Zur Produktion des »Bösen«

David Fincher, bekannt geworden als Regisseur von Thrillern wie Se7en und Zodiac, und vor allem als Produzent der Netflix-Serie House of Cards, hat sich die späten 1970-er und frühen 1980-er Jahre als Kulisse für eine dunkle Thriller-Serie genommen, die wieder vom Streaming-Anbieter Netflix finanziert wurde.

In Mindhunter, so der Serientitel, bringen uns die beiden FBI-Agenten Holden Ford und Bill Tench, die in der Abteilung für Verhaltensforschung (Behavioral Science Unit) arbeiten – das war zu jener Zeit eine innerhalb der FBI-Ausbildungsakademie bestenfalls geduldete, unterdotierte Miniabteilung – eine Epoche nahe, in der es mehr oder weniger Common Sense war, dass kriminell Gewordene das »Böse« bereits in sich tragen, wenn sie zur Welt kommen. In der polizeilichen Ermittlungsarbeit jener Jahre, im Ausforschen von Mehrfachtätern, spielten soziologische und psychologische Hintergründe (Klassenzugehörigkeit, Familienstruktur etc.) bei der Erstellung von Täterprofilen nahezu keine Rolle. Tatortspuren und einschüchternde Verhörmethoden, nicht die Mechanismen, die das »Böse« produzieren, waren das Um und Auf der Ermittlungsarbeit, um Täter zu überführen und hinter Gitter zu bringen – und Mörder, wenn möglich, auf den elektrischen Stuhl.

Die beiden Agenten – die wissenschaftliche Unterstützung erhalten sie von der Psychologin Wendy Carr – bewegen sich quer durch die Vereinigten Staaten, reisen zumeist im Flugzeug von Bundesstaat zu Bundesstaat, halten Vorträge in den FBI-Ausbildungsstätten und unterstützen laufende Ermittlungen lokaler Polizeibehörden. Und sie interviewen, anfänglich nur in ihrer Freizeit, die bekanntesten Massenmörder des Landes, die in den Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten einsitzen. Diese ausführlichen Gespräche mit Psychopathen bilden das Grundgerüst der Serie.

Mindhunter zeigt die Anfänge der Kriminalpsychologie und basiert auf den Büchern des FBI-Agenten John E. Douglas, der einer der ersten Fallanalytiker gewesen ist (den Begriff »Profiler« gab’s noch nicht), der selbst 36 »Serienmörder« – auch das ein Begriff, der erst erfunden werden musste – eingehend befragte, um Ähnlichkeiten, aber auch Abweichungen im Verhalten der Killer zu finden. Anhand dieser Gespräche wurden Täter-Kategorien gebildet, die sodann als Screening Vorlage bei der Suche nach noch aktiven Serienmördern genutzt wurden.

Fincher führt uns in das Amerika nach Watergate und Vietnam, also in ein geprügeltes und desillusioniertes Land, voller beschädigter Typen. Auch Charles Manson und seine Jünger kommen vor. Ein interessanter Nebenstrang, der an Quentin Tarantinos Once upon a time in Hollywood erinnert – auch, weil Manson, sowohl in Mindhunter als auch in Tarantinos Film, vom australischen Schauspieler Damon Herriman dargestellt wird. Die brutalen Morde der »Manson Family« an der schwangeren Sharon Tate und ihren Freunden im Sommer 1969 in Los Angeles markierten einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der US-amerikanischen Gegenkultur, und läuteten, zusammen mit dem im Dezember desselben Jahres stattgefundenen Altamont Festival, den Beginn vom Ende der Hippie-Ära der 1960-er Jahre ein.

In der zweiten Staffel, die Anfang der 1980-er Jahre spielt, amtiert in der Behavioral Science Unit ein neuer Chef, der das Profiling befürwortet. Im Zentrum stehen ungeklärte Morde an schwarzen Kindern und Jugendlichen in Atlanta – ein wahrer Fall, der als »Atlanta child murders« zu jener Zeit in den USA für großes Aufsehen gesorgt hat.

Grandiose Serienkost, die einen präzisen Blick auf die Realverfassung der USA der 1970-er und 1980-er Jahre wirft – mit allen bis ins Heute andauernden Kontinuitäten.

When They See Us

Am 19. April 1989 wird im New Yorker Central Park eine Joggerin halbtot geschlagen und brutal vergewaltigt. Zur gleichen Zeit feiert eine Gruppe Jugendlicher, Schwarze und Latinos aus Harlem, in einem anderen Gebiet des riesigen Parkareals ausgelassen die laue Nacht, einige von ihnen belästigen Radfahrer und Jogger. Die Polizei taucht auf und nimmt ein duzend Jugendliche mit aufs benachbarte Revier. Unterdessen wird die Schwerstverletzte 28-jährige Trisha Meili gefunden. Die weiße Frau, eine Investmentbankerin, wird nach 12 Tagen im Koma erwachen, fortan an Bewegungsstörungen leiden und sich an diese Nacht nicht mehr erinnern.

Das Verbrechen sorgt für enorme mediale Aufmerksamkeit – die Vergewaltigungen haben in New York in den Monaten davor zugenommen –, die Ermittlungsbehörden geraten massiv unter Druck. Entgegen allen Fakten wird ein Zusammenhang zwischen den auf dem Polizeirevier befindlichen Jugendlichen und der Vergewaltigung hergestellt. Fünf minderjährige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren, die sich untereinander nicht kennen, werden – ohne ihre Eltern zu informieren und nachdem sie unter Druck eine Verzichtserklärung auf Rechtsbeistand unterzeichnet haben –stundenlangen, brutalen Verhören unterzogen. Sie werden mit erfundenen Behauptungen dazu gebracht, sich gegenseitig zu bezichtigen. Monate später kommt es zum Geschworenenprozess. Die Black Community demonstriert vor dem Justizgebäude für die Freilassung der Inhaftierten. »There was no rape!« und »Let them free!« steht auf den Plakaten. Auf der anderen Seite, die von den Medien aufgeheizte Bevölkerungsmehrheit. Einer, der mitmischt, ist auch der heute amtierende US-Präsident, damals Immobilientycoon und Multimillionär. Vor dem Geschworenenverfahren lässt Donald Trump in den großen New Yorker Tageszeitungen ganzseitige Inserate schalten mit der Headline, »Wir brauchen die Todesstrafe wieder!«.

Yusef Salaam, Antron McCray, Raymond Santana, Kevin Richardson und Korey Wise, die »Central Park Five«, wie sie in den Medien genannt werden, werden zu Haftstrafen zwischen 6 und 14 Jahren verurteilt (Korey Wise, der bereits 16 Jahre alt ist, wird in den Erwachsenenvollzug kommen), obwohl alle Indizien gegen eine Beteiligung sprechen und die Polizei keinerlei verwertbares DNA-Material gefunden hat. Verurteilt werden die Fünf aufgrund von Aussagen, die ihnen die Polizisten in den Mund gelegt haben. Diese erzwungenen Geständnisse, auf Video gebannt, führten zur Verurteilung. Sie gestanden die Tat, obwohl sie nichts damit zu tun hatten. Erst im Jahre 2002 stellt sich der wahre Täter, was auch aufgrund moderner DNA-Analyse untermauert werden kann. Das Strafregister der Fünf wird bereinigt und sie erhalten eine Entschädigung von 41 Millionen Dollar. Die korrupten Polizisten und Staatsanwälte werden nicht belangt. Und Trump beharrte noch 2016 als Präsidentschaftskandidat auf der Schuld der »Central Park Five«.

Diesen wahren Fall nimmt die Netflix-Miniserie, When They See Us, von der Filmregisseurin Ava DuVernay, zum Anlass, um das US-amerikanische Strafverfolgungssystem, dessen Rassismus und Klassenjustiz, auszuleuchten und anzuklagen. Vor allem sozial deklassierte und einkommensschwache Gruppen, in denen Schwarze und Latinos überproportional zu finden sind, kommen in diesem System unter die Räder. When They See Us zeigt in vier Folgen die Tatnacht, die Polizeiverhöre, das Gerichtsverfahren, die Zeit im Gefängnis und die Zeit danach, als die mittlerweile erwachsenen Männer verzweifelt versuchen, wieder in ein halbwegs geordnetes Leben zurückzufinden. Und im Filmabspann verwandeln sich die Gesichter der Schauspieler langsam in die »echten« Männer, und wir erfahren, wie sich ihr weiteres Leben entwickelt hat. Eine großartige, zutiefst berührende Miniserie!

Waldheims Walzer

»Da werden sie noch so viel suchen können, die Herrn Singer und wie sie alle heißen, in den diversen Aktenbündeln, die sie da ‹zurechtsuchen›. Sie werden nichts finden. Wir waren anständig.« (Kurt Waldheim 1986)

Am 3. März 1986 erscheint im Nachrichtenmagazin profil ein Artikel mit dem Titel Waldheim und die SA, in dem der Journalist Hubertus Czernin eine Abbildung der »Wehrstammkarte« Kurt Waldheims veröffentlicht, die jahrzehntelang im Kriegsarchiv des Österreichischen Staatsarchivs lag. Demnach war der von der ÖVP nominierte Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Mitglied der Sturmabteilung (SA) und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) – Waldheim selbst hatte Czernin die Einsichtnahme in seinen Wehrmachtsakt gewährt. In einer ersten Reaktion betont Waldheim, er habe niemals eine Beitrittserklärung unterschrieben. Er könne sich das nur so erklären, dass er, ein leidenschaftlicher Reiter an der Konsular-Akademie, ohne sein Wissen, einer SA-Reiterstandarte zugeordnet wurde. Außerdem wisse doch jeder, dass er aus einem katholisch geprägten Elternhaus stamme und zeitlebens antinazistisch eingestellt gewesen sei. Tags darauf veröffentlicht die New York Times ein Foto, auf dem Waldheim in Wehrmachtsuniform an der Seite von SS-Gruppenführer Arthur Phleps im jugoslawischen Podgorica zu sehen ist. In den folgenden Wochen berichtet Czernin davon, dass Waldheim 1941 an der Ostfront verwundet wurde, im Jahr darauf, wieder als »kriegsdienstverwendungsfähig« eingestuft, in Jugoslawien und ab 1943 in Saloniki stationiert war, bei der Heeresgruppe E unter General Alexander Löhr, der 1947 in Jugoslawien als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Der Kandidat hatte in seiner Autobiografie, Im Glaspalast der Weltpolitik, die kurz vor Bekanntgabe der Kandidatur erschienen ist, die Kriegsjahre nur flüchtig gestreift: Verwundung an der Ostfront, nach Genesung Heirat und Abschluss des Jus-Studiums; und dann stand da noch der lapidare Satz: »Knapp vor Kriegsende befand ich mich im Raum von Triest.«

Waldheims größter Trumpf, seine weltweite Bekanntheit – er war von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen, gewissermaßen der höchste Beamte der Welt – wird ihm nun zum Verhängnis: Journalisten und Historiker durchforsten Archive in Österreich und den USA. Beinahe im Tagesrhythmus tauchen Dokumente und Fotos auf, die Waldheim massiv belasten. Und dann ist da auch der World Jewish Congress (WJC): Die internationale Vereinigung jüdischer Gemeinschaften und Organisationen, die als Nichtregierungsorganisation im Rahmen der Vereinten Nationen aktiv ist, thematisiert vor allem die Rolle Waldheims als Dolmetscher und Aufklärungsoffizier in Jugoslawien und Griechenland. Von ihm verfasste Lageberichte, unterzeichnet mit seiner Paraphe (»für die Richtigkeit: W.«), lassen nur einen Schluss zu: Er muss von Kriegsverbrechen am Balkan (»Partisanenbekämpfung«) und von den Massendeportationen griechischer Juden aus Saloniki gewusst haben.

Waldheim spricht von »haltlosen Anschuldigungen«, von einer »großangelegten Verleumdungskampagne« (»Kämpään«, wie er sagt), hinter der das »Ausland« und die »Ostküste« stecke. Er habe seine Kriegsvergangenheit nie geleugnet, aber, wie er weiterhin behauptet, persönlich nichts von Gräueltaten gewusst und von Judendeportationen mitbekommen. Bezüglich seiner Mitgliedschaft bei den Nazi-Organisationen mochte er nun zwar nicht mehr ausschließen, dass ihn »irgendeiner meiner Verwandten« eingetragen habe – freilich, ohne sein Wissen. Im Übrigen habe er nur »seine Pflicht getan – wie Hundertausende andere anständige Österreicher auch«. Und die ÖVP schließt die Reihen hinter ihm: »Jetzt erst recht für einen Kandidaten, der wie keiner verschmutzt, beschmutzt und besudelt wurde in den letzten Jahrzehnten, sodass es überhaupt der politischen Kultur diesem Land ungeheuer weh getan hat.« (Alois Mock, Bundesparteiobmann der ÖVP)

Es ist vor allem der Satz, »Wir waren anständig!«, und der tosende Applaus, mit dem die Menschenansammlung auf diesen Satz reagiert, der mich beim Betrachten eines Ausschnitts aus einer Rede Waldheims, aufgenommen auf einer Wahlkampfveranstaltung in irgendeiner österreichischen Kleinstadt, zucken lässt. Man sieht Waldheim, wie er beim Sprechen des Satzes lächelt und seine Hände weit ausstreckt, als wolle er die Menge umfassen. Neben ihm steht seine Frau, dahinter Alois Mock und andere ÖVP Granden. Der Ausschnitt findet sich in Ruth Beckermanns Filmessay, Waldheims Walzer. Die Regisseurin hat in ausländischen Rundfunkarchiven nach Filmaufnahmen gesucht, die während des Bundespräsidentschaftswahlkampfes 1986 entstanden sind und in Österreich nicht zu sehen waren – weder damals noch später – und sie hat dieses Material, zusammen mit ORF-Archivmaterial und mit von ihr selbst gedrehten Videoaufnahmen zusammenmontiert. Beckermann war gewissermaßen als embedded journalist bei den Anti-Waldheim-Demos dabei und hat auch bei den Pro-Waldheim Veranstaltungen gefilmt.

Auch wenn ich diese Zeit sehr bewusst miterlebt und auch selbst an der Anti-Waldheim-Kundgebung am Stephansplatz teilgenommen habe, die im Film zu sehen ist, so konnte ich doch erst jetzt, dank Beckermanns Film, so manche Reaktionen (von beiden Seiten) besser einordnen, als ich das damals konnte. Ich bin mir auch ziemlich sicher, hätten die Österreicher die langen Ausschnitte aus der Pressekonferenz des WJC oder die Sequenz aus dem Hearing im US-amerikanischen Repräsentantenhaus, wo sich Waldheims Sohn Gerhard, der für seinen Vater in die Bresche sprang, von einem Kongressabgeordneten anhören muss, welche Einschätzung sich die Amerikaner über seinen Vater gebildet haben (»The American people feel that your father is a liar. They know that he is a liar«), damals zur Gänze zu sehen bekommen, Waldheim wäre mit noch deutlicher Mehrheit zum Bundespräsidenten gewählt worden. (In der Stichwahl am 8. Juni 1986 erhielt er 53,9 % der Stimmen.) Warum? Ich denke, zum einen aufgrund eines, in allen gesellschaftlichen Schichten der Bevölkerung auch in den 1980-er Jahren noch tief verankerten Antisemitismus, der, wie in Waldheims Walzer zu sehen ist, bei diversen Wahlkampfveranstaltungen auch ganz offen artikuliert wurde. Im Theatermonolog, Der Herr Karl, haben Helmut Qualtinger und Carl Merz an die Märztage des Jahres 1938 erinnert, an die Niedertracht der österreichischen Antisemiten, die nach 1945 ja keineswegs über Nacht verschwunden ist:

»Da war a Jud im Gemeindebau, a gewisser Tennenbaum. Sonst a netter Mensch. Da ham’s so Sachen gegen de Nazi g’schrieben auf de Trottoir .. und der Tennenbaum hat des aufwischen müssen. Net er allan, de anderen Juden eh aa… i hab ihm hingführt, dass ers aufwischt. Der Hausmeister hat glacht, er war immer bei a Hetz dabei. (…) Nochn Kriag is er zurückgekommen. Der Tennenbaum. Ich grüße ihn. Er schaut mich net an. Hab i ma denkt: na bitte, jetzt is er bees, der Tennenbaum. Dabei: Irgendwer hätt’s ja wegwischen müssen!«

Und zum anderen, weil nach dem Zweiten Weltkrieg insbesondere in den USA, aber auch in Deutschland und anderen Staaten Westeuropas, breite Bevölkerungsmehrheiten die NS-Zeit mit dem Holocaust / der Shoah assoziierten. In Österreich hingegen sah sich Justizminister Christian Broda in den frühen 1970-er Jahren veranlasst, weitere Prozesse zu untersagen, um skandalöse Freisprüche durch die Geschworenensenate – so ist etwa Franz Murer, einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in Vilnius, trotz erdrückender Beweislage, von den Geschorenen im Jahre 1963 freigesprochen worden – zu vermeiden. In Österreich war die »Opferdoktrin« – Österreich war als Staat das erste Opfer Hitler-Deutschlands – gleichsam zur Staatsdoktrin geworden und tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Die Jahre von 1938 bis 1945 wurden als die Zeit der Entbehrungen, des Krieges und der Bombenangriffe abgespeichert, von der Anschlussbegeisterung, an die Qualtinger im Der Herr Karl erinnert, wollte keiner mehr etwas hören:

»Dann is eh da Hitler kuma. Na ja – es war eine Begeisterung … ein Jubel, wie man sich’s überhaupt net vorstellen kann nach diesen furchtbaren Jahren, nach diesen traurigen Jahren. Endlich amal hat der Wiener a Freid‘ g’habt. (..) Na ja, i waaß no … mir san olle am Ring und am Heldenplatz g’standen … unübersehbar warn mir … man hat gefühlt, man is unter sich … es war wia beim Heirigen … es war wia a riesiger Heiriger! … Aber feierlich!«

Erst im Zuge der Waldheim-Debatte sollte die »Opferdoktrin«, hinter der eine ganze Generation ihre NS-Verstricktheit entsorgen konnte, als Mythos entzaubert werden. Diese Ungleichzeitigkeit der Erinnerungskulturen hat die Heftigkeit und das Unverständnis auf beiden Seiten der Waldheim-Debatte geprägt.

Kurt Waldheim hat die Wahl vor allem deshalb gewonnen, weil seine Aussagen, wie »Ich habe nur meine Pflicht getan!« oder »Wir waren anständig!«, von weiten Teilen der Bevölkerung, über alle Parteigrenzen hinweg geteilt wurden. Der Journalist Werner Reisinger hat das kollektive Bewusstsein der Generation, der Waldheim entstammte, präzise beschrieben:

»In seinem Schicksal fand sich eine ganze Generation von Österreichern wieder, die den vom NS-Regime begonnenen Krieg als den ihren internalisiert hatten und sich arrangierten, um nicht in einen Gewissensnotstand zu geraten. Eine Generation, die bis Mitte der 80er Jahre gewöhnt war, nicht über ihren Dienst in der deutschen Wehrmacht oder ihre Verbindungen und ihre Involvierung mit und ihre Beteiligung am NS-Regime sprechen zu müssen.«

Dazu kamen haltlose Anschuldigungen in der US-Presse (so wurde Waldheim etwa in der Boulevardzeitung New York Post als »SS-Butcher« bezeichnet), die von den ÖVP-Wahlstrategen und den Pro-Waldheim-Medien reichlich ausgeschlachtet wurden, und überdies deuteten zahlreiche Indizien (die sich später bestätigen sollten) darauf hin, dass die SPÖ belastendes Material über Waldheim über diverse Kanäle durchsickern ließ. All das befeuerte das Pro-Waldheim-Lager und deren Strategie von der groß angelegten »Schmutzkampagne«, und Waldheim surfte auf der »Jetzt-Erst-Recht«-Welle in die Präsidentschaftskanzlei. »Er verkörpert das Land Österreich perfekt«, wie Hubertus Czernin damals in einem Interview feststellte, das in Waldheims Walzer zu sehen ist, »Er ist der Parade-Österreicher. Er ist der perfekte Präsident für Österreich. Aber es ist eine Schande!«

Wenngleich er beim zweiten Anlauf endlich Bundespräsident geworden war – beim ersten Antreten im Jahre 1971 unterlag er Franz Jonas, der als Bundespräsident im Amt bestätigt wurde –, musste er seine sechsjährige Amtszeit zumeist in der Hofburg absitzen. Von den USA auf die »Watchlist« gesetzt, wurde er im Westen zur persona non grata, und der damalige Bundeskanzler, Franz Vranitzky, übernahm de facto auch die Aufgaben eines Bundespräsidenten. Waldheim reiste bisweilen in Staaten des Ostblocks oder in arabische Staaten, wo er willkommen war, was, wie Beckermanns Film schlüssig dokumentiert, mit seinem Engagement für die Palästinenser während seiner Zeit als UN-Generalsekretär zusammenhing – eine Haltung, die er im Übrigen mit Bruno Kreisky teilte, der sich auch für ihn als Generalsekretär stark gemacht hatte. So konnte PLO-Chef Yassir Arafat am 13. November 1974 vor der UN-Vollversammlung sprechen – damit zum ersten Mal ein Politiker, der kein Staats- oder Regierungsvertreter war. Und, auch das sollte nicht vergessen werden, in den 1970-er Jahren wurden viele gegen Israel gerichtete Resolutionen angenommen, insbesondere die berüchtigte Resolution 3379, die als Anti-Zionismus-Resolution in die Geschichte der UNO eingegangen ist, in der Zionismus als eine Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung bezeichnet und der Staat Israel in eine Reihe mit dem Apartheid-Regime in Südafrika gestellt wurde. In Ruth Beckermanns Film sieht man den israelischen UN-Botschafter und späteren israelischen Staatspräsidenten, Chaim Herzog, der seine Rede vor der UN-Vollversammlung mit folgenden Worten beendete: »For us, the Jewish people, this resolution based on hatred, falsehood and arrogance, is devoid of any moral or legal value. For us, the Jewish people, this is no more than a piece of paper and we shall treat it as such.« Und dann zerriss Herzog das Resolutionsdokument. Die Resolution wurde 1991 wieder zurückgenommen. Ja, und da war auch der Besuch des UN-Generalsekretärs in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 1973. Waldheim weigerte sich, beim Totengebet eine Kippa aufzusetzen, wie es das jüdische Ritual verlangt – das Wohlwollen in der arabischen Welt war ihm wichtiger als der Respekt vor den Opfern. Israel zog daraufhin kurzfristig seinen Botschafter aus Wien ab.

Anfang Februar 1988 legte die internationale Historikerkommission, die von der Österreichischen Bundesregierung im Lichte der anhaltenden Proteste gegen Kurt Waldheim eingesetzt wurde, ihren Bericht vor. In den »Zusammenfassenden Schlußbetrachtungen« wurde insbesondere sein Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen nachdrücklich kritisiert:

»Bei der Prüfung der Frage, wieweit bei Waldheim von einer Mitschuld am Kriegsunrecht gesprochen werden muß, ist von der im Bericht vielfach festgestellten Tatsache auszugehen, daß dieser in seinen Stabsfunktionen auf dem Balkan, trotz eines niedrigen Ranges, sicher weit mehr als nur ein zweitrangiger ‹Kanzleioffizier› war. Auch wenn er als Subalternoffizier in Stabsstellungen keine Exekutionsbefugnisse hatte, war er dank seiner Bildung und seinem Wissen sowie infolge der Einblicke, die er als Dolmetscher in die entscheidenden Führungsvorgänge erhielt, besonders aber aus seiner Tätigkeit im zentralen Nachrichtendienst seiner Heeresgruppe und seiner örtlichen Nähe zu den Geschehnissen hervorragend über das Kriegsgeschehen orientiert. Aus einer beträchtlichen Anzahl von Lageberichten und Kriegstagebuch-Eintragungen, die er entweder selbst verfaßt oder die über seinen Schreibtisch liefen, und insbesondere im Zusammenhang mit der Erarbeitung jener Lageberichte, die er mehrfach in den Chefbesprechungen auf Heeresgruppenebene vorgetragen hat, erhielt er einen tiefen und umfassenden Einblick in die Verhältnisse an den Fronten und namentlich auf dem Balkan. Auch wenn sein persönlicher Einfluß auf den Entscheidungsprozeß der obersten Führung (im Südosten) einerseits von seinen Widersachern etwas überbewertet worden ist und andererseits von seinen Verteidigern allzu sehr herabgemindert wurde, war Waldheim doch häufig in diesen Besprechungen zugegen, wirkte an diesen mit und war folglich einer der besonders gut orientierten Stabsangehörigen. Dabei waren seine allgemeinen Einblicke umfassend: sie bezogen sich nicht nur auf die taktischen, strategischen und administrativen Anordnungen, sondern schlossen in einigen Fällen auch die Handlungen und Maßnahmen ein, die im Widerspruch zum Kriegsrecht und den Grundsätzen der Menschlichkeit standen. (..) Waldheims Darstellung seiner militärischen Vergangenheit steht in vielen Punkten nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Kommissionsarbeit. Er war bemüht, seine militärische Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und sobald das nicht mehr möglich war, zu verharmlosen. Dieses Vergessen ist nach Auffassung der Kommission so grundsätzlich, daß sie keine klärenden Hinweise für ihre Arbeit von Waldheim erhalten konnte.«

Da Kurt Waldheim den Bericht der Historikerkommission als »umfassende Entlastung« wertete, gingen die Wogen neuerlich hoch. Die SPÖ forderte geschlossen seinen Rücktritt, und Simon Wiesenthal, der Waldheim zuvor wiederholt gegen Kriegsverbrecher-Vorwürfe verteidigt hatte, deutete den Bericht als »Aufruf an die geistige und kulturelle Elite Österreichs, sich zusammenzutun und den Bundespräsidenten zum Rücktritt zu veranlassen«. Waldheim blieb bei seiner uneinsichtigen Haltung. In einem langen Gespräch, das die beiden ORF-Journalisten Peter Rabl und Hans Benedict nach Vorlage des Berichts der Historikerkommission mit ihm geführt haben, drohte er mit Gesprächsabbruch, weil er »solche Fragestellungen einfach nicht akzeptieren kann«, sah sich weiterhin als Opfer einer Hass- und Lügen-Kampagne und versuchte zb die von den Nazi-Truppen als Vernichtungskrieg geführte »Partisanenbekämpfung« auf dem Balkan (Hitler forderte die »totale Ausrottung der Partisanen«) als »Vergeltungsmaßnahmen« zu relativieren. (Das Gespräch ist in der ORF-TVTHEK zur Gänze nachzusehen.)

Im Jahre 1993, ein Jahr nach Ende der Amtszeit Kurt Waldheims, er verzichtete auf eine Wiederkandidatur, fand der erste offizielle Staatsbesuch eines österreichischen Regierungschefs in Israel statt – 45 Jahre nach der Gründung des Staates Israel. Bundeskanzler Franz Vranitzky bekannte sich in seiner Rede an der Hebräischen Universität Jerusalem zur »moralischen Verantwortung« Österreichs und bat die Opfer der österreichischen Täter im Namen der Republik um Verzeihung:

»Wir teilen die moralische Verantwortung, weil viele Österreicher den Anschluss begrüßten, das Naziregime unterstützten und bei seinem Funktionieren halfen. Wir dürfen jene nicht vergessen, die unaussprechliche Schicksale erlitten, wir dürfen jene nicht vergessen, die dieses Leiden verursachten, und wir dürfen jene nicht vergessen, die Widerstand leisteten. Wir bekennen uns zu allem, was in unserer Geschichte geschehen ist und zu den guten und schlechten Taten aller Österreicher. So wie wir für unsere guten Taten Kredit fordern, müssen wir für unsere schlechten um Verzeihung bitten– um die Verzeihung jener, die überlebt haben, und um die Verzeihung der Nachfahren der Opfer.«

Kurt Waldheim stand stellvertretend für den verlogenen Umgang einer ganzen Generation mit ihrer NS-Vergangenheit. Sein jahrzehntelanges Weglügen, Relativieren und Verharmlosen seiner Kriegszeit auf dem Balkan (Thomas Bernhard bezeichnete ihn als »Lügenpräsident«), der von ihm und seiner ÖVP offen propagierte Antisemitismus (zB. »die ehrlosen Gesellen des World Jewish Congress«, »eine kleine Gruppe, aber auf die amerikanischen Medien sehr einflussreiche Gruppe«, »Ostküste«, »Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!«) und seine arrogante Verstocktheit, zu keiner Zeit eine Geste der Entschuldigung zu setzen, all das war niederträchtig und unerträglich! Und dennoch habe ich ihn einmal verteidigt: Im Rahmen der Ausstellung, 1945 – Niederlage. Befreiung, Neuanfang, im Deutschen Historischen Museum in Berlin habe ich der Aussage des Guides, Waldheim sei ein SS-Mann gewesen, der schwere Kriegsverbrechen begangen habe, sofort widersprochen und berichtigt.

Nach der Waldheim-Debatte wurde die »Opferthese« durch eine »Mitverantwortungsthese«, zunächst offiziell, auf Ebene der Republik, und allmählich auch im kulturellen Gedächtnis der Bevölkerung etabliert. Wenn Heidemarie Uhl im Jahre 2008 festgehalten hat, dass »die Berufung auf die Opferthese nur noch eine Minderheitenposition (ist), ein Argument aus dem Museum der Nachkriegsmythen, das in den relevanten gesellschaftlichen Deutungsinstanzen, vor allem auch in der Geschichtswissenschaft, praktisch keinen Rückhalt hat«, dann kann ihr vorbehaltlos zugestimmt werden.

Die Wahrheit einer falschen Welt

»Was ist der Preis der Lüge? Das wir die Lüge für die Wahrheit halten könnten? Die eigentliche Gefahr ist doch die: Wenn wir nur genug Lügen hören, erkennen wir die Wahrheit nicht mehr! (…) Die da oben glauben, eine gerechte Welt sei eine heile Welt.«

Noch wissen wir nicht, wer der Mann ist, der auf einem Stuhl in einer Küche sitzt, eine Zigarette raucht und diese Sätze in ein Tonbandgerät spricht, sodann die Bänder in Zeitungspapier hüllt und anschließend im Innenhof der Wohnhausanlage hinter einem kleinen Fenster versteckt. Wieder in der Wohnung zurück zündet er sich abermals eine Zigarette an, unser Blick fällt auf ein Taschentuch mit Blutsputum und auf eine Katze. Dann ein kurzer Ruck. Der Mann hat sich erhängt.

Mit dieser Szene beginnt die amerikanisch-britische HBO-Miniserie Chernobyl – fünf Teile, jeweils rund eine Stunde lang –, die im Mai/Juni 2019 von Sky Atlantic im deutschsprachigen Raum erstmals ausgestrahlt wurde, und die ich nun, dank C., der mir die Files zukommen ließ, sehen konnte.

Bald erfahren wir, dass es sich bei dem Mann um den Chemiker Waleri Legassow handelt, der sich am 26. April 1988 das Leben nahm, also auf den Tag genau zwei Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 der Kernkraftanlage in Tschernobyl. Am Unfalltag wurde er zusammen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR, Boris Schtscherbina, von Generalsekretär Michail Gorbatschow von Moskau nach Tschernoyl beordert, um die Sicherungsmaßnahmen vor Ort zu koordinieren. Später fungierte er als Leiter eines Komitees, das die Ursachen der Katastrophe untersuchen sollte.

Ein Test, der beweisen sollte, dass auch bei vollständigem Ausfall der externen Stromversorgung des Kernreaktors noch genügend Energie intern produziert werden könnte, um die Kühlsysteme weiterhin am Laufen zu halten, geriet zum Desaster. Die durch die Explosion in die Atmosphäre gelangten radioaktiven Stoffe kontaminierten infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl, und in vielen angrenzenden Ländern kam es zu einer erheblichen Strahlenbelastung. Nach der Katastrophe begannen sogenannte »Liquidatoren« mit der Dekontamination vor Ort, und um den offenen Reaktorkern, aus dem kontinuierlich Radioaktivität austrat, wurde bis November 1986 ein aus Stahlbeton bestehender provisorischer Schutzmantel gezogen, ein »Sarkophag«.

Legassows Untersuchungskomitee sollte später feststellen, dass zum einen Angestellte des Kraftwerks gravierend gegen Sicherheitsauflagen verstoßen haben – in einem Prozess wurde der für den Test verantwortliche Schichtleiter, Anatoly Dyatlov, wegen »kriminellen Missmanagements« zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt, nach fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen entlassen (1995 erlag er den Folgen eines Herzinfarktes); und zum anderen, dass der in Tschernobyl verwendete Kernreaktortyp für diese Simulation ungeeignet war. So wusste der Geheimdienst seit rund 10 Jahren, dass das Auslösen der Stopptaste zwangsläufig zur Explosion führen musste, ein Wissen, das aber unter Verschluss gehalten wurde. Gemäß KGB-Vorgaben durfte Legassow in seinem Bericht vor der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien darüber kein Wort verlieren. Einzig Dyatlov und die ihm unterstellten Mitarbeiter, die kurz nach der Explosion infolge der Verstrahlung verstorben sind, wurden der offiziellen Sprachregelung zur Folge als für den Unfall Verantwortliche ausgegeben. Dyatlov hat 1991, nach dem Ende der Sowjetunion, in einem Artikel die technischen Implikationen, die zur Katastrophe führten, offengelegt.

Erinnerungen können bekanntlich trügerisch sein: Ich dachte, der damalige SPÖ-Gesundheitsminister Franz Kreutzer hätte den 1. Mai-Aufmarsch in Wien behördlich verboten. Jetzt habe ich nachgelesen, dass er vor »Panik« gewarnt hat und wenig später für die Nichtabsage kritisiert wurde. Die radioaktive Wolke, die zunächst über Skandinavien – die Schweden waren die ersten, die Alarm schlugen – und dann südwärts zog, erreichte Österreich rund 80 Stunden nach der Explosion. Ich weiß, dass wir in den Tagen danach, als eine erhöhte Belastung von Cäsium-137 und Jod gemessen wurde, den amtlichen Empfehlungen, längere Aufenthalte im Freien zu meiden und die Fenster geschlossen zu halten, nachgekommen sind. Nach wie vor, mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe, werden auch hierzulande erhöhte Werte an Cäsium-137 und Jod vor allem in Eierschwammerl und Wild nachgewiesen.

Ich kann mich auch an TV-Bilder von der Evakuierung der in der Nähe von Tschernobyl gelegenen Stadt Prypjat erinnern, wenngleich ich diese erst viel später gesehen habe. Die eigens für die Arbeiter des Kernkraftwerks und deren Familien errichtete Stadt wurde 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert. Mit etwa 1 200 Bussen sind die rund 80 000 Bewohner innerhalb von zweieinhalb Stunden weggebracht worden. Günstige Windverhältnisse verhinderten das Schlimmste: die stärkste Kontaminierung der Stadt durch radioaktive Niederschläge fand glücklicherweise erst in den Tagen nach der Evakuierung statt. Die Region rund um Prypjat ist bis heute eine vom Militär gesicherte Sperrzone, die seit 2011 für »Touristen« geöffnet ist. Wikipedia entnehme ich, dass auf Grund der HBO-Serie die Besuche in der Region um 30-40% zugenommen haben. Wir leben in einer Welt, in der alles verwertet wird.

Michail Gorbatschow hat angeblich einmal gesagt, im Grunde hätte Tschernobyl das Ende der Sowjetunion besiegelt. Der Film zeigt ein paranoides Machtsystem, basierend auf Kontrolle und Repression, eine Angstglocke, unter der die Beschönigung, Vertuschung und Lüge zum Normalzustand jedweder Existenz gehört. Wer in einem solchen System überleben will, kann in der Regel nicht Klartext reden, denn würde er dies tun, wäre er nicht mehr da.

Einige unvergessliche Szenen der Serie, die in der Bildsprache, an die großen Meisterwerke Andrei Tarkowskis erinnern:

Feuerwehrmänner, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe ohne Schutzkleidung völlig sinnlose Löschversuche mit Wasser vornehmen, krepieren wenige Tage danach unter entsetzlichen Schmerzen, ihre Körper sind von der radioaktiven Strahlung völlig entstellt. Die Toten werden in Metallsärge gesteckt und in Massengräbern beigesetzt. Unmittelbar nach der Beisetzungszeremonie wird aus den bereits wartenden Betonmischern Fließbeton auf die Särge gegossen, um diese mit einem Betonmantel zu versiegeln.

Krankenschwestern tragen die verstrahlte Kleidung der Feuerwehrmänner in den Keller des Krankenhauses, wo sie auf einen Haufen geworfen werden, der angeblich noch heute vorhanden ist. Die kurze Berührung der kontaminierten Kleidung verbrennt ihre Hände.

Das Zentralkomitee in Prypjat meldet in einer ersten Reaktion nach Moskau, es sei »alles völlig unter Kontrolle«. In der anschließenden Sitzung der Ortsfunktionäre der kommunistischen Partei im atomsicheren Bunker berichtet ein Funktionär von den Brandwunden der Feuerwehrmänner und fordert die Evakuierung der Stadt. Ein langjähriger Parteifunktionär erhebt sich, weist auf den offiziellen Namen des Kernkraftwerks hin, »Wladimir Iljitsch Lenin«, und sagt: »Und wenn der Staat uns sagt, die Situation sei nicht gefährlich, dann hören wir auf ihn. Wir riegeln die Stadt ab und kappen die Telefonleitungen. Das ist unsere Möglichkeit zu glänzen.« Das vermeintliche Lob des Moskauer Parteiapparats lässt die örtlichen Funktionäre begeistert applaudieren.

Erste Löschversuche mit einem Gemisch aus Sand und Bor, das von Hubschraubern auf den offenliegenden Reaktorkern abgeworfen wird – der erste Hubschrauber fliegt zu nahe zur Rauchwolke, die Strahlung zerstört die Systeme, die Maschine stürzt ab –, zeitigen erste Erfolge. Eine aufmerksame Atomwissenschaftlerin, die im Film stellvertretend für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Experten steht, die zu Sicherungsmaßnahmen beigezogen wurden, erkennt, dass die Wassertanks – entgegen ersten Annahmen – vollgefüllt sind. Sollte Sand-Lava (durch die Hitze im Kern wird das Sand-Bor-Gemisch zu einem Lava-ähnlich Stoff) eintreten, käme es zur Erhitzung des Wassers und zu einer gewaltigen Folgeexplosion, die alle Reaktoren in Tschernobyl in die Luft fliegen ließe, mit unvorstellbaren Folgen: Die gesamte Ukraine und Weißrussland bliebe für immer unbewohnbar. 60 Millionen Menschen müssten evakuiert werden, weite Teile Osteuropas wären kontaminiert. Um das zu verhindern, müssen drei Kraftwerksmitarbeiter gefunden werden, die sich durch das kontaminierte Wasser bis zu den Schleusen vorarbeiten und diese öffnen, um das Wasser abpumpen zu können. Gorbatschow gibt den Befehl – im Film mit den Worten: »Jeder Sieg hat noch immer seinen Preis verlangt!« –, der den sicheren Tod der Arbeiter bedeutet.

Bergarbeiter werden geholt, um einen 150 Meter langen, 12 Meter unter dem Reaktorkern gelegenen Tunnel zu graben, zur Anbringung eines Wärmetauschers. Die Hitze beträgt 50 Grad. Wegen der Strahlung können keine Ventilatoren verwendet werden. Die Bergarbeiter arbeiten nackt. Im Abspann werden wir erfahren, dass von den rund 400 Bergarbeitern schätzungsweise 100 vor ihrem 40. Lebensjahr gestorben sind.

Die sowjetischen Behörden ersuchen deutsche Unternehmen, einen Roboter für die Räumung des radioaktiv verseuchten Schutts und der Graphitblöcke bereitzustellen. Da sie einen deutlich geringeren Strahlungswert weitergeben, ist der gelieferte Roboter der tatsächlichen Strahlenbelastung nicht gewappnet – die enorme Radioaktivität zerstört die Maschine. Jetzt müssen »Bioroboter« ran, also Menschen, die das strahlende Material mit Schaufeln vom Dach des Kontrollgebäudes in den Reaktorkern befördern, was für die »Liquidatoren« den sicheren Tod bedeutet.

Eine alte Bäuerin melkt ihre Kuh. Ein Soldat, der das verstrahlte Tier erschießen muss, fordert sie auf, wegzugehen. Die Bäuerin entgegnet ihm, dass sie seit ihrer Geburt auf dem Hof sei, die Revolution, die bolschewistische Kollektivierung, den Holodomor unter Stalin und den 2. Weltkrieg überlebt habe. Jetzt, als alte Frau, werde sie sicher nicht vor etwas, das sie nicht einmal sehen könne, weggehen. Der Soldat zieht sie weg und erschießt die Kuh.

Ein junger Soldat muss gemeinsam mit zwei Afghanistan-Veteranen alle Tiere, die sich in der Sperrzone befinden und kontaminiert sind, erschießen. Sie durchkämmen die verlassene Stadt und knallen auf jeden Hund und jede Katze, die ihnen vor die Flinte kommen. In einer Wohnung sieht er eine Hündin mit drei Welpen. Er kann nicht schießen und geht hinaus.

In einer der letzten Szenen des Films konfrontiert der Vizedirektor des Geheimdienstes Legassow mit seiner eigenen Biografie. Er erinnert ihn daran, dass er sich im Atominstitut nach dem Krieg gegen die Beförderung jüdischer Wissenschaftler ausgesprochen habe, um sich »uns anzubiedern«, und offenbart ihm, dass seine Aussage im Prozess – Legassow erwähnte auch die technischen Mängel, die zur Explosion geführt haben – nicht zugelassen werde, »es hat sie nicht gegeben!«. Erst nach Legassows Selbstmord sind die anderen Reaktoren vergleichbaren Typs in der Sowjetunion nachgerüstet worden.

Den wenigen Wissenschaftlern und Parteifunktionären, die trotz allem an Fakten sich orientierten und gegen alle Widerstände standhaft geblieben sind (Folge von Gorbatschows ein Jahr zuvor ausgerufener »Glasnost«?), und den Feuerwehrmännern und Bergarbeitern, die sich aufgeopfert haben, um noch weitaus Schlimmeres zu verhindern, wird mit dieser Miniserie ein bleibendes filmisches Denkmal gesetzt. Dass ein derartiger »katastrophaler Unfall«, wie die Kernschmelze im Fachjargon der Atombehörden bezeichnet wird, kein singuläres Ereignis blieb, hat uns die Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahre 2011 vor Augen geführt. In Japan gab es vor der Katastrophe genügend Warnungen vor den Risiken des verwendeten Reaktortyps, ebenso Hinweise auf Konstruktionsmängel der Anlage, sowie unzureichenden Schutz vor Erdbeben und Tsunamis, von fehlenden Kontrollen gar nicht zu reden. Die Betreiberfirma Tepco und die japanischen Atomaufsichtsbehörden wiegelten ab und ignorierten die meisten Hinweise – ein sehr »sowjetisches« Verhalten.

In seinem Essay Entbergung und Konstruktion, in dem er sich mit den Potentialen der Kunst in der modernen, rationalisierten Welt beschäftigt, bringt der Philosoph Rudolf Burger luzide zum Ausdruck, dass die »Wahrheit einer falschen Welt« nicht mehr in der Kunst erhellt wird, sondern nur noch in der technischen Katastrophe, im Scheitern des technischen Experiments. Ausgehend von der Explosion der Challenger-Raumfähre schreibt er folgende Sätze:

»Die wahre Katastrophe ist das Gelingen des Programms, nicht der Absturz von ein paar Astronauten, der jenes zumindest ein bisschen bremste. (…) Wenn die Welt als solche zum technischen Fall zu werden droht, zum sogenannten Ernstfall, als ob sie jetzt heiter wäre, dann zuckt eine perverse Schönheit im Un-Fall auf, der den logischen Gang der Dinge unterbricht. (…) Ist er vorbei, so geht die Geschichte weiter, in ihrem gewohnt-gewöhnlichen Trott. Und doch leuchtet in ihm so etwas wie Wahrheit auf: die Wahrheit einer falschen Welt. (…) Und das Erhabene der Natur, vor dem die Menschen erschauern, weil es gerade noch verschmäht, sie zu zermalmen, ist in Zeiten der Postmoderne nicht mehr wie im Jahrhundert Kants der Eisberg oder die unendliche Wüste, das aufgewühlte Meer oder das Gebirge im Gewitter: es ist Tschernobyl.«


Abschied von Obama

Wenn morgen Donald Trump seinen Amtseid ablegen und im Anschluss daran seine Inaugural Address halten wird, dann wird der größtmögliche Gegenpol zu Barak Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Barak Obama, diesen philosophisch-pragmatischen Intellektuellen und seine ruhige, die Argumente abwägende Art, werden wir schmerzhaft vermissen.

Große Leseempfehlung: Das Transkript eines wunderbaren Gesprächs, das Michiko Kakutani, Chief Book Critic der New York Times, vor wenigen Tagen mit Obama über seine Lektüreerfahrungen geführt hat.

Früchte des Zorns

Im Unsichtbaren Kino im Wiener Filmmuseum beginnt John Fords „The Grapes of Wrath“ aus dem Jahr 1940, basierend auf dem im Jahr davor erschienen gleichnamigen Roman von John Steinbeck.
Gleich zu Beginn: Tom Joad (Henry Fonda) mit Kapperl! (Ich flüstere zu E.: »Jetzt weißt Du, warum ich Kapperl- und nicht Hutträger bin!«).

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Wann ich diesen Film zuletzt gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Im Kino, soviel ist sicher, wohl vor über 20 Jahren. Ford / Steinbeck zeigen die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der ökologischen Irrtümer in den 1930-er Jahren am Beispiel einer Bauernfamilie aus Oklahoma. Dürre und Sandstürme (Dust Bowl), Armut und Elend und Verlust der Farm und des Landes, das die Joads und andere Bewohner der Great Plains seit Generationen bestellten. (In anderen Filmen erinnert Ford daran, wie die Joads dieses Land von den Native Americans genommen haben.) Aufbruch nach Kalifornien (the land of milk and honey) über die gerade erst fertiggestellte Route 66. Hoffnung auf gut bezahlte Jobs. Aufwachen in Zeltlagern. Hungerlöhne. Elend. Aber auch die Chance auf den Ausweg aus dem Elend, auf eine menschenwürdige Existenz in Form der staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme im Rahmen von Roosevelts New Deal.

Grandiose Bilder, Herz und Hirn packende Bilder in Schwarz-Weiß. E., (bislang) kein Freund »alter Filme« (so pflegt er SW-Filme zu bezeichnen), zeigte sich begeistert.

P.S. Weil einer der beiden Filmprojektoren den Geist aufgegeben hatte, wie man uns vor Filmbeginn mitteilte, traf das, was in Wikipedia zum Stichwort Überblendtechnik so schön beschrieben ist, eben gerade nicht zu:

„Die Kunst des Vorführers besteht auch darin, am Ende eines Aktes den Projektor mit dem folgenden Akt rechtzeitig zu starten und Bild und Ton umzuschalten, so dass die Zuschauer keinen Übergang bemerken.“

Wir nahmen die Pausen zwischen den Rollenwechseln im schwarzen Kino gelassen und bedanken uns postum bei John Ford, dass er uns solche Filmgeschenke hinterlassen hat!

Champion Jackie

Der aus Schottland stammende dreifache Formel-I-Weltmeister Jackie Stewart, der mit 15 von der Schule flog, dank Rennfahren zum Popstar und später von seiner Majestät zum SIR geadelt wurde, erzählte im Gartenbaukino davon, dass er eine 1:3 Chance hatte, seine Rennfahrerkarriere (1965 bis 1973) zu überleben; viele seiner Kollegen starben während eines Rennens oder bei Testfahrten, darunter auch einer seiner besten Freunde, Jochen Rindt.

In der Folge sollte Stewart der erste und wohl wichtigste Kritiker eines Systems werden, das sich keinen Furz um Sicherheitsfragen scherte. Viele seiner Anregungen haben letztendlich dazu beigetragen, dass der Motor-Rennsport mit der Zeit wesentlich sicherer geworden ist.

Roman Polanski hat im Jahre 1971 rund um den Großen Preis von Monaco eine Hommage an den Freund unter dem Titel Weekend of a Champion gedreht (genauer: er hat den Film produziert und kommt darin auch vor; Regie führte Frank Simon).

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Jackie Stewart und Roman Polanski in Monte Carlo 1971

Der Streifen, der nie in den Kinos zu sehen war, erfuhr während der Festspiele in Cannes 1971 angeblich seine einzige Vorführung. 40 Jahre später hat Polanski gemeinsam mit Stewarts Sohn Mark, der als Filmproduzent tätig ist, das Filmmaterial bearbeitet und um eine nachträgliche Sequenz erweitert: die beiden Freunde, mittlerweile weit über 70 Jahre alt, sitzen in derselben Hotelsuite in Monte Carlo wie dereinst und quatschen über die vergangen Zeiten. Stewart erzählt dabei, dass er zeitlebens Legastheniker geblieben ist und damals kaum lesen und schreiben konnte, was weder seine Frau Hellen noch sonst wer gewusst habe.

Netter Film über einen ganz Großen!

Der letzte der Ungerechten

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Claude Lanzmann und Benjamin Murmelstein in Rom 1975

Was war das, was ich da gesehen habe im Wiener Gartenbaukino am Nationalfeiertag? Mit Sicherheit »einer der Höhepunkte der Viennale«, wie dessen Direktor Hans Hurch vor Vorführungsbeginn anmerkte. Claude Lanzmann, Regisseur von Shoah, hat im Jahr 1975 den letzten, von den Nazis ernannten »Judenältesten« des KZ-Ghettos Theresienstadt, Rabbiner Dr. Benjamin Murmelstein, aufgesucht und mit ihm ein vielstündiges Gespräch über mehrere Tage hinweg geführt. Gedreht wurde in Rom, wo Murmelstein mit Frau und Sohn lebte.

Der einzige überlebende »Judenälteste« eines Nazi-Ghettos, Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in den Jahren von 1938 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jänner 1943 (in dieser von den Nazis geschaffenen Funktion hatte er eng mit Adolf Eichmann zusammenzuarbeiten) und nach dem Krieg von Überlebenden als Kollaborateur beschuldigt, war Lanzmanns erster Interview-Partner für den Shoah-Film; er hat dieses Gesprächsmaterial dann aber nicht für diesen Film verwendet.

Das Rohmaterial übergab der Regisseur dem Steven Spielberg Film and Video Archive im United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., mit der Auflage, es für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Vorführung dieses Interview-Materials im Wiener Filmmuseum im Jahre 2007 hat der Filmproduzent Danny Krausz (DOR-Film), wie er im Gartenbaukino erzählte, den anwesenden Lanzmann überredet, doch einen Film über Benjamin Murmelstein zu machen. Dieser Film, mitfinanziert von der DOR-Film, hatte unter dem Titel
Der letzte der Ungerechten (Originaltitel: Le Dernier des injustes) in Cannes im Frühjahr seine Weltpremiere.

»Er ist das absolute Gegenteil eines Kollaborateurs. Er war brutal, hatte eine große Schnauze, war ungemein schlagfertig – genau das erlaubte es ihm auch, den Nazis Paroli zu bieten.«
(Claude Lanzmann über Benjamin Murmelstein in einem Interview mit der FAZ)

Hier noch Infos zum Hintergrund:

Take it as it comes

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»Receive with simplicity everything that happens to you«.

Diesen Spruch, der dem im Mittelalter wirkenden Rabbiner und Talmud Kommentator Rashi zugeschrieben wird, stellen die Brüder Joel und Ethan Coen ihrem jüngsten Werk A Serious Man voran.

Nach einer rund zehnminütigen Zeitreise in die untergegangene Welt des jüdischen Schtetls, wo jiddisch gesprochen wird und eine resolute Frau einem alten Mann ein Messer ins Herz treibt, weil sie in ihm einen Dibbuk zu erkennen vermeint, folgt eine Schwarzblende, danach:

»When the truth is found to be lies
and all hope inside you dies
don’t you want somebody to love«

Somebody to love von Jefferson Airplane, Grace Slicks Stimme dröhnt aus einem Kopfhörerstöpsel, der sich im Ohr eines jungen Mannes befindet. Die Kamera gleitet langsam entlang eines weißen Kabels und in unseren Fokus kommt, nein, nicht ein iPod, sondern ein altes Transistorradio. Wir sind nicht im Heute gelandet. Wir sind in den 1960-er Jahren, genauer: im Jahr 1967. Die B-52-Bomber legen gerade halb Südostasien in Schutt und Asche. The Doors veröffentlichen ihr Debütalbum, auf dem Jim Morrison das eingangs zitierte Motto des Rabbiners neu übersetzt: Take it as it comes.

Einer, der alles nimmt, wie es kommt, ist Larry Gropnik, Professor für Physik und Mathematik an einer Universität irgendwo im Mittelwesten der USA. Er lebt mit Frau und Kindern in einer dieser Vorstadtsiedlungen, wo der Rasen täglich gemäht wird, und wo jeden Moment der fröhlich winkende Feuerwehrmann aus Blue Velvet vorbei fahren könnte. Es ist eine überwiegend von Juden bewohnte Siedlung, mit jüdischer Schule, Rabbi und Synagoge. Larrys kleines Glück wird empfindlich gestört: Was soll er tun, wenn die Frau die Scheidung will, um fortan mit einem seiner Freunde Tisch und Bett zu teilen? Was, wenn dieser Ex-Freund bei einem Autounfall ums Leben kommt? Was, wenn aus der in Aussicht gestellten Fixanstellung doch nichts wird, weil irgendein anonym bleibendes Arschloch irgendwelche Verleumdungen streut? Was, wenn sich die Alpträume bewahrheiten und ihn der Redneck-Nachbar tatsächlich abknallen sollte? Und was, wenn selbst der Rabbi, den er in seiner Verzweiflung aufsucht, auf die Frage nach dem Sinn all dessen nur lakonisch antwortet, das habe ihm Gott auch nicht gesagt?

Die Coens haben eine Tragikömodie auf die Leinwand gezimmert, mit all den köstlichen Zugaben, die ihre Filme schon immer auszeichneten: Ein phantastisches Script, umwerfende Situationskomik, abrupt endende Szenen, brillante Kamerabilder, für die wie immer Roger Deakins verantwortlich zeichnet, und ein furioses Finale.

Große Szene: Der koreanische Student Clive, der den Physiktest nicht bestanden hat, weil er keine Ahnung von Mathematik hatte, ersucht Larry um positive Benotung. Larry lehnt ab. Als Clive gegangen ist, findet Larry einen mit Dollarscheinen prall gefüllten Briefumschlag in seinem Büro, den Clive »vergessen« hat – was dieser, als ihn Larry später zur Rede stellt, abstreitet. Und der arme Larry hat ein Problem. (Das muss man gesehen haben!)

Hatte Hiob das bessere Los, weil er an seinem Gott wenigstens noch zweifeln konnte? Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: solche Filme konnte er nicht sehen.