Empörung ist zu wenig

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Graf hat sich nicht spontan geäußert. Er hat überlegt einen hetzerischen Artikel verfasst. Er hat gewusst, was er tut. In der FPÖ brennen keine Sicherungen durch. Es geschieht etwas ganz anderes. Zum ersten Mal nach langer Zeit wird auf Verkleidungen kein Wert mehr gelegt. Man zeigt sich, wie man ist, und man spricht, wie man denkt. Das Blau ist ab, weil man glaubt, sich wieder braun leisten zu können. Das ist das Besorgniserregende. Weil SPÖ und ÖVP ihre klaren Grenzen zur extremen Rechten aufgegeben haben, weil angebiedert statt ausgegrenzt wird, fühlen sich Burschen wie Graf und Wehrsportler wie Strache sicher.„(Peter Pilz in seinem heutigen Blog-Eintrag)

Die Grünen haben eine Online-Petition gestartet, wo man für den Rücktritt des dritten Nationalratspräsidenten unterschreiben kann. Dass die FPÖ politisch ausgegrenzt gehört, weil sie, wie Michael Völker in einem Standard-Kommentar notiert, „eine zutiefst destruktive Kraft (ist), die hetzt, mit Neid arbeitet, die Vorurteile benützt und verstärkt, die Feindbilder propagiert, die Andersdenkende verfolgt, die Menschen fertigmacht„, sich also selbst aus dem zivilisierten demokratischen Diskurs nimmt, dürfte allmählich auch von den Regierungsparteien (zumindest auf Bundesebene) verstanden worden sein – die Grünen haben in dieser Frage immer klar Position bezogen.

Diese Trennlinie einzuziehen, kann aber nur ein erster, wenn auch unbedingt notwendiger Schritt sein. In einem Gespräch, das ich auf der Website des Gedenkdienstes gefunden habe, skizziert Willi Meryin, Gewerkschafter und Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich, eine konkrete gesellschaftliche Problemstellung, die nicht nur mit Empörungsdiskursen zu bewältigen sein wird:

Mein Sohn hatte im Kindergarten einen besten Freund. Mein Sohn ist dann in eine Mehrstufenklasse gekommen. Lauter alternative, anti-faschistische Lehrer. Anti-Diskriminierungsprojekte, Workshops, keine Noten, alle ‚per Du‘ – eine Super-Schule. Wie viele Türken waren in dieser Schule? Keine. Es war nämlich eine Ganztagesschule, wo nur Kids hindürfen, von denen beide Elternteile berufstätig sind, was bei vielen türkischen Familien nicht der Fall ist. Das hat aber geheißen, dass in der Nebenschule der Anteil türkischer Kinder 80% war. Dort war auch der beste Kindergartenfreund meines Sohnes. Die haben natürlich keine anti-rassistischen Projekte gehabt. Die waren halt nicht in Mauthausen. Das sind dann aber eher die Leute, die auf den Lehrstellenmarkt kommen. (…) Wir können ja heute auch nicht zu einem Lehrling hingehen und sagen: ‚Du bist nicht sozial benachteiligt.‘ Er ist es und er weiß es. Und wir müssen ihm nicht nur eine Perspektive aufzeigen, wir müssen sie ihm auch ermöglichen.

Ansonsten kann ich nur auf einen älteren Blog-Eintrag verweisen.

Der Blick voraus in die Vergangenheit

kluge_portraitIm Jahre 1927 hat der sowjetische Filmemacher Sergei Eisenstein rund 60.000 Meter Film für seine Version der Oktoberrevolution abgedreht. Mit allen Freiheiten ausgestattet, das Politbüro hinter sich, Geld spielt keine Rolle – in Moskau wird das elektrische Licht ausgeschaltet, falls der Meister das für notwendig hält -, kurz: er kann agieren wie Cecil B. deMille in Hollywood. Und dann kommt der Befehl, binnen weniger Tage den Film Oktober auf eine Länge von 100 Minuten (2000 Filmmeter) zu schneiden.
Eisenstein ist Perfektionist. Er beherrscht mehrere Sprachen und verfasst seine Texte (= einzelne Sätze) bewusst mehrsprachig, immer auf der Suche nach größmöglicher Präzision der Begriffe. Er arbeitet Tag und Nacht, nimmt Aufputschmittel, er arbeitet bis die körperlichen Mühen ihm die Sehkraft rauben. Eisenstein wird für einige Wochen blind sein.

Diese Geschichte erzählt die russische Filmhistorikerin Oksana Bulgakowa, die sich der Aufarbeitung von Leben und Werk des großen sowjetischen Filmemachers verschrieben hat, gleich zu Beginn von Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital, einem fast zehnstündigen Filmprojekt, in dem Alexander Kluge eine andere Idee Eisensteins aufgegriffen hat, eine unverwirklicht gebliebene, nämlich einen Film über Das Kapital von Karl Marx herzustellen.

»Marx ist Material für die Schulpause, nicht für die Schulstunde.« (Alexander Kluge)

Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital ist eine Montage aus Dialogen und Interviews, Filmsequenzen, Bildern, Texten und Musik, von der gestern spätnachts auf SWR eine etwa 90-minütige Kompilation ausgestrahlt wurde.

»Marx ist 1818 geboren (…) in einer Zeit, in der es Sklaverei und Kinderarbeit gab. Dies alles wird beseitigt, der Achtstundentag erobert. 1942 ist Marx 124 Jahre alt: Da haben wir Auschwitz. Wenn ich nun wählen sollte zwischen Kinderarbeit, Sklaverei und Auschwitz, würde ich nicht den Fortschritt wählen. Es gibt auch einen Fortschritt des Bösen. Es geht nicht von selbst zur Aufklärung hin.« (Kluge in einem FAZ-Interview)

Wer zum ersten Mal einen fürs Fernsehen produzierten Beitrag von Alexander Kluge sieht, wird zunächst an eine Bildstörung denken, vor allem auch deshalb, weil diese Irritationen eben nicht auf ARTE, sondern im deutschen kommerziellen Fernsehen stattfinden. Sendungen wie 10 vor 11, Primetime Spätausgabe oder News & Stories, sind erratische Blöcke im Fernseheinheitsbrei.

Kluge beherrscht als Geschäftsführer der DCTP mittlerweile jene Sendeflächen im Privatfernsehen (RTL, SAT 1 und Vox), die laut Deutschem Rundfunkstaatsvertrag für »unabhängige Dritte« freizuhalten sind, ein Zugeständnis, dass die SPD der Kohl-CDU bei der Einführung des kommerziellen Fernsehens im Jahre 1984 abgetrotzt hat. Diese Sendeflächen werden alle fünf Jahre neu ausgeschrieben und sind äußerst begehrt. Kluge hat es über die Jahre bestens verstanden, die meisten Konkurrenten (Spiegel, Süddeutsche, Stern, Neue Züricher Zeitung, BBC Worldwide) ins DCTP-Boot zu holen, und als de facto Monopolist konnte er in dieser Nische ein mittlerweile höchst profitables Geschäftsmodell aufbauen. Mittlerweile gibt es DCTP-TV und dessen Programme auch im W»Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.«  (Marx in der Einleitung von Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: Karl Marx / Friedrich Engels: Werke Band I. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1976, S.378 (MEW-Online)

Einer der Partner, mit dem Kluge über viele Jahre hinweg immer wieder seine für ihn typischen Dialoge, die alles andere als ein Frage-Antwort-Spiel sind, geführt hat, war Heiner Müller. Die Kluge-Müller-Fernsehgespräche, die einen ungemein anregenden Einblick in die Arbeits- und Denkweisen beider Figuren geben, sind im Internet frei zugänglich (Videos, Transkriptionen und Zusatzinfos).

Noahs Arche

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Thomas Stephen Monaghan, reich geworden mit seiner Pizza-Kette Domino’s Pizza, hat nach einem religiösen Erweckungserlebnis im Jahre 1998 das Unternehmen verkauft. Mit der Kohle lässt er in der Nähe von Staples, Florida eine Gemeinde für „aufrechte“ Christen erbauen. Geplant sind 11.000 Wohnungen. Eine Privat-Universität samt dazugehörigen Unterkünften, die Ave Maria University, hat ihren Betrieb bereits aufgenommen. Die Unterkünfte sind streng nach Männlein und Weiblein getrennt, gegenseitige Besuche sind für einige Stunden an Wochenenden bei geöffneten Zimmertüren gestattet. Klar, dass es in den Shops des Areals weder Verhütungsmittel noch Pornos gibt.

Und alle sind wahlberechtigt!„, so der Kommentar des Dokumentarfilmers Tom Theunissen aus dem OFF. Im ersten Teil, des auf vier Teile angelegten Road-Documentary, Who’s afraid of America, wenige Monate vor der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA gedreht, führt die Reise von New York in den Bible-Belt.

Monaghan und seine Vision der Errettung der Schäfchen vor der Hölle ist nur eine der bizarren Stationen, die in diesem grandiosen Movie zu sehen sind, das gestern im ZDF-Infokanal gelaufen ist. Neben einem Abstecher zu den Amish People in Berlin, Ohio, die ohne Strom, Telefon und sonstigen zivilisatorischen Beiwerk ihr Auskommen finden, erfreut vor allem ein Besuch im Creation Museum in Petersburg, Ohio. Dort haben orthodoxe Bibelfreaks (Kreationisten) ein Bibel-Disneyland errichtet. Zu den Highlights zählen ein Nachbau der Arche Noahs („Noahs Arche hatte über zwei Meter dicke Wände!“ zeigt sich eine interviewte Wahlberechtigte tief beeindruckt) und Adam und Eva und sonstiges Bibelpersonal als animierte, lebensgroße Puppen.

Trostspender wie der Schriftsteller Richard Ford oder der Musiker und Produzent Jim Dickinson kommen im ersten Teil von Who’s afraid of America auch vor.

Hier die weiteren Termine für alle, die den ZDF-Infokanal empfangen können:

13.05.2009 23:25 Uhr
18.05.2009 23:25 Uhr
21.05.2009 22:55 Uhr
23.05.2009 00:10 Uhr
26.05.2009 22:55 Uhr
31.05.2009 22:55 Uhr

Budget und Krise

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Der Ökonom Stefan Schulmeister bringt das gegenwärtige Budget-Drama in einem Standard-Kommentar der Anderen präzise auf den Punkt:

Wenn das BIP in einem Land trotz Konjunkturpakets um vier Prozent zu schrumpfen droht, so muss das Budgetdefizit um weitere vier Prozent des BIPs ausgeweitet werden, am besten durch solche Ausgaben, die die Wachstumsbedingungen auch langfristig verbessern (Bildung, Infrastruktur, Forschung) oder die Nachfrage besonders effizient stimulieren (Transfers für sozial Schwache). Verzichtet ein Finanzminister darauf, um den Defizitanstieg in Grenzen zu halten, wird er später erst recht ein höheres Defizit „erleiden“. Grund: der unzureichend gebremste Konjunktureinbruch.
In den USA und Japan, aber selbst in China, orientiert sich die Politik an diesem „Sparparadox“, nicht aber in der EU. Hier hat sich die Vorstellung seit 20 Jahren verfestigt, dass es der Staat allein in der Hand hat, seinen Budgetsaldo zu bestimmen (daher die Maastricht-Kriterien). Die Interaktion aller Sektoren einer Wirtschaft wird vernachlässigt, also der systemische Kontext der Budgetdynamik („Maastricht error“). Folge: Die Konjunkturpakete sind in der EU (viel) kleiner als in den USA, Japan oder China.

Diese Analyse sollte man mitdenken, wenn man die Budgetrede des Finanzministers zu den Budgetvoranschlägen für die Jahre 2009 und 2010 liest, die er gestern im Nationalrat vorgetragen hat. Die in Zahlen gegossene Regierungspolitik muss sich an den starren europäischen Regeln orientieren. Alle Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Krise gesetzt werden, unterliegen letztendlich den Maastricht-Kriterien – ein kurzfristiges Außer-Kraft-Setzen kann darüber nicht hinwegtäuschen (der Budgetvoranschlag für 2009 sieht ein Defizit von 3,2% vor, jener für 2010 eines von 4,1%). Diese Vorgabe, und darin liegt das Problem, gilt der heimischen Politik als quasi naturhafte, was sich in der Rede von Pröll vor allem in den Seitenhieben auf die USA (Defizit bis zu 13% des BIP) und in den grundsätzlichen Ausführungen zur Sparsamkeit offenbart.

In der Rede finden sich die üblichen ideologischen Verkürzungen („Von den vergangenen Jahren der Hochkonjunktur haben wir alle profitiert„), hohlen Phrasen („Allen Betroffenen sage ich hier und jetzt: Auf uns können Sie sich verlassen!„) und gesellschafts- und sozialpolitisch völlig hirnrissige Lobeshymnen: So nimmt Pröll den skandalösen Zustand, wonach im viert reichsten Land der Europäischen Union 2,7 Millionen Menschen über ein viel zu geringes Einkommen verfügen, um überhaupt noch Steuern zu zahlen, nicht zum Anlass, um endlich für eine gerechtere Verteilung von Vermögen und Einkommen zu sorgen, sondern, ganz im Gegenteil, als Beleg dafür, wie supertoll das Land dastehe:

Nicht zuletzt durch die Steuerreform 2009 zahlen 2,7 Millionen Menschen in Österreich seit diesem Jahr überhaupt keine Steuern mehr! Auf jeden Steuerzahler kommt damit einer, der keine Steuern zahlt. Da brauchen wir uns nicht selbst schlecht zu reden.“

Eine detaillierte inhaltliche Bewertung der Rede erübrigt sich aber ohnehin, weil die Budgetvoranschläge für die Jahre 2009 und 2010 in wenigen Monaten schon Makulatur sein dürften. So geht aus dem ebenfalls gestern vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Global Financial Stability Report hervor, dass die weltweiten Verluste in Folge der Finanzkrise über 4 Billionen Dollar (rund 3 Billionen Euro) betragen werden (die Schätzung basiert auf Zahlen, die bis Ende Februar 2009 verfügbar waren). Vor einem halben Jahr ging der IWF noch von Verlusten in der Größenordnung von 2 Billionen Dollar aus.

In dem Bericht wird klarerweise auch das Engagement Österreichischer Banken in Ost- und Zentraleuropa (CESE) angesprochen, das im Vergleich zu anderen europäischen Staaten unvergleichlich höher ist – gemessen am jeweiligen BNP („Austria has the largest exposure to CESE. The claims of its banks amount to over 70 percent of its GDP and 26 percent of its banking system assets.“)

Als der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in einem Vortrag aus diesen Fakten eine – im Vergleich zu allen anderen europäischen Staaten – unvergleichlich höhere Gefährdung für das österreichische Bankensystem und für die Handlungspielräume der Politik abgeleitet hat, versuchten die heimischen Regierungsspitzen Krugmann als Spinner hinzustellen (vgl. dazu den Bericht in der Financial Times Deutschland und Krugmans Blogeintrag in der New York Times).

Nun wissen wir, dass die G-20 eine Reihe von Maßnahmen beschlossen haben, um auf die Weltwirtschaftskrise zu reagieren, die auch im IGF Report positiv bewertet werden. Zugleich werden aber die Prognosen, beinahe täglich, nach unten revidiert, und diese Krise könnte – gemessen am weltweiten Einbruch der Industrieproduktion, des Welthandels und des Finanzsystems – noch dramatischer Auswirkungen haben als die Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren, wie sich aus einer vor kurzem publizierten Kurzstudie zweier amerikanischer Wirtschaftshistoriker folgern lässt. Den einzigen Unterschied zur Great Depression bringt Krugman treffend auf den Punkt:

It’s only to the extent that we understand these things a bit better than our grandfathers — and that we act on that knowledge — that we have any real reason to think this time will be better.“

Fazit: Man muss ja nicht alle Prognosen glauben, und viele Fachleute haben sich in den letzten Monaten ordentlich blamiert; aber der Trend geht eindeutig abwärts. Die Budgetvoranschläge werden schon bald adaptiert werden müssen.

Books & Google

buchspeicherGoogle hat vor einigen Jahren mit der vollständigen Digitalisierung von Büchern begonnen (Google-Buchsuche). Gegenwärtig sind rund sieben Millionen Bücher digitalisiert. Alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Bücher (rund eine Million) sind frei zugänglich und können auch heruntergeladen werden. Die Bücher stammen aus dem Bestand großer Bibliotheken (vgl. hier).

Gegen die Digitalisierung von Büchern durch Google haben im Jahre 2005 US-amerikanische Autoren und Verleger eine Sammelklage eingereicht, weil sie das Vorgehen des Suchmaschinenbetreibers als permanente Urheberrechtsverletzungen betrachten. Am 28. Oktober 2008 haben sich die Klageeinbringer (Association of American Publishers, American Authors Guild) mit Google auf einen Vergleich geeinigt, der aber noch gerichtlich genehmigt werden muss. Demnach verpflichtet sich Google zur Zahlung von 125 Millionen Dollar. Mit dieser Summe sollen insbesondere die Ansprüche von Autoren und Verlagen nach dem US-amerikanischen Copyright abgegolten werden. Zugleich soll Google die Möglichkeit eingeräumt werden, in der Folge urheberrechtlich geschützte, im Handel erhältliche, aber auch nicht mehr erhältliche (= vergriffene) Bücher in einer Vorschau (kurzer Ausschnitt) unentgeltlich zugänglich zu machen und gegen Bezahlung im Volltext online lesbar zu machen.

Wohlgemerkt: Diese Vereinbarung gilt nur für die USA. Für außerhalb der USA bleibt alles wie bisher, das heißt, alle nicht mehr urheberrechtlich geschützten Werke, die von Google digitalisiert wurden und werden, sind frei zugänglich und können heruntergeladen werden.

In der Online-Ausgabe der jüngsten Nummer von Le Monde Diplomatique findet sich ein interessanter Text von Robert Darton, dem Leiter der Universitätsbibliothek der Harvard University, zu möglichen Auswirkungen dieser Vereinbarung, insbesondere auf den Bibliothekssektor. Die Vereinbarung, sofern sie in etwa zwei Jahren rechtswirksam wird, lässt Google zum de facto Monopolisten von digitalen Büchern werden, und zwar weltweit.

Die Verfechter des freien Marktes werden einwenden, dass der Markt sich selbst reguliert. Wenn Google zu viel verlangt, werden die Kunden ihr Abonnement kündigen, und Google muss den Preis wieder senken. Doch bei den institutionellen Lizenzen besteht gar keine direkte Verbindung zwischen Angebot und Nachfrage. Die Studierenden, Mitglieder der Fakultäten und öffentlichen Bibliothekare bezahlen das Abonnement ja nicht aus eigener Tasche. Das Geld kommt aus dem Bibliotheksetat, und wenn der für die Fortsetzung des Abonnements nicht ausreicht, werden die Nutzer, die sich längst an die Google-Dienstleistung gewöhnt haben, Protest anmelden. Um das zu vermeiden, werden die Bibliotheken anderswo sparen und zum Beispiel wie seinerzeit wegen der Fachzeitschriften weniger Bücher anschaffen.

Fest steht, dass die Vereinbarung vom Herbst letzten Jahres die digitale Welt verändern wird, weil sie die Macht an eine einzige Firma abtritt. Mit Ausnahme von Wikipedia kontrolliert Google bereits heute einen Großteil der online abgefragten Informationen. Neben dem ursprünglichen „Big Google“ haben wir Google Earth, Google Maps, Google Images, Google Labs, Google Finance, Google Arts, Google Food, Google Sports, Google Health, Google Checkout, Google Alerts. Weitere Google-Unternehmen sind in der Mache. Google Book Search verspricht zur größten Bibliothek und zur größten Buchhandlung zu werden, die je existierten. Wer weiß, ob uns das dem Traum der Aufklärung näher bringen wird.

Hätten die öffentliche Hand und die Bibliotheken in den USA die Digitalisierung von vergriffenen Büchern selbst in Angriff genommen, dann wäre man in Zukunft nicht auf das Wohlwollen eines privaten Monopolisten angewiesen. Die Europäische Union hat jedenfalls – in Reaktion auf das Google-Projekt – mit dem Aufbau einer Europäischen Digitalen Bibliothek begonnen. Europeana, so der Name des Webportals, das bislang vier Millionen Objekte in digitaler Form (Bücher, Zeitungen, Bilder, Videos, Filme, Tonaufnahmen etc.) bereitstellt, soll bis 2010 zu rund zehn Millionen Objekte verlinken.

Man kann nur hoffen, dass die Startschwierigkeiten überwunden werden: Als Europeana im November 2008 offiziell ans Netz ging, fiel es gleich wieder aus. Mit bis zu 10 Millionen Klicks pro Stunde hatte man nicht gerechnet. Die Server waren zu schwach (vgl. Pressemeldung der Europäischen Kommission).

Abzocke

lupeUm von meinem PC das Filmstreaming-Portal kino.to ansteuern zu können, muss ich zunächst einmal den Online-Guard meines Antivirenprogramms ausschalten, der mich vor Websites, wo Abzocke, Viren und Trojaner lauern, schützen soll. Auf Kino.to angekommen, findet man tausende TV-Serien und Kinofilme, klarerweise auch solche, die erst jüngst ins Kino gekommen sind bzw. bei uns noch gar nicht laufen. Die Domainendung „.to“ verweist auf das Königreich Tonga, einen Inselstaat im Südpazifik, nahe der Datumsgrenze gelegen. Deshalb sehen wir hierzulande TV-Bilder von feiernden Insulanern alljährlich am Neujahrstag, dürfen die Tonganer das Neue Jahr doch schon rund 11 Stunden vor uns begrüßen.

Die Server von kino.to sollen sich in Russland befinden, in der Europäischen Union ist ein derartiger Dienst nämlich nicht erlaubt. Die Kids, die das Portal begeistert nutzen, dürfte dies freilich nicht wirklich interessieren. Sehr wohl aber die Art und Weise, wie sich kino.to und andere derartige Portale finanzieren. In einem Bericht von Focus-Online wird nämlich ein typisches Beispiel von Internet-Abzocke angeführt:

Kürzlich wurde Besuchern von Kino.to mit geschickt gestalteten Werbebannern die Vireninfektion des eigenen PCs vorgetäuscht. Ein Klick auf die gefälschte Sicherheitswarnung führte auf eine Website, die dem Nutzer ein kostenloses Anti-Viren-Programm zur Desinfektion des Rechners versprach. Mit der Registrierung schloss das ahnungslose Opfer ungewollt ein Zweijahresabo für 316 Euro ab.“

Aber auch ein anderer bekannter Abzocker ist auf Kino.to aktiv: Im Partnerprogramm des Filmstreaming-Portals scheint nämlich Opendownload.de auf, ein so genannter Downloaddiensteanbeiter, der Gratissoftware auf seinem Server zum Download anbietet, also Software, die im Internet kostenfrei zu kriegen ist, wie etwa Musik- und Videoplayer, der Adobe Acrobat Reader oder die Open Source Software Open Office.
Wer diesen „Dienstleister“ in Anspruch nimmt, also in einem Online-Formular Namen, Adresse etc. hinterlässt, schließt damit gleich einmal ein Jahresabo für 96 Euro ab und verzichtet obendrein auf sein Widerrufsrecht.

Opendownload.de ist zwar schon im Fokus der Konsumentenschützer und der zuständige Minister Rudolf Hundsdorfer hat angekündigt, sich innerhalb der Europäischen Union für schärfere Bestimmungen einzusetzen. Das wird freilich noch länger dauern. Bis dahin können Geschädigte einen vom österreichischen Internet-Ombudsmann zur Verfügung gestellten Musterbrief ausfüllen und per Post (eingeschrieben!) an die in Deutschland ansässige Firma schicken. Dann heißt es cool bleiben und die diversen Mahn- und Drohschreiben mit Gelassenheit ertragen. Irgendwann sollten diese aufhören – so hoff’ ich doch.

Churnalism

searchIn einem Blog-Eintrag berichtet Martin Blumenau über eine Diskussionsveranstaltung, an der auch der Guardian-Journalist Nick Davies teilgenommen hat. Für sein Buch „Flat Earth News“ hat Davies rund 2000 Berichte untersucht, die in englischen Qualitätszeitungen erschienen sind, also nicht in der Boulevardpresse, und dabei festgestellt, dass „über 60 Prozent der Texte ganz oder größtenteils aus Nachrichtenagenturen oder Werbeaussendungen übernommen worden waren – ohne dies aber zu kennzeichnen“, wie er in einem aufschlussreichen Zeit-Interview mit Joachim Riedl festhält.

Dazu eine kleine Geschichte:
Im Zuge einer kleinen Internetrecherche über das Informationsverhalten der „digital natives“ (Marc Prensky) bin ich kürzlich auf die Studie „Information Behaviour of the researchers of the future“ gestoßen, die vor rund einem Jahr erschienen ist. Das Centre for Information Behaviour and the Evaluation of Research (Ciber) am University College in London hat darin im Auftrag der British Library untersucht, wie Schüler mit digitalen Quellen umgehen und wie sie Informationen finden. Die Studienautoren haben zwar festgestellt, dass die sogenannte „Generation Google“ höchst oberflächlich im Netz recherchiere; zugleich halten sie aber auch fest, dass dieses rasche Querlesen von wenigen Suchergebnissen und die Ungeduld bei der Recherche keineswegs nur auf die Kids beschränkt sei, sondern sich bei allen Alters- und Berufsgruppen nachweisen lasse. Und: Die Informationskompetenz der „Generation Google“ sei genauso gut oder schlecht wie jene früheren Generationen!

Bei meiner Recherche fiel mir auf, dass die beiden deutschsprachigen Online-Medien, die über diese Studie kurz berichtet haben, nämlich die Süddeutsche und Die Presse, ihre Infos einer Aussendung der Pressetext-Austria Nachrichtenagentur entnommen haben, in der irrtümlich die Sheffield University als Studienautor angegeben wird. Beide Qualitätszeitungen haben diesen Schwachsinn einfach übernommen – ohne auf die (Desinformations)quelle hinzuweisen.

Davies hat für diese Form des Journalismus den Begriff des „churnalism geprägt, was sich von „to churn out“ (= ausstoßen) ableitet.

Schultraum

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Alle LehrerInnengewerkschaften ließen heute im Rahmen einer Pressekonferenz mit der Ankündigung aufhorchen, nächste Woche Dienststellenversammlungen an allen Schulen abzuhalten, um der Forderung nach flächendeckender Einführung der Ganztagsschule in Österreich mehr Nachdruck zu verleihen. Bekanntlich hat ja eine von der Gewerkschaft durchgeführte repräsentative Umfrage gezeigt, dass eine Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer für die Ganztagsschule eintritt.

Die PädagogInnen haben es einfach satt, ständig als Faulenzer der Nation denunziert zu werden!„, sagte Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, gegenüber dem ORF. „Jede Berufsgruppe kann sich ganztägig im Beruf verwirklichen – nur nicht Lehrerinnen und Lehrer. Wir als Gewerkschafter unterstützen diese Forderung selbstverständlich. Daher: Gleiches Recht für alle! Ganztagsschule jetzt!

Um den großen gesellschaftlichen Herausforderungen besser Rechnung tragen zu können, „muss diese Ganztagsschule selbstverständlich zu einer gemeinsamen Schule für alle 6-15 jährigen Kinder ausgebaut werden„, unterstrich Scholik überdies.

Und dann bin ich aufgewacht …

P.S. Jedes Mal, wenn ein Vertreter der Lehrergewerkschaft in eine Fernsehkamera jammert, kann sich die Bildungsministerin die Hände reiben. Eine bessere Promotion für ihre Vorhaben (vgl. hier) kann sie nicht bekommen.

Revanche

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Johannes Krisch und Ursula Strauss © Lukas Beck

Am Tag vor der Oscar-Verleihung habe ich mir Götz Spielmanns Revanche, der in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert war, im schönsten Kino der Stadt, im Gartenbaukino, angesehen. Ich fürchte, es war der erste österreichische Film, für den ich ins Kino gelaufen bin. Das soll nicht heißen, dass ich heimische Filme grundsätzlich nicht mag, aber ich assoziiere sie halt nicht mit KINO sondern mit Fernsehen (=ORF), Video und neuerdings DVD. KINO heißt für mich USA, Frankreich und dann der Rest der Welt – aber nicht die Leopoldstadt oder das Waldviertel. Ich weiß, eine ignorante und völlig vertrottelte Haltung, für die ich auch nicht die kaputten strukturellen Bedingungen für österreichische Filme (wenig Geld, kaum Kopien, kurze Zeit in den Kinos, nahezu null Promotion etc.) verantwortlich machen kann.

Warum ich dennoch ins Kino gegangen bin, hing einfach mit der Oscar-Nominierung zusammen. Ich dachte mir: Wenn ein österreichischer Film für einen Auslandsoscar nominiert wird, dann muss er verdammt gut sein. Aber wenn ein österreichischer Film für einen Auslandsoscar nominiert wird, obwohl im Jahr davor ein österreichischer Film mit dieser Auszeichnung bedacht worden war, dann kann es sich bei diesem Film nur um einen Jahrhundertbeitrag zur Geschichte des Films handeln. (So chauvinistisch dämlich werden die Damen und Herren der Auswahljury wohl eh nicht sein).

Der Film ist ein Meisterwerk. Spielmann holt die griechische Tragödie ins Waldviertel. Stimmige Bilder, brillante Dialoge, wunderbare Menschendarsteller. Keine Todesfalle Heimat und keine Depressionswüste, sondern präzise Blicke auf soziale Realitäten. Schonungslos, aber nicht ausweglos: bei Spielmann lebt das Prinzip Hoffnung – trotzalledem.

Kurzum: Unbedingt ansehen – und unbedingt im KINO ansehen! Die Option Kino, die sich jetzt noch bietet, wahrnehmen, und nicht auf Fernsehen oder DVD warten.

TV Tatorte

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Als TV-Krimifan bin ich klarerweise ein Tatort-Junkie: Falls ich an einem Tatort-Sonntag nicht zu Hause sein sollte, wird der Videorecorder programmiert, und auch mit den alten Folgen, die in den „Dritten“ (SWR, NDR, WDR …) Programmen in schöner Regelmäßigkeit wiederholt werden, wird so verfahren. Also im Durchschnitt komme ich auf zwei Tatort-Folgen pro Woche.

Der Tatort ist die mit Abstand am längsten laufende Fernsehserie im deutschsprachigen Raum – und nach wie vor auch die beliebteste: rund sieben Millionen sind bei der Erstausstrahlung dieser Qualitätsproduktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens dabei. Die erste Tatort-Folge wurde 1970 gesendet und am kommenden Sonntag wird die 722. Folge ausgestrahlt – wie immer um 20.15 Uhr im Ersten (ARD) und zeitgleich auf ORF 2. Alle wichtigen Infos zu den Tatort-Krimis gibt’s hier und hier.

Natürlich habe ich auch meine besonderen Lieblinge: Von den „alten“ Folgen sind das die Duisburger mit Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) und die Hamburger mit Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Breuer). Mit Letzteren wurde auch eine Tatort-Folge produziert, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Es war die Folge 414, wie ich der Website „Tatort Fans – die inoffiziellen Homepage“ entnommen habe (dort ist so ziemlich alles über alle Tatort-Folgen zu finden), in der ein „Häuslbauer“ (Ulrich Mühe) einem Immobilienbetrüger auf den Leim gegangen ist und samt Frau (Susanne Lothar) und Kindern am Traum vom eigenen Haus kaputt geht. Unvergessen dieser Hamburger Tatort, unvergessen wie der Ausnahmekönner Ulrich Mühe.

Von den jetzigen Ermittler-Teams stehe ich vor allem auf die Kieler Borowski (Axel Milberg) und Jung (Maren Eggert), die Ludwigshafener Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe), die Kölner Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) und die neuen Dresdner Saalfeld (Simone Thomalla) und Keppler (Martin Wuttke!!!).

Nun ist das Besondere an den Tatorts nicht das Aufgreifen „gesellschaftlich relevanter Themen“ per se – relevante Themen greifen die Fernsehmacher mittlerweile alle auf, auch die Privaten in ihren Talkshows. Das Besondere an den Tatorts ist das WIE dieser Thematisierung, nämlich im besten Sinn aufklärerisch, offene Diskussion und Reflexion über gesellschaftliche Problemstellungen, verpackt in eine Kriminalgeschichte!

Ein gelungenes Beispiel dafür lieferte die Folge vom letzten Sonntag zu den Themen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Das Drehbuch stammte von Seyran Ate? und Thea Dorn (Hier ein Interview dazu mit den beiden Autorinnen). Der Film behandelt den Konflikt zwischen der westlich-urbanen und der muslimisch-traditionellen Welt, und zwar innerhalb einer deutschen Unternehmerfamilie mit türkisch-muslimischen Background, also innerhalb einer Familie, die es im „bürgerlichen“ Sinne geschafft hat und vermeintlich „integriert“ ist.

Die Tatort-Folge zeigte, wie man diese bisanten Themen, die zumeist nur mit rassistischen Konnotationen oder im Toleranz-Wischiwaschi diskutiert werden, ernsthaft erörtern kann: Emanzipatorisch und laizistisch!