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Der Unterschied

Mittwoch, 14. Januar 2009 23:39

Nun wusste man, dass der Antisemitismus in Europa nicht verschwunden ist. Aber was sich gegenwärtig an antisemitischen Demonstrationen und Ausschreitungen abspielt, hätte man nicht für möglich gehalten. Und womit beschäftigen sich die meisten Kommentare in den deutschsprachigen Medien? Mit der so genannten „Verhältnismäßigkeit“ der israelischen Antwort auf die islamistischen Bombenwerfer.

Gäbe es nicht auch noch andere Stimmen, man müsste irre werden. Eine davon gehört dem Journalisten Christian Ortner, der seinen wichtigen Kommentar (Die Presse vom 9. Jänner 2009) mit dem Satz beendet:

Nicht Israels Gegenwehr ist unverhältnismäßig, sondern die Kritik an dieser Gegenwehr ist es.

Passend dazu auch der folgende Cartoon:

israel_palestine_cartoon

Einige Blogs, die einen nicht völlig verzweifeln lassen, habe ich meiner Blogroll hinzugefügt.

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Nachtrag zu Haider

Sonntag, 26. Oktober 2008 0:51

In einer seiner Kolumnen im Standard zitiert Hans Rauscher eine Aussage des neuen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler aus dem Jahre 2006 zum Ortstafelurteil des Verfassungsgerichtshofes:

Der Rechtsstaat ist das eine, und ein gesundes Volksempfinden das andere – und ich glaube, ich habe ein gesundes Volksempfinden.

In einem Profil-Interview aus dem heurigen Jahr geht Dörfler nochmals auf diese Aussage ein:

Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich wusste nicht, dass der Spruch aus der NS-Zeit stammt. Ich habe mich mit dem Nationalsozialismus nie beschäftigt. In der Schule und in der Familie war es nie ein vorrangiges Thema. Und danach haben sich für mich andere Fragen gestellt. Ich habe wenig Wissen über die Nazi-Zeit. Aber ich verurteile alle Gräueltaten, egal, von wem sie begangen wurden.

Am 25. April 2001 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Kommentar von Eva Menasse, den ich hier in einem längeren Auszug wiedergebe, weil er an Aktualität nicht zu überbieten ist:

Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel „erlernt“, und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, „keinen Spaß zu verstehen“. Von der „Dämonie der Gemütlichkeit“ schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse.
(…)
Ein FPÖ-Funktionär ehrt langjährige Parteimitglieder mit dem Satz „Unsere Ehre heißt Treue“? Oh, er hatte keine Ahnung, daß es sich um den Leitspruch der Waffen-SS handelt! Er entschuldigt sich betreten, und alles ist wieder gut.
(…)
Ein Land voller Unschuldslämmer eben, die von allen Fettnäpfen immer ausgerechnet in die braunen treten. Dabei wäre allein ihre ostentativ herausgekehrte Geschichtsunwissenheit bereits Provokation genug. Am Aschermittwoch stellte Jörg Haider, mit Bezug auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, die rhetorische Frage, wie jemand, der „so viel Dreck am Stecken“ habe, ausgerechnet Ariel heißen könne. Sein Publikum johlte. Dreck am Stecken, Drecksau, Saujud; Ariel, Waschmittel, Säuberung, Seife – aber solche bösen Assoziationen werden ja angeblich nur von den hysterischen „Gutmenschen“ hergestellt. Jörg Haider hält seine Wortwahl für „notwendige politische Diskussion“: Es dürfe nicht verboten sein, „jemanden zu kritisieren, der sich in einer schwierigen Lage im Ausland negativ über Österreich geäußert hat“, noch dazu einer, „der einmal zugewandert ist und dem Österreich eine friedliche Heimat geworden ist“. Jude, heimatloser Geselle, undankbarer Vaterlandsverräter – ein antisemitisches Stereotyp ist beinahe zu hundert Prozent erfüllt, doch Haider und sein Publikum können es vor lauter Lachen einfach nicht erkennen, genauso wie viele Kommentatoren das noch immer nicht für eindeutig genug hielten, um sich zum Protest aufzuschwingen. Wo beginnt eigentlich der Antisemitismus, der öffentlich auch als solcher begriffen wird? Vermutlich erst, wenn Juden körperlich attackiert werden.

Im CLUB 2 vom Mittwoch dieser Woche zum Thema Mythos Haider, an dem – neben Hans Rauscher und Eva Menasse – unter anderen auch Walter Meischberger, Weggefährte Haiders, Mitglied der so genannten Buberlpartie und ehemaliger FPÖ-Generalsekretär, teilgenommen hat, wurde die Assoziationskette, die Eva Menasse im Zusammenhang mit den Haider-Auslassungen über Ariel Muzicant in ihrem Kommentar so präzise offengelegt hat, zitiert – und zwar von Meischberger, der diese Textstelle vorlas; als Beleg dafür, dass die „veröffentlichte Meinung“ ständig „dem Jörg“ alles mögliche „andichtete„, wie er hervorhob. Der Autorin warf er vor, „schändlich“ agiert zu haben, habe „der Jörg“ doch nie und nimmer „Drecksau, Saujud“ gesagt, sondern lediglich einen Scherz gemacht – einen nicht besonders guten zwar, der ihm, so Meischberger, „nie über die Lippen käme„, aber, „so war er halt, der Jörg„.

Hans Rauscher („Passen’s auf, was Sie sagen, Herr Meischberger, sie reden sich gerade um Kopf und Kragen„) und Eva Menasse („Ja haben Sie denn keine Ahnung von Bedeutungsketten?„) wollten und konnten nicht glauben, was sie da hörten. Ist Meischberger, der hier stellvertretend für alle Dumpfbacken steht, wirklich so blöde, oder leistet er sich diese ignorante Position, weil er darauf vertrauen kann, dass dieses niederträchtige Wortspiel von der überwiegenden Mehrheit sehr wohl so „verstanden“ wurde, wie von Eva Menasse weitergedacht, aber lediglich bei einer vernachlässigbaren Minderheit auf empörte Ablehnung stößt, bei der „schweigenden Mehrheit“ getreu dem Motto „War ja eh nur a Gaudi“ hingegen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird?

Ich weiß es nicht. Mir wurde nur wieder einmal klar, dass es absolut sinnlos ist mit Dumpfbacken derartige Diskussionen zu führen.

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Vom Abgang

Dienstag, 21. Oktober 2008 18:45

Unlängst trafen wir uns beim Wirten zur Erörterung der Lage. Klarerweise kam die Rede auch auf Jörg Haider und seinen unerwarteten Abgang. Im Zentrum unseres Gesprächs stand nicht Haider als Politiker, der immer ein „rechter Arsch“ gewesen war, „auch wenn er es zuletzt verstand, den Mantel des Staatsmannes darüber zu breiten„, wie B. im Nachhinein schriftlich dokumentiert wissen wollte, sondern der blitzartige Tod eines Menschen, der einem über 20 Jahre verdammt nahe gekommen war – auf Grund der politischen Differenz, die man zu ihm aufgebaut hat. Eine politische Differenz, die man aufbauen musste, konnte Haider doch nur deshalb der charismatische Popstar unter den Politikern sein, dem die Massen zuströmten, weil die niederträchtige Hetze gegen bestimmte Gruppen von Menschen den Kern seiner Politik bildete. Nur auf Basis der Selektion und Abgrenzung funktionierte sein Modell der Familien-, Benzin-, Heizungs- und sonstigen Schecks, mit denen er die Restmehrheit umarmen konnte. Nichts anderes meint die euphemistische Rede, „er habe polarisiert„. Haider hat sich rassistischer und antisemitischer Argumentationsmuster bedient, er und seine Partei(en) sind gegen politische Gegner und in Ungnade gefallene Parteifreunde mit eiserner Härte vorgegangen. Er hat das politische Klima in diesem Land nachhaltig vergiftet.

Unzählige Nachrufe und Kommentare sind seit seinem Unfalltod erscheinen, manche kluge, manche blöde, aber jener von Robert Menasse, der unter dem Titel Jörg Haider, der unerkannte Austrofaschist in der Presse erscheinen ist, ragt deshalb heraus, weil er insbesondere die Gründe für das Scheitern der Kritik an Jörg Haider präzise benennt und en passant auch Erklärungen dafür liefert, warum die Bevölkerung eines ganzen Bundeslandes nach dem Ableben „ihres“ Landeshauptmannes in einem kollektiven Trauerwahn zu versinken droht – und warum auch mich der Tod eines Rechtsextremisten nicht kalt lässt.

Man sollte den Essay zur Gänze lesen. Die vorgenommene Auswahl entspringt einem rein persönlichen Interesse: Der Reflexion eigener politischer Positionen und Haltungen, die ich im Verlauf der letzten 20 Jahre zu Jörg Haider eingenommen habe.

Sozialdemokraten und Grüne machten zwei verheerende Fehler. Sie witterten zwar Faschismus, konnten ihn aber nicht verstehen. Sie konnten nur die Nähe Haiders zu NS-Gedankengut identifizieren, Bewusstseinsreste aus der Prägung durch sein Elternhaus, aber nicht, in welche wirkliche und wirksame Nähe er schon längst gelangt war. Es wurde zum Selbstläufer, bei jeder Gelegenheit warnend „Nazi! Nazi!“ zu rufen, was aber keinem seiner Wähler zu denken gab und zum Umdenken bewegen konnte. Denn sie waren keine Nazis, sahen sich mit einigem Recht nicht als Nazis, konnten nicht verstehen, dass Haider und sie als seine Wähler Nazis sein sollten – sie waren doch nur „Patrioten“, rabiate, aber nach bisherigem Konsens unschuldige „Patrioten“.

Ihr zweiter Fehler war, nicht den Unterschied zwischen Kritik und der Konsequenz, die man daraus zieht, zu begreifen. Vieles, das Haider brachial kritisierte, war tatsächlich kritikwürdig. Keiner kann politisch Erfolg haben, der nicht die Themen anspricht, die die Menschen bewegen, der nicht gegen eine Situation ankämpft oder anzukämpfen scheint, unter der viele leiden oder die ihnen zumindest auf die Nerven geht. Die Frage, die den Unterschied zwischen Parteien ausmacht, ist doch, welche Konsequenzen man aus der Kritik zieht, welche Lösungsvorschläge man hat.

Haiders Talent bestand darin, vieles zu Recht in Frage zu stellen, und dann glaubwürdig zu sein, auch wenn er falsche Antworten gab. Aber es wurde für alle, die Haiders Gesinnung ablehnten, zur Selbstverständlichkeit, zum Automatismus, schon seine Kritik zu kritisieren und zurückzuweisen, so als erwiese sich Antifaschismus bereits darin, verbissen zu verteidigen, was ein Faschist kritisiert, statt selbst vernünftigere Lösungsvorschläge anzubieten. Jahrzehntelang hatte die linke Intelligenz zum Beispiel die österreichische Nebenregierung durch die Sozialpartner kritisiert, als jedoch Jörg Haider die Sozialpartnerschaft frontal angriff, begannen die Linksintellektuellen sie reflexhaft zu verteidigen.

Das produzierte Schizophrenien, in denen sachliche Diskussionen nicht mehr möglich waren. Haider bekam Zulauf, weil er kritisierte, was viele kritisierten, seine Gegner verloren Zustimmung, weil sie zum Teil wider besseres Wissen eben dies verteidigten. Hätte Haider gesagt, dass zwei Mal zwei vier ist, die Antifaschisten hätten eine neue Mathematik begründet. Hätte er den Kampf gegen den Klimawandel zur Koalitionsbedingung erklärt, die Grünen hätten Braunkohlekraftwerke gefordert.
(…)
Auf diese Weise ist damals in wechselseitigem und gemeinsamem Verschulden mehr an politischer Kultur in Österreich zerstört worden, als zuvor dem Anschein nach aufgebaut worden war. Der Erfolg Haiders und der Misserfolg in der Auseinandersetzung mit ihm haben ein politisches Klima geschaffen, in dem nur noch patriotischer Populismus möglich scheint, und politische Unterschiede nur noch daran festgemacht werden, ob der Populist populär ist oder nicht. Wolfgang Schüssel, der Prototyp des Populisten, der nicht populär ist, ist selbst an diesem Geist, den er rief, gescheitert. Nicht er hat Haider „gebändigt“, wie man heute sieht, er ist vielmehr an der Messlatte Haider, mit der er zu spielen glaubte, als zu klein gemessen worden.

Umgekehrt wurde das politische Denken in Österreich zugleich dadurch verwüstet, dass nun jeder, der politische Ziele formuliert, die auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stoßen, sofort als Populist denunziert wird. Das ist jetzt Werner Faymanns Problem. Aber leider nicht nur seines.“

Haider ist tot. Und wir alle müssen mit ihm leben„, mit diesen Worten endet Menasses Kommentar. Und hier noch Anton Pelinka im O-Ton, der vor der Mythenbildung warnt, die von Haiders Epigonen mit Hochdruck befördert wird: Wen wunderts, sie wissen schließlich, dass sie nur dann politisch überleben werden, wenn der Nimbus des Landesfürsten weiterhin über Kärnten strahlt.

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Playstation Cordoba

Montag, 28. Juli 2008 19:13


Youssef Chahine

Auf Klaus Theweleits Website findet sich ein einziger Essay, der Essay mit dem Titel „Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell„, den der Autor in erweiterter Form in dem Buch „Der Knall“ publiziert hat. Er erläutert darin ein seit Jahrhunderten nahezu unverändertes (Bürger)Kriegsmodell: Wer multikulturelle Gesellschaften zerstören will, muss Konflikte schüren, indem er eine radikale, die Multikulturalität ablehnende Gruppe, unterstützt – and the war game starts.

Als Folie für die Erläuterung der Technik des Kaputtmachens aufgeklärter Gesellschaften durch Re-Ethnisierung und Religion dient Theweleit der Film „Das Schicksal„, des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1997 vorgestellt, zeigt „Das Schicksal“ am historischen Beispiel Cordoba, wie im 12. Jahrhundert eine multikulturelle Gesellschaft (Mauren, Christen, Juden und „Zigeuner“) durch islamische Fundamentalisten zerstört wurde – dank der Waffenhilfe christlicher Fundamentalisten (der Kreuzritter), die sich am Ende (1236) auch der Islamisten entledigen, sodass „nur ein einziger Fundamentalismus übrig blieb, der spanische katholisch-imperiale„, wie Theweleit anmerkt.

Leider habe ich „Das Schicksal“ noch nie gesehen, könnte mir aber gut vorstellen, dass dieser Film von ebenso großer Bedeutung für das Verständnis des Denkens und der Arbeitsweise seines Regisseurs ist wie der „Play Station Cordoba„-Essay für dessen Autor.

Youssef Chahine ist gestern im Alter von 82 Jahren in Kairo gestorben.

Nachtrag: Arte zeigt den Film am 31. Juli um 22.30 Uhr!!

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Claus Gatterer

Dienstag, 6. Mai 2008 20:43

Alljährlich vergibt der Österreichische Journalisten Club, die größte Journalistenorganisation Österreichs, den Claus-Gatterer-Preis an sozial engagierten Journalismus. Der mit 5000 Euro dotierte Preis erinnert an einen Journalisten, der in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren zunächst als Printjournalist bei den „Tiroler Nachrichten“ und den „Salzburger Nachrichten„, danach im „Forum“ und im „Express“ tätig war, ehe er im Jahre 1972 zum ORF kam, wo er von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 1984 die Leitung des Fernsehmagazins „teleobjektiv“ innehatte.

Warum Claus Gatterer für dieses Land so wichtig war, zeigen zwei Artikel (der erste beschäftigt sich mit dem Fall Borodajkewycz, der zweite mit dem skandalösen Freispruch des Naziverbrechers Franz Nowak) die 1966 nicht in österreichischen Zeitungen, sondern in der renommierten „Zeit“ in Hamburg erschienen sind, und die ich im Zeit-Archiv entdeckt habe. Übrigens: In diesem Online-Archiv sind sämtliche seit 1946 in der „Zeit“ erschienene Artikel kostenfrei zugänglich!

DIE ZEIT, 27.05.1966 Nr. 22
Der Wiener Professorensturz – Das Ende der Affäre Borodajkewycz
Wien, Ende Mai

In einem lakonischen Vier-Zeilen-Kommunique teilte der Disziplinarsenat der Wiener Hochschule für Welthandel am vergangenen Wochenende mit, daß der zweiundsechzigjährige Historiker Professor Taras von Borodajkewycz strafweise in den dauernden Ruhestand versetzt worden ist. Keine Begründung, kein Kommentar. Das Ende der Affäre, die Österreich seit dem März 1965 bewegt, war in der Eindeutigkeit der Entscheidung ganz und gar unösterreichisch.
Das Kapitel Borodajkewycz ist wohl das betrüblichste in der Geschichte der Zweiten Republik. Der Historiker lehrte die Hörer, daß die österreichische Verfassung eine „Schöpfung des Juden Kelsen, der früher Kohn hieß“, sei und die Weimarer Verfassung ein Werk des „Juden Hugo Preuss“; vieles an Karl Marx, sagte er, sei nur verständlich, wenn man um dessen Herkunft aus dem Rabbinertum wisse. Rosa Luxemburg bezeichnete er als „jüdische Suffragette“.
Die „österreichische Nation“ kann für Borodajkewycz „nur zwischen Unkraut gedeihen“; das Jahr 1945 hat nach diesem Historiker „den bisherigen Kodex der Menschheit umgestülpt und Feigheit, Fahnenflucht, Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes gepriesen“. Auch die österreichische Eigenstaatlichkeit ist für den großdeutschen Professor aus der Ukraine, der 1934 schon, obwohl Katholik, illegaler Nazi war und als Staatsarchivar „im Hause des Bundeskanzler selbst ein sicheres illegales Depot“ für die Nazibewegung errichtet hatte, zumindest problematisch. „Es ist nur ein. Teil der gesamtdeutschen Katastrophe“, schrieb er im Bonner „Parlament“, „daß wir deutschen Österreicher zum zweiten Male innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben“ — jenes Vaterland, in welchem „der glanzvollste Redner des zwanzigsten Jahrhunderts, der Redner par excellence“, Adolf Hitler, regierte.
Nicht gegen Borodajkewycz, sondern gegen das, was er lehrte, gingen am 31. März 1965 ehemalige Widerstandskämpfer, Studenten, „österreichische Österreicher“ aller Art in Wien auf die Straße; die Freunde des Historikers veranstalteten eine Gegendemonstration — angeblich um die Hochschulautonomie zu verteidigen. Bei einem Zusammenstoß wurde ein alter Mann — der Kommunist Ernst Kirchweger — niedergeschlagen und getötet; der Schläger war ein wegen rechtsextremistischer Betätigung schon vorbestrafter Student, Anhänger des „Ringes Freiheitlicher Studenten“ (RFS), jener Corps und Burschenschaften, die gerade an der Hochschule, an der Borodajkewycz lehrte, eine ihrer Hochburgen haben. Ein Zufall? Ein Zufall, daß aus den Reihen des RFS der Propagandist des Südtirolterrors, Norbert Burger, und viele der Freiwilligen seiner „Kinderkreuzzüge gegen Italien“ kommen? Das Üble am Fall Borodajkewycz war, daß die Geister, die er freigesetzt hat, weiter wirkten und weiter wirken.
„Ein Symptom wäre bereinigt. Wer wagt sich an die Ursachen?“ fragte die katholische Wiener „Furche“. Einen Tag nach der Zwangsbeurlaubung des Historikers sandte NBC in Amerika einen Dokumentarfilm über antisemitische Strömungen in Österreich. Borodajkewycz kam in der Sendung auch selber zu Wort: er sei, sagte er, an antisemitischen Regungen völlig schuldlos; er werde nur verfolgt, weil er sich als Deutscher fühle und weil er offen bekenne, Nazi gewesen zu sein. Hatten die meisten Österreicher den Spruch des Disziplinarsenats gegen den Historiker ungerührt gelassen zur Kenntnis genommen, die Tatsache, daß die Amerikaner nach antisemitischen Regungen in Österreich zu forschen wagten, regte nun sehr viele sehr heftig auf.
Die „Neue Front“, das Zentralorgan der Freiheitlichen, meinte, die „notorischen Neonazigespensterseher“ hätten den „Hetzfilm über Österreich“ nur wegen der exorbitant hohen amerikanischen Honorare „zusammengebraut“. Der sozialistische „Expreß“ und das ÖVP-Zentralorgan „Volksblatt“ hielten den Amerikanern in seltener Einmütigkeit die Rassisten im eigenen Haus („gummikauende, Hamburger essende Ku-Klux-Klan-Leute“) und den strammen österreichischen Antikommunismus vor. An diesem Film „An Austrian Affair“ reagierte man also ab, was sich an dem endlich bereinigten Fall Borodajkewycz schicklicherweise nicht abreagieren ließ. Auch dies ein Symptom? Wahrhaftig: „Wer wagt sich an die Ursachen?“

DIE ZEIT, 14.10.1966 Nr. 42
Wien, im Oktober

Heimat bist du großer Söhne?“ Diese Verszeile aus der österreichischen Nationalhymne wurde, groß auf ein Transparent gemalt, einem Zug von Studenten vorangetragen, die gegen den Freispruch des „Fahrdienstleiters des Todes“, Franz Novak, durch ein Wiener Geschworenengericht demonstrierten.
Novak, 1913 geboren, seit 1929 in der HJ, 1934 am NS-Putsch in Österreich beteiligt, mit Adolf Eichmann zur „Endlösung der Judenfrage“ in Wien, Prag und Budapest eingesetzt und für die Organisation der Massentransporte in die Vernichtungslager mit einer steilen SS- Karriere belohnt — dieser Franz Novak lebte gutbürgerlich als Druckereileiter in Wien und erhielt sogar die österreichische Staatsbürgerschaft wieder. Bis 1960 als „Abfallprodukt“ des Eichmann-Verfahrens sein Steckbrief nach Wien gelangte.
Im ersten Prozeß wurde er 1964 wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ zu acht Jahren verurteilt; der Oberste Gerichtshof aber hob den Spruch wegen eines formalen Fehlers auf. Im zweiten Prozeß wurde die direkte Mitschuld Novaks an den Massenvernichtungen noch klarer nachgewiesen. Das Ergebnis: Die Geschworenen erkannten ihn mit 7 zu 1 Stimmen der „öffentlichen Gewalttätigkeit“ schuldig; billigten ihm aber „unwiderstehlichen Zwang“ — Befehlsnotstand — zu. Novak verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Novak hatte keinen Befehlsnotstand geltend gemacht, aber die Geschworenen in ihrem „gesunden Volksempfinden“ billigten ihm diesen zu. Das erschien ihnen offenbar ganz selbstverständlich. Und wie sollte es denn auch anders sein, wenn die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum millionenfachen Massenmord zur „öffentlichen Gewalttätigkeit“ bagatellisiert? Wenn seit spätestens 1949 allen ehemaligen Nazigrößen gemäß Österreichs offizieller Formel, das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein, Generalabsolution erteilt wird? Wenn Minister den grassierenden Antisemitismus wider besseres Wissen leugnen und manche Parteien ihn sogar ungeniert im Wahlkampf benützen? Wie sollte es anders sein, wenn den durch Bluturteile belasteten Dienern der Justiz nicht nahegelegt wird, freiwillig in Pension zu gehen? Wenn Hitlers Krieg noch heute als ein „antibolschewistisches“ Unternehmen (mit einigen bedauerlichen Exzessen) definiert wird?
Nicht für Novak gilt der Notstand. Er gilt für die österreichischen Geschworenen. In sechzehn Kriegsverbrecher-Prozessen seit 1960 gab es acht Freisprüche, und der für die Deportierung von rund 100 000 holländischen Juden verantwortliche Rajakowitsch kam, wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ verurteilt, mit 30 Monaten Kerker davon.
Auf einen „Fortschritt“ muß indessen hingewiesen werden: In Wien wurde zu Novaks Freispruch nicht schon im Gerichtssaal applaudiert, wie sonst üblich ist.

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Die Wohlgesinnten

Dienstag, 1. April 2008 18:15

Die mediale Aufmerksamkeit, mit der Die Wohlgesinnten, so der deutsche Titel des Romans von Jonathan Littel, der vor zwei Jahren im französischen Original erschienenen ist und sowohl beim Publikum (rund 800.000 verkaufte Exemplare) als auch bei der Kritik (prämiert u. a. mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, den der Autor aber dankend ablehnte) großen Anklang fand, im deutschsprachigem Raum bedacht wird, dürfte im Buch- und Verlagssektor wohl einzigartig sein. Die FAZ hat eigens einen Reading-Room eingerichtet, also eine Internet-Plattform, auf der Auszüge aus dem Werk ebenso zu finden sind wie Kommentare von Historikern, Schriftstellern und Literaturkritikern sowie zahlreiche Rezensionen, die in deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind. Dass auch der Berlin-Verlag, in dem das Buch verlegt wurde, eine eigene Website eingerichtet hat mit Interviews, Links zu Quellenmaterialien, historischen Backgroundinfos, literaturphilosophischen Einordnungsversuchen sowie einer vom Autor selbst zusammengestellten Literaturliste, überrascht somit ebenso wenig, wie der beinahe schon obligatorisch gewordene WIKIPEDIA-Eintrag.

Warum diese Aufmerksamkeit, dieses Feuilletongetöse – noch dazu ein über weite Strecken ablehnendes (große Ausnahmen: Klaus Theweleit mit einer brillanten Gegenrede und Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk) – über einen literarischen Text, dessen Themen, das Naziregime, WK II und die Vernichtung des europäischen Judentums, nahezu täglich in Dokumentationen, Diskussionen und Filmen im deutschen Rundfunk, vorwiegend in den Dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hörfunks, behandelt werden, dennoch nachvollziehbar ist, hängt wohl mit dem ungewöhnlichem Verfahren zusammen, dass Jonathan Littell, ein in Amerika geborener Jude, der mittlerweile französischer Staatsbürger ist, gewählt hat. Auf Basis von Aufzeichnungen, Berichten und Reden der Nazis und in umfassender Kenntnis der zeitgeschichtlichen Forschungsliteratur konstruiert er seinen Ich-Erzähler, den SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue. Diesen Kunstnazi lässt er über die Barbarei sprechen – reuelos.

(„Diesen Leuten Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten.“ Jonathan Littell)

Aue, nach WK II in Frankreich untergetaucht, schreibt 40 Jahre später seine Erinnerungen. Mit der Aue’schen Perspektive (= das ist die Perspektive des jüdischen Schriftstellers, der sich in einen SS-Mörder versetzt), mit diesem Kameraauge, zoomen wir auf das Grauen. Was wir zu sehen bekommen, ist mit einer oftmals unerträglichen Genauigkeit und Drastik gezeichnet (etwa die Massaker der SS-Einsatzgruppen in der Schlucht von Babyn Yar im Jahre 1941). Dass viele Literaturkritiker sich gerade an dieser Drastik stoßen, dem Autor Pornografie vorwerfen, ist äußerst merkwürdig:

Solche Beschreibungen haben ihre Berechtigung, weil es nun einmal der Körper ist, der im Krieg leidet: unter völligem Mangel an Hygiene, verschlissener Kleidung, Hunger und Krankheit, extremen Wetterverhältnissen, Hitze oder schneidender Kälte. Und natürlich vor allem unter den vielfältigen Waffen, die nur einen Zweck haben: menschliche Körper möglichst nachhaltig zu zerfetzen.“ (Wolfgang Schneider).

Diese Berichte der Barbarei, oftmals in Form von Alpträumen und Wahnvorstellungen wiederkehrend erzählt, sind eingewoben in einen grotesken Family-Thriller – in Anlehnung an die Orestie des Aischylos (Aue liebt seine Schwester inzestuös, hasst und mordet seine Mutter, und wird deshalb auch von zwei Kriminalpolizisten gejagt).

Auch ein weiterer Vorwurf, wonach Littell ein Nazi-Intellektuellen-Milieu schildere, das es so nicht gegeben hätte, geht ins Leere bzw. zeigt lediglich, dass viele Rezensenten jüngste Forschungsergebnisse noch nicht zur Kenntnis genommen haben. So hat etwa der am Hamburger Institut für Sozialforschung tätige Historiker Michael Wildt in seiner Studie über das Personal des Reichssicherheitshauptamtes, also jener Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, und der Littells Aue angehört, gezeigt, dass mehr als drei Viertel des Führungskorps Matura, zwei Drittel überwiegend Jus studiert und nahezu ein Drittel einen Doktortitel hatten. Wildt schreibt dazu in seiner Einleitung:

Diese Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.

Dieser Aspekt, der seit den Nürnberger Einsatzgruppenprozessen bekannt ist, wurde im Verlauf der 50-er und 60-er Jahre allerdings ausgeblendet.

Stimmiger schienen andere Täterbilder zu sein: NS-Täter als sozial Deklassierte, als Bürokraten und Schreibtischtäter, als ideologiefreie Technokraten oder rationale Sozialingenieure, als ‚ordinary men’ oder ‚ganz normale’ Täter.

Das wohl am meisten verstörende an Littells Buch hat Wolfgang Schneider wie folgt formuliert:

Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Max Aue gehört einerseits zur SS-Elite, ist uns andererseits aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten – und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite.

Ohne es zu merken, werden wir zum Mörder!

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Notizen zu Lion Feuchtwangers‘ "Die Geschwister Oppermann"

Dienstag, 25. Dezember 2007 12:29

Ich las den Roman „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger. Stauend entnahm ich dem kurzen Nachwort, dass der Text im Frühjahr 1933 verfasst und bereits im November 1933 im Querido-Verlag in Amsterdam erschienen ist. Feuchtwanger befand sich auf einer Auslandsreise, als er von der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 erfuhr; er sollte zeitlebens nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.

Der Schriftsteller Gustav Oppermann, als Alter Ego des Autors angelegt, feiert seinen 50. Geburtstag in seiner Villa in Berlin Grunewald. Man schreibt November 1932, man mokiert sich über die „Landsknechte“, über deren grenzenlose Dummheit und ist davon überzeugt, dass die Nazis ihre größten Erfolge bereits hinter sich haben. Die von den Zionisten geäußerten warnenden Stimmen, bleiben in der Minderheit. So beginnt Feuchtwangers’ Roman, in dem er die Geschichte der drei Brüder Martin, Gustav und Edgar Oppermann und ihrer Familien vor dem Hintergrund der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeichnet. Martin, Inhaber und Geschäftsführer eines angesehenen Möbelhauses in Berlin, Gustav, der Schriftsteller und Edgar, der bekannte Arzt, stehen beispielhaft für das assimilierte Berliner Judentum. Dem Autor gelingt es auf eindringliche Weise zu zeigen, wie sich die Barbarei in den Institutionen der Weimarer Republik, in Wirtschaft und Gesellschaft, einnistet und warum – trotz Wahrnehmung aller Anzeichen – die assimilierten Juden die existenzielle Bedrohung lange nicht wahr haben wollen.

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