestellt. Fünf minderjährige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, die sich untereinander nicht kennen, werden – ohne ihre Eltern zu informieren und nachdem sie unter Druck eine Verzichtserklärung auf Rechtsbeistand unterzeichnet haben –stundenlangen, brutalen Verhören unterzogen. Sie werden mit erfundenen Behauptungen dazu gebracht, sich gegenseitig zu bezichtigen. Monate später kommt es zum Geschworenenprozess. Die Black Community demonstriert vor dem Justizgebäude für die Freilassung der Inhaftierten. »There was no rape!« und »Let them free!« steht auf den Plakaten. Auf der anderen Seite, die von den Medien aufgeheizte Bevölkerungsmehrheit. Einer, der mitmischt, ist auch der heute amtierende US-Präsident, damals Immobilientycoon und Multimillionär. Vor dem Geschworenenverfahren lässt Donald Trump in den großen New Yorker Tageszeitungen ganzseitige Inserate schalten mit der Headline, »Wir brauchen die Todesstrafe wieder!«.

Yusef Salaam, Antron McCray, Raymond Santana, Kevin Richardson und Korey Wise, die »Central Park Five«, wie sie in den Medien genannt werden, werden zu Haftstrafen zwischen 6 und 14 Jahren verurteilt (Korey Wise, der bereits 16 Jahre alt ist, wird in den Erwachsenenvollzug kommen), obwohl alle Indizien gegen eine Beteiligung sprechen und die Polizei keinerlei verwertbares DNA-Material gefunden hat. Verurteilt werden die Fünf aufgrund von Aussagen, die ihnen die Polizisten in den Mund gelegt haben. Diese erzwungenen Geständnisse, auf Video gebannt, führten zur Verurteilung. Sie gestanden die Tat, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Erst im Jahre 2002 stellt sich der wahre Täter, was auch aufgrund moderner DNA-Analyse untermauert werden kann. Das Strafregister der Fünf wird bereinigt und sie erhalten eine Entschädigung von 41 Millionen Dollar. Die korrupten Polizisten und Staatsanwälte werden nicht belangt. Und Trump beharrte noch 2016 als Präsidentschaftskandidat auf der Schuld der »Central Park Five«.

Diesen wahren Fall nimmt die Netflix-Miniserie, When They See Us, von der Filmregisseurin Ava DuVernay, zum Anlass, um das US-amerikanische Strafverfolgungssystem, dessen Rassismus und Klassenjustiz, auszuleuchten und anzuklagen. Vor allem sozial deklassierte und einkommensschwache Gruppen, in denen Schwarze und Latinos überproportional zu finden sind, kommen in diesem System unter die Räder. When They See Us zeigt in vier Folgen die Tatnacht, die Polizeiverhöre, das Gerichtsverfahren, die Zeit im Gefängnis und die Zeit danach, als die mittlerweile erwachsenen Männer verzweifelt versuchen, wieder in ein halbwegs geordnetes Leben zurückzufinden. Und im Filmabspann verwandeln sich die Gesichter der Schauspieler langsam in die »echten« Männer, und wir erfahren, wie sich ihr weiteres Leben entwickelt hat. Eine großartige, zutiefst berührende Miniserie!

Abschied von Obama

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

Früchte des Zorns

Im Unsichtbaren Kino im Wiener Filmmuseum beginnt John Fords „The Grapes of Wrath“ aus dem Jahr 1940, basierend auf dem im Jahr davor erschienen gleichnamigen Roman von John Steinbeck.
Gleich zu Beginn: Tom Joad (Henry Fonda) mit Kapperl! (Ich flüstere zu E.: »Jetzt weißt Du, warum ich Kapperl- und nicht Hutträger bin!«).

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Wann ich diesen Film zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Im Kino, soviel ist sicher, wohl vor über 20 Jahren. Ford / Steinbeck zeigen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der ökologischen Irrtümer in den 1930-er Jahren am Beispiel einer Bauernfamilie aus Oklahoma. Dürre und Sandstürme (Dust Bowl), Armut und Elend und Verlust der Farm und des Landes, das die Joads und andere Bewohner der Great Plains seit Generationen bestellten. (In anderen Filmen erinnert Ford daran, wie die Joads dieses Land von den Native Americans genommen haben.) Aufbruch nach Kalifornien (the land of milk and honey) über die gerade erst fertiggestellte Route 66. Hoffnung auf gut bezahlte Jobs. Aufwachen in Zeltlagern. Hungerlöhne. Elend. Aber auch die Chance auf den Ausweg aus dem Elend, auf eine menschenwürdige Existenz in Form der staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme im Rahmen von Roosevelts New Deal.

Grandiose Bilder, Herz und Hirn packende Bilder in Schwarz-Weiß. E., (bislang) kein Freund »alter Filme« (so pflegt er SW-Filme zu bezeichnen), zeigte sich begeistert.

P.S. Weil einer der beiden Filmprojektoren den Geist aufgegeben hatte, wie man uns vor Filmbeginn mitteilte, traf das, was in Wikipedia zum Stichwort Überblendtechnik so schön beschrieben ist, eben gerade nicht zu:

„Die Kunst des Vorführers besteht auch darin, am Ende eines Aktes den Projektor mit dem folgenden Akt rechtzeitig zu starten und Bild und Ton umzuschalten, so dass die Zuschauer keinen Übergang bemerken.“

Wir nahmen die Pausen zwischen den Rollenwechseln im schwarzen Kino gelassen und bedanken uns postum bei John Ford, dass er uns solche Filmgeschenke hinterlassen hat!

Monterey 1967

»An dieser Stelle möchte ich gerne noch auf das Glück eingehen. Ich glaube nicht, dass du mit irgendetwas, das du für Geld kaufen kannst, glücklich werden kannst. Die Leute sind irrsinnig konsumistisch im Internet unterwegs, leiden aber gleichzeitig an Burn-out und Selbstoptimierungswahn. Diese ganzen Kleinbürger, die als Hipster in Erscheinung treten, sind doch hochgradig unglücklich, ihre Beziehungen funktionieren nicht mehr.
Ich beschreibe in meinem Buch das Monterey International Pop Festival, eine Veranstaltung, die von den Künstlern 1967 selbst organisiert wurde. Vielleicht kennen Sie diesen Film, in dem man die ganzen Größen sieht: Jimi Hendrix, Janis Joplin und so weiter. In diesem Film ist keine Werbung zu sehen, kein Sponsoring, kein Security-Personal, kein Backstage-Bereich. Jimi Hendrix geht aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurück ins Publikum. Keine Distanz, kein Oben und Unten. Dahin müsste man es wieder zurückdrehen, zu einem Festival ohne Coca-Cola und Smartphone-Terror, ohne dass jemand sein Scheißhandy hochhält und ständig irgendwas mitfilmen muss. Gleich unter Gleichen, keiner kann sich mit seinem Geld einen besseren Platz kaufen. Ich würde behaupten, wenn du von so einem Festival nach Hause kommst, bist du ein glücklicherer Mensch, als wenn du zehnmal zum Berlin-Festival gegangen bist. Das ist eine These. Und wie man das, was dahinter steht, politisch nennt, wissen Sie selbst.«

(Berthold Seliger im Interview mit der Jungle-World)

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Berthold Seliger hat Ende 2013 seine Konzertagentur geschlossen, die in den letzten 25 Jahren u.a. Patti Smith, Calexico, Will Oldham (Bonnie ‚Prince‘ Billy), Tortoise oder Townes van Zandt in den deutschsprachigen Raum geholt hat. Anfang 2014 hat er unter dem Titel Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht (Edition Tiamat) seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, exemplifiziert an der Musikindustrie, veröffentlicht. Meine Urlaubslektüre.

Hier gibt’s Seliger auch im O-Ton und hier noch ein anderes großartiges Interview.

Ach ja: Hier gibts das Monterey-Festival als Filmdoku von D. A. Pennebaker (Part I und Part II und einen Part III, mit Material, das Pennebaker nicht für seinen Film verwendet hat).

Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Philipp Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Bestseller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig reden) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms aktuelles Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch, in dem Blom über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über »Kriegszitterer« (»Bomb shells«) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc. gesprochen hat, die ich für besonders wichtig erachte, und die zugleich immer auch an Alexander Kluges historische Herangehensweisen erinnern:

Westfront: Die Hälfte aller im Ersten Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr Zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite
krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die »Kriegszitterer«. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von »Bomb Shell Disease« oder auch »Shell shock«, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi alsbald von diesen abgewendet, »weil sie ihm nicht Nazi genug waren!«, was vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte zeige, also Heideggers Tagebücher, die, wie von ihm selbst verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe unlängst erschienen sind. (Vertiefend dazu ein Podcast mit Lutz Hachmeister, Axel Honneth und Marion Heinz.)

Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war unter anderen auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter den Wochenlohn nach Erhalt versoffen, und dann ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert), beförderten dieses Prohibitionsgesetz, das von 1920 bis 1933 in Kraft war. Die Konsequenzen: Die illegalen Einfuhren aus Kanada haben sich vervierfacht, verbotene Läden entstanden, sogenannte »Speakeasys«, und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch diese Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäschereien und Restaurants, Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).

Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis (Leni Riefenstahl), um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Telegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Deep-Soul am Rathausplatz

Lange Zeit kein Konzertbesuch, und dann das: drei Konzerte binnen einer Woche, alle im Rahmen des Wiener Jazzfests. Dankenswerterweise legen dessen Organisatoren den Genrebegriff schon seit einigen Jahren sehr großzügig aus, sodass selbst Jazz-Konzertbesuchsverweigerer wie ich nicht widerstehen können. Kurzer Einschub: Nichts gegen Thelonious Monk oder Miles Davis, aber alles gegen den Habitus des traditionellen Jazz-Konzertbesuchers und dessen zwanghaftes Jedes-Solo-Beklatschen-Müssen.

Glücklicherweise haben sich nur weinige Jazz-Puristen zu den Konzerten von Betty LaVette und den Blind Boys of Alabama, und keine zu Charles Bradley verirrt. Wobei, bei Mr. Bradley wär’s mir auch völlig egal gewesen: Ich kannte den 63-jährigen nicht und bin dank des Tipps im Standard (Danke Herr Fluch!) zum Rathausplatz gegangen. Die stimmliche Urgewalt und Leidenschaft dieses Deep-Soul-Giganten, begleitet vom betörenden Sound (Hammond-Orgel, Bläser und funky licks) der Menahan Street Band, muss man einfach hören – treffende Worte zum Konzert finden sich ohnehin bei den Soul-Aficionados Samir H. Köck (hier) und Karl Fluch (hier).

Daher hier und jetzt die Empfehlung zur Endlosschleife von Why is it so hard (to make it in America) und allen anderen Songs aus Bradleys Debütalbum No Time For Dreaming aus 2011. Wer sich dann nicht jeden Song von Mr. Bradley von wo auch immer besorgt, dem kann ohnehin nicht mehr geholfen werden.

Urheberrecht verhindert Kreativität

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Der Künstler Shepard Fairey hat ein Foto des Associated Press Fotografen Mannie Garcia im Stile Andy Warhols bearbeitet, mit dem Schriftzug „Hope“ versehen und den PR-Strategen Obamas für den Präsidentschaftswahlkampf 2008 überlassen. Associated Press hat daraufhin wegen Verletzung des Copyrights geklagt. Der Rechtsstreit, der sich über mehrere Jahre hinzog, wurde am 13. Jänner 2011, also vor wenigen Tagen, außergerichtlich bereinigt, höchst überraschend überdies: Fairey wird die Tantiemen aus dem „Hope„-Poster mit der Nachrichtenagentur teilen und zugleich eine Posterserie produzieren – unter Verwendung von AP-Fotos. Das Original des „Hope„-Posters befindet sich mittlerweile im Bestand der Washingtoner National Portrait Gallery.

Im Rahmen einer vom SPÖ-Parlamentsklub organisierten Enquete zum Thema Neue Netzpolitik hat der deutsche Urheberrechtsexperte Till Kreutzer auch die „Hope„-Story zum Anlass genommen, um auf die Notwendigkeit einer völligen Überarbeitung des herrschenden Urheberrechtssystems (im Sinne einer Anpassung an die neuen digitalen Realitäten) hinzuweisen. Kreutzer, der seine Expertise auch als Mitarbeiter des Urheberrechts-Webportals iRights.info allen Interessierten zur Verfügung stellt, sieht die bestehenden Regeln vor allem als protektionistische Maßnahmen für analoge Geschäftsmodelle, deren Profiteure überwiegend die Verwerter und nicht die Kreativen seien.

Dass aber die Verteidiger des technologisch und gesellschaftlich Überholten nach wie vor den öffentlichen Diskurs über weite Stecken dominieren, zeigt sich nicht nur im Musik- und Filmbereich. Ein vor kurzem veröffentlichter Aufruf der IG Autorinnen Autoren, der Literar-Mechana und des Verlegerverbandes („Wer das Urheberrecht hat„) illustriert die Ignoranz der Proponenten gegenüber technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Aufruf, im Grunde ein Anti-Google und Anti-Internet-Manifest ohne Google oder das Internet beim Namen zu nennen („Interessen weltweit agierender Unternehmen in der digitalen Datensammlungs- und Datenverwertungswirtschaft (…) die an Kunst und Kultur nicht weiter interessiert sind, sondern nur an den Möglichkeiten, aus Nachnutzungen bereits bestehender Werke für sich Gewinn zu schlagen„), kann nur als Kapitulation der Interessensvertretung vor dem kreativen Potential der digitalen Technologien gewertet werden.

Wie viele Autorinnen und Autoren werden wohl den Kultur-Neugebauers Folge leisten?

Die Erosion des politischen Arkanraums

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Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay („Das digitale Evangelium„) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als „geheim“ klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, „die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen„. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als »embedded media« weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: »Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!«  (Konrad Becker).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

Take it as it comes

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»Receive with simplicity everything that happens to you«.

Diesen Spruch, der dem im Mittelalter wirkenden Rabbiner und Talmud Kommentator Rashi zugeschrieben wird, stellen die Brüder Joel und Ethan Coen ihrem jüngsten Werk A Serious Man voran.

Nach einer rund zehnminütigen Zeitreise in die untergegangene Welt des jüdischen Schtetls, wo jiddisch gesprochen wird und eine resolute Frau einem alten Mann ein Messer ins Herz treibt, weil sie in ihm einen Dibbuk zu erkennen vermeint, folgt eine Schwarzblende, danach:

»When the truth is found to be lies
and all hope inside you dies
don’t you want somebody to love«

Somebody to love von Jefferson Airplane, Grace Slicks Stimme dröhnt aus einem Kopfhörerstöpsel, der sich im Ohr eines jungen Mannes befindet. Die Kamera gleitet langsam entlang eines weißen Kabels und in unseren Fokus kommt, nein, nicht ein iPod, sondern ein altes Transistorradio. Wir sind nicht im Heute gelandet. Wir sind in den 1960-er Jahren, genauer: im Jahr 1967. Die B-52-Bomber legen gerade halb Südostasien in Schutt und Asche. The Doors veröffentlichen ihr Debütalbum, auf dem Jim Morrison das eingangs zitierte Motto des Rabbiners neu übersetzt: Take it as it comes.

Einer, der alles nimmt, wie es kommt, ist Larry Gropnik, Professor für Physik und Mathematik an einer Universität irgendwo im Mittelwesten der USA. Er lebt mit Frau und Kindern in einer dieser Vorstadtsiedlungen, wo der Rasen täglich gemäht wird, und wo jeden Moment der fröhlich winkende Feuerwehrmann aus Blue Velvet vorbei fahren könnte. Es ist eine überwiegend von Juden bewohnte Siedlung, mit jüdischer Schule, Rabbi und Synagoge. Larrys kleines Glück wird empfindlich gestört: Was soll er tun, wenn die Frau die Scheidung will, um fortan mit einem seiner Freunde Tisch und Bett zu teilen? Was, wenn dieser Ex-Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt? Was, wenn aus der in Aussicht gestellten Fixanstellung doch nichts wird, weil irgendein anonym bleibendes Arschloch irgendwelche Verleumdungen streut? Was, wenn sich die Alpträume bewahrheiten und ihn der Redneck-Nachbar tatsächlich abknallen sollte? Und was, wenn selbst der Rabbi, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, auf die Frage nach dem Sinn all dessen nur lakonisch antwortet, das habe ihm Gott auch nicht gesagt?

Die Coens haben eine Tragikömodie auf die Leinwand gezimmert, mit all den köstlichen Zugaben, die ihre Filme schon immer auszeichneten: Ein phantastisches Script, umwerfende Situationskomik, abrupt endende Szenen, brillante Kamerabilder, für die wie immer Roger Deakins verantwortlich zeichnet, und ein furioses Finale.

Große Szene: Der koreanische Student Clive, der den Physiktest nicht bestanden hat, weil er keine Ahnung von Mathematik hatte, ersucht Larry um positive Benotung. Larry lehnt ab. Als Clive gegangen ist, findet Larry einen mit Dollarscheinen prall gefüllten Briefumschlag in seinem Büro, den Clive »vergessen« hat – was dieser, als ihn Larry später zur Rede stellt, abstreitet. Und der arme Larry hat ein Problem. (Das muss man gesehen haben!)

Hatte Hiob das bessere Los, weil er an seinem Gott wenigstens noch zweifeln konnte? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: solche Filme konnte er nicht sehen.