Der schwarze Mann beim IKEA

Jedes Jahr legt die Beratungsstelle für Zivilcourage und Antirassismusarbeit (kurz: ZARA) den Rassismus Report vor, der nach wie vor die einzige qualitative Datenquelle über Struktur und Ausmaß von Rassismus in Österreich ist. Der in diesem Jahr zum achten Mal herausgegebene Report hat insbesondere deshalb für Aufregung gesorgt, weil die Volksanwaltschaft auf Grund der Nichtbeachtung der von ZARA eingebrachten Anzeigen durch die zuständigen Behörden (von rund 100 Anzeigen werden lediglich fünf behandelt) eine so genannte Missstandsfeststellung bundesweit ausgesendet hat, damit in Hinkunft rassistische Diskriminierungen nicht mehr einfach als Bagatelldelikte abgetan werden. Die Einschaltung der Volksanwaltschaft hat sich bewährt: Sowohl der Bund als auch die Stadt Wien haben einen Erlass herausgegeben, wonach Rassismus nicht als Kavaliersdelikt zu betrachten und Anzeigen ernsthaft nachzugehen ist.

Neben der absolut notwendigen Stärkung der rechtsstaatlichen Komponente bedarf es aber auch intensiver Aufklärung und einer tatsächlich gelebten Zivilcourage – beides wesentliche Elemente der Antirassismusarbeit von ZARA.

Was man selbst tun kann gegen rassistische Diskriminierungen im Alltag, möchte ich kurz anhand von zwei Erlebnissen schildern, deren Zeuge ich in jüngster Zeit geworden bin.

Ort: Berlin, Nähe Alexanderplatz im ehemaligen Ostteil der Stadt. Zeit: Gegen 17.30 Uhr. Geschäftiges Treiben, Menschenmassen überall. Plötzlich sehe ich, wie eine etwa 30 jährige Frau, schwarzer Hautfarbe, einen etwa gleichaltrigen Mann, weißer Hautfarbe, links und rechts ohrfeigt, ihm so richtig eine schmiert, und ihn dabei anbrüllt: „Was hast Du gesagt? Was hast Du gesagt? Neger-Fotze? Du verdammter Arsch!“ Sie schlägt weiter auf ihn ein, brüllt ihn an. Der Typ versucht den Ohrfeigen kaum auszuweichen, er steht im Grunde wehrlos und beschämt in der Auslage. (Viele Passanten applaudierten der Frau, nachdem sie mitbekommen hatten, warum sie dem Kerl ein paar Watschen gab.)

Ort: Wien, Schwedenplatz. Zeit: Gegen 22.00 Uhr. Menschen warten auf die Straßenbahn, so auch ich. Überall Polizisten, ein Einsatz. Ich sehe, wie Jugendliche, darunter einige Schwarze, kontrolliert werden. Nicht unangenehm, die Polizisten verhalten sich korrekt. Vor mir steht ein etwa 50-jähriger Mann, dem das offenbar nicht passt. „Nehmt’s glei olle mit und schiebt’s as o, de Nega. Weida vurn, beim Donaukanal, san no vü mehr!“ Weil keiner der Umstehenden reagiert, wiederholt er seine Auswürfe, diesmal noch lauter brüllend. „Halt dei Goschn. Du wast doch gar net, um was da überhaupt geht!“ herrsche ich ihn an. Er blickt zu Boden und verstummt. Jetzt melden sich andere Umstehende: „Halts z’samm, du Trottel!„, „Spar’ da deine deppadn Sprüch!“ usw. (Ich muss gestehen, dass es mir nicht leicht gefallen ist, etwas zu sagen. Umso erleichterter war ich daher, als andere Passanten mich bekräftigten!)

Szenenwechsel – und doch nicht: Erweitertes Familientreffen, man sieht sich höchstens dreimal im Jahr. Fast unausweichlich tauchen irgendwann Geschichten auf, über „Bettler„, „Zigeuner“ usw., zwar nicht offen rassistisch, aber doch latent konnotiert. Was tun, um die Familienidylle zu bewahren? Ein Gegenbild muss her, eine Geschichte von einem guten Schwarzen, und hier ist sie, die schöne Geschichte:

Ort: Ikea, nach den Kassen beim Würstelbuffet. Eine Frau hat sich ein Paar Frankfurter gekauft, stellt die Würsteln auf einen der Stehtische, dreht sich um, um die Handtasche aus ihrem prall gefüllten Einkaufswagen zu holen, den sie einige Meter vom Tisch entfernt abgestellt hat. Als sie sich wieder umdreht, fällt ihr Blick auf einen schwarzen Mann, der offenbar gerade eines ihrer Würsteln genüsslich verspeist. Verwirrt geht sie zu ihm, sieht ihn kurz vorwurfsvoll an, nimmt sich dann sprachlos das andere Würstel und beginnt ebenfalls zu essen. Der Mann, nun seinerseits verwirrt, isst weiter. Beide starren sich an, beide futtern die Würsteln weiter. Nachdem der Mann seinen Einspänner gegessen hat, entfernt er sich vom Tisch, um kurz danach mit zwei Kaffee zurück zu kommen. Er bietet der Frau einen Kaffee an. Sie bedankt sich wortlos. Der Mann trinkt den Kaffee, verabschiedet sich und verschwindet. Die zurückgebliebene Frau blickt um sich und sieht am Nebentisch ein verwaistes Paar Frankfurter.

Natürlich lachen wir über die Verwechslung und freuen uns über das Bild vom braven schwarzen Mann. Schließlich hat er uns die Idylle gerade noch gerettet.

Beleuchtet man die Geschichte näher, wird man darin fast ein Lehrstück erkennen über den versteckten Rassismus und die nachhaltigen Folgen rassistischer Diskriminierung bei den Opfern: Während der schwarze Mann (ich unterstelle, sein Verhalten weist darauf hin, dass er vielfach Opfer rassistischer Diskriminierung geworden ist) in der weißen Fremde (= egal, ob er hier geboren wurde oder nicht) nicht das Offensichtlichste machen kann, das, was jeder von uns in einer vergleichbaren Situation machen würde, nämlich der Frau unmissverständlich klar zu machen, dass das seine Frankfurter sind („Finger weg! Das sind meine Würsteln!„), sondern seine Würde in Form einer wunderbar listigen Art und Weise sich bewahrt (indem er ihr auch noch einen Kaffee hinstellt), schweigt die Frau, weil sie ihren Ärger, über das Verhalten des Mannes, damit runterdrückt, dass sie ihn auf seine Hautfarbe reduziert. Ob sie ihr Nichtstun sozusagen linksliberal legitimiert („der arme Schwarze„) oder rechts („Ein Schwarzer! Der könnte mir was tun!„), spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Eine schöne, traurige Geschichte, weil an unserem Lachen so gar nichts natürlich war – bloß ein tradierter, uns fast schon zur Natur gewordener kolonialer Blick auf den braven schwarzen Mann.

Keine Volksabstimmung

Am 9. April 2008 wird der österreichische Nationalrat mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen den EU-Reformvertrag von Lissabon ratifizieren. Und das ist gut so. Eine Allianz von rechts bis (vermeintlich) links, unter kampagnenkräftiger Unterstützung der Neuen Kronen Zeitung, wettert seit geraumer Zeit gegen die demokratisch gewählten Nationalräte und deren Recht und Pflicht in einer repräsentativen Demokratie, Entscheidungen im Namen des Volkes zu treffen, und tritt stattdessen für eine Volksabstimmung über den Reformvertrag ein.

In seinem Blog (Eintrag vom 5. April) hält daher Peter Pilz völlig zu Recht fest:

Wir Abgeordnete sind gewählt worden, um Gesetze und den Bundeshaushalt zu beschließen, die Regierung zu kontrollieren und ab und zu Verträge zu ratifizieren. Ich habe den Vertrag genau gelesen und jede Kritik ernst genommen. Am Mittwoch werden wir im Nationalrat den Vertrag ratifizieren. Ich werde mit Ja stimmen, nicht im Zweifel, sondern aus Überzeugung.

Zugegeben, der EU-Reformvertrag von Lissabon ist schwer lesbar; dies deshalb, weil der Vertrag die bestehenden Verträge ergänzt und erweitert. Das Außenministerium hat eine konsolidierte Version des Vertrags erstellt, worin die Änderungen zu einem Dokument zusammengefasst sind, was Lesbar- und Verständlichkeit des Textes erleichtert. Mit dem Inkrafttreten des EU-Reformvertrags von Lissabon tritt auch die Grundrechts-Charta in Kraft. Unbestritten ist auch, dass man wesentlich mehr erreichen hätte können. Johannes Voggenhuber ist zuzustimmen, wenn er an „die Verfassung mit einer klaren Sprache, mit einem klaren Aufbau, lesbar und verständlich“ erinnert, die leider mit dem Nein im französischen Referendum (vorerst) gescheitert ist.

Aber, was ist die Europäische Union? Sie ist ein Projekt, und der jetzige Reformvertrag ein Schritt zu MEHR Demokratie, MEHR Handlungsfähigkeit und MEHR sozialem Zusammenhalt.

Das sollten auch die unter dem Slogan Volkxabstimmung versammelten Kritiker von Links (so sieht etwa Hubert „Hubsi“ Kramar in der EU ein „faschistoides Projekt„, wiewohl er vorgibt, „total für eine EU-Verfassung – aber mit einem sozialen Antlitz“ zu sein) zur Kenntnis nehmen. Vom Bündnis Rettet Österreich und allen anderen rechten Gruppierungen kann das ohnehin nicht erwartet werden.

Ich klone, also bin ich

In der Ausstellung „Schaulust – Die Kunst des Sehens und des Täuschens„, die ich in der Kunsthalle Krems besucht habe, finden sich viele Exponate, die sich mit optischen Irritationen und visuellen Manipulationen auseinandersetzen. Neben Marcel DuchampsRotoreliefs“ (bedruckte Kartonscheiben, die durch einen Elektromotor bewegt werden und die Illusion von Räumlichkeit erzeugen) oder bewusste optische Täuschungen von Op-Art-Künstlern wie Victor Vasarely haben mich vor allem zwei Fotografien von Martin Liebscher fasziniert. Die rund 5 Meter breiten und etwa 1,5 m hohen Fotografien zeigen Personen – bei der Arbeit im Büro das eine, beim Camping-Urlaub das andere. Der Witz dieser Fotografien erschließt sich beim zweiten Blick, wenn man erkennt, dass es sich bei den in unterschiedlichen Posen dargestellten Personen um ein und dieselbe Person handelt, nämlich um Martin Liebscher, den Künstler himself.

Auf seiner Website finden sich noch etliche andere Beispiele seines digitalen Klonens, etwa auf der Skipiste oder als Philharmonisches Orchester, aber auch seine UFO-Fotografien und Städtepanoramabilder.

Erfrischend der Mann.

Das Bild hinter dem Foto

Hans Petschar, Historiker und Leiter des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, hat ein Buch mit dem Titel Anschluss – Eine Bildchronologie, veröffentlicht, in dem sich bislang unveröffentlichtes Fotomaterial findet, das rund um den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zwischen März und Mai 1938 entstanden ist. Es sind dies Bilder jenseits der Propaganda, also zum Teil private Aufnahmen und zum Teil Fotos, die aus der Hand von NS-Fotografen stammen, aber zensuriert wurden (das Cover des Buches zeigt Hitler mit Augenringen, fiebrig-glasigem Blick und Zahnlücke im offenem Maul).

Das Buch weist auf einen interessanten Umstand hin, den der Autor auch im Rahmen der CLUB 2 Diskussion am letzten Mittwoch angesprochen hat: Die Bilder aus der NS-Zeit, die wir im Kopf haben, etwa von den jubelnden Massen am Heldenplatz, sind zu fast hundert Prozent von Nazi-Propagandisten hergestellte. Dieser „späten Rache des Nationalsozialismus an der Geschichte„, wie Petschar formuliert, will er Fotos entgegenstellen, die nicht zur Gänze von der Goebbel’schen-Propagandamaschinerie kontrolliert werden konnten (hier findet sich eine große Auswahl dieser Fotos).

Abgesehen vom legitimen Anspruch des Historikers auf möglichst große Quellenvielfalt werde ich bei der Betrachtung des Fotomaterials nicht wirklich schlau, was hier der Goebbel’schen Propagandamaschinerie entgegengestellt werden soll, und wozu überhaupt?

Die Fotos, insbesondere jene, die Demütigungen und Erniedrigungen abbilden, denen sich Jüdinnen und Juden unmittelbar nach dem Anschluss ausgesetzt sahen – ob nun von NS-Fotografen oder von privater Hand hergestellt -, sind, und das muss man wohl unterstellen, Fotos von Tätern bzw. aus der Perspektive von Tätern, die wir Heutigen mit dem Ausdruck des Entsetzens wahrnehmen, weil wir das darauf Gezeigte als Untaten dechiffrieren. Wohlgemerkt, wir Heutigen erkennen das Gezeigte als Untaten; die Fotografen hingegen haben den Auslöser betätigt, weil sie die Aktionen begrüßt haben und ihnen durch die Fotografie gewissermaßen eine höhere Weihe geben wollten (vgl. dazu auch hier).

Susan Sontag, die sich immer wieder mit der Fotografie beschäftigt hat, hat das einmal so auf den Punkt gebracht:

Die Voraussetzung für eine moralische Beeinflussung durch Fotos ist die Existenz eines relevanten politischen Bewusstseins. Ohne die politische Dimension wird man Aufnahmen von der Schlachtbank der Geschichte höchstwahrscheinlich nur als unwirklich oder als persönlichen Schock empfinden.“

Ein (historisches) Foto ist immer eine Konstruktion, es ist immer Propaganda im weitesten Sinn. Wir sollten uns daher immer wieder an Jean Luc Godards Kritik aus den Zeiten des Vietnamkrieges erinnern, als er den Kriegsfotografen vorwarf, sie seien Verbrecher, weil sie nicht eingegriffen haben, um das Unrecht, das sie mit ihrer Kamera fest gehalten haben, zu verhindern. Diese Kritik zielt im Kern genau auf jenen Teil der Realität, der sich gewissermaßen als nicht sichtbarer Mehrwert in das fotografische Bild eingeschrieben hat: Den Fotografen und seine Motive hinter der Kamera.

Dieser Mehrwert erschließt sich aber nicht aus dem Foto selbst, sondern einzig dadurch, dass man den Kontext erhellt. Erst dann kann man Fotos sehen. Susan Sontag hat daher über die Fotografie erzählt, sie hat die Bilder gegen Worte getauscht, und nebstbei einen der hellsichtigsten Sätze geschrieben, den ich je über die Fotografie gelesen habe:

Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen sich anhand von Fotos erinnern, sondern dass sie sich nur an die Fotos erinnern.“

Sometimes in April

Kurt Cobains Selbstmord war die Schlagzeile der meisten Fernseh- und Radiostationen der westlichen Welt am Morgen des 6. April 1994. Dass an jenem Tag ein Kleinflugzeug beim Landeanflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali mit Boden-Luft-Raketen abgeschossen wurde, sodass die Crew und alle Passagiere, darunter der ruandische Staatspräsident und sein burundischer Amtskollege, getötet wurden, sollte die Weltöffentlichkeit zwar tags danach erfahren, welche entsetzlichen Folgewirkungen dieser Anschlag mit sich bringen würde, war den Medien nicht bewusst – die Experten in der UNO, in den Nachrichten- und Gemeindiensten der großen Nationen wussten allerdings sehr wohl, dass man nun mit dem Schlimmsten zu rechen hatte.

Der großartige Spielfilm „Sometimes in April“ von Raoul Peck (vgl. auch hier), im Nachtprogramm von ARTE gelaufen, versucht anhand der fiktiven Geschichte zweier Brüder, dem Hutu-Offizier Augustin, der mit einer Tutsi verheiratet ist, und dem Radiomoderator Honoré, der beim Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) beschäftigt ist, das von langer Hand geplante, propagandistisch aufbereitete und mit unfassbarer Brutalität vollzogene Genozid der Hutu an den Tutsi und gemäßigten Hutu darzustellen. Von April bis Mitte Juli 1994 wurden zwischen 800.000 und 1 Millionen Menschen (beinahe drei Viertel aller in Ruanda lebenden Tutsi) ermordet, fast die Hälfte abgeschlachtet mit Macheten.

Neben der Propagandawaffe Radio (in einem Land mit rund 40% Analphabetenquote das wichtigste Massenmedium) – der Radiosender RTML hat durch Hass- und Hetzparolen gegen die Tutsi (der Film verzichtet mit Fortdauer auf die akustische Wiedergabe der Mordparolen, sie bleiben aber ständig präsent als stumme Untertitel) maßgeblich zur propagandistischen Vorbereitung und Umsetzung des Völkermordes beigetragen, wird in diesem Film vor allem auch das Nichthandeln der Vereinten Nationen, der USA, Frankreichs und Großbritanniens präzise angesprochen, genauer, die ganz bewusste Desinformation der Öffentlichkeit, indem mit Begriffen wie „Chaos“ oder möglichen „genozidalen Akten“ operiert wurde, um keine Handlungen setzen zu müssen (laut UN-Konvention muss bei Völkermord militärisch interveniert werden).

Auf Wikipedia findet sich ein exzellenter Artikel, der den Völkermord in Ruanda, seine Ursachen in Kolonialismus und De-Kolonialismus verortet, und seine Auswirkungen auf die gegenwärtigen Verhältnisse in ganz Zentralafrika in den wesentlichen Details darstellt. Als weiterführende Lektüre, vor allem zur Rolle der Medien, kann die Publikation The Media and the Rwanda Genocide, die auch als vollständige Online-Version zugänglich ist, empfohlen werden.

Israel in Paris

Drei Tage in Paris gewesen. Beruflich. Wieder in jenem kleinen Hotel abgestiegen, unweit der Métro Station La Motte-Picquet-Grenelle (rund 20 Minuten zu Fuß vom Eifelturm entfernt), auf das ich bei meinem ersten Parisbesuch vor drei Jahren zufällig gestoßen bin.

Auch wenn ich nicht viel Zeit zum Flanieren hatte, nach Montparnasse (Métro Station Edgar Quinet, gleich neben dem kleinen Friedhof Montparnasse gelegen, wo sich unter anderen die Gräber von Sartre, Beauvoir, Beckett und Susan Sontag befinden) ins Café Odessa musste ich. Ich trank ein Bier im „Freien“ bei rund 5 Grad plus (Heizstrahler, eine super Erfindung!), wie fast alle Besucher, weil die Regierung per Gesetz mit Anfang des Jahres ein generelles Rauchverbot für Gaststätten verfügt hat, was augenscheinlich dazu führt, dass die Tische und Stühle vor den Bistros, Brasserien, Cafés und Restaurants voll sind, während sich nur wenige, nicht rauchende Gäste ins Innere der Lokale verirren. Dann ging ich runter zum Boulevard Saint-Germain, über die Seine bis zum Louvre, und dann schnurgerade durch den Jardin des Tuileries bis zum Place de la Concorde. Nachdem ich diesen Riesenplatz, in den man den Wiener Heldenplatz wohl zehnmal hineinpacken könnte, endlich überquert hatte, kam ich in die Avenue des Champs-Élysées.

Was für ein mächtiges Symbol, dachte ich, als ich sah, dass die 1,5 km lange und 70 Meter breite Prachtstraße, die vom Place de la Concorde bis hinauf zum Arc de Triomphe reicht, rechts und links mit hunderten französischen und israelischen Flaggen gesäumt war. Die Grande Nation erinnert an die Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren.

Im Nachhinein erfahre ich, dass der konkrete Anlass für die Flaggenparade der Salon du Livre ist, die größte Buchmesse der französischsprachigen Welt. Jedes Jahr versammeln sich in Paris Autoren und Verlage aus Frankreich, Kanada, den nordafrikanischen Staaten und anderen französischsprachigen Ländern, und, wie bei anderen Buchmessen auch üblich, jedes Jahr wird ein Gastland eingeladen. Für 2008 ist das Israel, aus Anlass des 60. Jahrestages seiner Staatsgründung.

Große Überraschung: Die Arabische Liga hat längst zum Boykott der Buchmesse aufgerufen, und Algerien, der Libanon, Marokko und Tunesien werden nicht teilnehmen.

Artikel 19

Im Dezember 1997 hat die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (vormals KSZE), den so genannten Beauftragten für die Freiheit der Medien mit Sitz in Wien eingerichtet. Seither fungiert der Medienbeauftragte (15 Mitarbeiter) als Watchdog der Medienfreiheit, indem er Verstöße der Mitgliedstaaten der OSZE gegen die Intention von Artikel 19 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen („Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.„) publik macht und die Bösewichte beim Namen nennt.

Heute hatte ich die Gelegenheit, einer Konferenz beizuwohnen, die anlässlich des zehn jährigen Bestehens des Medienbeauftragten in der Wiener Hofburg stattfand. Der gegenwärtige Medienbeauftragte, der ungarische Journalist, Schriftsteller und Jurist Miklós Haraszti skizzierte in seinem Statement die elementaren Bedrohungen, denen Journalisten und Medienvertreter ausgesetzt sind: Neben der direkten, physischen und lebensbedrohenden Gewalt gegen Journalisten nehmen in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks Formen der Kriminalisierung von Medienleuten zu, also gesteuerte Kampagnen gegen Journalisten mit dem Ziel, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Zu diesen eindeutig gegen die Medienfreiheit gerichteten staatlichen Aktivitäten gilt es aber auch die unter dem Logo des Anti-Terror-Kampfes lancierten Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen (Datenspeicherung, Bundestrojaner etc.) zu bedenken – mit allen negativen Implikationen auf das Journalisten zustehende Recht auf die Vertraulichkeit der journalistischen Quellen. Haraszti führte aber auch etliche von den Medien selbst zu verantwortende Faktoren an, die den Geist von Artikel 19 tendenziell untergraben. Er sprach die (Selbst-)Kommerzialisierung der Medien an, womit er nicht nur die Zunahme von würdelosen Formaten in den elektronischen Medien meinte, sondern vor allem den wachsenden Trend, Beiträge zu bestellen und zu bezahlen. Journalisten würden derartige Produkte dem Leser/Seher nicht als Werbung kenntlich machen, sondern als seriöse Information verkaufen.

Konstanty Gebert, Auslandskorrespondent der größten, überregionalen polnischen Tageszeitung, der links-liberalen Gazeta Wyborcza, hat diesen Bezahljournalismus am Beispiel Russland illustriert. Für Gebert (1953 in Warschau geboren, 1968 im Zuge der antisemitischen Säuberungen in Polen aus dem Gymnasium geworfen, Solidarnosc-Aktivist der ersten Stunde, Chefredakteur der jüdischen Monatsschrift MIDRASZ) ist mit der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja auch die Presse- und Meinungsfreiheit in Russland liquidiert worden. Politkowskaja sei die letzte Journalistin von Rang gewesen in einem ansonsten völlig korrupten Mediensystem. In Russland sei es Usus, so Gebert, dass Journalisten gegen Bezahlung Beiträge verfassen, in denen sie politische Gegner oder wirtschaftliche Konkurrenten anschwärzen. Diese Praxis, die allgemein bekannt sei, habe das Grundvertrauen von Journalist und Leser zerstört:

Wenn Journalisten schreiben, weil sie sich der ‚Wahrheit verpflichtet haben’, und von staatlichen oder ökonomischen Machthabern in ihrer Arbeit behindert werden, dann gehen die Leser auf die Straße, weil sie sich in ihrem Informationsrecht eingeschränkt sehen. Wenn Journalisten aber im Auftrag und im Interesse derer schreiben, die sie bezahlen, dann wird niemand auf die Straße gehen, wenn diese Journalisten in ihrer Arbeit behindert werden, weil der Leser bereits vorher jedwedes Interesse an dieser Art von Journalismus verloren hat.

Deshalb rege sich im Russland des Wladimir Putin auch so wenig Widerstand, wenn der Staatsapparat gegen wahrheitssuchende Journalisten vorgehe. Gebert betonte, dass es diese Form von Korruption in der ganzen Welt gebe. Der Unterschied bestehe seiner Meinung aber darin, dass korrupte Journalisten in demokratischen Staaten zur Verantwortung gezogen werden würden, während sie in Russland das Mediensystem konstituieren.

Bundeszentrale für politische Bildung

Das Webportal der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) ist eine der besten Informationsquellen im Internet. Wie überhaupt die seit 1952 bestehende Einrichtung, die über ein dichtes Netzwerk aus Landeszentralen, Bildungseinrichtungen und –trägern verfügt, offenbar seit einigen Jahren hervorragende Arbeit im Bereich politischer Bildung leistet – eine vergleichbare Einrichtung existiert in Österreich schlicht und ergreifend nicht.

Anfänglich verstand sich die Bundeszentrale für Heimatdienst, so der ursprüngliche Name, als ideologisches Bollwerk gegen den Kommunismus – die tatkräftige Mitarbeit ehemaliger Nazis in den 50-er und 60-er Jahre, aber auch noch später, verwundert daher nicht wirklich. Seit 1963 führt die Einrichtung, die eine nach geordnete Behörde des Bundesministeriums des Inneren ist, den heutigen Namen. Den historischen Hintergrund dieser Einrichtung hat die Politologin Gudrun Hentges erforscht.

Ich habe vor allem aus dem umfangreichen Publikationsangebot der BPB schon oftmals Gebrauch gemacht. Speziell die Schriftenreihe mit ihren Themenschwerpunkten Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft, Innenpolitik, internationale Politik, Politische Grundfragen und Medien, die Bücher zum Superpreis (für 2 bis 6 Euro) umfasst – easy Bestellung und Bezahlung nach superschneller Lieferung mit Erlagschein – ist höchst empfehlenswert.

Und, wie eingangs gesagt, das Webportal ist mit seinen Dossiers zu wichtigen historischen Ereignissen, aktuell etwa zu 1968, eine wahre Fundgrube.