Waldheims Walzer

»Da werden sie noch so viel suchen können, die Herrn Singer und wie sie alle heißen, in den diversen Aktenbündeln, die sie da ‹zurechtsuchen›. Sie werden nichts finden. Wir waren anständig.« (Kurt Waldheim 1986)

Am 3. März 1986 erscheint im Nachrichtenmagazin profil ein Artikel mit dem Titel Waldheim und die SA, in dem der Journalist Hubertus Czernin eine Abbildung der »Wehrstammkarte« Kurt Waldheims veröffentlicht, die jahrzehntelang im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs lag. Demnach war der von der ÖVP nominierte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Mitglied der Sturmabteilung (SA) und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) – Waldheim selbst hatte Czernin die Einsichtnahme in seinen Wehrmachtsakt gewährt. In einer ersten Reaktion betont Waldheim, er habe niemals eine Beitrittserklärung unterschrieben. Er könne sich das nur so erklären, dass er, ein leidenschaftlicher Reiter an der Konsular-Akademie, ohne sein Wissen, einer SA-Reiterstandarte zugeordnet wurde. Außerdem wisse doch jeder, dass er aus einem katholisch geprägten Elternhaus stamme und zeitlebens antinazistisch eingestellt gewesen sei. Tags darauf veröffentlicht die New York Times ein Foto, auf dem Waldheim in Wehrmachtsuniform an der Seite von SS-Gruppenführer Arthur Phleps im jugoslawischen Podgorica zu sehen ist. In den folgenden Wochen berichtet Czernin davon, dass Waldheim 1941 an der Ostfront verwundet wurde, im Jahr darauf, wieder als »kriegsdienstverwendungsfähig« eingestuft, in Jugoslawien und ab 1943 in Saloniki stationiert war, bei der Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr, der 1947 in Jugoslawien als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Der Kandidat hatte in seiner Autobiografie, Im Glaspalast der Weltpolitik, die kurz vor Bekanntgabe der Kandidatur erschienen ist, die Kriegsjahre nur flüchtig gestreift: Verwundung an der Ostfront, nach Genesung Heirat und Abschluss des Jus-Studiums; und dann stand da noch der lapidare Satz: »Knapp vor Kriegsende befand ich mich im Raum von Triest.«

Waldheims größter Trumpf, seine weltweite Bekanntheit – er war von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen, gewissermaßen der höchste Beamte der Welt – wird ihm nun zum Verhängnis: Journalisten und Historiker durchforsten Archive in Österreich und den USA. Beinahe im Tagesrhythmus tauchen Dokumente und Fotos auf, die Waldheim massiv belasten. Und dann ist da auch der World Jewish Congress (WJC): Die internationale Vereinigung jüdischer Gemeinschaften und Organisationen, die als Nichtregierungsorganisation im Rahmen der Vereinten Nationen aktiv ist, thematisiert vor allem die Rolle Waldheims als Dolmetscher und Aufklärungsoffizier in Jugoslawien und Griechenland. Von ihm verfasste Lageberichte, unterzeichnet mit seiner Paraphe (»für die Richtigkeit: W.«), lassen nur einen Schluss zu: Er muss von Kriegsverbrechen am Balkan (»Partisanenbekämpfung«) und von den Massendeportationen griechischer Juden aus Saloniki gewusst haben.

Waldheim spricht von »haltlosen Anschuldigungen«, von einer »großangelegten Verleumdungskampagne« (»Kämpään«, wie er sagt), hinter der das »Ausland« und die »Ostküste« stecke. Er habe seine Kriegsvergangenheit nie geleugnet, aber, wie er weiterhin behauptet, persönlich nichts von Gräueltaten gewusst und von Judendeportationen mitbekommen. Bezüglich seiner Mitgliedschaft bei den Nazi-Organisationen mochte er nun zwar nicht mehr ausschließen, dass ihn »irgendeiner meiner Verwandten« eingetragen habe – freilich, ohne sein Wissen. Im Übrigen habe er nur »seine Pflicht getan – wie Hundertausende andere anständige Österreicher auch«. Und die ÖVP schließt die Reihen hinter ihm: »Jetzt erst recht für einen Kandidaten, der wie keiner verschmutzt, beschmutzt und besudelt wurde in den letzten Jahrzehnten, sodass es überhaupt der politischen Kultur diesem Land ungeheuer weh getan hat.« (Alois Mock, Bundesparteiobmann der ÖVP)

Es ist vor allem der Satz, »Wir waren anständig!«, und der tosende Applaus, mit dem die Menschenansammlung auf diesen Satz reagiert, der mich beim Betrachten eines Ausschnitts aus einer Rede Waldheims, aufgenommen auf einer Wahlkampfveranstaltung in irgendeiner österreichischen Kleinstadt, zucken lässt. Man sieht Waldheim, wie er beim Sprechen des Satzes lächelt und seine Hände weit ausstreckt, als wolle er die Menge umfassen. Neben ihm steht seine Frau, dahinter Alois Mock und andere ÖVP Granden. Der Ausschnitt findet sich in Ruth Beckermanns Filmessay, Waldheims Walzer. Die Regisseurin hat in ausländischen Rundfunkarchiven nach Filmaufnahmen gesucht, die während des Bundespräsidentschaftswahlkampfes 1986 entstanden sind und in Österreich nicht zu sehen waren – weder damals noch später – und sie hat dieses Material, zusammen mit ORF-Archivmaterial und mit von ihr selbst gedrehten Videoaufnahmen zusammenmontiert. Beckermann war gewissermaßen als embedded journalist bei den Anti-Waldheim-Demos dabei und hat auch bei den Pro-Waldheim Veranstaltungen gefilmt.

Auch wenn ich diese Zeit sehr bewusst miterlebt und auch selbst an der Anti-Waldheim-Kundgebung am Stephansplatz teilgenommen habe, die im Film zu sehen ist, so konnte ich doch erst jetzt, dank Beckermanns Film, so manche Reaktionen (von beiden Seiten) besser einordnen, als ich das damals konnte. Ich bin mir auch ziemlich sicher, hätten die Österreicher die langen Ausschnitte aus der Pressekonferenz des WJC oder die Sequenz aus dem Hearing im US-amerikanischen Repräsentantenhaus, wo sich Waldheims Sohn Gerhard, der für seinen Vater in die Bresche sprang, von einem Kongressabgeordneten anhören muss, welche Einschätzung sich die Amerikaner über seinen Vater gebildet haben (»The American people feel that your father is a liar. They know that he is a liar«), damals zur Gänze zu sehen bekommen, Waldheim wäre mit noch deutlicher Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. (In der Stichwahl am 8. Juni 1986 erhielt er 53,9 % der Stimmen.) Warum? Ich denke, zum einen aufgrund eines, in allen gesellschaftlichen Schichten der Bevölkerung auch in den 1980-er Jahren noch tief verankerten Antisemitismus, der, wie in Waldheims Walzer zu sehen ist, bei diversen Wahlkampfveranstaltungen auch ganz offen artikuliert wurde. Im Theatermonolog, Der Herr Karl, haben Helmut Qualtinger und Carl Merz an die Märztage des Jahres 1938 erinnert, an die Niedertracht der österreichischen Antisemiten, die nach 1945 ja keineswegs über Nacht verschwunden ist:

»Da war a Jud im Gemeindebau, a gewisser Tennenbaum. Sonst a netter Mensch. Da ham’s so Sachen gegen de Nazi g’schrieben auf de Trottoir .. und der Tennenbaum hat des aufwischen müssen. Net er allan, de anderen Juden eh aa… i hab ihm hingführt, dass ers aufwischt. Der Hausmeister hat glacht, er war immer bei a Hetz dabei. (…) Nochn Kriag is er zurückgekommen. Der Tennenbaum. Ich grüße ihn. Er schaut mich net an. Hab i ma denkt: na bitte, jetzt is er bees, der Tennenbaum. Dabei: Irgendwer hätt’s ja wegwischen müssen!«

Und zum anderen, weil nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland und anderen Staaten Westeuropas, breite Bevölkerungsmehrheiten die NS-Zeit mit dem Holocaust / der Shoah assoziierten. In Österreich hingegen sah sich Justizminister Christian Broda in den frühen 1970-er Jahren veranlasst, weitere Prozesse zu untersagen, um skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate – so ist etwa Franz Murer, einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in Vilnius, trotz erdrückender Beweislage, von den Geschorenen im Jahre 1963 freigesprochen worden – zu vermeiden. In Österreich war die »Opferdoktrin« – Österreich war als Staat das erste Opfer Hitler-Deutschlands – gleichsam zur Staatsdoktrin geworden und tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Die Jahre von 1938 bis 1945 wurden als die Zeit der Entbehrungen, des Krieges und der Bombenangriffe abgespeichert, von der Anschlussbegeisterung, an die Qualtinger im Der Herr Karl erinnert, wollte keiner mehr etwas hören:

»Dann is eh da Hitler kuma. Na ja – es war eine Begeisterung … ein Jubel, wie man sich’s überhaupt net vorstellen kann nach diesen furchtbaren Jahren, nach diesen traurigen Jahren. Endlich amal hat der Wiener a Freid‘ g’habt. (..) Na ja, i waaß no … mir san olle am Ring und am Heldenplatz g’standen … unübersehbar warn mir … man hat gefühlt, man is unter sich … es war wia beim Heirigen … es war wia a riesiger Heiriger! … Aber feierlich!«

Erst im Zuge der Waldheim-Debatte sollte die »Opferdoktrin«, hinter der eine ganze Generation ihre NS-Verstricktheit entsorgen konnte, als Mythos entzaubert werden. Diese Ungleichzeitigkeit der Erinnerungskulturen hat die Heftigkeit und das Unverständnis auf beiden Seiten der Waldheim-Debatte geprägt.

Kurt Waldheim hat die Wahl vor allem deshalb gewonnen, weil seine Aussagen, wie »Ich habe nur meine Pflicht getan!« oder »Wir waren anständig!«, von weiten Teilen der Bevölkerung, über alle Parteigrenzen hinweg geteilt wurden. Der Journalist Werner Reisinger hat das kollektive Bewusstsein der Generation, der Waldheim entstammte, präzise beschrieben:

»In seinem Schicksal fand sich eine ganze Generation von Österreichern wieder, die den vom NS-Regime begonnenen Krieg als den ihren internalisiert hatten und sich arrangierten, um nicht in einen Gewissensnotstand zu geraten. Eine Generation, die bis Mitte der 80er Jahre gewöhnt war, nicht über ihren Dienst in der deutschen Wehrmacht oder ihre Verbindungen und ihre Involvierung mit und ihre Beteiligung am NS-Regime sprechen zu müssen.«

Dazu kamen haltlose Anschuldigungen in der US-Presse (so wurde Waldheim etwa in der Boulevardzeitung New York Post als »SS-Butcher« bezeichnet), die von den ÖVP-Wahlstrategen und den Pro-Waldheim-Medien reichlich ausgeschlachtet wurden, und überdies deuteten zahlreiche Indizien (die sich später bestätigen sollten) darauf hin, dass die SPÖ belastendes Material über Waldheim über diverse Kanäle durchsickern ließ. All das befeuerte das Pro-Waldheim-Lager und deren Strategie von der groß angelegten »Schmutzkampagne«, und Waldheim surfte auf der »Jetzt-Erst-Recht«-Welle in die Präsidentschaftskanzlei. »Er verkörpert das Land Österreich perfekt«, wie Hubertus Czernin damals in einem Interview feststellte, das in Waldheims Walzer zu sehen ist, »Er ist der Parade-Österreicher. Er ist der perfekte Präsident für Österreich. Aber es ist eine Schande!«

Wenngleich er beim zweiten Anlauf endlich Bundespräsident geworden war – beim ersten Antreten im Jahre 1971 unterlag er Franz Jonas, der als Bundespräsident im Amt bestätigt wurde –, musste er seine sechsjährige Amtszeit zumeist in der Hofburg absitzen. Von den USA auf die »Watchlist« gesetzt, wurde er im Westen zur persona non grata, und der damalige Bundeskanzler, Franz Vranitzky, übernahm de facto auch die Aufgaben eines Bundespräsidenten. Waldheim reiste bisweilen in Staaten des Ostblocks oder in arabische Staaten, wo er willkommen war, was, wie Beckermanns Film schlüssig dokumentiert, mit seinem Engagement für die Palästinenser während seiner Zeit als UN-Generalsekretär zusammenhing – eine Haltung, die er im Übrigen mit Bruno Kreisky teilte, der sich auch für ihn als Generalsekretär stark gemacht hatte. So konnte PLO-Chef Yassir Arafat am 13. November 1974 vor der UN-Vollversammlung sprechen – damit zum ersten Mal ein Politiker, der kein Staats- oder Regierungsvertreter war. Und, auch das sollte nicht vergessen werden, in den 1970-er Jahren wurden viele gegen Israel gerichtete Resolutionen angenommen, insbesondere die berüchtigte Resolution 3379, die als Anti-Zionismus-Resolution in die Geschichte der UNO eingegangen ist, in der Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung bezeichnet und der Staat Israel in eine Reihe mit dem Apartheid-Regime in Südafrika gestellt wurde. In Ruth Beckermanns Film sieht man den israelischen UN-Botschafter und späteren israelischen Staatspräsidenten, Chaim Herzog, der seine Rede vor der UN-Vollversammlung mit folgenden Worten beendete: »For us, the Jewish people, this resolution based on hatred, falsehood and arrogance, is devoid of any moral or legal value. For us, the Jewish people, this is no more than a piece of paper and we shall treat it as such.« Und dann zerriss Herzog das Resolutionsdokument. Die Resolution wurde 1991 wieder zurückgenommen. Ja, und da war auch der Besuch des UN-Generalsekretärs in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1973. Waldheim weigerte sich, beim Totengebet eine Kippa aufzusetzen, wie es das jüdische Ritual verlangt – das Wohlwollen in der arabischen Welt war ihm wichtiger als der Respekt vor den Opfern. Israel zog daraufhin kurzfristig seinen Botschafter aus Wien ab.

Anfang Februar 1988 legte die internationale Historikerkommission, die von der Österreichischen Bundesregierung im Lichte der anhaltenden Proteste gegen Kurt Waldheim eingesetzt wurde, ihren Bericht vor. In den »Zusammenfassenden Schlußbetrachtungen« wurde insbesondere sein Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen nachdrücklich kritisiert:

»Bei der Prüfung der Frage, wieweit bei Waldheim von einer Mitschuld am Kriegsunrecht gesprochen werden muß, ist von der im Bericht vielfach festgestellten Tatsache auszugehen, daß dieser in seinen Stabsfunktionen auf dem Balkan, trotz eines niedrigen Ranges, sicher weit mehr als nur ein zweitrangiger ‹Kanzleioffizier› war. Auch wenn er als Subalternoffizier in Stabsstellungen keine Exekutionsbefugnisse hatte, war er dank seiner Bildung und seinem Wissen sowie infolge der Einblicke, die er als Dolmetscher in die entscheidenden Führungsvorgänge erhielt, besonders aber aus seiner Tätigkeit im zentralen Nachrichtendienst seiner Heeresgruppe und seiner örtlichen Nähe zu den Geschehnissen hervorragend über das Kriegsgeschehen orientiert. Aus einer beträchtlichen Anzahl von Lageberichten und Kriegstagebuch-Eintragungen, die er entweder selbst verfaßt oder die über seinen Schreibtisch liefen, und insbesondere im Zusammenhang mit der Erarbeitung jener Lageberichte, die er mehrfach in den Chefbesprechungen auf Heeresgruppenebene vorgetragen hat, erhielt er einen tiefen und umfassenden Einblick in die Verhältnisse an den Fronten und namentlich auf dem Balkan. Auch wenn sein persönlicher Einfluß auf den Entscheidungsprozeß der obersten Führung (im Südosten) einerseits von seinen Widersachern etwas überbewertet worden ist und andererseits von seinen Verteidigern allzu sehr herabgemindert wurde, war Waldheim doch häufig in diesen Besprechungen zugegen, wirkte an diesen mit und war folglich einer der besonders gut orientierten Stabsangehörigen. Dabei waren seine allgemeinen Einblicke umfassend: sie bezogen sich nicht nur auf die taktischen, strategischen und administrativen Anordnungen, sondern schlossen in einigen Fällen auch die Handlungen und Maßnahmen ein, die im Widerspruch zum Kriegsrecht und den Grundsätzen der Menschlichkeit standen. (..) Waldheims Darstellung seiner militärischen Vergangenheit steht in vielen Punkten nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Kommissionsarbeit. Er war bemüht, seine militärische Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und sobald das nicht mehr möglich war, zu verharmlosen. Dieses Vergessen ist nach Auffassung der Kommission so grundsätzlich, daß sie keine klärenden Hinweise für ihre Arbeit von Waldheim erhalten konnte.«

Da Kurt Waldheim den Bericht der Historikerkommission als »umfassende Entlastung« wertete, gingen die Wogen neuerlich hoch. Die SPÖ forderte geschlossen seinen Rücktritt, und Simon Wiesenthal, der Waldheim zuvor wiederholt gegen Kriegsverbrecher-Vorwürfe verteidigt hatte, deutete den Bericht als »Aufruf an die geistige und kulturelle Elite Österreichs, sich zusammenzutun und den Bundespräsidenten zum Rücktritt zu veranlassen«. Waldheim blieb bei seiner uneinsichtigen Haltung. In einem langen Gespräch, das die beiden ORF-Journalisten Peter Rabl und Hans Benedict nach Vorlage des Berichts der Historikerkommission mit ihm geführt haben, drohte er mit Gesprächsabbruch, weil er »solche Fragestellungen einfach nicht akzeptieren kann«, sah sich weiterhin als Opfer einer Hass- und Lügen-Kampagne und versuchte zb die von den Nazi-Truppen als Vernichtungskrieg geführte »Partisanenbekämpfung« auf dem Balkan (Hitler forderte die »totale Ausrottung der Partisanen«) als »Vergeltungsmaßnahmen« zu relativieren. (Das Gespräch ist in der ORF-TVTHEK zur Gänze nachzusehen.)

Im Jahre 1993, ein Jahr nach Ende der Amtszeit Kurt Waldheims, er verzichtete auf eine Wiederkandidatur, fand der erste offizielle Staatsbesuch eines österreichischen Regierungschefs in Israel statt – 45 Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Bundeskanzler Franz Vranitzky bekannte sich in seiner Rede an der Hebräischen Universität Jerusalem zur »moralischen Verantwortung« Österreichs und bat die Opfer der österreichischen Täter im Namen der Republik um Verzeihung:

»Wir teilen die moralische Verantwortung, weil viele Österreicher den Anschluss begrüßten, das Naziregime unterstützten und bei seinem Funktionieren halfen. Wir dürfen jene nicht vergessen, die unaussprechliche Schicksale erlitten, wir dürfen jene nicht vergessen, die dieses Leiden verursachten, und wir dürfen jene nicht vergessen, die Widerstand leisteten. Wir bekennen uns zu allem, was in unserer Geschichte geschehen ist und zu den guten und schlechten Taten aller Österreicher. So wie wir für unsere guten Taten Kredit fordern, müssen wir für unsere schlechten um Verzeihung bitten– um die Verzeihung jener, die überlebt haben, und um die Verzeihung der Nachfahren der Opfer.«

Kurt Waldheim stand stellvertretend für den verlogenen Umgang einer ganzen Generation mit ihrer NS-Vergangenheit. Sein jahrzehntelanges Weglügen, Relativieren und Verharmlosen seiner Kriegszeit auf dem Balkan (Thomas Bernhard bezeichnete ihn als »Lügenpräsident«), der von ihm und seiner ÖVP offen propagierte Antisemitismus (zB. »die ehrlosen Gesellen des World Jewish Congress«, »eine kleine Gruppe, aber auf die amerikanischen Medien sehr einflussreiche Gruppe«, »Ostküste«, »Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!«) und seine arrogante Verstocktheit, zu keiner Zeit eine Geste der Entschuldigung zu setzen, all das war niederträchtig und unerträglich! Und dennoch habe ich ihn einmal verteidigt: Im Rahmen der Ausstellung, 1945 – Niederlage. Befreiung, Neuanfang, im Deutschen Historischen Museum in Berlin habe ich der Aussage des Guides, Waldheim sei ein SS-Mann gewesen, der schwere Kriegsverbrechen begangen habe, sofort widersprochen und berichtigt.

Nach der Waldheim-Debatte wurde die »Opferthese« durch eine »Mitverantwortungsthese«, zunächst offiziell, auf Ebene der Republik, und allmählich auch im kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung etabliert. Wenn Heidemarie Uhl im Jahre 2008 festgehalten hat, dass »die Berufung auf die Opferthese nur noch eine Minderheitenposition (ist), ein Argument aus dem Museum der Nachkriegsmythen, das in den relevanten gesellschaftlichen Deutungsinstanzen, vor allem auch in der Geschichtswissenschaft, praktisch keinen Rückhalt hat«, dann kann ihr vorbehaltlos zugestimmt werden.

Der letzte der Ungerechten

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Wiener Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit »einer der Höhepunkte der Viennale«, wie dessen Direktor Hans Hurch vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten »Judenältesten« des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende »Judenälteste« eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino erzählte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel
Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

»Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.«
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

ES muss raus …

Immer wieder taucht ein Deutscher (oder Österreicher) auf, der glaubt, sagen zu müssen, „was gesagt werden muss„, um im selben Atemzug darüber Klage zu führen, nie sagen zu können, „was gesagt werden muss„. Kostümiert als Dichter, zeitgleich in mehreren internationalen Tageszeitungen, oder in Form von Erklärungen oder im Schutz der Anonymität als Poster, sagen sie, „was gesagt werden muss“ nicht über Pakistan, Saudi Arabien, Iran, Afghanistan, Somalia etc., nein: Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer über Israel, immer über den Staat der Juden, „in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten – ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist„. Sie sagen, „was gesagt werden muss„, immer „dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will„, und sie sagen das, „was gesagt werden muss„, weil „die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet durch das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird„.

Wenn sie dann das gesagt haben, von dem sie meinen, dass es „gesagt werden muss„, und die veröffentlichte Meinung nahezu geschlossen das, „was gesagt werden muss„, als das benennt, was es ist, nämlich: Bullshit, dann wollen sie darin eine Medienkampagne erkennen und fühlen sich in ihrer Meinungsäußerungsfreiheit bedroht!

Die Obsession, mit Israel sich befassen zu müssen, teilt der Literaturnobelpreisträger mit Antisemiten aller Lager. Aber seine in Verse gekleidete perfide Unterstellung, Israel wolle das iranische Volk mittels eines (atomaren) Erstschlags „auslöschen„, sollte – abgesehen von der obszönen Verdrehung von Ursache und Wirkung – wohl auch als Versuch gelesen werden, aus der eigenen Verstrickung in die Menschheitsverbrechen herauszukommen. Es lässt sich besser leben, wenn die Opfer der Nazis selbst zu Nazis gemacht werden.

Henryk M. Broder, der vor rund 15 Jahren in seinem Buch „Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“ den Antisemitismus vor allem innerhalb der Linken in all seinen Schattierungen offengelegt hat, beendete seine, unter der Überschrift „Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter“ in der Tageszeitung Die Welt veröffentlichte Entgegnung auf das Grass’sche „Was gesagt werden muss“ mit folgenden Zeilen:

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Marie Jahoda

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Als ich abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals beeindruckt hatte. Auch jetzt, mehr als 15 Jahre danach, suchte ich mir einen Parkplatz, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Im Gespräch-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über ihre »privilegierte« Kindheit (privilegiert deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der Revolutionären Sozialisten hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie Die Arbeitslosen von Marienthal bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit – nach Schließung einer Textilfabrik, die der größte Arbeitsgeber in der Region war – führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die »ermüdeten« Bewohner Marienthals (= Ortsteil von Gramatneusiedl in Niederösterreich, wo noch einige Gebäude der ehemaligen Arbeitersiedlung, die rund um die Textilfabrik Marienthal entstanden ist, erhalten sind), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiterinnen und Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. Über die Marienthal-Studie und seine Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde.

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) und Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftigen Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Parteien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Nachsatz: Bruno Kreisky erzählte in seinen Memoiren, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Satz, »Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!«, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

Geschichte der Dunkelheit

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»Ich gehe gerne auf den Fußballplatz. Ich höre gerne Rock ’n’ Roll, ich lese auch gerne Schriftsteller, die ganz anders arbeiten als ich. Aber ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe.« (Gerhard Roth in einem wunderbaren Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen Werks Orkus – Reise zu den Toten)

Kürzlich habe ich Gerhard Roths Buch Die Geschichte der Dunkelheit, 1991 erschienen, wieder gelesen. Der Autor hat darin den Bericht des Wiener Juden Walter Berger aufgezeichnet, der in der Leopoldstadt aufgewachsen und vor den Nazis nach England geflüchtet ist, wo er, nach mehreren vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, der tschechischen Exilarmee beigetreten ist und auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis gekämpft hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er für eineinhalb Jahre in einen Kibbuz nach Israel, dann nach Deutschland, um schließlich wieder nach Wien in die Leopoldstadt zurück zu kehren (dank der Unterstützung des damaligen SPÖ-Vizekanzlers Bruno Pittermann, der Bergers Lehrer an der Privattechnischen Lehranstalt im Arsenal in den späten 1920-er Jahren gewesen war), in eine Leopoldstadt, in der die Spuren jüdischen Lebens fast gänzlich ausgelöscht waren.

Roths Aufzeichnungen der Lebenserinnerungen des Walter Berger, diese Odyssee durch das »Zeitalter der Extreme«, sind für mich vor allem ein wunderbares Buch über das Weitermachen – trotz alledem.

Gerhard Roth wird am 15. Mai im Burgtheater aus seinem neuen Buch lesen.

Pop fetzt Nazis weg

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»Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden.

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.« (Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen Kaiser Nero-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat, weil er nicht wusste, wer Kaiser Nero war bzw. Arnold Schwarzenegger für diesen hielt. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, »dass der Kaiser Nero der Peter Ustinov ist«.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in Der Untergang.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von Der Untergang von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie »Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten«.

»In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der ›Hitler in uns‹, ›Mensch Hitler‹, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise ›Hitler-süchtig‹«. (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen Inglourious Basterds. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um »historische Wahrheit« bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

»Once upon a time in Nazi occupied France …«. So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbaukino, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance! Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt Cat People (Putting out fire) von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine Basterds-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobesessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.

EU-Wahl

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Am nächsten Sonntag finden die Wahlen zum Europäischen Parlament statt – und heute im ORF die erste und einzige Diskussionsrunde der Spitzenkandidaten. Ist vielleicht auch besser so, möchte man beinahe anmerken, angesichts der „Themen“ der vergangenen Tage und Wochen.

Nicht erst seit diesem Wahlkampf präsentieren uns die meisten Parteien und die Billigmedien Europa als feindliches Territorium, von dem gefährliche Bedrohungen (z.B. organisierte Kriminalität, Neoliberalismus, Ausländer usw.) ausgehen, vor dem Volk und Heimat geschützt werden müssten. Politiker der beiden Regierungsparteien sprechen in der Regel ja nur „gegen die Europäische Union“ oder „von einer anderen Europäischen Union„. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, sie möchten uns glauben machen, das Land befände sich noch in der Sondierungsphase, so als ob die Entscheidung, Beitritt oder Nicht-Beitritt, noch zur Debatte stünde.

Einzig die Rechten, die mit Kalkül die „Los-von-Brüssel„-Keule schwingen, und die Grünen verweigern sich dieser Chuzpe. Während Letztere allerdings den einzigen EU-Parlamentarier in ihren Reihen, der sich in ganz Europa einen Namen gemacht hatte, in die Politpension geschickt und damit alles andere denn eine Wahlempfehlung für sich abgegeben haben, steuern die Rechten, eine hemmungslose Hetzkampagne fahrend, einem Wahlerfolg entgegen.

Warum das so sein wird, hat – neben der skizzierten EU-Haltung der Regierungsparteien – auch mit der An Schritt vire, zwa Schritt zruck-Politik der SPÖ zu tun: Wenn der Bundeskanzler den rechten Hetzern ein SHUT UP! entgegen knallt, ist das einmal uneingeschränkt zu begrüßen; wenn er dann aber im Sauseschritt ins Burgenland eilt, um sich für die Verlängerung des Assistenzeinsatzes des Bundesheeres auszusprechen, befördert er erst recht wieder das „(Verun-)Sicherheitsgeschäft“ der Rechten.

Empörung ist zu wenig

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Graf hat sich nicht spontan geäußert. Er hat überlegt einen hetzerischen Artikel verfasst. Er hat gewusst, was er tut. In der FPÖ brennen keine Sicherungen durch. Es geschieht etwas ganz anderes. Zum ersten Mal nach langer Zeit wird auf Verkleidungen kein Wert mehr gelegt. Man zeigt sich, wie man ist, und man spricht, wie man denkt. Das Blau ist ab, weil man glaubt, sich wieder braun leisten zu können. Das ist das Besorgniserregende. Weil SPÖ und ÖVP ihre klaren Grenzen zur extremen Rechten aufgegeben haben, weil angebiedert statt ausgegrenzt wird, fühlen sich Burschen wie Graf und Wehrsportler wie Strache sicher.„(Peter Pilz in seinem heutigen Blog-Eintrag)

Die Grünen haben eine Online-Petition gestartet, wo man für den Rücktritt des dritten Nationalratspräsidenten unterschreiben kann. Dass die FPÖ politisch ausgegrenzt gehört, weil sie, wie Michael Völker in einem Standard-Kommentar notiert, „eine zutiefst destruktive Kraft (ist), die hetzt, mit Neid arbeitet, die Vorurteile benützt und verstärkt, die Feindbilder propagiert, die Andersdenkende verfolgt, die Menschen fertigmacht„, sich also selbst aus dem zivilisierten demokratischen Diskurs nimmt, dürfte allmählich auch von den Regierungsparteien (zumindest auf Bundesebene) verstanden worden sein – die Grünen haben in dieser Frage immer klar Position bezogen.

Diese Trennlinie einzuziehen, kann aber nur ein erster, wenn auch unbedingt notwendiger Schritt sein. In einem Gespräch, das ich auf der Website des Gedenkdienstes gefunden habe, skizziert Willi Meryin, Gewerkschafter und Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich, eine konkrete gesellschaftliche Problemstellung, die nicht nur mit Empörungsdiskursen zu bewältigen sein wird:

Mein Sohn hatte im Kindergarten einen besten Freund. Mein Sohn ist dann in eine Mehrstufenklasse gekommen. Lauter alternative, anti-faschistische Lehrer. Anti-Diskriminierungsprojekte, Workshops, keine Noten, alle ‚per Du‘ – eine Super-Schule. Wie viele Türken waren in dieser Schule? Keine. Es war nämlich eine Ganztagesschule, wo nur Kids hindürfen, von denen beide Elternteile berufstätig sind, was bei vielen türkischen Familien nicht der Fall ist. Das hat aber geheißen, dass in der Nebenschule der Anteil türkischer Kinder 80% war. Dort war auch der beste Kindergartenfreund meines Sohnes. Die haben natürlich keine anti-rassistischen Projekte gehabt. Die waren halt nicht in Mauthausen. Das sind dann aber eher die Leute, die auf den Lehrstellenmarkt kommen. (…) Wir können ja heute auch nicht zu einem Lehrling hingehen und sagen: ‚Du bist nicht sozial benachteiligt.‘ Er ist es und er weiß es. Und wir müssen ihm nicht nur eine Perspektive aufzeigen, wir müssen sie ihm auch ermöglichen.

Ansonsten kann ich nur auf einen älteren Blog-Eintrag verweisen.

Der Blick voraus in die Vergangenheit

kluge_portraitIm Jahre 1927 hat der sowjetische Filmemacher Sergei Eisenstein rund 60.000 Meter Film für seine Version der Oktoberrevolution abgedreht. Mit allen Freiheiten ausgestattet, das Politbüro hinter sich, Geld spielt keine Rolle – in Moskau wird das elektrische Licht ausgeschaltet, falls der Meister das für notwendig hält -, kurz: er kann agieren wie Cecil B. deMille in Hollywood. Und dann kommt der Befehl, binnen weniger Tage den Film Oktober auf eine Länge von 100 Minuten (2000 Filmmeter) zu schneiden.
Eisenstein ist Perfektionist. Er beherrscht mehrere Sprachen und verfasst seine Texte (= einzelne Sätze) bewusst mehrsprachig, immer auf der Suche nach größmöglicher Präzision der Begriffe. Er arbeitet Tag und Nacht, nimmt Aufputschmittel, er arbeitet bis die körperlichen Mühen ihm die Sehkraft rauben. Eisenstein wird für einige Wochen blind sein.

Diese Geschichte erzählt die russische Filmhistorikerin Oksana Bulgakowa, die sich der Aufarbeitung von Leben und Werk des großen sowjetischen Filmemachers verschrieben hat, gleich zu Beginn von Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital, einem fast zehnstündigen Filmprojekt, in dem Alexander Kluge eine andere Idee Eisensteins aufgegriffen hat, eine unverwirklicht gebliebene, nämlich einen Film über Das Kapital von Karl Marx herzustellen.

»Marx ist Material für die Schulpause, nicht für die Schulstunde.« (Alexander Kluge)

Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital ist eine Montage aus Dialogen und Interviews, Filmsequenzen, Bildern, Texten und Musik, von der gestern spätnachts auf SWR eine etwa 90-minütige Kompilation ausgestrahlt wurde.

»Marx ist 1818 geboren (…) in einer Zeit, in der es Sklaverei und Kinderarbeit gab. Dies alles wird beseitigt, der Achtstundentag erobert. 1942 ist Marx 124 Jahre alt: Da haben wir Auschwitz. Wenn ich nun wählen sollte zwischen Kinderarbeit, Sklaverei und Auschwitz, würde ich nicht den Fortschritt wählen. Es gibt auch einen Fortschritt des Bösen. Es geht nicht von selbst zur Aufklärung hin.« (Kluge in einem FAZ-Interview)

Wer zum ersten Mal einen fürs Fernsehen produzierten Beitrag von Alexander Kluge sieht, wird zunächst an eine Bildstörung denken, vor allem auch deshalb, weil diese Irritationen eben nicht auf ARTE, sondern im deutschen kommerziellen Fernsehen stattfinden. Sendungen wie 10 vor 11, Primetime Spätausgabe oder News & Stories, sind erratische Blöcke im Fernseheinheitsbrei.

Kluge beherrscht als Geschäftsführer der DCTP mittlerweile jene Sendeflächen im Privatfernsehen (RTL, SAT 1 und Vox), die laut Deutschem Rundfunkstaatsvertrag für »unabhängige Dritte« freizuhalten sind, ein Zugeständnis, dass die SPD der Kohl-CDU bei der Einführung des kommerziellen Fernsehens im Jahre 1984 abgetrotzt hat. Diese Sendeflächen werden alle fünf Jahre neu ausgeschrieben und sind äußerst begehrt. Kluge hat es über die Jahre bestens verstanden, die meisten Konkurrenten (Spiegel, Süddeutsche, Stern, Neue Züricher Zeitung, BBC Worldwide) ins DCTP-Boot zu holen, und als de facto Monopolist konnte er in dieser Nische ein mittlerweile höchst profitables Geschäftsmodell aufbauen. Mittlerweile gibt es DCTP-TV und dessen Programme auch im W»Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.«  (Marx in der Einleitung von Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: Karl Marx / Friedrich Engels: Werke Band I. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1976, S.378 (MEW-Online)

Einer der Partner, mit dem Kluge über viele Jahre hinweg immer wieder seine für ihn typischen Dialoge, die alles andere als ein Frage-Antwort-Spiel sind, geführt hat, war Heiner Müller. Die Kluge-Müller-Fernsehgespräche, die einen ungemein anregenden Einblick in die Arbeits- und Denkweisen beider Figuren geben, sind im Internet frei zugänglich (Videos, Transkriptionen und Zusatzinfos).

Die Kopfnuss

the_statementGestern lief auf 3sat „The Statement – Am Ende einer Flucht“ von Norman Jewison aus dem Jahre 2003 mit Michael Caine in der Rolle eines französischen Nazi-Kollaborateurs und Kriegsverbrechers, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg dank der Unterstützung katholischer Ordensbrüder der Strafverfolgung entziehen konnte. Tilda Swinton, heurige Jury-Vorsitzende der Berlinale, spielt eine Richterin, die 50 Jahre danach der Flucht ein Ende bereitet.

Der Thriller ist nicht nur wegen der darstellerischen Brillanz seiner beiden Protagonisten höchst sehenswert, sondern vor allem auch deshalb, weil er sich mit dem Weiterleben von faschistischen und antisemitischen Strömungen im Nachkriegsfrankreich beschäftigt. Die französische Staatsdoktrin basierte auf dem Mythos der Résistance, die Nazi-Kollaboration und das Vichy-Regime wurden ausgeblendet. So wie hierzulande die politische Nachkriegselite die Moskauer-Erklärung zum Anlass nahm, um den Mythos vom ersten Opfer der Nazi-Aggression auszuhecken.

Dies erklärt wohl auch, weshalb in Frankreich faschistische Pfaffen wie Marcel Lefebvre und die von ihm gegründete Priesterbruderschaft St. Pius X. und säkuläre Ableger wie Le Pen ihr Unwesen treiben konnten.

Lefebvre und seine Anhänger kamen in Konflikt mit der Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen Modernismus und Liberalismus sie nicht mittragen wollten. Vor allem waren es jene Zeilen der Erklärung „Nostra Aetate„, die Papst Paul VI im Jahre 1965 veröffentlichen ließ, die die Bruderschaft in Rage versetzten:

Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen. Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.

Was hier schwulstig und geschraubt daher kommt, war eine Revolution innerhalb der römisch-katholischen Kirche: Die Absage an die Ideologie von der „unaufhebbaren Kollektivschuld der Juden“ an der Kreuzigung des Jesus von Nazaret, die Absage an den „Gottesmord„-Irrsinn, der den Antijudaismus und die Verfolgung der Juden durch die römisch-katholische Kirche nahezu zwei Jahrtausende hindurch legitimiert hatte.

Diese Aussage zum Verhältnis von Juden und Christen ging den Fanatikern um Lefebvre absolut gegen den Strich.

Wenn jetzt in den Medien ernsthaft erörtert wird, Josef Alois Ratzinger könnte von seinen Beratern falsch informiert oder gar bewusst getäuscht worden sein über die Ansichten der Priesterbruderschaft, dann kann man sich nur wundern. Ratzinger, der von 1981 bis 2005 Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“ war, somit Boss der obersten Kirchenbehörde, deren Aufgabe darin besteht, die Kirche vor abweichenden Glaubensvorstellungen zu schützen, zu unterstellen, er hätte nicht alles über die Lefebvre-Brüder gewusst, beleidigt lediglich die Intelligenz dieses Mannes, die von den gleichen Medien, die diesen Unsinn verzapfen, bei jeder Gelegenheit gerühmt wurde. Ratzinger wusste, was er tat.

Immerhin haben die Deutschen eine Kanzlerin, die dem Landsmann eine ordentliche Kopfnuss verpasst hat.