Sometimes in April

Kurt Cobains Selbstmord war die Schlagzeile der meisten Fernseh- und Radiostationen der westlichen Welt am Morgen des 6. April 1994. Dass an jenem Tag ein Kleinflugzeug beim Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali mit Boden-Luft-Raketen abgeschossen wurde, sodass die Crew und alle Passagiere, darunter der ruandische Staatspräsident und sein burundischer Amtskollege, getötet wurden, sollte die Weltöffentlichkeit zwar tags danach erfahren, welche entsetzlichen Folgewirkungen dieser Anschlag mit sich bringen würde, war den Medien nicht bewusst – die Experten in der UNO, in den Nachrichten- und Gemeindiensten der großen Nationen wussten allerdings sehr wohl, dass man nun mit dem Schlimmsten zu rechen hatte.

Der großartige Spielfilm „Sometimes in April“ von Raoul Peck (vgl. auch hier), im Nachtprogramm von ARTE gelaufen, versucht anhand der fiktiven Geschichte zweier Brüder, dem Hutu-Offizier Augustin, der mit einer Tutsi verheiratet ist, und dem Radiomoderator Honoré, der beim Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) beschäftigt ist, das von langer Hand geplante, propagandistisch aufbereitete und mit unfassbarer Brutalität vollzogene Genozid der Hutu an den Tutsi und gemäßigten Hutu darzustellen. Von April bis Mitte Juli 1994 wurden zwischen 800.000 und 1 Millionen Menschen (beinahe drei Viertel aller in Ruanda lebenden Tutsi) ermordet, fast die Hälfte abgeschlachtet mit Macheten.

Neben der Propagandawaffe Radio (in einem Land mit rund 40% Analphabetenquote das wichtigste Massenmedium) – der Radiosender RTML hat durch Hass- und Hetzparolen gegen die Tutsi (der Film verzichtet mit Fortdauer auf die akustische Wiedergabe der Mordparolen, sie bleiben aber ständig präsent als stumme Untertitel) maßgeblich zur propagandistischen Vorbereitung und Umsetzung des Völkermordes beigetragen, wird in diesem Film vor allem auch das Nichthandeln der Vereinten Nationen, der USA, Frankreichs und Großbritanniens präzise angesprochen, genauer, die ganz bewusste Desinformation der Öffentlichkeit, indem mit Begriffen wie „Chaos“ oder möglichen „genozidalen Akten“ operiert wurde, um keine Handlungen setzen zu müssen (laut UN-Konvention muss bei Völkermord militärisch interveniert werden).

Auf Wikipedia findet sich ein exzellenter Artikel, der den Völkermord in Ruanda, seine Ursachen in Kolonialismus und De-Kolonialismus verortet, und seine Auswirkungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse in ganz Zentralafrika in den wesentlichen Details darstellt. Als weiterführende Lektüre, vor allem zur Rolle der Medien, kann die Publikation The Media and the Rwanda Genocide, die auch als vollständige Online-Version zugänglich ist, empfohlen werden.

Artikel 19

Im Dezember 1997 hat die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (vormals KSZE), den so genannten Beauftragten für die Freiheit der Medien mit Sitz in Wien eingerichtet. Seither fungiert der Medienbeauftragte (15 Mitarbeiter) als Watchdog der Medienfreiheit, indem er Verstöße der Mitgliedstaaten der OSZE gegen die Intention von Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen („Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.„) publik macht und die Bösewichte beim Namen nennt.

Heute hatte ich die Gelegenheit, einer Konferenz beizuwohnen, die anlässlich des zehn jährigen Bestehens des Medienbeauftragten in der Wiener Hofburg stattfand. Der gegenwärtige Medienbeauftragte, der ungarische Journalist, Schriftsteller und Jurist Miklós Haraszti skizzierte in seinem Statement die elementaren Bedrohungen, denen Journalisten und Medienvertreter ausgesetzt sind: Neben der direkten, physischen und lebensbedrohenden Gewalt gegen Journalisten nehmen in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks Formen der Kriminalisierung von Medienleuten zu, also gesteuerte Kampagnen gegen Journalisten mit dem Ziel, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Zu diesen eindeutig gegen die Medienfreiheit gerichteten staatlichen Aktivitäten gilt es aber auch die unter dem Logo des Anti-Terror-Kampfes lancierten Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen (Datenspeicherung, Bundestrojaner etc.) zu bedenken – mit allen negativen Implikationen auf das Journalisten zustehende Recht auf die Vertraulichkeit der journalistischen Quellen. Haraszti führte aber auch etliche von den Medien selbst zu verantwortende Faktoren an, die den Geist von Artikel 19 tendenziell untergraben. Er sprach die (Selbst-)Kommerzialisierung der Medien an, womit er nicht nur die Zunahme von würdelosen Formaten in den elektronischen Medien meinte, sondern vor allem den wachsenden Trend, Beiträge zu bestellen und zu bezahlen. Journalisten würden derartige Produkte dem Leser/Seher nicht als Werbung kenntlich machen, sondern als seriöse Information verkaufen.

Konstanty Gebert, Auslandskorrespondent der größten, überregionalen polnischen Tageszeitung, der links-liberalen Gazeta Wyborcza, hat diesen Bezahljournalismus am Beispiel Russland illustriert. Für Gebert (1953 in Warschau geboren, 1968 im Zuge der antisemitischen Säuberungen in Polen aus dem Gymnasium geworfen, Solidarnosc-Aktivist der ersten Stunde, Chefredakteur der jüdischen Monatsschrift MIDRASZ) ist mit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja auch die Presse- und Meinungsfreiheit in Russland liquidiert worden. Politkowskaja sei die letzte Journalistin von Rang gewesen in einem ansonsten völlig korrupten Mediensystem. In Russland sei es Usus, so Gebert, dass Journalisten gegen Bezahlung Beiträge verfassen, in denen sie politische Gegner oder wirtschaftliche Konkurrenten anschwärzen. Diese Praxis, die allgemein bekannt sei, habe das Grundvertrauen von Journalist und Leser zerstört:

Wenn Journalisten schreiben, weil sie sich der ‚Wahrheit verpflichtet haben’, und von staatlichen oder ökonomischen Machthabern in ihrer Arbeit behindert werden, dann gehen die Leser auf die Straße, weil sie sich in ihrem Informationsrecht eingeschränkt sehen. Wenn Journalisten aber im Auftrag und im Interesse derer schreiben, die sie bezahlen, dann wird niemand auf die Straße gehen, wenn diese Journalisten in ihrer Arbeit behindert werden, weil der Leser bereits vorher jedwedes Interesse an dieser Art von Journalismus verloren hat.

Deshalb rege sich im Russland des Wladimir Putin auch so wenig Widerstand, wenn der Staatsapparat gegen wahrheitssuchende Journalisten vorgehe. Gebert betonte, dass es diese Form von Korruption in der ganzen Welt gebe. Der Unterschied bestehe seiner Meinung aber darin, dass korrupte Journalisten in demokratischen Staaten zur Verantwortung gezogen werden würden, während sie in Russland das Mediensystem konstituieren.

Bundeszentrale für politische Bildung

Das Webportal der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) ist eine der besten Informationsquellen im Internet. Wie überhaupt die seit 1952 bestehende Einrichtung, die über ein dichtes Netzwerk aus Landeszentralen, Bildungseinrichtungen und –trägern verfügt, offenbar seit einigen Jahren hervorragende Arbeit im Bereich politischer Bildung leistet – eine vergleichbare Einrichtung existiert in Österreich schlicht und ergreifend nicht.

Anfänglich verstand sich die Bundeszentrale für Heimatdienst, so der ursprüngliche Name, als ideologisches Bollwerk gegen den Kommunismus – die tatkräftige Mitarbeit ehemaliger Nazis in den 50-er und 60-er Jahre, aber auch noch später, verwundert daher nicht wirklich. Seit 1963 führt die Einrichtung, die eine nach geordnete Behörde des Bundesministeriums des Inneren ist, den heutigen Namen. Den historischen Hintergrund dieser Einrichtung hat die Politologin Gudrun Hentges erforscht.

Ich habe vor allem aus dem umfangreichen Publikationsangebot der BPB schon oftmals Gebrauch gemacht. Speziell die Schriftenreihe mit ihren Themenschwerpunkten Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft, Innenpolitik, internationale Politik, Politische Grundfragen und Medien, die Bücher zum Superpreis (für 2 bis 6 Euro) umfasst – easy Bestellung und Bezahlung nach superschneller Lieferung mit Erlagschein – ist höchst empfehlenswert.

Und, wie eingangs gesagt, das Webportal ist mit seinen Dossiers zu wichtigen historischen Ereignissen, aktuell etwa zu 1968, eine wahre Fundgrube.

Privatisierung des Krieges

Die Website Blackwater Watch dokumentiert die Privatisierung des Krieges anhand des wohl größten Profiteurs der Auslagerung des staatlichen Gewaltmonopols, anhand des weltweit agierenden privaten Sicherheitsunternehmens Blackwater. Gegründet im Jahre 1996 von Eric Prince, Erbmillionär, christlich-religiöser Fundamentalist (Mitglied im Direktorium der Christian Freedom International) mit bester Connection zur Bush-Administration (Praktikum im Weißen Haus beim Vater Bush), begann der rapide Aufstieg des Unternehmens nach 9/11 und vor allem nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad. Ohne diese „dedicated family of exceptional employees„, wie die Truppe ehemaliger Elitesoldaten aus aller Welt auf der Firmen-Website euphemistisch genannt wird, könnte der Irak-Krieg längst nicht mehr bestritten werden.

Nun gibt es Söldner, seit es Kriege gibt – also schon immer. Der Unterschied zu früheren Zeiten besteht allerdings darin, dass demokratische Staaten ohne Söldnertrupps de facto keine Kriege mehr führen könnten – der Druck der Öffentlichkeit steigt mit jedem toten Soldaten, der aus den Kriegsgebieten heimgeholt und mit militärischen Ehren beerdigt werden muss (siehe Vietnam-Krieg). Private Sicherheitsdienste, die außerhalb des Völkerrechts agieren, anzuheuern, ist somit eine elegante und effiziente Strategie, um einer demokratischen Kontrolle zu entgehen.
Jeremy Scahill, Journalist beim US-Magazin The Nation und Autor des BuchesBlackwater – Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt, das soeben auf Deutsch erschienen ist, fasst diesen Sachverhalt in einem Interview in der TAZ wie folgt zusammen:

Mit Blackwater verfügt die Bush-Regierung über eine Schattenarmee mit 25.000 jederzeit einsetzbaren Söldnern, den Gerätschaften einer regulären Brigade und einer eigenen Luftflotte. Tote oder verletzte Söldner tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf. Das mindert die Proteste gegen den Irakkrieg. Der Einsatz von Blackwater und anderen Söldnern verschleiert, wie viele US-Amerikaner wirklich im Irak sind.

Wie verfahren die Lage längst ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1996: Zwei Jahre nach dem Genozid an den Tutsi in Ruanda wusste die UNO von einer weiteren Vertreibung. Da sich die große Mehrheit der UNO-Staaten weigerte, eigene Soldaten in die Region zu entsenden, ließen die Vereinten Nationen prüfen, inwieweit private Unternehmen mit der Sicherung der Flüchtlinge beauftragt werden könnten.

Die südafrikanische Firma Executive Outcomes, die sich aus Spezialkämpfern der alten Apartheidarmee rekrutierte und bereits in Angola und Sierra Leone von Kriegsparteien mit Kampfaufträgen betraut worden war, bot an, in Ruanda sichere Inseln für Flüchtlinge zu schaffen. Innerhalb von 14 Tagen, so das Firmenangebot, könnte sie Soldaten in Ruanda stationieren und binnen sechs Wochen ein Kontingent von 1.500 Soldaten einsetzen. Kostenpunkt: 600.000 US-Dollar pro Tag und damit deutlich billiger als die meisten UNO-Blauhelmmissionen.“ (hier der ganze Artikel)

Kofi Annan, der zu dieser Zeit für UN-Friedenseinsätze verantwortlich zeichnete, bekam keine Zustimmung für diese Pläne – die Privatisierung des Frieden war nicht durchzusetzen.

Unser Kampf – 1968

Der Historiker Götz Aly hat ein Buch über 1968 geschrieben, das sich schon durch seinen Titel, „Unser Kampf – 1968„, von den zahlreichen Jubelpublikationen ehemaliger 68-er, die zum 40. Jahrestag der studentischen Revolten in Deutschland erschienen sind, absetzt, indem in anderer Weise eine Verbindung zur „Mein Kampf“-Generation evoziert wird, als man annehmen würde. Ein Vorabdruck des Buches findet sich im Perlentaucher.

Der ehemalige 68-er Aly, der sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit immer wieder mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, interpretiert die Revolte seiner Generation, im Gegensatz zum 68-er Mythos, es „sei deshalb so heftig verlaufen, weil die Nazivergangenheit in der westdeutschen Öffentlichkeit einvernehmlich beschwiegen worden sei„, gewissermaßen als Abwehrreaktion gegen die in der Bundesrepublik stattgefundene juristische und moralische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Unterschied zu Österreich, wo die gerichtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus nach anfänglichem, den Alliierten zu verdankendem Engagement rasch abebbte und in den frühen 1970-er Jahren vom damaligen SPÖ Justizminister Christian Broda eingestellt wurde, um insbesondere weitere skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate zu verhindern (man lese dazu die Titelgeschichte im Falter 06/2008 von Florian Krenk über den „Fall Erna Wallisch„), wurde in der BRD, „in der Öffentlichkeit und von Staats wegen in den Schulen immer intensiver über den Mord an den Juden geredet und informiert, weil von 1963 bis 1965 der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt und Hunderte weiterer NS-Verfahren in Gang gesetzt worden waren„.

Aly sieht in der Bewunderung der 68-er für autoritäre und totalitäre Regimes, deren Verbrechen man ebenso negierte, wie die Vätergeneration die nationalsozialistischen Verbrechen, nicht nur eine trotzalledem Identifikation mit der Vätergeneration, sondern vor allem den Versuch, sich vom nationalsozialistischem Erbe zu befreien. Neben der Bewunderung für Mao Tse-tung – „Die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach“ –, die mit einer völligen Ausblendung der chinesischen „Kulturrevolution„, über deren Schrecken man schon sehr früh alles wissen konnte, einherging, artikulierte sich vor allem in den gegen den Vietnamkrieg gerichteten Parolen und Aktionen die Sehnsucht, das deutsche Jahrhundertverbrechen zu tilgen.

Die Ende 1967 im Handumdrehen populäre, gegen den Vietnamkrieg gerichtete Parole „USA-SA-SS“ enthielt zweierlei: Momente von Identifikation und Distanzierung, die jeden Generationskonflikt kennzeichnen. Der neue Zauberspruch ließ die jungen Deutschen frei werden. Zwar deutete er die Verbrechen der Vätergeneration noch an, verlagerte sie jedoch auf andere, von anderen begangene Schreckenstaten, verallgemeinerte die NS-Verbrechen zur Unkenntlichkeit und schob sie aus der Mitte der eigenen Gesellschaft heraus – weit weg nach Übersee.

Klaus Theweleit hat in seinem 1998 erschienenen Buch „Ghosts die Gründe für diese Übertragungen wie folgt benannt:

Die Verurteilung der eigenen an der Vernichtung der Juden beteiligten oder sie duldender Eltern sei, bei den meisten von uns, nur vordergründig gewesen. In Wahrheit hätten wir es psychisch nicht über uns gebracht, den notwendigen „Elternmord“ zu vollziehen. Dieser wäre aber die nötige Voraussetzung einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Eltern und die Voraussetzung einer wirklichen Trauer über das geschehene Morden gewesen.“ (S.127)

Kind 44

Wie kann man als Individuum existieren, wenn der Ehemann, die Ehefrau, der Arbeitskollege, der Freund, der Nachbar, der Unbekannte in der Metro, schlicht jeder und jede, jederzeit zur existentiellen Bedrohung werden kann, ja zur Bedrohung werden muss, will er/sie nicht selbst seine/ihre Existenz bedrohen?

Wie es möglicherweise war, unter einer solchen Angstglocke zu leben, erzählt der 29 jährige Engländer Tom Rob Smith in seinem Erstlingsroman Kind 44. Elke Heidenreich hat den Roman in ihrer ZDF-Büchersendung lesen gerade vorzustellen begonnen, als ich zufällig hin gezappt habe, und sie hat diesen, vom Verlag als Thriller vermarkteten Roman so faszinierend beworben, dass ich das Buch sofort kaufte und zu lesen begann.

In Kind 44 erzählt der Autor von einer Mordserie an Kindern in der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Der Roman, wiewohl Tom Rob Smith eine erst Jahre nach dem Tod Stalins aufgeklärte Mordserie als Vorlage diente, hat paradoxerweise in einem anderen Sinn einen fiktiven Kern: In einer Gesellschaft, in der Armut und Ungleichheit offiziell für abgeschafft erklärt wurden, kann es keine Verbrechen mehr geben. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, daher wurden die Morde als Unfälle zu den Akten gelegt oder geistig Behinderten in die Schuhe geschoben oder schlicht und einfach vertuscht.

Ein hoch dekorierter, linientreuer Geheimdienstoffizier, der weiß, dass ein offensichtlicher Mord an einem 12-jährigen als Unfall zu deklarieren ist, wird im Zuge der Untersuchungen zur Einsicht gelangen, dass das ganze Land die Lubjanka ist.

Auch wenn die bloße Kriminalgeschichte, das Whodonit, Schwächen aufweist, die präzise Beschreibung des Terrors, das Eindringen staatlicher Macht in die Körper, und die Schilderung der von unfassbarer Armut geprägten Verhältnisse in der Sowjetunion in den ersten Jahren nach WK II, ließ mich beim Lesen fast aufs Atmen vergessen.

Club 2

Wiewohl der Club 2 zum Thema „Hassliebe USA-Europa“, in Kategorien herkömmlicher Talk Shows bemessen, dank kompetenter Diskutanten (vor allem Anton Pelinka und Gerald Matt), die der politischen Paranoia des Wilhelm Langthaler zumindest für etwa 80 Minuten entschieden Einhalt boten, durchaus gelungen war, führte er dennoch exemplarisch vor, warum der neue Club 2 nur ein müder Abklatsch des Originals ist, und dies auch solange bleiben wird, bis die ORF-Verantwortlichen das Open End-Format des Originals wieder beleben. Erst das Wegfallen der Zeitbegrenzung unterschied den Club 2 von serieller TV-Konfektionsware. Diskussionen brauchen nämlich Anläufe, Leerläufe, Wiederholungen, Abschweifungen; erst nach diesen zeitintensiven Nebengeräuschen, erst nach diesem Hinwerfen von Meinungen, nach dem Sich-In-Szene-Setzen, können Argumente und Meinungen abgewogen und geprüft werden, kann ein Einlassen auf das Gegenüber in raren Momenten sogar einen gemeinsamen Lernprozess initiieren.

Das, und nur das, war das Einzigartige am Club 2!

New Age Racism

Die Spannung bei den US-amerikanischen Vorwahlen steigt. Der 5. Februar 2008, der so genannte „Super Tuesday„, an dem sich voraussichtlich entscheiden wird, wen die Demokraten und die Republikaner für die Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 nominieren, rückt näher. Auf Grund der von den Massenmedien als Show-Down zwischen der Favoritin Hillary Clinton und dem Herausforderer Barack Obama inszenierten Kandidatenkür bei den Demokraten habe ich nicht registriert, dass auch die Green Party eine Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen nominiert hatte. Da mir die US-amerikanischen Grünen nur als indirekte Unterstützer der Wiederwahl von Georg W. Bush in Erinnerung waren – das Antreten von Ralph Nader bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004 hat bekanntlich Al Gore um die Präsidentschaft gebracht -, war ich zunächst erleichtert, als ich der jüngsten Ausgabe der Jungle World – in der Einleitung zu einem Interview mit Elaine Brown, der von den US-Grünen nominierten Kandidatin – entnehmen konnte, dass diese ihre Kandidatur mittlerweile wieder zurückgezogen hatte. Sieh’ an, dachte ich mir, die Grünen haben es endlich kapiert, dass in einem Wahlsystem, das nach dem „the winner takes all„-Prinzip konzipiert ist, die Linken/Liberalen/Grünen usw. nur dann eine Chance haben, wenn sie sich nicht gegenseitig die Stimmen wegnehmen.

Dann las ich das Interview. Dann begann ich zu recherchieren, und verschaffte mir Infos zu Elaine Brown, die von 1974 bis 1977 Vorsitzende der Black Panther Party war. Dann las ich das Interview nochmals. Brown erzählt darin, dass sie sich deshalb von den Grünen aufstellen ließ, weil sie deren Wahlkampfmaschinerie nutzen wollte, „um Nichtwähler aus den unteren Milieus zur Wahl zu bewegen“, und weil diese Partei die einzige war, die sich gegen die während der Präsidentschaft von Bill Clinton in vielen Bundesstaaten eingeführten „Three strikes Laws“ ausgesprochen hat. Diese, dem Resozialisierungsgedanken widersprechenden Strafgesetze ermöglichen dem Justizapparat die Verhängung lebenslanger Freiheitsstrafen für zweimal rückfällig gewordene Straftäter – de facto unabhängig von der Schwere der Vergehen. Mit ein Grund dafür, dass sich die Zahl der Häftlinge in US-Gefängnissen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat. (vgl. dazu die Reportage in Telepolis)

Eines der Bücher von Elaine Brown trägt den Titel New Age Racism. Mit diesem Begriff benennt sie Ideologien, die nicht nur in den USA, sondern mittlerweile in allen modernen Industriegesellschaften common sense geworden sind. Ihre Funktion besteht darin, dass durch Appelle an die Eigenverantwortung, gemäß dem Motto, Wenn du dich richtig ernährst, erkrankst du auch nicht an Krebs, die Ursachen für soziale Probleme nicht mehr in gesellschaftlichen Verhältnissen gesucht werden, sondern im individuellen Verhalten. In dem Interview sagt Brown:
Clintons Botschaft war, dass es keinen Rassismus mehr gibt. Die Schwarzen waren doch frei, aber sie haben ihre Freiheit vermasselt. So wie man uns weismachen will, dass der Klimawandel deswegen eintritt, weil wir das falsche Haarspray benutzen, will man nicht länger über die Verhältnisse reden, die dazu führen, dass die Hälfte aller Gefängnisinsassen der USA schwarz sind, obwohl der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent beträgt. Die Missstände seien nicht länger eine Frage des Kapitalismus oder des Rassismus, sondern eine Frage des schlechten Benehmens Einzelner. Das ist die Ideologie des New Age.

An diesem ideologischen Konzept kratze auch ein demokratischer Präsidentschaftskandidat Barack Obama nicht, sondern er legitimiere, wie Brown nüchtern festhält, „das Bedürfnis der weißen und schwarzen Mittelklasse, endlich nicht mehr über Sklaverei, Rassismus und soziale Probleme reden zu müssen„. Und weiter: „Es gibt eine Reihe Schwarzer, vor allem aus der Mittelklasse, die ihn unterstützen. Aber in den Ghettos, in den armen Familien, unter den Crack-Abhängigen, in den Familien, deren Angehörige im Gefängnis sitzen, gilt Obama nicht als eine Figur der Hoffnung. Die Leute, die in Obama eine Hoffnung sehen, sind mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden.

Zur Vertiefung:
Video-Vortrag von Elaine Brown vor Studenten über New Age Racism.

Fernsehen als Kanzel

In einer berührenden „Liebeserklärung an einen Querdenker“ erweist André Heller dem ehemaligen Generalintendanten des ORF Gerd Bacher die Reverenz. Bacher, der die Medienorgel ORF über Jahrzehnte „in seiner schönsten, imponierendsten Form erfunden bzw. die begabtesten Feuerköpfe um sich geschart hat, um ihn erfinden zu lassen„, wie Heller betont, hat vor allem viele machen lassen, auch dann, wenn das Produkt so gar nicht mit seinem rechtskonservativen Weltbild im Einklang stand.

Man krame etwa in eigenen Videobeständen oder erwerbe ausgewählte Klassiker der Bacher-Ära, die vor Kurzem in der Edition „Der österreichische Film“ auf DVD erschienen sind, wie etwa die sechsteilige Alpensaga, oder erinnere sich an so manche Club 2-Sendung, in der man als Heranwachsender zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, was zivilisierte Diskussions- und Streitkultur sein kann (etwas, was man weder von Elternhaus noch von Schule vermittelt bekam, weil das Personal dieser Sozialisierungsinstanzen selbst in autoritären Strukturen sozialisiert wurde) oder schalte auch heute noch Sendungen wie Diagonal ein – auch das eine Erfindung aus der Bacher-Ära -, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Fernsehen und Radio sein kann und sein soll, wenn es sich als Medium der Aufklärung begreift.

Zugleich, und das sollten wir bei aller Verklärung nie vergessen: Das Bacher’sche Fernsehen war – trotz dieser, die Erinnerung prägenden Höhepunkte – in seiner Konzeption genauso anti-emanzipatorisch und autoritär wie Schule und Elternhaus, weil es, wie der Journalist Joachim Riedl zu Recht festhält, „im Bewusstseins eines Alleinvertretungsanspruches“ daher kam. Und Riedl weiter:

Es ist ein Götze, der keine anderen neben sich dulden mag. Ein Stück Religionsersatz und wer’s glaubt, wird selig. Allen anderen ist die Hölle gewiss, darin die ewige Dummheit brodelt. (…) Die Vorstellung, Fernsehen sei eine Schule der Nation, eine Belehrungs- und Erklärungsanstalt, nährt sich aus der utopischen Idee der wohlmeinenden Diktatur, die davon überzeugt ist, es müsse eine hohepriesterliche Fürsorgeherrschaft über das unmündige Gewusel der Menscheit errichtet werden. Der Gedanke, so verführerisch er sein mag, ist in Wahrheit totalitär.“ (Hier der ganze Text von Joachim Riedl)

Fernsehen, in den 1970-ern und 1980-ern, hieß schlicht und einfach: ORF sehen. Die Fernbedienung, sofern es sie überhaupt gab, war funktionslos, weil es keine Möglichkeiten des Wegzappens gab. Angesichts des Faktums, dass es eben nicht täglich Alpensaga oder Kottan gab, also Sendungsinhalte, die man, don’t forget, wenn überhaupt, nur bei Abwesenheit elterlicher Autorität sehen konnte, sondern, ganz im Gegenteil, dass der ORF-Alltag hauptsächlich von journalistischen Geistesblitzen wie etwa dem Bacher-Freund Alfons Dalma (eigentlich Stjepan Tomicic), der seine journalistische Karriere in Propagandablättern des kroatischen Ustascha-Regimes begonnen hatte, in den späten 1960-er Jahren zum Chefredakteur im ORF aufgestiegen war und bis in die 1980-er Jahre aus dem ORF eigenen Vatikan-Studio die gesamte Süd-Europaberichterstattung abdeckte, geprägt wurde und Sendungen wie Autofahrer unterwegs die Begleitkulisse zum sonntäglichen Schweinsbraten im Elternhaus beisteuerten, ist man auch weniger anfällig für Verklärungen der Bacher-Ära.

Also, don’t forget:
Bei aller Klage gegen den Fernsehschrott im heutigen digitalen Programmbouquet, die Erweiterung im Bereich der audiovisuellen Medien, die Fülle der Angebote im Fernsehen und im Internet, eröffnet vorher nicht gekannte Optionen der Wahl für Jeden/e.

Kurzer Nachtrag zu Eric Hobsbawm

Eric Hobsbawm, der am 21. Jänner im Roten Salon des Wiener Rathauses von Bürgermeister Michael Häupl zum „Ehrenbürger der Stadt Wien“ ernannt wurde, ist tags darauf auch im Rahmen einer Veranstaltung der „Wiener Vorlesungen“ im Festsaal des Rathauses von Historikern geehrt worden. Die von über tausend Menschen besuchte Veranstaltung fand beachtliches Echo in den Medien – wie insgesamt der Besuch Hobsbawms in Wien.

Hier einige Links dazu:
Laudatio von Hubert Christian Ehalt (veröffentlicht in der Tageszeitung „Die Presse“)
Kurzer Bericht über die Veranstaltung (ebenfalls „Die Presse“)
Schönes Interview mit Eric Hobsbawm (aus „Spiegel-Online“)
Rezensionen wichtiger Publikationen des Historikers (aus „Perlentaucher“)