Breaking the rules

Sommer 1979. Ein Wirtshaus im Waldviertel. Im „Extrazimmer“ standen ein Billardtisch, zwei Flipperautomaten und ein „Wuzzler„, also die großen Trostspender für jene quälenden Momente, in denen der Heranwachsende sich kaum mehr in der Lage sieht, sein sexuelles Begehren mit dem Verweis auf das „Prinzip Hoffnung“ zu bändigen. Zwischen diesen Rettungsapparaturen stand auch ein alter Wurlitzer aus den späten 1960-er Jahren. Neben deutschsprachigem Schlagergut war die Jukebox auch mit einigen zu jener Zeit gerade angesagten Songs aus den Pop-Charts bestückt. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack zu unserem Automatensex vor allem aus den folgenden fünf Songs bestand: „Rivers of Babylon“ (Boney M.), „Tragedy“ (Bee Gees), „Born to be alive“ (Patrick Hernandez), „Chiquitita“ (Abba) und dem einzigen Song, den ich wirklich mochte, „Le Freak“ von Chic. Es war die Zeit der Disco-Musik, der „Scheiß-Disco„-Musik, wie ich zu sagen pflegte, die nicht meine Musik war. Meine Musik jener Jahre war die Rock-Musik der 1960-er, und frühen 1970-er Jahre, die, was mir damals überhaupt nicht in den Sinn kam, bis auf die große Ausnahme Jimi Hendrix, ausschließlich eine von „Weißen“ produzierte war. Aber „Le Freak“ gefiel mir, wenngleich ich das damals nie und nimmer eingestanden hätte. Der Song, mehrere Wochen Nummer 1 in den USA (Billboard Charts), schaffte als beste Platzierung den 6. Platz in den Ö3-Charts, wie ich jetzt herausgefunden habe.

An diesen längst vergangenen Wirthaussommertraum erinnerte ich mich, als Nile Rodgers, Mastermind von Chic, in dem hervorragenden Dokumentarstreifen Breaking the Rules, der sich mit der US-Amerikanischen Gegenkultur beschäftigt, über die Entstehung von „Le Freak“ folgende Story erzählte: Auf Einladung von Disco-Queen Grace Jones wollte er ins New Yorker Studio 54, in den späten 1970-er Jahren der hippste Discotempel der Welt, aber als „Schwarzer„, den die „weißen“ Türsteher nicht erkannten, blieb ihm der Eintritt verwehrt. „Aaaaahh, fuck off„, dachte er sich, und aus diesem „Aaaaahh, Fuck off“ wurde dann der Millionenseller „Aaaaahh, Freak out„, weil, wie er lächelnd anmerkt, das „F-Word„, heute in jedem Kinderprogramm zu hören, zu jener Zeit Radioverbot für einen Song bedeutet hätte.

Ob Mythos oder nicht, die Story ist deshalb wahr, weil sie den sozialen und politischen Kontext anspricht, der „black music„-Songs inhärent ist – unabhängig davon, ob sie den Kontext explizit ansprechen oder nicht. Amiri Baraka, Schriftsteller und Aktivist der Black Power Bewegung, hat das in seinem Buch „Blues People“ präzise erläutert. (Dass Amiri Baraka wiederholt mit antisemitischen Statements auffällig geworden ist, muss auch erwähnt werden.)

In „Breaking the Rules“ kommen neben vielen anderen auch Rodgers und Baraka zu Wort. Warum dieser Film so sehenswert ist, beschreibt der ARTE-Ankündigungstext, den ich mit Links versehen habe, durchaus treffend:

Gemeinsam mit Ruth Weiss, Lawrence Ferlinghetti und Michael McClure betritt der Zuschauer die Clubs der 50er Jahre im New Yorker Village und in North Beach/San Francisco. Hier treffen Jazz und Poetry aufeinander. Mit Amiri Baraka und Melvin van Peebles träumt der Zuschauer von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße als Brüder an einem Tisch sitzen, er kämpft mit Anne Waldman und Ed Sanders gegen den Vietnam-Krieg, braust mit Peter Fonda über die Highways, feiert mit Wavy Gravy und Ray Manzarek den „Summer of Love“ und wird an der Seite von Afrika Bambaataa, RZA, Kurtis Blow und Grandmaster CAZ Zeuge der ersten Hip-Hop-Blockparties in der Bronx.
Ein Phänomen verbindet dabei alle Bewegungen miteinander, die Kommerzialisierung von Gegenkultur. Der Film dokumentiert, wie nach einer anfänglichen Phase des Misstrauens und der Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft, der Markt die Codes der Gegenkultur übernimmt und Teil der Alltagskultur werden lässt. Doch Gegenkultur lässt sich nicht wirklich zähmen. Sie scheint vielleicht eine Zeitlang verschwunden zu sein, um dann umso überraschender wieder aufzutauchen – erst versteckt, dann aber immer lauter.

Motortown

Der junge britische Dramatiker Simon Stephens, in der Tradition des britischen In-Yer-Face Theatre stehend, das den Anspruch hat, thematisch und sprachlich das Publikum zu schockieren, zeigt in seinem Stück Motortown, zurzeit am Akademietheater in einer Inszenierung von Andrea Breth zu sehen, einen Tag im Leben eines Soldaten der britischen Armee, der im irakischen Basra stationiert gewesen war und seit seiner Heimkehr von diesen Kriegserfahrungen immer wieder eingeholt wird. Danny, so sein Name, wurde im Irakkrieg Zeuge von Folter und Vergewaltigungen. Wiewohl er selbst nicht daran beteiligt war und deshalb bei den Kameraden als Weichei galt, wird er das Erlebte nicht mehr los: Zurückgekehrt in sein Londoner Stadtviertel holt er alles nach: Er wird zum Folterer und Mörder.

Stephens spricht in einem Interview einerseits davon, dass er seinen Protagonisten weder als Schuldigen noch als Opfer darstellen wollte, weil die Kategorien Gut und Böse längst ihre Gültigkeit verloren hätten. Anderseits, so sagt er, empfinde er für Soldaten, die von einem Militärgericht für die Misshandlung von irakischen Gefangenen verurteilt wurden (vgl. dazu hier), mehr Mitleid, als für prominente Kriegsgegner wie Damon Albarn oder Harold Pinter.

Ich will diesen Widerspruch nicht weiter ausführen, nur kurz zitieren, was er sonst noch so sagte:

Ich glaube, dass der (Irak)Krieg unvermeidbar war. Er ist ein Produkt des späten Kapitalismus, von ungetrübter Konsumkultur. Die Leute, die gegen den Krieg für Öl aufmarschierten, sind die gleichen, die ohne Bedenken mit Billigfluglinien herumreisen. Wir alle sind nicht einverstanden, dass Menschen sterben, um die Ölvorräte zu sichern. Aber die westliche Gesellschaft ist nun einmal abhängig vom Öl. Man kann also nicht beides haben.“

Egal. ob man diese monokausale Erklärung für den Irakkrieg teilt oder nicht: In der Inszenierung kommt davon überhaupt nichts rüber. Es mag auch sein, dass sich Stephens, wie ich irgendwo gelesen habe, von Scorseses Taxi Driver inspirieren ließ. In jedem Fall, das behaupte ich jetzt einmal, werden all jene, die Taxi Driver oder etwa Michael Ciminos The Deer Hunter (deutscher Titel: Die durch die Hölle gehen) gesehen haben, mit Motortown beziehungsweise mit dieser Inszenierung des Stückes nicht viel anfangen können. Ganz zu schweigen von denen, die in No Country for old men von den Coen-Brothers im Kino gesessen sind, und verstörend feststellen mussten, auf der Leinwand etwas gesehen zu haben, was sie zwar alles schon einmal gesehen hatten, aber SO eben doch noch nie!

Was bleibt? Vor allem der den Dany spielende Nicholas Ofczarek, vor allem dessen grandioses Scheitern an der Figur. Ofczarek mimt einen Zappelphilipp, der den anderen Ensemblemitgliedern im Wortsinn keinen Raum lässt. Er fetzt, wild um sich schlagend, über die Bühne und durch den Text. Er schafft es, uns als Zuseher völlig gegen diesen Typen aufzubringen, weil sein Spiel alle Zwischentöne, die Stephens’ Text ohne Zweifel hat, wegwischt. Furchtbar! Einzig das von Udo Samel und der hinreißenden Andrea Clausen verkörperte Mittelklasseehepaar, das Dany für einen flotter Dreier gewinnen möchte, und dabei ihre sabbernde Geilheit offen legt, werden unvergessen bleiben.
Fazit: Weniger wäre unendlich viel mehr gewesen.

Was mir aber noch viel zentraler erscheint: Ich denke, Schockgeschichten funktionieren am Theater nicht mehr, zumindest nicht mehr für mich und mit Sicherheit auch nicht mehr für die TV-Internet-Kinojunkies, also die Mehrheit der jungen Leute. (Bei denen, die Digitalmedien abstinent leben, mag das anders sein.)

Wer etwas über Entstehung und Folgen von heutigen Kriegen erzählen will, der kann das in Zeiten digitaler Medien nur mehr, indem er das Kino, den Film, die Video Games, die neuen digitalen Medien mitdenkt, weil uns Kriege auch nur mehr so vermittelt werden. Eine Inszenierung, die dieses Mitdenken auf mit krachendem Sekundenlärm unterlegte Blackouts (zwischen jeder Szene ging das Licht für einige Sekunden aus) reduziert, muss zwangsläufig scheitern.

Die Wohlgesinnten

Die mediale Aufmerksamkeit, mit der Die Wohlgesinnten, so der deutsche Titel des Romans von Jonathan Littel, der vor zwei Jahren im französischen Original erschienenen ist und sowohl beim Publikum (rund 800.000 verkaufte Exemplare) als auch bei der Kritik (prämiert u. a. mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, den der Autor aber dankend ablehnte) großen Anklang fand, im deutschsprachigem Raum bedacht wird, dürfte im Buch- und Verlagssektor wohl einzigartig sein. Die FAZ hat eigens einen Reading-Room eingerichtet, also eine Internet-Plattform, auf der Auszüge aus dem Werk ebenso zu finden sind wie Kommentare von Historikern, Schriftstellern und Literaturkritikern sowie zahlreiche Rezensionen, die in deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind. Dass auch der Berlin-Verlag, in dem das Buch verlegt wurde, eine eigene Website eingerichtet hat mit Interviews, Links zu Quellenmaterialien, historischen Backgroundinfos, literaturphilosophischen Einordnungsversuchen sowie einer vom Autor selbst zusammengestellten Literaturliste, überrascht somit ebenso wenig, wie der beinahe schon obligatorisch gewordene WIKIPEDIA-Eintrag.

Warum diese Aufmerksamkeit, dieses Feuilletongetöse – noch dazu ein über weite Strecken ablehnendes (große Ausnahmen: Klaus Theweleit mit einer brillanten Gegenrede und Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk) – über einen literarischen Text, dessen Themen, das Naziregime, WK II und die Vernichtung des europäischen Judentums, nahezu täglich in Dokumentationen, Diskussionen und Filmen im deutschen Rundfunk, vorwiegend in den Dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hörfunks, behandelt werden, dennoch nachvollziehbar ist, hängt wohl mit dem ungewöhnlichem Verfahren zusammen, dass Jonathan Littell, ein in Amerika geborener Jude, der mittlerweile französischer Staatsbürger ist, gewählt hat. Auf Basis von Aufzeichnungen, Berichten und Reden der Nazis und in umfassender Kenntnis der zeitgeschichtlichen Forschungsliteratur konstruiert er seinen Ich-Erzähler, den SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue. Diesen Kunstnazi lässt er über die Barbarei sprechen – reuelos.

(„Diesen Leuten Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten.“ Jonathan Littell)

Aue, nach WK II in Frankreich untergetaucht, schreibt 40 Jahre später seine Erinnerungen. Mit der Aue’schen Perspektive (= das ist die Perspektive des jüdischen Schriftstellers, der sich in einen SS-Mörder versetzt), mit diesem Kameraauge, zoomen wir auf das Grauen. Was wir zu sehen bekommen, ist mit einer oftmals unerträglichen Genauigkeit und Drastik gezeichnet (etwa die Massaker der SS-Einsatzgruppen in der Schlucht von Babyn Yar im Jahre 1941). Dass viele Literaturkritiker sich gerade an dieser Drastik stoßen, dem Autor Pornografie vorwerfen, ist äußerst merkwürdig:

Solche Beschreibungen haben ihre Berechtigung, weil es nun einmal der Körper ist, der im Krieg leidet: unter völligem Mangel an Hygiene, verschlissener Kleidung, Hunger und Krankheit, extremen Wetterverhältnissen, Hitze oder schneidender Kälte. Und natürlich vor allem unter den vielfältigen Waffen, die nur einen Zweck haben: menschliche Körper möglichst nachhaltig zu zerfetzen.“ (Wolfgang Schneider).

Diese Berichte der Barbarei, oftmals in Form von Alpträumen und Wahnvorstellungen wiederkehrend erzählt, sind eingewoben in einen grotesken Family-Thriller – in Anlehnung an die Orestie des Aischylos (Aue liebt seine Schwester inzestuös, hasst und mordet seine Mutter, und wird deshalb auch von zwei Kriminalpolizisten gejagt).

Auch ein weiterer Vorwurf, wonach Littell ein Nazi-Intellektuellen-Milieu schildere, das es so nicht gegeben hätte, geht ins Leere bzw. zeigt lediglich, dass viele Rezensenten jüngste Forschungsergebnisse noch nicht zur Kenntnis genommen haben. So hat etwa der am Hamburger Institut für Sozialforschung tätige Historiker Michael Wildt in seiner Studie über das Personal des Reichssicherheitshauptamtes, also jener Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, und der Littells Aue angehört, gezeigt, dass mehr als drei Viertel des Führungskorps Matura, zwei Drittel überwiegend Jus studiert und nahezu ein Drittel einen Doktortitel hatten. Wildt schreibt dazu in seiner Einleitung:

Diese Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.

Dieser Aspekt, der seit den Nürnberger Einsatzgruppenprozessen bekannt ist, wurde im Verlauf der 50-er und 60-er Jahre allerdings ausgeblendet.

Stimmiger schienen andere Täterbilder zu sein: NS-Täter als sozial Deklassierte, als Bürokraten und Schreibtischtäter, als ideologiefreie Technokraten oder rationale Sozialingenieure, als ‚ordinary men’ oder ‚ganz normale’ Täter.

Das wohl am meisten verstörende an Littells Buch hat Wolfgang Schneider wie folgt formuliert:

Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Max Aue gehört einerseits zur SS-Elite, ist uns andererseits aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten – und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite.

Ohne es zu merken, werden wir zum Mörder!

Israel in Paris

Drei Tage in Paris gewesen. Beruflich. Wieder in jenem kleinen Hotel abgestiegen, unweit der Métro Station La Motte-Picquet-Grenelle (rund 20 Minuten zu Fuß vom Eifelturm entfernt), auf das ich bei meinem ersten Parisbesuch vor drei Jahren zufällig gestoßen bin.

Auch wenn ich nicht viel Zeit zum Flanieren hatte, nach Montparnasse (Métro Station Edgar Quinet, gleich neben dem kleinen Friedhof Montparnasse gelegen, wo sich unter anderen die Gräber von Sartre, Beauvoir, Beckett und Susan Sontag befinden) ins Café Odessa musste ich. Ich trank ein Bier im „Freien“ bei rund 5 Grad plus (Heizstrahler, eine super Erfindung!), wie fast alle Besucher, weil die Regierung per Gesetz mit Anfang des Jahres ein generelles Rauchverbot für Gaststätten verfügt hat, was augenscheinlich dazu führt, dass die Tische und Stühle vor den Bistros, Brasserien, Cafés und Restaurants voll sind, während sich nur wenige, nicht rauchende Gäste ins Innere der Lokale verirren. Dann ging ich runter zum Boulevard Saint-Germain, über die Seine bis zum Louvre, und dann schnurgerade durch den Jardin des Tuileries bis zum Place de la Concorde. Nachdem ich diesen Riesenplatz, in den man den Wiener Heldenplatz wohl zehnmal hineinpacken könnte, endlich überquert hatte, kam ich in die Avenue des Champs-Élysées.

Was für ein mächtiges Symbol, dachte ich, als ich sah, dass die 1,5 km lange und 70 Meter breite Prachtstraße, die vom Place de la Concorde bis hinauf zum Arc de Triomphe reicht, rechts und links mit hunderten französischen und israelischen Flaggen gesäumt war. Die Grande Nation erinnert an die Gründung des Staates Israel vor 60 Jahren.

Im Nachhinein erfahre ich, dass der konkrete Anlass für die Flaggenparade der Salon du Livre ist, die größte Buchmesse der französischsprachigen Welt. Jedes Jahr versammeln sich in Paris Autoren und Verlage aus Frankreich, Kanada, den nordafrikanischen Staaten und anderen französischsprachigen Ländern, und, wie bei anderen Buchmessen auch üblich, jedes Jahr wird ein Gastland eingeladen. Für 2008 ist das Israel, aus Anlass des 60. Jahrestages seiner Staatsgründung.

Große Überraschung: Die Arabische Liga hat längst zum Boykott der Buchmesse aufgerufen, und Algerien, der Libanon, Marokko und Tunesien werden nicht teilnehmen.

Moral ist ganz einfach

Ein wunderbarer Nachtragskommentar zur Reise des Berliner Ensembles nach Teheran (hier), der im Tagesspiegel erschienen ist, beschäftigt sich mit dem politischen Engagement von Künstlern. Der Autor nimmt eine präzise Trennung vor zwischen dem gut Gemeintem und dem Gutem, das mit Ersterem nichts gemein hat, und verdeutlicht überdies exemplarisch, wie leicht es im Grunde ist, auch in der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Seite zu finden:

Künstler sind auch nur Menschen, vielleicht mit einem Unterschied: Sie sind leichter erregbar. Deshalb irren sie manchmal kräftiger. Nichts Unmenschliches ist einigen von ihnen fremd. Der Iran ist eine Diktatur, dessen Präsident ein Antisemit, er strebt nach Atomwaffen, will Israel vernichten, unterstützt diverse Terrororganisationen. Kein Mensch, der noch, buchstäblich, bei Trost ist, kann dieses Regime unterstützen. Dort werden Frauen, die vor ihrer Hinrichtung unberührt sind, vergewaltigt, aus Angst, sie kämen andernfalls als Jungfrauen ins Paradies. „Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf“, heißt es bei Bertolt Brecht. „Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Wohltuend, derart klare Worte zu lesen!

Mutter Courage im Ahmadinedjad-Land

Seit 1983 findet jedes Jahr das zehntägige Fadjr-Theaterfestival in Teheran statt, eines der größten Theaterevents im islamischen Raum, dass zu Ehren des Führers der islamischen Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeini gegründet wurde. Da auf diesem Festival, das heuer vom 6. bis zum 16. Februar ablaufen wird, seit Jahren neben iranischen Produktionen auch internationale zu sehen sind, überrascht es nicht, wenn auch in diesem Jahr Theatergruppen und Ensembles aus Russland, Polen, Frankreich, Armenien, der Schweiz und aus Deutschland nach Teheran reisen. So auch Klaus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE). Sie werden mit dem Bert Brecht Stück Mutter Courage und ihre Kinder vom 12. bis 14. Februar in der iranischen Hauptstadt gastieren, während zur gleichen Zeit die Bühnenfassung von Anne Franks Tagebuch auf dem Spielplan des BE in Berlin steht. In der Presseerklärung von Peymann „zum wichtigsten Gastspiel“ seiner Direktion, wie er betont, findet sich folgende Begründung für den Trip nach Teheran: „In einem vom Krieg bedrohten Land ein Anti-Kriegsstück wie die MUTTER COURAGE von Brecht zu spielen, hat eine besondere Bedeutung„.

Ich denke, wer die Reise in ein islamfaschistisches Land, dass nicht vom Krieg bedroht ist, sondern längst Krieg führt, „sowohl nach innen gegen die eigene Bevölkerung als auch nach außen durch die Unterstützung von Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah„, wie es in einer Presseerklärung des Komitees gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo völlig zu Recht heißt, mit der bewussten Verdrehung politischer Realitäten zu legitimieren versucht, verschwindet damit von selbst als ernstzunehmende Stimme aus der zivilisierten Debatte.

Vielleicht ist es aber ganz anders, träume ich, vielleicht ist es die Brecht’sche List, die Peymann antreibt, weil er natürlich auch weiß, dass es klüger ist, ein Anti-Kriegsstück nicht in dem vom Krieg bedrohten Land zu spielen, sondern in jenem Land, das den Krieg vorbereitet. Freilich, würde er das so sagen, bräuchte er gar nicht aus Berlin abreisen – die Mullahs würden ihn nie reinlassen. Daher diese Verdrehung der Fakten, dieser Kunstgriff, erfunden, um die iranischen Zensoren hinters Licht zu führen. Erst diese List ermöglicht es Peymann, das „neugierige, intelligente, großstädtische Publikum“ (Peymann in der Presseerklärung) in Teheran mit dem Anti-Kriegsstück zu konfrontieren.

Hier steht, warum dieser Traum blödsinnig ist, und hier, was man sonst noch tun sollte.

Kind 44

Wie kann man als Individuum existieren, wenn der Ehemann, die Ehefrau, der Arbeitskollege, der Freund, der Nachbar, der Unbekannte in der Metro, schlicht jeder und jede, jederzeit zur existentiellen Bedrohung werden kann, ja zur Bedrohung werden muss, will er/sie nicht selbst seine/ihre Existenz bedrohen?

Wie es möglicherweise war, unter einer solchen Angstglocke zu leben, erzählt der 29 jährige Engländer Tom Rob Smith in seinem Erstlingsroman Kind 44. Elke Heidenreich hat den Roman in ihrer ZDF-Büchersendung lesen gerade vorzustellen begonnen, als ich zufällig hin gezappt habe, und sie hat diesen, vom Verlag als Thriller vermarkteten Roman so faszinierend beworben, dass ich das Buch sofort kaufte und zu lesen begann.

In Kind 44 erzählt der Autor von einer Mordserie an Kindern in der Sowjetunion zur Zeit Stalins. Der Roman, wiewohl Tom Rob Smith eine erst Jahre nach dem Tod Stalins aufgeklärte Mordserie als Vorlage diente, hat paradoxerweise in einem anderen Sinn einen fiktiven Kern: In einer Gesellschaft, in der Armut und Ungleichheit offiziell für abgeschafft erklärt wurden, kann es keine Verbrechen mehr geben. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein, daher wurden die Morde als Unfälle zu den Akten gelegt oder geistig Behinderten in die Schuhe geschoben oder schlicht und einfach vertuscht.

Ein hoch dekorierter, linientreuer Geheimdienstoffizier, der weiß, dass ein offensichtlicher Mord an einem 12-jährigen als Unfall zu deklarieren ist, wird im Zuge der Untersuchungen zur Einsicht gelangen, dass das ganze Land die Lubjanka ist.

Auch wenn die bloße Kriminalgeschichte, das Whodonit, Schwächen aufweist, die präzise Beschreibung des Terrors, das Eindringen staatlicher Macht in die Körper, und die Schilderung der von unfassbarer Armut geprägten Verhältnisse in der Sowjetunion in den ersten Jahren nach WK II, ließ mich beim Lesen fast aufs Atmen vergessen.

Bücherbörse

In Wien findet seit etlichen Jahren, in Abständen von drei bis vier Monaten, eine Bücherbörse statt, also kein Flohmarkt für Bücher, sondern der größte Markt für gebrauchte und antiquarische Bücher in Österreich. Leser und Sammler von Büchern können gegen eine Eintrittsgebühr von 3 Euro in einem zigtausende Bücher umfassenden Angebot stöbern, das von antiquarischen Kostbarkeiten bis zu billigen Taschenbüchern reicht, und von professionellen Händlern, aber auch von privaten Anbietern bereit gestellt wird. Da ich mich beim ersten Besuch einer Bücherbörse in eine Liste eingetragen habe, bekomme ich immer rechtzeitig einen Flyer mit Infos zur jeweils nächsten Veranstaltung. Über die Jahre bin ich somit zu einem Stammgast der Bücherbörsen geworden. Als Veranstaltungsort fungierte immer ein mittelgroßer Saal der Wiener Stadthalle oder des Austria Centers.

Seit längerer Zeit fand sich kein derartiger Flyer mehr in meinem Briefkasten, was ich mir aber mit dem in letzter Zeit auffallend schlechter gewordenen Zustellservice der Österreichischen Post erklärte. Ich war daher auch nicht sonderlich überrascht, am Praterstern ein Plakat zu sehen, das die nächste Bücherbörse für den 13. Jänner ankündigte. Der Ort hat mich allerdings verwundert: Arcotel Wimberger stand da zu lesen, ein altes und in den 1990-er Jahren modernisiertes Hotel am Neubaugürtel.

Der Ort ist Programm, dachte ich mir, als ich durch die Drehtür in die Hotellobby eintrat. Keine Portiere, wie in der Stadthalle, an denen man acht- und grußlos vorbeiging, aus Erfahrung wissend, dass ein „Guten Tag“ unerwidert bleibt, sondern servicegeschultes Hotelpersonal, das mich als Gast freundlich willkommen heißt, ein gegenseitiges Einverständnis voraussetzend, dass hier nichts kostenlos zu haben ist. Ich zahlte die 3 Euro Eintrittsgebühr und machte mich auf zu einem ersten Rundgang. Als ich den fensterlosen und nur spärlich ausgeleuchteten Saal betrat, fiel mir sofort auf, dass nicht nur wesentlich weniger Tische vorhanden waren, als bei früheren Bücherbörsen, sondern dass auch nicht so viele am Angebot Interessierte gekommen waren. Trotzdem war an ein lustvolles Stöbern und Schmöckern nicht zu denken, weil die Tische viel zu eng platziert waren. Aber, ich befand mich ja in einem Hotel, und in der Hotelbar gab’s eine wirklich gute Melange und eine frische Zimtschnecke. Nach einer halben Stunde Auszeit im weichen Fauteuil kehrte ich zu den Büchern zurück. Da sich mittlerweile noch weniger Leute als vorher im Raum befanden, konnte ich mir, ohne geschoben oder gerempelt zu werden, rasch einen Überblick über das Angebot verschaffen. Ich erwarb „Jedermann“ von Philipp Roth, eine 2007 erschienene Biographie über William Shakespeare und einen Nesser-Krimi – allesamt im Hardcover, fast wie neu und zusammen für 15 Euro. Leserherz was willst du mehr, könnte man sagen.

Dennoch fällt die Bilanz ambivalent aus: Ob es sich für die Organisatoren wirklich gelohnt hat, ins Viersternehotel upzugraden oder ob sich derartige Veranstaltungen nicht bereits überholt haben, weil sich mit Amazon und eBay neue und vergleichsweise konkurrenzlose Vertriebs- und Verkaufsplattformen auch für gebrauchte Bücher auftaten, wird sich wohl bald zeigen. Vielleicht schon am 20. April. Dann soll, wie ich dem Flyer, der mir beim Verlassen in die Hand gedrückt wurde, entnehmen konnte, die nächste Bücherbörse über die Bühne gehen – wieder im Hotel Wimberger.

P.S. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass die Bücherbörse jetzt von einem anderen Veranstalterteam organisiert wird. Hier findet man die Infos dazu.

Groundhog Day forever

Auf Martin Blumenau’ FM4-Log, mit dem ich, kaum im Büro und den PC hochgefahren, mein Tagwerk beginne, fand ich den schönen Satz „You’re no longer imprisoned by your times“, den Bruce Springsteen in einem Gespräch mit Win Butler von Arcade Fire fallen ließ.

Springsteen bezog den Satz auf die heutige populäre Musik, die er befreit sieht vom Referenzkriterium des in der Zeitachse steckengebliebenen Popmuseums, das das Hirn zur Unbeweglichkeit verdammt hat wie ein Schwabbelbauch den Körper. Möglich geworden ist diese neue Freiheit dank der rhizomartigen Ausweitung und Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Genres und Sub-Genres im heutigen populären Musikschaffen und, diese Verhältnisse produzierend und befördernd, der ständigen und sofortigen Verfügbarkeit jedweder Musik in der digitalen Weltmaschine.

Wiewohl sich der Satz also auf die Musik bezieht, hat Blumenau recht, wenn er ihm eine weit über die Musik hinausweisende Relevanz zumisst.

„Die Fesseln einer Geschichtsschreibung, die meint, immer weiter in eine bestimmte Richtung (des Fortschritts) schreiten zu müssen, durch die – mittels neuer Technologien in den nächsten Jahren ohnehin massiv beförderte – Gleichzeitigkeit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu sprengen, das wird die Herausforderung. Das Bejammern dieser Wir-stecken-fest!-Situation hat vielleicht nur noch in den Köpfen der älteren Generation Platz, die noch ein wenig in den Hobby-Heftln und Images aus den 60ern und 70ern lebt, gleichzeitig aber die Chancen, die die Überfuhr in die 4. Dimension der digitalen Welten bietet, nicht annehmen mag. Denn hinter dem, was Toledo „Verflüssigung“ nennt, steckt wohl die Aufhebung des Begriffs der Zeit, wie wir sie kennen, also der rein analogen von A nach B-Definition davon.

We’re no longer imprisoned by our times!

Hier geht’s zum Blumenau-Eintrag

Notizen zu Lion Feuchtwangers‘ "Die Geschwister Oppermann"

Ich las den Roman „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger. Stauend entnahm ich dem kurzen Nachwort, dass der Text im Frühjahr 1933 verfasst und bereits im November 1933 im Querido-Verlag in Amsterdam erschienen ist. Feuchtwanger befand sich auf einer Auslandsreise, als er von der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 erfuhr; er sollte zeitlebens nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.

Der Schriftsteller Gustav Oppermann, als Alter Ego des Autors angelegt, feiert seinen 50. Geburtstag in seiner Villa in Berlin Grunewald. Man schreibt November 1932, man mokiert sich über die „Landsknechte“, über deren grenzenlose Dummheit und ist davon überzeugt, dass die Nazis ihre größten Erfolge bereits hinter sich haben. Die von den Zionisten geäußerten warnenden Stimmen, bleiben in der Minderheit. So beginnt Feuchtwangers’ Roman, in dem er die Geschichte der drei Brüder Martin, Gustav und Edgar Oppermann und ihrer Familien vor dem Hintergrund der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeichnet. Martin, Inhaber und Geschäftsführer eines angesehenen Möbelhauses in Berlin, Gustav, der Schriftsteller und Edgar, der bekannte Arzt, stehen beispielhaft für das assimilierte Berliner Judentum. Dem Autor gelingt es auf eindringliche Weise zu zeigen, wie sich die Barbarei in den Institutionen der Weimarer Republik, in Wirtschaft und Gesellschaft, einnistet und warum – trotz Wahrnehmung aller Anzeichen – die assimilierten Juden die existenzielle Bedrohung lange nicht wahr haben wollen.