Angst – Sicherheit – Kontrolle

cctvThose who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“ (Benjamin Franklin)

Nach dem Mord an dem dreijährigen James Bulger im Jahre 1993 ist die Anzahl der Videoüberwachungsgeräte in Großbritannien sprunghaft angestiegen. Mit dem Argument, Verbrechen zu verhindern, wurde das Land sukzessive mit CCTV-Kameras (=“Closed-circuit television„) bestückt. (vgl. dazu hier)

Auch wenn die Behörden wissen, dass sich CCTV-Kameras keineswegs zur Verbrechensprävention eignen und auch bei der Täterüberführung nahezu keinen Beitrag leisten (vgl. hier), wird vor allem seit 9/11 weiter aufgerüstet. Der „War on Terrorism“ legitimierte nicht nur in den USA die Suspendierung fundamentaler Menschenrechte (Guantánamo, Folter) sondern hat auch in Europa zur Aufweichung von Grund- und Freiheitsrechten und zum Überhandnehmen des Paranoiadiskurses („Sicherheit„) geführt, der auch hierzulande längst jede politische Debatte, von der Integrationsfrage bis zur Wirtschaftskrise, dominiert.

Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten!“ Man kennt den Spruch, mit dem der konservative britische Premierminister John Major die CCTV-Aufrüstung nach dem Bulger-Mord der Bevölkerung verkauft hat. Man hört ihn von Politikern aller Coleurs, wenn es darum geht, Einschränkungen von Freiheitsrechten zu legitimieren, die in jahrhundertelangen Kämpfen gegen die jeweiligen Machthaber durchgesetzt werden mussten.

Streichen Sie die Wendung ‚Ich habe ja nichts zu verbergen‘ aus Ihrem Wortschatz, denn wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren. Es ist gut, dass Sie etwas zu verbergen haben, und so sollte es auch bleiben. Verteidigen Sie Ihre Geheimnisse, sie gehören Ihnen.

Soweit Ilija Trojanow und Juli Zeh in ihrer Kampfschrift gegen den Überwachungsstaat („Angriff auf die Freiheit„), in der sie jene Mechanismen beschreiben, die zum sukzessiven Aufbau des Überwachungsstaates und damit zum Abbau der bürgerlichen Freiheitsrechte in der westlichen Welt seit 9/11 geführt haben. Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren, elektronische Pässe mit biometrischen Daten, um nur die zentralen Überwachungs- und Kontrollinstrumente anzuführen, die in den letzten Jahren beschlossen wurden – ohne allzu großen Widerstand beschlossen wurden.

Der „Krieg gegen den Terror“ fungiere dabei nur als Vorwand, so die Autoren, im Grunde würden die Repräsentanten der Staatsmacht auf Freiheitspotentiale reagieren, die sich politisch nach 1989/90 und technologisch durch das Internet für den Einzelnen eröffnet haben:

Grenzen lösen sich auf, zwischen Staaten, zwischen politischen Lagern, zwischen Deutungssystemen. Weder eine Religion noch die klassische Idee der Familie, noch eine politische Ideologie besitzt die Macht, den zeitgenössischen Menschen ‚auf Linie‘ zu halten. Individualismus, persönliche Freiheit, die sukzessive Abschaffung von Denk- und Handlungszwängen führen zur Unschärfe. Die Menschen und ihre Lebensentwürfe sind schwer einschätzbar geworden. Die Kommunikationstechnologie überwindet letzte geographische und soziale Barrieren. Das (fast) kostenlose Internet steht jedem offen, der sich die notwendige Zugangstechnik leisten kann, und das können dank sinkender Preise weltweit immer mehr Menschen.
Entgrenzung bedeutet Freiheit für den Einzelnen und Kontrollverlust für die Machthaber, ganz gleich, ob es sich um autoritäre Regime oder demokratisch legitimierte Regierungen handelt. Dieser Kontrollverlust wird im Denken und in der Rhetorik der politischen Eliten als ‚Sicherheitsproblem‘ identifiziert.

Eine wichtige Streitschrift! Auf Juli Zehs Website findet sich alle Anmerkungen des Buches, in denen Links zu weiterführenden Infos enthalten sind.

P.S. Am 25. Oktober werden im Rabenhof wieder die Big Brother Awards vergeben, die Auszeichnungen für jene Personen, Institutionen, Behörden und Firmen die sich besonders um unser aller „Sicherheit“ verdient gemacht haben.

9/11 Paranoia im ORF

6536155Rund um den 11. September tauchen die Bilder vom Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001 wieder auf den Bildschirmen der TV-Anstalten auf. Auf YouTube und auf Millionen von Websites (die Google-Suche unter dem Stichwort „9/11“ ergibt zurzeit über 90 Millionen Treffer) sind sie ständig präsent. Abgesehen davon hat sie ohnehin jeder von uns auf seiner Festplatte abgespeichert.

Seit dem Tag des Anschlags grassieren wilde Spekulationen über Hergang und Hintergründe der Massenmorde. Im Wesentlichen stehen sich zwei Erklärungsmuster gegenüber: Auf der einen Seite die Version der Bush-Administration, die im islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida des Osama bin Laden die Alleinverantwortlichen für die Anschläge sieht. Diese Version wurde auch im offiziellen Bericht aus dem Jahre 2004 bestätigt. Und auf der anderen eine Fülle von Theorien, die diese Täterschaft anzweifeln und stattdessen eine Konspiration diverser anderer Akteure (z.B. CIA, Mossad, Bush-Cheney usw.) behaupten. (vgl. dazu hier, hier und hier).

Im Grunde sind alle Belege, die von den Verschwörungstheoretikern ins Treffen geführt werden, um die offizielle Version in Zweifel zu ziehen, seit vielen Jahren entkräftet. Was von den Szenarien der Obskuranten aller Fraktionen zu halten ist, hat der linke Publizist Alexander Cockburn bereits in einem Essay, der im Jahre 2006 in der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplomatique erschienen ist, wie ich meine, sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Ein Hauptkennzeichen der Verschwörungsfans ist ihr inbrünstiger und geradezu grotesker Glaube an die amerikanische Effizienz. Viele von ihnen gehen von der rassistischen Prämisse aus, dass zu einer solchen Tat „Araber in Höhlen“ ohnehin nicht fähig seien. Sie glauben auch, dass militärische Systeme genau so funktionieren, wie es die Pressefritzen des Pentagon und die Verkaufsmanager der Luftfahrtindustrie dem Publikum weismachen wollen. (…) Diese Leute haben offenbar keine Militärgeschichte studiert. Sonst wüssten sie, dass minutiös geplante Operationen – erst recht standardisierte Reaktionen auf einen Notfall – mit schöner Regelmäßigkeit in die Hose gehen, und zwar aufgrund von Dummheit, Feigheit, Bestechlichkeit oder auch nur als Folge eines Wetterwechsels.

Bekanntlich haben sich Spinner noch nie von Tatsachen überzeugen lassen, und dank Internet haben sie auch ein grenzenloses Spielfeld, um ihrer Paranoia erst so richtig freien Lauf zu lassen. Ist weiterhin auch kein Problem.

Dass aber auch Medien, die ernst genommen werden wollen, den Paranoikern einen Sendeplatz einräumen, bewies am Sonntag der ORF, indem er in der Reihe Menschen und Mächte den Dokumentarfilm „Zero: An Investigation Into 9/11“ (Deutscher Titel: „9/11 – Was steckt wirklich dahinter?„) ausgestrahlt hat. In diesem Film kommen neben Augenzeugen, Feuerwehrleuten und Verschwörungstheoretikern wie David Ray Griffin, den Cockburn als „Hohepriester der 9/11-Gemeinde“ bezeichnet, auch bekannte Linke zu Wort, wie der italienische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Dario Fo und der amerikanische Literat Gore Vidal oder der ehemals der politischen Linken zugehörige Journalist und Publizist Jürgen Elsässer, der nunmehr mit der von ihm gegründeten „Volksinitiative“ gegen das „Finanzkapital“ und deren „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ sowie gegen den EU-Vertrag von Lissabon wettert.

Entgegen der reißerischen ORF-Ankündigung, wonach die „penibel recherchierte Doku … zu verblüffenden neuen Thesen und Erkenntnissen (komme), die die damaligen Ereignisse plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen„, werden die seit Jahren bekannten Fragen aufgeworfen, Fragen, die sich auch auf der Website des 9-11 Truth Movements unter „Top 40 reasons“ finden. Diese Wahrheitsbewegung versammelt Obskuranten aller politischen Fraktionen und Länder, die sich trotz sonstiger Differenzen in einem einig sind: Im Zweifel an der offiziellen Version der Anschläge vom 9. September 2001 und in der Ansicht, dass die US-Regierung unter Georg W. Bush die Anschläge selbst inszeniert oder bewusst zugelassen habe.

Initiiert und produziert wurde der Film vom ehemaligen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Giulietto Chiesa, früher Funktionär der KPI und Journalist, der auch im 9/11 Truth Movement tätig ist. Als Chiesa den Film am 26. Februar 2008 im Europaparlament in Brüssel vorführen ließ, kamen seiner Einladung, die an alle 785 Abgeordneten des Europaparlaments und an rund 1000 Journalisten erging, lediglich sechs Abgeordnete und zwei Journalisten nach. Gegen Paranoiker lässt sich nicht argumentieren, weil sie in allem Belege finden werden, um ihre Thesen zu untermauern. So auch in diesem Fall: Chiesa behauptete allen Ernstes, dass die Amerikaner sowohl der gesamten internationalen Presse als auch 99% aller Abgeordneten schlicht und einfach verboten hätten, den Film zu sehen. (vgl. hier).

Der ORF ist bislang die einzige deutschsprachige TV-Anstalt, die diesen 100 Minuten Film gezeigt hat, was Elsässer mit „Bravo Össis“ kommentierte.

Pop fetzt Nazis weg

christoph-waltz

»Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden.

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.« (Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen Kaiser Nero-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat, weil er nicht wusste, wer Kaiser Nero war bzw. Arnold Schwarzenegger für diesen hielt. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, »dass der Kaiser Nero der Peter Ustinov ist«.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in Der Untergang.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von Der Untergang von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie »Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten«.

»In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der ›Hitler in uns‹, ›Mensch Hitler‹, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise ›Hitler-süchtig‹«. (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen Inglourious Basterds. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um »historische Wahrheit« bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

»Once upon a time in Nazi occupied France …«. So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbaukino, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance! Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt Cat People (Putting out fire) von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine Basterds-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobesessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.

Zero Mostel

zero_mostelFrühling für Hitler beim Kino am Dach der Hauptbibliothek. Diesen Streifen von Mel Brooks wollte ich sehen, seitdem mir C. so vorgeschwärmt hatte, dass ich mich vor Lachen kaum mehr halten konnte.
Um 20 Uhr begann es leicht zu regnen, sodass ich mich entschloss, mit dem Auto zur Bibliothek am Gürtel zu fahren. Kaum war ich am Urban-Loritz-Platz angekommen, hat sich wieder einmal eines dieser Shit-Gewitter entladen, von denen die Stadt im heurigen Sommer schon mehrfach geprügelt wurde. Als der Weltuntergang endlich vorbei war, kurvte ich durch die Seenlandschaft nach Hause. Ich beschloss, mir den Film aus dem Netz zu besorgen.

Nachdem ich dieses Meisterwerk in der Originalfassung endlich gesehen habe, kann ich nur allen, die The Producers, so der Originaltitel, mit Zero Mostel und Gene Wilder, noch nicht kennen, dringend empfehlen: Besorgt euch den Film, ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen.

Ohne die großartigen darstellerischen Leistungen der anderen Mitwirkenden (Gene Wilder erhielt 1968 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller) schmälern zu wollen: Dieser Streifen wird neben seinem köstlichen Plot (Mel Brooks erhielt 1968 den Oscar für das Beste Originaldrehbuch) vor allem von Zero Mostel getragen. Mostel wurde für seine grenzgeniale Darstellung des Broadway-Produzenten Max Bialystock im Jahre 1969 mit einer Golden Globe Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Komödie/Musical) bedacht.

Zero Mostel kannte ich aus zwei Filmen, die sich beide mit der McCarthy-Ära der 1950-er Jahre beschäftigen und, wie ich jetzt feststellte, auch im selben Jahr, nämlich 1976, produziert wurden. In Martin Ritts Spielfilm The Front (Der Strohmann) spielt Woody Allen einen Drehbuchautor, der Autoren, die auf der Schwarzen Liste des House Commitee on Unamerican Activities“ (HUAC) gelandet sind, seinen Namen leiht, damit sie das gegen sie verhängte Berufsverbot umgehen können. Zero Mostel gibt darin einen Komiker, der die gegen ihn gerichtete Hetze nicht mehr erträgt und Selbstmord begeht. Viele der Miwirkenden des Films, insbesondere Martin Ritt, Drehbuchautor Walter Bernstein und Zero Mostel, waren selbst Opfer der antikommunistischen Hetze geworden. Mostel wurde 1955 vor den Ausschuss zitiert, wo er sich auf den fünften Verfassungszusatz (Aussageverweigerungsrecht) berufen hat. Dadurch kam er automatisch auf die Schwarze Liste, wodurch er wiederum jahrelang keine Chance auf einen Job im Filmbusiness hatte.

Das Vorgehen McCarthys gegen Hollywood thematisiert der andere Film, in dem Mostel auftaucht: Hollywood on Trial, ein Dokumentarfilm von David Helpern, zeigt Ausschnitte aus den Verhören von Bertolt Brecht, Dalton Trumbo oder dem McCarthy-Freund Walt Disney sowie Interviews, die der Regisseur unter anderen mit Otto Preminger und eben auch Zero Mostel geführt hat.

Zero Mostel stand neben vielen anderen Film- und Fernsehschaffenden auf der Schwarzen Liste, die bis in die 1960-er Jahre nachwirkte. Wohl auch bis ins Jahr 1968; wie sonst soll ich mir erklären, dass Mostel von der Oscar-Jury des Jahres 1968 nicht für einen Oscar in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller nominiert worden war?

Working on a dream

springsteen_wien
copyright Paolo Brillo

I’m working on a dream, though sometimes it feels so far away
I’m working on a dream, and I know it will be mine someday.

Man soll in kein Stadion-Konzert gehen, schon gar nicht in eines, das im Ernst-Happel-Stadion stattfindet. Ich wusste das. Gestern habe ich wieder einmal darauf gepfiffen, um Bruce Springsteen und die E-Street Band zu hören. Bei seinem letzten Wien-Gig vor sechs Jahren hockte ich irgendwo weit oben unter dem Dach des Stadion-Ovals – eine, soundtechnisch betrachtet, absolute No-Go-Area. Folglich bin ich dieses Mal raus auf den abgedeckten Rasen, in der Hoffnung auf besseren Sound und den nach stundenlangem Stehen drohenden Bandscheibenvorfall einfach ignorierend.

Kurz nach 20 Uhr schleicht sich Nils Lofgren, die ersten Takte von „An der schönen blauen Donau“ mit dem Akkordeon intonierend, auf die Bühne, weitere Bandmitglieder folgen. Springsteen betritt zusammen mit Clarence Clemons, der seit Greetings from Asbury Park, N.J., dem ersten Springsteen-Solowerk aus 1973, mit dem Saxophon mit von der Partie ist, das Podium, was ich, da ich mich doch in einem Sicherheitsabstand vom Epizentrum des Geschehens befinde, über die beiden Videowände registriere.

Spätestens beim dritten Song, „Badlands„, war klar, dass 1) auch bei diesem Konzert der Sound eher awful sein wird und dass ich 2) dennoch ein Ausnahmekonzert erleben werde oder, um es in Springsteens Worten zu sagen, mich am „Bau eines Hauses aus Freude, Liebe, Hoffnung und sexueller Erlösung“ beteiligen werde.

Springsteen ist der mitfühlende Chronist des Working Class America. Er erzählt Geschichten vom Scheitern am American Dream, aber sie funktionieren überall, weil sie von Kerlen handeln, die glauben, dabei zu sein, obwohl sie immer außen vor bleiben werden. Dieses „G’fickt für immer“ kommt aber nicht resignativ daher, sondern im trotzigen Gestus des immerwieder aufs Neue: Working on a dream. Das hat mich an Springsteens Songs immer berührt und, auch wenn ich mir keine Alben mehr auflege, das fetzt mir nach wie vor mitten ins Herz.

Der Mann hat im Verlauf seiner Karriere (er wird 60!) etliche Heuler produziert, aber seine wirkliche Power entfaltet er in der Live-Performance: Er sucht den Körperkontakt zum Publikum nicht nur, er giert geradezu danach, es scheint, als brauche er die Berührungen, um vollends auf Touren zu kommen. Nach wenigen Songs muss man die trockenen Stellen am Hemd mit der Lupe suchen. Wunderbare Momente: Wie er von Fans fabrizierte Spruchbänder mit Songwünschen einsammelt, sie sorgfältig auf die Bühne legt und die Songs anschließend spielt. Wie ihm eine junge Frau ihr T-Shirt reicht, auf dem „Jersey Girl“ steht. Er spielt den Tom Waits Klassiker und gibt das T-Shirt zurück.

Wenn Springsteen am Ende, nach dreistündiger Power-Show in einem Stück, mit Band abtritt, dann hat man für einen Moment den Eindruck, dass es ihm leid tun, nicht noch einige Songs gespielt zu haben (mein Highlight: „Because the night„).

Schöner geht’s nimmer.

Noahs Arche

noahs-arche

Thomas Stephen Monaghan, reich geworden mit seiner Pizza-Kette Domino’s Pizza, hat nach einem religiösen Erweckungserlebnis im Jahre 1998 das Unternehmen verkauft. Mit der Kohle lässt er in der Nähe von Staples, Florida eine Gemeinde für „aufrechte“ Christen erbauen. Geplant sind 11.000 Wohnungen. Eine Privat-Universität samt dazugehörigen Unterkünften, die Ave Maria University, hat ihren Betrieb bereits aufgenommen. Die Unterkünfte sind streng nach Männlein und Weiblein getrennt, gegenseitige Besuche sind für einige Stunden an Wochenenden bei geöffneten Zimmertüren gestattet. Klar, dass es in den Shops des Areals weder Verhütungsmittel noch Pornos gibt.

Und alle sind wahlberechtigt!„, so der Kommentar des Dokumentarfilmers Tom Theunissen aus dem OFF. Im ersten Teil, des auf vier Teile angelegten Road-Documentary, Who’s afraid of America, wenige Monate vor der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA gedreht, führt die Reise von New York in den Bible-Belt.

Monaghan und seine Vision der Errettung der Schäfchen vor der Hölle ist nur eine der bizarren Stationen, die in diesem grandiosen Movie zu sehen sind, das gestern im ZDF-Infokanal gelaufen ist. Neben einem Abstecher zu den Amish People in Berlin, Ohio, die ohne Strom, Telefon und sonstigen zivilisatorischen Beiwerk ihr Auskommen finden, erfreut vor allem ein Besuch im Creation Museum in Petersburg, Ohio. Dort haben orthodoxe Bibelfreaks (Kreationisten) ein Bibel-Disneyland errichtet. Zu den Highlights zählen ein Nachbau der Arche Noahs („Noahs Arche hatte über zwei Meter dicke Wände!“ zeigt sich eine interviewte Wahlberechtigte tief beeindruckt) und Adam und Eva und sonstiges Bibelpersonal als animierte, lebensgroße Puppen.

Trostspender wie der Schriftsteller Richard Ford oder der Musiker und Produzent Jim Dickinson kommen im ersten Teil von Who’s afraid of America auch vor.

Hier die weiteren Termine für alle, die den ZDF-Infokanal empfangen können:

13.05.2009 23:25 Uhr
18.05.2009 23:25 Uhr
21.05.2009 22:55 Uhr
23.05.2009 00:10 Uhr
26.05.2009 22:55 Uhr
31.05.2009 22:55 Uhr

Budget und Krise

krise

Der Ökonom Stefan Schulmeister bringt das gegenwärtige Budget-Drama in einem Standard-Kommentar der Anderen präzise auf den Punkt:

Wenn das BIP in einem Land trotz Konjunkturpakets um vier Prozent zu schrumpfen droht, so muss das Budgetdefizit um weitere vier Prozent des BIPs ausgeweitet werden, am besten durch solche Ausgaben, die die Wachstumsbedingungen auch langfristig verbessern (Bildung, Infrastruktur, Forschung) oder die Nachfrage besonders effizient stimulieren (Transfers für sozial Schwache). Verzichtet ein Finanzminister darauf, um den Defizitanstieg in Grenzen zu halten, wird er später erst recht ein höheres Defizit „erleiden“. Grund: der unzureichend gebremste Konjunktureinbruch.
In den USA und Japan, aber selbst in China, orientiert sich die Politik an diesem „Sparparadox“, nicht aber in der EU. Hier hat sich die Vorstellung seit 20 Jahren verfestigt, dass es der Staat allein in der Hand hat, seinen Budgetsaldo zu bestimmen (daher die Maastricht-Kriterien). Die Interaktion aller Sektoren einer Wirtschaft wird vernachlässigt, also der systemische Kontext der Budgetdynamik („Maastricht error“). Folge: Die Konjunkturpakete sind in der EU (viel) kleiner als in den USA, Japan oder China.

Diese Analyse sollte man mitdenken, wenn man die Budgetrede des Finanzministers zu den Budgetvoranschlägen für die Jahre 2009 und 2010 liest, die er gestern im Nationalrat vorgetragen hat. Die in Zahlen gegossene Regierungspolitik muss sich an den starren europäischen Regeln orientieren. Alle Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Krise gesetzt werden, unterliegen letztendlich den Maastricht-Kriterien – ein kurzfristiges Außer-Kraft-Setzen kann darüber nicht hinwegtäuschen (der Budgetvoranschlag für 2009 sieht ein Defizit von 3,2% vor, jener für 2010 eines von 4,1%). Diese Vorgabe, und darin liegt das Problem, gilt der heimischen Politik als quasi naturhafte, was sich in der Rede von Pröll vor allem in den Seitenhieben auf die USA (Defizit bis zu 13% des BIP) und in den grundsätzlichen Ausführungen zur Sparsamkeit offenbart.

In der Rede finden sich die üblichen ideologischen Verkürzungen („Von den vergangenen Jahren der Hochkonjunktur haben wir alle profitiert„), hohlen Phrasen („Allen Betroffenen sage ich hier und jetzt: Auf uns können Sie sich verlassen!„) und gesellschafts- und sozialpolitisch völlig hirnrissige Lobeshymnen: So nimmt Pröll den skandalösen Zustand, wonach im viert reichsten Land der Europäischen Union 2,7 Millionen Menschen über ein viel zu geringes Einkommen verfügen, um überhaupt noch Steuern zu zahlen, nicht zum Anlass, um endlich für eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen zu sorgen, sondern, ganz im Gegenteil, als Beleg dafür, wie supertoll das Land dastehe:

Nicht zuletzt durch die Steuerreform 2009 zahlen 2,7 Millionen Menschen in Österreich seit diesem Jahr überhaupt keine Steuern mehr! Auf jeden Steuerzahler kommt damit einer, der keine Steuern zahlt. Da brauchen wir uns nicht selbst schlecht zu reden.“

Eine detaillierte inhaltliche Bewertung der Rede erübrigt sich aber ohnehin, weil die Budgetvoranschläge für die Jahre 2009 und 2010 in wenigen Monaten schon Makulatur sein dürften. So geht aus dem ebenfalls gestern vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Global Financial Stability Report hervor, dass die weltweiten Verluste in Folge der Finanzkrise über 4 Billionen Dollar (rund 3 Billionen Euro) betragen werden (die Schätzung basiert auf Zahlen, die bis Ende Februar 2009 verfügbar waren). Vor einem halben Jahr ging der IWF noch von Verlusten in der Größenordnung von 2 Billionen Dollar aus.

In dem Bericht wird klarerweise auch das Engagement Österreichischer Banken in Ost- und Zentraleuropa (CESE) angesprochen, das im Vergleich zu anderen europäischen Staaten unvergleichlich höher ist – gemessen am jeweiligen BNP („Austria has the largest exposure to CESE. The claims of its banks amount to over 70 percent of its GDP and 26 percent of its banking system assets.“)

Als der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in einem Vortrag aus diesen Fakten eine – im Vergleich zu allen anderen europäischen Staaten – unvergleichlich höhere Gefährdung für das österreichische Bankensystem und für die Handlungspielräume der Politik abgeleitet hat, versuchten die heimischen Regierungsspitzen Krugmann als Spinner hinzustellen (vgl. dazu den Bericht in der Financial Times Deutschland und Krugmans Blogeintrag in der New York Times).

Nun wissen wir, dass die G-20 eine Reihe von Maßnahmen beschlossen haben, um auf die Weltwirtschaftskrise zu reagieren, die auch im IGF Report positiv bewertet werden. Zugleich werden aber die Prognosen, beinahe täglich, nach unten revidiert, und diese Krise könnte – gemessen am weltweiten Einbruch der Industrieproduktion, des Welthandels und des Finanzsystems – noch dramatischer Auswirkungen haben als die Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren, wie sich aus einer vor kurzem publizierten Kurzstudie zweier amerikanischer Wirtschaftshistoriker folgern lässt. Den einzigen Unterschied zur Great Depression bringt Krugman treffend auf den Punkt:

It’s only to the extent that we understand these things a bit better than our grandfathers — and that we act on that knowledge — that we have any real reason to think this time will be better.“

Fazit: Man muss ja nicht alle Prognosen glauben, und viele Fachleute haben sich in den letzten Monaten ordentlich blamiert; aber der Trend geht eindeutig abwärts. Die Budgetvoranschläge werden schon bald adaptiert werden müssen.

Galeano und die toten Juden

Eduardo Galeano ist ein angesehener Mann. Der Journalist und Schriftsteller, mit uruguayanischem Pass, wurde zur Ikone der Linken, nachdem im Jahre 1971 sein anti-kolonialistisches Werk, Die offenen Adern Lateinamerikas, veröffentlicht worden war.

Eduardo Galeano ist ein kämpferischer Mann. Von der Militärjunta ins spanische Exil getrieben, hat der mittlerweile wieder in Uruquay lebende Autor immer wieder Bücher publiziert und seine Artikel und Kommentare werden von linken US-amerikanischen und britischen Publikationen, wie The Progressive, The Nation oder New Internationalist, aber auch etwa von der deutschen TAZ, gerne gedruckt.

Über einen TAZ-Blog ist sein jüngster Text, der auf einer uruquayanischen Website veröffentlich wurde, zugänglich (hier die deutsche Übersetzung), ein Kommentar, der sich mit dem Krieg Israels gegen die Hamas beschäftigt, und den Galeano, wie er am Ende anmerkt, seinen „jüdischen Freunden, die von durch Israel beratenen lateinamerikanischen Diktaturen ermordet wurden„, widmet.

Dieser Kommentar, der auf dem TAZ-Blog unkommentiert blieb, ist ein perfides anti-israelisches Pamphlet (Galeano bezeichnet das Vorgehen der israelischen Armee gegen die Hamas als „Ausrottungskrieg„, als „Operation ethnischer Säuberung„), in dem Israel und die USA („Obermacher-Weltmacht„) für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht und, der abstrusen Argumentation folgerichtig, die Palästinenser zu Widerstandskämpfer und Opfer des „israelischen Staatsterrorismus“ stilisiert werden.

Über jemanden, der den islamistischen Selbstmord- und Raketenterror als Manifestation der „Verzweiflung“ bezeichnet und damit legitimiert, der überall die „Manipulationsmassenmedien“ am Werk sieht und der überdies noch die Schamlosigkeit besitzt, dieses Machwerk toten Juden zu widmen, bräuchte man keine Worte mehr verlieren. Wer so argumentiert, nimmt sich selbst aus einer ernsthaften politischen Debatte.

Doch Galeano ist kein namenloser Spinner, sondern ein linker Strahlemann, und, ich fürchte, seine Positionen werden von vielen globalisierungskritischen Linken und Friedensbewegten (hier ein Beispiel) geteilt – wenn nicht gar von einer Mehrheit. Deshalb muss man sich mit den Galeanos dieser Welt und mit ihren grauenhaften Ansichten auseinandersetzen. Ihr dualistisches Weltbild kennt nur abgrundtief böse Täter und absolut unschuldige Opfer, in deren Namen sie ihre Glaubenssätze selbstgerecht absondern. Um diesem Blendwerk, das sie über alle Konflikte und Auseinandersetzungen stülpen, zu entsprechen, müssen die Verbrechen und Unmenschlichkeiten, die von den Unterdrückten dieser Erde begangen werden, ebenso geleugnet werden wie alle fortschrittlichen Forderungen und Handlungen der Unterdrücker.

Im Grunde sind die Galeanos dieser Welt Gläubige, säkularisierte zwar, aber ihren frommen Brüdern und Schwestern wesensgleich, anerkennt doch beider Denken nur eine einzige Wahrheit, die absolute nämlich.

Todesstrafe in den USA

thumb-todesstrafe_011

Wenn ein schreckliches Verbrechen begangen wurde, wollten wir, dass die Polizei den Kerl erwischt, ihn einsperrt, und – wen das Verbrechen schwer war – auf den elektrischen Stuhl schickt. Das hielten wir für besser. Dann waren wir zufrieden.„(George Ryan, Gouverneur des Bundesstaates Illinois von 1999 bis 2003)

Mit diesen Worten beschreibt der Republikaner George Ryan die Denkungsart der Mehrheit der Leute aus seinem Heimatort Kankakee, rund 80 km südwestlich von Chicago gelegen, eine Denkungsart, die auch die seine war, beinahe ein Leben lang. Doch kurz vor Ablauf seiner Amtszeit muss er darüber entscheiden, ob die Todesurteile gegen 171 Häftlinge, die in den Todeszellen der Gefängnisse von Illinois seit vielen Jahren auf ihre Hinrichtung warten, aufgehoben und in „lebenslänglich“ umgewandelt werden sollen.

Der jahrzehntelange Befürworter der Todesstrafe wird zum entschiedenen Gegner des staatlich sanktionierten Mordes. Die Nachforschungen junger Journalismusstudenten, die einzelne Fälle untersucht haben, konnten ihn davon überzeugen, dass viele Todesurteile auf Grund von Folter, Beweisfälschung und Ergebnisdruck der Ermittlungsbehörden zustande gekommen waren.

Der Dokumentarfilm „Deadline“ von Kathy Chevigny und Kirsten Johnson, im Jahre 2004 beim Sundance Film Festival für den Grossen Preis nominiert, nimmt diesen Fall zum Anlass, um das US-amerikanische Justizsystem (siehe auch hier) radikal in Frage zu stellen. Die zentrale Message des Filmes manifestiert sich im folgenden Statement des Juristen und Gründers der „Equal Justice Initiative of Alabama„, Bryan Stevenson:

Den Anstand einer Gesellschaft bewertet man nicht anhand der Art wie sie ihre Reichen behandelt oder ihre allseits Beliebten. Man bekommt keine Punkte, wenn man diese Menschen fair oder verantwortungsvoll behandelt. Man bewertet auch nicht die Verbindlichkeit des Gesetzes anhand seiner Anwendung gegenüber jenen, die man sowieso immer unterstützt. Man bewertet nicht die Integrität einer Gesellschaft anhand der Art wie sie mit ihren Mächtigen umgeht. Die Integrität einer Gesellschaft, ihren Anstand und wie sie zum Gesetz steht, bewertet man anhand der Art wie sie die Leute behandelt, die sie hasst.

Seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahre 1976 sind bisher 1136 Menschen hingerichtet worden (allein in Texas 423 und in Virginia 103), und über 3300 Menschen warten in den so genannten Todeszellen auf ihre Hinrichtung oder Begnadigung.

Die Doku ist hier auf ARTE+7 noch einige Tage zu sehen, und wird überdies am 18. Jänner um 01.50 auf ARTE nochmals ausgestrahlt.

Und hier noch ein Videovortrag von Stevenson zur Rassen- und Klassenjustiz in den USA.

Chancengleichheit im Netz

Wie groß der Politikwandel in den USA durch die Wahl Barack Obamas werden wird, lässt sich auch anhand der Pläne Obamas zur Technologiepolitik ablesen). Während die Bush-Administration ihre Politik im Bereich der digitalen Ökonomie und Infrastruktur ausschließlich in enger Abstimmung mit den großen Medien- und Telekomunternehmen definiert und sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene dementsprechend gehandelt hat, hegen die Vorstellungen und Pläne der künftigen US-Administration berechtigte Hoffnung, dass es nunmehr nicht ausschließlich nach deren Interessen gehen könnte. So wird die Strategie der Telekom- und Kabelnetzbetreiber, ein Zwei- oder Mehrklassen Internet einzuführen, explizit abgelehnt. Während die Bush-Administration die Pläne der Telekom- und Kabelnetzbetreiber, Websites und Internetdienste großer Unternehmen rascher zum Endkunden zu transportieren („Next Generation Networks„), wohlwollend aufnahm, proklamiert Obama und Biden in diesem Papier als oberste Priorität die „Bewahrung der Offenheit des Internets„.

Protect the Openness of the Internet: A key reason the Internet has been such a success is because it is the most open network in history. It needs to stay that way. Barack Obama strongly supports the principle of network neutrality to preserve the benefits of open competition on the Internet.

Diese Absage an das Mehrgeschwindigkeitsnetz ist ein klares Signal im Interesse der Informations- und Meinungsfreiheit aller. So hat ein kleiner Blog, wie der meinige, zumindest im Hinblick auf die Transportgeschwindigkeit die gleiche Chance wie das Webportal eines großen Medienkonzerns!