Werner wird’s machen!

In einem Kommentar zu meinem gestrigen Blogeintrag wird die Ansicht vertreten, dass es sich bei der kommenden Nationalratswahl um eine Richtungsentscheidung handle und eine Koalition von Schwarz-Blau-Orange als sehr wahrscheinliche Variante abermals drohe. Welche Gründe aus meiner Sicht gegen die Neuauflage einer Dumpfbacken-Koalition sprechen, werde ich im Folgenden kurz versuchen zu erläutern.

Erstens:
Werner Faymann, genauer, Werner Faymann und die SPÖ werden die Nationalratswahl gewinnen! Faymann verkörpert absolut authentisch einen pragmatischen (linken) Populismus. Mit dem Fünf-Punkte-Programm gegen die Teuerung hat die SPÖ eindeutig die Themenführerschaft übernommen, und – ganz zentral – Faymann weiß im Unterschied zu Alfred Gusenbauer von der Macht und Kraft symbolischer Politik. So spricht er etwa in seiner Rede zum Wahlauftakt der SPÖ (letzten Freitag in der Wiener Stadthalle) die anwesenden Funktionäre, Gewerkschafter, Betriebsräte und einfachen Parteimitglieder mehrfach mit „Genossinnen und Genossen“ an. Eine Anrede, die Gusenbauer nicht einmal am 1. Mai-Aufmarsch über die Lippen gekommen wäre – und wäre sie es, und dies muss zur Verteidigung Gusenbauers angeführt werden, sie wäre als taktisches Manöver durchschaut worden. Hingegen, wenn Faymann die Gewerkschaften wieder ins gemeinsame Boot holt, dann wird das nicht als Wahltaktik verstanden, wiewohl es das selbstverständlich auch ist, sondern als überzeugender Appell zur Solidarität innerhalb der sozialdemokratischen Gesinnungsgemeinschaft. In Faymanns „Gemeinsam-sind-wir-nicht-zu-schlagen!„-Haltung drückt sich, bei aller Inszenierung, eine Authentizität aus, die ihn als unverbogenen Kerl erscheinen lässt, und nicht als positionslosen und aalglatten Politiker, als den ihn die VP und ihr nahestehende Journalisten uns glauben machen wollten. Es gelingt ihm, mit klaren Worten einen sozialdemokratischen Pragmatismus zu vermitteln, einen Pragmatismus, den er als bekennender Konsenspolitiker auch authentisch „verkörpert“ – wie man etwa auch in der TV-Konfrontation mit Alexander van der Bellen sehen konnte. (Hier zum Nachschauen).
Deshalb, denke ich, wird die SPÖ ihre Kernschichten und Stammwähler behalten, nahezu nichts an die FPÖ verlieren und die marginalen Verluste bei Teilen der Intellektuellen (Stichwort: EU und Krone) verkraften können.

Zweitens:
Die ÖVP und Molterer/Schüssel werden eindeutig verlieren – und aus der Politik verschwinden!
Die ÖVP hat ein massives strategisches Problem und einen espritlosen Spitzenkandidaten, sodass sie selbst ihr Stammwählerpotential, das ohnehin geringer ist als jenes der SPÖ, nur zum Teil wird ausschöpfen können. Die Volkspartei hat keine eigenständigen Themen, weil alle Positionen, die sie im Wahlkampf zu lancieren versucht, von anderen Parteien übernommene sind: „Ausländer“ oder „Sicherheit“ von der FPÖ, „Familienbeihilfe“ und „Karenzgeld“ von der SPÖ, wobei sich die Volkspartei mit der Übernahme von SP-Forderungen, folglich von Positionen, die von der SPÖ in der Regierung forciert und von der ÖVP jahrelang blockiert und abgelehnt wurden, überdies ein veritables Glaubwürdigkeitsproblem eingefangen hat.
Auf Basis dieses Befundes schließe ich, dass die ÖVP weiter Stimmen an die FPÖ und die SPÖ verlieren wird, jene Wählerstimmen, die Schüssel 2002 nur dank K. H. Grasser holen konnte und die 2006 nur deshalb nicht gänzlich an die FPÖ und die SPÖ zurückgeströmt sind, weil sich die Dumpfbacken bekanntlich untereinander bekriegt haben. Ich denke, das werden so rund 5% der abgegebenen Stimmen sein, die die Volkspartei an FPÖ und SPÖ verlieren wird. Überdies kann Molterer Kärnten abschreiben, und in Tirol wird ihm auch die Liste Fritz zu schaffen machen. Da Erwin Pröll und die niederösterreichische VP nicht so, wie sonst gewohnt, in die Hände spucken werden, und die SPÖ in Wien, wo Faymann langjähriger Wohnbaustadtrat gewesen ist, einen massiven Überhang an Stimmen herausholen wird, muss die VP, die 2006 knapp 34% der Stimmen erreicht hat, hoch zufrieden sein, wenn sie am 28. September in etwa das Ergebnis von 1999 einfährt, also auf etwa 27% kommt. Ich denke, es werden noch weniger werden. Jedes darüber liegende Ergebnis wäre meinem Erachten nach eine echte Überraschung!

Drittens:
Nun werden zwar vermutlich auch nach dieser Wahl die rechten Parteien rein rechnerisch über eine Mehrheit im künftigen Nationalrat verfügen – wiewohl auch hier noch alles offen ist, weil 2-3% in die eine oder andere Richtung eine völlig neue Ausgangslage schaffen könnten -, aber im Unterschied zu den letzten Wahlgängen ist das keine Trumpfkarte mehr im Koalitionspoker: H. C. Strache und seine FPÖ werden nämlich mit Sicherheit nicht in eine Regierung mit dem BZÖ gehen, und eine VP-Minderheitsregierung, die von den Rabauken möglicherweise geduldet werden würde, kann sich die VP abschminken, weil sie nicht die stimmenstärkste Partei wird.

Viertens:
Die Grünen sind aus dem Spiel. Sie werden ihr Wahlergebnis von 2006 kaum halten können, weil ihnen insbesondere das Antreten Heide Schmidts, mit Abstrichen aber auch der Liste Fritz, der Liste Rettet Österreich und der Linken Liste ebenso wichtige Stimmen kosten wird wie insgesamt der sich zunehmend auf Faymann oder Molterer zuspitzende Wahlendkampf. Ich denke, sie müssen froh sein, wenn sie 9% der Stimmen einfahren können.

Fünftens:
Was passiert mit den Kleinparteien, also mit BZÖ, LIF und Liste Fritz? Die anderen Parteien (Die Christen, Rettet-Österreich, die Linke Liste und die KPÖ) werden nur insofern eine Rolle spielen, weil sie zusammen auch auf rund 3-4% der Stimmen kommen können, was letzten Endes nicht ganz unbedeutend sein könnte (siehe Fazit).
Das BZÖ wird sich wohl verbessern können, und nicht nur in Kärnten, sondern auch in anderen Bundesländern von FPÖ wie ÖVP Stimmen holen. Ich rechne, dass sie auf 6-7% der Stimmen kommen werden. LIF und Liste Fritz sind kaum auszurechnen, wobei ich dem LIF deshalb mehr Chancen einräume, weil die de facto Nullpräsenz im Fernsehen vor allem Dinkhauser schaden wird. Dennoch gehe ich einmal davon aus, dass beide Parteien jeweils so um die 3-4% der Stimmen erreichen können, mit leichten Vorteilen für Heide Schmidt – ob’s für den Einzug in den Nationalrat reicht? Man wird sehen.

Fazit:
Damit komme ich zu folgender Wahlprognose:

32,5% SPÖ
25,5% ÖVP
16,0% FPÖ
9,0% Grüne
6,5% BZÖ
4,0% LIF
3,0% Liste Fritz
3,5% Rest

Wahrscheinlichste Koalition folglich SPÖ-ÖVP unter Werner Faymann und Josef Pröll. Freilich, falls das LIF den Einzug schaffen sollte, die anderen Kleinparteien rund 7% der Stimmen holen (und damit versenken), sodass sich eine Mandatsmehrheit auch mit 46-47% der abgegebenen Stimmen ausgeht, dann wäre – mit sehr viel Glück – eine SPÖ-Grüne-LIF Koalition zumindest theoretisch möglich.

Seems like Groundhog Day forever

Mir fällt zum Wahlkampf nichts ein. Er kann mein Interesse nicht wecken, weil sein Ausgang schon feststeht. Werner Faymann gewinnt und die SPÖ kommt auf über 30% der abgegebenen Stimmen. Wilhelm Molterer und Wolfgang Schüssel verlieren wieder eine Wahl. So wie 2006 wollen sie es auch dieses Mal nicht kapieren, aber da Christian Konrad und Erwin Pröll von den beiden längst die Schnauze voll haben, werden sie nach einer den Schein wahrenden Bedenkzeit von drei Wochen in die Privatwirtschaft entlassen. H. C. Strache freut sich tierisch über Zugewinne für die FPÖ, darf er doch weiterhin die Rolle des Halbstarken im Nationalrat mimen. Die Grünen bestätigen ihre 11% aus dem Jahre 2006, und, da sie wider Erwarten den vierten Platz vor dem erstarkten BZÖ erreichen konnten, applaudieren sie sich selbst im Rahmen einer Wahlparty mit Slow-Food Produkten aus dem Waldviertel und Bio-Wein aus dem kroatischen Teil des Burgenlandes. Heide Schmidt, obzwar mit ihrem Liberalen Forum knapp an der 4% Hürde gescheitert, reklamiert im Interesse der politischen und moralischen Erneuerung des Landes noch am Wahlabend das Amt der Justizministerin für sich. Ihrem nicht mit der STRABAG abgesprochenen Begehren können weder Bundeskanzler in spe Werner Faymann noch Vize-Kanzler in spe Josef Pröll, die den Staatstanker in den kommenden Jahren durch alle Wirrnisse steuern wollen, nachkommen: Faymann nicht, weil er auch in Zukunft mit Hans Dichand in der Konditorei sitzen möchte, und Pröll nicht, weil ihn Faymann nicht nach seiner Meinung gefragt hat.

Alle freuen sich. Hans Dichand, der jetzt mit einem Bundeskanzler in der Konditorei sitzen darf. Erwin Pröll und Michael Häupl – die Zwei sowieso. Jörg Haider ebenso, kann er doch in seinem Kärnten bei den Landtagswahlen 2009 beinahe die absolute Mehrheit einfahren. Und auch Alfred Gusenbauer; er wird Mitglied der Europäischen Kommission, zuständig für Binnenmarkt und Dienstleistungen.

P.S.:
Wir schreiben das Jahr 2016. Die ÖVP beendet die langjährige Zusammenarbeit mit der SPÖ, zwei Jahre vor Ablauf der Legislaturperiode, nachdem Werner Faymann zugunsten von Laura Rudas als Parteivorsitzender der SPÖ zurückgetreten ist. Josef Prölls „Mir reicht’s!“ wird von der bürgerlichen Presse mit großer Begeisterung aufgenommen. Ersten Umfragen zufolge liegt die ÖVP mit 23% knapp vor der SPÖ mit 21%. Die FPÖ könnte demnach mit rund 20% der Stimmen rechnen. Die Liste „ER für Euch“ (ehemals als BZÖ bekannt) und ihr Parteiobmann Jörg Haider liefern sich ein Kopf an Kopf-Rennen mit den Grünen, die unter ihrem Langzeitobmann Alexander van der Bellen als erste den Wahlkampf unter dem Motto „Wieder stärker als das BZÖ – ER für Euch werden!“ eröffnet haben. Beide Parteien kommen in den Umfragen auf etwa 11%. Chancen auf einen Einzug ins Parlament darf sich aber auch das Liberale Forum machen, das erstmals seit 2008 wieder kandidieren wird und das mit der Präsentation ihres Spitzenkandidaten, des ehemaligen EU-Kommissars und früheren Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer, einen absoluter Überraschungscoup landen konnte.

Do it yourself


John Currin, „Jaunty und Mame“ (1997)

Da ich mich am Wochenende im Duett mit C. durch die beiden Ausstellung BAD PAINTINGS und Punk – No one is innocent von profunden Kennern führen ließ, genoss ich das Interview mit Paulus Manker im jüngsten Profil ganz besonders. Hier ein kurzer Auszug:

profil: Verfolgen Sie den Wahlkampf?
Manker: Mehr interessiert mich derzeit Amy Winehouse. Da bekommt Kunst endlich wieder diesen verwegen-romantischen Charakter des 19. Jahrhunderts von Baudelaire, Verlaine und später von den Surrealisten. Sie wird wie ein waidwundes Wild gejagt. Und unter dem Brennglas beobachtet man, wie dieser Mensch scheitert und zugrunde geht. Großartig!
profil: Das ist doch tragisch!
Manker: Sie ist eine tolle Künstlerin, hat eine wunderbare Stimme und führt ein völlig verwegenes Leben. Sie macht, was sie will – oder was sie muss, wenn es um Drogen geht. Das geht niemanden etwas an. Dem durchschnittlichen Spießer ist das natürlich too much. Aber wenn die einen Furz lässt, ist das besser als das gesamte Repertoire des Theaters in der Josefstadt! In solchen Sphären hat sich die Kunst zu bewegen! Unerreichbar, unberührbar, jenseitig. Bei uns ist man schon erschüttert, wenn einer einen Joint raucht. Winehouse kann ja nicht wie Maria Rauch-Kallat am heimischen Herd stehen und Fischstäbchen braten!
profil: Diese Leute werden nicht alt.
Manker: Wo steht denn, dass man alt werden muss? Wofür? Für wen? Nur damit man die Pensionen für irgendwelche Halbaffen zahlt? Ich will mein Leben genießen – und wenn es nur 40 Jahre dauert, dann dauert es eben nur 40 Jahre!
profil: Und das Publikum soll dann diese verwegenen Künstlerkerle bewundern, die den Tod nicht fürchten.
Manker: Die Leute bewundern doch den Künstler gar nicht wirklich, sie wollen sich mit ihm nur gemein machen, um ihm dann auf den Kopf zu scheißen. Sie sagen: „Picassos Taube – das kann mein kleiner Fritzi auch.“ Das Lustige ist, der kleine Fritzi könnte es auch, wenn man ihn nur dazu ermutigen würde, dass nämlich nur drei Striche eine Taube sein können oder dass die Omi zwei Nasen und fünf Augen hat. Aber wenn das Kind das dann malt, hört es: „Geh schau, Fritzi, die Omi hat doch nicht zwei Nasen, du bist doch ein Dummerl.“ Dabei ist das die Entdeckung des Kubismus!

Für die Ausstellung Bad Paintings hat Fritz Ostermayer eine Sammlung musikalischer Grausamkeiten zusammengestellt. Unter dem Titel „Bad Taste – Strange Music“ steht sie hier zum gratis Download und anschließendem Leiden bereit. Die 26 Titel umfassende Compilation wird mit den folgenden Geleitworten des großen burgenländischen Vorsitzenden Theodor Kery eingeleitet:

Wir demonstrieren nicht. Wir marschieren nicht. Nein! Wir Burgenländer singen, tanzen und spielen.“

I like Willi

Seitdem ich den exzellenten Auftritt von Mag. Wilhelm Molterer in der gestrigen ORF-Fernsehkonfrontation via Bildschirm miterleben durfte, und staunend zur Kenntnis nehmen musste, wie ein geistreicher und angriffslustiger VP-Obmann den BZÖ-Alt- und Neuchef Jörg Haider über weite Strecken geradezu vorführte, läuft dieser Meilenstein in der jüngsten Fernsehdebattengeschichte dank ORF-IPTV in Endlosschleife auf meinem Computer. Was für eine hinreißende Performance, was für eine fesselnde Show von Molterer! Diese präzise und doch so bezaubernde Körpersprache, dieser wohldurchdachte Einsatz der Hände, dieses so charmante und gewinnende Lächeln, mit dem er wohl nicht nur die Moderatorin im Studio sondern auch die hunderttausenden Menschen vor den Bildschirmen in Entzückung versetzte. Und nach wie vor echt überrascht bin ich von Molterers rhetorischer Brillanz, mit der es ihm sicherlich spielend gelang, die Zuseherinnen und Zuseher von den zukunftsweisenden Konzepten seiner Volkspartei, insbesondere vom Vorhaben, eine Steuerreform erst im Jahre 2010 durchzuführen, zu überzeugen.

Als alten Fernsehjunkie hat mich Molterers wunderbare Performance an die bestechend authentischen Auftritte des Dr. Günther Ziesel, ehemaliger ORF-Chefredakteur und ORF-Landesintendant der Steiermark, erinnert, vor allem an dessen Moderationen des „Alpen-Donau-Adria“-Magazines, dieser Perle der ORF-Fernsehdokumentation.

Danke, lieber Mag. Wilhelm Molterer! Nur so weiter! Die Menschen dieses Landes werden Dir ewig dankbar sein!

Wahlhilfe

Soll zur Armutsbekämpfung in Österreich Vermögen höher besteuert werden?
Sollen straffällige Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft unabhängig von ihrer bisherigen Aufenthaltsdauer abgeschoben werden?
Soll in Österreich die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen (Gesamtschule) eingeführt werden?
Soll Kunst, die gesellschaftlich polarisiert, mit staatlichen Mitteln gefördert werden?

Vier von insgesamt 26 Fragen, die sich auf der Wahlkabine.at finden und die mit Ja/Nein/Keine Angabe beantworten werden können. Zugleich kann man auch angeben, welchen Stellenwert man dem jeweiligen Thema beimisst. In Form eines automatisierten Verfahrens werden sodann die gegebenen Antworten mit den Standpunkten der Parteien (SPÖ, ÖVP, Grüne, FPÖ, BZÖ, LIF, KPÖ) verglichen, wobei auch die Bedeutung des Themas für diese Parteien berücksichtigt wird. Das Ergebnis zeigt somit nicht nur den Grad der Übereinstimmung mit einer Parteilinie, sondern auch die Distanz zu den jeweils anderen.

Ein interessantes Spiel, dessen Detailergebnisse für Überraschung sorgen können. Wer dann noch nicht genug vom politischen Fragespiel hat, kann sich auch den 25 Fragen der Politikkabine.at stellen.

Breaking the rules

Sommer 1979. Ein Wirtshaus im Waldviertel. Im „Extrazimmer“ standen ein Billardtisch, zwei Flipperautomaten und ein „Wuzzler„, also die großen Trostspender für jene quälenden Momente, in denen der Heranwachsende sich kaum mehr in der Lage sieht, sein sexuelles Begehren mit dem Verweis auf das „Prinzip Hoffnung“ zu bändigen. Zwischen diesen Rettungsapparaturen stand auch ein alter Wurlitzer aus den späten 1960-er Jahren. Neben deutschsprachigem Schlagergut war die Jukebox auch mit einigen zu jener Zeit gerade angesagten Songs aus den Pop-Charts bestückt. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack zu unserem Automatensex vor allem aus den folgenden fünf Songs bestand: „Rivers of Babylon“ (Boney M.), „Tragedy“ (Bee Gees), „Born to be alive“ (Patrick Hernandez), „Chiquitita“ (Abba) und dem einzigen Song, den ich wirklich mochte, „Le Freak“ von Chic. Es war die Zeit der Disco-Musik, der „Scheiß-Disco„-Musik, wie ich zu sagen pflegte, die nicht meine Musik war. Meine Musik jener Jahre war die Rock-Musik der 1960-er, und frühen 1970-er Jahre, die, was mir damals überhaupt nicht in den Sinn kam, bis auf die große Ausnahme Jimi Hendrix, ausschließlich eine von „Weißen“ produzierte war. Aber „Le Freak“ gefiel mir, wenngleich ich das damals nie und nimmer eingestanden hätte. Der Song, mehrere Wochen Nummer 1 in den USA (Billboard Charts), schaffte als beste Platzierung den 6. Platz in den Ö3-Charts, wie ich jetzt herausgefunden habe.

An diesen längst vergangenen Wirthaussommertraum erinnerte ich mich, als Nile Rodgers, Mastermind von Chic, in dem hervorragenden Dokumentarstreifen Breaking the Rules, der sich mit der US-Amerikanischen Gegenkultur beschäftigt, über die Entstehung von „Le Freak“ folgende Story erzählte: Auf Einladung von Disco-Queen Grace Jones wollte er ins New Yorker Studio 54, in den späten 1970-er Jahren der hippste Discotempel der Welt, aber als „Schwarzer„, den die „weißen“ Türsteher nicht erkannten, blieb ihm der Eintritt verwehrt. „Aaaaahh, fuck off„, dachte er sich, und aus diesem „Aaaaahh, Fuck off“ wurde dann der Millionenseller „Aaaaahh, Freak out„, weil, wie er lächelnd anmerkt, das „F-Word„, heute in jedem Kinderprogramm zu hören, zu jener Zeit Radioverbot für einen Song bedeutet hätte.

Ob Mythos oder nicht, die Story ist deshalb wahr, weil sie den sozialen und politischen Kontext anspricht, der „black music„-Songs inhärent ist – unabhängig davon, ob sie den Kontext explizit ansprechen oder nicht. Amiri Baraka, Schriftsteller und Aktivist der Black Power Bewegung, hat das in seinem Buch „Blues People“ präzise erläutert. (Dass Amiri Baraka wiederholt mit antisemitischen Statements auffällig geworden ist, muss auch erwähnt werden.)

In „Breaking the Rules“ kommen neben vielen anderen auch Rodgers und Baraka zu Wort. Warum dieser Film so sehenswert ist, beschreibt der ARTE-Ankündigungstext, den ich mit Links versehen habe, durchaus treffend:

Gemeinsam mit Ruth Weiss, Lawrence Ferlinghetti und Michael McClure betritt der Zuschauer die Clubs der 50er Jahre im New Yorker Village und in North Beach/San Francisco. Hier treffen Jazz und Poetry aufeinander. Mit Amiri Baraka und Melvin van Peebles träumt der Zuschauer von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße als Brüder an einem Tisch sitzen, er kämpft mit Anne Waldman und Ed Sanders gegen den Vietnam-Krieg, braust mit Peter Fonda über die Highways, feiert mit Wavy Gravy und Ray Manzarek den „Summer of Love“ und wird an der Seite von Afrika Bambaataa, RZA, Kurtis Blow und Grandmaster CAZ Zeuge der ersten Hip-Hop-Blockparties in der Bronx.
Ein Phänomen verbindet dabei alle Bewegungen miteinander, die Kommerzialisierung von Gegenkultur. Der Film dokumentiert, wie nach einer anfänglichen Phase des Misstrauens und der Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft, der Markt die Codes der Gegenkultur übernimmt und Teil der Alltagskultur werden lässt. Doch Gegenkultur lässt sich nicht wirklich zähmen. Sie scheint vielleicht eine Zeitlang verschwunden zu sein, um dann umso überraschender wieder aufzutauchen – erst versteckt, dann aber immer lauter.

Playstation Cordoba


Youssef Chahine

Auf Klaus Theweleits Website findet sich ein einziger Essay, der Essay mit dem Titel „Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell„, den der Autor in erweiterter Form in dem Buch „Der Knall“ publiziert hat. Er erläutert darin ein seit Jahrhunderten nahezu unverändertes (Bürger)Kriegsmodell: Wer multikulturelle Gesellschaften zerstören will, muss Konflikte schüren, indem er eine radikale, die Multikulturalität ablehnende Gruppe, unterstützt – and the war game starts.

Als Folie für die Erläuterung der Technik des Kaputtmachens aufgeklärter Gesellschaften durch Re-Ethnisierung und Religion dient Theweleit der Film „Das Schicksal„, des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1997 vorgestellt, zeigt „Das Schicksal“ am historischen Beispiel Cordoba, wie im 12. Jahrhundert eine multikulturelle Gesellschaft (Mauren, Christen, Juden und „Zigeuner“) durch islamische Fundamentalisten zerstört wurde – dank der Waffenhilfe christlicher Fundamentalisten (der Kreuzritter), die sich am Ende (1236) auch der Islamisten entledigen, sodass „nur ein einziger Fundamentalismus übrig blieb, der spanische katholisch-imperiale„, wie Theweleit anmerkt.

Leider habe ich „Das Schicksal“ noch nie gesehen, könnte mir aber gut vorstellen, dass dieser Film von ebenso großer Bedeutung für das Verständnis des Denkens und der Arbeitsweise seines Regisseurs ist wie der „Play Station Cordoba„-Essay für dessen Autor.

Youssef Chahine ist gestern im Alter von 82 Jahren in Kairo gestorben.

Nachtrag: Arte zeigt den Film am 31. Juli um 22.30 Uhr!!

Die soziale Frage in der Bildungspolitik

Ein Kind aus nicht-akademischem Haushalt opfert, wenn es sich anschickt, die Gipfel der Bildung zu erklimmen, seiner Zukunft die Herkunft, entfremdet sich mit jedem Schritt von der Familie, von seinem Milieu. Ein Akademikerkind hingegen verbleibt im vertrauten Umfeld. Vieles von dem, was wir Begabung nennen, erweist sich bei näherem Hinsehen als Effekt dieses Vertrautheitsvorschusses.

Mit diesen beiden Sätzen wischt der Berliner Schriftsteller und Soziologe Bruno Preisendörfer hunderte von Studien und Analysen über das Schulsystem vom Tisch, mögen sie noch so ambitioniert und von fortschrittlichen Gedanken getragen sein, indem er in den Fokus jedweder bildungspolitischen Debatte die soziale Frage rückt.

Hinter dem Begriff des „Vertrautheitsvorschusses“ verbirgt sich ein Arsenal an Techniken und Instrumenten zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ungleichheit, die mit bildungspolitisch gut gemeinten Maßnahmen, wie sie die Sozialdemokratie seit Jahren forciert, nicht nur nicht aufgebrochen sondern einzementiert wird. Wer sich um des sozialen Aufstiegs willen die Techniken der Maskierung zum Zwecke des Mitspielens innerhalb der hegemonialen Kultur erst mühsam aneignen muss, weil er diese eben nicht quasi sozial „vererbt“ bekommt, der wird diesen einmal erreichten Status, sofern er sich nicht eine kritische Distanz zur eigenen bürgerlichen Karriere erhält, an seine Kinder – unreflektiert – zu tradieren versuchen. Er wird zum Verteidiger der Ungleichheit.

Was lässt sich dagegen politisch tun? Ich zitiere nochmals Preisendörfer, aus einem bemerkenswerten Text, auf den ich in der deutschsprachigen Ausgabe von Le Monde Diplomatique gestoßen bin:

Für Menschen aus bürgerlichen und gebildeten Familien bedeutet das, sich im Zweifelsfall gegen die eigenen Herkunftsinteressen zu stellen. Und wem kann man das schon abverlangen? Die meisten Leute aus den kulturellen, akademischen und publizistischen linken Milieus sind eigentlich Geschmackslinke, Linkssein ist bloß ihr Lebensstil. Wenn es hart auf hart geht, zum Beispiel um das Beerben der Eltern oder das Einschulen der Kinder, kommen die schichtspezifischen Interessen wieder zum Vorschein.

Dieser von Preisendörfer angesprochen „linke Lebensstil“ manifestiert sich insbesondere auch in der sozialdemokratischen (und grünen) Bildungspolitik – und dies gilt wohl für Deutschland wie für Österreich gleichermaßen, also für jene beiden Staaten innerhalb der Europäischen Union, die noch über ein, wie die ÖVP zu sagen pflegt, „differenziertes“ Schulsystem verfügen.

Anstelle mit aller politischen Kraft und Verve gegen die Bastionen der politischen Reaktion im Lande anzukämpfen, hat die Sozialdemokratie ihre fortschrittlichen Konzepte in gesellschaftlichen Nischen umzusetzen versucht. Jahrelang wurden vor allem in Wien „elternverwaltete Kindergruppen“ aus dem SP-Kommunalbudget mitfinanziert und fortschrittliche Schulversuche etabliert, die zweifellos wunderbare Alternativen zum traditionellen System der Kindergärten und Schulen darstellen, aber eben nur für jene Sprösslinge, deren Väter und Mütter sich auf Grund ihrer sozioökonomischen Stellung erst im Stande sehen, derartige Modelle in Anspruch zu nehmen.

Unbestritten kann man hier entgegen halten, dass auf Grund der gesellschaftlichen Machtverhältnisse wirklich große Reformschritte, wie jene, die die Sozialdemokratischen Alleinregierungen in den 1970-er setzen konnten, gegenwärtig eben nicht möglich sind. Die „unfaire, menschenverachtende, die Chancengleichheit verweigernde Politik“ der ÖVP (© Johann Skocek) wusste, und weiß nach wie vor, die gemeinsame Schule der 10 bis 14jährigen zu verhindern.

Ich denke, dass es sehr wohl aber auch daran liegt, dass die Sozialdemokratie bzw. ihre Aufsteiger-Funktionärselite, bis auf wenige Ausnahmen, die bildungspolitischen Leitsätze der eigenen Programmatik („Jegliche Formen des öffentlichen Bildungssystems müssen unabhängig von der sozialen und wirtschaftlichen Ausgangssituation den Auszubildenden zur Verfügung stehen. Vermögen und Einkommen der Eltern dürfen ebenso wenig eine Rolle spielen wie die Muttersprache und individuelle Lernschwierigkeiten„) lediglich bei Sonntagsreden hervorholen, zur moralischen Erbauung ihrer selbst wie der ihrer Wählerinnen und Wähler, die, so wie sie, den gesellschaftlichen Aufstieg mehr oder weniger bereits hinter sich haben. Die Mehrheit der anderen aber, die aus sozioökonomischen Gründen Ausgestoßenen, die zu einem geringen Teil immer noch der Sozialdemokratie ihre Stimme geben, zu einem überwiegenden Teil bereits den rechten Dumpfbacken auf den Leim gegangen sind, liegen für die zur eigenen bürgerlichen Karriere distanzlos Gewordenen bereits außerhalb der politischen Wahrnehmung. Nähme man deren gesellschaftliche Interessenlage nämlich wahr und politisch ernst, dann müssten u.a. alle Schulversuche in Wien abgeblasen und die kommunale Finanzierung der Kindergruppen eingestellt werden.

Ein Beispiel unter vielen: In der Volksschule Wolfgang-Schmälzlgasse im 2. Wiener Gemeindebezirk gibt es zehn Klassen, davon drei sogenannte Mehrstufenklassen, wo die sechs- bis zehnjährigen Kinder gemeinsam unterrichtet werden, und, abgestimmt auf das individuelle Lerntempo jedes einzelnen Kindes, eine bestmögliche individuelle Förderung genießen. Die insgesamt rund 60 Kinder werden von neun Lehrerinnen betreut.

Eine großartige, vom Engagement der Leherinnen getragene Sache (ich weiß das, weil meine Kids dort zur Schule gingen), die leider einen zentralen Hacken hat: Beinahe alle Kinder in den Mehrstufenklassen kommen aus Akademikerfamilien ohne Migrationshintergrund, während sich in den sieben traditionell geführten Volksschulklassen (eine Lehrerin pro Klasse für jeweils rund 25 Kinder, fallweise Begleitlehrer) ausschließlich Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund finden, was der Bevölkerungszusammensetzung dieses Viertels des 2. Bezirks durchaus entsprechen dürfte. Selbstredend genossen die meisten Kinder, die in die Mehrstufenklassen gehen, vorher die liebevolle Fürsorge einer „elternverwalteten Kindergruppe„.

Was wäre die Alternative? Zweifellos ein Defensivprogramm, aber eines, das wesentlich mehr gegen soziale Ungerechtigkeit unternähme als die sozialdemokratischen Nischenprojekte, die an der systematischen Ungleichheit im bestehenden Österreichischen Schulsystem nicht rütteln. Nochmals der Soziologe Preisendörfer:

Um es am Bildungssystem zu veranschaulichen: Eine linke Haltung bedeutet, sich nicht mehr allgemein für gleiche Chancen für alle einzusetzen, sondern mit jakobinischem Trotz nur noch für die besonderen Chancen derer, denen die gleichen bislang vorenthalten blieben.

Das hieße also ganz konkret: Kein Geld mehr aus dem allgemeinen Budget für die Nischenprojekte, und – abgesehen von der „mit jakobinischem Trotz“ in Permanenz zu trommelnden politischen Forderung nach einer gemeinsamen Schule aller Kinder bis zum 14. Lebensjahr, die eine Ganztagsschule sein muss – möglichst viel Kohle in den Ausbau der bestehenden Strukturen buttern, also jene fortschrittlichen Elemente, die man bislang in Nischenprojekten umsetzte, zur Norm für die Regelschule machen. An sinnvollen Konzepten wird es mit Sicherheit nicht mangeln.

Lesetipp:
Bruno Preisendörfer: Das Bildungsprivileg: Warum Chancengleichheit unerwünscht ist (aus dem das Eingangszitat stammt)

No alternative


Zeichnung (c) Ernst Kahl

Im Café Eiles, schräg vis-a-vis des Wiener Rathauses, hat sich am 22. Juli die Wahlliste „LINKE“ im Rahmen einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um ein Wahlbündnis aus Mitgliedern der Sozialistischen Linkspartei und der „Liga der sozialistischen Revolution“ (= Trotzkisten), das bei der Nationalratswahl am 28. September 2008 „mehr Stimmen als die KPÖ„, die sich gegen eine gemeinsame Kandidatur ausgesprochen hat, erreichen möchte und in der „Enteignung der oberen Zehntausend“ eines ihrer politischen Ziele definiert.

Ein kurzer Blick ins politische Alltagsgeschäft der Protagonisten (hier zu Israel/Palästina) reicht, um zu wissen, dass dieses Wahlbündnis, auch wenn es sich noch so sozialorientiert und antirassistisch präsentiert, mitnichten ein „kämpferisches linkes Projekt“ ist.

Ein wirklich linkes Projekt müsste, wie das der fortschrittliche Jurist Alfred J. Noll vor kurzem (Kommentar der anderen) im Standard geschrieben hat,

ein auf der Höhe der Zeit stehendes Parteiprogramm, eine fundierte Analyse der gegenwärtigen Problemlagen und zumindest auf hohem Niveau der Plausibilität angesiedelte politische Vorschläge“ enthalten.

Also schlicht und ergreifend genau das Gegenteil dessen, was dieses Wahlbündnis anzubieten hat.

Generell kann Noll völlig zugestimmt werden, wenn er schreibt:

Demokratie lebt nicht von der Wahlkabine allein – sie ist angewiesen auf das tagtägliche Engagement in den jeweiligen Lebenszusammenhängen der Menschen. Und wer über dieses Feld hinaus politisch wirksam sein will, der wird wohl dafür sorgen müssen, dass innerhalb von SPÖ und Grünen die linken Positionen gestärkt und mehrheitsfähig werden. Wer linke Politik in Österreich stärken will, der kann alles Mögliche tun – an der Gründung einer „Linkspartei“ sollte er sich derzeit nicht abmühen.

Lama-Soli

In wenigen Wochen beginnen in Peking die Olympischen Spiele. Neben sportlichen Höchstleistungen, Talk-Shows zum Thema „Doping“ und „Umweltverschmutzung in China„, werden das auch hektische Tage für alle Tibetbewegten und Esoterikfreaks. Falls Sportler und Sportfunktionären die Hände hoch halten sollten, braucht man sich nicht sorgen, dass sie verhaftet werden. Sie signalisieren nur ihre Solidarität mit Tibet und dem Dalai Lama (alias Tenzin Gyatso) mit dem Free Tibet Zeichen:

Einfach beide Hände hoch halten. Daumen der rechten Hand einklappen. Das steht für die vier Buchstaben FREE. Die fünf Finger der anderen Hand stehen für TIBET

Darauf muss man erst einmal kommen!

Klarerweise kommt auch eine CD mit „Songs for Tibet“ auf den Markt, auf der sich Songs u.a. von Alanis Morissette, Moby, Dave Matthews, Suzanne Vega und Sting finden werden. Wo ist Bono?

Ehe man sich ein „Free Tibet“ T-Shirt überstreift, selbstredend aus „Biobaumwolle und fairer Produktion, garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt„, das hier kostenlos bezogen werden kann, sollte man sich aber einen Bericht der Panorama Redaktion der ARD aus dem Jahre 1997 ansehen, um etwas mehr über die tibetanische Kultur in Erfahrung zu bringen.