Wassily

Sofern das Wetter mitspielt, verbringe ich den Samstagvormittag oft am Naschmarkt-Flohmarkt, so auch den vergangenen, endlich wieder einmal super schönen Samstagvormittag. Ich hatte bereits einige Runden gedreht und verlor angesichts der bedrohlich vielen Besucher zunehmend die Lust am Stöbern, als ich beim Stand eines Antiquitätenhändlers, der sich am äußersten Rand des Flohmarkts befand, eine Version des B3-Stahlrohrstuhls erspähte. Dieser Stuhl wurde von Marcel Breuer um 1925/26 angeblich für die Wohnung des Malers Wassily Kandinsky entworfen. Die Massenproduktion betrieb zunächst Thonet, danach die Firma Knoll, und seit den 1950-er Jahren wird dieses Meisterwerk aus der Tischlerwerkstätte des Dessauer Bauhauses unter dem Namen „Wassily“ verkauft (neu ab 500 Euro aufwärts erhältlich).

So wie in Breuers Prototyp werden die Stahlrohrteile des „Wassily“ nicht verschweißt, sondern sichtbar miteinander verschraubt, und, soweit mir bekannt ist, sind die Arm-, Sitz- und Stützflächen der industriellen Produktion, auch hier dem Vorbild folgend, immer aus Rindsleder gefertigt worden.

Vor mir stand aber ein „Wassily„, der mit beigen Nylon-Schnüren bespannt war, die ich von den Sesseln kannte, die in den 1970-er Jahren zur Garten-Möblage gehörten und, wie ich jetzt recherchiert habe, auch unter der Bezeichnung „Spaghetti-Stühle“ bekannt sind. Ein Unikat, wie mir schien. Der Verkäufer nannte einen Preis, der mir durchaus angemessen vorkam, den ich aber bei Weitem nicht aufbringen konnte, und schob gleich hinzu: „So einen Sessel können’s beim Leiner nicht kaufen. Ich habe so einen Sessel überhaupt noch nie gesehen. Was weiß ich? Der Sessel kann gut und gerne auch drei oder vier tausend Euro wert sein!“

Mittlerweile war klar, dass es auch andere Interessenten gab: Ein junges Paar schwänzelte unter „Schau! Was für ein toller Sessel!“ um den Stuhl herum und eine ältere Dame begann gleich mit dem Probesitzen.

Was dann geschah, sollen am Besten Monty Python erklären:

Jetzt steht dieser Klassiker der Moderne (ein Modell des Stuhls befindet sich im Museum of Modern Art in New York) in meinem Wohnzimmer!

wassily

Und auch die reaktionären Mitbewohner („Was soll das sein? Ein Sessel??„), die in ihrer Ignoranz den Super-Sonderspezial-Billigpreis, den mir der nette Verkäufer letztlich gewährt hat, nicht zu schätzen wissen („Was hast Du für dieses seltsame Ding da bezahlt?“ – „Bist Du irre?„), werden sich bestimmt auch wieder beruhigen …

3 Kommentare zu „Wassily

  1. haha das leben des brain. diese szene hab ich total vergessen! zum schreien 😀

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