Zur Fortsetzung der Kabarettsendung „Die 4 da“ im ORF zwei grandiose Kommentare zur politischen Lage Österreichs für all jene, die sie noch nicht gesehen haben.
Autor: admin
Mutter Courage im Ahmadinedjad-Land
Seit 1983 findet jedes Jahr das zehntägige Fadjr-Theaterfestival in Teheran statt, eines der größten Theaterevents im islamischen Raum, dass zu Ehren des Führers der islamischen Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeini gegründet wurde. Da auf diesem Festival, das heuer vom 6. bis zum 16. Februar ablaufen wird, seit Jahren neben iranischen Produktionen auch internationale zu sehen sind, überrascht es nicht, wenn auch in diesem Jahr Theatergruppen und Ensembles aus Russland, Polen, Frankreich, Armenien, der Schweiz und aus Deutschland nach Teheran reisen. So auch Klaus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE). Sie werden mit dem Bert Brecht Stück Mutter Courage und ihre Kinder vom 12. bis 14. Februar in der iranischen Hauptstadt gastieren, während zur gleichen Zeit die Bühnenfassung von Anne Franks Tagebuch auf dem Spielplan des BE in Berlin steht. In der Presseerklärung von Peymann „zum wichtigsten Gastspiel“ seiner Direktion, wie er betont, findet sich folgende Begründung für den Trip nach Teheran: „In einem vom Krieg bedrohten Land ein Anti-Kriegsstück wie die MUTTER COURAGE von Brecht zu spielen, hat eine besondere Bedeutung„.
Ich denke, wer die Reise in ein islamfaschistisches Land, dass nicht vom Krieg bedroht ist, sondern längst Krieg führt, „sowohl nach innen gegen die eigene Bevölkerung als auch nach außen durch die Unterstützung von Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah„, wie es in einer Presseerklärung des Komitees gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo völlig zu Recht heißt, mit der bewussten Verdrehung politischer Realitäten zu legitimieren versucht, verschwindet damit von selbst als ernstzunehmende Stimme aus der zivilisierten Debatte.
Vielleicht ist es aber ganz anders, träume ich, vielleicht ist es die Brecht’sche List, die Peymann antreibt, weil er natürlich auch weiß, dass es klüger ist, ein Anti-Kriegsstück nicht in dem vom Krieg bedrohten Land zu spielen, sondern in jenem Land, das den Krieg vorbereitet. Freilich, würde er das so sagen, bräuchte er gar nicht aus Berlin abreisen – die Mullahs würden ihn nie reinlassen. Daher diese Verdrehung der Fakten, dieser Kunstgriff, erfunden, um die iranischen Zensoren hinters Licht zu führen. Erst diese List ermöglicht es Peymann, das „neugierige, intelligente, großstädtische Publikum“ (Peymann in der Presseerklärung) in Teheran mit dem Anti-Kriegsstück zu konfrontieren.
Hier steht, warum dieser Traum blödsinnig ist, und hier, was man sonst noch tun sollte.
Kind 44
Wie kann man als Individuum existieren, wenn der Ehemann, die Ehefrau, der Arbeitskollege, der Freund, der Nachbar, der Unbekannte in der Metro, schlicht jeder und jede, jederzeit zur existentiellen Bedrohung werden kann, ja zur Bedrohung werden muss, will er/sie nicht selbst seine/ihre Existenz bedrohen?
Wie es möglicherweise war, unter einer solchen Angstglocke zu leben, erzählt der 29 jährige Engländer Tom Rob Smith in seinem Erstlingsroman Kind 44. Elke Heidenreich hat den Roman in ihrer ZDF-Büchersendung lesen gerade vorzustellen begonnen, als ich zufällig hin gezappt habe, und sie hat diesen, vom Verlag als Thriller vermarkteten Roman so faszinierend beworben, dass ich das Buch sofort kaufte und zu lesen begann.
In Kind 44 erzählt der Autor von einer Mordserie an Kindern in der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Der Roman, wiewohl Tom Rob Smith eine erst Jahre nach dem Tod Stalins aufgeklärte Mordserie als Vorlage diente, hat paradoxerweise in einem anderen Sinn einen fiktiven Kern: In einer Gesellschaft, in der Armut und Ungleichheit offiziell für abgeschafft erklärt wurden, kann es keine Verbrechen mehr geben. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, daher wurden die Morde als Unfälle zu den Akten gelegt oder geistig Behinderten in die Schuhe geschoben oder schlicht und einfach vertuscht.
Ein hoch dekorierter, linientreuer Geheimdienstoffizier, der weiß, dass ein offensichtlicher Mord an einem 12-jährigen als Unfall zu deklarieren ist, wird im Zuge der Untersuchungen zur Einsicht gelangen, dass das ganze Land die Lubjanka ist.
Auch wenn die bloße Kriminalgeschichte, das Whodonit, Schwächen aufweist, die präzise Beschreibung des Terrors, das Eindringen staatlicher Macht in die Körper, und die Schilderung der von unfassbarer Armut geprägten Verhältnisse in der Sowjetunion in den ersten Jahren nach WK II, ließ mich beim Lesen fast aufs Atmen vergessen.
Club 2
Wiewohl der Club 2 zum Thema „Hassliebe USA-Europa“, in Kategorien herkömmlicher Talk Shows bemessen, dank kompetenter Diskutanten (vor allem Anton Pelinka und Gerald Matt), die der politischen Paranoia des Wilhelm Langthaler zumindest für etwa 80 Minuten entschieden Einhalt boten, durchaus gelungen war, führte er dennoch exemplarisch vor, warum der neue Club 2 nur ein müder Abklatsch des Originals ist, und dies auch solange bleiben wird, bis die ORF-Verantwortlichen das Open End-Format des Originals wieder beleben. Erst das Wegfallen der Zeitbegrenzung unterschied den Club 2 von serieller TV-Konfektionsware. Diskussionen brauchen nämlich Anläufe, Leerläufe, Wiederholungen, Abschweifungen; erst nach diesen zeitintensiven Nebengeräuschen, erst nach diesem Hinwerfen von Meinungen, nach dem Sich-In-Szene-Setzen, können Argumente und Meinungen abgewogen und geprüft werden, kann ein Einlassen auf das Gegenüber in raren Momenten sogar einen gemeinsamen Lernprozess initiieren.
Das, und nur das, war das Einzigartige am Club 2!
20 Bauern und 4 Arbeiter
Michael Sauga, Wirtschaftsredakteur beim Spiegel, erläutert in einem Interview, das ich im Fluter, dem Jugend-Magazin der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (dazu irgendwann einmal mehr) gefunden habe, warum er den deutschen Sozialstaat für höchst ungerecht und dringend reformbedürftig erachtet.
Saugas’ Hauptkritik, die er in seinem Buch mit dem Titel „Wer arbeitet, ist der Dumme. Die Ausbeutung der Mittelschicht„, 2007 im Piper-Verlag erschienen, ausführlich darlegt, richtet sich gegen die unsolidarische Finanzierung:
„Was ich kritisiere, ist, wie dieses System finanziert wird – nämlich nur über die Arbeitnehmer, die Angestellten und Arbeiter. Die Beiträge für die Sozialversicherungen, also die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, werden den Arbeitnehmern jeden Monat automatisch vom Lohn abgezogen. Das nennt sich dann Lohnnebenkosten. Jetzt gibt es in Deutschland aber nicht nur Arbeitnehmer. Es gibt noch andere, privilegierte Gruppen, und die müssen diese Beiträge nicht zahlen. Denen wird nichts abgezogen, sondern sie zahlen freiwillig in private Versorgungssysteme ein, die nur ihnen offen stehen und die bessere Leistungen anbieten. Zu dieser Gruppe gehören die Freiberufler und die Selbstständigen, auch die Beamten und ironischerweise auch all die Arbeitnehmer, die gut bis sehr gut verdienen. (…) Im Klartext heißt das: Das Sozialsystem, über das auch die Renten und das Arbeitslosengeld finanziert werden, wird von schlecht bis mittel verdienenden Arbeitnehmern finanziert, während sich alle anderen aus dem System ausklinken können.“ (Hier das ganze Interview)
Die skandinavischen Länder zeigen, das es auch anders geht: Nach dem Prinzip, Alle zahlen in denselben Topf ein und alle bekommen aus demselben Topf wieder heraus, ist dort seit Jahrzehnten eine wesentlich solidarischere, weil alle gesellschaftlichen Gruppen in die Pflicht nehmende Sozialstaatskonzeption etabliert.
Warum dieses Modell – also höhere Steuern bei gleichzeitiger Senkung der Lohnnebenkosten – nicht auch in Deutschland (und in Österreich) umgesetzt wird, hängt für Sauga vor allem damit zusammen, dass sich die politischen Elite in Deutschland in ihrer überwiegenden Mehrheit aus den vom bestehenden System profitierenden Berufsgruppen zusammensetzt: Selbstständige und Freiberufler, öffentlich Bedienstete und gut verdienende Angestellte aus den Interessensvertretungen.
Ein Blick auf die Website des Österreichischen Parlaments, auf der sich auch eine Berufsstatistik der Österreichischen Abgeordneten zum Nationalrat und zum Bundesrat findet, bestätigt diesen Befund auch für Österreich: Von den 183 Abgeordneten zum Nationalrat sind 54 Bundes- oder Landesbedienstete, das sind 29,5% aller Abgeordneten (im Bundesrat rekurrieren sich sogar 38,7% aus dieser Berufsgruppe) und damit überproportional viele, da lediglich 12,8% aller in Österreich Vollzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst tätig sind. Weitere stark repräsentierte Berufsgruppen sind die Berufspolitiker und die Funktionäre von Interessensvertretungen wie Kammern und Gewerkschaften (24,6% in Nationalrat, 16,7% im Bundesrat) sowie die Freiberufler mit 11,5% (lediglich 3,2% im Bundesrat) und die Bauern mit 8,2% im Nationalrat (8,1% im Bundesrat) – ein besonderes Kuriosum, wenn man bedenkt, dass nur noch 2,7% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind.
Angesichts des Faktums, dass sich unter 183 Abgeordneten zum Nationalrat und 65 Abgeordneten zum Bundesrat lediglich vier Arbeiter finden – zwei im Nationalrat, zwei im Bundesrat -, bedarf es wohl keiner profunden volkswirtschaftlichen Expertise mehr, um Michael Saugas’ These, wonach das „Sozialsystem von schlecht bis mittel verdienenden Arbeitnehmern finanziert“ wird, für plausibel zu halten.
New Age Racism
Die Spannung bei den US-amerikanischen Vorwahlen steigt. Der 5. Februar 2008, der so genannte „Super Tuesday„, an dem sich voraussichtlich entscheiden wird, wen die Demokraten und die Republikaner für die Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 nominieren, rückt näher. Auf Grund der von den Massenmedien als Show-Down zwischen der Favoritin Hillary Clinton und dem Herausforderer Barack Obama inszenierten Kandidatenkür bei den Demokraten habe ich nicht registriert, dass auch die Green Party eine Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen nominiert hatte. Da mir die US-amerikanischen Grünen nur als indirekte Unterstützer der Wiederwahl von Georg W. Bush in Erinnerung waren – das Antreten von Ralph Nader bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004 hat bekanntlich Al Gore um die Präsidentschaft gebracht -, war ich zunächst erleichtert, als ich der jüngsten Ausgabe der Jungle World – in der Einleitung zu einem Interview mit Elaine Brown, der von den US-Grünen nominierten Kandidatin – entnehmen konnte, dass diese ihre Kandidatur mittlerweile wieder zurückgezogen hatte. Sieh’ an, dachte ich mir, die Grünen haben es endlich kapiert, dass in einem Wahlsystem, das nach dem „the winner takes all„-Prinzip konzipiert ist, die Linken/Liberalen/Grünen usw. nur dann eine Chance haben, wenn sie sich nicht gegenseitig die Stimmen wegnehmen.
Dann las ich das Interview. Dann begann ich zu recherchieren, und verschaffte mir Infos zu Elaine Brown, die von 1974 bis 1977 Vorsitzende der Black Panther Party war. Dann las ich das Interview nochmals. Brown erzählt darin, dass sie sich deshalb von den Grünen aufstellen ließ, weil sie deren Wahlkampfmaschinerie nutzen wollte, „um Nichtwähler aus den unteren Milieus zur Wahl zu bewegen“, und weil diese Partei die einzige war, die sich gegen die während der Präsidentschaft von Bill Clinton in vielen Bundesstaaten eingeführten „Three strikes Laws“ ausgesprochen hat. Diese, dem Resozialisierungsgedanken widersprechenden Strafgesetze ermöglichen dem Justizapparat die Verhängung lebenslanger Freiheitsstrafen für zweimal rückfällig gewordene Straftäter – de facto unabhängig von der Schwere der Vergehen. Mit ein Grund dafür, dass sich die Zahl der Häftlinge in US-Gefängnissen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat. (vgl. dazu die Reportage in Telepolis)
Eines der Bücher von Elaine Brown trägt den Titel New Age Racism. Mit diesem Begriff benennt sie Ideologien, die nicht nur in den USA, sondern mittlerweile in allen modernen Industriegesellschaften common sense geworden sind. Ihre Funktion besteht darin, dass durch Appelle an die Eigenverantwortung, gemäß dem Motto, Wenn du dich richtig ernährst, erkrankst du auch nicht an Krebs, die Ursachen für soziale Probleme nicht mehr in gesellschaftlichen Verhältnissen gesucht werden, sondern im individuellen Verhalten. In dem Interview sagt Brown:
„Clintons Botschaft war, dass es keinen Rassismus mehr gibt. Die Schwarzen waren doch frei, aber sie haben ihre Freiheit vermasselt. So wie man uns weismachen will, dass der Klimawandel deswegen eintritt, weil wir das falsche Haarspray benutzen, will man nicht länger über die Verhältnisse reden, die dazu führen, dass die Hälfte aller Gefängnisinsassen der USA schwarz sind, obwohl der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent beträgt. Die Missstände seien nicht länger eine Frage des Kapitalismus oder des Rassismus, sondern eine Frage des schlechten Benehmens Einzelner. Das ist die Ideologie des New Age.„
An diesem ideologischen Konzept kratze auch ein demokratischer Präsidentschaftskandidat Barack Obama nicht, sondern er legitimiere, wie Brown nüchtern festhält, „das Bedürfnis der weißen und schwarzen Mittelklasse, endlich nicht mehr über Sklaverei, Rassismus und soziale Probleme reden zu müssen„. Und weiter: „Es gibt eine Reihe Schwarzer, vor allem aus der Mittelklasse, die ihn unterstützen. Aber in den Ghettos, in den armen Familien, unter den Crack-Abhängigen, in den Familien, deren Angehörige im Gefängnis sitzen, gilt Obama nicht als eine Figur der Hoffnung. Die Leute, die in Obama eine Hoffnung sehen, sind mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden.„
Zur Vertiefung:
Video-Vortrag von Elaine Brown vor Studenten über New Age Racism.
Zum Umgang mit Dumpfbacken
In einem im gestrigen Standard erschienenen Kommentar mit dem Titel „Eine Bühne für die Hetzer?“ nimmt der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici den Medien-Hype rund um die Grazer Kommunalwahlen, aber insbesondere das Auftreten von Strache und Westenthaler im Rahmen der ORF-Talk Show Im Zentrum am Wahlabend, zum Anlass, für einen Appell an den ORF, den Hetzern von FPÖ und BZÖ bisweilen mit Ignoranz zu begegnen. Ravinovici schreibt: „Das dritte Lager mag gespalten und halbiert sein, aber die Rundfunkanstalt verdoppelt. Wo früher ein Schreihals das Gespräch übertönte, krakeelten jetzt zwei. Strache verhöhnte den Moderator Peter Pelinka, Westenthaler den Politologen Filzmaier. Beide griffen nicht die politischen Gegner, sondern unabhängige Beobachter an. Ihr Stil, ob persönliche Beleidigung, stetes Unterbrechen oder rassistische Diskriminierung, ist Gesinnung, die Form Inhalt. (…) Es wäre durchaus angebracht, die Freiheitlichen zuweilen rechts liegenzulassen. Es ist so durchschaubar und langweilig, immer nur mit Strache, Mölzer oder Westenthaler Quote machen zu wollen. Gegen den Rassismus nicht Stellung zu beziehen, hieße vor ihm zu kapitulieren, aber wenn News auf schrille Fotos der bösen Bubenpartien und der Boulevard auf das Spiel mit dem Ressentiment verzichteten, wäre dies in der Tat eine den Freiheitlichen angemessene Form der Ignoranz.„
Man muss die betreffende Sendung nicht gesehen haben, und ich habe sie nicht sehen wollen, um zu wissen, dass dem nichts hinzuzufügen ist. Höchstens der Verweis auf eine jüngst ergangene Entscheidung des Bundeskommunikationssenates, der auch als Rechtsaufsichtsbehörde über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ORF fungiert. Darin heißt es unter anderem: „Der ORF hat zur Erfüllung seines Auftrags zur umfassenden Information Sorge dafür zu tragen, dass die Vielfalt der Meinungen in einem Programm in seiner Gesamtheit zum Ausdruck kommt; es besteht also kein Anspruch einer politischen Partei oder einer Interessenvertretung auf Präsenz in einer bestimmten Sendung; entscheidend ist vielmehr, dass es insgesamt allen nennenswerten politischen Kräften möglich ist, ihre Meinungen darzulegen.“
Folglich besteht auch keine, aus dem Objektivitätsgebot des ORF (§10 ORF-Gesetz) abzuleitende Notwendigkeit für den ORF, rechte Hassprediger in einer ORF-Sendung auftreten zu lassen. Im Gegenteil: Deren Auftreten kann als permanenter Verstoß gegen die im selben Paragrafen in den Absätzen 1 und 2 festgelegten Allgemeinen Grundsätze des ORF gesehen werden. So heißt es in §10 Absatz 1 ORF-Gesetz: „Alle Sendungen des Österreichischen Rundfunks müssen im Hinblick auf ihre Aufmachung und ihre Inhalte die Menschenwürde und die Grundrechte anderer achten„, und in Absatz 2 wird postuliert: „Die Sendungen dürfen nicht zu Hass auf Grund von Rasse, Geschlecht, Alter, Behinderung, Religion und Nationalität aufreizen.“
Eine Anmerkung sei noch angebracht:
Der Stil der Rechten ist Gesinnung, die Form ist Inhalt. Genau so ist es. Und, da es so ist, ist es auch nicht wirklich überraschend, wenn sie nicht nur „politische Gegner, sondern unabhängige Beobachter“ attackieren. Nun wäre es in der Tat eine Chuzpe, wenn man von einem dieser „unabhängigen Beobachter„, dem Moderator der Sendung Im Zentrum, der zugleich als Chefredakteur des Wochenblattes NEWS dessen Nicht-Journalismus und das jahrelange Haider Foto-Shooting, das Rabinovici zu Recht moniert, zu verantworten hat, erwarten würde, dass er Krakeelern, zu deren Wahrnehmung er allwöchentlich publizistisch beiträgt, etwas entgegen setzen könnte. Wer zu Talk Shows mit rechten Dumpfbacken hingeht (oder zusieht) und sich zivilisierte Debatten erwartet, der darf sich im Nachhinein nicht die Augen reiben, wenn sie nicht stattgefunden haben.
Wer zu Debatten mit Dumpfbacken hingeht, von dem erwarte ich mir, dass er mit der notwendigen Verve dagegen hält, tief schießen kann und vor dem Austeilen und Einstecken verbaler Watschen nicht zurückschreckt. Für alle, die das nicht können oder nicht wollen, sollte gelten: Vermeidet das Hingehen, wenn ihr nicht den Verstärker der Dumpfbacken abgeben wollt!
Fernsehen als Kanzel
In einer berührenden „Liebeserklärung an einen Querdenker“ erweist André Heller dem ehemaligen Generalintendanten des ORF Gerd Bacher die Reverenz. Bacher, der die Medienorgel ORF über Jahrzehnte „in seiner schönsten, imponierendsten Form erfunden bzw. die begabtesten Feuerköpfe um sich geschart hat, um ihn erfinden zu lassen„, wie Heller betont, hat vor allem viele machen lassen, auch dann, wenn das Produkt so gar nicht mit seinem rechtskonservativen Weltbild im Einklang stand.
Man krame etwa in eigenen Videobeständen oder erwerbe ausgewählte Klassiker der Bacher-Ära, die vor Kurzem in der Edition „Der österreichische Film“ auf DVD erschienen sind, wie etwa die sechsteilige Alpensaga, oder erinnere sich an so manche Club 2-Sendung, in der man als Heranwachsender zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, was zivilisierte Diskussions- und Streitkultur sein kann (etwas, was man weder von Elternhaus noch von Schule vermittelt bekam, weil das Personal dieser Sozialisierungsinstanzen selbst in autoritären Strukturen sozialisiert wurde) oder schalte auch heute noch Sendungen wie Diagonal ein – auch das eine Erfindung aus der Bacher-Ära -, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Fernsehen und Radio sein kann und sein soll, wenn es sich als Medium der Aufklärung begreift.
Zugleich, und das sollten wir bei aller Verklärung nie vergessen: Das Bacher’sche Fernsehen war – trotz dieser, die Erinnerung prägenden Höhepunkte – in seiner Konzeption genauso anti-emanzipatorisch und autoritär wie Schule und Elternhaus, weil es, wie der Journalist Joachim Riedl zu Recht festhält, „im Bewusstseins eines Alleinvertretungsanspruches“ daher kam. Und Riedl weiter:
„Es ist ein Götze, der keine anderen neben sich dulden mag. Ein Stück Religionsersatz und wer’s glaubt, wird selig. Allen anderen ist die Hölle gewiss, darin die ewige Dummheit brodelt. (…) Die Vorstellung, Fernsehen sei eine Schule der Nation, eine Belehrungs- und Erklärungsanstalt, nährt sich aus der utopischen Idee der wohlmeinenden Diktatur, die davon überzeugt ist, es müsse eine hohepriesterliche Fürsorgeherrschaft über das unmündige Gewusel der Menscheit errichtet werden. Der Gedanke, so verführerisch er sein mag, ist in Wahrheit totalitär.“ (Hier der ganze Text von Joachim Riedl)
Fernsehen, in den 1970-ern und 1980-ern, hieß schlicht und einfach: ORF sehen. Die Fernbedienung, sofern es sie überhaupt gab, war funktionslos, weil es keine Möglichkeiten des Wegzappens gab. Angesichts des Faktums, dass es eben nicht täglich Alpensaga oder Kottan gab, also Sendungsinhalte, die man, don’t forget, wenn überhaupt, nur bei Abwesenheit elterlicher Autorität sehen konnte, sondern, ganz im Gegenteil, dass der ORF-Alltag hauptsächlich von journalistischen Geistesblitzen wie etwa dem Bacher-Freund Alfons Dalma (eigentlich Stjepan Tomicic), der seine journalistische Karriere in Propagandablättern des kroatischen Ustascha-Regimes begonnen hatte, in den späten 1960-er Jahren zum Chefredakteur im ORF aufgestiegen war und bis in die 1980-er Jahre aus dem ORF eigenen Vatikan-Studio die gesamte Süd-Europaberichterstattung abdeckte, geprägt wurde und Sendungen wie Autofahrer unterwegs die Begleitkulisse zum sonntäglichen Schweinsbraten im Elternhaus beisteuerten, ist man auch weniger anfällig für Verklärungen der Bacher-Ära.
Also, don’t forget:
Bei aller Klage gegen den Fernsehschrott im heutigen digitalen Programmbouquet, die Erweiterung im Bereich der audiovisuellen Medien, die Fülle der Angebote im Fernsehen und im Internet, eröffnet vorher nicht gekannte Optionen der Wahl für Jeden/e.
Kurzer Nachtrag zu Eric Hobsbawm
Eric Hobsbawm, der am 21. Jänner im Roten Salon des Wiener Rathauses von Bürgermeister Michael Häupl zum „Ehrenbürger der Stadt Wien“ ernannt wurde, ist tags darauf auch im Rahmen einer Veranstaltung der „Wiener Vorlesungen“ im Festsaal des Rathauses von Historikern geehrt worden. Die von über tausend Menschen besuchte Veranstaltung fand beachtliches Echo in den Medien – wie insgesamt der Besuch Hobsbawms in Wien.
Hier einige Links dazu:
Laudatio von Hubert Christian Ehalt (veröffentlicht in der Tageszeitung „Die Presse“)
Kurzer Bericht über die Veranstaltung (ebenfalls „Die Presse“)
Schönes Interview mit Eric Hobsbawm (aus „Spiegel-Online“)
Rezensionen wichtiger Publikationen des Historikers (aus „Perlentaucher“)
NachRichten
Für das diesjährige Gedenkjahr (1918 / 1938) haben sich Historiker und ein britischer Herausgeber ein spannendes Projekt ausgedacht: Den Nachdruck von Zeitungen und Originaldokumenten aus der Zeit von 1938 bis 1945, Nazi-Blätter, Auslandspresse und Exilzeitungen, samt Hintergrundinformationen von renommierten Zeithistorikern. Insgesamt sollen 52 Ausgaben erscheinen, jede Woche eine, und die erste Nummer ist am 15. Jänner im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt worden. Erwerben kann man die NachRichten in Trafiken oder im Abonnement über die Website.
Im Mittelpunkt der ersten Ausgabe steht der „Anschluss„, also die Ereignisse vom 11. bis zum 15. März 1938, als die deutsche Wehrmacht die österreichischen Grenzen überschritt, die Regierung Schuschnigg zurücktrat, Pogrome gegen Juden stattfanden und die politischen und medialen Institutionen des Landes von Nationalsozialisten übernommen wurden. Ein Reprint der Ausgabe der „Prager Presse“ und des in Wien erschienenen „Das kleine Blatt“ vom 13. März sind dieser ersten Ausgabe der NachRichten ebenso beigelegt wie ein Faksimile des Plakates mit dem Aufruf der Schuschnigg-Regierung für die für den 13. März angekündigte und durch den Einmarsch der deutschen Truppen verhinderte „Volksbefragung„.
Auf der letzten Seite der 1. Ausgabe der NachRichten heben Karl Blecha, Barbara Prammer, Erwin Steinhauer, Ariel Muzicant u. a. die Bedeutung des „Wissens um die Vergangenheit“ hervor, einzig Thaddäus Teddy Podgorsky, der ehemalige ORF Generalintendant, der auch dem ORF-Fernsehwerbespot für das Projekt seine Stimme leiht, verzichtet auf Bedeutungsprosa, indem er die NachRichten wie folgt kommentiert:
„Dieses Projekt wird uns eindringlich vor Augen führen, dass die Medien grundsätzlich auf der Seite des „Stärkeren“ stehen. Dazu bedarf es nicht des Terrors einer Diktatur; heute sorgen das internationale Kapital und das Fernsehen für denselben Effekt. Die Drangsalierten haben keine Stimme.“
Man fragt sich, was das krude Verschwörungsgefasel vom „internationalen Kapital“ und in dieser Allgemeinheit vorgetragene und somit völlig belanglose Hiebe auf das „Fernsehen“ in diesem Kontext verloren haben? Podgorski müsste wissen, dass sämtliche Zeitungsredaktionen und auch die RAWAG unmittelbar noch in der Nacht vom 11. auf den 12. März von Nationalsozialisten besetzt wurden. Dass in Folge alle Journalisten, die dem nationalsozialistischem Regime aus „rassischen“ oder politischen Gründen nicht in den Kram gepasst haben, verhaftet, gefoltert, umgebracht oder vertrieben wurden. Und falls er es nicht wissen sollte, dann kann er es in der 1. Ausgabe der NachRichten im von Fritz Hausjell verfassten Artikel nachlesen.
Podgorskis‘ Polemik erinnert stark an Noam Chomsky und dessen Thesen, die er etwa in Manipulierter Konsens. Die politische Ökonomie der Massenmedien (1988) erläutert hat. Darin, aber auch in vielen anderen Äußerungen, Interviews und Kommentaren, setzt sich Chomsky insbesondere mit den US-amerikanischen „Elitemedien“, wie etwa der New York Times oder CNN, auseinander. Diese „Elitemedien“, die im Eigentum von Großkonzernen stehen und über Werbung einen Großteil ihrer Einkünfte über (andere) Großkonzerne erhalten, würden unliebsame Nachrichten und Berichte durch gelenkte Kampagnen zu unterdrücken versuchen. Vor allem aber hätten diese Großmedien die Themenführerschaft, das Agenda setting, für alle anderen Medien, was sich insbesondere in Krisenzeiten – Irakkrieg, „Krieg gegen den Terror“ – nachweisen lasse.
Chomskys‘ Thesen über die „Elitemedien“ sind trotz aller Überzeichnung, und unabhängig davon, dass etliche seiner politischen Kommentare, etwa zum Nahost-Konflikt, höchst problematisch sind, vor allem deshalb diskussionswürdig, weil sie vom Wissen getragen sind, dass jedwede öffentliche Kommunikation, also auch jene, die den Macht- und Herrschaftsapparaten etwas entgegensetzen will, nur über mediale Plattformen möglich ist. Und es gibt eben nicht – wie das Podgorski unterstellt – „die Medien“ und „das Fernsehen“, sondern viele mediale Plattformen, deren ökonomische und politische Interessen sich nicht einfach über einen Kamm scheren lassen.
Außerdem, auch das sollte nicht vergessen werden, gilt es höchst heterogene Rezeptionshaltungen bei den „Drangsalierten“ zu bedenken: Man kann das Fernsehgerät nämlich auch als „buddhistische Nirwanamaschine“ (Hans Magnus Enzensberger) verwenden. Mit anderen Worten: Man sollte das Podgorski-Statement lesen – und gleich wieder vergessen.