Abschied von Obama

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

Brücken bauen?

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http://orf.at/wahl/bp16/

Der erste Blog-Eintrag nach geraumer Zeit sei den Anhängern und Wählern des bei der Bundespräsidentenwahl unterlegenen Kandidaten gewidmet. Während Strache, Hofer und Kickl ihre Nachwahl-Pressekonferenz abhielten, bin ich für einige Augenblicke ins FPÖ-Paralleluniversum eingetaucht. Man lese die folgenden Kommentare, die ich auf Straches Facebook-Seite gefunden habe und ungekürzt und ohne Namensangabe zitiere:

Spitzensteuersatz senken – das ist einmal echte Hilfe für den „kleinen“ Mann 😀 😀 (Anmerkung: Der Kommentator bezieht sich offenbar auf Straches Ankündigung, demnächst ein FPÖ-Wirtschaftsprogramm zu präsentieren, in dem u.a. die Senkung des Spitzensteuersatzes gefordert werden soll.)

Noch mehr WAHNSINNIGE BEI UNS… Ich hätte mir für meine Kinder auch so eine schöne Kindheit gewünscht wie ich sie hatte. Leider kann ich sie nicht mal mehr alleine im Bad aufs Klo gehen lassen… ????

Herr Hofer braucht keine Vorlage, er spricht frei heraus, ein Zeichen, dass es von Herzen kommt

Die EU hat das Wahlergebnis per computerbeeinflussung angezapft

Ich muß sagen es ist schon seltsam. Jeder mit dem man geredet hat, hat gesagt er wählt Hofer und jetzt soll alles anders sei? Ich habe da schon ein seltsames Gefühl! In mir Drängt sich der Verdacht auf, dass da wieder gedreht wurde!

Wahlbetrug Hofer ist präsident nach erster hochrechnung

Da merkt man wieviel Flüchtlinge für den VDB gewählt haben ! Die was nicht mal wahrscheinlich wissen wer das ist und was der macht

so eine verlogenere Politick hatten wir seit den weltkrigen noch nie gehabt … manipulationen von wahlen, medienlügen ohne ende und eine riesen menge verleumdungen was bis heute es in gottes zeitrechnung noch nie gegeben hatte

Komplott des Systems und die Bevölkerung fällt drauf rein. Unglaublich. Kommt vdb kommt Ceta, kommen Muslime, kommt Bundesland Österreich. Jetzt habt ihr es.

Wie soll man mit diesen Leuten ins Gespräch kommen?
Wie Brücken bauen zu diesen Freunden der Verschwörung, des Nichtdiskurses und der Infamie?

Ich habe keine Ahnung …

Früchte des Zorns

Im Unsichtbaren Kino im Wiener Filmmuseum beginnt John Fords „The Grapes of Wrath“ aus dem Jahr 1940, basierend auf dem im Jahr davor erschienen gleichnamigen Roman von John Steinbeck.
Gleich zu Beginn: Tom Joad (Henry Fonda) mit Kapperl! (Ich flüstere zu E.: »Jetzt weißt Du, warum ich Kapperl- und nicht Hutträger bin!«).

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Wann ich diesen Film zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Im Kino, soviel ist sicher, wohl vor über 20 Jahren. Ford / Steinbeck zeigen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der ökologischen Irrtümer in den 1930-er Jahren am Beispiel einer Bauernfamilie aus Oklahoma. Dürre und Sandstürme (Dust Bowl), Armut und Elend und Verlust der Farm und des Landes, das die Joads und andere Bewohner der Great Plains seit Generationen bestellten. (In anderen Filmen erinnert Ford daran, wie die Joads dieses Land von den Native Americans genommen haben.) Aufbruch nach Kalifornien (the land of milk and honey) über die gerade erst fertiggestellte Route 66. Hoffnung auf gut bezahlte Jobs. Aufwachen in Zeltlagern. Hungerlöhne. Elend. Aber auch die Chance auf den Ausweg aus dem Elend, auf eine menschenwürdige Existenz in Form der staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme im Rahmen von Roosevelts New Deal.

Grandiose Bilder, Herz und Hirn packende Bilder in Schwarz-Weiß. E., (bislang) kein Freund »alter Filme« (so pflegt er SW-Filme zu bezeichnen), zeigte sich begeistert.

P.S. Weil einer der beiden Filmprojektoren den Geist aufgegeben hatte, wie man uns vor Filmbeginn mitteilte, traf das, was in Wikipedia zum Stichwort Überblendtechnik so schön beschrieben ist, eben gerade nicht zu:

„Die Kunst des Vorführers besteht auch darin, am Ende eines Aktes den Projektor mit dem folgenden Akt rechtzeitig zu starten und Bild und Ton umzuschalten, so dass die Zuschauer keinen Übergang bemerken.“

Wir nahmen die Pausen zwischen den Rollenwechseln im schwarzen Kino gelassen und bedanken uns postum bei John Ford, dass er uns solche Filmgeschenke hinterlassen hat!

Monterey 1967

»An dieser Stelle möchte ich gerne noch auf das Glück eingehen. Ich glaube nicht, dass du mit irgendetwas, das du für Geld kaufen kannst, glücklich werden kannst. Die Leute sind irrsinnig konsumistisch im Internet unterwegs, leiden aber gleichzeitig an Burn-out und Selbstoptimierungswahn. Diese ganzen Kleinbürger, die als Hipster in Erscheinung treten, sind doch hochgradig unglücklich, ihre Beziehungen funktionieren nicht mehr.
Ich beschreibe in meinem Buch das Monterey International Pop Festival, eine Veranstaltung, die von den Künstlern 1967 selbst organisiert wurde. Vielleicht kennen Sie diesen Film, in dem man die ganzen Größen sieht: Jimi Hendrix, Janis Joplin und so weiter. In diesem Film ist keine Werbung zu sehen, kein Sponsoring, kein Security-Personal, kein Backstage-Bereich. Jimi Hendrix geht aus dem Publikum auf die Bühne und wieder zurück ins Publikum. Keine Distanz, kein Oben und Unten. Dahin müsste man es wieder zurückdrehen, zu einem Festival ohne Coca-Cola und Smartphone-Terror, ohne dass jemand sein Scheißhandy hochhält und ständig irgendwas mitfilmen muss. Gleich unter Gleichen, keiner kann sich mit seinem Geld einen besseren Platz kaufen. Ich würde behaupten, wenn du von so einem Festival nach Hause kommst, bist du ein glücklicherer Mensch, als wenn du zehnmal zum Berlin-Festival gegangen bist. Das ist eine These. Und wie man das, was dahinter steht, politisch nennt, wissen Sie selbst.«

(Berthold Seliger im Interview mit der Jungle-World)

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Berthold Seliger hat Ende 2013 seine Konzertagentur geschlossen, die in den letzten 25 Jahren u.a. Patti Smith, Calexico, Will Oldham (Bonnie ‚Prince‘ Billy), Tortoise oder Townes van Zandt in den deutschsprachigen Raum geholt hat. Anfang 2014 hat er unter dem Titel Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht (Edition Tiamat) seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen, exemplifiziert an der Musikindustrie, veröffentlicht. Meine Urlaubslektüre.

Hier gibt’s Seliger auch im O-Ton und hier noch ein anderes großartiges Interview.

Ach ja: Hier gibts das Monterey-Festival als Filmdoku von D. A. Pennebaker (Part I und Part II und einen Part III, mit Material, das Pennebaker nicht für seinen Film verwendet hat).

Bowie in Berlin

Im Martin-Gropius-Bau in Berlin findet noch bis 10. August die große David Bowie Ausstellung statt, die vor einem Jahr im Londoner Victoria & Albert Museum von Besuchern regelrecht gestürmt wurde: Schier endlose Warteschlangen, online hatte man für Monate im Voraus Tag und Zeitfenster zu buchen, und als ich in London war, schaute ich kurz vorbei, um angesichts der Menschenmassen gleich wieder zu verschwinden. Für die Berliner Schau sind die Tickets leicht zu bekommen; dennoch empfiehlt sich ein Online-Ticket (= Tag mit Zeitfenster für 15,20 Euro).

Die Ausstellung ist vor allem was für Fans des Popmusik-Meisters: Von ihm selbst entworfene, gelinde gesagt, verhaltensauffällige Bühnenkostüme, etwa für die Ziggy Stardust Tour aus 1972 oder die Entwürfe von Modedesignern für die Alladin Sane Tour aus 1973, Skizzen für Bühnenshows, allerhand Zeichnungen und Ölbilder, vor allem aus den Berliner-Jahren – genau genommen waren es nur 15 Monate, die Bowie zwischen 1976 und 1978 im Westteil der damals geteilten Stadt verbracht und die wegweisenden Alben Low, Heroes und Lodger aufgenommen hat –, Fotografien, Platten-cover, handschriftliche Setlists und Songtexte, und klarerweise Musik: stilprägende Videos und frühe TV-Auftritte, etwa das grandiose Starman aus der von der BBC ausgestrahlten Top-of-the-Pop-Show aus 1972.

Bowies-Musik auch aus dem Audio-Guide, den man zu Beginn der Schau erhält, und der automatisch checkt, in welchem Raum und vor welcher Vitrine man sich befindet und gleich die entsprechenden Infos liefert. Im letzten Raum, sehr laut Helden. Großes Kino!

Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Philipp Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Bestseller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig reden) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms aktuelles Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch, in dem Blom über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über »Kriegszitterer« (»Bomb shells«) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc. gesprochen hat, die ich für besonders wichtig erachte, und die zugleich immer auch an Alexander Kluges historische Herangehensweisen erinnern:

Westfront: Die Hälfte aller im Ersten Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr Zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite
krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die »Kriegszitterer«. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von »Bomb Shell Disease« oder auch »Shell shock«, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi alsbald von diesen abgewendet, »weil sie ihm nicht Nazi genug waren!«, was vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte zeige, also Heideggers Tagebücher, die, wie von ihm selbst verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe unlängst erschienen sind. (Vertiefend dazu ein Podcast mit Lutz Hachmeister, Axel Honneth und Marion Heinz.)

Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war unter anderen auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter den Wochenlohn nach Erhalt versoffen, und dann ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert), beförderten dieses Prohibitionsgesetz, das von 1920 bis 1933 in Kraft war. Die Konsequenzen: Die illegalen Einfuhren aus Kanada haben sich vervierfacht, verbotene Läden entstanden, sogenannte »Speakeasys«, und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch diese Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäschereien und Restaurants, Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).

Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis (Leni Riefenstahl), um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Telegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Heute vor 40 Jahren

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Glücklicherweise hatte ich berufsbedingt das Vergnügen, das WM-Vorrundenspiel Frankreichs gegen die Schweiz in einem Café in Paris und jenes Deutschlands gegen die USA in einer Pizzeria in Berlin live mitzuerleben. Die französischen Fans im Café unweit des Place de la République waren vom glanzvollen Auftritt der Équipe Tricolore gegen die Nati zu Recht begeistert. Nach dem 5:2-Sieg dachte ich, Les Bleus werden die Deutschen – nach dem eher mauen Spiel gegen die USA – im Achtelfinale biegen, dann aber, im Viertelfinale an Kolumbien scheitern: James (Rodríguez), Juan Cuadrado und die anderen Kolumbianer waren einfach das attraktivste Team dieser WM in Brasilien …

Na ja, wie immer kommt es bekanntlich anders als man denkt (was nichts daran ändert, dass Kolumbien wunderbar war), und aus den beiden Semifinalpaarungen könnte sich ein Endspiel ergeben, das es schon einmal gab, nämlich bei der Weltmeisterschaft 1974, als in München die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegen die von Johan Cruyff angeführte Elftal antrat. Als fußballinfizierter Bub hatte ich einige Spiele im Fernsehen gesehen und war vom fantastischen Kombinationsspiel der Oranjes schwer begeistert. Leider mussten sich meine Lieblinge der von Franz Beckenbauer angeführten und im Nachhinein betrachtet gar nicht so üblen Truppe aus Westdeutschland (der Panzerfußball kam erst danach und ist erst seit der Heim-WM 2006 dank Klinsmann/Löw verpönt) geschlagen geben. Nur zur Erinnerung: Damals spielten noch zwei deutsche Mannschaften, die auch in der Vorrunde aufeinander trafen: BRD gegen DDR hieß das, und der Magdeburger Jürgen Sparwasser traf zum 1:0-Sieg gegen die West-Deutschen.

Aber zurück zum Finale, heute vor 40 Jahren. Es war ein heißer Sommersonntagnachmittag, dieser 7. Juli 1974, so gegen 15.30 Uhr, an dem ich zusammen mit meinem Vater zum Nachbarhaus ging, wo ein Ehepaar aus Wien (er war mir als »Herr Sektionschef«, sie als »Frau
Sektionschef« bekannt), seit einigen Jahren seine Urlaube verbrachte. Jahre später, er war längst verstorben, sie im Dauerdelirium (meine Mutter besuchte sie einmal in ihrer Wohnung in Wien-Ottakring), erfuhr ich, dass er Sektionschef im Unterrichtsministerium gewesen war.

Warum wir dort waren? Zum einen, weil meine Großmutter die Zimmer für die Urlauber immer »fertig« machte, und auch ab und an für die Beiden kochte, wodurch wir uns mit der Zeit eben kennen lernten, soll heißen: Es wurde bis spät in die Nacht gesoffen, die Lust auf und das Verlangen nach Wein teilten die Beiden mit meinem Vater. Aber abgesehen von dieser für mich damals unverständlichen Leidenschaft verfügten die Urlauber aus Wien über ein Wunderding, das sich meine Eltern erst ein paar Jahre später leisten konnten/wollten: Einen »Color-TV«, wie mein Vater den Farbfernseher nannte! Meiner Erinnerung nach war ich vor allem vom wirklich guten Empfang fasziniert, kein Geriesel, wie bei uns zuhause. Vater musste immer an der Stange der Hausantenne herumdrehen, während meine Mutter ihre Anweisungen (»no a bissl«, »net soo vül«, »zruck«, »so iss guat«) durchs offene Wohnzimmerfenster gab, weil nach einem Gewitter oder Sturm die Bilder verschwunden blieben und das pure Rauschen angesagt war.

Herr und Frau Sektionschef hatten vorgesorgt: Belegte Brote (Extrawurst und Gurkerln), Soletti und Schartner Bombe Orange für mich, belegte Brote (Extrawust und Gurkerln), Wein und Zigaretten für die Sektionschefs und für Vater, der auch einen Doppler mitgebracht hatte. Der Herr Sektionschef und Vater waren für die Deutschen, die Frau Sektionschef für die Holländer, um – wie ich bald feststellen konnte – die beiden Männer ein bisschen zu ärgern, und ich war glücklich und in totaler Vorfreude auf das Spiel, das ohnehin nur meine Holländer gewinnen konnten.

Beinahe unmittelbar nach Anpfiff fiel auch schon das erste Tor: Nach Foul an meinem Idol Johan Cruyff verwandelte Johan Neeskens den Strafstoß zur 1:0-Führung. Der Rest ist Fußballgeschichte: Warum auch immer, Deutschland wurde Weltmeister. Ich war sehr enttäuscht, mein Vater und der Herr Sektionschef in bester Laune und zunehmend
betrunken (sie hatten andauern mit »Auf Deutschland!« die Gläser erhoben und mich irrsinnig genervt), und die Frau Sektionschef, eine kleine, zarte Frau, war bereits zur Halbzeit sturzbesoffen. Kurz vor Ende der Partei ist sie in ihrem Fauteuil einfach weggenickt. Nach dem Spiel bin ich nach Hause gegangen, voller Hass auf die Deutschen – vielmehr auf meinen Vater, der sich über deren Sieg freute.

Jedenfalls war ich seither immer von den Holländern und ihrem Spiel begeistert. Schon vier Jahre später sollten die Oranjes ja bereits wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft stehen (Trainer: Ernst Happel), und nur von der – von mir damals noch mehr geliebten – Albiceleste, der argentinischen Nationalmannschaft, geschlagen werden. Ich sage nur: Mario Kempes, der Mann mit der für mich (damals) absolut coolsten Frisur, und trainiert von »El Flaco« (der Dürre), vom großen César Luis Menotti, der den Begriff vom »linken« und vom »rechten« Fußball geprägt hat. Damals spielten beiden Mannschaften einen »linken« Fußball, also einen offensiven, kreativen Fußball, für den das Spiel an sich im Mittelpunkt steht (das man trotzdem gewinnen will), im Unterschied zum »rechten« Fußball, dem es – wurscht wie – einzig um das Ziel (= Sieg) geht. (Vgl. dazu ein wunderbares Interview mit Menotti anlässlich Pep Guardiolas Einstieg als Trainer bei Bayern München).

Da die Elftal seit der WM in Südafrika im Jahr 2010 einen »rechten« Fußball spielt und seither Verrat an Johann Cruyff und allen anderen am kreativen Spiel Interessierten begeht, werde ich mich – falls es zu einer Wiederauflage des Finales aus 1974 kommen sollte – im Lager der Deutschland-Fans befinden!

Aber möglicherweise verliert Deutschland ja gegen Brasilien und die Albiceleste putzt die Oranjes weg …

Champion Jackie

Der aus Schottland stammende dreifache Formel-I-Weltmeister Jackie Stewart, der mit 15 von der Schule flog, dank Rennfahren zum Popstar und später von seiner Majestät zum SIR geadelt wurde, erzählte im Gartenbaukino davon, dass er eine 1:3 Chance hatte, seine Rennfahrerkarriere (1965 bis 1973) zu überleben; viele seiner Kollegen starben während eines Rennens oder bei Testfahrten, darunter auch einer seiner besten Freunde, Jochen Rindt.

In der Folge sollte Stewart der erste und wohl wichtigste Kritiker eines Systems werden, das sich keinen Furz um Sicherheitsfragen scherte. Viele seiner Anregungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Motor-Rennsport mit der Zeit wesentlich sicherer geworden ist.

Roman Polanski hat im Jahre 1971 rund um den Großen Preis von Monaco eine Hommage an den Freund unter dem Titel Weekend of a Champion gedreht (genauer: er hat den Film produziert und kommt darin auch vor; Regie führte Frank Simon).

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Jackie Stewart und Roman Polanski in Monte Carlo 1971

Der Streifen, der nie in den Kinos zu sehen war, erfuhr während der Festspiele in Cannes 1971 angeblich seine einzige Vorführung. 40 Jahre später hat Polanski gemeinsam mit Stewarts Sohn Mark, der als Filmproduzent tätig ist, das Filmmaterial bearbeitet und um eine nachträgliche Sequenz erweitert: die beiden Freunde, mittlerweile weit über 70 Jahre alt, sitzen in derselben Hotelsuite in Monte Carlo wie dereinst und quatschen über die vergangen Zeiten. Stewart erzählt dabei, dass er zeitlebens Legastheniker geblieben ist und damals kaum lesen und schreiben konnte, was weder seine Frau Hellen noch sonst wer gewusst habe.

Netter Film über einen ganz Großen!

Der letzte der Ungerechten

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Wiener Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit »einer der Höhepunkte der Viennale«, wie dessen Direktor Hans Hurch vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten »Judenältesten« des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende »Judenälteste« eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino erzählte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel
Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

»Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.«
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

Regierungsversagen

Regierungsspitzen

Fotocredit: APA/Herbert Pfarrhofer

Als Staatsbürger soll ich jetzt das tun, wofür die Parteien, die sich zu einer Regierungskoalition zusammengefunden haben, durch Wahl bemächtigt worden sind. Anstatt ihr Handlungsmandat auszuüben, also ein gemeinsames Konzept auszuarbeiten, dieses zu begründen und danach, falls es eine grundlegende Systemänderung mit sich brächte, in Form einer per Verfassung vorgegebenen Volksabstimmung dem Staatsvolk zur Entscheidung zu unterbreiten, legen mir diese Nichtstuer zwei Szenarien vor, die weder in gesellschaftspolitischer noch in ökonomischer Hinsicht auch nur annähernd nachvollziehbar dargestellt werden, noch dazu in Form einer Volksbefragung, die keineswegs bindend ist, deren Ergebnis sie aber – wie sie unisono erklären – für bindend erachten wollen, unabhängig davon, ob 5% oder 80% an dieser Befragung teilnehmen werden.

a) Sind Sie für die Einführung eines Berufsheeres und eines bezahlten freiwilligen Sozialjahres
oder
b) sind Sie für die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht und des Zivildienstes?

Jetzt lasse ich einmal Variante b außer Acht, und widme mich nur dem ersten Aspekt der Variante a: Für den EU-Mitgliedsstaat Österreich würde ein Berufsheer nur dann Sinn machen, wenn das Land ganz offiziell der Neutralität abschwört und offensiv den Beitritt zur NATO angeht, schließlich läuft eine gemeinsame EU-Sicherheitspolitik de facto nur über die NATO. Diese Position haben jahrzehntelang nur die FPÖ und – mit Abstichen – die ÖVP vertreten, während ebenso lange SPÖ und Grüne vehement PRO-Neutralität und Contra-NATO argumentiert haben. SPÖ und Grüne begründen ihren politischen Kopfstand hauptsächlich mit den geänderten Rahmenbedingungen, also damit, dass nahezu alle EU-Staaten auf ein Berufsheer umgestiegen sind bzw. einen Umstieg ernsthaft in Erwägung ziehen. Was beide Parteien aber verschweigen, ist die Tatsache, dass nahezu alle diese Staaten fest in den NATO-Strukturen verankert sind.

Sehen wir einmal davon ab, dass sich die Suche nach Freunden eines NATO-Beitritts innerhalb der SPÖ und vor allem innerhalb der Grünen schwieriger gestalten würde, als jene nach der Nadel im Heuhaufen, sondern fassen wir nur ins Auge, dass die österreichische Bundesverfassung sowohl vor einem Abgehen von der Neutralität als auch vor einem Beitritt zur NATO zwingend eine Volksabstimmung vorsieht, deren Ergebnis für die Bundesregierung verpflichtend wäre. Im Lichte dessen ist klar, warum die logische Konsequenz eines „Profiheeres“ nicht offen angesprochen werden kann: Das Scheitern bei der Volksbefragung wäre gleichsam von vornherein beschlossene Sache.

Ist die Volksbefragung an sich schon absurd, zur völligen Lachnummer könnte das Ganze dann werden, wenn eine Mehrheit der Hingeher für ein Berufsheer votiert, und die Bundesregierung – entsprechend der Aussage, jedes Votum akzeptieren zu wollen – die Umstellung angehen müsste. Was dann? Dann kommen zuerst einmal Neuwahlen. Und dann? Längerfristig, und wohl aus ökonomischen Gründen zwingend, wohl nur die NATO-Mitgliedschaft, der aber eine verpflichtende Volksabstimmung vorangehen müsste.

Die SPÖ wird dann aber wiederum für die allgemeine Wehrpflicht eintreten, hat doch dann die Kronen-Zeitung längst eine Kampagne laufen gegen NATO-Beitritt und für die Beibehaltung der Neutralität. Michael Häupl, ehemaliger Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien, mittlerweile das Gewissen der Partei, wird das Proponenten-Komitee anführen und Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos, der so wie vor seiner Zeit als Minister wieder die Wahlkämpfe für seine Partei ausrichten darf, stellt die Wahlwerbung unter das Motto „Die Wehrpflicht muss in Stein gemeißelt werden„.

P.S. Von den Proponenten der Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht, die zum „Einsatz für Österreich“ nationalistisch aufgeblasen wird, will ich erst gar nicht reden.