9/11 Paranoia im ORF

6536155Rund um den 11. September tauchen die Bilder vom Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahre 2001 wieder auf den Bildschirmen der TV-Anstalten auf. Auf YouTube und auf Millionen von Websites (die Google-Suche unter dem Stichwort „9/11“ ergibt zurzeit über 90 Millionen Treffer) sind sie ständig präsent. Abgesehen davon hat sie ohnehin jeder von uns auf seiner Festplatte abgespeichert.

Seit dem Tag des Anschlags grassieren wilde Spekulationen über Hergang und Hintergründe der Massenmorde. Im Wesentlichen stehen sich zwei Erklärungsmuster gegenüber: Auf der einen Seite die Version der Bush-Administration, die im islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida des Osama bin Laden die Alleinverantwortlichen für die Anschläge sieht. Diese Version wurde auch im offiziellen Bericht aus dem Jahre 2004 bestätigt. Und auf der anderen eine Fülle von Theorien, die diese Täterschaft anzweifeln und stattdessen eine Konspiration diverser anderer Akteure (z.B. CIA, Mossad, Bush-Cheney usw.) behaupten. (vgl. dazu hier, hier und hier).

Im Grunde sind alle Belege, die von den Verschwörungstheoretikern ins Treffen geführt werden, um die offizielle Version in Zweifel zu ziehen, seit vielen Jahren entkräftet. Was von den Szenarien der Obskuranten aller Fraktionen zu halten ist, hat der linke Publizist Alexander Cockburn bereits in einem Essay, der im Jahre 2006 in der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplomatique erschienen ist, wie ich meine, sehr treffend auf den Punkt gebracht:

Ein Hauptkennzeichen der Verschwörungsfans ist ihr inbrünstiger und geradezu grotesker Glaube an die amerikanische Effizienz. Viele von ihnen gehen von der rassistischen Prämisse aus, dass zu einer solchen Tat „Araber in Höhlen“ ohnehin nicht fähig seien. Sie glauben auch, dass militärische Systeme genau so funktionieren, wie es die Pressefritzen des Pentagon und die Verkaufsmanager der Luftfahrtindustrie dem Publikum weismachen wollen. (…) Diese Leute haben offenbar keine Militärgeschichte studiert. Sonst wüssten sie, dass minutiös geplante Operationen – erst recht standardisierte Reaktionen auf einen Notfall – mit schöner Regelmäßigkeit in die Hose gehen, und zwar aufgrund von Dummheit, Feigheit, Bestechlichkeit oder auch nur als Folge eines Wetterwechsels.

Bekanntlich haben sich Spinner noch nie von Tatsachen überzeugen lassen, und dank Internet haben sie auch ein grenzenloses Spielfeld, um ihrer Paranoia erst so richtig freien Lauf zu lassen. Ist weiterhin auch kein Problem.

Dass aber auch Medien, die ernst genommen werden wollen, den Paranoikern einen Sendeplatz einräumen, bewies am Sonntag der ORF, indem er in der Reihe Menschen und Mächte den Dokumentarfilm „Zero: An Investigation Into 9/11“ (Deutscher Titel: „9/11 – Was steckt wirklich dahinter?„) ausgestrahlt hat. In diesem Film kommen neben Augenzeugen, Feuerwehrleuten und Verschwörungstheoretikern wie David Ray Griffin, den Cockburn als „Hohepriester der 9/11-Gemeinde“ bezeichnet, auch bekannte Linke zu Wort, wie der italienische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Dario Fo und der amerikanische Literat Gore Vidal oder der ehemals der politischen Linken zugehörige Journalist und Publizist Jürgen Elsässer, der nunmehr mit der von ihm gegründeten „Volksinitiative“ gegen das „Finanzkapital“ und deren „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ sowie gegen den EU-Vertrag von Lissabon wettert.

Entgegen der reißerischen ORF-Ankündigung, wonach die „penibel recherchierte Doku … zu verblüffenden neuen Thesen und Erkenntnissen (komme), die die damaligen Ereignisse plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen„, werden die seit Jahren bekannten Fragen aufgeworfen, Fragen, die sich auch auf der Website des 9-11 Truth Movements unter „Top 40 reasons“ finden. Diese Wahrheitsbewegung versammelt Obskuranten aller politischen Fraktionen und Länder, die sich trotz sonstiger Differenzen in einem einig sind: Im Zweifel an der offiziellen Version der Anschläge vom 9. September 2001 und in der Ansicht, dass die US-Regierung unter Georg W. Bush die Anschläge selbst inszeniert oder bewusst zugelassen habe.

Initiiert und produziert wurde der Film vom ehemaligen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Giulietto Chiesa, früher Funktionär der KPI und Journalist, der auch im 9/11 Truth Movement tätig ist. Als Chiesa den Film am 26. Februar 2008 im Europaparlament in Brüssel vorführen ließ, kamen seiner Einladung, die an alle 785 Abgeordneten des Europaparlaments und an rund 1000 Journalisten erging, lediglich sechs Abgeordnete und zwei Journalisten nach. Gegen Paranoiker lässt sich nicht argumentieren, weil sie in allem Belege finden werden, um ihre Thesen zu untermauern. So auch in diesem Fall: Chiesa behauptete allen Ernstes, dass die Amerikaner sowohl der gesamten internationalen Presse als auch 99% aller Abgeordneten schlicht und einfach verboten hätten, den Film zu sehen. (vgl. hier).

Der ORF ist bislang die einzige deutschsprachige TV-Anstalt, die diesen 100 Minuten Film gezeigt hat, was Elsässer mit „Bravo Össis“ kommentierte.

Zero Mostel

zero_mostelFrühling für Hitler beim Kino am Dach der Hauptbibliothek. Diesen Streifen von Mel Brooks wollte ich sehen, seitdem mir C. so vorgeschwärmt hatte, dass ich mich vor Lachen kaum mehr halten konnte.
Um 20 Uhr begann es leicht zu regnen, sodass ich mich entschloss, mit dem Auto zur Bibliothek am Gürtel zu fahren. Kaum war ich am Urban-Loritz-Platz angekommen, hat sich wieder einmal eines dieser Shit-Gewitter entladen, von denen die Stadt im heurigen Sommer schon mehrfach geprügelt wurde. Als der Weltuntergang endlich vorbei war, kurvte ich durch die Seenlandschaft nach Hause. Ich beschloss, mir den Film aus dem Netz zu besorgen.

Nachdem ich dieses Meisterwerk in der Originalfassung endlich gesehen habe, kann ich nur allen, die The Producers, so der Originaltitel, mit Zero Mostel und Gene Wilder, noch nicht kennen, dringend empfehlen: Besorgt euch den Film, ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen.

Ohne die großartigen darstellerischen Leistungen der anderen Mitwirkenden (Gene Wilder erhielt 1968 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller) schmälern zu wollen: Dieser Streifen wird neben seinem köstlichen Plot (Mel Brooks erhielt 1968 den Oscar für das Beste Originaldrehbuch) vor allem von Zero Mostel getragen. Mostel wurde für seine grenzgeniale Darstellung des Broadway-Produzenten Max Bialystock im Jahre 1969 mit einer Golden Globe Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Komödie/Musical) bedacht.

Zero Mostel kannte ich aus zwei Filmen, die sich beide mit der McCarthy-Ära der 1950-er Jahre beschäftigen und, wie ich jetzt feststellte, auch im selben Jahr, nämlich 1976, produziert wurden. In Martin Ritts Spielfilm The Front (Der Strohmann) spielt Woody Allen einen Drehbuchautor, der Autoren, die auf der Schwarzen Liste des House Commitee on Unamerican Activities“ (HUAC) gelandet sind, seinen Namen leiht, damit sie das gegen sie verhängte Berufsverbot umgehen können. Zero Mostel gibt darin einen Komiker, der die gegen ihn gerichtete Hetze nicht mehr erträgt und Selbstmord begeht. Viele der Miwirkenden des Films, insbesondere Martin Ritt, Drehbuchautor Walter Bernstein und Zero Mostel, waren selbst Opfer der antikommunistischen Hetze geworden. Mostel wurde 1955 vor den Ausschuss zitiert, wo er sich auf den fünften Verfassungszusatz (Aussageverweigerungsrecht) berufen hat. Dadurch kam er automatisch auf die Schwarze Liste, wodurch er wiederum jahrelang keine Chance auf einen Job im Filmbusiness hatte.

Das Vorgehen McCarthys gegen Hollywood thematisiert der andere Film, in dem Mostel auftaucht: Hollywood on Trial, ein Dokumentarfilm von David Helpern, zeigt Ausschnitte aus den Verhören von Bertolt Brecht, Dalton Trumbo oder dem McCarthy-Freund Walt Disney sowie Interviews, die der Regisseur unter anderen mit Otto Preminger und eben auch Zero Mostel geführt hat.

Zero Mostel stand neben vielen anderen Film- und Fernsehschaffenden auf der Schwarzen Liste, die bis in die 1960-er Jahre nachwirkte. Wohl auch bis ins Jahr 1968; wie sonst soll ich mir erklären, dass Mostel von der Oscar-Jury des Jahres 1968 nicht für einen Oscar in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller nominiert worden war?

Kriegsbilder

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© Broomberg/Chanarin

Als die beiden Kriegsfotografen dem Redakteur der Zeitung, in dessen Auftrag sie in das irakische Kriegsgebiet gefahren waren, das mitgebrachte Bildmaterial vorlegten, war dieser über das, was er da zu sehen bekam, nicht erfreut. Keine Kampfszenen, keine Explosionen, keine Toten. Sondern abfotografierte Wandzeichnungen, die von kurdischen Gefangenen stammten, die im Hauptquartier von Saddam Husseins Bath-Partei gefoltert und gemordet wurden.

Die beiden Kriegsfotografen Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigen ganz andere Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Im Jahre 2008 waren sie als „embeddeds“ mit britischen Truppen in Afghanistan unterwegs. In einem kurzen Bericht, den ich in der 3sat-Kulturzeit gesehen habe, erzählen sie davon, wie sie diese Strategie der Vereinnahmung der Journalisten, die mittlerweile von allen Kriegsparteien forciert wird, unterlaufen. So haben sie in Afghanistan jeden Tag ein Stück Fotopapier 20 Sekunden lang der Sonne ausgesetzt. Nur die Titel der so entstandenen Bilder verweisen auf Kriegsereignisse („The day nobody died„).

Auf ihrer Website finden sich weitere Beispiele für diese Haltung.

Iran

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© Cartoon-Caricature-Contors, Pfaffenhofen

Gestern hat Euro-News den faschistischen iranischen Mullahstaat in zweieinhalb Minuten erklärt. Dafür waren keine Live-Berichte von Journalisten notwendig, die in Teheran in abgeriegelten Hotels abhängen, um zu berichten, dass sie eh nichts zu berichten haben. Keine Nahost– und sonstigen Islamexperten, die davon quatschen, dass es für „Obama“ und „Israel“ ohnehin besser sei, wenn der völlig Durchgeknallte weiterhin im Amt bleibe (hier mehr dazu). Kurz: Kein Schwachsinn, sondern Facts and Figures über das „politische Perpetuum Mobile“ des Mullahregimes.
Hier das Kurzvideo (startet von alleine, kurz nach dem Werbespot).

Und hier geht’s zur Website von Stop the Bomb.

EU-Wahl

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Am nächsten Sonntag finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt – und heute im ORF die erste und einzige Diskussionsrunde der Spitzenkandidaten. Ist vielleicht auch besser so, möchte man beinahe anmerken, angesichts der „Themen“ der vergangenen Tage und Wochen.

Nicht erst seit diesem Wahlkampf präsentieren uns die meisten Parteien und die Billigmedien Europa als feindliches Territorium, von dem gefährliche Bedrohungen (z.B. organisierte Kriminalität, Neoliberalismus, Ausländer usw.) ausgehen, vor dem Volk und Heimat geschützt werden müssten. Politiker der beiden Regierungsparteien sprechen in der Regel ja nur „gegen die Europäische Union“ oder „von einer anderen Europäischen Union„. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, sie möchten uns glauben machen, das Land befände sich noch in der Sondierungsphase, so als ob die Entscheidung, Beitritt oder Nicht-Beitritt, noch zur Debatte stünde.

Einzig die Rechten, die mit Kalkül die „Los-von-Brüssel„-Keule schwingen, und die Grünen verweigern sich dieser Chuzpe. Während Letztere allerdings den einzigen EU-Parlamentarier in ihren Reihen, der sich in ganz Europa einen Namen gemacht hatte, in die Politpension geschickt und damit alles andere denn eine Wahlempfehlung für sich abgegeben haben, steuern die Rechten, eine hemmungslose Hetzkampagne fahrend, einem Wahlerfolg entgegen.

Warum das so sein wird, hat – neben der skizzierten EU-Haltung der Regierungsparteien – auch mit der An Schritt vire, zwa Schritt zruck-Politik der SPÖ zu tun: Wenn der Bundeskanzler den rechten Hetzern ein SHUT UP! entgegen knallt, ist das einmal uneingeschränkt zu begrüßen; wenn er dann aber im Sauseschritt ins Burgenland eilt, um sich für die Verlängerung des Assistenzeinsatzes des Bundesheeres auszusprechen, befördert er erst recht wieder das „(Verun-)Sicherheitsgeschäft“ der Rechten.

Der Blick voraus in die Vergangenheit

kluge_portraitIm Jahre 1927 hat der sowjetische Filmemacher Sergei Eisenstein rund 60.000 Meter Film für seine Version der Oktoberrevolution abgedreht. Mit allen Freiheiten ausgestattet, das Politbüro hinter sich, Geld spielt keine Rolle – in Moskau wird das elektrische Licht ausgeschaltet, falls der Meister das für notwendig hält -, kurz: er kann agieren wie Cecil B. deMille in Hollywood. Und dann kommt der Befehl, binnen weniger Tage den Film Oktober auf eine Länge von 100 Minuten (2000 Filmmeter) zu schneiden.
Eisenstein ist Perfektionist. Er beherrscht mehrere Sprachen und verfasst seine Texte (= einzelne Sätze) bewusst mehrsprachig, immer auf der Suche nach größmöglicher Präzision der Begriffe. Er arbeitet Tag und Nacht, nimmt Aufputschmittel, er arbeitet bis die körperlichen Mühen ihm die Sehkraft rauben. Eisenstein wird für einige Wochen blind sein.

Diese Geschichte erzählt die russische Filmhistorikerin Oksana Bulgakowa, die sich der Aufarbeitung von Leben und Werk des großen sowjetischen Filmemachers verschrieben hat, gleich zu Beginn von Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital, einem fast zehnstündigen Filmprojekt, in dem Alexander Kluge eine andere Idee Eisensteins aufgegriffen hat, eine unverwirklicht gebliebene, nämlich einen Film über Das Kapital von Karl Marx herzustellen.

»Marx ist Material für die Schulpause, nicht für die Schulstunde.« (Alexander Kluge)

Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital ist eine Montage aus Dialogen und Interviews, Filmsequenzen, Bildern, Texten und Musik, von der gestern spätnachts auf SWR eine etwa 90-minütige Kompilation ausgestrahlt wurde.

»Marx ist 1818 geboren (…) in einer Zeit, in der es Sklaverei und Kinderarbeit gab. Dies alles wird beseitigt, der Achtstundentag erobert. 1942 ist Marx 124 Jahre alt: Da haben wir Auschwitz. Wenn ich nun wählen sollte zwischen Kinderarbeit, Sklaverei und Auschwitz, würde ich nicht den Fortschritt wählen. Es gibt auch einen Fortschritt des Bösen. Es geht nicht von selbst zur Aufklärung hin.« (Kluge in einem FAZ-Interview)

Wer zum ersten Mal einen fürs Fernsehen produzierten Beitrag von Alexander Kluge sieht, wird zunächst an eine Bildstörung denken, vor allem auch deshalb, weil diese Irritationen eben nicht auf ARTE, sondern im deutschen kommerziellen Fernsehen stattfinden. Sendungen wie 10 vor 11, Primetime Spätausgabe oder News & Stories, sind erratische Blöcke im Fernseheinheitsbrei.

Kluge beherrscht als Geschäftsführer der DCTP mittlerweile jene Sendeflächen im Privatfernsehen (RTL, SAT 1 und Vox), die laut Deutschem Rundfunkstaatsvertrag für »unabhängige Dritte« freizuhalten sind, ein Zugeständnis, dass die SPD der Kohl-CDU bei der Einführung des kommerziellen Fernsehens im Jahre 1984 abgetrotzt hat. Diese Sendeflächen werden alle fünf Jahre neu ausgeschrieben und sind äußerst begehrt. Kluge hat es über die Jahre bestens verstanden, die meisten Konkurrenten (Spiegel, Süddeutsche, Stern, Neue Züricher Zeitung, BBC Worldwide) ins DCTP-Boot zu holen, und als de facto Monopolist konnte er in dieser Nische ein mittlerweile höchst profitables Geschäftsmodell aufbauen. Mittlerweile gibt es DCTP-TV und dessen Programme auch im W»Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.«  (Marx in der Einleitung von Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: Karl Marx / Friedrich Engels: Werke Band I. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1976, S.378 (MEW-Online)

Einer der Partner, mit dem Kluge über viele Jahre hinweg immer wieder seine für ihn typischen Dialoge, die alles andere als ein Frage-Antwort-Spiel sind, geführt hat, war Heiner Müller. Die Kluge-Müller-Fernsehgespräche, die einen ungemein anregenden Einblick in die Arbeits- und Denkweisen beider Figuren geben, sind im Internet frei zugänglich (Videos, Transkriptionen und Zusatzinfos).

Books & Google

buchspeicherGoogle hat vor einigen Jahren mit der vollständigen Digitalisierung von Büchern begonnen (Google-Buchsuche). Gegenwärtig sind rund sieben Millionen Bücher digitalisiert. Alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Bücher (rund eine Million) sind frei zugänglich und können auch heruntergeladen werden. Die Bücher stammen aus dem Bestand großer Bibliotheken (vgl. hier).

Gegen die Digitalisierung von Büchern durch Google haben im Jahre 2005 US-amerikanische Autoren und Verleger eine Sammelklage eingereicht, weil sie das Vorgehen des Suchmaschinenbetreibers als permanente Urheberrechtsverletzungen betrachten. Am 28. Oktober 2008 haben sich die Klageeinbringer (Association of American Publishers, American Authors Guild) mit Google auf einen Vergleich geeinigt, der aber noch gerichtlich genehmigt werden muss. Demnach verpflichtet sich Google zur Zahlung von 125 Millionen Dollar. Mit dieser Summe sollen insbesondere die Ansprüche von Autoren und Verlagen nach dem US-amerikanischen Copyright abgegolten werden. Zugleich soll Google die Möglichkeit eingeräumt werden, in der Folge urheberrechtlich geschützte, im Handel erhältliche, aber auch nicht mehr erhältliche (= vergriffene) Bücher in einer Vorschau (kurzer Ausschnitt) unentgeltlich zugänglich zu machen und gegen Bezahlung im Volltext online lesbar zu machen.

Wohlgemerkt: Diese Vereinbarung gilt nur für die USA. Für außerhalb der USA bleibt alles wie bisher, das heißt, alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Werke, die von Google digitalisiert wurden und werden, sind frei zugänglich und können heruntergeladen werden.

In der Online-Ausgabe der jüngsten Nummer von Le Monde Diplomatique findet sich ein interessanter Text von Robert Darton, dem Leiter der Universitätsbibliothek der Harvard University, zu möglichen Auswirkungen dieser Vereinbarung, insbesondere auf den Bibliothekssektor. Die Vereinbarung, sofern sie in etwa zwei Jahren rechtswirksam wird, lässt Google zum de facto Monopolisten von digitalen Büchern werden, und zwar weltweit.

Die Verfechter des freien Marktes werden einwenden, dass der Markt sich selbst reguliert. Wenn Google zu viel verlangt, werden die Kunden ihr Abonnement kündigen, und Google muss den Preis wieder senken. Doch bei den institutionellen Lizenzen besteht gar keine direkte Verbindung zwischen Angebot und Nachfrage. Die Studierenden, Mitglieder der Fakultäten und öffentlichen Bibliothekare bezahlen das Abonnement ja nicht aus eigener Tasche. Das Geld kommt aus dem Bibliotheksetat, und wenn der für die Fortsetzung des Abonnements nicht ausreicht, werden die Nutzer, die sich längst an die Google-Dienstleistung gewöhnt haben, Protest anmelden. Um das zu vermeiden, werden die Bibliotheken anderswo sparen und zum Beispiel wie seinerzeit wegen der Fachzeitschriften weniger Bücher anschaffen.

Fest steht, dass die Vereinbarung vom Herbst letzten Jahres die digitale Welt verändern wird, weil sie die Macht an eine einzige Firma abtritt. Mit Ausnahme von Wikipedia kontrolliert Google bereits heute einen Großteil der online abgefragten Informationen. Neben dem ursprünglichen „Big Google“ haben wir Google Earth, Google Maps, Google Images, Google Labs, Google Finance, Google Arts, Google Food, Google Sports, Google Health, Google Checkout, Google Alerts. Weitere Google-Unternehmen sind in der Mache. Google Book Search verspricht zur größten Bibliothek und zur größten Buchhandlung zu werden, die je existierten. Wer weiß, ob uns das dem Traum der Aufklärung näher bringen wird.

Hätten die öffentliche Hand und die Bibliotheken in den USA die Digitalisierung von vergriffenen Büchern selbst in Angriff genommen, dann wäre man in Zukunft nicht auf das Wohlwollen eines privaten Monopolisten angewiesen. Die Europäische Union hat jedenfalls – in Reaktion auf das Google-Projekt – mit dem Aufbau einer Europäischen Digitalen Bibliothek begonnen. Europeana, so der Name des Webportals, das bislang vier Millionen Objekte in digitaler Form (Bücher, Zeitungen, Bilder, Videos, Filme, Tonaufnahmen etc.) bereitstellt, soll bis 2010 zu rund zehn Millionen Objekte verlinken.

Man kann nur hoffen, dass die Startschwierigkeiten überwunden werden: Als Europeana im November 2008 offiziell ans Netz ging, fiel es gleich wieder aus. Mit bis zu 10 Millionen Klicks pro Stunde hatte man nicht gerechnet. Die Server waren zu schwach (vgl. Pressemeldung der Europäischen Kommission).

Churnalism

searchIn einem Blog-Eintrag berichtet Martin Blumenau über eine Diskussionsveranstaltung, an der auch der Guardian-Journalist Nick Davies teilgenommen hat. Für sein Buch „Flat Earth News“ hat Davies rund 2000 Berichte untersucht, die in englischen Qualitätszeitungen erschienen sind, also nicht in der Boulevardpresse, und dabei festgestellt, dass „über 60 Prozent der Texte ganz oder größtenteils aus Nachrichtenagenturen oder Werbeaussendungen übernommen worden waren – ohne dies aber zu kennzeichnen“, wie er in einem aufschlussreichen Zeit-Interview mit Joachim Riedl festhält.

Dazu eine kleine Geschichte:
Im Zuge einer kleinen Internetrecherche über das Informationsverhalten der „digital natives“ (Marc Prensky) bin ich kürzlich auf die Studie „Information Behaviour of the researchers of the future“ gestoßen, die vor rund einem Jahr erschienen ist. Das Centre for Information Behaviour and the Evaluation of Research (Ciber) am University College in London hat darin im Auftrag der British Library untersucht, wie Schüler mit digitalen Quellen umgehen und wie sie Informationen finden. Die Studienautoren haben zwar festgestellt, dass die sogenannte „Generation Google“ höchst oberflächlich im Netz recherchiere; zugleich halten sie aber auch fest, dass dieses rasche Querlesen von wenigen Suchergebnissen und die Ungeduld bei der Recherche keineswegs nur auf die Kids beschränkt sei, sondern sich bei allen Alters- und Berufsgruppen nachweisen lasse. Und: Die Informationskompetenz der „Generation Google“ sei genauso gut oder schlecht wie jene früheren Generationen!

Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass die beiden deutschsprachigen Online-Medien, die über diese Studie kurz berichtet haben, nämlich die Süddeutsche und Die Presse, ihre Infos einer Aussendung der Pressetext-Austria Nachrichtenagentur entnommen haben, in der irrtümlich die Sheffield University als Studienautor angegeben wird. Beide Qualitätszeitungen haben diesen Schwachsinn einfach übernommen – ohne auf die (Desinformations)quelle hinzuweisen.

Davies hat für diese Form des Journalismus den Begriff des „churnalism geprägt, was sich von „to churn out“ (= ausstoßen) ableitet.

TV Tatorte

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Als TV-Krimifan bin ich klarerweise ein Tatort-Junkie: Falls ich an einem Tatort-Sonntag nicht zu Hause sein sollte, wird der Videorecorder programmiert, und auch mit den alten Folgen, die in den „Dritten“ (SWR, NDR, WDR …) Programmen in schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden, wird so verfahren. Also im Durchschnitt komme ich auf zwei Tatort-Folgen pro Woche.

Der Tatort ist die mit Abstand am längsten laufende Fernsehserie im deutschsprachigen Raum – und nach wie vor auch die beliebteste: rund sieben Millionen sind bei der Erstausstrahlung dieser Qualitätsproduktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens dabei. Die erste Tatort-Folge wurde 1970 gesendet und am kommenden Sonntag wird die 722. Folge ausgestrahlt – wie immer um 20.15 Uhr im Ersten (ARD) und zeitgleich auf ORF 2. Alle wichtigen Infos zu den Tatort-Krimis gibt’s hier und hier.

Natürlich habe ich auch meine besonderen Lieblinge: Von den „alten“ Folgen sind das die Duisburger mit Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) und die Hamburger mit Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Breuer). Mit Letzteren wurde auch eine Tatort-Folge produziert, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Es war die Folge 414, wie ich der Website „Tatort Fans – die inoffiziellen Homepage“ entnommen habe (dort ist so ziemlich alles über alle Tatort-Folgen zu finden), in der ein „Häuslbauer“ (Ulrich Mühe) einem Immobilienbetrüger auf den Leim gegangen ist und samt Frau (Susanne Lothar) und Kindern am Traum vom eigenen Haus kaputt geht. Unvergessen dieser Hamburger Tatort, unvergessen wie der Ausnahmekönner Ulrich Mühe.

Von den jetzigen Ermittler-Teams stehe ich vor allem auf die Kieler Borowski (Axel Milberg) und Jung (Maren Eggert), die Ludwigshafener Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe), die Kölner Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) und die neuen Dresdner Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke!!!).

Nun ist das Besondere an den Tatorts nicht das Aufgreifen „gesellschaftlich relevanter Themen“ per se – relevante Themen greifen die Fernsehmacher mittlerweile alle auf, auch die Privaten in ihren Talkshows. Das Besondere an den Tatorts ist das WIE dieser Thematisierung, nämlich im besten Sinn aufklärerisch, offene Diskussion und Reflexion über gesellschaftliche Problemstellungen, verpackt in eine Kriminalgeschichte!

Ein gelungenes Beispiel dafür lieferte die Folge vom letzten Sonntag zu den Themen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Das Drehbuch stammte von Seyran Ate? und Thea Dorn (Hier ein Interview dazu mit den beiden Autorinnen). Der Film behandelt den Konflikt zwischen der westlich-urbanen und der muslimisch-traditionellen Welt, und zwar innerhalb einer deutschen Unternehmerfamilie mit türkisch-muslimischen Background, also innerhalb einer Familie, die es im „bürgerlichen“ Sinne geschafft hat und vermeintlich „integriert“ ist.

Die Tatort-Folge zeigte, wie man diese bisanten Themen, die zumeist nur mit rassistischen Konnotationen oder im Toleranz-Wischiwaschi diskutiert werden, ernsthaft erörtern kann: Emanzipatorisch und laizistisch!

Die Kopfnuss

the_statementGestern lief auf 3sat „The Statement – Am Ende einer Flucht“ von Norman Jewison aus dem Jahre 2003 mit Michael Caine in der Rolle eines französischen Nazi-Kollaborateurs und Kriegsverbrechers, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg dank der Unterstützung katholischer Ordensbrüder der Strafverfolgung entziehen konnte. Tilda Swinton, heurige Jury-Vorsitzende der Berlinale, spielt eine Richterin, die 50 Jahre danach der Flucht ein Ende bereitet.

Der Thriller ist nicht nur wegen der darstellerischen Brillanz seiner beiden Protagonisten höchst sehenswert, sondern vor allem auch deshalb, weil er sich mit dem Weiterleben von faschistischen und antisemitischen Strömungen im Nachkriegsfrankreich beschäftigt. Die französische Staatsdoktrin basierte auf dem Mythos der Résistance, die Nazi-Kollaboration und das Vichy-Regime wurden ausgeblendet. So wie hierzulande die politische Nachkriegselite die Moskauer-Erklärung zum Anlass nahm, um den Mythos vom ersten Opfer der Nazi-Aggression auszuhecken.

Dies erklärt wohl auch, weshalb in Frankreich faschistische Pfaffen wie Marcel Lefebvre und die von ihm gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. und säkuläre Ableger wie Le Pen ihr Unwesen treiben konnten.

Lefebvre und seine Anhänger kamen in Konflikt mit der Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Modernismus und Liberalismus sie nicht mittragen wollten. Vor allem waren es jene Zeilen der Erklärung „Nostra Aetate„, die Papst Paul VI im Jahre 1965 veröffentlichen ließ, die die Bruderschaft in Rage versetzten:

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Was hier schwulstig und geschraubt daher kommt, war eine Revolution innerhalb der römisch-katholischen Kirche: Die Absage an die Ideologie von der „unaufhebbaren Kollektivschuld der Juden“ an der Kreuzigung des Jesus von Nazaret, die Absage an den „Gottesmord„-Irrsinn, der den Antijudaismus und die Verfolgung der Juden durch die römisch-katholische Kirche nahezu zwei Jahrtausende hindurch legitimiert hatte.

Diese Aussage zum Verhältnis von Juden und Christen ging den Fanatikern um Lefebvre absolut gegen den Strich.

Wenn jetzt in den Medien ernsthaft erörtert wird, Josef Alois Ratzinger könnte von seinen Beratern falsch informiert oder gar bewusst getäuscht worden sein über die Ansichten der Priesterbruderschaft, dann kann man sich nur wundern. Ratzinger, der von 1981 bis 2005 Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“ war, somit Boss der obersten Kirchenbehörde, deren Aufgabe darin besteht, die Kirche vor abweichenden Glaubensvorstellungen zu schützen, zu unterstellen, er hätte nicht alles über die Lefebvre-Brüder gewusst, beleidigt lediglich die Intelligenz dieses Mannes, die von den gleichen Medien, die diesen Unsinn verzapfen, bei jeder Gelegenheit gerühmt wurde. Ratzinger wusste, was er tat.

Immerhin haben die Deutschen eine Kanzlerin, die dem Landsmann eine ordentliche Kopfnuss verpasst hat.