When They See Us

Am 19. April 1989 wird im New Yorker Central Park eine Joggerin halbtot geschlagen und brutal vergewaltigt. Zur gleichen Zeit feiert eine Gruppe Jugendlicher, Schwarze und Latinos aus Harlem, in einem anderen Gebiet des riesigen Parkareals ausgelassen die laue Nacht, einige von ihnen belästigen Radfahrer und Jogger. Die Polizei taucht auf und nimmt ein duzend Jugendliche mit aufs benachbarte Revier. Unterdessen wird die Schwerstverletzte 28-jährige Trisha Meili gefunden. Die weiße Frau, eine Investmentbankerin, wird nach 12 Tagen im Koma erwachen, fortan an Bewegungsstörungen leiden und sich an diese Nacht nicht mehr erinnern.

Das Verbrechen sorgt für enorme mediale Aufmerksamkeit – die Vergewaltigungen haben in New York in den Monaten davor zugenommen –, die Ermittlungsbehörden geraten massiv unter Druck. Entgegen allen Fakten wird ein Zusammenhang zwischen den auf dem Polizeirevier befindlichen Jugendlichen und der Vergewaltigung hergestellt. Fünf minderjährige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, die sich untereinander nicht kennen, werden – ohne ihre Eltern zu informieren und nachdem sie unter Druck eine Verzichtserklärung auf Rechtsbeistand unterzeichnet haben –stundenlangen, brutalen Verhören unterzogen. Sie werden mit erfundenen Behauptungen dazu gebracht, sich gegenseitig zu bezichtigen. Monate später kommt es zum Geschworenenprozess. Die Black Community demonstriert vor dem Justizgebäude für die Freilassung der Inhaftierten. »There was no rape!« und »Let them free!« steht auf den Plakaten. Auf der anderen Seite, die von den Medien aufgeheizte Bevölkerungsmehrheit. Einer, der mitmischt, ist auch der heute amtierende US-Präsident, damals Immobilientycoon und Multimillionär. Vor dem Geschworenenverfahren lässt Donald Trump in den großen New Yorker Tageszeitungen ganzseitige Inserate schalten mit der Headline, »Wir brauchen die Todesstrafe wieder!«.

Yusef Salaam, Antron McCray, Raymond Santana, Kevin Richardson und Korey Wise, die »Central Park Five«, wie sie in den Medien genannt werden, werden zu Haftstrafen zwischen 6 und 14 Jahren verurteilt (Korey Wise, der bereits 16 Jahre alt ist, wird in den Erwachsenenvollzug kommen), obwohl alle Indizien gegen eine Beteiligung sprechen und die Polizei keinerlei verwertbares DNA-Material gefunden hat. Verurteilt werden die Fünf aufgrund von Aussagen, die ihnen die Polizisten in den Mund gelegt haben. Diese erzwungenen Geständnisse, auf Video gebannt, führten zur Verurteilung. Sie gestanden die Tat, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Erst im Jahre 2002 stellt sich der wahre Täter, was auch aufgrund moderner DNA-Analyse untermauert werden kann. Das Strafregister der Fünf wird bereinigt und sie erhalten eine Entschädigung von 41 Millionen Dollar. Die korrupten Polizisten und Staatsanwälte werden nicht belangt. Und Trump beharrte noch 2016 als Präsidentschaftskandidat auf der Schuld der »Central Park Five«.

Diesen wahren Fall nimmt die Netflix-Miniserie, When They See Us, von der Filmregisseurin Ava DuVernay, zum Anlass, um das US-amerikanische Strafverfolgungssystem, dessen Rassismus und Klassenjustiz, auszuleuchten und anzuklagen. Vor allem sozial deklassierte und einkommensschwache Gruppen, in denen Schwarze und Latinos überproportional zu finden sind, kommen in diesem System unter die Räder. When They See Us zeigt in vier Folgen die Tatnacht, die Polizeiverhöre, das Gerichtsverfahren, die Zeit im Gefängnis und die Zeit danach, als die mittlerweile erwachsenen Männer verzweifelt versuchen, wieder in ein halbwegs geordnetes Leben zurückzufinden. Und im Filmabspann verwandeln sich die Gesichter der Schauspieler langsam in die »echten« Männer, und wir erfahren, wie sich ihr weiteres Leben entwickelt hat. Eine großartige, zutiefst berührende Miniserie!

Rückkehr nach Reims

In seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims erzählt der Soziologe und Foucault-Biograf Didier Eribon von der Klassengesellschaft und insbesondere von den Folgen »sozialer Reproduktion«, die sich in Körper und Psyche der Angehörigen der unteren Schichten – die »Arbeiterklasse« zu nennen, sich die linken Parteien seit Jahrzehnten abgewöhnt haben – lebenslänglich einschreiben.

Wiewohl er um diesen sozialen Skandal immer wusste, gelang ihm die präzise Beschreibung, was er aus Menschen macht, was er aus ihm und seiner Familie gemacht hat, erst Jahrzehnte nach seinem Weggehen, nach seinem Bruch mit dem homophoben Vater und dessen Herkunftsmilieu. Er deutet diesen Bruch nicht psychologisch, sondern soziologisch:

»Ich habe es meinem Vater immer übel genommen, dass er genau das war, was er war, diese Verkörperung einer Arbeiterwelt (…). Der Schrecken, der mich damals packte, ging nicht von der handelnden Person aus, sondern von dem sozialen Umfeld, das solche Handlungen ermöglichte.«

Nach prekären Anfängen, immer wieder vom Scheitern bedroht, konnte er sich über die Jahre als Publizist und Theoretiker der Schwulenbewegung etablieren. Eribon beleuchtet diesen Aufstieg, der nur um den Preis der völligen Verleugnung der Herkunft möglich war, und er macht deutlich, wie das, was er für eine autonome und selbst gewählte Entscheidung erachtete (die Wahl des Studienortes, der Fächer, der Professoren etc.), nichts anderes war als »soziale Reproduktion«. Als Erster und Einziger in der Familie, der studierte, verfügte er über keinerlei »Kapital« (im Bourdieu’schen Sinn weder ökonomisches, noch soziales oder kulturelles), und klarerweise auch nicht über Beziehungen und Netzwerke, die für Angehörige der herrschenden Klasse selbstverständlich sind. (»Wir kommen in eine Welt, in der die Urteile längst gesprochen sind.«) Letztlich verhinderten nur Zufälle sein Scheitern.

Sein Fazit:

»Meine sexuelle Identität nahm ich trotz aller Beschimpfungen an und bekannte mich zu ihr, von meiner sozialen Herkunft und der durch diese bedingten Identität riss ich mich los. Man könnte sagen, dass ich in dem einen Bereich zu dem wurde, der ich bin, im anderen jedoch denjenigen zurückwies, der ich hätte sein sollen. Ich wurde von zwei sozialen Verdikten gebrandmarkt, einem sozialen und einem sexuellen. Solchen Urteilen entkommt man nicht. Diese beiden Einschreibungen trage ich in mir. Als sie in einem bestimmten Moment meines Lebens miteinander in Konflikt traten, musste ich, um mich selbst zu formen, die eine gegen die andere ausspielen.«

Dieser Essay findet vor allem auch deshalb so viel Aufmerksamkeit, weil er sich mit dem massiven Zulauf befasst, den der Front National innerhalb der einst links wählenden Arbeiterklasse erfährt. Eribon erinnert daran, dass widrige materielle Verhältnisse immer schon ein Nährboden für Ressentiments waren, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, häusliche Gewalt und Homophobie zum emotionalen Haushalt der Arbeiterklasse gehörten, als diese noch kommunistisch oder sozialistisch wählte. Und er macht deutlich, dass der Aufstieg der Rechten nur deshalb möglich war, weil die Linke so kläglich versagt hat: Wenn linke Parteien den Begriff »Arbeiterklasse« aus ihrem politischen Sprachgebrauch verbannen, folglich auch die materielle Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter nicht wahrnehmen bzw. keine glaubwürdigen politischen Antworten für eine Verbesserung derselben mehr anbieten, dann darf man sich nicht wundern, dass sich die Mehrheit der Arbeiterklasse frustriert in die Hände der Rechten begibt.

Noch ein Textausschnitt aus Eribons Essay, der eine ganze Bibliothek ersetzt:

»Wenn ich meine Mutter heute vor mir sehe mit ihrem geschundenen, schmerzenden Körper, der fünfzehn Jahre lang unter härtesten Bedingungen gearbeitet hat – am Fließband stehen, Deckel auf Einmachgläser schrauben, sich morgens und nachmittags höchstens zehn Minuten von jemandem vertreten lassen, um auf die Toilette gehen zu können –, dann überwältigt mich die konkrete, physische Bedeutung des Wortes ›soziale Ungleichheit‹. Das Wort ›Ungleichheit‹ ist eigentlich ein Euphemismus, in Wahrheit haben wir es mit nackter, ausbeuterischer Gewalt zu tun. Der Körper einer alternden Arbeiterin führt allen die Wahrheit der Klassengesellschaft vor Augen.«

Weitere Infos:
Klasse, Scham und die Linken (Luxemburg Lecture Berlin, 30.11.2016)
Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt (Didier Eribon in Deutschlandradio Kultur, 04.12.2016)
Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk (Interview in „Zeit-Online“, 04.07.2016)

Werkstattbericht

Vor einigen Wochen war der Historiker und Publizist Philipp Blom zu Gast in Zweifels Reflektorium im Burgtheater-Vestibül. Ich mag Bloms Bücher (Der Taumelnde Kontinent, Böse Philosophen), sodass ich gleich online eine Karte für diese Veranstaltung gebucht habe. Ich mag diesen Autor, weil er Bestseller schreibt, ohne dummdreist zu verkürzen. Er popularisiert, aber er vereinfacht nicht, im Gegenteil: Er reduziert Komplexität, indem er immer wieder auf diese hinweist. Vor allem aber kann er großartig schreiben (nebstbei auch zitierfähig reden) und baut wunderbare Anekdoten in seine Geschichtserzählungen ein.

Ausgangspunkt für das Gespräch mit Ö1-Mann Rainer Rosenberg, der für den erkrankten Stefan Zweifel eingesprungen war, war Bloms aktuelles Buchprojekt, das sich mit der Zwischenkriegszeit (1918-1938) beschäftigt und demnächst auf den Markt kommen soll. Ein Werkstattbericht also.

Hier ein paar Anmerkungen zum eineinhalbstündigen Gespräch, in dem Blom über Charlie Chaplin, Fritz Lang und Martin Heidegger, über »Kriegszitterer« (»Bomb shells«) und Frankenstein, Kronstadt und Trotzki etc. gesprochen hat, die ich für besonders wichtig erachte, und die zugleich immer auch an Alexander Kluges historische Herangehensweisen erinnern:

Westfront: Die Hälfte aller im Ersten Weltkrieg an der Westfront getöteten Soldaten starben im Schützengraben, also im Moment des Nichtstuns, des Wartens, somit völlig ohne ihr Zutun. Sie starben durch den modernen technologischen Krieg, sie starben durch Artilleriegeschoße, die 10 km weit entfernt waren, die sie nicht sahen. Damit gingen aber auch alle soldatischen Mythen, von Ruhm, Tapferkeit und Ehre und Vaterland usw. in die Brüche. Tapfer oder feig, egal: jeder Zweite
krepierte. Auf der anderen Seite Europas, an der Ostfront, der alte Krieg, wo, wie im Dreißigjährigem-Krieg, ganze Dörfer ausradiert, Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden.

Kriegszitterer: Eine der Folgen der Zwangssituation im Schützengraben waren die wie von schwerem Schüttelfrost gebeutelten Soldaten, die »Kriegszitterer«. Allein in Deutschland waren das rund 2,5 Millionen Kriegsversehrte, die nach dem Krieg zum Stadtbild gehörten. Die Briten sprachen von »Bomb Shell Disease« oder auch »Shell shock«, da man annahm, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Martin Heidegger: Der Philosoph habe sich, wie Blom anmerkte, als begeisterter Nazi alsbald von diesen abgewendet, »weil sie ihm nicht Nazi genug waren!«, was vor allem die Lektüre der Schwarzen Hefte zeige, also Heideggers Tagebücher, die, wie von ihm selbst verfügt, als Letzte Bände der Gesamtausgabe unlängst erschienen sind. (Vertiefend dazu ein Podcast mit Lutz Hachmeister, Axel Honneth und Marion Heinz.)

Prohibition in den Vereinigten Staaten: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in den USA Alkohol per Gesetz, für das de facto alle Abgeordneten gestimmt haben, verboten (Verkauf, Herstellung und Transport, nicht aber Konsum). Die Prohibition war unter anderen auch als Anti-Gewaltmaßnahme gedacht: Vielfach haben Arbeiter den Wochenlohn nach Erhalt versoffen, und dann ihre Frauen geschlagen und vergewaltigt. Frauenproteste, aber auch eine antisemitische Grundstimmung in den USA (die Whiskyerzeugung war vielfach von jüdischen Unternehmern kontrolliert), beförderten dieses Prohibitionsgesetz, das von 1920 bis 1933 in Kraft war. Die Konsequenzen: Die illegalen Einfuhren aus Kanada haben sich vervierfacht, verbotene Läden entstanden, sogenannte »Speakeasys«, und die organisierte Kriminalität (Al Capone) machte durch diese Alkoholimporte enorm viel Geld, sodass die Mafia – wie jeder Geschäftsmann auch – zu diversifizieren begann, also in andere Geschäftsbereiche eingestiegen ist (Schutzgelderpressung bei Wäschereien und Restaurants, Immobilien, Prostitution und später Drogenhandel).

Olympische Sommerspiele, August 1936 in Berlin: Große Inszenierung der Nazis (Leni Riefenstahl), um die Diktatur vor aller Welt zu feiern, dann kam der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens und zertrümmerte den Mythos vom arischen Helden. Dass sich Hitler vor der Medaillenvergabe verdrückt hat, wundert nicht; aber auch der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schickte Owens kein Telegramm, und schon gar nicht wollte er den 4-fachen Gold-Medaillengewinner (über 100 Meter, 200 Meter, 4 x 100 Meter und im Weitsprung) im Weißen Haus empfangen: Es war Wahlkampf in den USA und ein Foto mit einem Schwarzen hätte für Roosevelts Gegenkandidaten den sicheren Sieg bedeutet.

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Und hier noch was von und mit Blom zum Nachsehen:

Der letzte der Ungerechten

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Wiener Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit »einer der Höhepunkte der Viennale«, wie dessen Direktor Hans Hurch vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten »Judenältesten« des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende »Judenälteste« eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino erzählte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel
Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

»Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.«
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

Bildungsinitiative

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Von heute bis zum 10. November läuft das Volksbegehren „Bildungsinitiative.

Zur Einstimmung:
U2 heute früh: Zwei junge Medizinstudentinnen (18 oder 19) unterhalten sich:

A: Du, gestern hat mich der Michi echt arg g’nervt … mit so an Wort, dass ich noch nie gehört hab’. Das kennst du sicher auch nicht … Wart’, ich schau’ (sucht auf ihrem Smartphone, spricht dabei weiter), … hat was mit Rassen oder so zu tun … irgendwas mit dem Martin Luther … Da, ich hab’s: A-part-heit, genau Apart-heit.
B: Kenn’ ich.
A: Kenn ich … ja sicher, Du … ha, ha … Na und? Was ist das?
B: Irgendwas geschichtliches halt …
A: Das hat der Michi auch g’sagt. Na und? Und was ist das jetzt?
B: Hab’ ICH in Geschichte auf’passt?
A: Das hab’ ich zum Michi auch g’sagt … (beide lachen)

Noch eine Hör- und Mitdenk-Empfehlung: Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf ALTERNATIVLOS. Darin erzählt er auch folgende Geschichte: Anfang der 1990-er Jahre konnte er als junger Redakteur einem Treffen von Mitterrand und Kohl beim alten Ernst Jünger in dessen Domizil im baden-württembergischen Wilflingen beiwohnen. Plötzlich, so erzählt Schirrmacher, haben Mitterand und Jünger apokalyptisch über die Zukunft der Welt zu sprechen begonnen. Mitterand erörterte, wie oft welche Länder und Reiche im 20. Jahrhundert zusammengebrochen seien, Jünger sprach davon, dass die Menschen die Technik nicht mehr kontrollieren könnten und so weiter; und Kohl, dem sichtlich unwohl wurde, wie Schirrmacher bemerkte, unterbrach das Gespräch mit dem Ausruf: »Ach, ich bin ganz optimistisch!«

SPD schafft sich ab

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Offensichtlich darf man als Parteimitglied keine eigene Meinung vertreten. Immer schön im Strom mitschwimmen, unangenehme Themen werden nicht oder nur in beschönigter Form angesprochen. Die harte Wahrheit darf man nicht öffentlich machen. So sieht die Politik aus. Leute wie Sarrazin stören da nur, nicht wahr? Nur merkwürdig, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung da ganz anderer Meinung ist. Aber daran stören sich Politiker ja nicht.“ (Posting in ZEIT, 26. April 2011, 18:31 Uhr)

Dieses Posting findet sich unter einem Zeit-Kommentar, der die Einstellung des Parteiausschlussverfahrens gegen Thilo Sarrazin kritisiert, ein Sachverhalt, der sich diesem Poster mit dem drolligen Nickname „Tierfreund“ offensichtlich nicht erschlossen hat. Er sieht nur „Sarrazin“ und sofort wirft er seine Hausverstandsmaschine an und nimmt die Pose des vermeintlich „Gegen-den-Strom-Schwimmers“ ein, um gegen eine „Politik“ zu wettern, die keine „harte Wahrheit öffentlich macht„, und um klar zu machen, dass er und „ein nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung“ – den einer wie er immer dann anführen muss, sobald er das Maul aufmacht – von diesen „Politikern“ nichts hält. Dieser „Tierfreund“ ist der klassische Wutbürger, der gegen die „da Oben“ brüllt – und immer gegen die „da Unten“ tritt.

Mit dem Nichtausschluss des Ex-Finanzsenators in Berlin und Ex-Vorstandmitglied der Deutschen Bundesbank hat die Parteispitze der SPD ihren Wutbürgermitgliedern zu verstehen gegeben, dass sie den Gedankenmüll, den sie in sich tragen, nicht mehr hinunterwürgen müssen. Fortan dürfen sie getrost behaupten, dass u. a. „belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht„, dass „die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark (…)„, dass „auch im besten Bildungssystem die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert wird„, dass „für einen großen Teil dieser Kinder der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt ist: Sie erben (1) gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden (2) durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt“ und dass „Menschen unterschiedlich sind – nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt – und dass noch so viel Bildung und Chancengleichheit daran nichts ändert„.

Welch ein hoffnungsloses Menschenbild wird hier, mehr als 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung, produziert?“ schrieb der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel noch vor einigen Monaten in einem Beitrag in der Zeit, in dem er luzide die hässlichen Blödheiten des Bestseller-Autors auseinandergenommen hat. (Die hier angeführten Zitate aus Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sind diesem Beitrag entnommen.) Die Umfragedaten der SPD haben den Parteivorsitzenden und die führenden Genossen offenbar bewogen, ihre Auffassung zu ändern. Jetzt kann ein Parteimitglied also „für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen – unabhängig von Herkunft und Geschlecht, frei von Armut, Ausbeutung und Angst“ (Hamburger Programm – Grundsatzprogramm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, 2007, Einleitung, S. 6) eintreten und sozialdarwinistische, biologistische und rassistische Hässlichkeiten verzapfen. Das geht sich schon alles irgendwie aus.

Mit dem Signal an die Parteimitglieder, „Lasst einfach raus, was ihr ohnehin jeden Tag dank der Blödmedien hineinfrisst!“, hat sich die SPD abgeschafft!

Johanna Dohnal

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„Was die Durchsetzung der Forderung „Gleich viel Arbeit und gleicher Lohn“ für Männer und Frauen bedeuten würde: Männer müssten dann durchschnittlich um 10 Prozent mehr arbeiten, würden aber ein Drittel weniger verdienen. Frauen würden rund 10 Prozent weniger arbeiten, dafür aber fast das Doppelte verdienen.“
(Dreiländer-Konferenz der Frauenbeauftragten in Konstanz, 19. April 1997)

„Ich denke, es ist Zeit, daran zu erinnern: Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn.“ (Gastvortrag an der Technischen Universität Wien, 22. März 2004)

„Eine sozialdemokratische Politik müsste demgemäß also daran zu messen sein, welche Rahmenbedingungen und Strukturen sie schafft, um Gerechtigkeit zu vergrößern, Angst vor Armut und Not zu verkleinern und welche konkreten politischen, wirtschaftlichen und humanitären Maßnahmen sie im Hinblick auf die internationale Solidarität ergreift.
Nicht nur aus humanitären, sondern auch aus demokratiepolitischen Gründen bin ich in großer Sorge über die Beliebigkeitspolitik, die gerade auch von den Sozialdemokraten betrieben wird. Eine Politik, die gerade in Bezug auf die Einwanderungs- und Asylpolitik den niedrigsten Instinkten, die durch Massenmedien gepuscht werden, nichts entgegensetzt. (…) Denn die Abschottung der Mehrhabenden vor den Wenigerhabenden wurde mit dem Argument durchgesetzt, dass das Volk die Anwesenheit von immer mehr Ausländern nicht mehr zu dulden bereit sei.
Und niemandem von den Regierungsparteien und Sozialpartnern, die diese Politik forciert hatten, stieg die Schamesröte ins Gesicht, wenn sie die zahlreichen mitteleuropäischen Lichterketten der Antirassismusbewegung unterstützten und schlussendlich instrumentalisierten.
Wir Österreicherinnen und Österreicher haben ein multikulturelles Erbe. Wir haben viele Chancen versäumt, es weiter zu entwickeln.
Als durch Europa nahezu unüberwindbare Mauern und Stacheldrähte gingen, hatten wir eine Politik der offenen Türe. Heute haben wir Hausverbot.
Es wird unendlich schwierig sein, hier etwas zu ändern, solange sich Politiker und Parteien auf des Volkes Meinung berufen können und sich feige, aber machtbewusst an kleinformatigen Zurufen orientieren.“
(Aus: „Rede anlässlich des Flüchtlingsfestes zugunsten von „Asyl in Not“, Juni 1999)

„Ich gehöre jedenfalls zu jenen, die nicht aufhören werden, die Einrichtung von Ganztagsschulen, und zwar in der Form der Integrierten Gesamtschule, zu fordern, denn erst die Zusammenführung dieser beiden Schulformen ermöglicht optimal, allen Kindern in der Schulbildung die gleichen Chancen einzuräumen.“
(Rede im Wiener Gemeinderat, 25.10.1974)

„Für mich war Feminismus immer auch eine Bewegung, die Veränderung erreichen will und für mich ist Feminismus Theorie UND Praxis. Meine Wahrnehmung ist, dass die heutige Genderforschung über weite Teile nur noch wenige Berührungspunkte mit der Frauenbewegung hat. Es gibt einen akademischen Feminismus, der zu abstrakt geworden ist, an den Lebensrealitäten der meisten Frauen vorbeigeht und sie nicht mehr erreichen kann.
Ich bedaure dies sehr, weil damit ein radikales Potential verloren geht. Genauso wie ich glaube, dass mit dem Wort „gender“, dass mit Gender Mainstreaming, neoliberales Denken in die Frauenpolitik gekommen ist. Und damit werden

  • die Ungerechtigkeit und die Gewalt, die in den Geschlechterverhältnissen vorhanden sind,
  • die schreienden Missstände, von denen Mädchen und Frauen betroffen sind, genauso immunisiert
  • wie die Kritik am Sexismus,
  • damit werden das strukturelle Unrecht und der politische Charakter von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zunehmend ausgeblendet.

Coaching, Mentoring, Farb- und Stilberatung werden strukturelle Benachteiligungen ebenso wenig abschaffen, wie Gender Mainstreaming eine nachhaltige, breitenwirksame Politik für Geschlechtergerechtigkeit ersetzen kann.

  • Die gerechte Aufteilung der Familienarbeit zwischen Frauen und Männern,
  • die Beendigung der Gewalt gegen Frauen und der Ausbau weiblicher Berufstätigkeit, damit Frauen ökonomisch unabhängig von Männern leben können,

war über viele Jahrzehnte politischer feministischer Konsens. Dies wird mit individuellen Lösungsstrategien nicht zu haben sein.“
(Aus: Festrede für Edith Saurer, 2007)

Danke!

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Politclowns

Die Politclowns vom Wörtersee grinsen dreist in Fernsehkameras, faseln was von „Kampagnen gegen Kärnten“ und brüsten sich ihres „monetären Abwehrkampfs gegen Wien„, sofern sie nicht gerade Euro-Scheine eigenhändig verteilen oder Resolutionen verabschieden, in denen sie die Bundesregierung auffordern, die „permanente Kärnten-feindliche Berichterstattung des ORF zu beenden“ (vgl. Hier).

Fakt ist, dass Kärnten wirtschaftlich am Ende ist. Fakt ist weiters, dass für den Fall, man hätte die Hypo-Alpe-Adria-Group in den Konkurs gejagt, die Haftung des Landes von über 18 Milliarden EURO, die das verblichene Landesoberschlitzohr und seine Koffer- und sonstigen Zuträger für die Bank übernommen haben, schlagend geworden wäre, eine Haftung, die das Kärntner-Jahresbudget um das neunfache übersteigt. Dass der amtierende Landeshauptmann in einer Pressekonferenz sich deppert stellen kann (ihm sei dieses „Missverhältnis nicht aufgefallen“ vgl. Hier), kann ihm nicht weiter zur Last gelegt werden, seitdem ihm in Form eines Vorhabensberichtes des Justizministeriums mehr oder weniger bescheinigt wurde, er sei zu blöd, um zu wissen, was er tat – nämlich die Ortstafeln zu verrücken.

Nach den nächtelangen Verhandlungen, die der ORF als „Nacht der langen Messer“ bezeichnet hat, steht nun fest, dass die bisherigen Eigentümer, die Bayerische Landesbank 825 Millionen Euro, das Land Kärnten 200 Millionen und die Grazer Wechselseitige Versicherung 30 Millionen Euro aufbringen müssen und der Bund 450 Millionen. Darüber hinaus müssen noch weitere Milliarden aufgebracht werden, um die Liquidität der HYPO aufzustocken: Von den Bayern sollen weitere drei Milliarden Euro, vom Land Kärnten zusätzliche 227 Millionen Euro und von der Grazer Wechselseitigen nochmals 100 Millionen Euro aufgebrachte werden. Nicht zu vergessen, die 500 Millionen Euro, die der HYPO von heimischen Großbanken zur Verfügung gestellt werden. Kein Lercherlschas also!

Und die Kärntner Politclowns, deren Jenseitigkeit sich täglich aufs Neue beweist („wir sind nicht so neger wie man glaubt das schreiben zu müssen“ vgl. Hier), machen weiter wie bisher:

Das Jugendstartgeld kommt! Ab 1.1.2010 werden wir mit dieser in Österreich einzigartigen Unterstützungsmaßnahme zur Stärkung der Eigenständigkeit der Kärntner Jugend starten. Bei allen Spargedanken sehe ich das als notwendige Vorleistung in die Zukunft unseres Landes. (…) Das Jugendstartgeld umfasst maximal 1.000 Euro, wobei für Führerschein, Wohnraum oder Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen je 50 Prozent des Rechnungsbetrages rückerstattet werden. Damit fördern wir 3 Bereiche: Erstens die Jugend, der ein Anreiz gegeben werden soll, auch weiterhin in Kärnten zu leben und zu lernen. Zweitens die Familien, da wir eine Entlastung der elterlichen Ausgaben herbeiführen. Und drittens die Wirtschaft, weil wir die Wertschöpfung in Kärnten behalten, indem wir nur Leistungen von Kärntner Unternehmen refundieren.“(Website des BZÖ-Kärnten)

Die Kohle gibt’s dann wieder bar aufs Handerl, finanziert aus den Mitteln des „Zukunftsfonds„, also aus jenem Füllhorn, das nach dem Verkauf der HYPO-Anteile an die Bayern eingerichtet wurde und den der Bund fahrlässigerweise jetzt nicht sofort abgeräumt hat.

Hoffen kann man also nur auf den deutschen Rechtsstaat. Sollte der Staatsanwaltschaft München, die mittlerweile die Ermittlungen aufgenommen hat, der Nachweis gelingen, dass z. b. beim Verkauf der HYPO an die Bayrische Landesbank wissentlich mehr Geld geflossen ist, dann könnte es selbst für die Kärntner-Oberschlauen eng werden.

P.S.:
Soeben lese ich, dass die Politclowns bei der Strache-Partie unterkommen. So ganz kapier‘ ich das nicht …

Keine Abstimmung über Menschenrechte

Erst kürzlich hat sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)  in einem Urteil (Lautsi versus Italy, 3. November 2009) gegen Kreuze in Klassenzimmern ausgesprochen, mit folgender Begründung:

The presence of the crucifix – which it was impossible not to notice in the classrooms – could easily be interpreted by pupils of all ages as a religious sign and they would feel that they were being educated in a school environment bearing the stamp of a given religion. This could be encouraging for religious pupils, but also disturbing for pupils who practised other religions or were atheists, particularly if they belonged to religious minorities. The freedom not to believe in any religion (inherent in the freedom of religion guaranteed by the Convention) was not limited to the absence of religious services or religious education: it extended to practices and symbols which expressed a belief, a religion or atheism. This freedom deserved particular protection if it was the State which expressed a belief and the individual was placed in a situation which he or she could not avoid, or could do so only through a disproportionate effort and sacrifice.

Kreuze in Klassenzimmern diskriminieren Schüler, die sich zu einer anderen Religion oder zu keiner Religion bekennen, in ihrer (Religions)Freiheit; und insbesondere die Freiheit, keiner Religion anzugehören, unterliege einem besonderen Schutz! Das Kreuz in Klassenzimmern verstößt folglich gegen die Religionsfreiheit und ist klar diskriminierend – da mögen sich die Vertreter der christlichen Kirchen noch so echauffieren.

Man muss kein Menschenrechtsexperte sein, um absehen zu können, dass die Schweizer Regierung, sollte sie dem Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung entsprechen und in Hinkunft den Bau von Minaretten per Verfassung untersagen, in einigen Jahren völlig zu Recht vom EGMR wegen Verstoßes gegen die Religionsfreiheit verurteilt werden wird. Sowohl der „Zwang“ zum Kreuz als auch das „Verbot“ Minarette zu bauen, sind eindeutige Verstöße gegen das Recht auf Religionsfreiheit, ein Recht, das durch Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützt ist. Die Konvention ist von allen Mitgliedstaaten des Europarates – so auch von der Schweiz – ratifiziert worden.

Wenn ich, unter Berufung auf die Europäische Menschenrechtskonvention, darauf vertrauen kann, dass mein Recht, mich zu keiner Religion zu bekennen, geschützt wird, dann muss ich vice versa auch einem Muslim, Christen, Juden etc. zugestehen, dass sein Recht auf Ausübung seiner Religion gewährleistet wird.

P.S.: Der Ausgang der Volksabstimmung in der Schweiz hat mich genauso wenig überrascht, wie die Aufregung und Empörung in anderen europäischen Staaten angesichts dieses Votums. Ich denke, die Ergebnisse würden in Deutschland und Österreich, aber auch in vielen anderen europäischen Staaten nicht viel anders aussehen. Wer über Inhalte der Europäischen Menschenrechtskonvention abstimmen lässt, kann diese sofort abschaffen.

Pop fetzt Nazis weg

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»Frage: Andere Filme über die Nazi-Zeit versuchen, Wirklichkeit über authentische Requisiten zu schaffen. Operation Walküre mit Tom Cruise musste unbedingt im Bendler-Block gedreht werden.

Waltz: Das ist das Gegenteil von dem, das ich meine. Solche Filme sind nicht nur kein Kunstwerk, sie sind auch keine Geschichtsbetrachtung. Sie sind, im besten Fall, Unterhaltung. Dadurch entsteht keine Wahrheit, sondern Selbstgerechtigkeit. Wir erklären unsere Geschichte für erledigt, indem wir uns mithilfe solcher Authentizitätsversicherungen auf der richtigen Seite wähnen. Wir lassen die Wunde nicht mehr aufreißen.« (Christoph Waltz in einem faszinierenden Interview in der Zeit-Online)

In dem köstlichen Kaiser Nero-Sketch von Gerhard Polt ärgert sich ein Vater über seinen Buben, weil dieser in der Schule im Fach Geschichte einen Fünfer bekommen hat, weil er nicht wusste, wer Kaiser Nero war bzw. Arnold Schwarzenegger für diesen hielt. Für den Vater unerklärlich, müsse doch jeder längst wissen, wie der Polt-Vater im unnachahmlichen bayrischen Dialekt mosert, »dass der Kaiser Nero der Peter Ustinov ist«.

Die Polt’sche Figur hat klarerweise recht, weil in Zeiten der elektronischen Massenmedien jedwede Erinnerung an vergangene Zeiten ausschließlich über von diesen Medien produzierte Bilder hergestellt wird. Was den jugendlichen Kinogängern der 1950-er und 1960-er Jahre ihr Ustinov-Nero war, ist den 2000-ern Bruno Ganz und dessen Hitler-Spiel in Der Untergang.

Die Ausschnitte, die ich gesehen hatte, reichten mir völlig: Ich hatte keine Lust, mich dieser Hitler-als-Mensch-Kopie im Kino auszusetzen; einmal davon abgesehen, dass es schlicht widerlich ist, die sadistische Mörderbagage just in dem kurzen Moment ihres Daseins darzustellen, in der es ihr schlecht erging. Es hat mich auch nicht gewundert, dass ich nach dem Kinostart von Der Untergang von Leuten, die den Film gesehen hatten, Sätze hörte, wie »Bruno Ganz spielt so gut, dass ich plötzlich verstanden habe, warum so viele Menschen von Hitler fasziniert sein konnten«.

»In der faschistischen Ästhetik stirbt der Held, um zum ewigen Bild zu werden, zu jenem Märtyrer, der immer im Geiste mitmarschiert. Die Todesbilder des Postfaschismus haben diesen Vorgang nur dämonisiert oder mit Bedauern verbunden. So blieb das Bild als fixe Idee. Der ›Hitler in uns‹, ›Mensch Hitler‹, die unsterbliche Bestie: das nicht abgeschlossene Bild, das die postfaschistische Gesellschaft fürchtet und von dem sie zugleich besessen ist. Vor allem die deutsche Kultur war und ist auf eine unaufklärbare Weise ›Hitler-süchtig‹«. (Georg Seeßlen im Spiegel)

Diesen Dämonisierungen ist jetzt der Garaus gemacht worden, und zwar mit den Mitteln des amerikanischen Kinos, und von Quentin Tarantino und seinem famosen Inglourious Basterds. Historische Authentizität? Fuck off! Stattdessen: Kino als Möglichkeitsraum, in dem der einen Geschichte-Erzählung ganz andere Stories entgegengeschleudert werden. Tarantino, der ehemalige Videothekar, der seit seinem Erstlingswerk Reservoir Dogs den Fundus der populärkulturellen Produktionen kreativ plündert, wie kaum ein anderer, bemüht in diesem Film den Italo- (Sergio Leone) und Spätwestern (Sam Peckinpah) ebenso wie all die Nazi-Trash-Movies, die Comics sowieso, aber auch die großen Melodramen. Herausgekommen ist ein radikaler Wurf, der all die um »historische Wahrheit« bemühten Filme als das entlarvt, was sie sind: Kitsch.

»Once upon a time in Nazi occupied France …«. So beginnt Tarantinos Meisterwerk, gesehen im schönsten Kino Wiens, im Gartenbaukino, in der Originalfassung mit Untertiteln, was bei diesem Film übrigens von ganz zentraler Bedeutung ist, bildet doch die Sprache, der Gebrauch und die Macht der unterschiedlichen Sprachen, Dialekte und Idiome, welche die Protagonisten sprechen, die Essenz des Films.

Herausragend: Christoph Waltz als SS-Offizier Hans Landa. Hat man je zuvor solch einen teuflisch-bösen, genialen, weil opportunistischen Massenmörder auf der Leinwand gesehen? Eine Jahrhundertperformance! Aber auch die anderen Schauspielerinnen (grandios: Mélanie Laurent) und Schauspieler (August Diehl: Angstschweiß; Til Schweiger: ja, auch der!) agieren virtuos.

Meine Lieblingssequenz: Shoannah Drehfuß (gespielt von Mélanie Laurent), einzige Überlebende des Massakers an ihrer Familie (genauer: SS-Landa, Herr über Leben und Tod, lässt sie entkommen), schminkt sich für ihren großen Auftritt. Sie legt die Kriegsbemalung an, dazu klingt Cat People (Putting out fire) von David Bowie (schreibt irgendwer bessere Popsongs?).

Und im Dunkel des Kinos feuere ich mit größter Lust gemeinsam mit den beiden Basterds die Magazine ihrer Maschinengewehre leer.

Übrigens hätte es wirklich beinahe eine Basterds-Truppe gegeben, und zwar aus Hollywood, wie Georg Seeßlen in der Jungle World angemerkt hat.

Schöne Kritik von Christian Fuchs

P.S.
Das Filmmuseum zeigt im September eine Retrospektive von einem anderen Kinobesessenen, von Martin Scorsese. Neben einigen Großtaten aus seinem Werk, wie Taxi Driver, Mean Streets oder The Age of Innocence, freue ich mich ganz besonders auf seine Streifzüge durch das amerikanische und das italienische Kino (A Personal Journey with Martin Scorsese through American Movies und Il mio viaggio in Italia / My Voyage to Italy), in denen der Meister Ausschnitte aus seinen Lieblingsfilmen kommentiert und damit seine Einflüsse offenlegt.