Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Philipp Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Bestseller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig reden) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms aktuelles Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch, in dem Blom über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über »Kriegszitterer« (»Bomb shells«) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc. gesprochen hat, die ich für besonders wichtig erachte, und die zugleich immer auch an Alexander Kluges historische Herangehensweisen erinnern:

Westfront: Die Hälfte aller im Ersten Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr Zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite
krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die »Kriegszitterer«. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von »Bomb Shell Disease« oder auch »Shell shock«, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi alsbald von diesen abgewendet, »weil sie ihm nicht Nazi genug waren!«, was vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte zeige, also Heideggers Tagebücher, die, wie von ihm selbst verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe unlängst erschienen sind. (Vertiefend dazu ein Podcast mit Lutz Hachmeister, Axel Honneth und Marion Heinz.)

Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war unter anderen auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter den Wochenlohn nach Erhalt versoffen, und dann ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert), beförderten dieses Prohibitionsgesetz, das von 1920 bis 1933 in Kraft war. Die Konsequenzen: Die illegalen Einfuhren aus Kanada haben sich vervierfacht, verbotene Läden entstanden, sogenannte »Speakeasys«, und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch diese Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäschereien und Restaurants, Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).

Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis (Leni Riefenstahl), um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Telegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Heute vor 40 Jahren

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Glücklicherweise hatte ich berufsbedingt das Vergnügen, das WM-Vorrundenspiel Frankreichs gegen die Schweiz in einem Café in Paris und jenes Deutschlands gegen die USA in einer Pizzeria in Berlin live mitzuerleben. Die französischen Fans im Café unweit des Place de la République waren vom glanzvollen Auftritt der Équipe Tricolore gegen die Nati zu Recht begeistert. Nach dem 5:2-Sieg dachte ich, Les Bleus werden die Deutschen – nach dem eher mauen Spiel gegen die USA – im Achtelfinale biegen, dann aber, im Viertelfinale an Kolumbien scheitern: James (Rodríguez), Juan Cuadrado und die anderen Kolumbianer waren einfach das attraktivste Team dieser WM in Brasilien …

Na ja, wie immer kommt es bekanntlich anders als man denkt (was nichts daran ändert, dass Kolumbien wunderbar war), und aus den beiden Semifinalpaarungen könnte sich ein Endspiel ergeben, das es schon einmal gab, nämlich bei der Weltmeisterschaft 1974, als in München die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegen die von Johan Cruyff angeführte Elftal antrat. Als fußballinfizierter Bub hatte ich einige Spiele im Fernsehen gesehen und war vom fantastischen Kombinationsspiel der Oranjes schwer begeistert. Leider mussten sich meine Lieblinge der von Franz Beckenbauer angeführten und im Nachhinein betrachtet gar nicht so üblen Truppe aus Westdeutschland (der Panzerfußball kam erst danach und ist erst seit der Heim-WM 2006 dank Klinsmann/Löw verpönt) geschlagen geben. Nur zur Erinnerung: Damals spielten noch zwei deutsche Mannschaften, die auch in der Vorrunde aufeinander trafen: BRD gegen DDR hieß das, und der Magdeburger Jürgen Sparwasser traf zum 1:0-Sieg gegen die West-Deutschen.

Aber zurück zum Finale, heute vor 40 Jahren. Es war ein heißer Sommersonntagnachmittag, dieser 7. Juli 1974, so gegen 15.30 Uhr, an dem ich zusammen mit meinem Vater zum Nachbarhaus ging, wo ein Ehepaar aus Wien (er war mir als »Herr Sektionschef«, sie als »Frau
Sektionschef« bekannt), seit einigen Jahren seine Urlaube verbrachte. Jahre später, er war längst verstorben, sie im Dauerdelirium (meine Mutter besuchte sie einmal in ihrer Wohnung in Wien-Ottakring), erfuhr ich, dass er Sektionschef im Unterrichtsministerium gewesen war.

Warum wir dort waren? Zum einen, weil meine Großmutter die Zimmer für die Urlauber immer »fertig« machte, und auch ab und an für die Beiden kochte, wodurch wir uns mit der Zeit eben kennen lernten, soll heißen: Es wurde bis spät in die Nacht gesoffen, die Lust auf und das Verlangen nach Wein teilten die Beiden mit meinem Vater. Aber abgesehen von dieser für mich damals unverständlichen Leidenschaft verfügten die Urlauber aus Wien über ein Wunderding, das sich meine Eltern erst ein paar Jahre später leisten konnten/wollten: Einen »Color-TV«, wie mein Vater den Farbfernseher nannte! Meiner Erinnerung nach war ich vor allem vom wirklich guten Empfang fasziniert, kein Geriesel, wie bei uns zuhause. Vater musste immer an der Stange der Hausantenne herumdrehen, während meine Mutter ihre Anweisungen (»no a bissl«, »net soo vül«, »zruck«, »so iss guat«) durchs offene Wohnzimmerfenster gab, weil nach einem Gewitter oder Sturm die Bilder verschwunden blieben und das pure Rauschen angesagt war.

Herr und Frau Sektionschef hatten vorgesorgt: Belegte Brote (Extrawurst und Gurkerln), Soletti und Schartner Bombe Orange für mich, belegte Brote (Extrawust und Gurkerln), Wein und Zigaretten für die Sektionschefs und für Vater, der auch einen Doppler mitgebracht hatte. Der Herr Sektionschef und Vater waren für die Deutschen, die Frau Sektionschef für die Holländer, um – wie ich bald feststellen konnte – die beiden Männer ein bisschen zu ärgern, und ich war glücklich und in totaler Vorfreude auf das Spiel, das ohnehin nur meine Holländer gewinnen konnten.

Beinahe unmittelbar nach Anpfiff fiel auch schon das erste Tor: Nach Foul an meinem Idol Johan Cruyff verwandelte Johan Neeskens den Strafstoß zur 1:0-Führung. Der Rest ist Fußballgeschichte: Warum auch immer, Deutschland wurde Weltmeister. Ich war sehr enttäuscht, mein Vater und der Herr Sektionschef in bester Laune und zunehmend
betrunken (sie hatten andauern mit »Auf Deutschland!« die Gläser erhoben und mich irrsinnig genervt), und die Frau Sektionschef, eine kleine, zarte Frau, war bereits zur Halbzeit sturzbesoffen. Kurz vor Ende der Partei ist sie in ihrem Fauteuil einfach weggenickt. Nach dem Spiel bin ich nach Hause gegangen, voller Hass auf die Deutschen – vielmehr auf meinen Vater, der sich über deren Sieg freute.

Jedenfalls war ich seither immer von den Holländern und ihrem Spiel begeistert. Schon vier Jahre später sollten die Oranjes ja bereits wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft stehen (Trainer: Ernst Happel), und nur von der – von mir damals noch mehr geliebten – Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, geschlagen werden. Ich sage nur: Mario Kempes, der Mann mit der für mich (damals) absolut coolsten Frisur, und trainiert von »El Flaco« (der Dürre), vom großen César Luis Menotti, der den Begriff vom »linken« und vom »rechten« Fußball geprägt hat. Damals spielten beiden Mannschaften einen »linken« Fußball, also einen offensiven, kreativen Fußball, für den das Spiel an sich im Mittelpunkt steht (das man trotzdem gewinnen will), im Unterschied zum »rechten« Fußball, dem es – wurscht wie – einzig um das Ziel (= Sieg) geht. (Vgl. dazu ein wunderbares Interview mit Menotti anlässlich Pep Guardiolas Einstieg als Trainer bei Bayern München).

Da die Elftal seit der WM in Südafrika im Jahr 2010 einen »rechten« Fußball spielt und seither Verrat an Johann Cruyff und allen anderen am kreativen Spiel Interessierten begeht, werde ich mich – falls es zu einer Wiederauflage des Finales aus 1974 kommen sollte – im Lager der Deutschland-Fans befinden!

Aber möglicherweise verliert Deutschland ja gegen Brasilien und die Albiceleste putzt die Oranjes weg …

Champion Jackie

Der aus Schottland stammende dreifache Formel-I-Weltmeister Jackie Stewart, der mit 15 von der Schule flog, dank Rennfahren zum Popstar und später von seiner Majestät zum SIR geadelt wurde, erzählte im Gartenbaukino davon, dass er eine 1:3 Chance hatte, seine Rennfahrerkarriere (1965 bis 1973) zu überleben; viele seiner Kollegen starben während eines Rennens oder bei Testfahrten, darunter auch einer seiner besten Freunde, Jochen Rindt.

In der Folge sollte Stewart der erste und wohl wichtigste Kritiker eines Systems werden, das sich keinen Furz um Sicherheitsfragen scherte. Viele seiner Anregungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Motor-Rennsport mit der Zeit wesentlich sicherer geworden ist.

Roman Polanski hat im Jahre 1971 rund um den Großen Preis von Monaco eine Hommage an den Freund unter dem Titel Weekend of a Champion gedreht (genauer: er hat den Film produziert und kommt darin auch vor; Regie führte Frank Simon).

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Jackie Stewart und Roman Polanski in Monte Carlo 1971

Der Streifen, der nie in den Kinos zu sehen war, erfuhr während der Festspiele in Cannes 1971 angeblich seine einzige Vorführung. 40 Jahre später hat Polanski gemeinsam mit Stewarts Sohn Mark, der als Filmproduzent tätig ist, das Filmmaterial bearbeitet und um eine nachträgliche Sequenz erweitert: die beiden Freunde, mittlerweile weit über 70 Jahre alt, sitzen in derselben Hotelsuite in Monte Carlo wie dereinst und quatschen über die vergangen Zeiten. Stewart erzählt dabei, dass er zeitlebens Legastheniker geblieben ist und damals kaum lesen und schreiben konnte, was weder seine Frau Hellen noch sonst wer gewusst habe.

Netter Film über einen ganz Großen!

Der letzte der Ungerechten

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Wiener Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit »einer der Höhepunkte der Viennale«, wie dessen Direktor Hans Hurch vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten »Judenältesten« des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende »Judenälteste« eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino erzählte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel
Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

»Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.«
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

Regierungsversagen

Regierungsspitzen

Fotocredit: APA/Herbert Pfarrhofer

Als Staatsbürger soll ich jetzt das tun, wofür die Parteien, die sich zu einer Regierungskoalition zusammengefunden haben, durch Wahl bemächtigt worden sind. Anstatt ihr Handlungsmandat auszuüben, also ein gemeinsames Konzept auszuarbeiten, dieses zu begründen und danach, falls es eine grundlegende Systemänderung mit sich brächte, in Form einer per Verfassung vorgegebenen Volksabstimmung dem Staatsvolk zur Entscheidung zu unterbreiten, legen mir diese Nichtstuer zwei Szenarien vor, die weder in gesellschaftspolitischer noch in ökonomischer Hinsicht auch nur annähernd nachvollziehbar dargestellt werden, noch dazu in Form einer Volksbefragung, die keineswegs bindend ist, deren Ergebnis sie aber – wie sie unisono erklären – für bindend erachten wollen, unabhängig davon, ob 5% oder 80% an dieser Befragung teilnehmen werden.

a) Sind Sie für die Einführung eines Berufsheeres und eines bezahlten freiwilligen Sozialjahres
oder
b) sind Sie für die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht und des Zivildienstes?

Jetzt lasse ich einmal Variante b außer Acht, und widme mich nur dem ersten Aspekt der Variante a: Für den EU-Mitgliedsstaat Österreich würde ein Berufsheer nur dann Sinn machen, wenn das Land ganz offiziell der Neutralität abschwört und offensiv den Beitritt zur NATO angeht, schließlich läuft eine gemeinsame EU-Sicherheitspolitik de facto nur über die NATO. Diese Position haben jahrzehntelang nur die FPÖ und – mit Abstichen – die ÖVP vertreten, während ebenso lange SPÖ und Grüne vehement PRO-Neutralität und Contra-NATO argumentiert haben. SPÖ und Grüne begründen ihren politischen Kopfstand hauptsächlich mit den geänderten Rahmenbedingungen, also damit, dass nahezu alle EU-Staaten auf ein Berufsheer umgestiegen sind bzw. einen Umstieg ernsthaft in Erwägung ziehen. Was beide Parteien aber verschweigen, ist die Tatsache, dass nahezu alle diese Staaten fest in den NATO-Strukturen verankert sind.

Sehen wir einmal davon ab, dass sich die Suche nach Freunden eines NATO-Beitritts innerhalb der SPÖ und vor allem innerhalb der Grünen schwieriger gestalten würde, als jene nach der Nadel im Heuhaufen, sondern fassen wir nur ins Auge, dass die österreichische Bundesverfassung sowohl vor einem Abgehen von der Neutralität als auch vor einem Beitritt zur NATO zwingend eine Volksabstimmung vorsieht, deren Ergebnis für die Bundesregierung verpflichtend wäre. Im Lichte dessen ist klar, warum die logische Konsequenz eines „Profiheeres“ nicht offen angesprochen werden kann: Das Scheitern bei der Volksbefragung wäre gleichsam von vornherein beschlossene Sache.

Ist die Volksbefragung an sich schon absurd, zur völligen Lachnummer könnte das Ganze dann werden, wenn eine Mehrheit der Hingeher für ein Berufsheer votiert, und die Bundesregierung – entsprechend der Aussage, jedes Votum akzeptieren zu wollen – die Umstellung angehen müsste. Was dann? Dann kommen zuerst einmal Neuwahlen. Und dann? Längerfristig, und wohl aus ökonomischen Gründen zwingend, wohl nur die NATO-Mitgliedschaft, der aber eine verpflichtende Volksabstimmung vorangehen müsste.

Die SPÖ wird dann aber wiederum für die allgemeine Wehrpflicht eintreten, hat doch dann die Kronen-Zeitung längst eine Kampagne laufen gegen NATO-Beitritt und für die Beibehaltung der Neutralität. Michael Häupl, ehemaliger Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien, mittlerweile das Gewissen der Partei, wird das Proponenten-Komitee anführen und Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos, der so wie vor seiner Zeit als Minister wieder die Wahlkämpfe für seine Partei ausrichten darf, stellt die Wahlwerbung unter das Motto „Die Wehrpflicht muss in Stein gemeißelt werden„.

P.S. Von den Proponenten der Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht, die zum „Einsatz für Österreich“ nationalistisch aufgeblasen wird, will ich erst gar nicht reden.

ES muss raus …

Immer wieder taucht ein Deutscher (oder Österreicher) auf, der glaubt, sagen zu müssen, „was gesagt werden muss„, um im selben Atemzug darüber Klage zu führen, nie sagen zu können, „was gesagt werden muss„. Kostümiert als Dichter, zeitgleich in mehreren internationalen Tageszeitungen, oder in Form von Erklärungen oder im Schutz der Anonymität als Poster, sagen sie, „was gesagt werden muss“ nicht über Pakistan, Saudi Arabien, Iran, Afghanistan, Somalia etc., nein: Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer über Israel, immer über den Staat der Juden, „in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist„. Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer „dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will„, und sie sagen das, „was gesagt werden muss„, weil „die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet durch das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird„.

Wenn sie dann das gesagt haben, von dem sie meinen, dass es „gesagt werden muss„, und die veröffentlichte Meinung nahezu geschlossen das, „was gesagt werden muss„, als das benennt, was es ist, nämlich: Bullshit, dann wollen sie darin eine Medienkampagne erkennen und fühlen sich in ihrer Meinungsäußerungsfreiheit bedroht!

Die Obsession, mit Israel sich befassen zu müssen, teilt der Literaturnobelpreisträger mit Antisemiten aller Lager. Aber seine in Verse gekleidete perfide Unterstellung, Israel wolle das iranische Volk mittels eines (atomaren) Erstschlags „auslöschen„, sollte – abgesehen von der obszönen Verdrehung von Ursache und Wirkung – wohl auch als Versuch gelesen werden, aus der eigenen Verstrickung in die Menschheitsverbrechen herauszukommen. Es lässt sich besser leben, wenn die Opfer der Nazis selbst zu Nazis gemacht werden.

Henryk M. Broder, der vor rund 15 Jahren in seinem Buch „Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“ den Antisemitismus vor allem innerhalb der Linken in all seinen Schattierungen offengelegt hat, beendete seine, unter der Überschrift „Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter“ in der Tageszeitung Die Welt veröffentlichte Entgegnung auf das Grass’sche „Was gesagt werden muss“ mit folgenden Zeilen:

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Wassily

Sofern das Wetter mitspielt, verbringe ich den Samstagvormittag oft am Naschmarkt-Flohmarkt, so auch den vergangenen, endlich wieder einmal super schönen Samstagvormittag. Ich hatte bereits einige Runden gedreht und verlor angesichts der bedrohlich vielen Besucher zunehmend die Lust am Stöbern, als ich beim Stand eines Antiquitätenhändlers, der sich am äußersten Rand des Flohmarkts befand, eine Version des B3-Stahlrohrstuhls erspähte. Dieser Stuhl wurde von Marcel Breuer um 1925/26 angeblich für die Wohnung des Malers Wassily Kandinsky entworfen. Die Massenproduktion betrieb zunächst Thonet, danach die Firma Knoll, und seit den 1950-er Jahren wird dieses Meisterwerk aus der Tischlerwerkstätte des Dessauer Bauhauses unter dem Namen „Wassily“ verkauft (neu ab 500 Euro aufwärts erhältlich).

So wie in Breuers Prototyp werden die Stahlrohrteile des „Wassily“ nicht verschweißt, sondern sichtbar miteinander verschraubt, und, soweit mir bekannt ist, sind die Arm-, Sitz- und Stützflächen der industriellen Produktion, auch hier dem Vorbild folgend, immer aus Rindsleder gefertigt worden.

Vor mir stand aber ein „Wassily„, der mit beigen Nylon-Schnüren bespannt war, die ich von den Sesseln kannte, die in den 1970-er Jahren zur Garten-Möblage gehörten und, wie ich jetzt recherchiert habe, auch unter der Bezeichnung „Spaghetti-Stühle“ bekannt sind. Ein Unikat, wie mir schien. Der Verkäufer nannte einen Preis, der mir durchaus angemessen vorkam, den ich aber bei Weitem nicht aufbringen konnte, und schob gleich hinzu: „So einen Sessel können’s beim Leiner nicht kaufen. Ich habe so einen Sessel überhaupt noch nie gesehen. Was weiß ich? Der Sessel kann gut und gerne auch drei oder vier tausend Euro wert sein!“

Mittlerweile war klar, dass es auch andere Interessenten gab: Ein junges Paar schwänzelte unter „Schau! Was für ein toller Sessel!“ um den Stuhl herum und eine ältere Dame begann gleich mit dem Probesitzen.

Was dann geschah, sollen am Besten Monty Python erklären:

Jetzt steht dieser Klassiker der Moderne (ein Modell des Stuhls befindet sich im Museum of Modern Art in New York) in meinem Wohnzimmer!

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Und auch die reaktionären Mitbewohner („Was soll das sein? Ein Sessel??„), die in ihrer Ignoranz den Super-Sonderspezial-Billigpreis, den mir der nette Verkäufer letztlich gewährt hat, nicht zu schätzen wissen („Was hast Du für dieses seltsame Ding da bezahlt?“ – „Bist Du irre?„), werden sich bestimmt auch wieder beruhigen …

Marie Jahoda

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Als ich abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals beeindruckt hatte. Auch jetzt, mehr als 15 Jahre danach, suchte ich mir einen Parkplatz, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Im Gespräch-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über ihre »privilegierte« Kindheit (privilegiert deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der Revolutionären Sozialisten hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit – nach Schließung einer Textilfabrik, die der größte Arbeitsgeber in der Region war – führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die »ermüdeten« Bewohner Marienthals (= Ortsteil von Gramatneusiedl in Niederösterreich, wo noch einige Gebäude der ehemaligen Arbeitersiedlung, die rund um die Textilfabrik Marienthal entstanden ist, erhalten sind), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiterinnen und Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. Über die Marienthal-Studie und seine Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde.

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) und Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftigen Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Parteien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Nachsatz: Bruno Kreisky erzählte in seinen Memoiren, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Satz, »Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!«, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

67 Minuten ohne Zigarette

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!

Bildungsinitiative

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Von heute bis zum 10. November läuft das Volksbegehren „Bildungsinitiative.

Zur Einstimmung:
U2 heute früh: Zwei junge Medizinstudentinnen (18 oder 19) unterhalten sich:

A: Du, gestern hat mich der Michi echt arg g’nervt … mit so an Wort, dass ich noch nie gehört hab’. Das kennst du sicher auch nicht … Wart’, ich schau’ (sucht auf ihrem Smartphone, spricht dabei weiter), … hat was mit Rassen oder so zu tun … irgendwas mit dem Martin Luther … Da, ich hab’s: A-part-heit, genau Apart-heit.
B: Kenn’ ich.
A: Kenn ich … ja sicher, Du … ha, ha … Na und? Was ist das?
B: Irgendwas geschichtliches halt …
A: Das hat der Michi auch g’sagt. Na und? Und was ist das jetzt?
B: Hab’ ICH in Geschichte auf’passt?
A: Das hab’ ich zum Michi auch g’sagt … (beide lachen)

Noch eine Hör- und Mitdenk-Empfehlung: Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf ALTERNATIVLOS. Darin erzählt er auch folgende Geschichte: Anfang der 1990-er Jahre konnte er als junger Redakteur einem Treffen von Mitterrand und Kohl beim alten Ernst Jünger in dessen Domizil im baden-württembergischen Wilflingen beiwohnen. Plötzlich, so erzählt Schirrmacher, haben Mitterand und Jünger apokalyptisch über die Zukunft der Welt zu sprechen begonnen. Mitterand erörterte, wie oft welche Länder und Reiche im 20. Jahrhundert zusammengebrochen seien, Jünger sprach davon, dass die Menschen die Technik nicht mehr kontrollieren könnten und so weiter; und Kohl, dem sichtlich unwohl wurde, wie Schirrmacher bemerkte, unterbrach das Gespräch mit dem Ausruf: »Ach, ich bin ganz optimistisch!«